Die Truman Show und der Bibelpsalm

Religionswissenschaftler und wirklich gute Filmemacher haben eines gemeinsam: Sie wissen um die besondere, auch unbewusste Macht und Tiefe gewachsener Mythen. Bestimmt kennen Sie beispielsweise die "Truman Show" mit Jim Carrey. Und möglicherweise glauben Sie, er habe nichts mit Religion und Glauben zu tun, sondern äußere nur etwas unterhaltsame Kritik an medialer Oberflächlichkeit. Nun, ich möchte behaupten: Wäre er so flach ausgefallen, wäre er kaum so erfolgreich gewesen. Die Truman Show bietet viel Besseres – sie ist die Verfilmung eines Psalms.

Sie glauben mir nicht? Nun, wenn Sie den Film schon gesehen haben (ansonsten sollten Sie ihn vor dem Weiterlesen erst anschauen!) erinnern Sie sich vielleicht an die Flucht des Helden. Da alles an dem Film durchgestaltet war, stutzte ich, dass das Schiff "Santa Maria" hieß – und auf dem Segel eine Nummer – die 139 – trug.

Nun bitte anschnallen. Kennen Sie Psalm 139?

1 HERR, Du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wissest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen.

7 Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da.

9 & 10 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muß die Nacht auch Licht um mich sein.

12 Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht. 

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleib.

14 Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl.

15 Es war dir mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war.  

17 Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Summe!

18 Sollte ich sie zählen, so würde ihrer mehr sein denn des Sandes. Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir.

19 Ach Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten!

20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.

21 Ich hasse ja, HERR, die dich hassen, und es verdrießt mich an ihnen, daß sie sich wider dich setzen.

22 Ich hasse sie im rechten Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

23 Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine.

24 Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Die Truman Show ist eine geniale Verfilmung des Psalm 139 – in dem es Truman gelingt, sich von falschen, menschlichen Götzen zu befreien und zu wirklicher Freiheit – dargestellt als Aufstieg auf einer Himmelstreppe – zu gelangen.

 

Der ganze Film, gerade aber auch die Schlussszene sehen sich aus dieser Perspektive gleich noch einmal sehr viel interessanter. Und als Evolutionsforscher zu Religiosität und Religionen sowie Goethefan habe ich mich auch über den genialen Kniff gefreut, dass eine Frau – die übrigens als einzige, auch in der Schlussszene, betet – den Helden aus der Tyrannei einer falschen Welt befreit. Viel Freude beim Neu-Schauen und Staunen! 🙂

 

  • Veröffentlicht in: Filme
Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Verpackung machts

    Ich habe den Film auch gesehen und jetzt nach der Lektuere deines Posts, denke ich, man koennte den Kniff mit dem kuenstlichen Trauma(Segelunglueck, Vater… – Ich will nicht zuviel verraten) als „goettliche/s“ Pruefung/Experiment sehen. Allerdings ein sehr sehr gemeines Experiment!

  2. menschlichen Götzen

    Da sind keine menschlichen Götzen, sondern der Protagonist ist ein Gefangener in einer perversen Show.

    „19 Ach Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten! „
    findet z.B. in dem Film zum Glück nicht statt.

    Naja man kann vermutlich viele Psalme irgendwo hineindichten. Oder sind wir Gefangene in Gottes Show?

  3. Was ist mit Show gemeint? Eine weitgehend festgelegte Inszenierung zur Unterhaltung? Das ist das Leben ganz sicher nicht. Wir sind lernfähig, ein vernuftbegabtes Wesen (ob wir uns immer so verhalten ist ein anderes Thema) und können uns entscheiden und somit den Pfad unseres Lebens in gewissen Grenzen (mit Wurstfingern wird man wohl kein Konzertpianist) selbst bestimmen.

  4. Schöpfer

    Krass! Mir hat der Film damals schon gefallen, aber als jetzt dieser Studioleiter sagt „Ich bin der Schöpfer…“ lief es mir kalt den Rücken runter! Cool! Und wo ist der Zusammenhang zur Evolutionsforschung? ^_^

  5. Mein erster Gedanke(damals) war: Gen.13,9
    „Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir!“
    Gute Filme lassen eigentlich immer mehrere Interpretationen zu, und dass dieser Film sehr viel mit Religion zu tun hat, wird schnell deutlich, nicht nur weil der der „Schöpfer“ Christoph heißt, und Trumans Frau Mary. Der Film wird seit Jahren im Ethik- sowie im Religionsunterricht genutzt, wobei der Psalmenbezug immer diskutiert wird.
    Allerdings kann man den Film auch als massive Religionskritik verstehen….
    Es sind Menschen, die das Paradies für Truman geschaffen haben. Die Welt, die man ihm vorgegaukelt hat, gibt es so nicht, und erst als er sich entschließt, diese Schein-Welt zu verlassen,indem er auch gegen den „Schöpfer“ aufbegehrt, wird er zum „True Man“. Es ist also auch die Befreiung von einem Märchen, und die bewusste, wenn auch schwierige Konfrontation mit der realen Welt, die Truman vom „Schöpfer“, der nur ein einfacher Mensch und Geschichtenerfinder ist, vorenthalten wurde.
    Der Film ist übrigens unter Atheisten sehr beliebt, und wie gesagt: gute Filme, und auch gute Bücher, erlauben immer mehrere Interpretationen.

  6. @Blume

    ziemlich cool 🙂
    ausgenommen, dass ich diesen Satz nicht verstehe:
    „Die Truman Show ist eine geniale Verfilmung des Psalm 139 – in dem es Truman gelingt, sich von falschen, menschlichen Götzen zu befreien und zu wirklicher Freiheit – dargestellt als Aufstieg auf einer Himmelstreppe – zu gelangen. „

  7. @lsf3og, Kasslerinm, Pütz & Maier

    Filme generell – und die Truman Show im Besonderen – sind aus evolutionärer Sicht gleich mehrfach interessant und sollen deshalb hier auf dem Blog zukünftig öfter thematisiert werden.

    1. Filme sind neben der Schrift ein wichtiges, narratives Mittel, das in der klassisch schriftorientierten Wissenschaft oft zu kurz kommt, in Blogs aber wunderbar thematisiert werden kann.

    2. Praktisch alle erfolgreichen Drehbücher basieren auf gewachsenen Mythen, die ja wiederum auf Basis menschliche Grunderfahrungen (bio-)kulturell evolvierten (meist vor der schriftlichen Fixierung in mündlicher Erzählung über unzählige Generationen hinweg ausprobiert und geformt wurden). Der Psychologe Jung sprach hierbei von „Archetypen“ und zunehmend werden sie und ihre Wirksamkeit auch auf evolutionärer Basis erforscht, vgl.
    http://scilogs.spektrum.de/…e-erz-hlforschung-memorik

    Damit ist übrigens auch @Maiers Frage angesprochen: Das Motiv von der aus Not, von Feinden und Unfreiheit befreienden Himmelstreppe oder -leiter ist so ein mythologischer Klassiker, der sich auch weltweit in unzähligen Varianten findet.

    3. Den dritten Aspekt hat @Francois Pütz schon wunderbar ausgeführt: Im Moment ihrer Veröffentlichung werden Werke selbst für (Neu-)Interpretationen aller Art offen. So konnten Verfasser und Tradenten zu ihrer Zeit nicht ahnen, dass ihr Psalm einmal in einem gesellschafts- und medienkritischen Kontext „verfilmt“ werden würde. Ebenso wird der Film selbst ganz unterschiedlich interpretiert und schon auf YouTube wimmelt es nicht nur von Ausschnitten und Interpretazionen, sondern auch von alternativen (End-)Szenen etc. Wie immer in Evolutionsprozessen bauen sich auf erfolgreichen Traditionen auch völlig unerwartete, neue Varianten und Anwendungen auf.

    4. Mythologische Spurensuche in Filmen macht auch einfach Spaß, hält erworbene Kenntnisse und den assoziierenden Geist frisch. Meinen Blogleserinnen und -lesern wünsche ich schließlich nur das Beste! 🙂

  8. @einer: Und doch!

    Sie vermuteten: „19 Ach Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten! „
    findet z.B. in dem Film zum Glück nicht statt.

    Das hatte ich zunächst auch vermutet, und mich gewundert, da Hollywood sonst vor blutigen Endkämpfen ja nicht zurück schreckt. Wenn man aber näher hinschaut, handelt es sich bei diesen Versen ja gerade nicht um einen Racheschwur, sondern eine Sublimation des Rachewunsches: Nicht der Betende, sondern Gott soll (dereinst) die Rache austeilen. Das widersprach natürlich bereits damals der gängigen Kriegerethik und wäre wohl auch bei einem Nietzsche als feige und untermenschenhaft durchgefallen – doch man kann diese Übertragung der Rachefantasie auch für einen zivilisatorischen Fortschritt halten.

    Im Film klingt dieses Motiv sehr deutlich an, als Truman dem Pseudo-Schöpfer Christoph maliziös ankündigt: „Und falls wir uns nicht mehr sehen sollten: Guten Tag, guten Abend und gute Nacht!“

    Aus dem fröhlichen Nachbar-Gruß ist eine vernichtende Absage geworden, der vermeintlich allmächtige Feind bleibt bereits gedemütigt, alleine und seiner Macht beraubt zurück.

    So gesehen finde ich diese Szene sogar gelungener als den üblichen Endkampf mit dem schließlich verblutenden Oberbösewicht…

  9. @Joe

    Ja, zumal es nicht nur um die intellektuelle Befreiung geht, sondern auch um Flucht und den Abstieg in den Bereich des Todes – nach dem letzten Sturm, der ihn aufhalten sollte, hängt Truman scheinbar tot und in Kreuzhaltung am Schiff, bevor er sich doch wieder aufrichtet…

    Fairerweise muss man aber wohl auch sagen: Schon aus dramaturgischen Gründen hätten die Filmemacher die Motive aus Kampf und Prüfung aber auch kaum auslassen können…

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