Die Haredim. Geschichte und Erfolg des ultraorthodoxen Judentums (sciebook)

Was macht ein Vater, wenn ihn die unbarmherzigen Kleinen am ersten Weihnachtstag um kurz vor sieben aus dem Bett holen, um mit ihren Geschenken spielen zu können? Er schreibt einen Gute-Morgen-Blogpost! 🙂

Wobei das Thema durchaus ernst ist – auch gestern, am christlichen Weihnachtsfest, demonstrierten wieder Haredim (v.a. der Satmar-Tradition) in Manhattan, New York, gegen den Staat Israel:

http://www.youtube.com/watch?v=EtWS5zkjq28

Wer sind diese jĂĽdischen Leute? Woher stammt ihre wachsende Zahl, ihre massive Kritik an Israel und ihre Kleidung? Nach den sciebooks ĂĽber die kinderreichen Old Order Amish und die Mormonen sowie ĂĽber die kinderärmeren Quäker und Unitarier wagte ich mich zum Jahresende an die älteste, kinderreiche Tradition der Menschheit: Das „gottesfĂĽrchtige“ (hebr. Charada) Judentum, die Haredim.

Die Wurzeln dieser Glaubensbewegung reichen bis ins erste Jahrtausend vor Christus zurück, als Pharisäer (hebr. Peruschim, die Abgesonderten) treten sie auch im Umfeld Jesu auf, der ihnen in vielem nahesteht, sie aber in manchem auch scharf kritisiert.

Nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem um 70 n. Christus setzte sich das schriftzentrierte, „rabbinische“ Judentum endgĂĽltig als „die“ Form jener bedeutenden Weltreligion durch. Durch seine biblische Gelehrsamkeit und seinen Kinderreichtum konnte es als oft bedrängte und manchmal verfolgte Minderheit sowohl in der christlichen wie islamischen Welt und bis nach Indien und China hinein ĂĽberleben, ja wachsen.

Und als die jĂĽdische Version der Aufklärung (die Haskalah) sowie verstärkte Assimilationsbestrebungen durch die europäischen Staaten auftraten, spaltete sich vor allem das aschkenasische (hebr. „deutschländische“) Judentum in liberale, konservative und orthodoxe Strömungen. In Osteuropa verfestigten sich dann einige orthodoxe zu haredischen Strömungen des mystisch orientierten Chassidismus und der in der Ă–ffentlichkeit weniger bekannten Mitnagdim.

Nach den verheerenden Verfolgungen der Kommunisten bis Stalin sowie den Massenmorden der Nationalsozialisten hatten nur wenige tausend Haredim im Gebiet des heutigen Israel sowie in kleineren Gemeinden der USA, der Schweiz und GroĂźbritanniens ĂĽberlebt. Gemeinhin ging man vom Untergang dieser alten Tradition aus; nicht zuletzt aus Mitleid stellte Ben Gurion „bis zu 400“ haredische Studierende vom Wehrdienst frei.

Doch aus einem Prozent der israelischen Staatsbevölkerung wurden inzwischen knapp 14 Prozent – und wenn die Entwicklung so weiter geht, werden sie zur Mitte dieses Jahrhunderts die Mehrheit der israelischen Bevölkerung stellen. Denn die Haredim konnten ihre Geburtenraten zuletzt auf bis zu acht Kindern pro Frau steigern und verdoppeln ihre Anzahl alle zehn bis fĂĽnfzehn Jahre! Alleine im GroĂźraum Jerusalem leben mit inzwischen ĂĽber 250.000 etwa so viele haredische JĂĽdinnen und Juden wie es Old Order Amish in den USA und Kanada gibt!

Wie erreichen die Haredim dieses enorme Wachstum? Was bedeutet es fĂĽr das Judentum, fĂĽr Israel und die Welt? Warum lehnen viele von ihnen den Staat Israel und z.B. auch den Wehrdienst ab? Stimmt es, dass sie „nur von Sozialhilfe“ leben?

Wie Sie sich sicher vorstellen können, war das sciebook über die Haredim das bislang zeitlich umfassendste und thematisch anspruchsvollste Buchprojekt meiner religionswissenschaftlichen sciebooks-Sachbuchreihe. Ich bin froh, dass es noch gelungen ist, es vor dem Jahresende 2013 fertig zu stellen und hoffe, dass es Ihr Interesse findet.

„Die Haredim“ sind erhältlich als eBook (€ 2,99) und Taschenbuch (€ 10,99).

HaredimsciebookBlume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „viele Haredims lehnen den Staat Israel ab“ lese ich und denke, dass die politischen Ideen dieser Religiösen nicht ernst genommen werden können, denn wie fĂĽr gewisse Leute jeder Lebensaspekt politische Bedeutung hat, hat fĂĽr diese Ultrareligiösen jeder Lebensaspekt und damit auch alles Politische seine Antwort im Glauben und der Religion. Wenn solcherart religiös determinierte und motivierte Menschen unsere Zukunft sind – zuerst in Israel und dann in der ganzen Welt – dann gehen wir einer Zombiezukunft entgegen.
    Tatsächlich darf man die Macht der Masse, der Vermehrung und Fortpflanzung nicht unterschätzen. Letzlich wird die Mehrheit über kurz oder lang auch die bestimmende politische Kraft sein. Damit wird Religion zu Politik. Das ist schon viel häufiger passiert als vielen bewusst ist. Die Aufspaltung von Indien in Pakistan, Bangladesh und das heutige (Rest-)indien hat ala Grund allein die konfessionelle Auseinandersetzung zwischen Hindus und Moslems. Und jetzt gewinnt in Indien die BJP (die Hindupartei) an Macht und mit ifr ein antimoslemischer Führer. Weil die Hindus wiederum Angst vor dem Anwachsen des moslemischen Bevölkerungsanteils haben.

    • Wenn solcherart religiös determinierte und motivierte Menschen unsere Zukunft sind – zuerst in Israel und dann in der ganzen Welt – dann gehen wir einer Zombiezukunft entgegen.

      Das Judentum war orthodox, wobei lange Zeit nur einige weltlicher geworden sind.
      Keine Angst, ‚unsere‘ Zukunft oder die Ihrige bleibt untangiert, die bärtigen Kollegen missionieren im Gegensatz zu anderen nicht, haben auch kein Gesellschafts- und Rechtssystem fĂĽr alle in petto, wie andere Bärtige.
      Die Religion als Privatsache geübt ist OK, so könnte auch der Sozialismus funktionieren, wenn die Teilnahme freiwillig bliebe.
      Diversität oder Parallelgesellschaften gehen, die Präfix ‚gegen-‚ macht hier den Unwert aus.
      Das mit dem ‚Wir‘ und der ‚Zombiezukunft‘ war deplatziert.

      MFG
      Dr. W (der von einem wohl geschriebenen E-Book ausgehen darf)

  2. Israel wird davor schon ein Problem bekommen zwar lehnen viele Haredim den Staat ab aber leben von Kindergeld und Sozialhilfe (was in Israel nicht so wenig ist). Viele Haredim Männer lernen nur die Thora und gehen keiner bezahlten Tätigkeit nach.

    Das wird man nicht auf dauer finanzieren können.

    • Hallo Zoran Jovic

      Nur zur Ihrer Information, ich hatte hier

      http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/formuliert-wissenschaft-dogmen-rupert-sheldrakes/#comment-30890

      auf Ihren Kommentar geantwortet, aber Herr Blume wollte nicht, dass Sie ihn lesen und hat ihn „zensiert“, weil ich den vom ihm eigeführten Begriff „Memetiker“ nicht ganz in seinem Sinne verwendet habe. Solche Löschungen kommen schon mal vor, wenn die Emotionen hochkochen, das muss man nicht überbewerten.

      Ich hoffe, dass Sie wenigsten diese Nachricht zu Gesicht kriegen.

      • @Balanus, einfach der Hinweis, dass ich es mir schon aus ZeitgrĂĽnden nicht mehr leisten kann und will, mich auf der persönlichen Ebene anmachen zu lassen. Kein Mensch ist unfehlbar – auch ich ganz sicher nicht – aber zumal ich meinen Kommentatoren auch gerne Zeit und Anonymität zugestehe, erwarte ich auch umgekehrt einen fairen, wertschätzenden Umgang. Bitte beachten Sie, dass ich all das hier ehrenamtlich, in meiner knappen, freien Zeit und unter echtem Namen zur VerfĂĽgung stelle. Sie sind hier gerne kostenfrei und anonym zu Gast, aber bitte benehmen Sie sich dann auch so.

        • @Michael Blume
          === schnipp ===
          einfach der Hinweis, dass ich es mir schon aus Zeitgründen nicht mehr leisten kann und will, mich auf der persönlichen Ebene anmachen zu lassen.
          === schnapp ===
          du musst schon wissen, warum du ausgerechnet den Thread, in dem du auf Zensur hinweist, zensierst, indem du löschst und den Thread schließt (ich habe jetzt keine Lust, eine Statistik zu erstellen, auf die Schnelle fand ich aber keinen weiteren Beitrag, in dem du die Kommentare deaktiviert hast).

          Ich habe inzwischen den Film mit Sheldrake und den mit Dawkins angeschaut und dir eine Diskussion über den Inhalt angeboten, genauso wie auf Facebook über den dort von dir verlinkten Biologos Artikel. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass deine Zeit knapp ist, aber ich kann darin keine Anmache auf der persönlichen Ebene erkennen. Wie soll man von einem promovierten Religionswissenschaftler etwas lernen, wenn der nicht über Inhalte diskutiert?

          • Lieber Thomas,

            1. wie fast alle Wissenschaftsblogger lösche ich Blogkommentare, die auf die persönliche Ebene gehen. Die Erfahrung zeigt: Bloggende, die diese Grenze zum eigenen Schutz nicht ziehen, machen sich zum Obst. Und weder Wissenschafts- noch Religionsfreiheit bedeuten einen Verzicht auf die Persönlichkeitsrechte. Mir geht es deutlich besser, seitdem ich wenige Trolle blocke und bei eigentlich seriösen, aber anonymen Diskutanten – wie bei @Balanus – auch mal meist ungewollten Entgleisungen Einhalt gebiete. Empathie-Tip: Einfach mal selbst ein paar Monate unter Klarnamen bloggen und dann schauen, was man so alles erlebt.

            2. Dank WordPress gibt es nun endlich die Möglichkeit, Kommentardiskussionen auch zu beenden, wenn sie sich nur noch wiederholen. Bei LifeType wurde dadurch alles unsichtbar; was fĂĽr die bisherigen Diskutanten natĂĽrlich unfair war – deshalb habe ich das nur sehr selten genutzt (z.B. bei einer Eskalation zwischen Kommentatoren in einer Debatte ĂĽber Anthroposophie). Die neue Kommentare-Beenden-Funktion werde ich auch in Zukunft bisweilen nutzen, da ich einen Hauptberuf, eine Familie und auch wissenschaftlich ausreichend zu tun habe. Sich ehrenamtlich zu engagieren bedeutet nicht, sich unter Druck setzen oder gar zur Belustigung ausnutzen zu lassen.

            3. Es ist schön, dass Du mir eine Diskussion „anbietest“, sicher haben wir hin und wieder mal die Gelegenheit dazu. Aber wie schon an anderer Stelle geschrieben solltest Du nach stundenlangem Austausch auch mal ein freundliches „Nein, danke.“ akzeptieren können. Ich schätze Dich und lese auch gerne von Dir, nehme aber wahr, dass sich unsere Diskussionsstile und Erkenntnisinteressen teilweise erheblich unterscheiden. Also: Bitte alles in MaĂźen und mit RĂĽcksicht auf verschiedene Stile und Lebenssituationen.

            Dir von Herzen eine schöne und erfüllte Woche!

          • Dr. W an Dr. B:

            wie fast alle Wissenschaftsblogger lösche ich Blogkommentare, die auf die persönliche Ebene gehen

            Es sei denn, sie sind von Ihnen.

            Haha. – Nein, nicht ganz ernst gemeint, Sie halten ja schon einiges aus. Wie es sich auch gehört, wenn selbst ausgeteilt wird.

            Zum leider geschlossenen Artikel, also für Feedback geschlossenen Artikel, hätte Ihr Kommentatorenfreund aber noch etwas (Unkonfrontatives) nachzutragen.

            MFG
            Dr. W

          • Hi Michael,

            === schnipp ===
            wie fast alle Wissenschaftsblogger lösche ich Blogkommentare, die auf die persönliche Ebene gehen.
            === schnapp ===
            kann man machen. Nur, und das ist mein Punkt, ich konnte nicht nachvollziehen, wo im konkreten Fall die ‚persönliche Ebene‘ lag.

            === schnipp ===
            Empathie-Tip: Einfach mal selbst ein paar Monate unter Klarnamen bloggen und dann schauen, was man so alles erlebt.
            === schnapp ===
            Ich habe das viele Jahre im UseNet (okay, das ist kein Blog, aber was ist ein Blog mit Kommentaren anderes als ein Thread, den man mit einem Posting begonnen hat?) und auf meiner HomePage als Forum gemacht. In den meisten Fällen (bis auf die, in denen es juristische Probleme hätte geben können) habe ich mich auf die ‚Schere im Kopf‘ beschränkt.

            === schnipp ===
            2. Dank WordPress gibt es nun endlich die Möglichkeit,
            === schnapp ===
            Hmmmm, ich kenne das schon seit vielen Jahren. Ein Musterbeispiel ist Michael Behe. Der hat anlässlich seiner beiden Bücher versucht, Blogs zu betreiben. Der wurde aber nach kürzester Zeit so zugeballert, dass er die Kommentare blockierte und schließlich zum DI umzog. Bradley Monton hielt es auch schon immer so.

            === schnipp ===
            Die neue Kommentare-Beenden-Funktion werde ich auch in Zukunft bisweilen nutzen, da ich einen Hauptberuf, eine Familie und auch wissenschaftlich ausreichend zu tun habe. Sich ehrenamtlich zu engagieren bedeutet nicht, sich unter Druck setzen oder gar zur Belustigung ausnutzen zu lassen.
            === schnapp ===
            Das macht Sinn und das war weniger mein Problem. Ich habe den einen oder anderen Thread gelesen, in dem du durchaus auch sehr heftig persönlich angegangen wurdest. Dort hätte ich Löschen verstanden.

            Aus an die 20 Jahren Erfahrung in diversen Foren kann ich dir nur sagen, dass das absolut zuverlässigste Mittel darin besteht, einfach nicht zu antworten. Ă„hnlich wirksam sind Antworten im Stil von ‚gelesen, gelacht‘ oder auch ’nicht satisfaktionsfähig‘.

            === schnipp ===
            3. Es ist schön, dass Du mir eine Diskussion „anbietest“, sicher haben wir hin und wieder mal die Gelegenheit dazu. Aber wie schon an anderer Stelle geschrieben solltest Du nach stundenlangem Austausch auch mal ein freundliches „Nein, danke.“ akzeptieren können.
            === schnapp ===
            Selbstverständlich akzeptiere ich das. Aber, ganz ehrlich, ’stundenlang‘ haben wir uns noch nie ausgetauscht.

            === schnipp ===
            Also: Bitte alles in MaĂźen und mit RĂĽcksicht auf verschiedene Stile und Lebenssituationen.
            === schnapp ===
            ACK

            === schnipp ===
            Dir von Herzen eine schöne und erfüllte Woche!
            === schnapp ===
            Danke, das wĂĽnsche ich dir auch.

          • @ Waschke

            Aus an die 20 Jahren Erfahrung in diversen Foren kann ich dir nur sagen, dass das absolut zuverlässigste Mittel darin besteht, einfach nicht zu antworten. Ă„hnlich wirksam sind Antworten im Stil von ‚gelesen, gelacht‘ oder auch ’nicht satisfaktionsfähig‘.

            Nicht antworten ist gut, wesentlich besser als zu zensurieren, denn andere wollen’s ja vielleicht lesen.
            Aus bald 35jähriger Erfahrung im Bereich der netzwerkbasierten Kommunikation heraus erlaubt es sich der Schreiber dieser Zeilen aber noch zu ergänzen, dass „Antworten im Stil von ‚gelesen, gelacht‘ oder auch ’nicht satisfaktionsfähig'“ mies bleiben.

            MFG
            Dr. W

          • @Dr. Webbaer
            === schnipp ===
            Aus bald 35jähriger Erfahrung im Bereich der netzwerkbasierten Kommunikation heraus erlaubt es sich der Schreiber dieser Zeilen aber noch zu ergänzen, dass „Antworten im Stil von ‚gelesen, gelacht‘ oder auch ’nicht satisfaktionsfähig'“ mies bleiben.
            === schnapp ===
            ich wĂĽrde ‚fies‘ bevorzugen und räume ein, dass diese beiden Alternativen noch im unteren Level meiner eristischen Kompetenz anzusiedeln sind.

            Wir sind uns aber vermutlich einig, dass wir anbetrachts des Thread-Titels weeeeeeit OffTopic sind und ich möchte noch sagen, dass ich volles Verständnis dafür hätte, falls Michael hier einfach aufräumen würde.

          • @ Waschke:

            Wir sind uns aber vermutlich einig, dass wir anbetrachts des Thread-Titels weeeeeeit OffTopic sind und ich möchte noch sagen, dass ich volles Verständnis dafür hätte, falls Michael hier einfach aufräumen würde.

            Begriffe wie ‚Aufräumen‘ fĂĽr die Zensurierung kennt das Web eigentlich nicht, das mĂĽssten Sie doch in den letzten 20 Jahren gelernt haben.

            Der Web-Nutzer konsumiert selektiv und auch bspw. per Feedreader, d.h. auch eine Zensurierung erreicht ihn nicht, wenn sie nicht vorab und umfänglich erfolgt (auf Grund bestimmter Maßgaben, die die Konnektivität, oder andere Spezifika der Nachricht betreffen).

            MFG
            Dr. W (der sich nun ausklinkt)

      • „Persönliche Ebene“

        Nur eine kurze Anmerkung dazu: Für mich ist „Memetiker“ nicht per se ein abwertender Begriff, auch wenn er von Herrn Blume in Bezug auf Dawkins so gebraucht wurde. Ein „Memetiker“ ist, wer Dawkins Mem-Theorie zur Erklärung einer kulturellen Evolution—in Anlehnung an die biologische Evolution—vertritt.

        Ich verstehe nicht, wie man einerseits sagen kann, dass „Dawkins Memetik empirisch krachend gescheitert ist“ (MB), andererseits aber selbst der Idee einer kulturellen Evolution anhängt. Vielleicht ist es ja nur ein scheinbarer Widerspruch, aber das kriegt man nicht raus, wenn man die Diskussion darüber verweigert.

        • @Balanus, es ist okay, etwas nicht zu verstehen. Aber es ist nicht okay, die Klärung auf der persönlichen Ebene zu suchen. Dass z.B. viele Leute den Unterschied zwischen empirischer Evolutionsforschung und Sozialdarwinismus nicht verstehen (oder nicht verstehen wollen) berechtigt sie noch lange nicht, jeden Evolutionsforschenden als Sozialdarwinisten zu bezeichnen. Klar ist das ein rhetorischer Trick, um den Diskutanten in eine Verteidigungsstellung zu zwingen. Es verzerrt und emotionalisiert aber jede sachliche Diskussion, deswegen lasse ich es nicht mehr stehen. So etwas haben Sie doch eigentlich nicht nötig – zumal ich ja auch Ihre Anonymität respektiere.

          Sie hätten das Thema ja auch ganz ohne persönliches Anrempeln als Frage formulieren können: „Wo sehen Sie, Herr Blume, denn den Unterschied zwischen Memetik und kultureller Evolution?“

          Und dann hätte ich zum Beispiel antworten können: Weil die „Memetik“ insinuiert, 1. dass sich verschiedenste Formen der Kultur in diskrete Entitäten („Meme“) aufteilen lieĂźe, 2. dass sich diese Entitäten analog zu Viren „verhalten“ wĂĽrden und 3. beispielsweise religiöse „Memplexe“ grundsätzlich als schädlich („Wahn“) vorzuwerten seien. Keine dieser 3 Hypothesen hat sich als empirisch haltbar erwiesen und keine entspricht dem Wissensstand, deswegen gelten „Meme“ in der interdisziplinären Evolutionsforschung als ebenso gescheitert wie morphogenetische Felder in der Biologie. Kann man diskutieren, kann man als Metapher verwenden, kann man ĂĽberprĂĽfen – aber als anerkannte Wissenschaft sollte man es nicht verkaufen.

          Dabei wĂĽrde ich es aus ZeitgrĂĽnden jetzt wirklich gerne belassen – zumal dieser Thread nicht der richtige Ort dafĂĽr ist und ich Spamming nicht ermutigen möchte. Bei anderer Gelegenheit ergibt sich bestimmt einmal wieder die Gelegenheit zur Wiederaufnahme der Sachdiskussion.

      • 9 Millionen Amische gäbe es in 100 Jahren, wenn sich die heute 282000 Amischen weiterhin alle 20 Jahre verdoppeln wĂĽrden.
        In der Wikipedia liest man:

        Zwischen 1992 und 2013 hat die Amische Gemeinschaft sich von 128.000 Angehörigen auf 282.000 mehr als verdoppelt. … Bei der gegenwärtigen Wachtumsrate wĂĽrde sich die Amische Gemeinschaft alle 18–20 Jahre verdoppeln.

        28Milliarden Muslime gäbe es in 100 Jahren, wenn sich die jetzt 1.5 Milliarden wie gerade jetzt um 3% pro Jahr vermehren würden.

        Doch die Fruchtbarkeit in den islamischen Ländern ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, nicht geändert hat sie sich aber bei den Amischen und den Haredim. Bei diesen ultrareligiösen Gruppen gehört die grosse Kinderzahl quasi zur Religion. Deshalb könnte es gut sein, dass es in 200 Jahren mehr als 90% Ultrareligiöse gibt.

        • Herr Holzherr, negativ interpretiert sind Ihre aktuellen Nachrichten aggressive Spekulation mit antisemitischem Einschlag, positiv formuliert: Wir brauchen einen Weltraumlift.

  3. Bei den Amish kann ich mir ja noch vorstellen wie die überleben, da die ja doch noch etwas bildungsbeflissener und ziemlich arbeitssam sind und auch normale Tätigkeiten ausüben.

    Aber bei den Haredim frage ich mich wie das gehen soll. Eric Kaufmann hat zwar gemeint, dass die in den USA auch ohne staatliche Unterstützung auskommen, aber welche Jobs bekommt man mit dem Bildungsniveau eines Fünftklässlers? Wie kann man von dem Gehalt eines Hilfsarbeiters eine sechs- bis zehn-köpfige Familie ernähren?

    Mich würde interessieren, ob das Buch versucht darauf eine Antwort zu geben. Wird etwa ökonomisch untersucht, in wie weit diese Gruppe ihre geringe Produktivität durch das hohe Bevölkerungswachstum ausgleicht?

    Ich hätte jetzt naiverweise gedacht, man müsste den Haredim nur die staatliche Unterstützung streichen, dann verhungern die zu größeren Teilen, und das Problem hätte sich erledigt.

  4. Wie Sie sich sicher vorstellen können, war das sciebook über die Haredim das bislang zeitlich umfassendste und thematisch anspruchsvollste Buchprojekt meiner religionswissenschaftlichen sciebooks-Sachbuchreihe.

    Das kann sich Ihr Frenemy mittlerweile, nach einer vglw. langen Recherche zu diesem Thema, vorstellen.
    Zweifellos ein sehr interessanter Topic, historisch und auch die Ideen betreffend, so scheint es nicht typisch zu sein, dass fortlaufend die Thora studiert wird vom männlichen Personal, interessant deshalb u.a. auch die Versorgungslage – und die Thora.

    MFG
    Dr. W

    • Theologisch stellen sich bspw. Fragen nach dem Arbeiten an sich, denn die Zehn Gebote (die im Judentum nicht zentral sind) regen an an nur einem Tag nicht zu arbeiten, oder nach dem Urbach-Machen der Erde, die per Arbeit erfolgt oder die Versorgungsfrage, die nicht dadurch erledigt werden kann, dass andere (GlaubensbrĂĽder) zahlen, denn wie sollen die sich finanzieren?

  5. @Anonymer Atheist

    Bei den Haredim gibt es kein Verbot wirtschaftlicher Arbeit – das Thorastudium gilt nur als segensreicher. Frauen arbeiten sogar sehr häufig. ZuschĂĽsse wie Spenden und Sozialleistungen können also in zusätzliche Lehrjahre und (noch) größere Familien umgesetzt werden, sind aber fĂĽr den Bestand der haredischen Gemeinschaften nicht zwingend notwendig. Man beachte auch ihre Entstehung in Osteuropa, wo ihnen die Staaten vor allem Feindschaft entgegen brachten.

    @Webbär

    Ja, fast dreitausend Jahre Religionsgeschichte waren schon ein anderes Kaliber als die jĂĽngeren Traditionen. Wobei auch auffällig war, dass die Regelungsdichte viel höher und entwickelter war, so dass zu ĂĽberlegen wäre, ob Religionen evolutionär „reifen“…

    • Wie hoch ist den das Durchschnittseinkommen der Haredim ohne Sozialleistungen und welchen Anteil machen Sozialleistungen am Einkommen aus?

    • Sie sagen es.
      Der Schreiber dieser Zeilen hat hier aber keine besonderen Kenntnis, auch deshalb nicht, weil sie bisher nicht notwendig schien. [1] Das Thema an sich ist aber hochinteressant, danke fĂĽr Ihre Arbeit.

      MFG
      Dr. W

      [1] ganz anders bspw. als bei der zurzeit hochaktuellen Religion; dort wäre Ihr Kommentatorenfreund fast schon Mullah, zumindest verglichen mit dem allgemein vorliegen zu scheinenden Kenntnisstand

  6. Sehr geehrter Herr Blume,
    ich möchte mich der Frage von „anonymer Atheist“ vom 27.12., 11.51 Uhr anschlieĂźen. Ich habe natĂĽrlich Verständnis dafĂĽr, dass Sie Ihr Buch verkaufen und nicht im Blog dazu Stellung nehmen wollen. Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie zumindest sagen könnten ob entsprechende Daten in Ihrem Buch nachzulesen sind.
    WĂĽnsche einen guten BeschluĂź
    Dagmar

    • Sehr geehrte Frau Dagmar P…,

      vielen Dank fĂĽr Ihre Nachfrage. An sich habe ich selbstverständlich nichts gegen wiederholte Anfragen von Kommentatoren – allerdings sollten dann Ton und Inhalt schon angemessen sein, schlieĂźlich blogge ich rein ehrenamtlich und lasse mich entsprechend ungerne herum kommandieren. Und die o.g. Nachfrage lässt mich auch inhaltlich ratlos zurĂĽck – denn selbstverständlich ist es völlig unmöglich, pauschale Aussagen ĂĽber Einkommensverhältnisse „der Haredim“ von Jerusalem bis New York und von Kapstadt bis Berlin zu machen. So lehnen beispielsweise die Satmar-Haredim den Staat Israel einschlieĂźlich dessen Sozialleistungen ab, wogegen viele Chabad-Rabbinerfamilien weltweit als Gemeinderabbiner in nicht-haredischen Gemeinden arbeiten. Die Einstellungen zur Arbeit und der Anteil an Werktätigen unterscheiden sich sogar innerhalb der einzelnen Strömungen oft von Gemeinde zu Gemeinde (z.B. je nach den wirtschaftlichen Gegebenheiten und lokalen Rabbinern vor Ort)!

      Meine Aufgabe als Blogger und Buchautor sehe ich darin, diese reale und sich dynamisch entwickelnde Vielfalt fĂĽr wirklich Interessierte sichtbar zu machen – gerade auch, damit ein besseres Verständnis jenseits von Klischees möglich wird. Dann können auch vertiefende Nachfragen hilfreich sein. Aber mit pauschalen Aussagen ĂĽber „das Durchschnittseinkommen der Haredim“ kann und will ich nicht dienen (und glaube, dass das auch kein seriöser Forscher könnte).

  7. Sehr geehrter Herr Blume,
    es tut mir leid, wenn Sie sich durch die Nachfrage belästigt gefühlt haben.
    Ich hatte überlegt ob ich Ihr Buch kaufen soll, da ich vor vielen Jahren einmal eine ausgezeichnete Vorlesung zum Thema Jüdische Volkskunde gehört hatte. Mich hatte eigentlich interessiert, ob Sie nur über Kultur und Religion berichten oder auch ökonomische und politische Aspekte untersuchen.
    Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben fĂĽr eine Antwort, auch wenn Sie meine Frage anscheinend als Provokation aufgefasst haben.
    Ich werde künftig von Kommentaren hier Abstand nehmen, da ich wohl nicht in der Lage bin mich unmißverständlich auszudrücken.

    • Sehr geehrte Frau P…,

      danke fĂĽr Ihre RĂĽckmeldung. Der Kommunikationsfehler lag aber eindeutig bei mir; denn ich meinte selbstverständlich nicht Ihre Nachfrage, sondern die vom „anonymen Atheisten“. Auf Ihre hatte ich ja prompt geantwortet, weil ganz und gar nichts daran auszusetzen war und ist. 🙂

      Die TĂĽcken der Online-Kommunikation…

      Ihnen auf jeden Fall alles Gute, einen guden Rosch und ein erfreuliches 2014!

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