Die Evolution von Sexualität und Liebe – Eine Einführung als sciebook

Kaum ein Thema beschäftigt die Kulturen aller Menschen und auch die Kultur- und Geisteswissenschaften so sehr wie die körperliche und geistige Liebe. Mich erstaunt daher immer wieder, wie wenig Dialog es in diesen Fragen noch immer mit der Evolutionsforschung gibt, die doch seit Jahrzehnten neue Antworten zu vielen grundlegenden Fragen erschließt: Warum gibt es eigentlich mindestens zwei Geschlechter, Frau und Mann? Warum lieben wir – und wie hängen Lieben und Sterben zusammen? Warum können wir Freude an und Orgasmen beim Sex haben – und warum geht dies (fast nur beim Menschen) sogar alleine? Inwiefern hängt es mit den Familienmodellen zusammen, dass doppelt so schwere Gorillas einen deutlich kleineren Penis und Hoden als Menschenmänner haben? Dient Sex wirklich nur der Fortpflanzung? Was ist mit Bi- und Homosexualität? Und warum haben wir im Gegensatz zu allen anderen Primaten unser Fell weitgehend verloren und sind nackt geworden, haben aber Schambehaarung behalten? Und hat z.B. die Musikerin und „Paarkritikerin“ Christiane Rösinger Recht, die behauptet: „Liebe wird oft überbewertet“?

„Der Mensch“ ist in (mindestens) zweifacher Variation angelegt und kann nicht ohne seine geschlechtlichen Grundlagen vorgestellt werden. Daran erinnerte Eva Bambach anhand der Plakette, die an Bord der Raumfähre Pioneer 10 durchs All rast und uns Menschen möglichen Außerirdischen vorstellen soll.

Liebe ist immer Natur und Kultur

Unzweifelhaft haben Sexualität und Liebe evolutionsbiologische Grundlagen – und ebenso unzweifelhaft werden sie beim Menschen immer kulturell gedeutet und überformt. Schon der älteste, verschriftete Epos – das sumerische Gilgamesch-Mythos – thematisiert sowohl heterosexuellen Sex (nicht zur Fortpflanzung, sondern zur Zähmung und Zivilisierung des wilden Enkidu) wie auch eine homoerotische Beziehung (zwischen besagtem Enkidu und König Gilgamesch).

In der biblischen Schöpfungs- und Paradiesgeschichte sowie ihren Auslegungen rund um Adam, Eva und Lilith spielen Geschlechts- und Beziehungsfragen eine zentrale Rolle.

Und auch die antiken Griechen debattierten nicht nur den Eros – der selbst als Gottheit vorgestellt wird – in Mythen und Philosophien. Sie prägten auch unsere Geschlechter-Symbole und Vorstellungswelten bis auf den heutigen Tag: Das Symbol für Weiblichkeit (Kreis mit Kreuz darunter) stellt den Handspiegel der Venus (Ur-, Mutter- und Liebesgöttin & Planet) dar. Der Mann erscheint dagegen als Kreis mit aufgerichtetem Pfeil – als Mars (Kriegsgott & Planet), der Schild und aufgepflanzten Speer (jaja) verkörpert.

Venus betrachtet sich im Spiegel. Gemälde von Natale Schiavoni (1777 – 1858)

Im Hinduismus und Christentum steigern sich Bekenntnisse zur Liebe, mit der schließlich auch Gott selbst identifiziert wird. Krishnas Flöte verzückt die Hirtenmädchen im indischen Brindaban, die gläubigen Bhaktas (Gottliebenden) als Sinnbild der menschlichen Seele überhaupt gelten. Und wer da meint, hier handele es sich doch stets um völlig unkörperliche, vergeistigte Vorgänge, zu deren Verständnis die Evolutionsforschung nichts beizutragen hätte, hat wohl noch nie z.B. die Bernini-Skulptur der „Verzückung der Heiligen Theresa“ in der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria betrachtet…

Bernini konnte sich auch gegenüber den empörten Kritikern seiner Zeit auf folgende Schilderung der großen Mystikerin berufen:

„[Es] wollte der Herr, dass ich den Engel in leiblicher Gestalt sehen sollte. Er war nicht groß, eher klein, aber sehr schön. […] In den Händen des mir erschienenen Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil; an der Spitze seines Eisens schien mir Feuer zu sein; es kam mir vor, als durchbohrte er mit dem Pfeil einige Male mein Herz bis ins Innerste, und wenn er den Pfeil wieder herauszog, war mir, als zöge er den innersten Teil meines Herzens mit heraus. Als er mich dann verließ, war ich ganz entzündet von feuriger Gottesliebe. Der Schmerz war so scharf, dass er mich zu vielen Seufzern trieb, und so groß war die Süßigkeit dieser Qual, dass ich niemals wünschen kann, sie zu verlieren, noch dass meine Seele mit weniger als Gott zufrieden sei. Es ist kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, obwohl der Körper Anteil daran hat, großen Anteil. Der Liebesverkehr, der seither zwischen meiner Seele und Gott stattfindet, ist so beglückend, dass ich den gütigen Herrn anflehe, er wolle ihn dem zu kosten geben, der etwa meint, ich würde hier lügen“

Diese und viele weitere Fragen und Themen rund um die interdisziplinäre Evolutionsforschung stelle ich im neuen sciebook „Die Evolution von Sexualität und Liebe. Eine Einführung“ (hier für Kindle) vor. Es ist bereits für Kindle erhältlich, kostet – wie jedes sciebook – weniger als 3 Euro und wird in wenigen Wochen auch im pdf und epub-Format vorliegen.

Das sciebook „Die Evolution von Liebe und Sexualität“ ist über ciando & weitere Anbieter inzwischen auch als epub und pdf erhältlich!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „haben aber Schambehaarung behalten?“

    Schön wär’s. Wenn ich mir manche Frauen so ansehe…Die schönen Löckchen, wo sind sie hin? Traurig, traurig…

  2. @Hilsebein & Hans

    Ja – und bei der Pioneer-Darstellung für Außerirdische sogar ebenfalls entfernt. Was früher ein Signal sexueller Reife war, gilt heute vielfach als wild und ungepflegt: Kultur überlagert (auch hier) Natur.

  3. sexuelle Reife …

    „Was früher ein Signal sexueller Reife war …“
    Wann ist „früher“? Die alten Ägypter haben sich auch schon rasiert.

  4. @einer: Mit „früher“…

    …war der lange Zeitraum bezeichnet, in dem unsere Vorfahren begannen, ihr Fell zu verlieren. Das ist ja bis heute nicht zu 100% geschehen und umfasst eben bemerkenswerte Ausnahmen wie die Kopf-, Achsel- und Schambehaarung. Auch die antiken Ägypter sind evolutionär gesehen natürlich sehr rezent… 😉

  5. @Michael

    Entschuldige bitte für das Offtopic, aber ich hab jetzt neulich im Fernsehen zwei christliche Geistliche gehört, die zwei gegensätzliche Dinge behauptet haben. Der eine war Pastor i.R. und der andere war glaube ich Bischof. Die Frage ist ob Jesus für seine Dienstleistungen – wie Heilungen – Geld genommen hat. Der eine sagte Ja hat er und Judas war der Kassenwart und der andere sagt Nein hat er nicht.
    Den ganzen vielen esoterischen und christlichen Websites ist es zu verdanken, dass es nicht so schwer ist zu googlen.
    Weißt du bescheid? Vor allem warum behaupten die genau Gegensätzliches?

  6. @Anton Maier

    Das ist in der Tat eine ziemlich grundlegende Frage, die z.B. bei der Entstehung der Franziskaner eine Schlüsselrolle spielte: Darf die (jeweilige) Kirche Besitz haben und Abgaben (den Zehnten) nehmen? Oder muss sie in Armut und von Spenden leben?

    Gerne kann ich das einmal aufgreifen – aber als zutiefst theologische Frage wäre sie bei Hermann Aichele etwas besser aufgehoben. Hermann, könntest Du dieses Thema übernehmen?

  7. Jesus u Geld @Anton Maier

    OK, ich übernehme. Zunächst „ex hohlo Baucho“, wie man manchmal in Theologen-Latein sagt, also ohne Fachliteratur ff
    Mir ist schlicht nicht bekannt, dass irgendwo in den Evangelien erzählt wird, Jesus habe Geld für Dienstleistungen / Heilungen genommen. Die Anweisung an sein Jünger in Markus 6/ Matth 10/ Lukas 9 spricht auch dagegen. Und spricht auch eher dafür, dass Jesus als Gegenleistung sich da oder dort einladen ließ, aber auch nicht immer. Manchmal habe er ja auch die Geheilten einfach weiter geschickt.
    Paulus ist stolz drauf, dass er seinen Lebensunterhalt selbst verdient. Das scheint auf dieser Linie zu liegen – gesteht aber irgendwo ausdrücklich anderen zu, dass die von ihren Gemeinden ihren Unterhalt (wohl eher in Naturalien) bekommen. Vgl. 1. Korinther 9.
    Die Empörung, dass bei Derartigem Geld im Spiel sein könnte (eigentlich genau gesagt: nicht die Heilung wird hier bezahlt, sondern die Heilfähigkeit soll durch Geld erworben werden) , wird in Apostelgeschichte 8 erzählt und führte zu dem negativen Begriff „Simonie“. Vgl. als Einstiegsinfo den Wikipedia-Artikel „Simonie“.
    Ja, Judas war mit dem Geldbeutel Kassenverwalter für die wandernde Jesus-Gruppe. Jede solche Gruppe kann mal da oder dort Geld gebrauchen – woher kommt’s? Spenden von dankbaren Geheilten? Zugesteckt durch Verwandtschaft, die zu Hause geblieben war? Unterstützung durch Leute, die gewisse politische Hoffnungen in die Gruppe setzten? (Könnte in dem Theissen-Buch, das ich erwähnte, was dazu stehen). Bettelei wäre auch nicht undenkbar. Systematisch (wie bei Bettelmönchen) wird dies nicht getrieben worden sein. Und die andern Dinge jedenfalls keine verlässliche Einnahmequelle.
    Bei der Zinsgroschenfrage (Markus 12 /Lukas 12/ Matth 22) kann Jesus drauf verweisen, dass er dieses Geld selber gar nicht hat – sie müssen’s ihm erst bringen: Die, die ihn reinlegen wollen, haben das Geld mit dem gottverdammten Kaiserbild in ihren Händen (diese kluge Beobachtung, vermutlich mal bei Pinchas Lapide gelesen).
    Warum ein Kollege in einer Diskussion meint, Jesus habe sich bezahlen lassen? Ich weiß nicht. Ich kann nur in der Richtung vermuten, dass er unbedingt vertreten wollte, dass sich für helfende Tätigkeit bezahlen zu lassen, dass das nicht unanständig wäre; und Jesus hätte sicher auch nichts dagegen gehabt und sich vielleicht doch manchmal bezahlen lassen. Und schwuppdiwupp wird aus einer interessengeleiteten Vermutung eine Tatsachenbehauptung. Gibt ja auch solche Kirchen, die unbedingt beweisen müssen, der Glaube an Jesus helfe zu einem spürbaren Zuwachs an Einkommen. Na, die Frömmigkeit ist manchen Leuten zu allen Dingen nütze; so gehen sie auch mit 1. Tim 4,8 sehr frei um 😉

  8. Liebe – und Vorurteile Anti-Evolution

    Bei Spiegel Online gerade erschienen: „Liebe – Revolution gegen die Evolution“
    http://www.spiegel.de/…ueber-liebe-a-854264.html

    Schade, was für ein veraltetes und verzerrtes Bild auch gebildete Menschen noch von der Evolution haben… Dabei ist die Liebe doch kein Widerspruch, sondern ein Ergebnis von Evolution.

    Jetzt bin ich noch ein bisschen glücklicher, dieses sciebook geschrieben zu haben – offensichtlich besteht Aufklärungsbedarf…

  9. Precht

    Nur als Hinweis: In dem Buch „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ von Richard David Precht beschäftigt sich dieser ausgiebig mit den Thesen von Evolutionsbiologen und -psychologen. Diese behaupten anscheinend zu einem großen Teil, dass die Liebe ökonomisch durch den Wunsch nach den besten Genen für die Kinder (vollständig) erklärt werden kann. Bei solchen Behauptungen kann man schon mal zu der Meinung kommen, dass Evolutionsbiologen nichts zum Thema beizutragen hätten…
    Nun ja, ganz so ist es dann doch nicht. Der Dialog mit anderen Disziplinen und vor allem mit gemäßigten, umsichtigen Gemütern wird auch hier das beste Ergebnis bringen.
    Precht selbst vertritt übrigens die interessante These, dass die geschlechtliche Liebe evolutionär aus der Liebe zwischen Mutter (bzw. Eltern) und Kind entstanden sei. Die geschlechtliche Liebe sei ein Spandrel, also ein Nebenprodukt der Liebe zwischen Eltern und Kind, das nicht notwendig wäre, sich aber bewährt hat – übrigens schätzt er die Religion ebenfalls als Spandrel ein, führt das aber nicht weiter aus.

  10. @Sebastian

    Ja, ich habe es an Precht sehr geschätzt, dass er evolutionsbiologische Thesen aufgreift, ohne sich als Philosoph dabei aufzugeben. Und gerade bei Säugetieren (und teilweise bei Vögeln) ist der Zusammenhang zwischen mütterlichem bzw. elterlichem Investment und Paarbindungen häufig erkennbar. Allerdings haben Paarbeziehungen nach heutigem Kenntnisstand durchaus Funktionen, die über eine bloße Erweiterung von Mutter-Kind-Beziehungen hinaus weisen. Geschlechter definieren sich ja schon viel früher aus.

    Freut mich, dass Dich (auch) das Thema interessiert, danke dafür! 🙂

  11. @Michael

    Es kann gut sein, dass die These falsch oder erweiterungswürdig ist… was mich aber inzwischen immer mehr interessiert, ist, woher du die Zeit nimmst, so viele Sciebooks zu schreiben und gleichzeitig deinen Beruf auszuüben, Vorträge zu halten, zu bloggen und Vater sowie Ehemann zu sein…?! 😉 Meinen großen Respekt dafür!

  12. @Sebastian

    Vielen Dank! Leicht ist es nicht immer und braucht oft massive Disziplin. U.a. habe ich auf das eigene Auto verzichtet und nutze nun die Zeiten in Bus & Bahn. Und diesen Sommer waren wir im Urlaub daheim, soviel Zeit werde ich aber leider nicht immer haben…

    Hier hatte ich mal drüber gebloggt:
    http://scilogs.spektrum.de/…ere-ein-erfahrungsbericht

    Vielen Dank, dass Du es siehst! Es macht mir schon Freude, aber es gäbe auch immer noch mehr zu tun…

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben