Das erste Fachjournal für die Evolutionsforschung zur Religiosität – Religion, Brain and Behavior

Gestern lag die erste Ausgabe im Briefkasten: Routledge hat als neues Fachjournal "Religion, Brain and Behavior" (RBB) zur Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen auf den Weg gebracht.

Das Fachjournal wird gemeinsam mit dem Institute for the Biocultural Study of Religion (IBCSR) heraus gebracht. Die Interdisziplinarität wird dabei schon durch die Prominenz und Vielfalt der Herausgeber unterstrichen: Patrick McNamara (Neurologie, Boston), Richard Sosis (Anthropologie, Connecticut), Wesley Wildman (Theologie, Boston) und James Haag (Philosophie, Suffolk). Im Herausgeber-Beirat sind namhafte Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Fächer (und Weltanschauungen) vertreten.

Schon die erste Ausgabe ist außerordentlich spannend und bietet neben einigen Forschungsstudien einen so genannten Target Article ("Evolutionary accounts of belief in supernatural punishment: a critical review") von Jeffrey Schloss und Michael Murray, auf den nicht weniger als acht kritisch-konstruktive Kommentare und wiederum eine "Response" der Autoren folgen.

Über ein Jahrhundert, nachdem Charles Darwin in seiner "Abstammung des Menschen" erstmals Hypothesen zur Evolution (auch) der Religiosität und Religionen formulierte, entwächst dieser interdisziplinäre Forschungszweig endlich den Kinderschuhen. Schade nur, dass der deutschsprachige Wissenschaftsraum in diesem so spannenden und bedeutenden Feld bislang nur vereinzelt in Erscheinung tritt. Dabei ist das Ausmaß des Entdeckten, das Interesse in der Öffentlichkeit, aber auch die Nachfrage unter den Studierenden auch bei uns doch so erfreulich groß. Wie die Sprache und Sprachwissenschaft bzw. Musik und Musikwissenschaft erhält endlich auch die Religion und Religionsforschung ein evolutionäres Fundament auf dem Stand aktueller, interdisziplinärer Debatten und Studien.

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hört sich gut an, was ich da bisher auf der IBSCR-Seite überflogen habe. Bitte lass mich doch wissen, wenn mal eine Publikation im Journal auftaucht, wo die Rede von DNA, Genen und Proteinen ist. Die würde ich dann genauer unter die Lupe nehmen wollen. Ansonsten hoffe ich hier von den BrainLogs auch mal in ferner Zeit davon zu hören, wie sie dieses neue Journal einschätzen.

  2. Die Abbildung…

    …auf dem Cover der ersten Ausgabe sieht interessant aus. Ob das wohl ein klassisches Motiv oder eine eigens für die Zeitschrift angefertigte neue Grafik ist?

  3. @Christian

    Erfreulicherweise gibt das Journal hierzu Auskunft: Es handelt sich hier um das Gemälde „Web of Religion“ von William Blake (1757 – 1827), das dieser in seinem bekanntesten Buch „Urizen“ (1794) veröffentlichte. Über Blake informiert die Encyclopedia Britannica hier:
    http://www.britannica.com/…c/68793/William-Blake

    Interessant-verstörender Denker & Künstler und wohl eine gute Wahl für das Cover der ersten Ausgabe…

  4. @Christian: Guter Fund!

    Ganz davon abgesehen, dass ich überhaupt finde, dass der Wissenschaftsblogger-Szene häufigere Bezüge auf Kunstwerke und Künstler sicher gut tun würden. Eine Kunsthistorikerin bzw. ein Kunsthistoriker auf den Chronologs (oder in den Scienceblogs, klar) – das wäre m.E. richtig klasse!

  5. @Christian

    Ja, das ist wirklich schade! Dabei würde gerade auch die Auseinandersetzung mit Kunst plumpen Reduktionisten Chancen eröffnen, ihre Weltbilder zu erweitern.

    Im hervorragenden Oehler (Hrsg.) „Der Mensch – Evolution, Kultur und Natur“ finden sich gleich eine ganze Reihe von Artikeln dazu, so dass ich überlege, auf NdG eine Kunst-Kategorie zu eröffnen.
    http://www.spektrumdirekt.de/artikel/1071480

    Übrigens: Ein dickes Lob zu Deinem aktuellen, mutigen Blogbeitrag!
    http://www.scienceblogs.de/…haftsblogosphare.php

  6. Kunst

    Wunderbare Idee, Michael, auf NdG eine Kunstabteilung zu eröffnen. Als Musiker, Musikwissenschaftler und Filmemacher werde ich dort gerne etwas zum „Anti-Reduktionismus“ beisteuern.

  7. Kunst

    Nun, Michael, das Thema Kunst-Wissenschaft-Spiritualität ist so gewaltig, dass du schon mal einen Rahmen oder Fragehorizont abstecken müsstest. Warum z.B. interessiert dich auf diesem Blog die Auseinandersetzung mit Kunst? Es geht ja hier primär um Religion und Evolution. Kunst reicht für mich zwar in spirituelle Bereiche hinein, weil sie grundsätzlich das begrifflich nicht oder schwer Sagbare thematisiert, aber unterscheidet sich doch elementar von Religion in ihrem spielerischen-mehrdeutigen Charakter, der sie auch vor Fundamentalismus und Dogmatismus bewahrt.
    Unter anderem deshalb ist für mich in den letzten Jahren die Kunst ein wichtiges Tor zur Spiritualität geworden: Novalis, Hölderlin, Goethe, Bach, Rilke, Turner, Klee, Beuys, Tarkowski, Anselm Kiefer u.a.
    Ich lese gerade Brian Boyd’s „On the origin of stories“ und bin gespannt, wohin mich dies führen wird. Vielleicht schreibe ich dann hier darüber etwas.

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