Amish und Quäker – Lehrreiche Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Während der langen Jahrhunderte der römisch-katholischen, später auch evangelischen Staatskirchlichkeit wurden in Europa religiöse Minderheiten meist verdrängt, manchmal gar vernichtet, so dass die Vielfalt auch des Christentums unterdrückt wurde und vielfach aus dem Blick geriet. Oft erlebe ich auch auf diesem Blog, dass Kommentierende aus Europa einfach von „der Kirche“ schreiben und gar nicht wahrnehmen, dass es neben der katholischen Kirche auch verschiedenste evangelische sowie anglikanische, orthodoxe und weitere Kirchen gibt. Gerade kleinere christliche Gemeinschaften werden auch schnell als „Sekte“ beschimpft – ein sprachlicher Trick, der zum Beispiel auch in der Türkei christliche und muslimische Gemeinschaften mit erheblichen Folgen ausgrenzt.

In Nord-, Mittel- und Südamerika gehörte dagegen die innerchristliche Vielfalt sehr viel stärker auch zum Alltag der Menschen – nicht zuletzt, weil viele aus Europa vertriebene Minderheiten dort Zuflucht und Religionsfreiheit vorfanden. So entstand eine sehr vielfältige und dynamische religiöse Landschaft, was nicht nur für die religionsbezogene Allgemeinbildung von Vorteil ist – sondern auch für die Wissenschaft(en). Denn wo sich Religiosität in einer Vielzahl verschiedener Formen ausprägt, wo dazu auch noch mehr rechtliche Gleichstellung und also fairer Wettbewerb bestehen, lassen sich natürlich aufblühende und absterbende Traditionen sowie die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und auch demografischen Potentiale von Religionsgemeinschaften besser vergleichend erforschen.

ReligionsdemografiePotentialeCredit: Grafik: Blume, M. (2014) „Religion und Demografie. Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt.“ sciebooks

Auch aus diesem Grund hatte ich in den letzten Jahren Reisen nicht zuletzt dafür genutzt, mehrere in den USA bestehende Religionsgemeinschaften vergleichend zu erforschen und zu beschreiben – so in den sciebooks zu den je christlichen Old Order Amish, Baptisten, Quäkern & Unitariern und Mormonen sowie den jüdischen Haredim, aber auch z.B. den zwischen Religion und Weltanschauung changierenden Freimaurern.

ShelfieMichaelBlume

Hier fand (s)ich nun ein recht nett gemachtes Video zu einigen Gemeinsamkeiten und auch Unterschieden zwischen Amish und Quäkern, das ich Ihnen nicht vorenthalten wollte. Denn ob Biologie oder Religionswissenschaft – erst aus der Vielzahl konkreter Fallbeobachtungen lassen sich Evolutionsprozesse tiefer verstehen

PS: Dies ist übrigens der 500te Blogpost auf „Natur des Glaubens“! 🙂

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

30 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Quäker und Amish erscheinen als geschlossene Gesellschaften, die um das Zentrum ihres Glaubens gebaut sind und wo alles draussen bleibt, was ihren Glauben stören könnte. Die Quäker scheinen dazu kaum äussere Erkennungszeichen zu brauchen ausser der Bereitschaft zur Stille. Interessant scheint mir die Frage, ob nicht auch säkulare Gemeinschaften eine derartige Gemeinschaft bilden könnten, eine Gemeinschaft, die in stiller Übereinkunft besteht. Am ehesten ist das wohl noch mit einem buddhistischen Gedankengut möglich. Eine andere Frage ist die nach der Einbettung und Beziehung solcher Gemeinschaften mit der Hautgesellschaft, gerade auch wenn man das evolutionär betrachtet. Sind das evolutionär betrachtet nicht Sackgassen oder gar schwarze Löcher, die kein Licht mehr nach aussen abgeben?

    • Michael Blume

      Nun, empirisch gesehen hat es keine vergleichbar langlebige, säkulare Dienstgemeinschaft wie die Quäker gegeben, @Martin Holzherr – und auch der Buddhismus überlebte nur durch die schnelle Aufnahme religiöser Elemente (Verehrung des Buddha und anderer höherer Wesen).

      Dass die Quäker ein „schwarzes Loch“ gewesen sein sollen, kann ich nicht erkennen. Sie hinterließen u.a. ein besonders freiheitlich-tolerantes Staatswesen (Pennsylvania) und bis heute anhaltende, humanitäre Arbeit inkl. der „Quäkerspeisungen“ für deutsche Kinder nach den verlorenen Weltkriegen. Schließlich erhielten sie als erste und bislang einzige Religionsgemeinschaft für ihren konsequenten Pazifismus und humanitären Dienst den Friedensnobelpreis. Auch falls sie demografisch vergehen sollten, wird man ihren positiven Einfluss auf die Menschheitsgeschichte kaum leugnen können…

      • Gene und Meme.
        Der Begriff „Mem“ ist eher unglücklich gewählt, man könnte auch sagen
        „kulturelle Information“ oder „Ideologie“, im Gegensatz zur genetischen Information.
        Gene und Meme steuern gemeinsam die Vermehrungsfreudigkeit.
        Warum wirkt sich die Aufnahme religiöser Elemente eigentlich positiv
        auf die Vermehrungsfreudigkeit aus?
        Streng genommen sind die religiösen Elemente unbewiesene Informationen
        über die Außenwelt.
        Aus diesem Grunde kann man sie nur glauben oder eben nicht glauben.
        Die Israeliten sehen sich als das auserwählte Volk an, und einige Arier
        sahen sich als die Herrenrasse an, beide mit wechselndem Erfolg.

        • Nachtrag:
          Katholische Priester, Mönche und Nonnen vermehren zwar ihre
          Gene nicht, aber ihre Meme schon.
          Überzählige Nachkommen kann man als Soldaten oder als
          Selbstmordattentäter einsetzen.
          Das funktioniert leichter, wenn die überzähligen Nachkommen an ein
          Weiterleben nach dem Tode, inklusive Belohnung, glauben.
          Wenn der Selbstmordattentäter mehr als einen Feind tötet, dann
          handelt es sich, genetisch gesehen, um einen Nettogewinn.
          Dazu komm noch das Mem der Einschüchterung.
          Leider wird das gerade in der Praxis getestet.

          • Ja, bei den Religionen gibt es ein sehr grosses Spektrum in vielen vitalen Fragen. Die Quäker waren von Beginn weg pazifistisch, im Islam entstand früh eine Assassinenkultur, wo Soldaten Gottes mit dem Paradies belohnt wurden.
            Auch was die Fruchtbarkeit, die Anzahl der Nachkommen angeht haben wir das ganze Spektrum von 0 Nachkommen bei Ordensleuten und gewissen Sekten bis zur biologisch maximal möglichen Anzahl von Nachkommen.

            Religionen und Glaubenssysteme zeigen möglicherweise einfach sehr deutlich, zu was Menschengemeinschaften fähig sind, die von einer gemeinsamen Idee geleitet werden. Gerade las ich im neuen Spektrum der Wissenschaft einen Artikel, der als grösste Innovation der Spezies Mensch gegenüber seinen Vorfahen nicht etwa die hohe Intelligenz, sondern seine aussergewöhnlich hohe Kooperationsbereitschaft herausstellt. Dies zeigt sich bereits bei Kleinkindern, die aufeinander reagieren, während junge Schimpansen das nicht im selben Ausmass tun.
            Grosse frühe Bauwerke wie Stonehenge und die Pyramiden muss man aus dieser Sicht nicht als Ausdruck der Intelligenz unserer Vorfahren sehen sondern als Ausdruck der aussergewöhnlich hohen Fähigkeit zusammenzuarbeiten um etwas zu schaffen, was ein Einzelner nie fertig brächte.

          • Michael Blume

            So ist es, @Martin Holzherr – und auf Basis dieser sozialen Kognitionen entstehen dann auch kulturell vermittelte und zur Expansion fähige Verhaltens-, Glaubens- und Rechtssysteme, vgl. Gary Stix in besagtem Spektrum der Wissenschaft Mai 2015, S. 58.

            (Und danke für Ihre Ehrlichkeit in Sachen Quäker-Wissen – genau für solche Aha-Momente ist dieser Blog gemacht! 🙂 )

        • Michael Blume

          Ja, @Karl Bednarik, deswegen halte ich „Meme“ auch für einen empirisch gescheiterten (da nicht operationalisierbaren) Begriff, allenfalls für eine hilfreiche Metapher. Vgl. Blogpost und Diskussion hier: https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/richard-dawkins-mein-held-der-metapher/

          Zu den Gründen für den religionsdemografischen Effekt (genauer: das religionsdemografische Potential) habe ich ja schon viel geschrieben, darunter ein ganzes Buch. In Kurzform: Religiöse Lehren mögen 1. auch über Vernunftargumente hinaus zu motivieren („Seid fruchtbar und mehret euch!“), 2. engere & stabilere Gemeinschaften und damit auch Ehen zu stiften und 3. institutionelle Unterstützungen zu organisieren (Schulen, Kindergärten, Freizeiten, Hospitäler etc.). Säkular lässt sich allenfalls 3. ersetzen, 1. und 2. bestenfalls teilweise (vgl. Anthropodizee-Frage, auf die es bislang keine überzeugende, rationale Antwort gibt).

          • Hallo Michael Blume,
            „über Vernunftargumente hinaus“ bedeutet aber streng genommen eine Verringerung des Kritikvermögens.
            Wenn eine Verringerung des Kritikvermögens von der Evolution bevorzugt wird, dann ist das ein schlechtes Zeichen für die Zukunft der menschlichen Intelligenz.
            Allgemein gesehen, setzt nicht die Vernunft die Ziele, sondern setzen die angeborenen Bedürfnisse die Ziele, während die Vernunft die Wege zu den Zielen bestimmt.
            Zum Beispiel ist der Wunsch nach Arbeit nur indirekt vernünftig, denn die logische Abhängigkeit ist zumeist Hunger – Nahrung – Geld – Arbeit.
            „Mem“ lässt sich aber viel bequemer eintippen als „kulturell vermittelte Information“.
            Bevor es überhaupt zur kulturell vermittelten Information kommen kann, müssen einige angeborene Bedürfnisse vorhanden sein.
            Zum Beispiel Mitteilungsdrang, Neugier, Nachahmungstrieb und die Erziehbarkeit.

          • Michael Blume

            Tatsächlich kann ich keine Anzeichen dafür erkennen, dass im Evolutionsprozess „Intelligenz“ oder „Rationalität“ grundsätzlich erfolgreichere Faktoren wären als z.B. „Liebe“ oder „Glauben“. @Martin Holzherr hat zu Recht auf die Bedeutung von „Vertrauen“ hingewiesen usw.

            Wenn überhaupt, so scheint mir eine je an die Herausforderungen angepasste Mischung von ganz verschiedenen Fähigkeiten das Erfolgsrezept zu sein…

          • @Karl Bednarik, 5. Mai 2015 4:02
            Zitat „“über Vernunftargumente hinaus bedeutet eine Verringerung des Kritikvermögens“
            Ja, nur gehen die meisten für den Menschen wichtigen Dinge „“über Vernunftargumente hinaus“
            Klar kann man sagen, gute Zusammenarbeit und Vertrauen in den andern ist letztlich auch vernünftig. Doch das stimmt eben nur in der lange Sicht. In der kurzen Sicht kann es viel vernünftiger sein, Zusagen zu machen, sie aber nicht einzuhalten. Vertrauen hat sich bis in die jüngste Menschheitsgeschichte immer wieder als äusserst wichtig herausgestellt. Das Wort Kredit beispielsweise kommt vom italienischen credere, also vertrauen. Der rein vernunftbasierte Ansatz würde sagen, wenn Kredit Sicherheiten gegenüberstehen, dann braucht es gar kein Vertrauen mehr. Doch scheinbar genügt das nicht einmal beim Kreditwesen. In anderen Bereichen ist Vertrauen noch wichtiger. Wenn man jemanden einen Auftrag gibt, erwartet man beispielsweise dass er im Sinne des Auftraggebers handelt. Das setzt zwei Dinge voraus: 1) Der Auftragnehmer weiss überhaupt was der Auftraggeber eigentlich will 2) Der Auftragnehmer handelt bis zu einem gewissen Grad uneigennützig.
            Je besser man den anderen versteht und sich die Wünsche des anderen aneignet, sie mindestens berücksichtigt, desto besser ist die Zusammenarbeit. Einsicht und Vernunft sind hierbei wichtige Voraussetzungen. Sie allein genügen aber nicht. Denn Vernunft und Einsicht kann auch gegen den anderen eingesetzt werden.
            Eine Glaubensgemeinschaft schafft meist grosses Vertrauen zwischen den Mitgliedern. Es sind aber auch andere Dinge wie der familiäre Zusammenhalt oder die ethnische Zugehörigkeit, die Vertrauen schaffen können.

          • @ Herr Dr. Blume :

            Tatsächlich kann ich keine Anzeichen dafür erkennen, dass im Evolutionsprozess „Intelligenz“ oder „Rationalität“ grundsätzlich erfolgreichere Faktoren wären als z.B. „Liebe“ oder „Glauben“.

            Mag die „Vermehrungsgeschichte“ betreffend so sein, allerdings ist es die besondere Verständigkeit, die erst das Konzept der Evolution bereit gestellt hat.
            Anderswo wird erst gar nicht in Prozessen und das Konzept Evolution nutzend gesprochen wie gedacht.

            Insofern macht es hier nicht die Menge.

            MFG
            Dr. W

          • Michael Blume

            Doch, leider, @Webbaer. Abgesehen davon, dass wir unsere genetische und neuronale Grundaustattung nun mal via Fortpflanzung weitergeben (oder eben nicht) – wie McCauley zu Recht bemerkte: Es gab viele menschliche Gesellschaften ohne (höhere) Wissenschaften, aber keine Wissenschaften ohne größere Gesellschaften… Alles Erworbene kann wieder verlorengehen, wenn wir die „Vermehrungsgeschichte“ nicht wieder irgendwann wieder in den Griff bekommen… #Zivilisationen #Verebben

          • @ Herr Dr. Blume :

            Es gab viele menschliche Gesellschaften ohne (höhere) Wissenschaften, aber keine Wissenschaften ohne größere Gesellschaften…

            Das war weiter oben gemeint.

            Alles Erworbene kann wieder verlorengehen, wenn wir die
            „Vermehrungsgeschichte“ nicht wieder irgendwann wieder in den Griff bekommen…

            Das nicht, das Wissen kann heutzutage nicht verloren gehen, jedenfalls nur theoretisch.

            MFG
            Dr. W (den die „Vermehrungsgeschichte“ auch interessiert gerne auch im religiös-kulturellen Kontext)

          • Michael Blume

            @Webbaer

            Verstehe ich Sie richtig: Sie würden also behaupten, dass sich „Wissen“ auch ohne Menschen erhalten könnte? M.E. wäre das nur für Information möglich, die erst durch bewußte Lebewesen zu Wissen werden kann. Was meinen Sie?

            PS: Ihren Kommentar i.S. „Mohammedanismus“ habe ich als sinnlose Provokation gelöscht. Don’t.

          • @ Herr Dr. Blume :

            Verstehe ich Sie richtig: Sie würden also behaupten, dass sich „Wissen“ auch ohne Menschen erhalten könnte?

            Nein. Es wurde festgestellt, dass es praktisch unmöglich, wenn auch denkbar, ist, dass die Informationstechnologie wie das Wissen um die Informatik verloren gehen kann.

            PS: Ihren Kommentar i.S. „Mohammedanismus“ habe ich als sinnlose Provokation gelöscht. Don’t.

            War nicht nötig, vgl. :
            -> (Webverweis)

            MFG
            Dr. W

          • Michael Blume

            Das hier sind die scilogs: Wenn solche potentiell missverständlichen Stichworte eingeworfen werden, dann bitte mit Erklärung. Benchmark: Uni-Seminare. 🙂

          • Werter Herr Dr. Blume,
            unter dem Begriff, der hier womöglich nicht genannt werden soll, versteht der Schreiber dieser Zeilen die Herrschaftsform, die dieser impliziert, der Islam wäre für ihn ein Konzept dessen, was hier womöglich nicht genannt werden soll.
            Das eine die Außensicht, das andere die Innensicht sozusagen.
            Politologisch findet der Schreiber diese Unterscheidung angemessen und zumindest in früherer Zeit auch üblich.
            MFG
            Dr. W

          • Michael Blume

            Wenn Sie hier – wie übrigens bei nahezu jedem Thema – von Islamismus oder islamischen Fundamentalismus schreiben wollen, dann gerne. Sonst bitte einfach mit Erklärung. Die aber verständlich – und nicht allzu verschachtelt 😉 – sein sollte. Was man nicht klar aussagen kann, hat man ja auch selbst meist nicht verstanden…

          • @ Herr Dr. Blume :

            Was man nicht klar aussagen kann, hat man ja auch selbst meist nicht verstanden…

            Das war „Dr. W pur“, gell?!

            Ansonsten ist es nicht so, dass der Schreiber dieser Zeilen, der Webbaer, gerne auch ohne deutsche Umlaute und gerne auch mit Titel, irgendwie besonders fixiert ist, „monothematisch“, außer natürlich in der Vorrausschau oder Vorhersage, dass das, was zu D gehören soll, wie einige meinen, in Bälde Probleme ungeahnten Ausmaßes hervorrufen wird,

            MFG
            Dr. W

    • Quäker und Amish erscheinen als geschlossene Gesellschaften[…]

      Sorry, das trifft so meines Wissens auf die modernen Quäker nicht mehr zu.

      Am ehesten ist das wohl noch mit einem buddhistischen Gedankengut möglich.

      Das wäre ein Widerspruch zu säkular.

      Eine andere Frage ist die nach der Einbettung und Beziehung solcher Gemeinschaften mit der Hautgesellschaft, gerade auch wenn man das evolutionär betrachtet

      Das scheint mir die deutsche Denkweise zu sein, die dann zur Integrationsdebatte geführt hat…

      Sind das evolutionär betrachtet nicht Sackgassen oder gar schwarze Löcher, die kein Licht mehr nach aussen abgeben?

      Hängt davon ab, auf welchen Standpunkt man sich stellt, wo das Licht quasi ist…

  2. Stimmt, die Quäker haben sich auch in der Hauptgesellschaft engagiert und eine wichtige Rolle bei der Gründung und Führung Pennsylvanias innegehabt. Das schwarze Loch war da eher mein fehlendes Wissen über die Quäker.
    In den Anfangsphasen wurden die Quäker sowohl in England als auch in Teilen der heutigen USA
    (damals Neuengland)
    verfolgt. In Boston wurden gar mehrere wegen ihres Glaubens hingerichtet. Interessanterweise mischte sich England in diesen Konflikt ein und zwang Massachusetts zur religiösen Toleranz. Der Staat kann also einmal als Verfolger von „Sekten“ auftreten und dann wieder als Beschützer. Dieses Changieren ist auch bei der Falung Gong Bewegung festzustellen, zeitlich aber umgekehrt. In einer frühen Phase wurde Falung Gong noch vom chinesischen Staat gefördert, ab irgendeinem Parteibeschluss aber werden sie verfolgt, inhaftiert und als Organspender „verwendet“.
    Ich vermute, der Grund für die Verfolgung von Sekten durch den Staat liegt darin, dass sich der Staat bedroht fühlt durch eine Gemeinschaft mit eigenen Regeln. Historisch gesehen waren diese Befürchtungen nur selten gerechtfertigt.

  3. Pingback: Markierungen 05/04/2015 - Snippets

  4. @Michael: Dass die Quäker als „bislang einzige Religionsgemeinschaft für ihren konsequenten Pazifismus und humanitären Dienst den Friedensnobelpreis“ erhielten, war mir neu.
    Das ermutigt mich, dem weiter nachzuspüren, was die Quäker bis heute „antreibt“ ;-).

    Dass sie zumindest im Bewusstsein deutscher Öffentlichkeit weder als Religionsgemeinschaft, noch als „Menschenretter“ bekannt wurden, lag sicher auch daran, dass sie dies für selbstverständlich hielten und deshalb nicht an die Öffentlichkeit gingen, noch Werbung für sich machten.

    So retteten einige wenige im WK2 tausende jüdischer Kinder vor dem Holocaust. Hier ein anerkennender Artikel, welcher, (was ich nicht vermutet hätte – aber mit einer gewissen Ironie zur Kenntnis nehme) ausgerechnet auf einer Seite zu finden ist, die sich dem Sozialismus verschrieben hat: 😉 http://t1p.de/s7yj

    • Als Nachtrag: Diese im Artikel gestellte Fragen finde ich äußerst bemerkenswert:

      „Was waren die Gründe für ihren Widerstand? Was befähigte diese kleine Anzahl von Menschen, derart wirksam zu sein? In welchem religiösen, historischen und sozialen Kontext agierten sie und weshalb waren sie als eine örtliche Gruppe des deutschen Zweigs der „Religiösen Gesellschaft der Freunde“* in der Lage, bis 1940 zu agieren?“

      (* Wikipedia: http://t1p.de/fvh9)

  5. Oft erlebe ich auch auf diesem Blog, dass Kommentierende aus Europa einfach von „der Kirche“ schreiben und gar nicht wahrnehmen, dass es neben der katholischen Kirche auch verschiedenste evangelische sowie anglikanische, orthodoxe und weitere Kirchen gibt

    Dawkings hat diese Beobachtung wohl in seinen Buch zu erklären versucht:
    Während in den europäischen Raum die Herrscher ein staatliches Monopol auf die Religion aufbauen konnten, gab es in den USA immer einen Wettbewerb zwischen den Religionen um den einzelnen Gläubigen. In den USA gilt es als nichts ungewöhnliches, wenn eine Familie konvertiert ist.

    Im europäische Raum dagegen gab es diese Verbindung zwischen Religion und Macht, zwischen Kirche und Staat, die sich teilweise bis heute auswirkt. Nicht zuletzt ist Religionskritik deshalb so intensiv geworden. Noch im 19. Jahrhundert wurde auch in Deutschland den Kindern (!) in der Schule unterrichtet, der Kaiser herrsche „von Gottes Gnaden“.
    Es ist klar, dass bei dieser Vermengung nicht nur radiale Kräfte die Religion angriffen. Es gibt natürlich noch andere Beispiele, der Autor der „Geschichte des Atheismus im Abendlande“ (der Sprachkritiker Mauthner) soll noch von Genossen der SPD dazu ermahnt worden sein, sein Werk nicht zu publizieren. Schließlich solle man den Arbeitern nicht ihren Glauben nehmen, wenn sie darin Trost finden (sehr fürsorgliche Haltung, die Leute zu ihren Besten im Irrum belassen zu wollen; das glatte Gegenteil des Programms der Aufklärung).
    Die Religion hatte ein negatives Image als Fürsprecherin der aktuellen Herrscher. In den Zwölf Artikeln – eine Art Forderungskatalog aus der Zeit der Bauernkriege – ist die Forderung der Kontrolle der Gemeinde über ihren eigenen Pfarrer sogar an erster Stelle! Später wird z. B. die Abschaffung des sog. „kleinen Zehnts“ als menschliche Erfindung, die sich so ja nicht in der Bibel findet, gefordert.

    Ich frage mich, ob der Esoterik-Markt in Europa eigentlich größer als in den USA ist, weil hier die Leute keine religiöse Alternative für iher „spirituellen Bedürfnisse“ haben.

    Natürlich wird dabei übersehen, dass die Religion zur Zeit der Reformation und der Glaubenskriege ein großes Potential hatte, das sogar zu Befreiung eines Teiles der Menschheit hätte führen können. Das würde jetzt aber zu weit führen und bin nicht die richtige Person darüber zu schreiben. Ich bin nur immer und immer wieder erstaunt…

    […]der zum Beispiel auch in der Türkei christliche und muslimische Gemeinschaften mit erheblichen Folgen ausgrenzt.

    Rhetorisch geschickt, um eine Stellungnahme zur hiesigen Verwendung des Begriffes zu vermeiden. (Gabs dazu nicht eh einen Blogpost?… und „auch“ in der Türkei…) 😉

    • Michael Blume

      @Kommentus Knackus

      Ja, und gerade auch Quäker, Baptisten u.a. trugen als Bestandteil der „zweiten Welle der Reformation“ viel zur Entwicklung von Menschen- und Freiheitsrechten sowie der Trennung von Kirche(n) und Staat bei. Die erste Erklärung der Menschenrechte wurde ja nicht – wie von vielen Europäern noch immer geglaubt – in Frankreich in Kraft gesetzt, sondern Jahre zuvor in Virginia, maßgeblich geprägt durch Angehörige religiöser Minderheiten. Dieser Spur – die für einen Blogpost doch zu weitführend gewesen wäre – bin ich in diesem sciebook durchaus nachgegangen.
      http://www.sciebooks.de/cms/books/baptisten-quaeker-unitarier

      Ihre Bemerkung im Hinblick auf den Sektenbegriff habe ich nicht ganz verstanden. So würde ich z.B. schon bezweifeln, dass es überhaupt eine (!) „hiesige Verwendung des Begriffes“ gibt. Vielmehr wird der Sektenbegriff in unterschiedlichen Sprachen – wie Deutsch, Englisch und Türkisch – sehr unterschiedlich verstanden und von verschiedenen Lagern je unterschiedlich verwendet. Wie sinnhaft das ist lässt sich m.E. immer nur am Einzelfall diskutieren, kaum generalisierend.

  6. Von meiner Seite aus noch eine Anmerkung: Da Quäker nach Ihrem Selbstverständnis über keine Dogmen verfügen, weisen sie sehr universalistische Charakterzüge auf. Dies wurde besonders von Mitgliedern der britischen Jahresversammlung artikuliert, die sich als nontheistische Quäker bezeichnen. Es gibt dort auch einzelne Doppelmitgliedschaften in der British Humanist Association. Damit zeigt sich ein erfreulich breites Spektrum von Überzeugungen im Quäkertum an. Diese Bandbreite kann wohl auch in Deutschland vorgefunden werden.

    • Michael Blume

      Vielen Dank, Herr Heitmann! Ich stimme Ihnen völlig zu und möchte darüber hinaus erinnern, dass auch die Unitarier v.a. in den USA und die zunächst „freichristlichen“ später „freireligiösen“ Verbände in Deutschland entscheidend zur Entstehung der heute humanistischen Verbände beigetragen haben. (Der humanistische Landesverband in Baden-Württemberg ist erst kürzlich aus der Umbenennung eines freireligiösen Verbandes hervorgegangen – komplett mit Körperschaftsrechten und Staatszuschüssen!)

      Zu Stärken und Schwächen humanistischer Verbände hatte ich hier mal einen ausführlicheren Artikel publiziert:
      http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/HK_OrganisierterAtheismus_Blume2014.pdf

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