Wissenschaftsdoping

PillenbergMachen sich unsere schlauesten Köpfe noch schlauer? Zu dieser Frage hat das Wissenschaftsmagazin Nature eine Online-Umfrage geschaltet, deren Ergebnisse kürzlich online veröffentlicht wurden. Insgesamt haben 1428 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran teilgenommen. Repräsentativ ist die Auswahl aber sicher nicht, denn zum einen dürfte die Leserschaft von Nature nur einen Teil der Wissenschaften, vor allem aus der naturwissenschaftlichen Fakultät, ansprechen, zum anderen ist ihr Wirkungsgrad in den Vereinigten Staaten sicher am höchsten. So belegen auch die Daten, dass knapp 70% der Teilnehmer in den USA leben, gefolgt von 6% in Großbritannien. Nach Kanada mit 6% kommen Australien und Deutschland, in denen jeweils 3% der Teilnehmer ihren Wohnsitz haben. Diese Zahlen sollte man aber nicht mit den Nationalitäten gleichsetzen, denn beispielsweise arbeiten (und leben) ja auch viele deutsche Wissenschaftler in Nordamerika.

946 (66%) der Befragten Wissenschaftler gaben an, noch nie ein Medikament zur Steigerung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit genommen zu haben. 193 (14%) antworteten, so ein Medikament aus medizinischen Gründen, beispielsweise zur Behandlung einer Schlaf- oder Aufmerksamkeitsstörung, verschrieben bekommen zu haben. Die restlichen 288 (20%) gestanden, zu solchen Mitteln gegriffen zu haben, um ihre Konzentration, Aufmerksamkeit oder ihr Gedächtnis zu verbessern.

Innerhalb der Gruppe, die schon zu solchen Medikamenten gegriffen hat, dominierte mit 62% der Wirkstoff Methylphenidat, der auch in dem unter dem Handelsnamen Ritalin® bekannten Medikament zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörung enthalten ist. Methylphenidat gehört wie die Neurotransmitter Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin zur Substanzklasse der Phenetylamine – zu denen aber auch Amphetamin und MDMA (Ecstasy) sowie eine Reihe anderer Drogen zählen. Mit Ausnahme der Neurotransmitter, die vom Körper selbst hergestellt werden und für die Funktionsweise der Neuronen im Gehirn unerlässlich sind, fallen diese Substanzen unter das Betäubungsmittelschutzgesetz. Das heißt, dass sie ein erhebliches Sucht- und Missbrauchspotenzial tragen. Im Gegensatz zu Kokain wird ihnen allerdings auch ein medizinischer Nutzen attestiert, sodass Methylphenidat und Amphetamin als verschreibungspflichtige Medikamente zugelassen sind. Übrigens sind solche Klassifizierungen nicht in Stein gemeißelt: In früheren Zeiten wurde durchaus auch Kokain häufiger medizinisch genutzt, beispielsweise bevor es bessere Anästhetika gab.

Auf Platz zwei folgt in der Liste mit 40% Modafinil, das in dem Medikament mit dem Handelsnamen Vigil® enthalten ist und für bestimmte Schlafstörungen verschrieben werden darf. Allerdings hört man auch immer wieder von einer Anwendung außerhalb des vorgesehenen Bereichs, beispielsweise zur Vermeidung von Jetlag. Modafinil fällt nicht unter das Betäubungsmittelschutzgesetz und wird tatsächlich von manchen als relativ harmlos dargestellt. Eine Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken bringt aber auch schnell Berichte über teils erhebliche Nebenwirkungen in klinischen Tests zutage und die Lektüre des Beipackzettels macht deutlich, dass auch hier der alte Lehrsatz der Pharmakologie gilt: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Bei Substanzen, die notwendigerweise effektiv in das komplexe System von Neurotransmittern im Gehirn eingreifen, ist das auch nicht überraschend.

Bei Substanzen wie Methylphenidat oder Modafinil, die in das komplexe System im Gehirn eingreifen, sind Nebenwirkungen nicht überraschend. So berichteten auch über die Hälfte der Wissenschaftler von unangenehmen Effekten, die nach Einnahme der Medikamente auftraten.

Erfreulicherweise haben die Macher der Online-Studie auch die wichtige Frage gestellt, wie häufig jemand zu den Medikamenten griff. Hier gaben die meisten (27%) an, höchstens einmal im Jahr eine solche Substanz zur geistigen Leistungssteigerung zu nutzen. Eine monatliche Verwendung nannten 24%, 25% nutzten sie wöchentlich und schließlich wieder 24% gestanden einen täglichen Konsum. Rechnet man die täglichen und wöchentlichen Konsumenten zusammen, dann hat die Studie ergeben, dass 116 von 1428, also nur acht Prozent der Befragten häufig und regelmäßig in den Medikamentenschrank griff, um damit seine Konzentration, Aufmerksamkeit oder sein Gedächtnis zu verbessern. Auf diese Zahlen lege ich deshalb besonderen Wert, weil in den Medien oft ein verzerrtes Bild über die Verbreitung des so genannten Cognitive Enhancement dargestellt wird. Da werden schnell einmal alle, die irgendwo ein „Ja“ ankreuzen, unter einen Hut gesteckt. Jemand, der höchstens einmal im Jahr oder womöglich nur einmal im Leben so ein Medikament oder eine Droge ausprobiert hat, ist meines Erachtens aber nicht mit jemandem vergleichbar, der seine tägliche Arbeit nur noch mit pharmakologischer Hilfe schafft. Das Gemeine an so einer verzerrten Darstellung ist auch, dass sie womöglich diejenigen, die bisher die Finger von den Substanzen gelassen haben, aus falschen Gründen unter Druck setzen, frei nach dem Motto: Wenn so viele es nutzen, dann muss es ja funktionieren und ungefährlich sein. Konkrete Beispiele für solche unkritischen Behauptungen haben ich letztes Jahr in dem Artikel in der Nervenheilkunde beschrieben.

In der Befragung wurde auch erhoben, welchen Effekt die Wissenschaftler durch die Einnahme der Medikamente gespürt hatten. Dafür sollten sie auf einer Skala von 1 bis 5 ein Kreuz setzen, wobei 1 für „mild“ und 5 für „groß“ stand. Komisch ist bei dieser Skala, dass sie nicht die Möglichkeit zuließ, keinen erlebten Effekt anzugeben; außerdem sind solche Zahlenwerte ohne eine genauere Definition schwer zu interpretieren – sowohl für diejenigen, die ankreuzen, als auch für diejenigen, die auswerten. Jedenfalls entschied sich genau ein Drittel für 4, also eher einen größeren Effekt. Wenn man daran denkt, um welche Substanzen es sich hier handelt, nämlich hauptsächlich um psychotrope Stimulanzien, dann ist das nicht überraschend. Allerdings wurde in mindestens zwei Studien, die mit Methylphenidat arbeiteten, herausgefunden, dass die Versuchspersonen sich zwar selbst für besser hielten, aber in den Testverfahren nicht besser als die Kontrollgruppe mit einem Placebo abschnitten. Daher sind solche Selbsteinschätzungen bitte mit Vorsicht zu genießen.

Sollten wir solche Mittel, wenn sie sicher genug sind, zur Verwendung freigeben oder eher wie im Sport verbieten? Diskutieren Sie mit!

Die Ergebnisse der Online-Befragung sind damit zwar vorläufig und teilweise schwer zu interpretieren, deshalb aber nicht uninteressant. Vor allem zeigen sie, dass in einer bestimmten, nicht repräsentativen Gruppe von Wissenschaftlern jeder Zwölfte regelmäßig zu Medikamenten greift, um seine geistige Leistungsfähigkeit, die für seine Arbeit besonders wichtig ist, zu steigern. Das macht deutlich, dass es durchaus eine Frage von gesellschaftlicher Relevanz ist, ob und inwiefern solche Mittel erlaubt sein sollen. Sollten wir die Substanzen, wenn sie hinreichend sicher sind, dem freien Markt überlassen oder sollten wir ihre Verwendung mit einem Dopingkatalog wie im Sport verbieten – und dann auch die entsprechenden Kontrollen durchführen? Für die Zwischenzeit vertröste ich Sie noch mit einem Fernseh-Tipp zum Thema: In der Wissenschaftssendung nano auf 3sat wird am kommenden Mittwoch, dem 16. April, ab 18:30 Uhr ein Beitrag zum Thema laufen. Ich soll dabei auch mit einer Stellungnahme vertreten sein. Welche 30 Sekunden der Autor aus dem 14-minütigen Interview auswählt, das ist für mich aber genauso eine Überraschung wie für Sie.

Foto: © Harry Hautumm (El-Fisto) / PIXELIO

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Schleim

    die Frage ist halt, ob den nicht auch eine Wahrnehmungsverschiebung erfolgt und wenn ja was dann das Ergebniss des Dopings noch so taugt.

    Bei Kokain wird die Frage:“Bin ich gut“, wohl eher durch die Aussage:“Mann bin ich gut“, ersetzt.

    Auch der dauerhafte Missbrauch von Extasy, hat wohl noch keinen Nobelpreisträger hervorgebracht.

    Für mich ist das beste Hirndoping neugier :-).

    Gruß Uwe Kauffmann

  2. Nobelpreisträger und Drogen

    Sartre hat man doch mal den Liternaturnobelpreis angeboten und ich meine mich erinnern zu können, dass er gerne mal ins Töpfchen gegriffen habe; ich denke, da dürfte er nicht der einzige sein. 🙂

    In manchen intellektuellen Kreisen gehörte es eine Zeit lang auch zum guten Ton, mit Halluzinogenen herumzuprobieren.

  3. Puh, ja, hab während meiner Diss auch allerhand geschluckt. Manchmal muss man so zu einem Ende kommen, also darum gings bei mir.

  4. Drogen und Dissertationen

    Hmm, und meinen Sie, das hat wirklich geholfen?

    Die Frage ist doch immer, wie man das überprüft; man bräuchte eine gute Kontrolle. Dass manche Stimulanzien die Selbsteinschätzung verändern (z.B. Methylphenidat, Kokain), das ist bekannt und überrascht mich nicht.

    Kürzlich lief ein Bericht in der Sendung „Polylux“, in dem von einem Studenten in Berlin die Rede war, der täglich mehrmals Kokain nehme, um durchs Studium zu kommen; er sagte, er brauche das, da er in seinem Leben noch nie die Erfahrung gemacht habe, aus seinem eigenen Antrieb heraus etwas Gutes zu schaffen — mit Kokain würde er beispielsweise eine 1,7 in einer Hausarbeit bekommen haben.

    Vielleicht kommt er so durchs Studium — aber Kokain wird sein eigentliches Problem, die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, nicht lösen. Vielleicht wäre in diesem Fall psychologische Hilfe wichtig.

    Wie wäre es mit einer Disseration mit psychologischem Coaching? Würde man das auch als „Enhancement“ bezeichnen?

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