Postscriptum zur Häufigkeit psychischer Störungen

Nachdem ich den Artikel über Verhalten, Freundschaft, Sucht geschrieben habe, schaute ich mir noch einmal die Studie von Hans-Ulrich Wittchen und Kollegen zur geschätzten Jahresprävalenz psychischer Störungen an (2011, European Neuropsychopharmacology).

Geschätzte Häufigkeit psychischer Störungen in den EU-27 Ländern plus Island, Norwegen und Schweiz. In Klammern hinter der Bezeichnung steht die prozentuale Häufigkeit, bezogen auf die Gesamtbevölkerung.

Laut ihrer Untersuchung sind rund 38% der Menschen in der Europa mindestens einmal jährlich von einer der 27 häufigsten psychischen Störungen betroffenen. Es geht laut den Autorinnen und Autoren um ca. 165 Millionen Menschen.

Ich frage mich: Wo sind diese Menschen? Warum sieht, hört, liest man so wenig von ihnen? Warum sehe ich keine Panikanfälle, wenn ich jährlich bei 300-400 Studierenden in einer Art Fabrikhalle unter Zeitdruck Klausuren abnehme, wo Angststörungen mit 14% doch am häufigsten sind?

Beispiel einer Klausurfabrik: Fühlen Sie sich ganz wie zuhause!

Bleiben die lieber zuhause? Schlucken die alle Betablocker?

(Hinweis zu den Zahlen: Die Anzahl der Betroffenen habe ich teilweise über die Prozentzahlen hergeleitet. Sie stehen nicht alle so in der Studie. Demenz habe ich ausgeklammert, da es sich dabei meiner Meinung nach eher um eine neurologische Störung handelt. Die Zahlen sollte man nicht zu ernst nehmen, da vor allem Symptome gezählt wurden, keine klinischen Diagnosen gestellt wurden. Kritisch habe ich mich vor Kurzem hier mit der Studie auseinandergesetzt: Verursachen psychisch Kranke finanziellen Schaden?)

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war seinerzeit mit einer (fachlich sehr versierten und fleißigen) Studentin verheiratet, die unter Angstzuständen und Depressionen litt – sie hat wegen dieser Beeinträchtigungen an Prüfungen oft nicht teilnehmen können und am Ende deshalb das Studium abbrechen müssen. Das Gefühl des Versagens hat die Störungen befördert und ihr Leben noch mehr beeinträchtigt. Heute lebt sie von Hartz IV.

  2. @Exmann: Maßstäbe

    Das ist sehr schade.

    Angststörungen lassen sich doch allgemein recht gut behandeln, mit bestimmten Techniken.

    Schade, dass sie das als Versagen begriff. Manche Maßstäbe sind, jedenfalls für eine Zeit, zu hoch gegriffen; und so ein Studium kann recht viel Stress verursachen. Wenn dazu dann noch ein paar andere Risikofaktoren kommen…

  3. Angsstörungen,
    „Wo der weiße Mann die Erde berührt“, ist sie wund. (aus dem Indianischen)
    Was wir Kultur nennen ist zum Teil auch Unkultur. Die Überforderung vieler Menschen führt zu Krankheitsbildern, wie sie hier aufgeführt werden. Eine wirksame Möglichkeit dagegen ist der religiöse Glaube.
    Man sollte mal statistisch untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Anwachsen psychischer Störungen und dem gleichzeiten Rückgang an Kirchgängern gibt.

  4. „Bleiben die lieber zuhause? Schlucken die alle Betablocker?“

    Jedenfalls werden sie tunlichst alles vermeiden, was sie bei so einer Riesen-Menschenmenge ins Zentrum des Interesses geraten lässt, das würde die Panik ja noch weiter eskalieren lassen. Also wird die z.B. Angstattacke auf dem Klo niederzukämpfen zu versucht, oder wie erwähnt die Situation gemieden bzw. Drogen genommen. Daher fallen Menschen mit Panikattacken auch nicht oft auf.

    Erst wenn man mal selber damit zu tun hatte, wird einem klar, wie verbreitet Angststörungen sind.

    Haben Sie mal drauf geachtet, wie viele Menschen im Theater oder Kino am Rand sitzen wollen?

  5. In meiner Arbeit als Psychologin im Gesundheitswesen und im Rahmen meiner Ambulanzstunden während der Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin arbeite ich mit den benannten Menschen. Diese Menschen berichten, dass niemand ihnen ihre psychische Erkrankung ansieht. Was sie auch als nachteilig erleben. Funktionale oder dysfunktionale Bewältigungsstrategien tragen das ihre dazu bei. Über Statistiken lässt sich dennoch gut diskutieren. Ob es eine Zunahme an psychischen Leiden gibt und worin die Ursachen liegen, ist ein weites Feld. Für den Mensch in seiner Situation ist es jedoch wichtiger in dem Fluss, in den er gefallen ist, Schwimmen zu lernen und gegebenfalls wieder herauszukommen. Weniger wichtig ist in dieser Lebensphase, wie und warum er hineingefallen ist und wie viele noch in dieser Situation sein könnten. Da liegt auch der Unterschied zwischen Wissenschaft/ der Arbeit für den Menschen und angewandter Wissenschaft/ der Arbeit mit den Menschen. Ebenso lässt sich über den Sinn von ICD oder ICF benannten Beeinträchtigungen diskutieren. Des Weiteren gibt es den Problemorientierten Ansatz von Dr. H. Stavemann. Das Aufstellen einer Statistik entscheidet nicht, welche Herangehensweise an die Arbeit mit dem Mensch die geeignete ist. Inwieweit spiegeln somit Statistiken und persönliche Wahrnehmungen (der Beobachter verändert die Realität bereits durch seine Anwesenheit) die Verfassung der Gesamtbevölkerung oder Ursachen wieder? Allein das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell zeigt die Vielschichtigkeit.

  6. Wolffersdorf,
    der Selbstmord einer ehemaligen Arbeitskollegin hat mich da auch einsichtiger gemacht. Nie hätte ich geglaubt, dass sie Probleme hätte. Ich habe mich eher von ihr kontolliert gefühlt und bin ihr deswegen aus dem Wege gegangen, was im Nachhinein ein Fehler war.

  7. Ich habe zum Beispiel eine Angststörung, aber diese ist vor sozialen Situationen. In Klausuren ging das. Mündliche Prüfungen gingen noch, aber informelle Besprechungen waren der Graus. Diese habe ich soweit es ging vermieden.

    Die Erklärung für die fehlende Sichtbarkeit der Panik könnte sein, dass es verschiedene Formen von Angststörungen gibt. Außerdem werden viele ihre Angst zu verstecken wissen. Es wird dann aber unter Umständen nur eine leere Klausur abgegeben. Vielleicht habe Sie das ja schon gesene

  8. @Behrens: Panik

    Jedenfalls werden sie tunlichst alles vermeiden, was sie bei so einer Riesen-Menschenmenge ins Zentrum des Interesses geraten lässt, das würde die Panik ja noch weiter eskalieren lassen…

    Das Interessante ist aber doch, wenn es passieren würde, dann würde den Menschen auffallen, dass es gar nicht so schlimm ist, wie sie sich das vorstellen.

    Schauen wir noch einmal auf die Grafik: Demzufolge geht es in Europa rund 70 Millionen Menschen so, jedenfalls manchmal.

    Haben Sie mal drauf geachtet, wie viele Menschen im Theater oder Kino am Rand sitzen wollen?

    Guter Punkt: In der Nähe der (Not-) Ausgänge.

  9. @Wolffersdorf: Was ist normal?

    Über Statistiken lässt sich dennoch gut diskutieren. Ob es eine Zunahme an psychischen Leiden gibt und worin die Ursachen liegen, ist ein weites Feld.

    Die Epidemiologen, deren Daten ich hier zitiere, sagen deutlich: Es gibt keine Zunahme.

    Fakt ist aber, dass immer mehr Menschen wegen der Probleme zum Arzt, Psychiater und Psychologen rennen.

    Ich schließe daraus, dass das Modell der Epidemiologen diesen Teil der Realität nicht abdeckt. Die Gründe dafür kann ich besser an anderer Stelle ausformulieren.

    Für den Mensch in seiner Situation ist es jedoch wichtiger in dem Fluss, in den er gefallen ist, Schwimmen zu lernen und gegebenfalls wieder herauszukommen. Weniger wichtig ist in dieser Lebensphase, wie und warum er hineingefallen ist und wie viele noch in dieser Situation sein könnten.

    Jein… Ich denke, wenn man weiß, dass man nicht der/die Einzige mit dem Problem ist, dann kann einem das schon helfen.

    Und die Frage ist auch, will man Menschen (1) bei der Anpassung an ihre Umwelt helfen, (2) die Umwelt an ihre Bedürfnisse anpassen oder (3) ihnen dabei helfen, eine passende Umwelt zu finden (alles im Rahmen der Möglichkeiten, versteht sich von selbst).

    Allein das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell zeigt die Vielschichtigkeit.

    Unbedingt!

    • @Schleim

      Die URSACHE aller Probleme unseres „Zusammenlebens“ wie ein wachstumwahnsinniges Krebsgeschwuer, ist die zeitgeistliche Symptomatik des nun „freiheitlichen“ WETTBEWERB – gebildete Suppenkaspermentalitaet auf Schuld- und Suendenbocksuche ist die staerkste Kraft des Zeitgeistes.

  10. @Bote17: Religion und Psychotherapie

    Ein religiöser Glaube kann viele Vorteile haben. Michael Blume schrieb darüber hin und wieder in seinem Nachbarblog Natur des Glaubens.

    Die Kirchen leisteten (und leisten) immer schon Seelsorge, was man als eine ältere Form von Psychotherapie verstehen könnte.

    Insofern wird es schon so sein, dass zumindest einige Menschen heute mit Problemen zur Psychologin gehen, mit denen sie vor fünfzig Jahren noch zum Pfarrer gegangen wären.

    • Die Frage ist auch. Warum tun sich Menschen mit solchen Leiden, etwas an, was sie noch mehr darunter leiden lässt? Ein Studium, eine bekannte hohe Stressquelle nutzen, trotz eines dieser oben genannter Beschwerden, ist wie das sich selbst in den Bauch boxen.

      Auch dann noch zu dem Thema Freundschaft. Warum ignorieren vermeintliche Freunde, Familienmitglieder das Wohlbefinden des Freundes, Kindes während es etwas vermeintlich durchziehe möchte, was ihm offensichtlich gesundheitlich noch mehr schädigt?

      Was soll die Freundschaft, Familie, wenn es egal ist, wie es seinem Freund, Kind geht?
      unterscheidet das aufeinander achten und auch in schlechten Zeiten beistehen, nicht die Beziehung zwischen einen Fremden und einem Vertrauten?

      Die Kirche (weil sie hier ja oft erwähnt wurde) ist doch einer, der diese Bedingungslose Aktzeptanz des Selbst geben kann und deshalb vielleicht das Abstürzen, dieser von Anfang an, Ignorierten Figur verhindern kann. Eine Krücke, für sein eigenes Selbstwertgefühl, wenn man so will. Da auch wenn die Umwelt vermeintlich in den Keller rennt; ,,Gott liebt dich“. ,,Du bist gut so wie du bist.“

      Ist es nicht das was unsere BEdürfnisse von zwischenmenschlichen Kontakten erwarten? ,,Ich mag dich, so wie du bist, auch mit dem, was du vielleicht nicht an dir magst. Zumindest bei mir musst du dich nicht um Verlustängste plagen.“

  11. Stefan Schleim,
    bei der Religion geht es nicht nur um die Seelsorge des Pastors, sondern auch um den Glauben an Gott. Das Gottvertrauen ist ein Schild gegen den Unbill des Lebens.

    • „…fuer sich selbst entscheiden.“ – so funktioniert das mit dem Glauben / „Gott“ / geistig-heilendem Selbst- und MASSENBEWUSSTSEIN aber wirklich-wahrhaftig nicht! 👉😈

  12. „Autosuggestion“ – nur die systemrational-gepflegte und somit leicht manipulierbare Bewusstseinschwaeche in Angst, Gewalt und „Individualbewusstsein“, entscheidet sich kapitulativ oder teils brutal-egoisierend, fuer die entsprechende Bewusstseinsbetaeubung. 😉

  13. Horst,
    die stärkste Droge ist ein klarer Kopf. Und der ist das genaue Gegenteil von Bewusstseinsbetäubung. Menschen mit klarem Kopf kann man keine Autosuggestion unterstellen.

  14. Anders rum gefragt: Warum glauben Sie denn, dass Sie anderen Menschen ihre psychischen Schwierigkeiten ansehen können sollten?

    Ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung möchte genauso wie alle anderen ein normales Leben. Das bekommt man aber nicht, wenn man einer Umwelt, von der man nicht genau weiß, was man erwarten kann, offenbart, dass man eine psychische Erkrankung hat. In meinem ersten Anlauf mich behandeln zu lassen, war ich bei meiner Hausärztin. Ergebnis: Sie wollte wissen, ob ich langfristig eine Verbeamtung anstrebe (z. B. Lehramt), weil sie dann von einer offiziellen Therapie abraten würde, da das eventuell zu Problemen führen könnte.

    Zu den Ängsten, weil sie hier immer wieder herausgegriffen wurden: Ängste sind eben sehr vielseitig. Es muss überhaupt nicht sein, dass sie in der Öffentlichkeit überhaupt auftreten können. Möglicherweise hat jemand sehr ernsthafte Probleme mit Angst im Dunkeln. Das wird wohl kaum im normalen Alltag sichtbar sein, kann aber auch hohen Leidensdruck erzeugen.

    Meiner Erfahrung nach ist der Bann übrigens gebrochen, wenn man sich in der Gesellschaft von Menschen befindet, denen man zumindest teilweise vertraut und einer den ersten Schritt getan und sich geoutet hat. Ich staune immer noch selbst darüber, wie viele Menschen ich inzwischen kenne, die selbst von psychischen Erkrankungen betroffen sind oder Angehörige mit ernsten Problemen haben.

    Als psychisch kranker Mensch verwendet man unglaublich viel Energie darauf, sich ein normales Leben aufrecht zu erhalten, denn man ist eben nicht nur seine Krankheit. Und es hat auch keinen Sinn, hohe Anforderungen, die einem aufgrund der Erkrankung Schwierigkeiten bereiten, zu meiden. Wenn man auf der Treppe gestolpert ist und sich ein Bein bricht ist es ja auch nicht sinnvoll künftig Treppen zu meiden. Daneben gibt es auch Erkrankungen wie etwa Zwangsstörungen, die ja aus Vermeidungsverhalten bestehen. Wenn der Erkrankte sich da keine „Herausforderungen“ mehr sucht, wird seine Erkrankung immer weiter fortschreiten.

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