Neuro-Waffen auf dem Vormarsch

Biologische und neurowissenschaftliche Forschung lässt sich nicht nur zur Heilung, sondern auch zur Beeinträchtigung von Menschen einsetzen. Ein britischer Professor für Internationale Sicherheit fordert daher eine Überarbeitung der Chemiewaffenkonvention.

In der neuen Ausgabe von Nature thematisiert Malcolm Dando, Professor an der Bradford University in Großbritannien, die Militarisierung lebenswissenschaftlicher Forschung. In seinem Essay attestiert er den Forschern, diese Entwicklung zu verschlafen und überwiegend nicht über das militärische Potenzial ihrer Arbeit nachzudenken. Flankiert wird das von einem Editorial, in dem Wissenschaftler dazu aufgerufen werden, zur Ethik der Verwendung neuroaktiver Stoffe im Namen der inneren Sicherheit Stellung zu beziehen.

Unter dem Stichwort der „nicht-tödlichen Waffen“ werden weltweit Technologien entwickelt, mit denen widerspenstige Menschen zur Kooperation gezwungen und zivile Unruhen bekämpft werden können. Beliebt sind dabei beispielsweise Strahlenwaffen, die stärkste Schmerzen auslösen, oder die wegen ihrer Risiken inzwischen umstrittenen Elektroschockwaffen. Seit den 1950er Jahren gab es in den USA und Großbritannien aber auch Programme, auf die Psychische wirkende Substanzen auf ihr militärisches Potenzial hin zu untersuchen. Neben den vor allem von der CIA getragenen Experimenten mit LSD galt lange Zeit Benzilsäureester (BZ) als vielversprechender Kandidat. Die Bestände an BZ wurden in den USA allerdings 1990 vernichtet. Ein Problem der psychischen Kampfstoffe war, dass sie individuell sehr unterschiedlich wirken.

Eine traurige Bilanz legt auch die Geiselnahme durch tschetschenische Kämpfer ab, mit der die Welt im Oktober 2002 in Atem gehalten worden war. Über 700 Besucher und Schauspieler des Moskauer Theaters drohten sie umzubringen, falls Russland seine Truppen nicht aus ihrer Heimat abziehen würde. Kurz bevor Spezialeinheiten das Gebäude stürmten, wurde es mit einem Gemisch aus der opiumähnlichen Substanz Fentanyl und einem Anästhetikum geflutet. Dabei ist die genaue Zusammensetzung aufgrund von Geheimhaltung bis heute nicht bekannt. Die Geiselnahme konnte zwar beendet werden, doch starben über 100 der Geiseln durch das Gas, über 600 mussten im Krankenhaus behandelt werden. Ist das ein Beispiel für einen gelungenen Einsatz „nicht-tödlicher Waffen“?

Wer die Entwicklung unfähig machender Substanzen befürwortet, begründet das oft so: sie in Konfliktsituationen zu verwenden, verhindere die Tötung von Menschen. Historische Belege suggerieren jedoch das Gegenteil. Bei der Belagerung des Theaters wurden beispielsweise die Terroristen, die dem Fentanyl-Gemisch ausgesetzt waren, erschossen anstatt verhaftet. (Malcolm Dando, Nature 460, S. 951; Übers. d. A.)

Angesichts der vielen Todesfälle stellt sich außerdem die Frage, ob hier überhaupt noch von einer „nicht-tödlichen Waffe“ gesprochen werden kann. Eine für den taktischen Einsatz angemessene Dosis zu wählen, die zwar die Kämpfer unschädlich macht, ohne aber Menschen zu töten, könnte unmöglich sein. Das gilt insbesondere für Geiselnahmen, bei denen unschuldige Menschen, darunter Kinder, Kranke und Ältere mit geringerer Widerstandskraft, in die Situation verwickelt sind.

Ist die Verwendung solcher Kampfstoffe überhaupt legal? Die am 29. April 1997 in Kraft getretene und inzwischen von 188 Staaten ratifizierte Chemiewaffenkonvention verbietet den Einsatz toxischer Chemikalien sowie harmloserer Substanzen wie CS-Reizgas für militärische Zwecke. Einsätze für Recht und Ordnung sowie zur Bekämpfung innerer Unruhen sind von der Konvention jedoch explizit ausgenommen. Das führt zu der paradoxen Situation, dass im Krieg zwischen Staaten Substanzen verboten sind, die im Namen der inneren Sicherheit eingesetzt werden dürfen. Malcolm Dando fordert daher eine Überarbeitung der internationalen Vereinbarung.

Jemand könnte die Durchsetzung von Gesetzen („law enforcement“) so verstehen, dass darunter mehr als die inländische Kontrolle von Unruhen fallen würde. Unter bestimmten Bedingungen wäre es dann legal, dass das Militär solche Mittel wie Fentanyl verwendet. (S. 951; Übers. d. A.)

Allerdings gehen die Möglichkeiten heutiger Forschung weit über das hinaus, was die Chemiewaffenkonvention abdecken kann. Während Ethiker wie Dando ihre Kollegen zu mehr Sensibilität für die Verwendung ihrer Forschung aufrufen, macht der kalifornische Neuro-Lobbyist Zack Lynch den entsprechenden Stellen die „Neuro-Kriegsführung“ der Zukunft schmackhaft: Wäre es nicht wunderbar, Feinde gedanklich umpolen zu können, anstatt sie auszuschalten? Ethische Bedenken lässt er außen vor; wie oft der Versuch, einen Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen, gerade auch in der jüngsten Geschichte des Kalten Kriegs schief gegangen ist, scheint ihn nicht bedenklich zu stimmen.

Ein entsprechendes Forum bietet auch das zweijährlich hierzulande stattfindende Europäische Symposium für nicht-tödliche Waffen. Dort stellen Wissenschaftler aus aller Welt ihre neuesten Innovationen zur Kontrolle von Menschen vor. In seinem Roman „Der futurologische Kongress“ beschrieb der Science Fiction-Autor Stanislaw Lem schon 1971 eine Welt, in der psychedelische Substanzen freizügig im Namen der inneren Sicherheit eingesetzt werden. Die ethische Problematik ergibt sich tatsächlich nicht erst dadurch, dass klinische Forschung zum Nutzen der Menschen auch zu ihrem Schaden eingesetzt werden kann – bei bestimmten Projekten ist dies von Anfang an das erklärte Ziel. In Lems Beispiel führt das schließlich in eine Welt, in der die Menschen in einer vollständigen pharmakologischen Illusion leben. Schöne neue Neuro-Waffen.

Quelle: Dando, M. (2009). Biologists napping while work militarized. Nature 460, S. 950-951.

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Hase und Igel“

    Hallo,

    Generell (pauschal?) muss immer wieder gesagt werde, dass es immer (einen) Menschen geben wird, der Wissen und den daraus abgeleiteten (praktischen?) Nutzen dazu verwenden wird, über andere Menschen Macht auszuüben (… in seinem Sinn zu manipulieren, zu unterdrücken, zu versklaven oder gar zu vernichten). Die so genannte Militärtechnik ist wohlmöglich nur die Spitze des Eisberges, sich zunehmend neurowissenschaftlicher oder (molekular-) biologischer Technologien zu bedienen. In leicht verfremdeter Form einer Rechtsfloskel kann im Zweifelsfall alles gegen einen (Menschen) verwendet werden. Das ist Fakt! Ebenso ist Fakt, dass nur das an Kriegswaffen verboten werden kann, was bekannt ist oder vielleicht sogar verwendungsfertig auf dem Tisch liegt. Es war schon immer im Sinne der Waffentechnik, (insgeheim!) Waffen zu entwickeln, die sonst niemand sonst kennt! Mit der Waffentechnik ist es so, wie mit Doping. Diejenigen, die es darauf anlegen neues und effizienteres zu finden, werden immer einen (zumindest zeitlichen) Vorsprung haben … und diesen Vorsprung auch nutzen. Was nach dem Bekanntwerden geschieht ist erst einmal hypothetisch und bis sich ein Verbot praktisch (und im Sinne von vollziehbar) durchsetzen lässt, wird es angewandt und umgesetzt!

    mfG

  2. Oh, Super

    *…macht der kalifornische Neuro-Lobbyist Zack Lynch den entsprechenden Stellen die „Neuro-Kriegsführung“ der Zukunft schmackhaft: Wäre es nicht wunderbar, Feinde gedanklich umpolen zu können, anstatt sie auszuschalten?*
    Tjaja, so was ähnliches hat Fritz Haber auch mal über Kampfgas dedacht…

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