Neuro-Enhancement: Hoch oben im Elfenbeinturm

Pillengehirn Das Memorandum hat aus meiner Sicht zwei große Defizite: Erstens begründet es nicht, warum „Neuro-Enhancement“ überhaupt etwas Gutes ist. Zweitens verpasst es die Chance, schon heute bestehende Ungerechtigkeiten zu kritisieren.

Zugegeben, die sieben Expertinnen und Experten aus der Medizin, Medizinethik, Philosophie und Rechtswissenschaft haben sich um eine ausführliche Abwägung von Für und Wider bemüht und dabei eine Reihe von Einwänden juristisch und ethisch abgeklopft. Beim Lesen ergibt sich aus den vielen Relativierungen aber auch der Eindruck, dass sie sich nicht auf eine konkrete Stellungnahme einigen konnten. Das mag der Natur dieses Texts geschuldet sein, der so viele verschiedene Personen und Perspektiven zusammenführt. Zudem habe ich ein paar Inkonsistenzen ausgemacht, bei denen dies den Autoren meines Erachtens nicht gut gelungen ist.

„Doping“ oder „Enhancement“?

Den aus dem Englischen stammenden Begriff ziehen sie als „neutrale Alternative“ der Verwendung von „Hirndoping“ oder „Medikamentenmissbrauch“ vor. Dabei verkennen sie aber, dass in Übersetzungen wie „Erhöhung“, „Erweiterung“, „Vergrößerung“, „Aufwertung“ oder „Verbesserung“ eine eindeutig positive Wertung enthalten ist. Zur verdeckt positiven Voreinstellung der Autoren passt auch die Selbstdarstellung des Gremiums. In der Pressemitteilung (PDF) zur öffentlichen Veranstaltung heißt es nämlich, man habe die „Stichhaltigkeit der Bedenken, die gegen die medikamentöse Verbesserung psychischer Eigenschaften vorgetragen werden“, untersucht.

Die Frage, inwiefern „Neuro-Enhancement“ mit Doping im Sport vergleichbar ist, das sie für „fraglos betrügerisch“ (S. 11) halten, lassen die Autoren ebenfalls im Raum stehen. Wenn es aber darum geht, ein Gegenargument zu entkräften, dann ist ihnen das Beispiel eines dopenden Spitzensportlers plötzlich recht und billig. Hier wie dort ist an vielen Stellen der Konkurrenzdruck groß; hier wie dort entscheiden Prüfungssituationen darüber, wer den großen Preis bekommt und wer sich auf den hinteren Plätzen allenfalls übers Dabeisein freuen kann; hier wie dort stehen Erfolg, Geld und Ruhm auf dem Spiel; hier wie dort ist die Verlockung groß, sich mit neuen Mitteln anderen gegenüber einen Vorteil zu verschaffen und dabei die eigene Gesundheit zu riskieren. Angesichts dieser frappierenden Ähnlichkeiten sollte man davon ausgehen dürfen, dass gewichtige Gründe gegen das Doping im Sport auch gegen ein „Enhancement“ sprechen; und wenn nicht, dann darf man hierfür wenigstens eine gute Begründung erwarten. Vielleicht ist die intuitive Rede vom „Gehirndoping“ doch nicht so falsch, wie es sich die Autoren vorstellen.

Wie gut die Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit eigentlich ist, das verraten die Autoren uns aber nicht. Ebenso wenig, ob das für jede beliebige Steigerung gilt oder es auch ein „Zuviel des Guten“ gibt. Dabei ist psychologisch längst bekannt, dass überdurchschnittliche Intelligenz kein Garant für ein gelingendes Leben ist, sondern Menschen umgekehrt auch darunter leiden können. Den Autoren fällt dazu ein, dass Leistungssteigerungen mit vorhandenen Mitteln – wie Denksport, Coaching oder Meditation – durch „besonderes Ansehen“ belohnt werden (S. 2). Diese Analyse hilft uns für den Fall des „Neuro-Enhancements“ jedoch nicht weiter. Schließlich steht hier gerade zur Debatte, ob beispielsweise das Schlucken von Pillen ebenfalls ein hohes Ansehen rechtfertigt. Gemäß der Vorstellung, die in der Redewendung „Übung macht den Meister“ transportiert wird, ist dies alles andere als sicher.

Von den sieben Experten wird auch eine prinzipielle Unterscheidung von Eingriffen ins Gehirn gegenüber Lernvorgängen für den Geist abgelehnt – „die funktional-dualistische Prämisse dieser Auffassung ist heute nicht mehr tragfähig“ (S. 3). Zum Schutz der Kinder, der den Experten am Herzen liegt, wollen sie dann aber doch nicht darauf verzichten, körperliche und seelische Eingriffe unterschiedlich zu regeln. Das Recht könne darauf nicht verzichten, erfahren wir als Begründung. Wie denn aber nun? Spielt die Ebene, auf welcher der Eingriff erfolgt, ob Geist oder Gehirn, eine Rolle oder nicht? Und wenn ja, warum dann nur bei Kindern, nicht aber bei Erwachsenen?

Chance verspielt?

Einen großen Teil ihrer Überlegungen widmen die Autoren schließlich der Leistungsgesellschaft, dem sozialen Zwang und der Verteilungsgerechtigkeit. Eine Verschärfung der bestehenden Missstände durch „Neuro-Enhancement-Präparate“ möchten sie vermeiden – sie können sich aber auch nicht wirklich dazu durchringen, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren. Dabei bietet die Diskussion um das „Enhancement“ die einmalige Chance, solche Entwicklungen genauer unter die Lupe zu nehmen, die seit Jahren die Verteilung in unserer Gesellschaft zunehmend verzerren. Anstatt ihn als ungerecht anzuprangern und eine Lösung vorzuschlagen, erheben sie den Status quo lieber zur Messlatte für die Zukunft: „Dass wir uns oft an Neurungen des alltäglichen Lebens anpassen müssen, ist in unserer technisierten Gesellschaft weitgehend akzeptiert. […] Doch dass lernen und sich anstrengen muss, wer im sozialen Wettbewerb erfolgreich sein will, gehört zu unserer Lebensform“ (S. 7). Und schließlich: „Unsere Gesellschaft mutet uns schon jetzt erhebliche Risiken und den entsprechenden Druck zur Anpassung zu“ (S. 8).

Mit dem Verweis auf noch näher zu bestimmende Standards der „sozialen Adäquatheit“ vermeiden es die Autoren hier, klar zu den bestehenden und sich entwickelnden Verhältnissen Stellung zu beziehen. Eine Antwort darauf, wie viel sozialer Druck vertretbar ist, wird man im Memorandum also nicht finden. Die Verweise auf das, was vermeintlich bereits in unseren Gesellschaften akzeptiert ist, hilft ebenfalls nicht weiter. Denn lange Zeit galten auch Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Stand und Rasse – in manchen Ländern bis heute – als „gesellschaftlich akzeptiert“, ohne dass sie deshalb ethisch unbedenklich wären. Außerdem überraschen die Autoren hier damit, mit „lernen und sich anstrengen“ auf ein Ideal von Leistung und Entlohnung zu verweisen, das durch psychopharmakologische Leistungssteigerungen gerade unterminiert wird. Schließlich wäre ein Erfolg, der nur durch „Neuro-Enhancement“ ermöglicht wurde, eben keine Entlohnung mehr für „lernen und sich anstrengen“, sondern für Pillenschlucken

Wie frei ist frei?

Die Autoren machen sich im gesamten Text für die Freiheit des Einzelnen stark, über sich selbst zu bestimmen. So schön sich diese Freiheit auf dem Papier auch liest, muss man sich ebenfalls mit der Frage beschäftigen, inwiefern die Menschen von ihr im Fall des „Neuro-Enhancements“ tatsächlich Gebrauch machen können. Im Wechselspiel zwischen dem Leistungsdruck der Gesellschaft, dem erhofften Nutzen, den Gewinninteressen der Vermarkter der Präparate sowie den unbekannten Konsequenzen eines direkten Eingriffs in das Gehirn, könnte diese Freiheit leicht auf der Strecke bleiben.

Die Autoren weisen zu Recht darauf hin, dass beim heutigen Wissen noch kein Präparat vorhanden ist, das einen erwiesenen Nutzen ohne das Risiko ernsthafter Nebenwirkungen bringe. Aber unter welchen Umständen wäre man wirklich dazu in der Lage, Risiko und Nutzen gegeneinander abzuwägen?

Das Wissen, das dem Einzelnen eine vernünftige Kosten-Nutzen-Abwägung ermöglichen würde, zeichnet nicht jedoch einmal am Horizont ab. Schlimmer noch: Es sind noch nicht einmal die Voraussetzungen dafür geklärt, welchen Kriterien entsprechende wissenschaftliche Studien genügen müssten. Die Autoren räumen selbst ein, dass erst einmal zentrale Begriffe wie „Persönlichkeit“, „Authentizität“ oder „Selbstentfremdung“ zu klären sind. Die Entscheidung für einen Kopfsprung in einen schlammigen Teich, mit dem die Entscheidung fürs „Neuro-Enhancement“ bis auf Weiteres verglichen werden muss, wird aber gerade nicht als ein Beispiel für eine selbstbestimmte Entscheidung angesehen, sondern für Leichtsinn und Dummheit. Die geschätzten 1,4 bis 1,9 Millionen Medikamentenabhängigen, die wir schon heute laut Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums in Deutschland haben, stellen einen weiteren Beleg dafür dar, dass viele Erwachsene nicht verantwortungsvoll mit potenten Medikamenten umgehen können.

Was also tun?

Ein generelles Verbot von „Neuro-Enhancement-Präparaten“ lehnen die sieben Experten entschieden ab. Aufgrund des Verfassungsgrundsatzes der Verhältnismäßigkeit komme es allenfalls als „Ultima Ratio“ infrage. Allerdings sind alle bisher diskutierten Präparate entweder Nahrungsergänzungsmittel und wahrscheinlich wirkungslos oder als Medikamente und Drogen reguliert – durchaus mit strafbewehrten Verboten. Da die Autoren sich auch für zukünftige Mittel an den bestehenden Regulierungen orientieren wollen, ja sogar einräumen, dass reine „Enhancement-Präparate“ einem höheren Sicherheitsstandard genügen müssten als Medikamente, stellt sich die Frage, gegen welchen Standpunkt man hier eigentlich argumentiert. Noch einmal: Es gibt unter den bestehenden Gesetzen keinen freien Handel mit allen bisher diskutierten und wahrscheinlich potenten Mitteln. Die gesetzliche Empfehlung des Expertengremiums liest sich schließlich wie folgt:

Es gibt gute Gründe, das offenbar schon heute vorhandene Bedürfnis nach pharmakologischer Unterstützung der Psyche zu enttabuisieren: Pharmaunternehmen müssten gesunde Menschen nicht länger krankreden, um deren Bedürfnisse nach Neuro-Enhancement-Präparaten (NEPs) bedienen zu dürfen. Enhancement-Interessenten müssten sich umgekehrt nicht länger krank stellen, Ärzte nicht länger so tun, als würden sie Störungen behandeln, wenn sie NEPs einsetzen. Das solidarische Gesundheitswesen müsste nicht länger für solche scheinbaren Heilbehandlungen bezahlen. Und schließlich ließen sich Gesetze und Zulassungsbestimmungen so modifizieren, dass sie Forschungsprojekte ermöglichen würden, die zukünftig die Entwicklung von NEPs verfolgen könnten. (S. 11)

Ob diese Rechnung aufgehen würde, das darf jedoch bezweifelt werden. Wieso sollten beispielsweise Pharmaunternehmen darauf verzichten, gesunde Menschen krank zu reden, wenn sie damit doch ihre Gewinne steigern können? Schließlich ist das die Hauptverpflichtung eines profitorientierten Aktienunternehmens. Wieso sollte jemand darauf verzichten, sich krank zu stellen, wenn er dadurch kostenlosen Zugang zu den Präparaten bekommt und im Fall von Nebenwirkungen die individuelle Verantwortung von sich weisen kann? Schließlich kann er damit doch seinen eigenen Nutzen maximieren. Und warum beantwortet man nicht zuerst die Fragen nach dem „sozial adäquaten“ Umgang mit den Mitteln, bevor man mehr Geld in Forschungsprojekte mit Medikamenten steckt? Sollte eine derartige Analyse nämlich zu dem Ergebnis kommen, dass der gesellschaftliche Schaden den Nutzen überwiegt (Fünf Gründe gegen Psycho-Enhancement), wäre es absurd, die Entwicklung oder den Test dieser Mittel abseits therapeutischer Anwendungen mit gesellschaftlichen Geldern zu unterstützen. Daher ist meine gegenteilige Empfehlung, mit einer Lockerung der bestehenden Gesetze bis zur Klärung dieser Fragen zu warten.

Auch wenn das Memorandum der sieben Autorinnen und Autoren als Anstoß zum Nachdenken zu begrüßen ist, bleiben zentrale gesellschafliche Fragen darin offen. Mit seinen Bemühungen, den vielen verschiedenen ethischen, medizinischen und juristischen Aspekten auf einmal gerecht zu werden, richtet es sich vor allem an Akademiker und politische Entscheidungsträger, die sich von Berufs wegen mit dem Thema beschäftigen. Ich frage mich daher, ob Gehirn&Geist der richtige Ort für die Publikation des Memorandums war. Von der medialen Aufmerksamkeit können jetzt aber diejenigen profitieren, welche die Chance nutzen möchten, in zwei Aspekten weiter zu denken: Wie erstens sich die bestehenden gesellschaftlichen Missverhältnisse verringern lassen und zweitens vermieden werden kann, dass sie durch weitere Praktiken noch größer werden.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Neurokapitalismus

    „Dass es einen neuen, einen Neurokapitalismus gibt – oder dass ein solcher im Entstehen begriffen ist-, kann mit gutem Grund postuliert werden. Schliesslich hat sich die kapitalistische Wirtschaftsform als Grundlage moderner liberaler Gesellschaften nicht nur als besonders wandlungsfähig und krisenbeständig erwiesen, sie hat auch in jeder Phase ihrer Vorherrschaft Wissenschaften und Techniken hervorgebracht, um die selbstgenerierten „Betriebsstörungen“ der sie konstituierenden Subjekte zu analysieren, zu mildern – und, auch das einer der kapitalistischen Algorithmen – um sie in den unweigerlich wirksamen Kreislauf von Angebot und Nachfrage einzubinden.“ MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 721, Juni 2009

    http://neurokapitalismus.com/

  2. auf den Punkt

    danke stephan, du hast einige sachen sehr gut auf den punkt gebracht, die mir auf subtilere weise auch aufgefallen sind, zu deren formulierung es mir aber noch gefehlt hat. ein schwachpunkt des memorandums liegt für mich auch darin, dass kein pharmazeut an dem text beteiligt war. immerhin geht es hier zentral um pharmakologische fragestellungen.
    zugegeben, die zahlreichen ärzte unter den autoren hantieren tagtäglich mit medikamenten. ob sie deswegen wirklich etwas von pharmakologie und der entwicklung von wirkstoffen verstehen, darf man wohl in frage stellen.

  3. @ Vinzenz

    Selbstverständlich, denke ich, „dürfen“ Sie in Frage stellen was immer Ihnen beliebt. Wenn Sie aber nicht den Eindruck der Beliebigkeit erwecken wollen, sollten Sie schon ein Minimum an Gründen dafür angeben – erst recht wenn Sie die Kompetenz einer ganzen Personengruppe, ja sogar Berufsgruppe in Frage stellen, die von ihrem Studium und ihrer ganzen Ausbildung her als besonders kompetent, wenn auch nicht spezialisiert just in dem Punkt gilt und gelten darf, den Sie bezweifeln.

    Mir ist auch nicht klar, ob Sie die Kompetenz von Ärzten in pharmakologischen Fragen ganz allgemein in Frage stellen oder die der ärztlichen Autorinnen des Memorandums, eine davon immerhin eine Berliner Hochschulprofessorin für Psychiatrie.

    Darf ich Sie bei der Gelegenheit fragen, aufgrund welcher Kompetenz Sie sich in der Lage sehen, sich ein derartig ebenso negatives wie weitreichendes Urteil zuzutrauen? Wie Sie bei so hoher Kompetenz, die ich Ihnen jetzt erst mal unterstelle(n muss), meinen „grundsätzlichen“ Beitrag zur Diskussion des Neuro-Enhancement hier Grundsätzliches beurteilen,, würde mich interessieren.

  4. @ Kittel

    Ich habe den Beitrag in Ordnung gebracht und die überflüssigen Kommentare gelöscht. Wahrscheinlich haben Sie den Link nicht geschlossen oder zwei spitze schließende Klammern benutzt. Grundsätzlich kann man weiterhin mittels html-Tag in den Kommentaren verlinken.

  5. @ Vinzenz: ExpertInnen

    Danke, Vinzenz. Aber auch unter PharmazeutInnen gibt es solche und solche. Ich denke beispielsweise an Barbara Sahakian, welche bisher die meisten Experimente zum cognitive enhancement durchgefühert hat und eine der entschiedensten Befürworterinnen ist. Das Positionspapier von Greely et al. aus Nature halte ich darum aber nicht für besser als das Memorandum, eher im Gegenteil.

    Ich kenne auch andere PharmazeutInnen, die keine eigenen Forschungsprojekte zum enhancement Leiten und beispielsweise zugeben, wie viele ungeklärte Fragen es zur Wirkungsweise selbst altbekannter Substanzen (z.B. Amphetamin, > 100 Jahre pharmazeutischer Forschung) noch zu lösen gilt — und dass noch keine Ende in Sicht ist.

    Ich denke, wer sich mit der Komplexität der Neurotransmittersysteme auch nur oberflächlich beschäftigt hat, der muss zugeben, dass aufgrund der vielen Verschaltungen, die mal exzitatorisch, mal inhibitorisch, mal einfach, mal rückgekoppelt auf andere Stationen einwirken, unser Verständnis noch sehr rudimentär ist. Ich erinnere mich auch an einige Diskussionen, bei denen sich herausstellte, dass gemäß den akzeptierten Theorien und der vermuteten Wirkweise einer Substanz eigentlich das gegenteilige Ergebnis zu erwarten wäre als es im Experiment festgestellt wurde (bsp. warum ausgerechnet ein Stimulans bei einer Patientengruppe, die nach der allgemeinen Vorstellung ohnehin schon hyperaktiv ist, die Symptomatik verbessert).

    Mehr noch als einen Pharmazeuten hätte ich mir allerdings gewünscht, in der Projektgruppe hätte man auch einen Epidemiologen gehabt. Der hätte den Autorinnen und Autoren vielleicht einmal erklären können, was für ein immenser Aufwand betrieben werden müsste, um das einzulösen, was von der empirischen Forschung erhofft wird (bezüglich der Wirkweise, kurz- und langfristigen Nebenwirkungen).

    Im Zusammenhang mit der Schweinegrippe habe ich ein Interview mit einem Epidemiologen gelesen, in dem kritisiert wurde, zu den Nebenwirkungen der Impfstoffe verfüge man „nur“ über die Daten weniger zehntausend Probanden — das erlaube es noch nicht, die Häufigkeit seltener Nebenwirkungen zuverlässig abzuschätzen. Jetzt halte man sich vor Augen, wie groß die Gruppengrößen der enhancement-Experimente so sind (zwanzig Versuchspersonen?) und dass dies meist gesunde, junge und risikobereite Männer sind, die für ein Honorar ein oder zweimal Versuchskaninchen spielen. Und jetzt denke man noch daran, im Fall der Schweinegrippe geht es wenigstens um eine zumindest potenziell gefährliche Erkrankung, nicht bloß um den Wunsch, ein bisschen besser zu sein als die anderen.

    Angesichts all dieser Überlegungen, da muss man doch eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass unsere Gesellschaft ganz andere Probleme hat, als Geld in die enhancement-Forschung zu stecken!

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben