Mutter Natur oder Vater Schöpfer?

Die Frage, ob sich die Entstehung des Lebens und der Lebewesen im Universum am besten biologisch oder durch Annahme eines intelligenten Schöpfers erklären lässt, erhitzt nach wie vor die Gemüter. In der aktuellen Technology Review beschreibt die allgemein von mir geschätzte Redakteurin Veronika Szentpétery die Funktion von „Mastergenen“, welche die Entwicklung komplexer Lebensformen erklären würden.

Diese Mastergene würden verdeutlichen, wie bereits kleine Mutationen zu großen Änderungen eines Organismus führten. Im Labor sei gezeigt worden, dass Manipulationen dieser Gene beispielsweise dazu führen könnten, dass Insekten ein weiteres Bein am Kopf wachse. Außerdem würden sich unterschiedlichste Arten diese Mastergene teilen, was darauf hindeute, dass sie schon vor vielen hundert Millionen Jahren vorhanden gewesen seien.

So spricht alles dafür, dass auch die Entwicklung des Menschen […] nicht auf dem Eingreifen eines intelligenten Entwicklers beruht – sondern schlicht darauf, dass die Natur einer Reihe von alten Genen neue Tricks beigebracht hat. (S. 90)

Ich will hier für keine der Positionen Stellung beziehen. Offen gesagt finde ich die Diskussion unergiebig, denn sie bezieht sich auf Vorgänge, die im Laufe vieler hundert Millionen Jahren passiert sind. Viel spannender finde ich die Frage, wieso durch das neuronale Feuern in meinem Gehirn gerade jetzt bewusste Erlebnisse entstehen; und das Gehirn, das diese Erlebnisse erzeugt, lässt sich im Gegensatz zur Evolution auch live untersuchen und nicht nur im abstrakten Rückblick. Es sollte doch eigentlich klar sein, dass wir darüber nur spekulieren können, wie das Leben entstanden ist, was vor Urzeiten geschah. Eine Simulation im Labor, die einem Insekt ein Bein wachsen lässt, mag vielleicht eine mögliche Erklärung dafür nahe legen aber kann prinzipiell nicht beweisen, was über viele hundert Millionen Jahre hinweg geschehen ist.

Wunder der Natur oder Intelligenz des Schöpfers?Ich sehe das jedenfalls so: Wenn man die Entstehung des Lebens und der Lebewesen durch Mutation und natürliche Selektion erklären will, dann hat man zwei Probleme. Erstens rekurrieren Mutationen auf die Idee des Zufalls – und damit ist man in schwierigen metaphysischen Gewässern. Eine Erklärung, die letztlich den Zufall bemühen muss, ist meines Erachtens gar keine gute Erklärung, denn sie lässt offen, was wirklich geschah; schlimmer noch, mündet Zufall doch in einer ignorabimus-Position: wir werden es prinzipiell nie genau wissen können. Zweitens erklärt die Idee der natürlichen Selektion bestenfalls die Erhaltung, nicht aber die Entstehung der Arten. Das heißt, damit etwas aufgrund seines Überlebensvorteils selektiert werden kann, muss es erst einmal da sein. Wenn es aber schon da ist und sich aufgrund seines Vorteils durchsetzt, dann ist das zwar eine plausible Erklärung für die Erhaltung (weil es eben von Vorteil war), nicht aber für die Entstehung (denn es muss ja schon da gewesen sein, um selektiert zu werden).

Am Rande möchte ich noch die Quine-Duhem-These und das Argument der empirischen Unterdeterminiertheit aus der philosophischen Trickkiste ziehen: Wissenschaftsphilosophen haben gezeigt, dass es zu jeder wissenschaftlichen Theorie eine Alternative zu geben scheint, welche genauso gut zu den empirischen Daten passt. Woher sollen wir dann wissen, welche Theorie zu bevorzugen ist? „Mastergene“ schön und gut. Aber seien wir doch mal ehrlich: Allein der Blick auf die Wissenschaftsgeschichte zeigt uns, dass sich Erklärungen turnusmäßig abwechseln. Heute mögen die Mastergene „in“ sein, morgen kommen die Wissenschaftler vielleicht schon wieder auf eine andere Idee. Warum sich also so über diese Frage, bei der es um Spekulation geht, so ereifern?

Quelle: Technology Review 10/2007, „Neue Tricks für alte Gene“, S. 89-90.

Foto: © guedo / PIXELIO

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Warum sich also so über diese Frage, bei der es um Spekulation geht, so ereifern?“

    Weil es um den Kern der Welt und damit auch um das Selbstverständnis des Menschen geht. Blaise Pascal hat im Angesicht des Kosmos gesagt: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.“ Und der Versuch, dieses Schweigen zu brechen, eine Antwort darauf zu bekommen, warum überhaupt etwas sei, und nicht vielmehr nichts, ist meiner Ansicht nach nur allzu legitim.

    Antworten habe ich auch keine. Die der Kreationisten laufen auf eine aufgewärmte Form der Physikotheologie hinaus, die der Naturwissenschaftler (wie bei Pascal zu sehen)auf existenzialistische Verzweiflung, oder, öfters noch, auf eine unausgesprochene Vergötterung dessen, was sie als „objektiv“ bezeichen. Denn irgendein Absolutum suchen auch sie.

    Wie gesagt: keine Antworten. Nur die: man sollte weiter versuchen, das Schweigen der unendlichen (Zeit)räume zu brechen.

  2. Mutter oder Vater

    Wenn, dann Mutter Schöpferin und Vater Lenker. Als die Natur noch nicht emanzipiert war, war es leichter mit der Lenkung! 🙂

  3. 1 : 1

    Warum wird es als seriös, wissenschaftlich und anerkannt angesehen, wenn sich die Welt aus dem Zufall heraus entwickelt hat? Geht man hingegen von einem Schöpfergott aus, kommt man aus dem Mittelalter, ist vielleicht gar dumm usw. Wo ist der Vorteil des Zufalls gegenüber eines Schöpfergotts?

    Es soll doch jeder glauben, was er will. Der eine an den Zufall, der andere an Gott. Es spricht für beides genausoviel wie dagegen. Es ist eine Glaubensentscheidung oder wie kann sich die Annahme des Zufalls auf wissenschaftliche Beweise gründen?

    Leider kann man mit vielen Jüngern der Wissenschaftsgläubigkeit nicht über so etwas sachlich diskutieren.

  4. 1:1

    Ganz so einfach (anything goes..) ist es, glaub‘ ich, nicht. Schon deshalb nicht, weil man einem „Schöpfergott“ (sei’s ein guter, sei’s ein böser) eine Intention, eine Absicht unterstellen kann, dem Zufall aber nicht.
    Lehrreich finde ich diese Debatten insofern, als sie fast mehr über den MENSCHEN als über die Natur sagen: sie zeigen, wie er sich gerne sähe. Aufgehoben nämlich, aufgehoben in einem Gott oder in einem Naturzusammenhang. Nur klappt es halt in beiden Fällen nicht so recht: er wird immer wieder auf sich selbst zurückverwiesen, er ist der Urheber seiner Überzeugungen von sich und der Welt.
    Von diesem Gedanken kann man einen gesunden Anthropozentrismus ableiten: der Mensch IST der Mittelpunkt der Welt. Es geht um uns. Punktum.

  5. Guter Beitrag!

    Danke für diesen gut informierten, sachlichen Beitrag zu einem wirklich „heißen“ Thema.

    Sie haben auch sehr richtig erkannt, dass „survival“ of the fittest nicht dasselbe ist, wie „arrival“ of the fittest. Für das „survival“ bietet die Selektionstheorie eine gute Erklärung und wurde im Prinzip (mit auf „survival“ beschränkten Anspruch!) auch schon vor Darwin von Kreationisten (E.Blyth) diskutiert bzw. formuliert. „Arrival“ ist allerdings auch durch Darwin nicht erklärt worden und bis heute Gegenstand von Kontroversen.

  6. Hm, ist es für die naturwissenschaftliche Methodik relevant, ob die erste lebende Zelle unabsichtlich zufällig oder absichtlich göttlich entstanden ist? Meines Erachtens kann die Naturwissenschaft überhaupt keine Aussage dazu machen. Nehmen wir mal an, man könnte im Labor aus toter Materie eine lebende Zelle erzeugen. Das geschah dann auf jeden Fall nicht zufällig, sondern gewollt. Was sagt das aus?

    Wie oben von mir geschrieben, kann jeder glauben, was er will. Doch sich für den Glauben an den Zufall auf die Naturwissenschaft zu berufen, das geht nicht. Wird aber gemacht. Und das stört mich.

    Und den anderen Aspekt, den sie angeschnitten haben, wieso soll der Mensch immer Urheber seiner Überzeugungen sein? Das träfe ja nur zu, wenn es Gott nicht gäbe oder wenn er nicht eingreift. Das können sie zwar behaupten, aber ob es der Wahrheit entspricht? Haben Sie erhärtende Beweise?
    Ich sehe das anders und ich habe meine Gründe dafür. Ich habe gewisse Überzeugungen, weil Gott in meinem Leben eingegriffen hat. Das können Sie natürlich als Einbildungen oder gar Krankheit, als Wahn (Gotteswahn ist gerade so schön aktuell 😉 ) abtun.

    Es bleibt 1 : 1

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben