Keine Zeit für kritische Philosophie auf 3sat?

In meinem letzten Beitrag über "Wissenschaftsdoping" habe ich auf die Fernsehsendung nano auf 3sat hingewiesen, in der heute ein Bericht über Psycho-Enhancement läuft. Wie mir der Autor eben mitteilte, wurden sowohl die Statements Dr. Thorsten Galerts von der Europäischen Akademie in Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH als auch meine komplett gestrichen, nachdem wir mit mehreren Stunden Arbeit am Entstehen des Beitrags beteiligt waren.

Hat man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen etwa keine Zeit mehr für kritische Philosophie? Es darf spekuliert werden. 

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. SCNR

    SCNR,

    aber DAS

    http://www.youtube.com/watch?v=-Ux3-a9RE1Q

    könnte als Hymne aller Blogger (auch meiner selbst!) durchgehen. Man muss sich nur ein wenig auf den Text einlassen, und wissen, dass der „Rolling Stone“ für die Musikszene das ist, was „Nature“ für uns Naturwissenschaftler ist.

    Und noch besser – für die, die wissen wollen, was für Gestalten (Dr. Hook and the Medicine Show Band) dahinterstecken:

    http://www.youtube.com/watch?v=fQSQJcs6ci8

    Du /Ich/Wir sollten an unserem visuellen Auftritt arbeiten. Mit DEN Visagen, mit DEM Outfit und mit einer Promotion in der Tasche brächten wir’s in JEDE Fernsehsendung zu wissenschaftlichen Themen. (-> Nigel Dingsbums, der Punk-Geiger). Die Frage ist halt nur, ob wir’s aus den Fernsehsendungen auch wieder zurück an unsere Almae matres brächten…

  2. Filternde Medienwelt

    Zunächst ist ein solcher Umgang mit engagierten Wissenschaftlern schlicht unfair und unsachlich. Offenbar war die Redaktion nicht imstande einen reflexiven Umgang mit dem Thema zu üben.

    Ich denke, dass kritisch-reflektierende Wissenschaftler nicht in das „geglättete“ Wissenschaftsbild passen. Nicht nur einmal bin ich gerade bzgl. Neurowissenschaften bei 3Sat über recht einseitige (glatte) Beiträge „gestolpert“. Nun weiß ich, wie das zustande kommt. Auch Online-Beiträge sind dort oft einseitig.

    Kritisches Denken fällt vielen zu schwer, ist zu anstrengend und zwingt uns die beliebte Linearität unseres Denkens zu verlassen…..

    Vielleicht hülfe der 3Sat-Redaktion vor Sendungsplanung die Lektüre von Dietrich Dörner: „Die Logik des Mißlingens: strategisches Denken in komplexen Situationen.“ ;-)))))

    Andersherum ist es für mich ein Hinweis, dass die Redaktion divergierende wissenschaftliche Standpunkte in einer Sendung offenbar schlicht nicht „organisieren“ kann…..

  3. Missverhältnis

    Lieber Herr Schleim, ich kann nur allzu gut verstehen, wenn Sie über ein solches Vorgehen verärgert sind.
    Ich erlebe es auch immer wieder, dass der Aufwand, den man treibt, und das schlussendliche Ergebnis in den Medien in einem krassen Mißverhältnis stehen. Es geht mir nicht darum, dass man nicht an einem guten Beitrag mitarbeiten möchte, sondern dass von seiten der Redaktion zu unklar bleibt, was genau eigentlich gewollt wird. Denn oft sind es doch nur 2-3 Schlüsselsätze, die gebraucht werden und die man bei entsprechender Planung in 15 Minuten drehen könnte.
    Überzogen ist auch der Anspruch mancher Wissenschaftssendungen, quasi auf eigene Faust echte Wissenschaft zu machen – was anfänglich naiven Beteiligten unendlich viel Zeit und Nerven kosten kann, ohne besonderen erkennbaren Gewinn.
    Ich denke, Wissenschaftler müssten den Umgang mit Medien viel konsequenter regulieren und mit klaren Absprachen klare Grenzen setzen. Es ist ohnehin erstaunlich, wie viele andere an Wissenschaft/lern verdienen, während diese selbst ehrenamtlich tätig sind (Manuskripte schreiben, Interviews geben, Reviews erstellen usw.).

  4. Vielen Dank erst einmal…

    …für diese Solidaritätsbekundung.

    Helmut, eine Gruppe um den Wissenschaftssoziologen Weingart aus Bielefeld hat einmal festgestellt, dass Wissenschaftler, die in den Medien auftreten, in der Gunst ihrer Kollegen sinken — so viel also zur Rückkehr an die alma mater. Vielleicht sollte man sich an die Empfehlung Benjamin Libets halten: Get tenure first! Aber es gibt so wenige unbefristete Stellen heutzutage, dass man dann wirklich sehr lange schweigen müsste.

    Frau Armand, ja, man weiß noch nicht mal, wem man nun den Vorwurf machen soll — der Autor schiebt’s auf die Redaktion, die Redaktion wahrscheinlich auf ihr Publikum und das, ja, das ist nun anonym. Sind wir selbst daran Schuld, wenn wir weichgespülte Sendungen, auch über Wissenschaft, bekommen?

    Herr Hoppe, ich kann dem nur beipflichten und sehe das mit dem Missverhältnis der Beteiligung und Bezahlung ebenso. Man trägt als „kooperierender“ Wissenschaftler das Risiko ganz alleine, dass man beispielsweise in einem fünfzehnminütigen Interview mal etwas Falsches sagt und die Redaktion sich genau für diesen einen Satz entscheidet. (So stellte mir der Autor beispielsweise die Frage, ob ich die Ergebnisse Stefan Knechts aus Münster anzweifle, bloß, weil mir die Daten, die der Autor laienhaft über dessen Forschung referierte, etwas übertrieben vorkamen; das sind aber vielleicht die Statements, die sich eine Fernsehredaktion wünscht.) Umgekehrt appellieren die Journalisten dann gerne an das Ehrgefühl eines Wissenschaftlers und berufen sich darauf, man sei ja angestellter im öffentlichen Dienst und so weiter. In dem System ist der Wurm drin aber vielleicht sind die Blogs ja ein Ausweg.

    Zum Schluss noch eine Erfahrung, die ich kürzlich im Zusammenhang mit einem Medientraining für Wissenschaftler gemacht habe: Da wurde immer betont, seine Ergebnisse unterhaltsam und vereinfacht darstellen zu können — dass man sie bitteschön auch korrekt darstellen soll, das stand nicht auf der Tagesordnung.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben