Gehirndoping: Immer mehr leisten?

PillenbergIn der Debatte um das Gehirndoping wird oft unterstellt, geistige Leistungsfähigkeit sei etwas Gutes und damit sei auch ihre Steigerung ein Gut. Hier möchte ich dies bezweifeln und im Gegenzug auf Risiken der Immer-mehr-Mentalität hinweisen.

Auf den ersten Blick scheint in der Tat einiges dafür zu sprechen, dass geistige Leistungsfähigkeit ein Gut ist. Schränken wohlhabende Staaten nicht die Freiheit von Eltern und ihren Kindern ein, wenn es etwa um die Schulpflicht geht? Werden alljährlich nicht Milliarden in Bildung und öffentliche Aufklärung investiert, um eine Leistungssteigerung zu erzielen? Ist allgemein verbindliche Bildung nicht eine kulturelle Errungenschaft, auf die wir stolz sein dürfen? Dafür sprechen viele Gründe, denn eine Teilhabe an vielen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen setzt das Beherrschen bestimmter Fähigkeiten voraus; umgekehrt hängt unser gesamtgesellschaftlicher Wohlstand davon ab, dass von der Reinigungskraft bis zum Manager die Menschen ihre Aufgaben verstehen und entsprechend umsetzen können.

Sollten wir daher neue Möglichkeiten zur geistigen Leistungssteigerung, wie sie uns nun in Form von Pillen oder anderen technischen Innovationen in Aussicht gestellt werden, nicht durchweg begrüßen? Tatsächlich werden die neuen Verfahren im akademischen Fachdiskurs gerne mit bestehenden Lernmethoden verglichen. Da auch Sport, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Unterricht das Gehirn verändern und zum Zwecke der Verbesserung durchgeführt würden, seien Medikamente zur Leistungssteigerung wahrscheinlich moralisch äquivalent, folgerten beispielsweise vor gut einem Jahr der Stanford-Professor Henry Greely und Kollegen in einem einflussreichen Positionspapier in der Fachzeitschrift Nature. Ihr Fazit lautete, dass sichere und effektive Gehirndoping-Präparate sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft nützen.

Verbesserung nicht gleich Verbesserung

Was auf den ersten Blick überzeugend klingt, könnte bei einer näheren Analyse ganz anders aussehen. Unter Bioethikern ist beispielsweise die Trennung zwischen Maßnahmen zur Therapie von Krankheiten und solchen zur Verbesserung eines gesunden Zustands weit verbreitet. Auch wenn sich Therapie und Verbesserung ebenso wie Krankheit und Gesundheit nicht immer scharf voneinander trennen lassen, ist man sich doch weitgehend über eine unterschiedliche ethische Bewertung einig. So seien sowohl Risiken und Nutzen als auch die Kostendeckung durch gesellschaftliche Institutionen im Fall der Therapie stärker im Sinn der Maßnahme zu bewerten. Das heißt, dass der Nutzen bei der Krankheitsbehandlung stärker wiegt und Risiken sowie eine solidarische Verpflichtung zur Hilfe eher akzeptiert werden. Anhand dieser Unterscheidung lässt sich nun verdeutlichen, dass Verbesserung nicht gleich Verbesserung ist: Ob eine Maßnahme beispielsweise darauf abzielt, einen Sehbehinderten oder einen Normalsichtigen besser sehen zu lassen, ist durchaus moralisch, gesellschaftlich und rechtlich relevant.

Mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf lässt sich nun auch der Idee auf den Zahn fühlen, dass eine geistige Leistungssteigerung prinzipiell etwas Gutes ist. Dabei kann zumindest in demokratischen Gesellschaften schnell ein Konsens darüber hergestellt werden, dass sie zur Ermöglichung einer gesellschaftlichen Teilhabe ein Gut ist. Ein gewisses Maß an Bildung und Aufklärung ist eine Voraussetzung dafür, sich entsprechend zu informieren und an der Diskussion um gesellschaftliche Fragen teilnehmen zu können. Wer seine Interessen hingegen nicht begreifen und entsprechend ausdrücken kann, der ist auch in ihrer Durchsetzung benachteiligt. Daraus, dass ein gewisses Maß an geistiger Leistungsfähigkeit uns wichtige gesellschaftliche Teilhabe überhaupt erst ermöglicht und darum gut ist, lässt sich aber eben nicht ohne Weiteres folgern, dass eine beliebige Leistungssteigerung ebenso wünschenswert ist. Die wichtige Frage ist also, wie viel davon gut ist.

Geistige Leistungsfähigkeit kein Gut in sich

Dass geistige Leistungsfähigkeit kein Gut in sich ist, lässt sich anhand des folgenden Beispiels verdeutlichen: Mit der verbreiteten Meinung können wir sicher soweit mitgehen, dass jemand, der im Rahmen der bestehenden Strukturen eine gute Leistung erbringen möchte, dafür in der Regel Anerkennung erhält. Wie bewerten wir es aber, wenn jemand, der bereits gut ist, noch besser sein will? Wenn jemand, der schon exzellent ist, immer noch besser sein will? Dieses Fragespiel können wir prinzipiell unendlich fortsetzen. Wenn die geistige Leistungsfähigkeit ein Gut in sich wäre, dann müssten wir auf jeder denkbaren Leistungsstufe den Wunsch nach noch mehr Leistung begrüßen. Ab einem bestimmten Punkt würde die Einschätzung vieler aber allmählich umkippen. Der Wunsch, der anfangs noch begrüßt wurde, würde allmählich als ungesunder Zwang, vielleicht sogar als krankhaft verstanden werden. Wir würden womöglich an Arbeitssucht denken und daran, dass ein Unvermögen, sich mit seiner Leistungsfähigkeit zufriedenzugeben, viele Menschen früher oder später „ausbrennen“ lässt.

In seinen Untersuchungen über das gute Leben hat sich der Philosoph Peter Singer, der seit 1999 an der Princeton University lehrt, mit den Risiken eines grenzenlosen Leistungsstrebens befasst. Beispiele fand er dafür in den 1980er Jahren an der Wall Street, die vor unserer Finanzkrise als „Dekade der Gier“ bezeichnet wurden. Den 1985 erfolgreichsten Bankier Dennis Levine zitiert er wie folgt:

„Als ich 20.000 Dollar im Jahr verdiente, dachte ich, ich kann 100.000 Dollar verdienen. Als ich 100.000 im Jahr verdiente, dachte ich, ich kann 200.000 verdienen. Als ich eine Million verdiente, dachte ich, ich kann drei Millionen verdienen. Es war immer einer auf der Leiter über mir, und ich mußte mich einfach ständig fragen: Ist der wirklich doppelt so gut, wie ich bin?“ [1]

Als der ebenfalls sehr erfolgreiche Bankier Ivan Boesky 1982 zum ersten Mal auf der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner auftauchte, sah er darin keinen Erfolg, sondern im Gegenteil eine Schande für sich und seine Frau. Er konnte es nicht ertragen, im Vergleich mit den anderen nur am unteren Ende der Liste zu sein. Beide Beispiele nahmen einen traurigen Ausgang: Sowohl Levine als auch Boesky ließen sich schließlich auf verbotene Insidergeschäfte ein, um ihr ohnehin schon außerordentlich hohes Vermögen weiter zu steigern. Schließlich flogen sie auf und wurden zu empfindlichen Haft- und Geldstrafen verurteilt. Ihr öffentliches Ansehen war ebenfalls dahin. Solche Beispiele, dass bereits Superreiche alles aufs Spiel setzen, um noch reicher zu werden, wiederholen sich bis heute.

Nun mag der Fokus auf den Finanzmarkt sehr selektiv sein. Ein Beispiel über Leistungsdenken im Sport liefert der Segler Stuart Walker, der ein Buch über Wettkampf geschrieben hat:

„Der Sieg stellt uns nicht zufrieden – wir müssen es wieder und wieder tun. Der Geschmack des Erfolgs scheint lediglich den Appetit auf mehr anzuregen. Wenn wir verlieren, ist der Zwang überwältigend, den zukünftigen Erfolg zu suchen. Das Bedürfnis ist unwiderstehlich, am folgenden Wochenende am Rennen teilzunehmen. Wir können nicht aufhören, wenn wir vorne sind, nachdem wir gewonnen haben; und wir können sicherlich nicht aufhören, wenn wir hinten sind, nachdem wir verloren haben. Wir sind süchtig.“ [2]

Leistung mit Maß statt Gehirndoping

Diese Beispiele sowie die vorherigen Überlegungen zur grenzenlosen Steigerung zeigen, dass zwar ein gewisses Maß geistiger Leistungsfähigkeit ein Gut sein kann, sofern es etwa wichtige menschliche Eigenschaften unterstützt oder überhaupt erst ermöglicht. Es kann jedoch nicht pauschal behauptet werden, dass jede Steigerung gut ist. Daher können auch die Befürworter nicht einfach behaupten, das Gehirndoping sei im Grunde gut, da eine geistige Leistungssteigerung prinzipiell gut sei. Die Beweislast liegt bei ihnen.

Quellen:
[1] Peter Singer, Praktische Ethik. Stuttgart, 2. Auflage 1994, S. 421.
[2] In Alfie Kohn, No Contest: The case against Competition, Boston, MA, 1986, S. 111. Zitiert und übersetzt nach Peter Singer, How Are We to Live? Ethics in an Age of Self-Interest, Amherst, NY, 1995, S. 205.
Foto: © Harry Hautumm (El-Fisto) / PIXELIO
Dieser Beitrag ist in weiten Teilen ein Auszug aus einem vorher bei Telepolis erschienenen Beitrag.

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

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  1. Vernunft

    Endlich ´mal ein Blog, der den Begriff ´Leistungssteigerung´ im Zusammenhang mit Gehirndoping in Frage stellt.

    Bisher hat man sich kaum Gedanken darüber gemacht. Wer ist denn leistungsfähiger: derjenige, welcher 20 Stunden arbeitet und es kommt wenig dabei raus – oder derjenige, der in 8 Stunden konzentrierter Arbeit sein Pensum erledigt und hinterher noch in der Lage ist, sich um Familie/Freunde zu kümmern.
    D.h. man sollte überhaupt erst einmal definieren, was man mit ´Leistung´ meint.

    Und wenn man sich mit dem Begriff ´Leistung des Gehirns´ beschäftigt, sollte man sich auch mal über Savants Gedanken machen. Deren Gehirn ist nicht in der Lage, seine Leistung zielgerichtet zu steuern.

  2. Guter Beitrag. Dazu gibt es noch ein weiteres (vermutlich noch viele weitere, aber dieses fällt mir gerad ein) Beispiel:

    Das Siegertreppchen im Sport. Ich glaube, Eckart von Hirschhausen hatte das mal erklärt, dass jemand mit Bronze glücklicher ist (weil er eben noch eine Medaille gewonnen hat) als jemand, der „nur“ Silber hat, Schließlich hätte er auch Gold haben können.

    Gerne wird ja auch vom undankbaren 4. Platz gesprochen, obwohl dann gerade mal drei Leute besser waren…

  3. @Stefan: Monotonie, Utilitarismus, Wille

    Leider verstehe ich von Ethik wenig, aber vielleicht bringt es was, wenn ich diesen Punkt

    „Wie bewerten wir es aber, wenn jemand, der bereits gut ist, noch besser sein will? …. Wenn die geistige Leistungsfähigkeit ein Gut in sich wäre, dann müssten wir auf jeder denkbaren Leistungsstufe den Wunsch nach noch mehr Leistung begrüßen. Ab einem bestimmten Punkt würde die Einschätzung vieler aber allmählich umkippen.“

    in meine Sprache übersetze:

    1) Die Erfüllung von Präferenzen ist monoton. Bsp.: Geld zu haben, ist toll, mehr Geld zu haben, ist immer und auf jeden Fall toller.

    2) Die Erfüllung von Wünschen ist nicht monoton. Bsp.: Im Regen spazieren zu gehen, ist gelegentlich toll, es 15h oder jeden Tag zu tun, aber nicht mehr.

    Ok, stimmt. Nun – so verstehe ich das – willst du einen Schritt weiter gehen und Nicht-Monotonie auf „moralisches Gut“ – im übertragenen Sinne – vererben, so daß folgen würde: Was monoton ist, hat per se nichts mit einem moralisches Gut zu tun.

    Dafür gibt es in deinem Artikel – in aller normativen Naivität formuliert – zwei Möglichkeiten:

    a) Daß einer Präferenz zu folgen (z.B. reich sein) irgendwann nicht mehr optimal ist, mag ein guter Grund sein, einer anderen Präferenz zu folgen (z.B. mehr Zeit für Freizeit oder Familie). Daß es aber auch im normativen Sinne schlecht ist – dafür brauchst du eine zusätzliche Behauptung, z.B. eine utilitaristische Position in der Ethik. Und soweit ich das verstehe, soll dein Artikel KEINE Begründung für eine utilitaristische Position sein, richtig? Vielleicht deute ich den Tenor deines Artikel sogar richtig, wenn ich vermute, daß du gar kein Utilitarist bist.

    b) Die zweite Möglichkeit ist schon vielversprechender – ich zerleg‘ meinen Gedankengang mal …

    i) Autonomie von Personen ist moralisch gut.
    ii) Autonom ist man höchstens dann, wenn man seine eigenen Wünsche erfüllt.
    iii) Seine eigenen Wünsche zu erfüllen, ist nicht monoton.
    iv) Also: Selbst wenn man sich wünscht, z.B. geistig leistungsfähig zu sein, ist die immer weiter gesteigerte Erfüllung dieses Wunsches (irgendwann) nicht mehr im Sinne der eigenen Autonomie und damit moralisch schlecht.

    Ob man i) begründen kann, weiß ich nicht. Als Ethiker bist du da eher am Ball.

    Aber: Bei b) muß man sich nicht auf irgndeinen doofen Utilitarismus einlassen, sondern nur deine These von

    „Das moralische Gute ist nicht monoton.“

    abändern zu

    „Es gibt eine Eigenschaft von Person (z.B. Autonomie), die moralisch gesollt ist und mit Gehirndoping unverträglich ist.“

    M.a.W.: Nicht-Monotonie auf „das moralisch Gute“ zu vererben, ist wenig aussichtsreich. Aber es gibt genug andere Kandidaten, die auf der Schnittstelle zwischen „deskriptiv“ und „normativ“ sitzen und sich für deine Zwecke einspannen lassen.

    Denn der Richtung nach finde ich deine Position vernünftig.

  4. @ KRichard: Kreativität

    In manchen Abteilungen gibt es eine Mentalität gegen denjenigen, der als erster geht. Da natürlich irgendwann einmal jemand gehen MUSS aber niemand der erste sein will, bleiben womöglich alle länger im Büro als sie eigentlich wollen und womöglich für ihre Produktivität gut ist.

    Ich habe selbst schon genug Tage gehabt, an denen ich mehr oder weniger nur dumm auf den Bildschirm gestarrt habe, um Ihrer Einschätzung zustimmen zu können.

    Und meines Erachtens ist das eine der Fähigkeiten, die durch die Stimulanzien befördert wird, nämlich länger einer monotonen Arbeit nachgehen zu können. Bei mir tut’s dann übrigens mal ein Schokokeks. 🙂

    Für eine gute Idee würde ich eher einen ausgedehnten Spaziergang empfehlen.

  5. @ Schewe: the winner takes it all

    Persönlich war ich mit dieser im Sport verbreiteten Form der Bewertung noch nie ganz zufrieden. In bestimmten Disziplinen entscheiden dann Sekundenbruchteile über die Reihenfolge — und wer einen Bruchteil später ankommt, also beinahe genauso gut ist, der darf nicht aufs Treppchen.

    Ich würde es viel besser finden, die individuelle Leistung eines Menschens zu bewerten und dabei auch die Umstände miteinzubeziehen, unter denen beispielsweise trainiert wurde. Wer etwa auch ohne regelmäßiges Höhentraining, das die Sauerstofftransportfähigkeit des Bluts erhöht, ein ähnlich gutes Ergebnis erzielt, der hätte m.E. auch eine Medaille verdient.

    Zugegeben, das ist in unserer Sportindustrie nicht machbar. Es wird eben das Ergebnis, nicht der Weg bewertet.

  6. @ Ekmar: Psychologie und Mathematik

    Der feine Unterschied war: Es ging um die Bewertung der geistigen Leistungsfähigkeit. Das war tatsächlich ein „Argument“ im Memorandum, dass diejenigen zu Recht gelobt werden, die sich verbessern wollen.

    Wenn es ein Argument für die Güte des Enhancements sein soll, dass man dieses Bestreben lobt, dann muss es meines Erachtens auch ein Argument dagegen sein können, wenn ich zeigen kann, dass die Rechnung nicht aufgeht; und ich denke tatsächlich, wie ich im Text geschrieben habe, dass die Bewertung irgendwann umkippt.

    Ich bin weder Ethiker noch Utilitarist, vielleicht höchstens so etwas wie ein Hobby-Ethiker. Aber es ist einfach sehr schwer, für die absolute Güte von etwas zu argumentieren. Gemäß einem bestimmten Utilitarismus wäre es wahrscheinlich das Glück (der größten Zahl), Moore nannte Wissen, Wahrheit und Liebe als Beispiele und aus der buddhistischen Ethik kenne ich die Rede vom Mitgefühl.

    An deinem Ansatz gefällt mir jedenfalls die scheinbare Eindimensionalität nicht so. Es könnte ja beispielsweise sein, dass man für eine Steigerung, auch wenn man sie noch als gut ansehen würde, so viel Aufwand betreiben müsste, dass es nicht mehr rational wäre, sie zu verfolgen; und ich denke, beim Gehirndoping, wo man ja einen Preis bezahlen muss (monetär sowie gesundheitlich), ist die Mehrdimensionalität sehr wichtig. (Z.B. könnte man sich vor einer Entfremdung fürchten und auch dann, wenn man die Steigerung eigentlich begrüßen würde, darum vom Gehirndoping absehen.)

    Kurz noch zu deinem Autonomiebegriff. Die Proposition ii) scheint mir hochproblematisch — ein besonders gieriger, abhängiger oder egoistischer Mensch erfüllt wahrscheinlich auch seine (momentanen) Wünsche, aber ich würde ihn weder als autonom ansehen, noch das für gut halten. Ich bin nun wahrlich kein Kant-Experte aber ich würde erwarten, dass man aus seiner Sicht beispielsweise die Unterwerfung unters Vernunftgesetz als wahre Autonomie ansehen würde.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Argument ist schlicht, (1) weil man eine bestimmte geistige Leistungssteigerung für gut hält, dann folgt daraus noch lange nicht, dass dies für jede geistige Leistungssteigerung gilt. Und mein Gegenbeispiel zeigt hoffentlich, dass (2) manche Steigerungen sogar für schlecht gehalten werden und daher die geistige Leistungssteigerung wahrscheinlich nicht per se etwas Gutes ist.

    Daher liegt m.E. die Beweislast nun bei demjenigen (Schlusssatz), der die Güte der Steigerung vertreten und damit für das Gehirndoping argumentieren will.

  7. Hm, die Umstände einbeziehen…

    Interessanter Punkt, würde aber letztlich in totaler Überwachung ausarten. Wie sonst sollte ein Gremium sicher gehen, dass jemand tatsächlich kein Höhentraining absolviert hat, wenn er dies behauptet?

    Die Idee ist also nicht schlecht, aber eben auch nicht durchführbar – zumindest so, wie ich das gerad sehe.

  8. Schewe: Totalüberwachung

    Ja, das stimmt.

    Mein Gedanke geht tatsächlich viel weiter. Ich würde irgendwann gerne einmal besser verstehen, was überhaupt die Funktion von Sport als Institution ist, für die Gesellschaft auf der einen und den individuellen Sportler oder Zuschauer auf der anderen Seite.

    Da ich mich mit diesen Fragen noch nicht beschäftigt habe, könnte ich allenfalls dilettieren.

    Ganz persönlich muss ich gestehen, dass ich zwar selbst gerne Sport mache, den Sinn der medial übertragenen Schaukämpfe aber nicht verstehe und mir das ganze bloß wie eine große Konsumveranstaltung vorkommt. Vielleicht ist hier ja jemand, der mir auf die Sprünge helfen kann.

  9. Brot und Spiele

    „Ganz persönlich muss ich gestehen, dass ich zwar selbst gerne Sport mache, den Sinn der medial übertragenen Schaukämpfe aber nicht verstehe und mir das ganze bloß wie eine große Konsumveranstaltung vorkommt. Vielleicht ist hier ja jemand, der mir auf die Sprünge helfen kann.“

    Na ja, auf Wikipedia findet man unter „panem et circenses“ und „Heutige Bedeutung“ diese Erklärung: „Der Ausdruck bezeichnet auch heute noch Versuche einer Regierung, administrativer oder industrieller Strukturen, das Volk bzw. die Bevölkerung oder Teile davon von Problemen (z. B. Rezessionen, innenpolitischen Problemen usw.) abzulenken, indem man mit Steuersenkungen, Wahlgeschenken oder eindrucksvoll inszenierten Großereignissen die allgemeine Stimmung zu heben versucht.
    Gemeint sein können andererseits auch die einseitigen „niederen Gelüste“ des Volks nach solchen Maßnahmen, was als Zeichen von Dekadenz und Ignoranz gewertet werden kann.“

    Hat doch was, oder?

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Panem_et_circenses

  10. Naja, ich finde das immer etwas befremdlich, wenn man hinter jeder Art der Unterhaltung gleich so etwas wie Manipulation des unwissenden Volkes durch die Regierung sieht.

    Für mich persönlich kann die eine oder andere Übertragung sportlicher Ereignisse durchaus interessant sein. Ich sehe sowas als Entspannung an, zum „Runterkommen“. Ich kann nicht permanent Vollgas laufen und mich – nach dem Lernen und Klausuren (Ach ja, Bloggen nicht vergessen^^) – noch um die großen Fragen der Welt-Probleme nachdenken. Das hält doch keiner aus.

  11. @ Mona: Brot und Spiele

    Das ist natürlich schnell gesagt; aber es auch wirklich nachzuweisen, das ist doch recht schwer.

    Ich hatte oben auf eine mögliche gesellschaftliche Funktion angespielt. Rein spekulativ könnte ich mir vorstellen, dass der Schaukampf eine Möglichkeit bietet, Aggressionen abzubauen. Vielleicht wäre es dann sogar eine zivilisiertere Variante, die Manneken auf dem Platz mit den Landesflaggen auf den Armen gegeneinander kämpfen zu lassen als dass sich Völker mit Granaten und Raketen beschießen.

    Vielleicht ließe sich das sogar auf den Wettkampf im intellektuellen Bereich übertragen, womit wir dann auch wieder beim Thema wären. 🙂

  12. Gehirndoping ist Doping

    Gehirndoping ist letzlich nichts anderes als Doping. Wenn Doping im Sport legal wäre, würde kein Athlet mit Ambitionen auf das Siegertreppchen darum herum kommen. Das gleiche gälte für Gehirndoping mit erwiesener Leistungssteigerung in einem beruflich relevanten Bereich.
    Schon jetzt kursieren Geschichte aus der Schule in der Art. „Dieses Kind kommt nicht mehr zu mir in die Schule ohne Ritalin“ (Aussage einer Lehrerin).

  13. Da muss ich mal kurz in mich gehen und überlegen…Ich kann mich noch an die Formel 1-Rennen mit Michael Schuhmacher erinnern, wie ich da mitgefiebert habe. Und das einfach deshalb, weil er einfach absolut genial gefahren ist. Und dann habe ich mich natürlich auch gefreut, wenn er am Ende oben auf dem Siegertreppchen stand. Umgekehrt herrschte ziemlich Ernüchterung, wenn er seinen Wagen während des Rennens mit Panne abstellen musste. Dann war er trotzdem gut gefahren, es hat mich als Zuschauer auch durchaus unterhalten, aber am Ende kam dann doch eher so ein „Schade“.
    hrlich gesagt kann ich mir ausgehend von diesen Erfahrungen schwer vorstellen, wie das dann ohne Siegertreppchen aussähe. Könnte man diese Mentalität oder dieses Konkurrenz-Denken damit wirklich eliminieren? Das beweifel ich, denn 1 bleibt 1, 1 bleibt 2 und so weiter. Schließlich können ja nicht alle parallel über die Ziel-Linie fahren oder laufen bei der Leichtathletik usw.

  14. @Stephan:

    „Der feine Unterschied war: Es ging um die Bewertung der geistigen Leistungsfähigkeit.“

    Meinst du „moralische Bewertung“?

    Das war tatsächlich ein „Argument“ im Memorandum, dass diejenigen zu Recht gelobt werden, die sich verbessern wollen.

    „und ich denke tatsächlich, wie ich im Text geschrieben habe, dass die Bewertung irgendwann umkippt.“

    Klar, hast du. Im Grunde finde ich den Ansatz ja auch nicht schlecht, aber du hast ihn nach meinem Verständnis nicht vollständig durchgeführt. Denn den Utilitarismus lehnst du (völlig zu recht) ab, aber zwischen dem „Umkippen“ und der moralischen Bewertung scheint mir eine Lücke z bestehen, die ich habe vorschlage, zu schließen – z.B, via Autonomie.
    „vielleicht höchstens so etwas wie ein Hobby-Ethiker.“
    Das ist schon mehr als ich von mir sagen kann. 😉

    „Aber es ist einfach sehr schwer, für die absolute Güte von etwas zu argumentieren.“

    So ist es und deshalb solltest du es dir einfacher machen – z.B. indem du meinem Vorschlag folgst. Aber man kann sicher auch ein anderes Konzept als Autonomie dafür nehmen.

    „eine Steigerung, auch wenn man sie noch als gut ansehen würde, so viel Aufwand betreiben müsste, dass es nicht mehr rational wäre, sie zu verfolgen“

    Na ja: Ich plädiere ja dafür, die Begriffe Optimalität, Präferenz, Wunsch, moralisch Gut strikt zu trennen. Auch Rationalität ist davon zu unterscheiden. Soweit ich weiß, gibt es sie in den Versionen „instrumentell“ und „epistemisch“. Instrumentelle Rationalität könnte man vielleicht auch als Optimalität bezeichnen. Dein Argument würde sicher klarer werden, wenn du hier trennen würdest.

    „Die Proposition ii) scheint mir hochproblematisch — ein besonders gieriger, abhängiger oder egoistischer Mensch erfüllt wahrscheinlich auch seine (momentanen) Wünsche, aber ich würde ihn weder als autonom ansehen, noch das für gut halten.“

    „höchstens dann“ meint „notwendige Bedingung“. Hinreichende Bedingungen für Autonomie sind schwer zu finden und die Literatur beschränkt sich so gut wie immer auf notwendige – was für deine Zwecke auch ausreichen würde.

    Ansonsten besteht naürlich Einigkeit darüber, daß Sklaven oder hemmungslos Süchtige nicht autonom sind – ich kenne niemanden, der das bestreitet. Dennoch ist die Umsetzung eigener, selbstgesuchter Gründe und Wünsche im Handeln für Autonomie unverzeichtbar: Ohne Autonomie keine Biographie im vollen Sinne und ohne Biographie keine Personalität.

    „weil man eine bestimmte geistige Leistungssteigerung für gut hält, dann folgt daraus noch lange nicht, dass dies für jede geistige Leistungssteigerung gilt.“

    Ja, du willst ein Gegenbeispiel bringen, ok. Aber warum ist das Beispiel ein Gegenbeispiel? Das wird im Text nicht klar und mein Kommentar will das nachholen.

    „Daher liegt m.E. die Beweislast nun bei demjenigen (Schlusssatz), der die Güte der Steigerung vertreten und damit für das Gehirndoping argumentieren will.“

    Das war mir klar, aber ich habe die Vermutung, daß du dein Argument verstärken könntest – sogar massiv verstärken.

    Konnte ich meinen Punkt jetzt klarer machen?

  15. @ Schewe: Ästhetik

    Ich habe mir manchmal Länderspiele angeschaut und gedacht, wow, diese Ästhetik, die haben einfach gut gespielt; ob sie dann gewinnen, könnte doch nebensächlich sein, so lange sie gut spielen — vielleicht sind die anderen eben noch besser. Na und?

    Zugegeben, damit vertrete ich eine Minderheitsmeinung. Wenn wir aber mal den Spruch ernst nehmen würden, den wir unseren Freunden erzählen, wenn sie verlieren, dass nämlich Dabeisein alles sei, dann müssten wir das auch mal aus dieser Perspektive betrachten. Dann spielen (oder kämpfen) die Leute zwar stets gegeneinander aber am Ende feiern sie doch alle zusammen — wer die meisten Punkte hatte, das ist ann nicht mehr so wichtig.

  16. @ Elmar: stärkeres Argument

    Ich finde es ja schön, wenn du mir dabei helfen möchtest, mein Argument stärker zu machen. Für mich war es eigentlich schon stark genug. Es war aber für dich wohl noch nicht klar genug.

    A1: Die allgemeine Bewertung einer Qualität sagt etwas über ihre Güte aus. (ein common sense-Gedanke, den tatsächlich die Vertreter des Memorandums, also meine Gegner, einführen)

    A2: Wenn jede beliebige geistige Leistungssteigerung ein Gut wäre, dann müsste auch jede beliebige geistige Leistungssteigerung allgemein gut bewertet werden. (aus A1 und Plausibilitätsüberlegung)

    A3: Es gibt jedoch geistige Leistungssteigerungen, die nicht allgemein gut bewertet werden. (aus meinem Gedankenexperiment)

    S1: Also ist nicht jede beliebige geistige Leistungssteigerung ein Gut. (aus A2, A3 und modus tollens)

    S2: Also kann man in der Diskussion um das Gehirndoping nicht einfach unterstellen, eine geistige Leistungssteigerung sei per se etwas Gutes. (denn S1 impliziert ja, dass dem nicht so ist)

    Wo genau ist jetzt das Problem?

    Ansonsten besteht naürlich Einigkeit darüber, daß Sklaven oder hemmungslos Süchtige nicht autonom sind.

    Hmm, hast du hier vielleicht einen rechtlichen Autonomiebegriff im Sinn? Auch ein Sklave kann doch in letzter Instanz entscheiden, beispielsweise dem Herren zu widersprechen und lieber in den Tod zu gehen, oder einen Aufstand zu proben usw.

  17. Diogenes werden mit Gehirn-Dope

    Im Text von Stefan Schleim wird implizit angenommen, eine grössere geistige Leistungsfähigkeit bedeute mehr Erfolg, Teilhabe, kommunikative Fähigkeiten.

    Gesteigerte geistige Klarheit könnte aber auch zur Erkenntnis führen, was für ein klägliches kompromisslerisches Leben man führt.
    Dann landet man in der Tonne wie Diogenes. Erst wenn man wieder runterkommt kann man zurück zu den Pseudoproblemen, die z.B. viele Blogautoren und Blogkommentatoren so lieben.

  18. Trennung von menschlichem Handeln

    Das Risiko zum Gesundheitszustand sollte abgewägt werden (hier Stimme ich dem Autor zu), so dass oft die Heilung eines kranken Patienten eher einem Risiko gerecht sein könnte, als die Verbesserung eines schon „gesunden“ guten Zustandes.

    Jedoch ist eine kontinuirliche Leistungssteigerung nicht etwas negatives.
    Hier wird im Text von dem Beispiel der Bankiers einfach auf alles andere verallgemeinert. Ein Beispiel kann jedoch nicht eine allgemeine Regel beweisen.

    „Es kann jedoch nicht pauschal behauptet werden, dass jede Steigerung gut ist. Daher können auch die Befürworter nicht einfach behaupten, das Gehirndoping sei im Grunde gut, da eine geistige Leistungssteigerung prinzipiell gut sei“
    Natürlich kann nicht behauptet werden, dass jede Steigerung gut sei. Aber eine geistige Leistungssteigerung ist etwas spezifischeres.
    Allgemein fehlt eine Trennung zwischen dem menschlichen Handeln FÜR eine eigene Leistungssteigerung, und der Leistungssteigerung selbst.
    Ein Bankier der nur sein Geld steigern will, steigert nicht umbedingt damit auch seine eigene geistige Leistungsfähigkeit. Aber an dem Beispiel kann man sehr gut erkennen, dass der Mensch durch Gier und Konkurenzdenken zwielichteig und unmoralisch, bzw. der Umgebung schadend handelt.

    Meine Sicht über geistige Leistungssteigerung:

    Falls der Mensch erst mit seinem bestreben unbedingt der Beste sein zu wollen nach einer kontinuirlichen Leistungssteigerung strebt,so folgen oftmals moralisch zwiespältige Handelungen. Wie hier bei den Bankiers. Ist der Mensch jedoch bestrebt nur seine Leistung zu steigern für ein schönes Ziel, wie z.B. Heilung von Krebspatienten, oder lösen von Energieproblemen, könnte das Bedürfnis nach einer kontinuirlichen Leistungssteigerung mit einer gleichzeitigen Verminderung des Risikos von gesundheitliche Schäden etwas sehr Gutes und Nützliches für die Person und sein gesammtes Umfeld sein.
    Natürlich sollte zugleich die Abwesenheit des Bedürfnisses unbedingt der Beste sein zu wollen beachtet werden, da Menschen oft deshalb auch zwielichtige und unmoralische Mittel nutzen.

    Beim Gehirndoping (Pillen oder Technik) als Mittel für eine geistige Leistungsteigerung sollte gewiss das gesundheitliche Risiko abgeschätzt werden.
    Weiterhin hängt jedoch meiner Meinung nach weitere unbedachte negative Auswirkungen von der menschlichen Gier ab (hier unbedingt der Beste sein zu wollen).
    Deshalb hängt die Frage, ob Gehirndoping gut sei, auch sehr stark von dem Menschen selbst ab, der sie nutzt.
    Ist das gesundheitliche Risiko nicht vorhanden wäre ich im allgemeinen trotzallem gegen Gehirndoping, da die jenigen die sich nicht ihren Geist dopen wollen, durch die Leistungskonkurenz dazu gedrängt werden würden.
    Im speziellen Einzelfällen (siehe Oben, Abhängig vom Menschen, seinen Bestreben, seiner Arbeit und Zielen) wäre ich eigentlich für Gehirndoping, jedoch könnten problematische Folgen resultieren.
    Die Umsetzung von Gehirndoping nur bei Ausnahmen, würde jedoch bei der Informierung der Öffentlichkeit vielleicht dazu führen, dass die Öffentlichkeit sich benachteiligt fühlt und ebenfalls das Recht auf Gehirndoping einfordern würde.
    Die Gefahr in unserer Gesellschaft bei Ausnahme-Doping ist jedoch zu groß, dass dann Einzelfälle durch die Umgebung dazu gedrängt werden geistig gedopt zu werden, um noch schneller bessere Lösungen zu finden.
    Im Hintergrund dieser möglichen Folgen, bin ich persönlich gegen Gehirndoping, obwohl es sehr viele Vorteile mit sich bringen könnte.

    Mfg
    K.Bora Ö.

  19. Gehirndoping @Stephan Schleim

    „Ich hatte oben auf eine mögliche gesellschaftliche Funktion angespielt. Rein spekulativ könnte ich mir vorstellen, dass der Schaukampf eine Möglichkeit bietet, Aggressionen abzubauen. Vielleicht wäre es dann sogar eine zivilisiertere Variante, die Manneken auf dem Platz mit den Landesflaggen auf den Armen gegeneinander kämpfen zu lassen als dass sich Völker mit Granaten und Raketen beschießen.“

    Ich bezweifle, dass man so Aggressionen abbauen kann. Erinnert mich eher an Stellvertreterkriege und die gibt es bereits. Die Lerntheorie erklärt übrigens die Entstehung von Aggressionen durch Lernprozesse. Aggressionen werden erlernt, indem wir andere Personen beobachten, die sich aggressiv verhalten. Hat die Aggression Erfolg, prägen wir uns dieses Verhalten ein und ahmen es nach.

    „Vielleicht ließe sich das sogar auf den Wettkampf im intellektuellen Bereich übertragen, womit wir dann auch wieder beim Thema wären. :-)“

    Es gibt doch bereits Schachmeisterschaften dieser Art. Gerade wenn Schachspieler mehrere Partien gleichzeitig spielen verlangt das eine grandiose Gedächtnisleistung.
    Jetzt weiß ich allerdings nicht, wie das Gehirndoping in der Praxis wirkt. Was genau verstehen Sie unter „geistiger Leistungssteigerung“? Ist hier mehr Konzentration, eine bessere Gedächtnisleistung, mehr Durchblick, mehr Phantasie, mehr Kreativität, oder alles zusammen gemeint? Es war hier auch von Ritalin die Rede, damit kann man bei den ersten zwei Punkten sicher eine Steigerung erreichen, wie sieht es aber mit dem Rest aus?

  20. „Wenn wir aber mal den Spruch ernst nehmen würden, den wir unseren Freunden erzählen, wenn sie verlieren, dass nämlich Dabeisein alles sei, dann müssten wir das auch mal aus dieser Perspektive betrachten. Dann spielen (oder kämpfen) die Leute zwar stets gegeneinander aber am Ende feiern sie doch alle zusammen — wer die meisten Punkte hatte, das ist ann nicht mehr so wichtig.“

    Aus der Sicht der Sportler mit Sicherheit interessant, aus der Sicht des Zuschauers – der ich nunmal bin – sehe ich das etwas kritisch. Spontan könnte ich mir nicht vorstellen, ein Fußball-Spiel nur aus ästhetischen Gründen anzuschauen.
    Was den Spruch „Dabei sein ist alles“ angeht, dient dieser vielleicht als eine Art Trost. Allerdings sollte man da meiner Meinung nach auch differenzieren. Dazu vielleicht mal ein Beispiel: als ich von Lars das Angebot bekam, hier bei den Scilogs zu schreiben, fand ich das total klasse, schließlicj bin ich weder Wissenschaftler noch Journalist. Und wie war das für Sie?

  21. @ Holzherr

    Das sehe ich ganz bestimmt nicht so, dass geistige Leistungsfähigkeit ein Garant für ein gutes Leben ist. Was man in einem einzelnen Blog darlegen kann, ist aber eben begrenzt. Bei mehr Interesse empfehle ich Ihnen die Lektüre meines bisher ausführlichsten Artikels zum Thema:

    Schleim, S. (2010). Cognitive Enhancement – Sechs Gründe dagegen. In: Fink, H. & Rosenzweig, R., Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn. Neurotechnik und Neuroethik, S. 179-207. Paderborn.

  22. @ Bora: Immer-mehr-Mentalität

    Danke, sehr schöner Kommentar.

    Die entscheidende Stelle für den Punkt, dass eine beliebige Leistungssteigerung kein Gut ist, ist aber nicht das Beispiel der Bankiers oder des Seglers, sondern der Punkt mit dem „Umkippen“ der Bewertung (siehe auch meinen letzten Kommentar an Elmar für eine formalisiertere Darstellung).

    Bei den beiden Beispielen geht es dann ja erst mal nicht um geistige Leistungsfähigkeit, sondern um finanziellen oder sportlichen Gewinn. Meines Erachtens veranschaulichen sie aber sehr schön die Probleme einer Immer-mehr-Mentalität, die Sie wahrscheinlich auch sehen, wenn ich Sie richtig verstehe.

    Natürlich lässt sich immer ein Beispiel finden, bei dem der scheinbare Nutzen so enorm ist (Sie sprechen ja von Krebsheilung, Umweltproblematik), dass Gehirndoping plötzlich als etwas Gutes erscheint. Die Transhumanisten argumentieren tatsächlich so, dass die Menschheit untergehen wird, wenn sie nicht alle technischen Mittel zur Lösung der großen Probleme nutzt. Inwiefern aber die technischen Mittel selbst Ursachen der Probleme sind, darüber sollte man auch einmal nachdenken

    Jedenfalls bezweifle ich, dass man die Menschheitsprobleme mit Pillen in den Griff bekommt; ich würde auch sagen, das Problem ist nicht, dass wir Menschen im Mittel zu dumm wären, sondern dass wir unsere Intelligenz oft für Zwecke einsetzen, die allgemein schlecht sind — und dann sind wir meines Erachtens wieder bei der Immer-mehr-Mentalität.

    Ganz persönlich würde ich z.B. einem Soldaten im Kampfeinsatz oder auf einer Patrouillefahrt keinen Vorwurf machen, der vor Todesangst Amphetamin schluckt; wenn jetzt im „Arbeitskonkurrenzkampf“ einige Menschen zu vergleichbaren Mitteln greifen, zeigt uns das nicht, in was für eine absurde Lage sie geraten sind? Nach wie vor denke ich daher, die Gesellschaft als ganze würde beim Gehirndoping verlieren.

  23. @ Schewe

    Ich sage ja, es ist eine Minderheitsmeinung. So habe ich beispielsweise auch unter den Kampfkünsten stets diejenigen bevorzugt, die ohne Wettkampf auskommen.

    Wie das für mich war, bei den Brainlogs zu schreiben? Hmm, das ist nun schon zu lange her, um mich ohne Gedächtnisdoping daran zu erinnern. 🙂

  24. @ Mona: Ritalin

    Also dass man sich durch Methylphenidat wacher fühlt, das kann ich mir gut vorstellen, dass es aber tatsächlich die Gedächtnisleistung steigert, da bin ich mir nicht so sicher.

    Natürlich ist das eine interessante Frage, was man unter „geistiger Leistungssteigerung“ versteht — ich hoffe, Sie sehen mir nach, dass man in einem Blog nicht alle Fragen beantworten kann.

  25. Gehirndoping versus das bessere Leben

    Der Name Gehirndoping ist treffend. Es geht hier nämlich nicht um die Steigerung der Intelligenz, der Einsichtsfähigkeit oder darum ein „tieferes“ Denken zu ermöglichen, sondern um eine Vergrösserung des Outputs: Mehr Arbeit, die in weniger Zeit geleistet werden kann, ein besseres Funktioniern in Bezug auf ein gesellschaftlich relevantes Ziel, dessen Erreichen sich auch im Salär niederschlägt – oder aber um die Beseitigung von störenden Krankheitssymptomen.
    Im Text selbst und in vielen Kommentaren wird auf den Doping-Gedanken Bezug genommen, indem Gehirndoping in den Rahmen des Konkurrenzdenkens gesetzt wird, das ja Sport und Beruf durchdringt. Gehirndoping wählt man also, weil man besser als der andere sein will, weil man gewinnen will.

    Gehirndoping ist so gesehen etwas sehr profanes und sicher nicht etwas, was uns zu besseren Menschen macht.

    Psychoaktive Substanzen könnten aber auch zu einem besseren, tieferen Leben und zu mehr Einsicht, Kontemplation und Gelassenheit führen. Dazu würde auch eine geistige Arbeit gehören. Dann wäre es aber nicht mehr Gehirndoping und vielleicht auch für Pharmafirmen auch gar nicht mehr interessant.

  26. @ Holzherr: Konkurrenzdenken

    Ganz genau, daher liegt mir auch immer so viel daran, auf das Gehirndoping im Wettbewerb hinzuweisen, das es für die meisten Menschen wahrscheinlich wäre (besseres und längeres „Funktionieren“).

    In der akademischen Debatte wird bedauerlicherweise gerne mal mit Phantasiebeispielen argumentiert — und die Idee mit der Krebsheilung hatten wir hier in der Diskussion ja auch schon.

    Beide Diskussionen kann man führen — aber ganz so, wie Sie andeuten, sollte man meines Erachtens einen Konsum zur Leistungssteigerung von dem der Bewusstseinserweiterung scharf trennen.

    Vor ein paar Jahren hatte ich eine Einladung, für Parapluie einen Text zum Thema Enhancement und Bewusstseinserweiterung zu schreiben.

  27. Transhumanismus

    Enhancement finde ich einen viel interessanteren Begriff als Gehirndoping. Ihr Text (siehe http://parapluie.de/archiv/bewusstsein/enhancement/) geht auch auf den Transhumanismus ein. Ein interessantes Thema, gibt es doch auch fruchtbare Anknüpfungspunkte zwischen religiösen Vorstellungen (der Mensch als Mangelwesen, das der Erlösung bedarf) und dem Transhumanismus (der Mensch, der mittels Technik seine Mängel überwindet).

    Letzlich steckt der utopische Gedanken und das Heilsversprechen dahinter und hier lauern auch die Gefahren von falschen Versprechungen und Vorspiegelungen.

  28. Viele Dinge, die an sich als gut angesehen werden, zeigen im Übermaß negative Seiten. Das ändert aber doch nichts an der Tatsache, dass sie im Allgemeinen gut sind. Trotz negativer Extrembeispiele bei der Steigerung der körperlichen Leistung durch Sport oder des finanziellen Verdienstes wird doch sowohl Steigerung der physischen Leistungsfähigkeit sowohl als auch des Verdienstes im Grunde genommen als gut betrachtet – auch wenn das streng logisch betrachtet nicht mehr gilt.

    Im Wesentlichen verstehe ich die Argumentation daher wie folgt: Geistige Leistungssteigerung ist nicht immer etwas Gutes, weil ein Zuviel von etwas oft schlecht ist. Allerdings fehlt mir dazu ein konkretes Beispiel (also weder Vermutungen, was passieren könnte, noch Beispiele aus anderen Bereichen), bei dem reine geistige Leistungssteigerung ins Negative abkippt.

  29. @Stephan: „gut“ empirisch

    >Wo genau ist jetzt das Problem?

    Hier: Bewertungen nehmen Personen vor. Wenn wir nun annehmen, daß x von allen gewollt oder bevorzugt wird, dann folgt aber draus noch nicht, daß x auch gut ist. Bsp.: Rassenhaß oder Kannibalismus.

    Also: A1 kann nicht stimmen.

    Und A2 hat das Problem, daß A2 nicht mal dann gilt, wenn die Bewertenden allwissend sind: Warum sollten die Menschen das Gute von sich aus anstreben? Steckt da nicht ein heimliches Axiom in A2?

    >Hmm, hast du hier vielleicht einen
    >rechtlichen Autonomiebegriff im Sinn?

    Es wäre mir neu, daß Juristen einen Autonomiebegriff haben. Soweit ich weiß, genügt ihnen die Willkürfreiheit und eine ungefähre Idee von selbstbestimmtem Leben. Feinere Unterscheidungen wären mir neu.

    Das von mir benutzte Verständnis von Autonomie geht zum einen auf Locke und zum anderen auf Harry Frankfurt zurück. Nichts Exotisches eigentlich.

  30. @ Elmar: doppelt am Argument vorbei

    Hier: Bewertungen nehmen Personen vor. Wenn wir nun annehmen, daß x von allen gewollt oder bevorzugt wird, dann folgt aber draus noch nicht, daß x auch gut ist. Bsp.: Rassenhaß oder Kannibalismus.

    Also: A1 kann nicht stimmen.

    Danke, mir ist das klar, dass das keine logische Ableitung ist. In deiner Erwiderung stecken aber zwei Fehler, der erste argumentationstheoretisch, der zweite logisch:

    Erstens war das, wie ich deutlich Schrieb, eine Annahme des Memorandums, also meines Diskussionsgegners; außerdem bezeichnete ich es deutlich als einen common sense-Gedanken.

    Zweitens folgt aus der Tatsache, dass ich A1 nicht stark genug begründet habe — was gar nicht meine Aufgabe ist, da sie mein Gegner eingeführt hat — nicht deine Schlussfolgerung, sie könne nicht stimmen, sondern lediglich die Schlussfolgerung, dass sie nicht stark genug begründet ist.

    Noch kurz zur Autonomie:

    Erstens scheint mir, auch wenn ich kein Rechtswissenschaftler bin, durchaus die Redeweise von „rechtlicher“ Autonomie z.B. im Zusammenhang mit den §§1896ff. BGB vorzukommen.

    Zweitens frage ich mich, was dein (philosophischer?) Autonomiebegriff wert ist, wenn er einen Sklaven, der meinen Einwänden zufolge noch Autonomie besitzt, als nicht autonom bezeichnet.

  31. … weiter so!

    Hallo,

    … ich bin mit dem Lesen weit hinten dran, was auch daran liegene mag, das ich sowohl von der Fülle der Worte, als auch von der in ihr erkennbaren Emotionalität „erschlagen“ bin. doch genau darum und erst recht – weiter so!

    Kern der Thematik (ich bitte um Korrektur, falls ich daneben liege!) ist doch, sich immer wieder einer Konkurrenz stellen zu müssen (oder „freiwillig“ wollen?!?!? …)! Konkurrenz im Sinne von Wettbewerb gleicht einem Rennen bei dem es keine Sieger geben kann. Liegt einer vorne und fühlt sich als „Sieger“, wird er alsbald überholt und ist weg vom Fenster. Das Rennen „Wettbewerb“ endet nie!

    Das ist der Irrsinn ewigen Wachstums (oder des „immer mehr“ wollen´s), … und zudem einem (weil schon lange außer Kontrolle geraten) wohl auch ungezügeltem Wachstum. Der Vergleich mag hinken, in der Medizin wird unkontrolliertes (Zell-) Wachstum mit Krebs bezeichnet ( … – was für eine Parallele). Andererseits, solang der Mensch „denken“ kann, sucht er nach Möglichkeiten, sein denken effektiver zu gestallten … allein schon aus dem Ansporn, die Welt und sich selbst besser zu verstehen. Für viele ist dies der Beweis für eine funktionierende Evolution … der „Bessere“ mag überleben – tödlich wird diese Ideologie, wenn daraus eine Recht abgeleitet wird, „Schwächere“ in einem Rating abwärts einzustufen und zu bewerten. Das Evolution anders funktioniert, wird zunehmend bekannt und anerkannt.

    Für mich sind jedoch die Möglichkeiten, die eigene Erkenntnisfähigkeit (… ich versuche krampfhaft das abgedroschene Wort „Bewusstseinserweiterung zu umgehen!) zu fördern, ganz im Sinn von Reifen etwas ganz anderes, als sich dem Diktat zur Selbstaufgabe für eine Ideologie des unendlichen Wettkampfes zu opfern! Wer mag sich da wohl an die unzähligen Laborratten (oder anderes Getier) erinnern, die sich, geschickt und für sie nicht erkennbar manipuliert, in einem sinnberauschenden Versuchsaufbau mit der Zeit zu Tode beglückten (… stimulierten). Bleibt an dieser Stelle (für mich) eine grundsätzliche Frage: In was für einer Welt wollen wir leben? … Doch an dieser Stelle muss ich (mich be- und) erkennen, dass ich erst einmal das Buch „Der Egotunnel“ (Metzinger) „verdauen“ und mich diesbezüglich wieder „sortieren“ muss, bevor ich mich weiter auf den Weg begeben kann, mir selbst eine Antwort zu erarbeiten …

    mfG

  32. @ Müller: Leistung mit Maß

    Schöner Kommentar; dazu fällt mir der Gedanke ein, dass wir ausgerechnet in der Zeit, in der wir immer mehr Auswüchse der „Immer-mehr-Mentalität“ in der Finanzwirtschaft, im Konsum, im Sport… zu sehen bekommen, jetzt ausgerechnet diese Mentalität auf die geistige Leistungsfähigkeit ausdehnen wollen — brauchen wir dafür wirklich die akademische Debatte?

    Aber im Text habe ich’s ja schon formuliert: Leistung mit Maß statt Gehirndoping.

  33. Stephan Schleim … akademisch

    Hallo,

    Sie haben völlig recht. Eine akademische (wie auch immer dieses Wort jetzt interpretiert wird) Debatte sollte wirklich überflüssig sein. Es liegt auch in der Natur solcher Debatten, dass sie meist von denen (darüber hinaus vernünftig) geführt werden, die offensichtlich mehr oder weniger „immun“ gegenüber dessen sind, worum es im Kern der Sache geht, … also hier: dem sich in irgend einer Weise und aus welchem Anlass auch immer dopen „zu müssen“!

    Wichtig ist, dass solche Themen sachlich, neutral und wissenschaftlich fundiert in die breite Öffentlichkeit hinaus geführt werden. Solcherlei gehört auf die Straße unters Volk … und in gleicher Weise aufgearbeitet, wie z. B. versucht wird, den Umgang mit „Drogen“ generell in den Schulen usw. öffentlich zu machen. Dies macht jedoch nur Sinn, wenn dies zusammen mit Themen wie, psycho-sozialer Stress, Mobbing, Burn-out, Depressionen, Suizid usw. geschieht … also, wie gehen wir im alltäglichen „Miteinander“ miteinander um.

    Und gerade auch deswegen, der Normalität des Alltags wegen, ist eine „akademische Debatte“ absolut überflüssig. Da haben Sie sowieso & wahrhaftig recht!

    mfG

  34. @Stephan Schleim: endlich mal Zeit ….

    … für eine Antwort an dich:

    Ich hab mir die verschiedenen Darstellungen deines Argumentes noch einmal angesehen und will vorab schnell mal diese Autonomiesache erklären, weil sie weder für dein Argument, noch für meinen Vorschlag erforderlich ist:

    Meine Aussage war: „Soweit ich weiß, genügt ihnen die Willkürfreiheit und eine ungefähre Idee von selbstbestimmtem Leben. Feinere Unterscheidungen wären mir neu.“

    Du verweist auf §§1896ff BGB. Doch dort wird nur der von mir angedeutet Selbstbestimmungsbegriff benutzt: Es geht um Einsichts- und die Steuerungsfähigkeit, die eigenen Wünsche im Handeln zu realisieren. Der philosphische Autonomiebegriff ist da wesentlich anspruchsvoller und es stellen sich Fragen wie etwa:

    1. Wann ist ein eigener Wunsch ein eigener? Beraucht es eine bestimmte Geschichte des Erwerbs?

    2. Betrifft Selbstwissen nur die eigenen Wünsche oder auch die eigenen Meinungen? Kann ich überhaupt jede Meinung haben, die ich will?

    3. Ist Selbstwissen empirisch oder apriorisch?

    4. Sind Personen oder Entscheidungen autonom?

    etc..

    Richter haben sicher mal mit solchen Fragen zu tun. Im Moment schweigt die Kommentarliteratur jedoch zu diesen Fragen. In diesem Sinne ist der philosophische Autonomiebegriff feinkörniger als das juristische Verständnis von Selbstbestimmung. Aber Jura ändert sich ständig und vielleicht ist das in einem Jahr schon anders.

    „Zweitens frage ich mich, was dein (philosophischer?) Autonomiebegriff wert ist, wenn er einen Sklaven, der meinen Einwänden zufolge noch Autonomie besitzt, als nicht autonom bezeichnet.“

    Das hat mich etwas verwirrt: Begriffliche Unterscheidungen sind eigentlich niemals etwas wert i.S.d. Wertbegriffes deines Artikels. Denn sie sind lediglich nützlich. Und der Nutzen meines Autonomiebegriffes liegt auf der Hand. Mit seiner Hilfe können wir sagen: Ein Sklave ist im praktischen Sinne nicht autonom, denn er kann nicht frei handeln und nicht seine Wünsche in seinem Handeln umsetzen, denn tut er es, wird er wohl bestraft. Autonomie wird daher von mir als Eigenschaft von Entscheidungen und Handlungen benutzt. Im theoretischen Sinne ist er – nach meinem Verständnis autonom – wenn er allein via Gründe über seine propositionalen Einstellungen verfügt. Und dafür braucht er z.B. begriffliches Wissen. Wird er daher z.B. nicht unterricht, bleibt er partiell nicht-autonom.

    Du hingegen scheinst den Sklaven als Person als autonom einzustufen, insofern er ja die Wahlmöglichkeit hat, sein Sklavendasein zu beenden, indem er sich umbringt.

    Klar, das kann man machen. Fragt sich nur, ob man diese grobe Position verteidigen kann. Du kannst ja mal darüber bloggen, dann können wir diskutieren.

  35. @Stephan: Klar ….

    …. kann schon sein, daß ich doppelt am Argument vorbeigesegelt bin: I never trust myself. Gucken wir mal …..

    Wenn wir die Wünschen und Präferenzen mal weglassen, dann lautet das Skelett des Arguments in der Artikelversion:

    i) Geistige Leistungsfähigkeit ist gelegentlich ein Gut. Dabei wird „gut“ hier verwendet i.S.v. ‚gut für etwas‘ und insofern gibt es Konnotationen zu „nützlich“ oder „optimal“.

    ii) „nützlich“ und „optimal“ sind monotone Attribute (steigerungsfähig).

    iii) Nicht alle Steigerungen geistiger Leistungsfähigkeit sind ausschließlich gut für etwas.

    iv) Also: Die Beweislast dafür, daß eine durch Gehirndoping erreichte Leistungssteigerung gut ist, liegt bei den Befürwortern.

    Ok. Der Schluß iv) folgt natürlich nicht aus den Prämissen: Jede Leistungssteigerung ist gut für etwas – und sei es für den Stolz auf sich selbst. Daher – und das versuchst du ja auch – mußt du deine Prämissen verstärken, indem du die Sache mit den Wünschen ins Spiel bringt. Denn du möchtest weg von ‚gut für etwas‘ und hin zu ‚moralisch gut‘. Daß Letzteres nicht aus Ersterem folgt, zweifelt wohl keiner an.

    Wie funktioniert deine Verstärkung im Artikel? Etwa so: „Wer gegen seine eigenen Interessen handelt, indem er einem seiner Wünsche übermäßig folgt, kann nicht behaupten, zu tun, was er für gut hält.“. Damit diese letzte „gut“ als ‚moralisch gut‘ gelesen werden kann, schlug ich vor, zu ergänzen: „Diese Person handelt nicht mehr i.S. der eigenen Autonomie und das ist moralisch schlecht“ – worüber man sicherlich streiten kann.

    Das Problem ist, daß du neben der Textversion deines Argumentes weitere Versionen der ursprünglichen Argumentation in die Welt gesetzt hast:

    „Mein Argument ist schlicht, (1) weil man eine bestimmte geistige Leistungssteigerung für gut hält, dann folgt daraus noch lange nicht, dass dies für jede geistige Leistungssteigerung gilt. Und mein Gegenbeispiel zeigt hoffentlich, dass (2) manche Steigerungen sogar für schlecht gehalten werden und daher die geistige Leistungssteigerung wahrscheinlich nicht per se etwas Gutes ist. Daher ….“

    Natürlich folgt aus der Annahme, daß die Person A eine Überzeugung (=eine bestimmte Leistungssteigerung für gut hält) hegt, weder, daß diese Überzeugung wahr ist, noch, daß A auch von der allquantifizierten Version des Inhaltssatzes seiner Meinung überzeugt ist. Diese Zusammenfassung (wenn man denn diesen Euphemismus benutzen will) nützt dir für die Zwecke deines Artikels gar nichts und insofern gehe ich auch nicht weiter darauf ein.

    Deine dritte Version (A1, A2, A3 stützen S1, S2) da schon spannender – wenngleich ich auch diesmal nicht sicher bin, daß ich dich verstanden habe: Lass uns annehmen, daß diese Version deduktiv korrekt ist. Genügt uns das dann? Nein, denn du willst ja nicht irgendeinen Schluß S2 stützen, sondern deine Instanz davon. Folglich interessiert uns Schlüssigkeit und damit zusätzlich die Wahrheit von A1, A2, A3. Der move, den du machen willst, besteht wohl darin, deinen Gegnern zu zeigen, daß aus ihren Prämissen etwas anderes folgt, als sie selbst es glauben, i.S.v. „Stephan Schleim versteht besser als ihr, was eure Aussagen bedeuten, ihr Würmer.“. Ok, kann man versuchen und daher nehmen wir mal an, daß A1 wahr ist und erinnern uns, daß du ja immer noch eine Verstärkung von ‚gut für etwas‘ zu ‚moralisch gut‘ brauchst.

    Was gibt es in dieser Hinsicht zu ernten? Eigentlich nichts, denn auch A2 ist falsch in zwei Versionen: 1) Weder wird, was gut ist, auch allgemein als gut bewertet. Gegenbsp.: Wir haben erst nach und nach gelernt, das Leben anderer Lebewesen z.B. Tiere zu respektieren. 2) Noch folgt, daß, wenn x ein Gut ist, daß x immer oder unter allen Umständen ein Gut ist. Gegenbsp.: Das eigene Leben ist ein Gut. Haben wir aber Kinder und geben
    wir das eigenen Leben für die Kinder hin, weil ihnen z.B. der Tod droht, dann ist das nicht moralisch schlecht. Und last not least gibt es keinen Zusammenhang zwischen „ein Fall von Leistungssteigerung“ in A3 (A3 bestreite ich nicht.) und „ein Fall von unbekannt großer Leistungssteigerung“ in S1.

    „Zweitens folgt aus der Tatsache, dass ich A1 nicht stark genug begründet habe — was gar nicht meine Aufgabe ist, da sie mein Gegner eingeführt hat — nicht deine Schlussfolgerung, sie könne nicht stimmen, sondern lediglich die Schlussfolgerung, dass sie nicht stark genug begründet ist.“

    Tja, ich gebe zu, daß ich mathematischer Intuitionist bin: Was nicht begründet ist, ist nicht wahr. Wahre Aussagen werden nicht entdeckt, sondern „konstruiert“. Aber wie immer man dazu stehen mag – es scheint mir für deine Zwecke keine Rolle zu spielen, ob eine Aussage nicht wahr ist oder ob jemand sie nicht gut genug begründen kann. In beiden Fällen kannst man die Beweislast nicht auf den Argumentationsgegner überwälzen. Sowas tun nur Religionen, nicht Philosophen.

  36. „Bei den beiden Beispielen geht es dann ja erst mal nicht um geistige Leistungsfähigkeit, sondern um finanziellen oder sportlichen Gewinn. Meines Erachtens veranschaulichen sie aber sehr schön die Probleme einer Immer-mehr-Mentalität, die Sie wahrscheinlich auch sehen, wenn ich Sie richtig verstehe.“
    Um finanziellen Gewinn zu erzielen ist es jedoch notwendig seine eigene (geistige) Leistungsfähigkeit zu steigern.

    „Natürlich lässt sich immer ein Beispiel finden, bei dem der scheinbare Nutzen so enorm ist (Sie sprechen ja von Krebsheilung, Umweltproblematik), dass Gehirndoping plötzlich als etwas Gutes erscheint.“
    …ich meinte, wenn das Risiko dazu gesenkt wird, jedoch die Entscheidung dann bei einem selbst liegt, wegen weiteren Ausführungen des ausnutzens solcher wie vorher beschriebenen Strukturen.
    Aber auch: „Deshalb hängt die Frage, ob Gehirndoping gut sei, auch sehr stark von dem Menschen selbst ab, der sie nutzt.“

    „Inwiefern aber die technischen Mittel selbst Ursachen der Probleme sind, darüber sollte man auch einmal nachdenken“
    Beim Gehirndoping bin ich ebenfalls hier mit dem einbeziehen der gesundheitlichen Risikien darauf eingegangen.

    „Jedenfalls bezweifle ich, dass man die Menschheitsprobleme mit Pillen in den Griff bekommt; ich würde auch sagen, das Problem ist nicht, dass wir Menschen im Mittel zu dumm wären, sondern dass wir unsere Intelligenz oft für Zwecke einsetzen, die allgemein schlecht sind — und dann sind wir meines Erachtens wieder bei der Immer-mehr-Mentalität.“

    Wir Menschen sind zwar nicht Dumm, aber viele Menschen leben gerne Dumm, die Ausführung dazu findet man in einem veröffentlicht werdenden Buch. (Werbung, aber nicht spezifische)
    „ das Problem ist nicht, dass wir Menschen im Mittel zu dumm wären“ das sehe ich auch nicht als Problem. Es sind nicht nur die Zwecke, für die sie eingesetzt werden, die im allgemein schlecht seien, meistens sind die Zwecke in der Gesellschaft sogar scheinbar gut, trotzallem wird die Intelligenz und Leistungssteigerung (ob geistig, oder beim Bankier) auf kosten anderer, die im Hintergrund ausgenutzt werden eingesetzt. Dies liegt meiner Sichtweise nicht nur in einer „Immer-mehr-Mentalität“.

    „Ganz persönlich würde ich z.B. einem Soldaten im Kampfeinsatz oder auf einer Patrouillefahrt keinen Vorwurf machen, der vor Todesangst Amphetamin schluckt; wenn jetzt im „Arbeitskonkurrenzkampf“ einige Menschen zu vergleichbaren Mitteln greifen, zeigt uns das nicht, in was für eine absurde Lage sie geraten sind? Nach wie vor denke ich daher, die Gesellschaft als ganze würde beim Gehirndoping verlieren.“
    Die Gesellschaft als ganzes könnte beim Gehirndoping gewinne machen, wenn das Gesundheitsrisiko gering wäre und der Mensch von Grund auf gut ^^.
    Wobei in unserer Lage in Betracht bezogen werden muss, ob jemand im einzelnen handelt, von außen dazu gedrängt wird, oder die Masse danach handelt (siehe vorheriger Kommentar)

    Beide Kommentare basieren auf einem eigenem gesellschaftlichen System/Modell
    und sind damit urheberrechtlich geschützt.

    Kubilay Bora Övün

  37. „Wobei in unserer Lage in Betracht bezogen werden muss, ob jemand im einzelnen handelt, von außen dazu gedrängt wird, oder die Masse danach handelt (siehe vorheriger Kommentar)“

    Das heißt nicht, dass unsere Lage aus meiner Sicht das Gegenteil von „der Mensch auf Grund auf Gut“ sei, ist. Da meiner Sicht menschliches Handeln immer von Führung abhängig ist, sei es eines Systems, von Vorbildern, Autoriäten, und anderem, wobei ich die Intentionen der Menschen auch nicht als „gut“ sehen würde.
    (dieses wissen basiert auf einem eigenen Gesellschafts-System/Modell und ist urheberrechtlich geschützt)

    Kubilay Bora Övün

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