Gefährliche Gehirne – ein Phänomen des Zeitgeists

Sind strafrechtliche Schuld und Verantwortung ein Konstrukt zur Stabilisierung der Gesellschaft? Was verraten DNA-Tests und Gehirnscans über die Gefährlichkeit eines Menschen? Gibt es womöglich schon Versuche, präventive Programme zur verdachtsunabhängigen Kontrolle der Menschen zu entwickeln? Diese und weitere wissenschaftlich wie sozio-politisch wichtige Fragen diskutierten wir auf unserem Workshop über ‚gefährliche‘ Gehirne.

Am Freitag, den 6. September 2013, trafen sich rund fünfundzwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, um auf dem Workshop ‚Gefährliche‘ Gehirne über den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung zu kriminellem Verhalten, Psychopathie und psychischen Störungen zu diskutieren. Unter den Teilnehmenden waren Historiker, Philosophen, Psychiater, Psychologen, Rechtswissenschaftler und Soziologen.

Am Anfang lieferte der Wiener Historiker Peter Becker den historischen Kontext zum Verhältnis zwischen Hirnforschung und Kriminologie. Mithilfe der Kriminalromane The Bad Seed von William March (1954) und Brain Storm von Richard Dooling (1999) führte er uns die von ihm so genannte zweite biologische Welle der Kriminologie vor Augen. Diese habe sich stark gegen die soziologische Kriminaltheorie gerichtet. In den beiden Romanen werde allgemeinverständlich erklärt, wie insbesondere Gene und nicht etwa Familienverhältnisse Menschen zu kriminellem Verhalten verleiteten.

Hirnforscher: Experten für alles

Becker machte ebenfalls deutlich, wie in den USA, Großbritannien und Deutschland – nicht aber in Frankreich oder Italien! – Neurowissenschaftler zu öffentlichen Intellektuellen wurden, zu Experten, die man förmlich zu allen menschlichen und sozialen Problemen anhöre.

Überhaupt maß der Historiker der Medienanalyse große Bedeutung zu. So diente als Beispiel für die neuen Neuro-Experten die vor allem in Feuilletons ausgetragene Debatte um die Willensfreiheit. Hierbei würden die Journalisten helfen, vorläufige Befunde der Hirnforschung als akzeptierte Fakten darzustellen. (Aber neuerdings gibt es auch das Gegenteil: Hier sei auf die Dekonstruktion der Neuro-Pädagogik und insbesondere des Hirnforschers Gerald Hüther vor Kurzem in der Zeit verwiesen.)


Begrüßung zum Workshop.

Der Prozess der Übersetzung von der Wissenschaft in die öffentliche Praxis geschehe in zwei Schritten: Erstens, der Beschreibung der Befunde in einer verständlichen Sprache; zweitens, der Versuch, neurowissenschaftliche Forschung mit politischen und öffentlichen Fragen zu verbinden. Für diese Prozesse biete sich die Identifikation und Kontrolle von Kriminellen an. Tatsächlich habe schon der führende Phrenologe Franz Joseph Gall (1758-1828) ein Programm zu präventiven Untersuchungen ganzer Bevölkerungsgruppen aufgegriffen.

Männer unter Generalverdacht

Dass diese Idee bis heute fortbesteht, hatte ich schon in meiner Einführung des Workshops aufgezeigt: So schlug Adrian Raine, Professor an der University of Pennsylvania und einer der führenden Neuro-Forensiker in den USA, gerade in seinem neuen Buch The Anatomy of Violence (Rezension) ein lombroso (Legal Offensive on Murder: Brain Research Operation for the Screening of Offenders) genanntes Sicherheitsprogramm vor: Man solle alle Männer mit achtzehn Jahren sowohl einem DNA- als auch einem Gehirntest unterziehen. Wer auf diese Weise als zukünftiger Krimineller identifiziert werde, der würde dann auf unbeschränkte Zeit in – aber bitte angenehm eingerichteten – Sicherungsverwahrung verbleiben.

Dass Raine für sein Programm ausgerechnet den Namen Cesare Lombrosos (1835-1909) wählte, also des italienischen Kriminologen, der mit seiner biologischen Vererbungslehre der Kriminalität scheiterte, ist dabei ebenso problematisch wie seine Diskussion des Einwands, Bürgerinnen und Bürger könnten Vorbehalte gegen diese Sicherheitsmaßnahme haben: Diese Idee sei nicht mehr so schockierend, da man sich bereits an Guantánamo Bay und andere Orte zur präventiven Unterbringung Verdächtiger gewöhnt habe.

In der Diskussion konnte Peter Becker übrigens noch den für Erheiterung sorgenden historischen Hinweis beisteuern, Lombroso habe in den Gesichtszügen vieler akademischer Kollegen, denen er in Fakultätsratssitzungen begegnete, gemäß seiner Theorie Anzeichen einer leichten Degeneration gesehen. Man sieht, auch die unangenehmste naturwissenschaftliche Wahrheit macht selbst vor Professoren nicht halt.

Neurobiologie als Hilfswissenschaft der Strafjustiz

Die Idee einer kriminologischen Voruntersuchung zur Identifikation gefährlicher Menschen hatte der emeritierte Bremer Professor für Strafrecht und Kriminologie Lorenz Böllinger, der zweite Referent auf unserem Workshop, zuvor noch als „absurden Gedanken“ bezeichnet. Auch wenn er durch Adrian Raines radikalen Vorschlag gewissermaßen überholt wurde, blieb doch seine Kritik an der Neurobiologie als Hilfswissenschaft der Strafjustiz bestehen.

Anhand der Psychopathologisierung terroristischer Taten machte er die Wechselwirkung zwischen Justiz und kriminologischer Neurowissenschaft deutlich. Durch einen vereinfachenden Biologismus bestehe ferner das Risiko, den resozialisierenden Gedanken als zentrale Aufgabe des Strafrechts aus den Augen zu verlieren.

Soziales Bedürfnis: Schuld und Verantwortung

In der Diskussion pflichteten forensische Psychiater bei, dass manche in den Kliniken arbeitende Psychologen zwar gut in der Diagnose geschult seien, doch wenig von Therapie verstünden. Dies berge das Risiko, in den Menschen nur nach die Diagnose bestätigenden Eigenschaften zu suchen. So könne es leicht passieren, dass ein ganzes Leben von vielleicht fünfzig Jahren auf zwei, drei verfehlte Taten reduziert werde.

Mit Blick auf den Breivik-Prozess in Norwegen wurde schließlich die Idee diskutiert, dass Zuschreibungsprozesse von Schuld und Verantwortung im Gerichtssaal auch soziale Prozesse seien. Eine Pathologisierung des Massenmords Anders Breiviks hätte die Tat als sinnlos erscheinen lassen und damit auch die Betroffenen geschädigt. Böllinger selbst setzte sich bei der Vorhersage des Sozialisierungserfolgs eines Straftäters für das sogenannte Szenario-Modell ein, das die Prognose in Abhängigkeit von der Umwelt, in die ein Mensch entlassen wird, stellt.

Moral und Lokalisationslehre

Felix Schirmann, psychologischer Doktorand an der Universität Groningen, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf eine bestimmte Phase der neurobiologischen Untersuchung (un)moralischen Verhaltens, nämlich Deutschland in den 1930er bis 1960er Jahren. Er legte dar, wie insbesondere der Lokalisationsgedanke die Forschung inspirierte:

In Anlehnung an die erfolgreichen Versuche Brocas aus den 1860er und Ferriers in den 1880er Jahren habe es später Ideen darüber gegeben, dass auch Verbrechen und Moral an einem bestimmten Ort einen Sitz im Gehirn hätten; diese Idee habe aber auch Kritiker auf den Plan gerufen, die zweifelten, dass sich „höhere Eigenschaften“ des Menschen in ähnlicher Weise lokalisieren ließen:

Es giebt kein Organ, in welchem die sittlichen Eigenschaften lokalisirt, in welchem sie an ein bestimmtes Substrat gebunden sind; es giebt eben so wenig ein Centrum der Moralität, wie es ein Centrum der Intelligenz giebt. (Baer, 1893)

Den Weg der Lokalisierung der Moral habe in der von Schirmann untersuchten Periode vor allem Karl Kleist mit seinem Konstrukt des Gemeinschafts-Ichs verfolgt. Inspiriert durch Untersuchungen an durch Kriegsereignisse hirnverletzten Menschen habe dieser die These vertreten, dass insbesondere Schäden im Orbitalhirn (das ist, grob gesagt, im Bereich hinter den Augen) zu Mängeln der Gemeinschaftsgesinnungen, Lüge oder Diebstahl führen könnten.

Kleist sei allerdings auf einem Kongress 1936 stark von Forscherkollegen kritisiert worden und habe in den Folgejahren versucht, die Einwände zu widerlegen. Schirmann zufolge entwickelte sich dann aber die Forschung weiter und haben insbesondere ein neues statistisches Verständnis von Lokalisation, die Kompensationsfähigkeit des Gehirns (wofür wir heute oft das Wort „Neuroplastizität“ verwenden) und die Rolle der Persönlichkeit vor der Hirnverletzung an Bedeutung gewonnen.

Gefährliche Gehirne – einmal anders

Nach der Mittagspause trug Birte Englich, Professorin für Angewandte Sozialpsychologie und Entscheidungsforschung an der Universität zu Köln, vor. Sie hat die Idee ‚gefährlicher‘ Gehirne auf kreative Weise uminterpretiert, denn in ihrem Beitrag ging es nicht um die Gehirne Krimineller, sondern die mitunter gefährlichen Folgen beeinflusster richterlicher Urteile.

So hat sie in Anknüpfung an US-amerikanische Forschung der Psychologen Tverski und Kahnemann untersucht, wie sogenannte Anker etwa das richterlich bestimmte Strafmaß beeinflussen können. In den Originalexperimenten sollten Versuchspersonen beispielsweise schätzen, wie hoch der Anteil afrikanischer Länder bei den Vereinigten Nationen ist, nachdem sie an einem Glücksrad eine hohe oder niedrige Zahl, den Anker, gewürfelt hatten.

Urteil mit dem Würfel gemacht?

In ihren Untersuchungen konfrontierte Englich nicht nur Studierende, sondern echte Richterinnen und Richter, bei der Beurteilung eines (fiktiven) Straffalls abwechselnd mit niedrigen oder hohen Zahlen, eben den Ankern. In einem Fall sollten die Versuchspersonen sogar eine Zahl selbst würfeln und in ein Formular eintragen.

Die Kölner Psychologin konnte nachweisen, dass diese Anker, selbst wenn sie für die zu beurteilende Sache völlig irrelevant waren oder zufällig zustande kamen, das vorgeschlagene Strafmaß statistisch signifikant beeinflussten. Daher könnte auch die eigentlich zum Vorteil der Verteidigung gehandhabte Reihenfolge der Schlussplädoyers den Angeklagten tatsächlich zum Nachteil reichen: Da nämlich die Staatsanwaltschaft zuerst einen Vorschlag für das Strafmaß machen dürfte, könnte dieser – natürlich tendenziell höhere – Anker sowohl das Gericht als auch die Verteidigung in ihren Entscheidungen beeinflussen.

Von der Sozialpsychologie zur forensischen Psychiatrie

Zum Schluss haben die beiden eingeladenen forensischen Psychiater vorgetragen: Hans-Ludwig Kröber, Professor an der Berliner Charité, und Jürgen Müller, Professor an der Universität Göttingen.

Der auch philosophisch und historisch sehr interessierte Kröber holte für seinen Vortrag sehr weit aus, bezog sich auf die Rechtsphilosophie Kants und Hegels, die Diskussion des naturwissenschaftlichen Beitrags zum Verständnis menschlichen Verhaltens mit seinen angeblichen gesellschaftlichen, vor allem rechtlichen Folgen, um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts, sowie das theoretische Fundament der Psychiatrie.

Auf die von ihm selbst aufgeworfene Frage, wofür die bildgebende Hirnforschung in der forensischen Psychiatrie nützlich sei, antwortete er ernüchternd: erstens, zum Einwerben von Drittmitteln; zweitens, zur Erhöhung des Impact Factors.

Wissenschaft des Subjektiven

Der Berliner Psychiater unterstrich in Anlehnung an den US-Psychiater und Philosophen Kenneth Kendler, dass die Psychiatrie unwiderruflich im Mentalen, in Erste-Person-Erfahrungen gegründet sei. In seinen Kröbers eigenen Worten:

Psychiatrie ist die Wissenschaft vom subjektiven Erfahrungsraum der Menschen. Daran ändert sich nichts, auch wenn man heute Forschungsgelder und wissenschaftliche Karrierechancen nur noch dann sicher bekommt, wenn man sich als Naturwissenschaftler geriert, der keinen unmittelbaren Kontakt zum Kranken mehr benötigt, sondern elektrophysiologische oder biochemische Prozesse studiert: „molekulare Psychiatrie“ zum Beispiel, und die „submolekulare“ obendrein. (Kröber, 2013, S. 15).

Willensfreiheit und Schuldfähigkeit

Dementsprechend argumentierte Kröber auch dafür, dass neurowissenschaftliche Untersuchungen wenig zur Diskussion um die Willensfreiheit oder die strafrechtliche Schuldfähigkeit beigetragen hätten. Der Grad der Beeinträchtigung eines Angeklagten oder Patienten hänge davon ab, wie beeinträchtigt dieser in seinem Erleben und Verhalten sei:

Wenn beispielsweise eine Hirnverletzung keine Auswirkung auf Erleben und Verhalten einer Person habe, dann sei sie psychiatrisch beziehungsweise für die Beurteilung der Schuldfähigkeit auch irrelevant; umgekehrt könne man eine deutlich erkennbare Störung von Erleben und Verhalten nicht dadurch ignorieren, dass man ihr kein Korrelat im Gehirn zuordnen kann.

Psychopathie im Aufwind

Jürgen Müller beschäftigte sich weniger mit den Grundlagen der gesamten Psychiatrie, sondern konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Geschichte, Theorie und Praxis des Psychopathiebegriffs. So führte er das Konstrukt „Psychopathie“ auf den Franzosen Philippe Pinel (1792) zurück. Wesentliche Folgebeiträge seien von Kurt Schneider (1923), Hervey Cleckley (1941) und Robert D. Hare (1980) gekommen.

Übereinstimmendes Merkmal sei bei diesen Ansätzen stets eine Verbindung von kriminellem Verhalten mit bestimmten emotionalen Eigenschaften gewesen. Gemäß der verbreiteten Checklist Hares sind dies beispielsweise oberflächlicher Charme, manipulatives Verhalten, Lügen oder das Fehlen von Empathie. Gerade in den letzten Monaten sind eine Reihe von Sachbüchern erschienen, die die Psychopathieforschung popularisieren, beispielsweise das Buch Kevin Duttons über die angebliche Weisheit der Psychopathen.

Verbrechen und Gefühlsstörungen

Müller berichtete von Einzelfällen, bei denen Schädigungen des Frontalhirns mit in den kriminellen Bereich reichenden Persönlichkeitsveränderungen einhergingen; er hob jedoch auch gegenteilige Befunde hervor, bei denen ähnliche Verletzungen nicht zu Kriminalverhalten führten. In ähnlicher Weise hätten anatomische und funktionelle Untersuchungen an Psychopathen Auffälligkeiten in verschiedenen Gehirnbereichen gefunden: beispielsweise im Frontal- und Temporallappen sowie im limbischen System; Auffälligkeiten, die häufig mit dem Aspekt der Emotionsverarbeitung in Zusammenhang gebracht würden.

Damit lieferte Jürgen Müller am Ende des Workshops einen empirischen Überblick, der sich hervorragend als Auftakt für die Abschlussdiskussion eignete: Es dürfte Konsens unter den Teilnehmenden gewesen sein, dass wir weit von einem neurowissenschaftlichen Verständnis kriminellen Verhaltens entfernt sind; einige formulierten sogar philosophische oder soziale Argumente dafür, warum dies prinzipiell nicht möglich ist.

Krankheit in Abhängigkeit des Kontexts

In dieser Hinsicht war beispielsweise der Hinweis interessant, dass Menschen, die heute als Psychopathen ausgegrenzt würden, aufgrund ihrer emotionalen Eigenschaften – zum Beispiel ihre nüchterne Risikobereitschaft, Angstlosigkeit oder Distanziertheit – eine wichtige militärische Rolle bei Kriegsereignissen spielten. Tatsächlich will uns die neuere populärwissenschaftliche Literatur jetzt sogar die Idee verkaufen, für ein erfolgreiches Leben müssten wir alle ein bisschen wie Psychopathen werden. Das ist vielleicht auch ein interessanter Hinweis darauf, wie es heute in unserer Gesellschaft zugeht.


Verschiedene von mir identifizierte Interessenparteien und Themengebiete rund um die Idee ‚gefährlicher‘ Gehirne.

An unseren Workshop schließen sich große Fragen an – zu groß, um sie alle an einem Tag ausgiebig zu klären: So verdienen sicher die Rolle der Öffentlichkeit und der Einfluss der Medien eine genauere Untersuchung; sozio-politische Hintergründe und Konsequenzen der strafrechtlichen Gesetzeslage versprechen ebenfalls eine wichtige Diskussion; wie Richterinnen und Richter in der Praxis entscheiden, dürfte nicht weniger interessant sein.

Wunsch nach Kontrolle und Überwachung

Den forensisch-wissenschaftlichen Herausforderungen im engeren Sinne haben wir uns aber bereits intensiv gestellt und wir kamen dabei zu vielen wichtigen Einsichten, die unsere weitere Forschung inspirieren wird. Die Suche nach und Vorstellung von ‚gefährlichen‘ Gehirnen scheint aber vor allem ein Phänomen des Zeitgeists zu sein, der sich trotz großer öffentlicher Sicherheit immer mehr Kontrolle und Überwachung wünscht, im Zweifelsfall bis hinein in die Gehirne unverdächtiger, junger Menschen.

Hinweis: Der Workshop wurde mit Mitteln der VolkswagenStiftung finanziert.

Literatur:

Becker, P. (2012). The neurosciences and criminology: How new experts have moved into public policy and debate. In: K. Brückweh, D. Schumann, R. Wetzell & B. Ziemann (Hrgg.): Engineering Society. The Role of the Human and Social Sciences in Modern Societies, 1880-1980. Basingstoke: Palgrave.

Englich, B., Mussweiler, T. & Strack, F. (2006). Playing Dice With Criminal Sentences: The Influence of Irrelevant Anchors on Experts’ Judicial Decision Making. Personality and Social Psychology Bulletin 32: 188-200.

Kendler, K. S. (2005). Toward a Philosophical Structure for Psychiatry. American Journal of Psychiatry 162: 433-400.

Kroeber, H.-L. (2007). The Historical Debate on Brain and Legal Responsibility — RevisitedBehavioral Sciences and the Law 25: 251-261.

Kröber, H.-L. (2013). Willensfreiheit und strafrechtliche Verantwortlichkeit. sozialpsychiatrische informationen 1/2013, S. 14-18.

Müller, J. L. (2010). Psychopathy—an Approach to Neuroscientific Research in Forensic Psychiatry. Behavioral Sciences and the Law 28: 129-147.

Schirmann, F. (forthcoming). The Neuropathology of Morality: Germany 1930-1960. Journal of the History of the Neurosciences.

Schleim, S. (2012). Brains in context in the neurolaw debate: The examples of free will and “dangerous” brains. International Journal of Law and Psychiatry 35: 104-111.

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

29 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke!

    Sehr spannender Tagungsbericht! Und wieder einmal zeigt(e) sich, dass Erkenntnis- und Diskussionsfortschritte vor allem interdisziplinär erarbeitet werden müssen. Jede Reduzierung menschlichen Verhaltens auf nur noch eine wissenschaftliche Perspektive (Neuro-, Psycho-, Sozio- etc. -logismus) entspricht vielleicht den Verstehenswünschen unserer gefährlichen Gehirne, nicht aber der komplexen Realität.

  2. Zeitgeistige Wellen

    Interessant zu beobachten , wie der alte Gedanke des „geborenen Verbrechers“ wieder aus der Kiste geholt wird , allerdings auch das in einer Lightversion wie die Wirtschaftskrise und andere Phänomene.

  3. Präventionsgedanke im Vordergrund

    Trotz der Vielfalt der Beiträge wir hier vor allen ein Aspekt von neurobiologischen und genbasierten Erhebungen in den Vordergrund gerückt, nämlich das Erkennen einer kriminellen Neigung, was dann eine Prävention ermöglicht. Diese wird aber bei einer allzu biologistischen Betrachtungsweise wohl vor allem im Wegsperren der gefährlichen Indivduen bestehen.
    Das scheint mir in einem so frühen Stadium der Hirnforschung ein allzu enger Blickwinkel und lässt sich wohl nur historisch erklären, ist doch die Idee viele Verbrecher seien quasi geborene Verbrecher schon recht alt. Die neuen Methoden wie Neuroimaging und Elektroenzephalographie werden nun einfach in den Dienst dieser alten Fragestellung gestellt. Der Ertrag dieser Bemühumgen wird meiner Ansicht nach quantitativ recht bescheiden sein, denn wenn es auch Psychopathen gibt und sicher auch Charaktereigenschaften, die mit erhöhter Kriminalität korrelieren, so wird in dieses Raster doch nur eine Minderheit der Straftäter passen.
    Ein breiter gefasster Forschungsansatz, der das Verhalten von gewaltbereiteren Menschen – zu denen nicht nur Kriminelle gehören – zuerst einmal besser verstehen will und dazu neben den klassischen Methoden auch Neuroimaging und andere neurobiologische Methoden einsetzt, wäre wahrscheinlich viel fruchtbarer als der hier vorgestellte präventive Ansatz, der vor allem das Ziel hat zu selektieren.

  4. Laienfrage @Stephan Schleim

    Bei dem Workshop ging es nicht nur darum zukünftige Kriminelle zu erkennen, sondern auch, „über den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung zu kriminellem Verhalten, Psychopathie und psychischen Störungen zu diskutieren“.
    Wahrscheinlich ist es deshalb noch etwas verfrüht zu fragen, was man denn überhaupt tun könnte um den betroffenen Personenkreis gegebenenfalls zu therapieren.

    In Amerika hat man beispielsweise sogar „Trotzreaktionen“ in den Katalog der psychischen Krankheiten aufgenommen, die dann medikamentös behandelt werden. Ist das die Zukunft? Manche Fachleute sehen das durchaus kritisch, so wie Dr. Bruce Lavin in dem hier verlinkten Video.

    http://www.youtube.com/watch?v=gcUjzoqfNu8

  5. Dr.Webbaer,Mona: DSM definiert Krankheit

    Zitat: „Es geht da erkennbar auch um Macht, vgl. DSM-5“
    Es geht konkret darum, was als therapierbare Krankheit zu gelten hat. Wenn es um Macht geht, dann um die Macht der Therpeuten (Psychiater), denn damit eine Therapie von der Krankenkasse abgegolten wird, muss sie auf einer etablierten Diagnose beruhen. Die Psychiater, die auch „Trotzreaktionen“ in den DSM-Katalog aufnehmen wollen, meinen es meist gut mit den so definierten Patienten, denn sie wollen sie therapieren. Natürlich meinen sie es auch gut mit sich selbst, schaffen sie doch damit neue Klienten, die dann noch vorwiegend von den Psychiatern/Psychologen behandelt werden, die die Diagnose „durchgedrückt“ haben, da es ja auch diejenigen sind, die als „Neuentdecker“ die meiste Kompetenz mitbringen.

  6. Krankheit und Neuroscience

    Richtig eingesetzt kann klinische Hirnforschung mithelfen ein klareres Bild der psychischen und psychiatrischen Krankheiten zu erhalten und damit der Diagnosen-Explosion entgegenwirken wie sie im DSM-Katalog >Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders von Ausgabe zu Ausgabe stattgefunden hat.

    Anhand von Symptomen wie es „Trotzreaktionen“ sind, neue Krankheitsbilder zu definieren, zeigt auf welchem Stand Psychologie und Psychiatrie noch sind: Sie definieren Krankheiten aufgrund von Symptomen, verstehen aber die Genese (Aetiologie) und die Dynamik dieser Krankheitsbilder kaum.

  7. @ DH

    Zeitgeistige Wellen

    – ja, so wird sie eben systemrational-gepflegt, die Dummheit / SKM in GLEICHERMAßEN unverarbeiteter und somit leicht MANIPULIERBARE Bewußtseinsschwäche von Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“ auf Sündenbocksuche, für den Erhalt der wettbewerbsbedingten Hierarchie von und zu materialistischer „Absicherungen“ 🙂

    Kein Phänomen, kein Wunder, sondern logische Symptomatik der heuchlerischen / verlogenen / illusionären Bewußtseinsbetäubung!

  8. @Mona: Medikalisierung & Therapie

    Die Debatte, inwiefern Kriminelle oder Psychopathen „therapiert“ werden können, ist eine lange und müßige. Die Suche nach „gefährlichen“ Genen und Gehirnen verschleiert natürlich die Sicht dafür, dass der soziale Kontext, in dem sich ein Mensch befindet, ebenfalls entscheidend ist.

    Ich sitze gerade am Hotelrechner und kann das nicht nachschauen, liefere bei Gelegenheit aber gerne die Quelle eines US-Psychologen nach, der sich gegen so manche Mythen über Psychopathie wendet, u.a. den Mythos der Nicht-Therapierbarkeit.

    Wenn man Trotzreaktionen nun als (psychische) Krankheit auffassen möchte, dann überrascht mich das nicht. Ein Kollege berichtete mir einmal, einer seiner Patienten haben sich wegen Problemen mit dem Nachbarn an ihn (einen Psychiater) gewandt. Er hat sich dann geweigert, das psychiatrisch zu behandeln.

    Dass stets mehr Probleme medizinisch verstanden und dann eben auch behandelt werden, ist in der Soziologie gut untersucht und hat dort den Namen Medikalisierung erhalten. Dass man in der gesamten Psychiatrie trotz jahrzehnte-, ja eigentlich jahrhundertelanger Suche so gut wie kein biologisches Korrelat dieser Störungen gefunden hat, ist für mich ein starker Hinweis darauf, dass hier insgesamt viel medikalisiert wird.

    Da hat jede Zeit eben so ihre Moden. Ich habe mich gerade mit den 1970er Jahren beschäftigt, als z.B. in den USA an vielen Orten Schwänzen, Weglaufen und Ungehorsam als „Prädelinquenz“ aufgefasst und dann auch medikalisiert wurde. Den Leuten mit Aufmerksamkeits- und Lernschwäche hat man dann gleich eine Hirndysfunktion unterstellt. Ein Teil dieser Problematik dürfte in der gegenwärtigen ADHS-Praxis fortdauern.

  9. @Holzherr: Neurobiologisierung

    So wie ich die These Peter Beckers verstanden habe, ist die Neurobiologisierung von Kriminalverhalten beziehungsweise Psychopathie seit dem 19. Jahrhundert eine Strategie, um sich in der Öffentlichkeit als Experte aufzustellen.

    Das heißt, um die Neurowissenschaften allgemein als zentrales Gebiet für die sozio-politischen Probleme unserer Zeit darzustellen, kommen einige Neurowissenschaftler nicht darum herum, über dieses wichtige Thema zu sprechen und dabei sogar radikal übertriebene Thesen aufzustellen – und das, nachdem die ganzen Versuche mit kriminellen Schädeln, Chromosomen, Hormonen, Genen, Gehirnregionen usw. alle schon gescheitert sind.

    Man könnte eigentlich darüber lachen, würde es nicht potenziell viele Menschen, denen man dann das Attribut „gefährlich“ zuschreibt, treffen. Das kann im Extremfall zu einem lebenslangen Wegsperren führen, das man noch vor der Einführung (und dann Ausweitung) der Sicherungsverwahrung mit Blick auf die Menschenwürde nicht einmal einem Serienmörder oder Terroristen zugemutet hätte.

  10. @ Horst

    Wohl wahr , wenn ich ein bestimmtes Ergebnis haben will , findet sich schon jemand , ders bestätigt.

    @ Stephan Schleim

    „Mythos der Nicht-Therapierbarkeit.“

    Noch so ein Phänomen , ist ja auch bequem ,der Betroffene ist ausschließlich selber Schuld und verursacht keine Kosten mehr.

  11. @Stephan Schleim

    »Becker machte ebenfalls deutlich, wie in den USA, Großbritannien und Deutschland – nicht aber in Frankreich oder Italien! – Neurowissenschaftler zu öffentlichen Intellektuellen wurden, zu Experten, die man förmlich zu allen menschlichen und sozialen Problemen anhöre.«

    Hat man eigentlich eine Vorstellung davon, woran es liegt, dass Frankreich und Italien offenbar weniger anfällig für diese Neuro-Manie sind?

  12. @Stephan Schleim

    Vielen Dank für die Antwort! Natürlich hat der „der soziale Kontext, in dem sich ein Mensch befindet“ einen nicht unwesentlichen Einfluss auf seine psychische Gesundheit. Deshalb frage ich mich ja, wie man nicht-organische Ursachen für psychische Erkrankungen im Gehirn finden will.
    Die zunehmende „Medikalisierung“, besonders von Kindern, sehe ich ebenfalls als Problem an. Viele Lehrer und Eltern wünschen sich angepasste Kinder, weil diese einfacher zu händeln sind. Entspricht ein Kind nicht dieser Erwartung wird es zum Psychologen oder Psychiater geschickt, der dann ADHS oder eine „Trotzreaktion“ diagnostiziert und entsprechende Medikamente verordnet. Auf diese Weise kann man die Kinder ruhigstellen und braucht sich keine Gedanken mehr über zu große Schulklassen oder gestresste Eltern zu machen, die vor lauter Arbeit keine Zeit mehr für ihre Kinder haben. Überträgt man das auf die Gesellschaft allgemein, dann lassen sich viele Probleme dadurch lösen, dass man die Menschen einfach medikamentös ruhigstellt, so wie man es heute schon mit den Insassen psychiatrischer Anstalten macht. Das ist sicher billiger als eine langwierige Therapie.

    Und natürlich hat jede Zeit auch ihre Moden. Heutzutage wird viel vom Burn-out-Syndrom gesprochen. Andere Phänomene hingegen sind fast verschwunden, wie das „Hausfrauen-Syndrom“.

    http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/psycho/6364

  13. @Chrys: Kommunikationskulturen

    Ich fand diesen Unterschied auch sehr interessant. In Frankreich und Italien scheinen die Hirnforscher eben (noch?) nicht so als „public intellectuals“ anerkannt zu sein wie in den USA, GB und Deutschland.

    Becker zufolge würden in Frankreich/Italien durchaus auch Hirnforscher am öffentlichen Diskurs teilnehmen, dann aber eher in Begleitung eines „großen Philosophen“.

    Es wäre sicher sehr spannend, diese unterschiedlichen Kommunikationskulturen weiterzuverfolgen. Wenn du es genauer wissen willst, dann besorg dir bitte sein Buchkapitel.

  14. @Mona: Psycho, Medis, Therapien

    Medikalisierung und Psychologisierung sind in meinen Augen nicht grundsätzlich verschieden. Nicht nur die Verordnung von Medikamenten (Zitat: “ Entspricht ein Kind nicht dieser Erwartung wird es zum Psychologen oder Psychiater geschickt, der dann ADHS oder eine „Trotzreaktion“ diagnostiziert und entsprechende Medikamente verordnet“) ist für mich problematisch, sondern überhaupt die Therapieschiene, in die jemand mit oder gegen seinen Willen hineingepresst wird, hat etwas problematisches. Nicht nur Medikamente haben unerwünschte Nebenwirkungen sondern auch Gesprächs- und Verhaltenstherapien. Für mich sollten solche therapeutischen Settings die Ausnahme nicht die Regel sein und wir sollten wieder wegkommen vom jetzt immer prävalenter werdenden Gesundheitsverständnis, welches die Abwesenheit von Krankheit, Diagnosen und Therapiezielen als eine Art Vernachlässigung auffasst, die resultiert, wenn die diagnostischen Bemühungen zu gering sind, also das diagnostic caring fehlt.

  15. @Chrys

    „Hat man eigentlich eine Vorstellung davon, woran es liegt, dass Frankreich und Italien offenbar weniger anfällig für diese Neuro-Manie sind?“

    Im Zusammenhang mit ADHS fiel mir auf, dass es diese Diagnose in den genannten Ländern kaum gibt. Glaubt man diesem PDF (siehe unten), dann liegt es möglicherweise daran, dass in Europa der Zugang zu englischsprachiger Literatur und das Hintergrundwissen, das vor allen Dingen aus den USA kommt, sehr unterschiedlich ist. Das könnte auch Ihre Frage erklären.
    http://www.ads-adhsfundgrube.de/PDF/7_2_ADHS_Int.pdf

  16. „gefährliche“ Föten

    Okay, nebenan bei der Zeit hat der Ethikprofessor Julian Savulescu aus Oxford gerade ein Eugenik-Programm für „gefährliche“ Föten vorgeschlagen:

    Wenn ich sage, wir sollten Gentests machen, um sicherzustellen, dass wir Kinder mit den bestmöglichen Genen und ohne Behinderung haben, dann sagen meine Kritiker: Oh nein, das ist Eugenik, das haben die Nazis gemacht! Außerhalb Deutschlands wird die Präimplantationsdiagnostik bereits praktiziert, doch zumeist geht es nur um schwere Krankheiten wie Mukoviszidose und Downsyndrom, nicht um leichtere. Und da frage ich: Warum? Bald werden wir das gesamte Genom testen können. Wenn man also durch künstliche Befruchtung zehn Embryonen erzeugt hat, könnte einer davon eine Disposition für kriminelles Verhalten haben, die niedrige Monoaminooxidase-A-Variante. Ich glaube, es ist rational, einen Embryo mit der hohen Variante zu nehmen, weil er weniger wahrscheinlich ein Krimineller wird – anstatt das dem Zufall zu überlassen.

    Mit Blick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist das freilich konsequent: Wo Raine die „gefährlichen“ Menschen erst ab dem 18. Lebensjahr in eine Sicherungsverwahrung stecken will, sollen sie gemäß Savulescu erst gar nicht geboren werden. Das würde nicht nur das Geld für die Unterbringung sparen, sondern ein „gutes“ Kind könnte an Stelle des „gefährlichen“ aufwachsen.

    Würde jemand Savulescu bitte nicht nur die Oberflächlichkeit seiner ethischen Begründung erläutern, sondern auch die zugrundeliegende Biologie erklären? Denn selbst wenn man die Befunde zu den „gefährlichen“ Genen für bare Münze nähme (Krieger-Gene und wie man Verbrechern das Fürchten lehrt), erfordert der gefundene Effekt immer noch die Vermittlung über Kindesmisshandlung.

    Doch ich habe kaum einen Zweifel daran, dass Savulescu auch hierfür die richtige Lösung parat hätte: Würden alle Eltern präventiv Oxytocin schnupfen, dann würde das garantiert nicht mehr vorkommen.

    Das muss aber dann jemand anders dem Professor erklären, der meine Kommentare in seinem Blog nicht freischaltet (z.B. hier).

  17. @Stephan Schleim: gefährliche Eltern

    Dass der Staat dazu auffordert oder gar verlangt, „gefährliche“ Föten abzutreiben, ist wohl in der näheren Zukunft kaum wahrscheinlich. Mindestens nicht in Ländern in denen es Ethikkommissionen gibt.

    Ganz anders ist das, wenn es auf expliziten Elternwunsch geschieht. Denn bezüglich Geschlecht passiert das jetzt schon in einigen Ländern. Schon in nicht allzu ferner Zukunft ist vorstellbar, das Eltern nicht mehr eine „Zufallskind“ haben wollen, sondern ein Wunschkind, mindestens aber kein Kind mit unerwünschten Eigenschaften.

  18. @Holzherr: Eugenik

    Mit „Eugenik“ ist meinem Verständnis nach erst einmal nichts darüber gesagt, auf wessen Anordnung eine Abtreibung beziehungsweise Nicht-Einpflanzung eines Fötus im Interesse der „Verbesserung“ der Bevölkerung geschieht.

    Davon abgesehen hat die interessante Debatte über das Dopingprojekt der BRD jüngst zutage gefördert, wie man auch ohne staatlichen Zwang die Individuen so unter Druck setzen kann, dass zumindest einige das gewünschte Verhalten zeigen: So hieß es etwa, Ärzte und Sportfunktionäre (im Übrigen oft Angestellte des Staates oder mit engen Verbindungen zum Staat) hätten mit Verweis auf die Konkurrenz und den Wettbewerb immer wieder den Druck erhöht oder gar bewusst ein Trainingsprogramm so gestaltet, dass es die Sportler fertigmachen musste und damit ihren Wunsch nach Dopingmitteln verstärkte (Züchten wir Monstren?).

    Stellen wir uns jetzt ein paar mit Kinderwunsch vor, dem ein Arzt sagt, im ausgewählten Fötus habe man Anzeichen für Kriminalverhalten gefunden. Wie „frei“ ist nun deren Entscheidung? Welche anderen Informationsquellen stehen vor Ort tatsächlich zur Verfügung?

  19. @Mona

    Ja, da dürfte i.a. was dran sein, dass amerikanische Vorbilder in Deutschland eher kopiert werden als beispielsweise in Frankreich, das wäre zumindest so mein Eindruck. Gerade bei der Hirnforschung hat es aber auch die deutschen Originale wie Roth und Singer, die massgeblich darauf hingewirkt haben, dass die Hirnforschung öffentlich als neue Leitwissenschaft wahrgenommen wird. Wenn ich recht informiert bin, wurden beide dafür auch mit Bundesverdienstorden dekoriert.

    Frankreich hat nun freilich auch seine Neuro-Enthusiasten, wie etwa [Stanislas Dehaene], der beim HBP eine erste Geige spielt. Clicken Sie bei dem verlinkten franz. Wikipedia Eintrag mal auf andere Sprachen wie „Deutsch“ und „English“ — da wird ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als auf Französisch. Passt ziemlich genau ins Bild, wie Stephan Schleim es hier gezeichnet hat. Erklären kann ich mir das noch nicht.

  20. Whole Genom Sequencing standard tomorrow

    Schon bald wird das ganze humane Genom für weniger als 1000 Dollar sequenzierbar sein. Anzunehmen ist, dass diese Information für zahlende Kunden privat sein wird (aber was ist für die NSA privat?) und dass das damit verbundene Wissen – wenn vorsichtig interpretiert – sehr hilfreich sein kann für die Erkennung und richtige Behandlung von Krankheiten (genabhängige Medikamentenwirkung) und Schwächen (erlaubt Lebensstilanpassungen).
    Im New Scientist-Artikel Should babies have their genomes sequenced at birth? wird bereits der Nutzen von Ganzgenomuntersuchungen für Neugeborene evaluiert.

    Das vollständige Genom eines Menschen wird über diesen Menschen wahrscheinlich einiges aussagen, wenn auch viele Gene nur mittelstark mit bestimmten Ausprägungen/Charaketermerkmalen/Verhaltensweisen korrelieren.

    Selbst wenn das eigene Genom prinzipiell privat bleibt, kann man sich ohne weiteres vorstellen, dass das nicht für alle gelten wird. In bestimmten sensiblen Positionen wird man in Zukunft wohl nur bei Offenlegung des eigenen Genoms hineinkommen. Auch die aus dem Genom abgeleitete Neigung zu kriminellem Verhalten könnte in solchen Fällen eine Rolle spielen.

    Fazit: In Zukunft müssen wir mit noch mehr Wissen über uns und andere zurechtkommen. Eine neue Wissensquelle wie es das eigene Genom darstellt, kann zum Nutzen oder Schaden einer Person eingesetzt werden. Wir werden wohl beides erleben.

  21. Reaktionen

    Wer Reaktionen bei Nichtgefallen unterdrückt

    Das muss aber dann jemand anders dem Professor erklären, der meine Kommentare in seinem Blog nicht freischaltet (z.B. hier).

    …hat mit dem WebLog oft das falsche Publikationsmedium gewählt, er sollte anders im Web publizieren (und auf die möglicherweise höhere Lesefrequenz verzichten). – Ein bekanntes Problem der ‚Praktischen Ethik‚.

    MFG
    Dr. W

  22. @konstruktor: Neuro-Pädagogik

    Indem die Autoren des Zeit-Artikels die Aussagen der Neuro-Pädagogen analysieren, in ihre Bestandteile zerlegen und infrage stellen, dass es sich dabei noch um Ergebnisse der Hirnforschung handeln kann.

  23. @Stephan Schleim

    „Indem die Autoren des Zeit-Artikels die Aussagen der Neuro-Pädagogen analysieren, in ihre Bestandteile zerlegen und infrage stellen, dass es sich dabei noch um Ergebnisse der Hirnforschung handeln kann.“

    Ich bin in Manchem prinzipiell bei Ihnen, sehe aber nicht, daß da etwa analysiert würde. Es wird nichts wirklich widerlegt, sondern anhand unwichtiger ad-hominem-Details wird herumpolemisiert, was mich nicht wirklich interessiert, da ich doch längst weiß, daß die Wissenschaftsgemeinschaft derlei Gehabe gern bedient. Also nicht, daß der Herr Professor es nicht verdient hätte – aber es mangelt dem Artikel entschieden an Folgerichtigkeit.

    Und: „Die Hirnforschung und ihre Ergebnisse“ – sollte es ein Solches tatsächlich geben? Es ist immer eine Frage der kulturellen Umstände, nicht des objektiv möglichen Wissens, was uns diese strikt spekulative Forschung an Erkenntnissen vermitteln kann.

  24. @konstruktor: Dekonstruktion

    Ich erinnere mich daran, dass in dem ZEIT-Artikel hinterfragt wurde, inwiefern Gerald Hüther eigentlich ein Hirnforscher ist und auf welchem Gebiet – schließlich wird er als solcher „vermarktet“ (z.B. als Laborleiter eines Labors, das es längst nicht mehr gibt).

    Ferner wurde meiner Erinnerung nach auf das Ausbleiben der Veröffentlichung experimenteller Befunde hingewiesen. Das ist doch ein starkes Stück, wenn man bedenkt, dass beispielsweise Hüthers „Bedienungsanleitung“, heute in der zehnten Auflage, schon 2001 erschienen ist.

    Inwiefern das Ad-hominem-Attacken sind, wenn man die Expertise und Befunde eines Wissenschaftlers hinterfragt, das leuchtet mir nicht ein; es ist aber übrigens auch nicht Thema dieses Posts. Wie Sie oben sehen, handelte es sich dabei nur um eine Nebenbemerkung.

  25. From zero tolerance to zero risk

    From zero tolerance to zero risk
    „Mindreading“ kann die Chance gefährlicher Inhaftierter auf Freilassung erhöhen, wenn ihr „Gehirn“ als nicht mehr gefährlich eingestuft wird.

    Der Zeitgeist hier in Europa fordert nämlich zunehmend Vergewaltigern und Mördern keine zweite Chance zu geben. In den USA gibt es diese Einstellung und das zugehörige Wegsperren schon viel länger, weshalb die Gefängnisse dort auch übervoll sind und inzwischen fast 1% der US-Amerikaner im Gefängnis leben und es in den USA 20 Mal mehr Gefangene gibt als 1960. Während in den USA aber bereits ein Umdenken stattfindet, ist es hier in Europa gerade umgekehrt. Der Satz: „Jede Tat, die hätte verhindert werden können ist eine zuviel“ überzeugt hier immer mehr Menschen.

    Als Beispiel will ich auf einen aktuellen Fall in der Schweiz hinweisen wo ein früherer Vergewaltiger nun eine Betreurin tötete: Die Journalistin Bettina Weber schreibt dazu:
    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Der-Schutz-der-Opfer-geht-vor/story/24507736
    „Schon wieder eine getötete Frau. Schon wieder. Und wieder werden sich die Verantwortlichen herausreden, mit dem schrecklichsten aller Sätze.Der Satz, der in solchen «Fällen» immer bemüht wird, von Politikern, von Psychologen, von Juristen ist, dass es die absolute Sicherheit nicht gebe. Die Haltung, die dahintersteckt, ist so unerträglich wie der Satz selbst. Nicht nur, weil damit Opfer und ihre Angehörigen schulterzuckend als Kollateralschäden des Systems abgetan werden. Der Satz ist vor allem auch unerträglich dumm. Weil es nicht um Ersttäter geht, von denen niemand wissen konnte, dass und wie gefährlich sie sind.“

    Wer es unerträglich dumm findet, dass ein Täter rückfällig werden kann, wie obige Journalistin, der wird tendenziell schon Erstäter für immer wegsperren.

    Neue Verfahren der Hirnuntersuchung könnte vielleicht einigen so Weggesperten wieder eine Chance auf Entlassung geben. Denkbar ist aber auch, dass bald schon Menschen stigmatisiert werden, die überhaupt noch keine gefährliche Tat begangen haben, die nur ein „gefährliches Gehirn“ haben.

  26. Risiken: Malen mit Zahlen

    Schon wieder ein getöteter Mensch! Im Jahr 2012 starben in Deutschland 3.600 Menschen im Straßenverkehr. Im gleichen Jahr wurden 800 Menschen in Deutschland ermordet.

    Viereinhalb mal so viele Menschen kommen im Straßenverkehr ums Leben wie durch Morde. Sperrt sie alle weg, die gefährlichen Autofahrer! Man braucht dafür keinen Gehirnscanner – wer vor dem Haus ein Auto stehen hat, der ist verdächtig.

    Fahrzeuge sind so gefährlich und nichts wird sich ändern, wenn wir Menschen wieder und wieder ans Steuer lassen. Die 3.600 Opfer als Kollateralschaden abzutun ist so pervers wie dumm – und der perfideste Satz von allen ist: Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Wie soll das nur die Zehntausenden Angehörigen trösten?

    @Holzherr: Meines Erachtens argumentiert die Journalistin sehr emotional. So lange sie uns nicht so weit bringt, es ihr gleich zu tun, sind wir nicht verloren.

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