Gedanken zum Weltmännertag: Für einen „Equal Age Day“

Zumindest beim Alkohol schließt sich die Geschlechterlücke,“ hieß es vor Kurzem. Eine Untersuchung des Epidemiologen Tim Slade von der University of New South Wales (Australien) und seiner Kollegen im angesehenen British Medical Journal hatte 68 Studien identifiziert, in denen das Trinkverhalten der Geburtsjahrgänge von 1891 bis 2001 verglichen wurde.

Das Ergebnis war deutlich: Waren im frühen 20. Jahrhundert Männer 2,2-mal so häufig Alkoholkonsumenten wie Frauen, schrumpfte diese Rate bis zum Ende des Jahrhunderts auf nur 1,1. Von Schäden durch Alkohol waren Männer früher 3,6-mal so oft betroffen, später nur noch 1,3-mal. Die Forscherinnen und Forscher empfehlen, das Trinkverhalten der jungen Menschen von heute vorsorglich bis in deren 30er und 40er Jahre zu untersuchen.

Relativ ist nicht absolut

Zunächst einmal muss man anmerken, dass solche relativen Wahrscheinlichkeiten auf zwei Weisen gelesen werden können: Entweder trinken Frauen heute mehr als früher; oder Männer trinken heute weniger als früher. In beiden Fällen würden die relativen Geschlechterunterschiede abnehmen. Auch eine Kombination von beiden Faktoren ist denkbar.

Das ist für die Interpretation der Gesundheitsempfehlungen entscheidend: Würde der Rückgang der Unterschiede im Wesentlichen auf zunehmende Zurückhaltung von Männern beruhen, wären das gute Neuigkeiten; dann wären aber auch keine speziellen Folgeuntersuchungen geboten. Würden hingegen Frauen heute wesentlich mehr trinken als früher, wäre das in der Tat ein Aufgabenfeld für die Forschung; dann stellt sich aber auch die Frage, ob der (schädliche) Alkoholkonsum von Männern in der Vergangenheit für Forscherinnen und Forscher nicht der Mühe wert war.

Unterschiedliche Lebenserwartungen

Wir wollen solche Spitzfindigkeiten nicht unnötig aufblasen. Am Weltmännertag geht es aber um die Gesundheit von Männern. Dass das Thema Aufmerksamkeit verdient, lässt sich schon an den Zahlen zur Lebenserwartung ablesen: „Frauen erreichen in den meisten Industrieländern eine um vier bis acht Jahre höhere Lebenserwartung (Westdeutschland fünf Jahre, Ostdeutschland sechs Jahre)“, um der Einfachheit halber einmal Wikipedia zu zitieren.

Dass zur Erklärung solcher Unterschiede biologische Faktoren nur eine untergeordnete Rolle spielen, dafür sprechen zwei Fakten: Zum einen variiert die Lebenserwartung zwischen den Ländern enorm – und das gilt sowohl für die Lebenserwartung insgesamt als auch für die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Zum anderen ergaben beispielsweise Untersuchungen mit Mönchen, dass dank deren Lebenswandel der Geschlechtsunterschied dahinschmilzt.

Russland am stärksten betroffen

Aufschlussreich ist ein Blick auf diese Übersichtsgrafik. Zu erkennen ist, dass die Unterschiede in Russland am größten sind: Die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt beträgt für Frauen dort 73 Jahre, für Männer nur 60, also ein Unterschied von dreizehn Jahren. Aber auch in Monaco, das die Liste anführt, dürfen sich Frauen im Mittel auf 94 Lebensjahre freuen, Männer jedoch nur auf 86. Dass fast alle Punkte über der Geraden liegen, bedeutet, dass in fast allen Ländern Männer früher sterben als Frauen.

Für Russland brachte der Pharmakologe David Nutt, der einen gesünderen Ersatzstoff für Alkohol entwickeln will, im Interview mit Science eine politische Erklärung ins Spiel. Die Regierung würde dort absichtlich Alkohol verwenden, um die Opposition zu schwächen: „Wie schlecht es ihnen auch geht, wie sehr sie auch ihre Regierung oder ihr Land hassen, sie werden einfach trinken, bis sie das umbringt, sodass sie nicht protestieren.“ Dabei bezog er sich jedoch nicht ausdrücklich auf Männer.

Männer viel häufiger betroffen

Allerdings schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass dort 16,5% der Männer gegenüber 3,3% der Frauen alkoholabhängig sind. Das Geschlechterverhältnis beträgt also 5:1. Der Wert ist für beide Geschlechter im Mittel mit 9,3% übrigens mehr als doppelt so hoch wie in anderen europäischen Ländern (4,0%). Vom Tod durch Leberzirrhose seien dort Männer 1,9-mal so häufig, durch Verkehrsunfälle im Zusammenhang mit Alkohol 3,5-mal so häufig betroffen wie Frauen.

Diese Zahlen deuten daraufhin, dass übermäßiger Alkoholkonsum nicht nur große Folgen für die Gesundheit hat – eine Gruppe um den bereits erwähnten David Nutt hält ihn, vor allem wegen der gesamtgesellschaftlichen Folgen, sogar für die schädlichste Droge weltweit, noch vor Heroin, Crack und Crystal Meth (Die Doppelzüngigkeit der Gesundheitspolitik) –, sondern ihm auch kulturelle Faktoren unterliegen.

Eigene Erfahrung

Aus eigener Erfahrung weiß ich zu berichten, wie Alkohol zur Stresskompensation, ein oder zwei (große) Gläser Rotweins am Abend, auf drei Flaschen pro Woche hinausliefen. Dazu kamen dann natürlich noch die üblichen „sozialen Ereignisse“, wie Kneipenabende, geselliges Essen im Restaurant, Feste und so weiter. Beim Entsorgen der Flaschen fiel mir irgendwann aber auf, dass da etwas nicht stimmt: Alkohol zur Entspannung, Kaffee zur Motivierung. Muss das sein?

Ich erinnere noch einmal an das vor Kurzem besprochene Schicksal der US-Autorin Kristi Coulter (Der Preis fürs „perfekte Leben“). Diese beschrieb, wie die Anforderungen der Arbeitswelt sie zur Alkoholabhängigen machten – und gab schlicht „dem Patriarchat“ die Schuld für ihre Sucht.

Ist „das Patriarchat“ schuld?

Das hat insofern einen wahren Kern, als, wie wir gesehen haben, kulturelle und soziale Umstände das Trinkverhalten beeinflussen. Es ist aber insofern ein Trugschluss, als sie unterstellte, dass sie als Frau einem größeren Risiko ausgesetzt sei. Wie wir am Beispiel Russland gesehen haben, kann die Lebensbilanz für Männer gerade in patriarchalen Strukturen sehr viel schlechter ausfallen, in diesem Fall im Mittel um dreizehn Jahre!

Wenn Frauen jetzt auch in Sachen ungesundem Verhalten zu Männern aufschließen, womit wir den Kreis zur eingangs besprochenen Studie schließen, ist das natürlich kein Grund zum Jubeln. Es ist aber eine Chance, sich darüber Gedanken zu machen, wie neben dem Land, in dem man lebt, auch Klassenunterschiede oder Geschlechtsrollen die Gesundheit und sogar die Lebenserwartung beeinflussen.

Für einen „Equal Age Day“

An anderer Stelle berechnete ich einmal, dass ein „Equal Age Day“, also ein Tag, bei dem es um den Unterschied der Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern ginge, für Deutschland wohl auf den 3. Dezember fiele, also genau einen Monat nach dem Weltmännertag (Vergiftete Beziehungen). Das heißt, im übertragenen Sinne sind Männer die Tage vom 3. bis 31. Dezember, hochgerechnet aufs ganze Leben und verglichen mit den Frauen, im statistischen Mittel eigentlich tot – und das Jahr für Jahr!

Wenn das kein Grund ist, sich über den Lebenswandel und die Gesellschaft, die ihn prägt, ernsthafte Gedanken zu machen? Ich verweise noch einmal auf meine eigenen Gedanken dazu (Der Preis fürs „perfekte Leben“). Im „patriarchalen“ Russland wäre der Tag übrigens schon am 26. Oktober gewesen. Die dortigen Männer sind statistisch also jetzt schon tot bis zur Auferstehung am 1. Januar 2017.

In diesem Sinne: Allen einen besinnlichen Weltmännertag!

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zwei kleine Ergänzung zum Alkohol-Kosum:
    – Zumindest laut dem Spektrum-Artikel sind es tatsächlich beide Entwicklungen, die für die Konsum-Angleichung verantwortlich sind: http://www.spektrum.de/news/zumindest-beim-alkohol-schliesst-sich-die-geschlechterluecke/1427385
    – Außerdem könnte die Berufstätigkeit eine Rolle spielen. Da sich diese angleicht, könnte sich dann auch der Alkoholkonsum angleichen: http://www.swr.de/landesschau-aktuell/frauen-holen-beim-trinken-auf-feierabenddrink-gehoert-fuer-frau-zum-guten-ton/-/id=396/did=18373522/nid=396/w1mcoc/

  2. Was wir essen, trinken und denken und welche Drogen wir geniessen bestimmt im Mittel unser Umfeld. Sozialer Druck kann den Alkoholkonsum, aber auch den Tabak-, Diät-, Schlaf- oder Aufputschmittelkonsum tendenziell erhöhen oder tendenziell reduzieren.
    In Europa und den USA geht die Tendenz Richtung weniger Alkohol- und weniger Tabakkonsum und beide Tendenzen führen zu einer Steigerung der Zahl gesunder Lebensjahre.
    Die wichtigste gesundheitsschädliche Tendenz, die es noch gibt, ist die zu mehr Fettlebigkeit. Doch auch hier ist absehbar, dass in Europa und den USA bald schon eine Trendumkehr zu erwarten ist. Die Entwicklungsländer dagegen treten diesbezüglich in unsere Fusstapfen.

  3. @libertador: Erklärung der Unterschiede

    Ich habe die Spektrum-Meldung natürlich gelesen, sie ist auch der erste Link im Text oben, und am Ende steht tatsächlich etwas von den beiden Faktoren, dass 1) Werbung für Alkohol vermehrt auf Frauen zielt und 2) sich Männer gesünder verhalten.

    Allerdings habe ich dafür keine Zahlen in der zitierten Untersuchung gefunden, die auch der Spektrum-Meldung zugrunde liegt. Es scheint sich also eher um Spekulation zu handeln.

    Darum muss es aber freilich nicht falsch sein…

  4. (…) gesamtgesellschaftlichen Folgen, [Alkohol] sogar für die schädlichste Droge weltweit, noch vor Heroin, Crack und Crystal Meth (…) [Artikeltext]

    Absolut, aber nicht relativ – korrekt, was die ‚Gesamtgesellschaft‘ betrifft.
    >:->

    Ansonsten bleibt jeder zum Selbstversuch eingeladen, den Umstieg vom gelegentlichen Glas Wein oder Fläschchen Bier auf die ‚Gesamtgesellschaft‘ bezogen weniger schädlichen Wirkstoffe meinend.

    In Russland und auch im Kernbereich des ehemaligen Imperiums „Ostblock“ wird halt viel Alkohol getrunken, viel Wodka, weil es dort nicht viel gibt und nicht gab.
    Viele verständige Menschen haben dort Kompensation gesucht.
    Diese Lage könnte sich langsam ändern.

    Wenn Frauen sich i.p. Alkoholkonsum sich den Männern angleichen, ist dies natürlich kein gutes Zeichen, der Mann darf mehr dbzgl. konsumieren, die Frau hat ja bekanntlich auch bestimmte biologische Aufgaben (dies war keine reaktionäre Einschätzung, sondern eine sich sozusagen selbst beweisende), die nicht zum Alkoholkonsum einladen.

    Nette Idee das mit dem ‚Equal Age Day‘!

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. »Zum anderen ergaben beispielsweise Untersuchungen mit Mönchen, dass dank deren Lebenswandel der Geschlechtsunterschied dahinschmilzt. «.

    Das ist schön doppeldeutig formuliert. Wenn Männer nicht wie Männer leben, also quasi geschlechtlos, dann verhalten sie sich nicht ihrer biologischen Natur gemäß. Die im Schnitt höhere Lebenserwartung der Mönche ist daher eher als ein Hinweis auf die enorme Bedeutung biologischer Faktoren für die natürliche Lebenserwartung zu verstehen.

  6. @Webbaer: Frauen und Alkohol

    Selbst Frauen, die Kinder kriegen, sind ja nur einen Bruchteil ihres lebens in Schwangerschaft bzw. Stillzeit. Ich denke, so kann und sollte man auch nicht diskutieren. Die Formulierung „biologische Aufgaben“ dürfte so manche Feministin auf die Palme bringen.

    Ich war übrigens nicht der erste mit dem Equal Age Day.

  7. @Balanus: Was ist Natur?

    Das hört sich nach einem guten Punkt an. Denken wir noch einmal darüber nach.

    Unter der Voraussetzung, dass Männer (Menschen) ein biologisches Idealalter erreichen, sind es ja gerade Umwelt-/Sozialfaktoren, die die Varianz erklären. Dabei geht es übrigens bei der Berechnung der Erblichkeit.

    Dass man durch die Betonung von Umwelt-/Sozialfaktoren den genetischen Einfluss stört, ist nicht mehr als ein balanesisches Ablenkungsmanöver.

    Nebenbei erwähnt: Wenn Männer (Menschen) mit dem Alkoholtrinken aufhören, dann steigt die gemessene Erblichkeit des Lebensalters. Damit ist gezeigt, dass das Erblichkeitsmaß (oft als „h“ abgekürzt), kein Hinweis dafür ist, wie stark biologisch ein Kriterium determiniert ist, sondern selbst von der Umwelt abhängt.

  8. @Stephan Schleim / Umwelt und Natur

    »Das hört sich nach einem guten Punkt an. Denken wir noch einmal darüber nach.«

    🙂

    (Deine Einladung zum gemeinsamen Nachdenken nehme ich gerne an…)

    »Unter der Voraussetzung, dass Männer (Menschen) ein biologisches Idealalter erreichen, sind es ja gerade Umwelt-/Sozialfaktoren, die die Varianz erklären.«

    Mit anderen Worten: Wenn das maximal erreichbare Alter eines Individuums genetisch fixiert ist, dann erklären Umweltfaktoren und endogene Faktoren, warum dieses maximal mögliche Alter nicht erreicht wurde. Einverstanden!

    »Dass man durch die Betonung von Umwelt-/Sozialfaktoren den genetischen Einfluss stört, ist nicht mehr als ein balanesisches Ablenkungsmanöver.«

    Hier fehlt mir ein kurzer erklärender Satz, um diesen Gedanken(sprung) nachvollziehen zu können. Umwelt wirkt immer nur lebensverkürzend (unter der Annahme, Gene definieren das maximal erreichbare Alter und das Mikrobiom hat Null Einfluss auf die Lebensdauer).

    Aber es geht (mir) ja um den Unterschied zwischen Menschenmann und Menschenfrau, d. h. um die Frage, inwieweit die unterschiedliche Lebenserwartung biologisch bedingt ist, also etwa durch Gene (dem Mann fehlt ein Stück am X-Chromosom), Sexualhormone (Testosteron vs. Östrogen) und, jetzt kommt’s, durch das geschlechtstypische Verhalten. Dieses geschlechtstypische Verhalten ist bei Mönchen eher nicht gegeben, weshalb der Schluss naheliegt, dass dieses Verhalten in der Regel lebensverkürzend wirkt. Ohne dieses Verhalten lebt erwiesenermaßen man länger. Und klar, es geht hier nicht um die Gesichtsrasur, sondern um die Begattung des Weibchens und die Sorge um dessen Wohl.

    Am Rande sei noch angemerkt, dass die Biologie (Immunsystem, Mikrobiom, etc.) darüber entscheidet, wie stark sich ein gegebener Umweltfaktor auf die Gesundheit und damit auch auf die Lebensdauer auswirkt.

  9. @Balanus: kausales Denken und Gene

    Gute Punkte. Das „balanesische Ablenkungsmanöver“ bezog sich aber darauf, dass du selbst dann, wenn soziale/Umweltfaktoren die Varianz erklären, die Erblichkeit h also niedriger ist, dies als Beleg für die Rolle der Gene nimmst.

    Da stellt sich mir doch die Frage: Ist dein Gendeterminismus überhaupt falsifizierbar? Und wenn ja, durch was?

    Das allgemeine Problem deiner Sichtweise scheint mir doch ein vereinfachtes kausales Denken zu sein. Die Weismanndoktrin, dass das Keimplasma das Zellplasma beeinflusst und nicht umgekehrt, ist doch längst falsifiziert.

    Ergo: Auch Gene und deren Funktionen sind plastisch. Es ist ein kausaler Zirkel, kein lineares Modell wie beim Billardspiel. Darum ergibt die Aussage, die maximale Lebensdauer sei genetisch fixiert, keinen Sinn.

  10. @Balanus: zur Männlichkeit

    Hierzu wollte ich lieber separat antworten:

    Es ist doch ein Trugschluss, zu behaupten, Mönche lebten länger, weil sie kein typischerweise männliches Verhalten zeigen.

    Wer definiert denn, was „typischerweise Männlich“ ist? Gut, wenn wir sagen: typischerweise männlich in dieser Gesellschaft, dann stimme ich dir zu.

    Man könnte aber den Spieß auch umdrehen und sagen, gesellschaftliche Zwänge erschweren es Männern gerade, echte Männer zu sein.

    Kloster- und andere spirituelle Gemeinschaften gab es doch über die Jahrtausende hinweg immer mit Männern (in vielen Romanen Hermann Hesses findet sich das sehr schön beschrieben wieder). Warum war deren Leben, mit Studium, Disziplin, Askese, harter Arbeit, Aufopferung, Brüderlichkeit… nicht männlich?

    Nein, man könnte auch umgekehrt sagen, dass die Gesellschaft uns ein typisch unmännliches Verhalten aufzwingt: Saufen, Aggressivität, Wettbewerbsdenken, Karriere, Stress usw. usf., die uns alle früher ins Grab bringen.

  11. @Stephan Schleim // Gene und Altern

    »Ist dein Gendeterminismus überhaupt falsifizierbar? Und wenn ja, durch was?«

    Kommt darauf an, was mit Gendeterminismus gemeint ist. Wenn es dabei z. B. um das geht, worüber Joe Dramiga in seinem aktuellen Beitrag schreibt („Das zelluläre Genom im 21. Jahrhundert“), dann sicherlich. Und auch dann, wenn damit gemeint ist, das die sequenzielle Information von den Nukleinsäuren immer nur in Richtung Proteine fließt, und niemals umgekehrt.

    Letzteres dürfte im Übrigen zu der sogenannten Weismanndoktrin passen. Umwelteinflüsse führen in aller Regel nicht zu Anpassungen der Basensequenz der DNA, welche dann zu somatischen Modifikationen führen.

    Wenn Du sagst, dass auch Gene und deren Funktionen plastisch sind, dann beziehst Du Dich offenbar auf die Regulation der Genexpression, die u. a. den somatischen Modifikationen zugrunde liegt und durch Umwelteinflüsse getriggert wird.

    Dieses Zusammenspiel von Gene und dem zellulären Apparat ist aber kein Argument gegen, sondern gerade für die Auffassung, dass die Lebensspanne eines Organismus genetisch fixiert ist, sei es bei der Eintagsfliege oder dem Mammutbaum. Wenn man sich alle schädigenden und lebensgefährdenden Umwelteinflüsse wegdenkt, so gibt es doch noch den natürlichen Alterungsprozess und die maximale Lebensdauer.

    (Nur um sicher zu gehen: „Genetisch fixiert“ bedeutet nicht, dass das maximal erreichbare Alter in einer bestimmten Basensequenz codiert wäre, die Sache mit dem biologischen Altern und Sterben ist schon etwas komplizierter.)

  12. @Stephan Schleim / Wann ist ein Mann ein Mann

    Wieso wäre es „ein Trugschluss, zu behaupten, Mönche lebten länger, weil sie kein typischerweise männliches Verhalten zeigen?“.

    Dein Argument war doch, dass die höhere Lebenserwartung der Mönche dafür spräche, dass die Biologie nicht wesentlich für die im Vergleich zur Frau geringere Lebenserwartung des Mannes sei.

    Das einzige, worin sich Mönche von anderen Männern biologisch unterscheiden, ist doch deren Verhalten, also die Lebensweise. Dass es hierbei nicht um Arbeit oder Hobbys geht, versteht sich. Es geht schlicht um das Sexualverhalten und alles, was damit zusammenhängt. Meine Theorie ist, dass die „Jagd“ nach der Frau und das ständige Bemühen, sie (in jeder Hinsicht) zufrieden zu stellen, enorm kräftezehrend ist. Und selbst dann, wenn es Männern trotz aller Anstrengungen nicht gelingt, eine Frau zu „erobern“ (also in einer Paargemeinschaft zu leben), zehrt das an ihren Kräften, wenn auch auf andere Weise (z. B. durch Frust).

    Der gemeine Mönch verzehrt sich nicht in Sehnsucht nach einer Frau, also verläuft sein Leben ruhiger und somit auch länger.

    Im Übrigen sind die gesellschaftlichen Zwänge ja nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich nach und nach entwickelt. Wenn der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau bei diesen Entwicklungen keine Rolle gespielt hätte, wäre zu erwarten, dass sich dies in den unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen widerspiegeln würde, mal stürben die Männer früher, mal die Frauen. Tatsächlich aber ist es in fast allen Gesellschaften der Mann, der früher ins Gras beißt.

  13. @Stephan Schleim / Männliche Mönche – Nachtrag

    »Warum war deren [der Mönche] Leben, mit Studium, Disziplin, Askese, harter Arbeit, Aufopferung, Brüderlichkeit… nicht männlich?«

    Weil deren asketisches Leben nicht die Erhaltung der Gemeinschaft aus eigener Kraft sicherstellen kann. Damit ein Mönchsorden Bestand hat, muss aus der Gesellschaft laufend ein bestimmter Typus von Mann rekrutiert werden, eben solche Männer, denen ein bestimmtes männliches Verhalten fremd ist und die vielleicht darum im Schnitt länger leben können.

    (Hat man mal den Testosteron-Spiegel bei Mönchen gemessen?)

  14. @Balanus: Komplexitätsreduktion

    Unsere Diskussionen über Gendeterminismus haben sich in der Vergangenheit schon oft als Ergebnislos erwiesen. Ich denke, dass auch auf der Ebene der Zellen meine alte Formel Verhalten = Interaktion von Körper und Umwelt oder V = K x U gilt.

    Da sich die Interaktion gerade nicht auf eine ihrer Variablen reduzieren lässt, ist es nach meinem Verständnis sinnlos, wenn man behauptet, etwas (etwa das Lebensalter) sei ausschließlich genetisch oder ausschließlich durch die Umwelt festgelegt.

    Zur Männlichkeit war mein Punkt im Wesentlichen nur, dass es verschiedene Sichtweisen geben kann: In traditionell-muslimischen Kreisen wird es andere Vorstellungen dazu geben, was männlich ist, als im Fitnessstudio, bei der CSU, im Schwulenclub, im Kloster usw. usf.

    Ich wollte damit also nur sagen, dass das Leben von Mönchen im Kloster nicht als unmännlich bezeichnet werden sollte, da diese Männer ebenso das Recht haben, eine Vorstellung von Männlichkeit zu haben; es gibt hier nicht nur (d)eine Wahrheit.

  15. @Stephan Schleim / Komplexitätsreduktion

    In der Physik hat sich ein derartiges Vorgehen bewährt. Warum sollte es nicht auch in der Biologie oder Soziobiologie hilfreich sein können?

    Wenn man ideale bzw. idealisierte Bedingungen annimmt, kann das helfen, das einem bestimmten Vorgang zugrunde liegende Prinzip zu erkennen und/oder zu verstehen.

    Was man, ganz allgemein gesprochen, nicht machen sollte, ist, einfache Schlüsse wie etwa: ‚Mönche werden überdurchschnittlich alt, also spielt die Biologie des Mannes keine wesentliche Rolle für die Lebenserwartung‘, vorschnell zu akzeptieren. Bloß weil sie einem schön ins Konzept passen und das eigene Vorurteil bestätigen, müssen solche Erkenntnisse nicht richtig sein. Eine solche Form der Komplexitätsreduktion ist wohl eher kontraproduktiv (im Gegensatz zu der Komplexitätsreduktion, die dem Verständnis dient).

    »Ich wollte damit also nur sagen, dass das Leben von Mönchen im Kloster nicht als unmännlich bezeichnet werden sollte, da diese Männer ebenso das Recht haben, eine Vorstellung von Männlichkeit zu haben;… «

    Die Worte „unmännlich“ und „Männlichkeit“ kommen in meinen Kommentaren nicht vor. Ich bin sehr dafür, Mönche nicht als „unmännlich“ zu bezeichnen.

  16. Aus der von @Bettina verlinkten Studie:

    »Evidence suggests overwhelmingly that the perpetrators of sexual and domestic violence are men and the victims are women (and also children).«
    (Stanistreet et al. 2005)

    Heute weiß man es besser:

    »Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern«
    (Schleim 2016, Telepolis)

    Verrückte Welt…

  17. @Stephan Schleim / Abschließend noch kurz zum „Gendeterminismus“

    Du schreibst:

    »Ich denke, dass auch auf der Ebene der Zellen meine alte Formel Verhalten = Interaktion von Körper und Umwelt oder V = K x U gilt.«

    Richtig ist sicherlich, dass (tierliche) Organismen sich in einer Umwelt bewegen und ihr konkretes Verhalten insofern auf die Umwelt ausgerichtet sein muss. Anders kann es ja gar nicht sein.

    Insoweit das mit Deiner Formel gemeint ist, gibt es meinerseits keine Einwände. Allerdings ist der Begriff „Interaktion“ schon ziemlich schief, denn wenn ich bei Regen einen Schirm aufspanne, dann ist dieses Aufspannen wohl kaum als eine Interaktion zwischen mir und dem Wetter zu bezeichnen.

    Bis denne…

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