Euthanasie in den Niederlanden

Wer denkt schon über den Tod nach? Mehr als neuntausend Menschen in den Niederlanden bitten jährlich um ärztliche Sterbehilfe, die hier seit dem Jahr 2002 legal ist. Vielen von ihnen wird die Bitte erfüllt. Wie wollen wir eigentlich leben – und sterben?

Heute ließ ich mich nach einem langen Arbeitstag um ca. 18:30 Uhr in den Sitz des Zugs von Groningen nach Amersfoort, wo ich seit meiner Rückkehr in die Niederlande wohne, fallen. Zunächst musste ich aber noch zwei Zeitschriften beiseitelegen, die jemand dort zurückgelassen hatte. Dabei fiel mein Blick auf die Titelseite, auf der stand: Over euthanasie in de psychiatrie (Über Euthanasie in der Psychiatrie).

Vereinszeitschrift für Euthanasie

Mir war klar, dass ich diesen zufällig gefundenen Beitrag würde lesen müssen. Es dauerte jedoch eine Weile, bis ich verstand, dass diese Zeitschrift mit dem Titel Relevant ein Medium ist, das keine allgemeinen Nachrichten für Bahnreisende enthält, sondern in dem es wirklich nur um das Thema Euthanasie* oder anders formuliert Sterbehilfe geht. Tatsächlich ist es die Zeitschrift der Nederlandse Vereniging voor een Vrijwillig Levenseinde (NVVE, Niederländische Vereinigung für ein Freiwilliges Lebensende), die vor vierzig Jahren gegründet wurde. Ja, so einen Verein gibt es also wirklich.

Mir war vorher schon in Gesprächen aufgefallen, dass manche Niederländer das Wort „Euthanasie“ in einer unbefangenen Art und Weise verwenden, wie sie mir aus dem deutschen Sprachraum nicht bekannt war. Vielleicht liegt das daran, dass man sich als NiederländerIn weniger von der Gefahr eines Nazi-Vergleichs bedroht fühlt; schließlich war man ja weitgehend Opfer, nicht Komplize der Nationalsozialisten. Vielleicht spielt hierfür aber auch der ausgeprägtere Individualismus beziehungsweise die größere Toleranz (hinter der sich aber vielleicht pure Indifferenz verbirgt) eine Rolle. Vielleicht ist es aber auch einfach die weiter fortgeschrittene Säkularisierung oder eine Kombination aller dieser Aspekte.

Durchbrüche – oder Dammbrüche?

Wenn man diese April-Ausgabe von Relevant aufschlägt, dann bekommt man im Editorial unter der Überschrift Doorbraken (Durchbrüche) eine kurze Zusammenfassung der Entwicklungen geboten: Seit 1973, dem Gründungsjahr des Vereins, sei jahrzehntelang über das Thema diskutiert worden, bis 2001/2002 schließlich das Euthanasiegesetz verabschiedet wurde. Seitdem sei es mit Blick auf die Praxis weiterentwickelt worden und vor allem in den letzten drei Jahren hätten sich die Ereignisse überschlagen.

Beispielsweise würden einige Ärzte zögern, Euthanasie im gesetzlichen Rahmen durchzuführen. Dem sei mit Gründung der Levenseindekliniek (Lebensendeklinik) begegnet worden, die finanziell von der NVVE unterstützt wurde. Wer selbst keinen Arzt finde, könne sich hier auf eine Warteliste setzen lassen. Tatsächlich sucht diese Klinik nach weiteren Ärzten, um die Wartezeit für eine Euthanasie zu verringern.

Aus Freiem Willen

Diese Entwicklung wird als ein Gewinn an Autonomie gelobt. Es gebe jedoch auch Menschen, die jegliche Art von Abhängigkeit von anderen vermeiden wollten. Diese Gruppe sei schon 1991 von Huib Drion unterstützt worden, was später in die Bürgerinitiative Uit Vrije Wil (Aus Freiem Willen) gemündet sei. Jüngst sei eine Coöperatie Laatste Wil (Kooperation Letzter Wille) gegründet worden, die diesen Plan nun endlich in die Tat umsetzen wolle. Tatsächlich wirbt die NVVE auf Ihrer Startseite mit der Laatstewilpil (Letzter-Wille-Pille) für ältere Menschen mit einem erfüllten Leben. Im Editorial heißt es dazu:

In der Zukunft, wie sie sie sich vorstellen, werden die Mitglieder ohne das Einschreiten eines Arztes Zugang zu den nötigen Mitteln erhalten können. Wenn die Pläne für diese Verfügbarkeit durchgesetzt werden können, wird Geschichte geschrieben. … Schon seit Drion seinen Vorschlag machte, zeichnet sich unter vor allem älteren Menschen viel Unterstützung ab. Logisch, denn unter ihnen ist die Not am Größten und ist der Verlust an Würde oft keine theoretische Möglichkeit zu späterer Zeit, sondern eine sich nähernde oder eingetretene Realität. (Relevant, April 2013; meine Übersetzung)

Als nächste Herausforderungen werden ferner noch die strikte Einhaltung schriftlicher Patientenverfügung – gemeint ist wohl zur Beendigung des Lebens unter bestimmten Bedingungen – sowie die Abschaffung des Artikels 294 aus dem Strafrecht, der Beihilfe zur Selbsttötung verbietet, genannt.

Euthanasie in der Psychiatrie

In dem Titelartikel über Euthanasie in der Psychiatrie mit der Überschrift Elke psychiater moet het serieus kunnen bespreken (Jeder Psychiater muss es ernsthaft besprechen können) werden anschließend die Erfahrungen von Paulan Stärcke besprochen, die ärztliche Direktorin bei einer der größten psychiatrischen Einrichtungen in den Niederlanden ist, GGZ inGeest, einer Partnereinrichtung des Klinikums der Freien Universität Amsterdam (VUmc). Psychiater würden nun öfter bei einer Selbsttötung helfen. 2010 habe es nur zwei Fälle gegeben, 2011 bereits mindestens dreizehn.

Schon 2009 habe die Direktorin einer 64-jährigen Frau mit Depressionen und einer ernsthaften Zwangsstörung bei der Selbsttötung helfen wollen. Diese Patientin sei den ganzen Tag durch smetvrees vereinnahmt worden, die Furcht vor Ansteckung und Verschmutzung; wenn sie ihrem Drang, alles vor dem Anfassen erst sauber zu machen, nicht habe folgen können, sei sie in Panik ausgebrochen. Die Patientin habe den Wunsch, aus dem Leben zu treten, selbst geäußert, jedoch Hemmungen vor einer Selbsttötung gehabt. Während die Psychiater die Hilfe für ihren Wunsch vorbereitet hätten, habe die Frau ihr Leben dann doch selbst beendet.

Keine Scheu vor Sterbehilfe

Seitdem setze sich Stärcke für die Entwicklung eines Protokolls und den Abbau der Scheu unter KollegInnen ein. Beispielsweise seien die PsychiaterInnen zwar allgemein als Ärzte ausgebildet, hätten oft aber schon seit Jahren keine praktischen Handlungen wie das Setzen von Spritzen mehr durchgeführt; hierfür stünden jedoch Arzthelfer zur Verfügung.

2010 habe die Direktorin ihre erste Euthanasie durchgeführt: bei einer dementen Frau, die wegen einer Psychose vorübergehend in die Klinik aufgenommen worden sei. Diese habe nach der Behandlung nicht mehr nachhause zurückkehren können, sondern in ein Pflegeheim gemusst. Ihr Psychiater habe ihren Wunsch nach Euthanasie nicht nachvollziehen können, ein Assistenzarzt ihn jedoch unterstützt. Dadurch sei der Fall zu Stärcke gekommen, die dann bei der Ausführung geholfen habe. In ihren eigenen Worten:

Hilfe bei der Selbsttötung halte ich für einen Akt der Barmherzigkeit. Wir haben Menschen mit einer chronischen psychischen Störung oft nicht so viel zu bieten. Vielleicht bin ich etwas skeptisch, doch wir können für eine Reihe von Patienten wenig tun. Bei Schizophrenie, ernsten Persönlichkeitsstörungen oder Bipolaren Störungen kann man die Symptome bekämpfen, das Leid lindern oder die Menschen können lernen, damit zu leben. Zur Heilung kommt es meistens aber nicht. Die Medikamente, die man verschreibt, haben oft schlimme Nebenwirkungen. Wenn jemand dann sagt: Dies ist unerträglich, dann halte ich es für hochmütig zu sagen: Du musst aber durchhalten, denn vielleicht geschieht doch irgendwann noch die Heilung. (Paulan Stärcke; meine Übersetzung)

Aussichtlos oder nicht? Das ist hier die Frage

Relativ gesehen würde die Sterbehilfe bei Patienten mit einer Depression oder Magersucht häufiger durchgeführt. Hierfür gäbe es klare Behandlungspläne, nach deren Ende man sagen könne, dass man alles ausprobiert habe. Schwieriger sei es hingegen bei chronischen psychiatrischen Störungen wie Schizophrenie oder Zwangsstörungen, da hier die Meinungen darüber auseinandergingen, wann eine Situation aussichtslos sei. Stärcke weist dann jedoch noch darauf hin, dass Gefühle von Wertlosigkeit oder ein Todeswunsch auch Symptom einer Krankheit sein könnten und man dafür keine Euthanasie anbieten könne.

Soweit zur Psychiatrie. In einem Bericht über die zweite offizielle Untersuchung zu Euthanasie seit Einführung des Gesetzes heißt es noch, dass jährlich 9100 Menschen um eine Sterbehilfe bäten, wovon 3850 Fälle bewilligt würden. Kernaspekte für die ärztliche Überprüfung seien ein deutlicher Wunsch und die Aussichtslosigkeit des Leidens. In einem weiteren Artikel geht es um die bereits erwähnte Coöperatie Laatste Wil. Menschen, die die Erfahrung machten, dass sie mit ihrem Leben am Ende seien, sollten selbst über ihr Lebensende verfügen dürfen. „Menschen müssen ihrem Leiden entkommen können, indem sie sterben“, heißt es im Aufmacher.

Ein erfülltes Leben – Zeit zu sterben?

„Lebensmüde“, „erfülltes Leben“, „fertig mit dem Leben“, „Leiden am Leben“ oder „existenzielles Leiden“ seien häufige Beschreibungen. Der Artikel ist mit einer Grafik illustriert: Eine Frau sitzt vor einem Tisch mit einem Glas Wasser und einer Pille, offensichtlich der laatstewilpil. Um sie herum sind Gedankenwölkchen mit verschiedenen, jedoch durchgestrichenen Selbstmordmethoden angeordnet: vor den Zug werfen, vom Hochhaus springen, sich erhängen. Sie soll wohl suggerieren: Na, dann doch lieber die Pille.

Allmählich wurde mir schwindelig. Selten war mir so klar, wie in diesem Moment, dass ich in einer anderen Kultur lebe. Gerade am Vorabend hatte ich noch eine Lesung der Philosophin Désanne van Brederode besucht, die ihr neues Buch De ziel onder de arm (Die Seele unterm Arm; die niederländische Redewendung „mit der Seele unterm Arm laufen“ heißt, nichts mit sich anzufangen wissen) vorstellte. Es ging um Lebenskunst. Mit Ausnahme einer jungen Frau, die scheinbar mit ihrem Vater mitgegangen war, war ich wohl der Jüngste unter den Anwesenden. Die Botschaft von van Brederode: Auch wenn du nicht die Welt retten kannst, such dir doch ein kleines Projekt, in dem du etwas bewirken kannst. Das nannte sie „Treibstoff für Betroffenheit“.

Was mit sich anfangen?

Ja, sich ein Projekt suchen, in dem man etwas bewirken kann… aber was ist, wenn das eines Tages aufgrund geistiger oder körperlicher Einschränkungen nicht mehr geht? Ja, was dann?

Quelle:
Relevant – Tijdschrift van de NVVE, nummer 2, april 2013.

Zum Weiterlesen:

Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de.

* Der Begriff „Euthanasie“ leitet sich vom altgriechischen „eu“ für „gut“ und „thanatos“ für „Tod“ ab. Die Duden-Redaktion unterscheidet heute 1. die medizinische Bezeichnung für die Erleichterung des Sterbens beziehungsweise absichtliche Herbeiführung des Todes unheilbar Kranker von 2. der verhüllenden Verwendung von Nationalsozialisten für die Tötung psychisch Kranker und Behinderter. Mit Blick auf seine ursprüngliche Herkunft und Bedeutung würde ich ihn gerne als Alternative zu „Sterbehilfe“ verwenden.

 

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

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  1. ClaudiaBerlin

    So „anders“ wäre die Kultur in DE auch nicht, würde der Gesetzgeber dem sich immer wieder in Umfragen, Kommentarstrecken und Einzelschicksalen dokumentierten Willen der Menschen entsprechen und das Recht auf einen ärztlich begleiteten Freitod (wahlweise Zugang zu Pillen) endlich zugestehen!

    Auch eine Umfrage unter der Ärzteschaft hat ergeben, dass über 30% bereit wären, aktive Sterbehilfe zu leisten.

  2. Sterbehilfe bei Magersucht …

    scheint mir fragwürdig und zugleich unnötig, denn nicht wenige mit Magersucht sterben auch so daran. Sterbehilfe würde dann nur bedeuten, dass man den ohnehin drohenden Tod durch Verhungern durch einen anderen Tod ersetzt, der einem vielleicht menschenwürdiger erscheint.
    Besonders problematisch ist Sterbehilfe natürlich, wenn man eigentlich gesunden Leuten zum Sterben verhilft. Und die meisten würden Magersüchtige als potenziell gesund einstufen. Zudem sind es meist Jugendliche.
    Hier stellt sich auch die Frage: Muss derjenige/diejenige, dem in den Niederlanden in den Tod geholfen wird bereits volljährig sein oder werden auch Minderjährige auf ihren Wunsch hin ins Jenseits befördert. Viele Magersüchtige sind ja minderjährig.

  3. NL:Sterbehilfe für Minderjährige erlaubt

    In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe für Minderjährige erlaubt, wenn diese selbst den Wunsch geäussert haben und die Erziehungsberechtigten zustimmen.
    Bei schweren nicht reversiblen Leiden gibt es wohl auch keinen Grund bis zur Volljährigkeit zu warten.
    Bei Fällen von reversiblen Leiden Jugendlicher, also beispielsweise von jugendlicher Depression oder Magersucht sollte meiner Ansicht aber Sterbehilfe nicht erlaubt sein. In den Niederlanden ist das aber nicht ausdrücklich ausgeschlossen, es gibt aber doch recht hohe Hürden. So muss beispielsweise mindestens ein Konsiliararzt beigezogen werden. Siehe hier.

    Trotz diesen Hürden scheint es in Holland viele Fälle von aktiver Sterbehilfe gegeben zu haben, die nachträglich als illegal beurteilt wurden.
    Schon vor Erlaubnis der aktiven Sterbehilfe scheint es aber in den Niederlanden zu vielen Tötungen von Kranken ohne deren Einwilligung sondern aus Mitleid gekommen sein (Zitat): “ So wurde Sterbehilfe in Holland häufig aus falsch verstandenem Mitleid auch ohne expliziten Wunsch des Getöteten durchgeführt. Dies hat eine Umfrage unter niederländischen Ärzten (siehe „Euthanasia and other end-of-life decisions in the Netherlands“, The Lancet 08/2003) gezeigt, so wurden im Jahr 2001, d.h. vor der Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, von Ärzten in den Niederlanden 983 Menschen euthanasiert, ohne dass eine Anforderung des Patienten vorlag.“

    Fazit: In den Niederlanden scheint der Tod gesellschaftlich schon lange als mögliche Lösung für die Beendigung unnötigen Leidens gesehen worden zu sein, deshalb wurde die aktive Sterbehilfe dort überhaupt legalisiert.

  4. @Claudia: Recht und Gesellschaft

    Zunächst ein kleines Detail, über das ich mir selbst eben noch Klarheit verschaffen musste: Es gibt auch in den Niederlanden kein Recht auf Euthanasie. Das Töten auf Verlangen kann sogar mit bis zu zwölf Jahren Gefängnis bestraft werden (Artikel 293:1 Wetboek van Strafrecht). Es besteht jedoch eine Ausnahme für Ärzte, die sich an das genannte Euthanasiegesetz halten und den Vorgang dem zuständigen Leichenbeschauer melden (Art. 293:2).

    Tja, in Deutschland… Natürlich gibt es überall auf der Welt sterbenskranke Menschen, die sich ein Ende ihres Leidens wünschen. In meinem Text habe ich bewusst versucht, mich eines Urteils zu enthalten. Sorgen bereitet mir vor allem das Wort uitbehandeld, deutsch austherapiert, das die Psychiaterin verwendet.

    Das suggeriert, dass es ein festes und vorgegebenes Protokoll gibt, nach dessen Durchlaufen ein Fall als medizinisch aussichtslos gilt. Nun hege ich den Verdacht, dass für so ein Protokoll auch ökonomische Erwägungen eine Rolle spielen, d.h. wie viel Therapie kann/will sich die Gesellschaft leisten?

    Die Erfahrung, überhaupt einmal einen Termin beim niederländischen Hausarzt zu bekommen, war schon für so manchen Deutschen eine Ernüchterung. Zwar herrscht in Deutschland m.E. weitgehend überbehandlung, umgekehrt besteht aber vielleicht auch das Risiko, durch Unterbehandlung die Anzahl der Todeswünsche zu erhöhen.

    Gemäß dem niederländischen Gesetz muss der Euthanasiewunsch von den Patienten selbst stammen. Es ist aber eben ein Irrtum vieler liberal denkender Ethiker, einerseits die Autonomie so hoch anzusiedeln, andererseits aber die Bedingtheit menschlicher Wünsche, Bedürfnisse und Entscheidungen durch die Gesellschaft zu übersehen.

  5. @Holzherr: Minderjährige

    Ja, ich habe das selbst gerade im niederländischen Wikipedia-Artikel nachgelesen. Dort steht, dass im Alter von 12 bis 16 (gemeint ist wohl 15) Jahren die Zustimmung der Eltern nötig ist, 16- und 17-jährige die Entscheidung am Anfang selbst treffen, bei der Entscheidungsfindung aber von ihren Eltern begleitet werden.

    Bei den meisten Fällen handelt es sich wohl um Krebspatienten. Auch aus dem Artikel über Euthanasie in der Psychiatrie geht hervor, dass dies eine neue Entwicklung ist.

    In dem Wikipedia-Artikel steht: „Het lijden zal vrijwel altijd lichamelijk van aard zijn.“ (Das Leiden wird beinahe immer von körperlicher Art sein.) Diese Unterscheidung findet sich aber zumindest nicht im Gesetz – dort ist vom aussichtslosen und unerträglichen Leiden die Rede; es kann also eben auch psychisch sein.

    Wie beispielsweise die Aussichtslosigkeit festgestellt werden kann, dazu sollten sich Experten äußern; die Psychiaterin hat sich aber im Interview hierzu schön geäußert. Beispielsweise erleben vielleicht junge magersüchtige Menschen ihre Situation als aussichtslos und unerträglich – ist sie es darum aber wirklich?

  6. Wie wollen wir sterben?

    Danke für diesen schönen Artikel zu einem wichtigen Thema. Was Deutschland betrifft, fiel mir hierzu sofort Michael de Ridders Buch “Wie wollen wir sterben?“ein. Gerade im Bereich der Hochleistungsmedizin müssen wir hierzulande noch viel Respekt, Fürsorglichkeit und Verständnis lernen, auch was die Würde der uns anvertrauten Patienten betrifft – z.B. gerade im Bereich der Onkologie.

    Bei psychischen Erkrankungen wie Magersucht wäre ich dagegen bei der Beurteilung der „Aussichtslosigkeit“ auch sehr vorsichtig – hier ist bei entsprechender Therapie die Prognose meist gut.

  7. Zur Euthanasie:

    „Hierfür gäbe es klare Behandlungspläne, nach deren Ende man sagen könne, dass man alles ausprobiert habe. Schwieriger sei es hingegen bei chronischen psychiatrischen Störungen wie Schizophrenie oder Zwangsstörungen, da hier die Meinungen darüber auseinandergingen, wann eine Situation aussichtslos sei. Stärcke weist dann jedoch noch darauf hin, dass Gefühle von Wertlosigkeit oder ein Todeswunsch auch Symptom einer Krankheit sein könnten und man dafür keine Euthanasie anbieten könne.“

    Dem letzten Satz stimme ich zu, denn mir ist auch nicht klar inwieweit ein psychisch kranker Mensch autonom ist, da er doch infolge seiner Krankheit in seinem normalen Empfinden eingeschränkt ist. Außerdem sehe ich die Gefahr, dass die Forschung zum Stillstand kommt, wenn es „klare Behandlungspläne“ gibt nach denen jemand als austherapiert gilt.

    Als Beispiel, wie sich jemand selbst schrittweise aus einer Lebenskrise befreien konnte, möchte ich Dorothea Buck anführen. Sie landete im dritten Reich in der Psychiatrie und wurde dort zwangssterilisiert:

    http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/tid-30251/die-menschenversuche-der-nationalsozialisten-mord-im-namen-der-forschung-und-rassenlehre-einsatz-fuer-eine-humane-psychiatrie_aid_946539.html

    „Die Erfahrung, überhaupt einmal einen Termin beim niederländischen Hausarzt zu bekommen, war schon für so manchen Deutschen eine Ernüchterung. Zwar herrscht in Deutschland m.E. weitgehend überbehandlung, umgekehrt besteht aber vielleicht auch das Risiko, durch Unterbehandlung die Anzahl der Todeswünsche zu erhöhen.“

    Wer privat versichert ist hat in Deutschland gute Karten, aber für gesetzlich Versicherte dürfte die Situation ähnlich wie in Holland sein.

    Allgemein ist es sicher auch für Fachleute schwierig zu beurteilen inwieweit Heilung möglich ist, wenn jemand am Leben krankt. Bei älteren Menschen kann man vielleicht annehmen, dass sich in ihrem Leben kaum mehr etwas ändern wird, aber bei Jugendlichen dürfte das schwierig zu beurteilen sein. Laut Statistik nehmen Suizide weltweit zu. Was nicht zuletzt auch der prekären wirtschaftlichen Situation geschuldet sein dürfte in der sich manche Menschen befinden.

    Man kann natürlich immer darüber spekulieren warum jemand mit seinem Leben schlussmacht. In der Schule hatten wir mal den Selbstmord von Heinrich von Kleist besprochen. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: “ …die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“

  8. @Mona: Ländervergleich

    Wer privat versichert ist hat in Deutschland gute Karten, aber für gesetzlich Versicherte dürfte die Situation ähnlich wie in Holland sein.

    Ich war in D. schon privat und gesetzlich versichert und nun bin ich seit einigen Jahren in den N. versichert, wo es nur ein System gibt. Daher kann ich dem nicht zustimmen.

    Meiner Erfahrung nach muss man in D. als gesetzlicher Patient vor allem länger warten und natürlich gibt es einige exotische Behandlungen, eine gesetzliche Kasse vielleicht nicht bezahlt. Meiner Meinung nach sollte man es verbieten, dass man bei der Terminvereinbarung nach der Kasse gefragt wird. Dennoch besteht in D. eine Überversorgung, die zum Teil strukturell bedingt ist (bsp. Pflicht eines ärztlichen Attests bei Krankheit, wo eine Erkältung nach ein paar Tagen von selbst verschwindet).

    Umgekehrt neigen manche Ärzte zur Überüberbehandlung privat Versicherter. Das kostet die Patienten Zeit, unter Umständen Geld (Eigenbeitrag) oder sogar Schmerzen (unangenehme Untersuchungen) und hinterher noch mehr Zeit (Papierkram, Überweisungen).

    In den Niederlanden kommt man meistens erst gar nicht zum Arzt, weil man schon am Telefon gesagt bekommt: Bleiben Sie zuhause, werden Sie gesund! Das muss nicht verkehrt sein und man hat hier als Arbeitnehmer auch ein Recht, sich krank zu melden. Missbrauch dieses Rechts kommt meines Wissens selten vor.

    Statistik: Der/die durchschnittliche Deutsche hat im Jahr dreizehn Arztkontakte, also mehr als einmal im Monat; in den Niederlanden sind es drei, also nicht einmal einer pro Quartal!

    Allgemein ist es sicher auch für Fachleute schwierig zu beurteilen inwieweit Heilung möglich ist, wenn jemand am Leben krankt.

    Ja – und ob ein Leid erträglich ist, das hängt eben auch davon ab, wie viele einem beim Tragen helfen.

    Die „Lösung“ in den Niederlanden ist gewissermaßen schon elegant… und billig.

  9. NL: Euthanasie als Teil der Behandlung

    In den Niederlanden ist Euthanasie eine mögliche Form der ärztlichen Behandlung wenn die Diagnose „hoffnungsloser Fall“ gefällt ist. Ohne diese Diagnose ist es auch bei Sterbewilligen ein Verbrechen Hilfestelltung zu geben. In der englischsprachigen Wikipedia liest man dazu:„Under current Dutch law, euthanasia by doctors is only legal in cases of „hopeless and unbearable“ suffering. In practice this means that it is limited to those suffering from serious medical conditions and in considerable pain. Helping somebody to commit suicide without meeting the qualifications of the current Dutch euthanasia law is illegal“

    Es gibt also – bis jetzt – keine Sterbehilfe für Sterbewillige in den Niederlanden. Es gibt sie nur nach der Ddiagnose „hoffnungsloser Fall“. Allerdings gibt es jetzt eine Initiative in den Niederlanden die das ändern will: „In February 2010 a citizens‘ initiative called Out of Free Will further demanded that all Dutch people over 70 who feel tired of life should have the right to professional help in ending it.“

  10. Stagnation

    Also gerade bei psychiatrischen Störungen sollte schon eher die Frage gestellt werden , warum keine Hilfe möglich sein soll.

    Ist schon etwas sehr bequem , viele psychische Erkrankungen können heute effektiv behandelt werden.
    Hätte man schon in früheren Zeiten diesbezüglich aufgegeben , wäre dem nicht so.

    Ich habe schon den Eindruck , daß es – wie in vielen anderen Bereichen auch – einen aus Denkfaulheit resultierenden Entwicklungsrückstand gibt im psychologischen Bereich , ein Beispiel dafür die lächerlichen Diskussionen , die in schöner Regelmäßigkeit nach Amokläufen stattfinden.

    Es ist durchaus denkbar , daß die in Mode gekommene Fixierung auf Symptome und die Vernachlässigung von Ursachen ein wesentlicher Grund für die „Unheilbarkeit“ so mancher Störung ist.

  11. Ökonomisches

    @Stephan, du schriebst: Nun hege ich den Verdacht, dass für so ein Protokoll auch ökonomische Erwägungen eine Rolle spielen, d.h. wie viel Therapie kann/will sich die Gesellschaft leisten?

    Wogegen ich bei der Voraussetzung „austherapiert“ kritisiere, dass man erst eine Menge Umsatz für BigPharma und die Krankenhäuser gebracht haben muss, bevor sie einen „entlassen“….

  12. Keine Frage

    Eine Person, die unter einer Psychose leidet, wenn sich dieses Leiden erstmalig auftritt, ggf. vorübergehend ist, eine Sterbehilfe zu ermöglichen wäre Dilentantismus.

    Ich hoffe so ein Misanthropismus macht nicht Schule, oder ich habe etwas mißverstanden.

    Einfach ein Rundruf an die Ärzteschaft: Tötungswillige vor!

    Wenn überhaupt sollten Allgemeinmediziner mit einer Spezialisierung bzw. einer staatlich kontrollierten und geführten Ausbildung / Zusatzausbildung und entsprechende Willensbekundungen notarieller Natur vorliegen. Kontrollfunktionen eingebaut werden und sogar eine Haftung gegenüber Mißbrauch konkret fest verankert sein gegen alle Beteiligten.

    So einfach sollte man so etwas schwerwiegendes nicht in die Gesellschaft etablieren.

    ___
    Zizat von: DH Stagnation19.04.2013, 20:23
    „Es ist durchaus denkbar , daß die in Mode gekommene Fixierung auf Symptome und die Vernachlässigung von Ursachen ein wesentlicher Grund für die „Unheilbarkeit“ so mancher Störung ist.“

    Das kommt darauf an was die Ursache ist. Es mag menschliche Störungen geben, aber diese gehen oft mit individuellen neurologischen Eigenheiten einher. Was dann Auslöser ist, was Symptom und was Ursache, das verschwimmt dann. Es ist oft nicht einfach auf eine Ursache zurückzuführen. Ein bischen Freundlichkeit, nett sein und „Kuschelpädagogik“ ist gut gemeint, aber nicht unbedingt im Zusammenhang gut gemacht. Wie das häufig bei ADHS vorkommt: Anstelle die neurologische Störung zu behandeln mit Medikamenten, wird eben jene vermieden mit oft drastischen Folgen für Betroffene Kinder und Erwachsene. Daraus folgen gerade dann bis zum Erwachsenen zusätzliche Störungen.

    Aus mir bekannten Leidensgeschichten heraus kann ich nur sagen das so ein Sterbewunsch oft gedacht, gelegentlich kommuniziert, manchmal versucht wird, aber meistens, wenn genug Leute mittragen am Leid des Betroffenen, wenn Hilfe und Geborgenheit bis zum Ende ermöglicht wird, wenn Schmerzlinderung möglich ist und ermöglicht wird und eben GENAU die Symptombehandlung gemacht wird, die Sie kritisieren, dann ist ein Leben für die meisten möglich.

  13. Euthanasie

    Die Euthanasie ist manchmal sinnvoll bzw. angefordert vom Leidenden.
    Es ist schwierig diese zu reglementieren, vielleicht ist man deshalb in den Niederlanden weiter als in D.

    Danke für diesen Artikel, ein wichtiges Thema,
    MFG
    Dr. W

  14. PS

    Ein wichtiger Begriff fehlte hier vielleicht bisher: Palliativmedizin

    Den genauen Stand der Debatte in D und auch anderswo kennt der Schreiber dieser Zeilen nicht, aber er hat gewisse Erfahrungen.

    MFG
    Dr. W

  15. @ Küstennebel

    Ich stimme Ihnen zu , daß Hilfe immer auf den Einzelfall abgestimmt sein muß , was dem Einen hilft , muß für den Anderen nicht zielführend sein.

    Dabei ist natürlich alles erlaubt , ich hab nur manchmal den Eindruck , daß es eine etwas zu einseitige Tendenz gibt, nur das Jetzt zu sehen und daß da auch immer wieder ein gewisses Modedenken vorliegt , genauso wie früher womöglich etwas zu sehr auf die Vergangenheit geguckt wurde.

    Wenn der Fokus auf Symptomen was bringt , super , wenn Medikation hilft , her damit , es sollte nur nicht in Stereotypen gedacht werden.

    Sie sprechen selber einen wesentlichen Punkt an , an dem es wohl -wie so häufig – hapert, die mangelnden Ressourcen , also mangelndes Personal.

  16. @ClaudiaBerlin: Leiden und Vollendung

    Dann müssen wir uns vielleicht darüber verständigen, was wir zu „unerträglichem“ und „aussichtlosem“ Leiden zählen.

    Der Punkt, wann ein Mensch als „uitbehandeld“ (austherapiert) zählt, setzt eben Voraus, dass Gesundheit/Heilung (oder wenigstens deutliche Leidensminderung) ein erstrebenswertes Ziel ist – und solange es noch Gesundheits-/Heilungs-/Linderungschancen gibt, jemand nicht mit ärztlicher Hilfe umgebracht werden soll.

    Gegen diesen Punkt scheint mir die Initiative für die „laatste wil pil“ vorzugehen. Hier soll ein „vollendetes Leben“ (siehe Text) dafür hinreichend sein, ein Recht auf eine Sterbepille zu haben. Dabei geht es dann nicht mehr um Behandlung, sondern um die Erfüllung von „Lebenswünschen“ – beziehungsweise Lebensendewünschen.

    Die Klärung dieser Frage scheint mir sehr schwierig zu sein… Aber würdest du denn empfehlen, das Kriterium der Behandlung aufzugeben und Euthanasie bzw. die Selbsttötung per Sterbepille für z.B. so ein „vollendetes Leben“ zu erlauben?

  17. EuthanasieinNL:Gehört der Tod dem Staat?

    Stefan Schleim hat im Beitrag sehr gut auf den Unterschied in der kulturellen Einstellung zum bewusst gewählten Tod hingewiesen:
    „Allmählich wurde mir schwindelig. Selten war mir so klar, wie in diesem Moment, dass ich in einer anderen Kultur lebe“

    Die Kultur, die ich kenne, sieht den frei gewählten Tod aus Lebensmüdigkeit oder um Leiden zu vermeiden, als etwas in dem der Staat keine grosse Rolle spielen soll und sie auch gar nicht spielen darf. Die Gesellschaft will solche Freitode vermeiden, gesteht aber dem Individuum das Recht zu sich dafür zu entscheiden. In den Niederlanden dagegen erinnert mich die Einstellung zum Freitod an die dort häufig anzutreffenden Parterrewohnungn mitten in der Stadt ohne jeden Vorhang wo jeder Passant hineinschauen kann und darf. Es scheint in den Niederlanden diesen Unterschied zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit weniger zu geben als hier. Das würde dann erklären, dass Probleme, die wir hier als völlig privat betrachten – wie den Freitod – in den Niederlanden auch öffentliche Probleme sind und dass man dem Staat oder dem Gesundheitswesen als Vertreter der Öffentlichket zutraut solche Probleme gerecht zu entscheiden und zu lösen.
    Es scheint in den Niederlanden wenig Misstrauen gegenüber dem Staat zu geben und auch die Individuen scheinen wenig Misstrauen gegenüber der Gesellschaft zu empfinden. Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass BigBrother in den Niederlanden erfunden wurde.

    Ich dagegen werde ein solches Misstrauen wohl aus kulturellen Gründen nie ganz überwinden können. Einen völlig gerechten Staat, dem man sich in allen Belangen anvertrauen kann, scheint mir eher Wunschdenken und ich vermute überall Interessen, die nicht unbedingt immer das beste für den Einzelnen wollen.

  18. Arrogant und schleimig

    Ich musste nur anlesen….

    „Mir war klar, dass ich diesen zufällig gefundenen Beitrag würde lesen müssen. Es dauerte jedoch eine Weile, bis ich verstand, dass diese Zeitschrift mit dem Titel Relevant ein Medium ist,“

    um zu wissen, dass hier einer wieder seinen Schleim verbreitet…….
    WIDERLICH!!!!!!!!

  19. @Statistiker

    Was genau ist widerlich? Was wissen Sie?

    Und wie sind Sie eigentlich auf dieses überraschend-brilliante Wortspiel mit dem Namen des Verfassers gekommen? Meinten Sie das: „I am the tool of the government/And industry too/ For I am destined to rule/And regulate you“ ? Keine Frage, auch ich hege schon seit längerem den Verdacht, Stephan Schleim (lebt angeblich in den Niederlanden, haha) könne ein von der Regierung eingesetzter Strohmann sein, der uns hier, mit Hilfe seiner Lieblingskommentatoren Mona und Webbär, das Blaue vom Himmel herunterbloggt, aber erst Ihr Kommentar führt die Fäden zusammen. Bedenken Sie aber, dass Ihre IP-Adresse bekannt ist und dass schon Morgen ein SEK bei Ihnen einmarschieren kann: „Don’t got for help…no one will heed you.“

  20. @Holzherr: Individualismus in den NL

    …die dort häufig anzutreffenden Parterrewohnungn mitten in der Stadt ohne jeden Vorhang wo jeder Passant hineinschauen kann und darf. Es scheint in den Niederlanden diesen Unterschied zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit weniger zu geben als hier.

    Ich glaube, die Erklärung ist nicht so einfach. Ko-Blogger Hermann Aichele (Hinter-Gründe) wies mich in diesem Kontext einmal darauf hin, dass in den calvinistischen Niederlanden Wohnungstüren früher nicht abgeschlossen werden durften, da spontane und unangekündigte staatliche/religiöse Kontrollen durchgeführt wurden. Ich denke, dass aus dieser Zeit auch die Idee stammt, die anderen sehen zu lassen, dass man nicht viel Besonderes hat.

    Der Umgang mit Euthanasie scheint mir in den Niederlanden dann auch eher durch die Idee gefördert, dass man die Entscheidungen des anderen respektiert; oder anders formuliert, dass sie einen nichts angehen (vgl. auch Umgang mit Drogenkonsum, Prostitution; nicht alle finden das gut, wahrscheinlich nicht einmal die Mehrheit, doch sehen sie das nicht als Grund, anderen etwas zu verbieten). Das Euthanasiegesetz wurde 2001 von einer Koalition zwei liberaler Parteien (D66, VVD) mit der sozialdemokratischen PvdA verabschiedet, die wahrscheinlich – ebenso wie damals in Deutschland – sehr liberal ausgerichtet war.

    Jeder muss für sich selbst sorgen… Das geht vielleicht mit der Idee einher, anderen nicht zur Last zu fallen… ihnen daher auch keine allzu hohen Gesundheitskosten aufzubürden.

    Wie schon vorher angemerkt, sehe ich den Zusammenhang mit der Feststellung von Alternativlosigkeit für eine Euthanasie im Zusammenhang mit Kürzungen im Gesundheitssystem, die sehr viel radikaler ausfielen als bisher in Deutschland (z.B. schon EUR 350 Selbstbeteiligung für jeden ab 18 im Basistarif) problematisch.

  21. freiwilliges Ende

    @Stephan Schleim: Du schriebst: „… Aber würdest du denn empfehlen, das Kriterium der Behandlung aufzugeben und Euthanasie bzw. die Selbsttötung per Sterbepille für z.B. so ein „vollendetes Leben“ zu erlauben?“

    Ja. Allerdings würde ich das so regeln, dass der Sterbewunsch über eine gewisse Zeit stabil und wiederholt vorgebracht/dokumentiert werden muss, bevor es das Rezept gibt. Also nicht heute gewünscht und morgen vollzogen.

    Mir widerstrebt beim Kriterium „austherapiert“, dass man dadurch gezwungen ist, auch bei gewiss tödlicher Krankheit sämtliche Therapien auszuschöpfen. Schon heute wollen das z.B. manche Krebspatienten nicht. Sie ziehen es vor, die letzte Zeit OHNE Chemo und ihre krassen Nebenwirkungen zu verbringen. Wenn man dann weiß: sobald es unerträglich wird, kann ich gehen, ist das doch eine riesige Erleichterung! Man muss es nicht in Anspruch nehmen, weiß aber, dass die Pille bereit liegt…

  22. @Mona: Vergleiche…

    Ich kenne dieses Gesundheitsranking noch nicht und dort sind die Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden tatsächlich enorm (v.a. bei der Patientenperspektive, den Ergebnissen und der Prävention). Ich wundere mich z.B. über die Bewertung des Zugangs zum Hausarzt, der in den Niederlanden grün, in Deutschland gelb bewertet wird.

    Meine Erfahrung und auch die vieler Bekannter ist, dass man in den Niederlanden eigentlich nie einen Termin am selben Tag beim Hausarzt erhält – wenn überhaupt. In Deutschland war das hingegen immer möglich, wenn auch nur mit langen Wartezeiten verbunden.

    Wie dem auch sei – die Frage ist natürlich, wer diese Kriterien formuliert hat, wie sie gemessen und gewichtet wurden usw… Das kann ich hier nicht beurteilen.

    Was mich jedoch wundert ist, dass Deutschland und die Niederlande im Human Development Index der UN quasi gleichauf liegen; und darin werden 1) die Lebenserwartung, 2) die Ausbildungsjahre und 3) das Pro-Kopf-Einkommen bewertet.

    3) ist meines Wissens in Deutschland deutlich niedriger und 1) in etwa gleich. Wenn man nun weiß, wie in jüngster Zeit über das deutsche Bildungssystem geredet wird, dann müsste es eigentlich einen großen Unterschied in diesem Index geben – gibt es aber nicht.

    Die Zahlen passen also nicht alle zusammen, wenn wir davon ausgehen, dass das System in Deutschland so viel schlechter wäre als in den Niederlanden. Vielleicht fließt die Kosteneffizienz entscheidend in den EuroHealth Consumer Index – das wäre dann aus Perspektive der Gesundheitspolitik entscheidend, aus der individuellen aber vielleicht gerade nicht.

  23. Schleichende Verschlechterung

    @Stephan Schleim

    Das deutsche Gesundheitssystem lag 2009 immerhin noch auf Platz sechs und ist innerhalb von drei Jahren auf Platz 14 gefallen. Zudem ist es ein Unterschied, ob jemand in einer größeren Stadt (mit Überversorgung) oder auf dem Land wohnt. Beispielsweise will die gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), im Zuge einer Neuordnung der stationären Heilverfahren, die Behandlung von schweren Arbeits- und Schulwegunfällen auf einige wenige Kliniken in größeren Städten konzentrieren. Wer nicht in der Nähe einer solchen Klinik wohnt hat Pech gehabt.

    Auch das Bildungssystem hat sich seit Einführung des G8 (verkürztes Gymnasium) verschlechtert und das obwohl der Stress zugenommen hat. Der Spiegel hat dieses Thema aktuell als Aufmacher gewählt und berichtet über die „Generation Stress“.

    Die oben genannten Verschlechterungen werden vermutlich erst in ein paar Jahren Auswirkungen auf die durchschnittliche Lebenserwartung haben. Außerdem hängt es auch von der sozialen Schicht ab wie alt jemand wird.
    Die Sterbehilfe wird in Deutschland größtenteils negativ gesehen, aber Selbstmorde gibt es natürlich auch und nicht zu knapp – zumindest in manchen Regionen. Siehe hier: http://aktuell.nationalatlas.de/Suizidsterbefaelle.1_01-2010.0.html

  24. Sterbehilfe

    Ich würde gern Unterlagen über das obige Thema erhalten, es wird leider keine Adresse angegeben.

    [Adresse entfernt, aber abgespeichert. M.H.]

  25. Sehr geehrte Redaktion,
    diesen Artikel habe ich mit großer Aufmerksamkeit gelesen. Danke dafür.
    Ich denke, um die Frage nach dem Sinn im Leben oder „was mit sich anfangen können“ anders zu beantworten bedarf es eines Umdenkens in Richtung, „was macht Freude“, z.B. Beziehung, die Nähe eines anderen Menschen spüren.
    Freundliche Grüße,
    Margarete

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