Die Macht der Gene?

Herzlich willkommen bei der ersten Folge des Menschen-Bilder-Blogs. Hier werden wir uns in regelmäßigen Abständen mit der Frage beschäftigen, was die neuesten Funde aus den Neurowissenschaften für unser Selbstverständnis bedeuten. In der Ausgabe 9/2007 von Gehirn&Geist gab es einen großen Schwerpunkt, in dem zwei Experten über die Auswirkung der Gene auf psychische und körperliche Erkrankungen schrieben.

Einer von ihnen, Turhan Canli (Canli 2007), schilderte dabei die Ergebnisse einer einschlägigen Studie von Avshalom Caspi und Kollegen, die 2003 im renommierten Science-Magazin erschienen ist. Knapp 850 Neuseeländer waren hierfür über viele Jahre hinweg immer wieder nach bestimmten Lebensfaktoren befragt worden, nachdem man zuvor ihre Gene untersucht hatte. Die Idee war, auf diese Weise Zusammenhänge zwischen Genen und Lebensfaktoren zu finden.

Caspi interessierte vor allem die Rolle des  Serotonin-Transporter-Gens, das an der Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin an den Synapsen des Gehirns beteiligt ist. In seiner Studie suchte er nach einem Zusammenhang zwischen der Ausprägung dieses Gens, das in drei Varianten vorkommt, und dem Aufkommen depressiver Symptome. Dabei gab es zwischen der Genvariante der Neuseeländer und der Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, keinen signifikanten Effekt (Caspi et al. 2003, S. 388). Umgekehrt fand man aber sehr wohl einen starken Zusammenhang zwischen der Anzahl harter Lebensereignisse – Todesfälle, schwere Unfälle, Scheidungen und so weiter – und depressiven Episoden. Das heißt, in dieser Studie Caspis, die, vielleicht etwas blauäugig, als einer der Stützpfeiler für die Rolle von Genen gilt, deuten die Ergebnisse tatsächlich auf einen stärkeren Einfluss der Umwelt – hier der Lebensereignisse – hin.

Erst wenn man das Wissen über die Genvariante mit dem über die Lebensereignisse kombinierte, klärte sich die Rolle der Gene weiter auf. In der Wissenschaft spricht man dann von einer Interaktion: Wer nicht nur eine bestimmte Genvariante, sondern auch vier oder mehr harte Lebensereignisse erfahren hatte, der besaß ein wesentlich höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken. Aber selbst unter den ungünstigsten Bedingungen betrug dieses Risiko „nur“ 43 Prozent, sodass die Frage offen bleibt, welche anderen Faktoren dafür noch eine Rolle spielen, ob jemand unter diesen schlimmen Umständen depressiv wird oder nicht.

Noch deutlicher war der Interaktionseffekt, wenn man nicht nur harte Lebensereignisse, sondern Misshandlungen im Kindesalter (3 bis 11 Jahre) mit den Genen in Zusammenhang setzte: Diejenigen mit einer „günstigen“ Genvariante des Serotonin-Transporters hatten ein etwa 30prozentiges Risiko, an einer Depression zu erkranken. Die mit einer „ungünstigen“ Variante hingegen schon über 60 Prozent, wenn sie als Kinder misshandelt wurden. Auch hier gilt aber wieder: Der Effekt der Genvariante allein war nicht signifikant, derjenige der Misshandlungen hingegen schon.

Das Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt hält also einige Überraschungen für uns bereit. Es wäre aber falsch, aus diesen Ergebnissen heraus die Macht der Gene überzubewerten. Wie wir gesehen haben, spielte in Avshalom Caspis Studie die Umwelt, in der jemand aufwuchs, stets eine größere Rolle als seine genetische Ausstattung. Es wäre interessant, mehr über die Personen aus der „ungünstigen“ Gruppe zu erfahren und herauszufinden, was diejenigen, die an einer Depression erkrankten, von denen unterscheidet, die nicht krank wurden.

In dem Artikel Joachim Bauers (Bauer 2007), der Turhan Canlis Bericht folgt, werden beispielsweise epigenetische Faktoren angesprochen. Vereinfacht heißt das, dass auch außerhalb der Gene bestimmte Faktoren eine Rolle dabei spielen, ob wir beispielsweise eine bestimmte Krankheit bekommen oder nicht. Nicht zuletzt weist dies aber auch darauf hin, dass Umwelt und Verhalten eines Menschen Gene ein- und ausschalten können. Ein Menschen-Bild, das uns als genetisch gesteuerte Maschinen darstellt, wird vom Stand der Wissenschaft also nicht gestützt.

Bauer, J. (2007). Unser flexibles Erbe. Gehirn&Geist 9/2007: 58-65.
Canli, T. (2007). Der Charakter-Code. Gehirn&Geist 9/2007: 52-57.
Caspi, A. et al. (2003). Influence of Life Stress on Depression: Moderation by a Polymorphism of the 5-HTT Gene. Science 301: 386-389.

ResearchBlogging.org Caspi, A. (2003). Influence of Life Stress on Depression: Moderation by a Polymorphism in the 5-HTT Gene Science, 301 (5631), 386-389 DOI: 10.1126/science.1083968

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

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