Critical Neuroscience – laut oder leise?

Darf man Wissenschaftlern auf die Füße treten? Auf dem dritten Critical Neuroscience Workshop in Marburg diskutierten wir mediale Darstellung und Tragweite neuer Entdeckungen der Hirnforschung.

Vivid depictions of the new brain sciences in the media and popular writing, often in the form of a futuristic discourse of promise and progress, increasingly lead to the incorporation of neuroscientific language into laypeople’s self-understanding. […] This happens despite the fact that many of the experimental results and their theoretical articulations are unstable and provisional at the current stage of development in the field. (critical-neuroscience.org)

[English version available; auch in englischer Sprache verfügbar.]

Die Redeweise von den erstaunlichen Erkenntnissen der Hirnforschung ist uns wohl bekannt. Insbesondere im Kernbereich menschlichen Fühlens, Abwägens und Entscheidens haben wir es immer wieder mit starken Aussagen zu tun: wenn beispielsweise Forscher behaupten, sie könnten schon lange vor dem Bewusstwerden einer Entscheidung das Ergebnis bestimmen (Die Rückkehr des Libet-Experiments?) oder schon vor der Person selbst wissen, ob jemand ein Versprechen halten oder brechen wird (Gebrochene Versprechen). Der Psychologe und Jura-Professor Stephen Morse spricht mit Blick auf neurowissenschaftliche Anwendungen im Rechtssystem nicht ohne Grund vom „Brain-Overclaim-Syndrome“ (Justitias neue Kleider).

Wie ist mit solchen übertriebenen Darstellungen umzugehen? Wie ist darauf zu reagieren, dass Overstatement von medialer Aufmerksamkeit belohnt wird, bescheidene Darstellungen dagegen im Rauschen der Newsticker untergehen? 2009 war in dieser Hinsicht ein erstaunliches Jahr, in dem ein aufmüpfiger Doktorand vom Massachusetts Institute of Technology einen Frontalangriff auf die soziale Neurowissenschaft lancierte. Die Rede ist natürlich von Ed Vul und den „Voodoo-Korrelationen“, über die ich seinerzeit in MENSCHEN-BILDER berichtete.

Diese provokante Kritik und ihre Kommunikation hat Daniel Margulies vom MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig auf dem Workshop reflektiert. Die Arbeit von Vul und Kollegen ist Ende 2008 zur Publikation in der Fachzeitschrift Perspectives on Psychological Science angenommen worden. Laut Margulies schickte daraufhin der Seniorautor des Papiers, Harold Pashler von der University of California in San Diego – wo Ed Vul übrigens ab Juli arbeiten wird –, das Manuskript an eine Reihe von Kollegen. Das ist nicht ungewöhnlich. Zweit Tatsachen hätten aber eine Kettenreaktion der Verbreitung ausgelöst: Erstens die spektakuläre Sprache, in der die Kritik formuliert worden sei – da war von „Voodoo“ die Rede, von „unmöglich hohen Korrelationen“ in der Sozialneurowissenschaft. Zweitens die Veröffentlichung der kritisierten Studien mit vollständiger Namensangabe der Verfasser.

Schließlich sei die Geschichte in die Blogosphäre vorgedrungen, bis sie schließlich die Newsweek als erste journalistische Quelle aufgegriffen habe. Nun tickte die Uhr – natürlich mussten die kritisierten Forscher zu den Vorwürfen Stellung beziehen. Neben der Replik auf die inhaltliche Kritik ging es schnell auch darum, ob der Ton der originalen Arbeit sowie der Schauplatz der Diskussion für eine wissenschaftliche Debatte angemessen ist. Manche der kritisierten Forscher äußerten sich pikiert darüber, dass sie erst durch Wissenschaftsjournalisten von der Sache erfahren mussten.

As one of the hallmarks of the scientist is critical, rational skepticism, the lack of opportunities to develop the ability to reason and argue scientifically would appear to be a significant weakness in contemporary educational practice. In short, knowing what is wrong matters as much as knowing what is right. (Jonathan Osborne [2010]. Science 328, p. 463)

Im Vergleich dazu ist eine – inhaltlich gesehen – ähnlich kritische Arbeit von Nikolaus Kriegeskorte und Kollegen beinahe kaum wahrgenommen worden – obwohl die Arbeit in der angesehenen Zeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht wurde. Der Ton war hier gemäßigter, das Argument wesentlich schwieriger und schließlich verwiesen die Autoren zwar auf eine Liste der Studien, deren Vorgehen methodisch fragwürdig sei, machten sie jedoch im Gegensatz zu Vul und Kollegen nicht öffentlich.

Mit Blick auf diesen Vergleich stellt sich die Frage, wie ein Projekt der „kritischen Neurowissenschaft“ vorgehen sollte – sollte sie die Selektionskriterien der Medien nutzen, um ihre Botschaft zu verbreiten und dabei das Risiko eingehen, von akademischen Kollegen als „unwissenschaftlich“ gebrandmarkt zu werden? Wäre es nicht nur fair, sich derselben Methoden zu bedienen, mit der auch die Forscher selbst von der Popularisierung ihrer Arbeit profitieren? Oder wäre es eher angemessen, mit der leisen Stimme der Vernunft zu sprechen und darauf zu vertrauen, dass sich langfristig schon die korrekte Nachricht durchsetzt?

[Die Erfolge der materialistischen Weltanschauung] beruhen nicht auf der Klarheit und Unangreifbarkeit ihrer Argumente, sondern auf der Kühnheit ihres Auftretens und in dem herrschenden Geiste der Zeit, welcher Lehren dieser Art um so lieber popularisiert, je gefährlicher sie der bestehenden Ordnung der Dinge zu werden versprechen. (Josef Hyrtl, 1864/1897, S. 36f.)

Schauen wir auf die Diagnose des Anatoms Josef Hyrtl, dann war die Medienlandschaft im 19. Jahrhundert bereits so, dass sie vom Hype lebte. Hyrtl reagierte in dieser Rede übrigens auf die schon damals proklamierte „Neuro-Revolution“, in der ebenso wie heute ein Umsturz der Gesellschafts- und Rechtsordnung unter Berufung auf neue wissenschaftliche Entdeckungen prophezeit wurde. Solange die vorherrschende Aufmerksamkeitsökonomie die Spielregeln für die Wissenschaftskommunikation definiert und dabei vor allem von der Sensation lebt, halte ich es für legitim, die Kritik eher laut als leise durchzuführen. Warum man aus Gründen der Höflichkeit auf die Veröffentlichung der Namen verzichten sollte, kann ich auch nicht nachvollziehen – schließlich lebt der Gedanke der Wissenschaft doch von Transparenz, Öffentlichkeit und der Idee, dass alle ForscherInnen über ihre Arbeit Rechenschaft ablegen können müssen. Umgekehrt profitieren sie schließlich vom hohen Ansehen wissenschaftlicher Ergebnisse.

Daher begrüße ich auch die unter anderem von Jan Slaby von der Universität Marburg und Suparna Choudhury vom MPI für Wissenschaftsgeschichte in Berlin begründete Initiative der Critical Neuroscience, die anderen Perspektiven auf die Hirnforschung ein Forum bietet. Ganz gleich, ob unter diesem Namen, ob als Neuroethik oder Wissenschaftskritik bezeichnet, ich werde jedenfalls weiter auf bedenkliche Entwicklungen in den Neurowissenschaften hinweisen, wie beispielsweise den starken Fokus auf die Neurogenetik (Doch kein Depressions-Gen) in der Psychiatrie oder zweifelhafte Anwendungen im Strafrecht (Gen vor Gericht?); und ich freue mich schon darauf, mich darüber mit anderen zumindest in der Blogosphäre vortrefflich zu streiten.

Quellenangabe:Hyrtl, J. (1864/1897). Die Materialistische Weltanschauung unserer Zeit. Wien: Braumüller.
Mehr: Schleim, S. (2009). Der Mensch und die soziale Hirnforschung. Philosophische Zwischenbilanz einer spannungsreichen Beziehung. In: Schleim, S., Spranger, T. M. & Walter, H., Von der Neuroethik zum Neurorecht?, S. 37-66. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


Mein Dank gilt übrigens dem Hugo’s in Marburg. Nach ca. sechs erfolglosen Versuchen in anderen Cafés in der Oberstadt habe ich hier schließlich einen Internetzugang und später sogar noch eine Steckdose gefunden, ohne die es diesen Blogpost vielleicht nicht gegeben hätte. Das war dann übrigens auch mein erster Post, den ich an der Lahn geschrieben habe.

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bischof Mixa – die Blamage

    Bei der aktuellen heissen Diskussion um Bischof Mixa hat sich die Gehirn-/Gedächtnisforschung total blamiert.
    Unabhängig davon, was man vom Bischof und seinen Erziehungsmethoden hält – wäre es wünschenswert gewesen, wenn sich die Wissenschaftler zu Wort gemeldet hätten:
    Wie funktioniert das Gedächtnis, wie ändern/verändern sich Erinnerungen beim Erinnern, wie funktioniert Verdrängung, das Einpflanzen von falschen Erinnerungen, usw. …
    Es hätte in letzter Zeit genug Anlässe gegeben, um aus wissenschaftlicher Sicht zum Thema von Erinnerungen bzw. dem Vorgang des Erinnerns einige allgemeine Informationen an die Öffentlichkeit weiter zu geben. Was nützt uns Wissenschaft, wenn sie nicht angewandt wird – da ist es schade um die Forschungsgelder für die Hirnforschung.

    Hier hat die Hirn-/Gedächtnisforschung wieder eine Chance verschlafen, um sich und ihre Erkenntnisse in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

  2. Einzelfall und Individuum

    Diesen Vorwurf gegen die Hirnforschung kann ich nicht nachvollziehen. Es geht doch darum, allgemeine Kenntnis der für Erinnerungen wichtigen Hirnprozesse zu erlangen — wie sich das auf einen Einzelfall übertragen lassen soll, ist alles andere als klar; über dieses Thema habe ich hier kürzlich unter der Überschrift der Neurogeschichte geschrieben.

    Tatsächlich bin ich sogar froh, dass sich kein Professor X oder Y unter Berufung auf die Hirnforschung über diesen Skandal ausgelassen hat.

    Davon abgesehen würde ich mir im Fall Mixa, auf den Sie verweisen, mehr Erkenntnis durch die Untersuchung und Aufdeckung der institutionellen Machtstrukturen versprechen als durch die Untersuchung irgendwelcher Gehirne.

  3. … alles nur „wie im täglichen Leben“

    Hallo,

    sicher leben alle Medien vom Hype (… leider!). Jeder, der meint, etwas „verkünden“ zu müssen, muss sich doch glücklich fühlen, wenn er im täglichen Medienrauschen Publicity erlangt. Allein die Informationsflut ist bereits erschlagend.

    So muss ich auch darüber schmunzeln, dass wohl (sofern ich dieser Nachricht trauen darf) im fortwährenden emsigen Signalrauschen der Neuronen diejenigen Beachtung erlangen und zum Zuge kommen, die sich deutlich aus diesem Rauschen hervortun, also feuern was geht … und das aktuelle Interesse befriedigen. Insofern mag es nur plausibel sein, dass wir im Grunde wirklich (nur) so können, wie unser Gehirn es uns „vormacht“ …!

    mfG

  4. off topic

    Eine Korrektur Ihrer Schlußfolgerung, Herr Müller:
    Plausibel klingt vieles. Daß wir nur so können, wie unser Gehirn es uns „vormacht“, verkünden nur bestimmte Personengruppen: Geisteskranke und Suchtkranke (beide haben den begründeten Eindruck, nicht anders zu können), Drückeberger, die sich um die Verantwortung für ihr Handeln drücken, sowie die Gruppe, die von diesen „Unpäßlichkeiten“ anderer profitiert. Zu allem Übel gibt es hier auch noch Schnittmengen.(Unter anderen Aspekten sind die hier Aufgeführten natürlich nicht in einen Topf zu werfen.)

  5. Ergänzung

    zum Thema Körperhaltung und neurobiologische Experimente.
    Heute las ich, in der „Apotheken-Umschau“ sei ein Artikel zu Studien zweier niederländischer Universitäten erschienen, die sich mit der Haltung der Arme beim Erinnern befassen. Sie ergaben, daß man mit zum Himmel erhobenen Armen angenehmere Erinnerungen aktiviert, mit gesenkten dagegen unangenehme.
    Auch diese Ergebnisse zeigen, daß die Körperhaltung, hier die Stellung der oberen Extremitäten, bei meßtechnischen Experimenten zu emotionalen Fragestellungen berücksichtigt werden müßte. Die übliche Position im CT verfälscht die Ergebnisse zu bestimmten Fragestellungen.

  6. @ Ebrahim: Einflussfaktoren

    Je länger Forscher danach suchen, desto mehr mögliche Einflussfaktoren auf die Hirnaktivität werden sie wahrscheinlich fidnen.

    Persönlich denke ich, wird man nie sämtliche Faktoren kontrollieren können, die auf die Hirnaktivität und das Erleben der Versuchspersonen wirken.

  7. @ Stefan Schleim

    Da gebe ich Ihnen vollkommen recht, Herr Schleim. Aber dort, wo man meint, meßtechnische Verfahren z.B. zur Beurteilung des Aggressionspotentials eines Straftäters heranziehen zu müssen, sollten doch wenigstens nicht grundlegend falsche, auf unsachgemäßen Experimenten beruhende Maßstäbe angelegt werden.

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