Arbeitszeiten machen Klinikärzte krank

gnothi seautonFast drei Viertel der deutschen Klinikärzte fühlt sich durch die Arbeit im Krankenhaus in ihrer eigenen Gesundheit beeinträchtigt. Dies ist nur eines der Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Marburger Bundes, an der insgesamt 3.309 Krankenhausärzte teilnahmen.

„Medicus curat, natura sanat.“ Der Arzt hilft, die Natur heilt. Dieser lateinische Satz wurde vermutlich aus dem Wissensschatz des griechischen Arztes Hippokrates von Kos übernommen. Der berühmte Altertums-Doktor propagierte, dass jeder Mensch in seinem Innern seinen eigenen Arzt habe, der von einem guten Mediziner von außen unterstützt und aktiviert werden könne. 

Erkenne dich selbst!

Doch was geschieht, wenn eigentlich der Arzt selbst Hilfe benötigte? Mittlerweile fürchten fast alle Krankenhausärzte in Deutschland um ihre eigene Gesundheit. Überlange Arbeitszeiten, schlechtes Arbeitsklima, mangelnde Fortbildung, Unvereinbarkeit von Berufs- und Privatleben sind nur einige Symptome eines Systems, das vor allem an Kranken und Krankheiten verdient, obwohl es sich ironischerweise „Gesundheitssystem“ nennt und Unsummen an Geld verschlingt. 

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat nun eine Umfrage veröffentlicht, in der erneut die hohe Arbeitsbelastung der Krankenhausärzte in Deutschland offen zutage tritt.

Befragt wurden alle Ärzte vom Assistenzarzt bis hin zum Chefarzt an Kliniken jedweder Trägerschaft in Deutschland. Die Ergebnisse der Online-Befragung geben einen aktuellen Einblick in die Arbeitszeitrealität der Klinikärzte. 

Nichts im Übermaß?

Drei Viertel der 3.309 Befragten arbeitet im Durchschnitt mehr als 48 Stunden pro Woche. Fast die Hälfte (47 Prozent) äußerte, ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit läge im Durchschnitt zwischen 49 und 59 Stunden. Ein Viertel arbeitet sogar 60 bis 79 Stunden und drei Prozent mehr als 80 Stunden in der Woche.

Die Frage, ob sämtliche Arbeitszeiten systematisch erfasst würden, wurde von mehr als der Hälfte (53 Prozent) verneint. Dabei erklärte jeder Fünfte (21 Prozent), dass seine Überstunden weder vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen würden. 

45 Prozent der Ärzte leistet monatlich fünf bis neun Bereitschaftsdienste von 24 oder mehr Stunden am Stück. Bei fünf Prozent sind es sogar mehr als zehn Dienste im Monat, was angesichts der minimalsten Ruhezeiten nur bedeuten kann, dass diese Ärzte quasi rund um die Uhr im Einsatz sind. 

Die Mehrheit der Klinikärzte hat das Problem sogar erkannt und würde gern ihr Arbeitspensum auf verträgliche Maße reduzieren. 57 Prozent erklärten, sie würden Arbeitszeiten von 40 bis 48 Stunden bevorzugen. Lediglich 11 Prozent wollten auch in Zukunft mehr als 48 Stunden arbeiten. 

Du bist.

Auch die Auswirkungen auf die eigene Gesundheit wurden realistisch eingeschätzt. So gab knapp drei Viertel (71 Prozent) der teilnehmenden Ärzte an, die Arbeitszeiten hätten einen negativen Effekt auf ihre Gesundheit, z.B. in Form von Schlafstörungen und häufiger Müdigkeit. 89 Prozent meinte, die Arbeitsgestaltung würde ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Diese Ergebnisse sollten uns alle alarmieren. Wer wünscht sich nicht einen guten und leistungsfähigen Doktor? Wir alle brauchen Ärzte – Menschen, die Kranken wirklich helfen und keine Arbeitsmaschinen, die sogar nach 80 Stunden Dauerstress noch über die Jahre hinweg irgendwie funktionieren.

Wie schön wäre es, wenn die Mediziner sogar selbst ein gutes Beispiel sein könnten. Doch wenn Ärzte sich durch ihre Arbeit krank fühlen und sogar krank werden, wie effektiv können sie dann noch andere Menschen heilen? 

Μηδὲν ἄγαν (griechisch, mēdén ágan) „Nichts im Übermaß“, lautet eine der drei apollonischen Weisheiten von Delphi, neben Εἶ „Du bist“ und Γνῶθι σεαυτόν (gnothi seauton) „Erkenne dich selbst!“

Bleibt zu hoffen, dass die Klinikmediziner möglichst bald Hippokrates’ inneren Arzt in sich selbst erkennen und auch die anderen Weisheiten entsprechend berücksichtigen. Der Marburger Bund und ein Blick über die Grenzen hinweg in andere Länder (z.B. Skandinavien oder Schweiz) sind hierbei sicher hilfreich. 

 

Quelle / weiterführende Informationen:

 

Trota von Berlin

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Erschreckende Zahlen – Gehirndoping?

    Nicht nur alarmierend, sondern erschreckend, diese Zahlen!

    Hat man dazu eigentlich auch erhoben, wie viele Ärztinnen und Ärzte diesen Stress mit Medikamenten, Drogen, Gehirndoping, Alkohol usw. bewältigen?

    Und wann in der Ausbildung fängt sie eigentlich an, diese Selbstverleugnung, zwischen Gesundheit als Ziel und Gesundheit als Hindernis?

  2. Ich stimme zu, diese Zahlen sind wirklich erschreckend. Jetzt wollte ich mal wissen, wie denn das Presseecho dazu aussah, hab aber erst mal nix gefunden. Bin dann direkt auf die Seiten vom Marburger Bund gegangen und musste feststellen, das die Meldung ja schon 2 Wochen alt ist, da sie vom 11.3. stammt. Aber die zurück liegenden Pressemeldungen zu durchforsten hab ich nun auch keine Lust.

    Anyway, so wie das System jetzt ist, darf es nicht bleiben. Ich stelle mir gerade vor, ich komme schwer verletzt in die Notaufnahme und werde nicht sachgerecht behandelt, weil die Ärzte da völlig übermüdet sind und eigentlich ins Bett gehörten. Das ist ja Gruselig.

  3. @Stephan: Doping & mehr

    Die Krankenhausärzte müssen sich eigentlich gar nicht mehr dopen, denn schon die überlangen Arbeitszeiten entsprechen einem Alkoholkonsum im Sinne einer Fahrtuntüchtigkeit.

    Der Substanzgebrauch von Klinikärzten wäre aber in der Tat ein interessantes Thema, z.B. auch für eine anonyme Befragung. In einer  US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2012 waren übrigens 15% der Chirurgen alkoholkrank und damit signifikant etwas häufiger gegenüber 8-12% der Normalbevölkerung.

    Heute ist die Märzausgabe des  “Frauenarztes“ bei mir angekommen. Dort gibt es diesmal auch einen Artikel zur Weiterbildung mit dem Titel „Leistung = Arbeit/Zeit“, von einer Assistenzärztin im mittlerweile letzten Jahr der fünfjährigen Facharztausbildung, die unter dem Pseudonym Annemarie Kressmann schreibt:

    Nachdem ich einmal mit meinem Chef eine etwas intensivere Diskussion zum Thema – nicht vorhandene – Arbeitszeiterfassung geführt hatte, war ich über eine Woche überhaupt nicht mehr im OP, nicht mal zur Assistenz, […]
    Ich habe auch menschlich vieles gelernt. Und ich habe zuletzt auch vieles über mich selbst gelernt. Mit den ersten Schritten, dass ich meine Grenzen überschreiten kann und muss, und dass dies oft wehtut. Dass Pantozol, Red Bull und eine Schlafmaske dabei unverzichtbar sind. Und in den darauffolgenden Schritten, dass man die Erwartungen an sich selber langfristig realistisch gestalten muss, dass es Gleichungen gibt, die sich eben auch beim größten Bemühen nicht lösen lassen, dass man sich eben nur die Schuhe anziehen sollte, die einem passen.
    […] Ich habe meine Berufswahl nie bereut, aber gelegentlich die Berufsbedingungen, insbesondere die Personalpolitik im Krankenhaus bedauert.
    Ich blicke in eine berufliche Zukunft, die viele Möglichkeiten bietet – nach der Facharztprüfung auch jenseits des Klinikalltags. Die Zukunft sieht gut aus.

    So mögen es viele Kollegen sehen, nach dem Motto  
    “ target=“_blank“>Nach bestandener Facharztprüfung  geht’s dann oft ins Ausland oder in die Niederlassung.

    Ich denke, die Verleugnung beginnt spätestens dann, sobald man die Probleme des Systems durchschaut und dennoch vielleicht sogar insgeheim schätzt.

  4. Nicht gerade repräsentativ

    Hmmm, wenn man sich Ergebnispräsentation anschaut: Rücklaufquote von 12,5 %, Teilnehmer überdurchschnittlich jung, reine Selbsteinschätzung.

    Damit ist die Studie nice to know, aber ansonsten statistisch unbrauchbar. Zu vermuten ist wie fast immer bei solchen Umfragen, dass nur die antworten, die etwas zu meckern haben.

    Warum hat der Marburger Bund keine konkrete Stundenaufnahme in repräsentativen Einrichtungen gemacht?

    Ergebnis: Zahlenmanipulation durch den Marburger Bund zum Zwecke finanzieller/politischer Ziele.

  5. Es geht ums Geld!

    Es gäbe ja eine einfache Methode, den genannten Übeln abzuhelfen: Mehr Ärzte anstellen und die Dienstzeiten entsprechend verringern!
    Kostet halt Geld, und das will niemand zahlen. Solange es möglich ist, die aktuell angestellten Ärzte bis zum Gehtnichtmehr auszubeuten, wird es auch gemacht. Ich schätze, ohne bindende Vorschriften, die die Dienstzeiten begrenzen und die Einstellung zusätzlicher Ärzte verpflichtend machen, wird sich nichts ändern. Diese Vorschriften wird das System sich natürlich nicht selber machen, die müssen von außen kommen, sprich, von den politisch hinreichend interessierten und engagierten Bürgern. Also auf, machen wir ein Volksbegehren und sammeln wir Unterstützungserklärungen, sonst jammern wir nur wirkungslos! Hat jemand eine Idee, wie man sowas anfängt?

  6. @ Statistiker

    Ich kann die statistischen Argumente gut verstehen, muss aber auch zu bedenken geben, dass es hier eigentlich um etwas viel Weitreichenderes geht als eine erneute Kampagne des Marburger Bundes, um mal wieder etwas mehr Geld für eine in der Gesellschaft oft noch als privilegiert angesehene Berufsgruppe herauszuschlagen.

    Krankenhausärzte sind nun einmal in Deutschland „überdurchschnittlich jung“, schon allein aufgrund der oben beschriebenen Arbeitsbedingungen. Ab einem gewissen Alter werden die meisten von ihnen nämlich „unbrauchbar“ für eine solche Arbeitsbelastung.

    Daher finde ich es ganz schön mutig, dass sich immerhin 3.309 Klinikärzte geäußert haben. Es ist sogar besonders erschreckend, dass es offenbar gerade den jungen Assistenzärzten in Deutschland besonders schlecht geht. Denn sie sind unsere Zukunft. Sie sollten daher nach Möglichkeit ausgebildet und nicht ausgebeutet werden.

    Leider wurden die bisherigen Versuche, beispielsweise eine konkrete Arbeitszeiterfassung einzuführen, in der Regel aus Angst vor der erwarteten Kostenexplosion von den Nutznießern des Systems abgelehnt.

  7. @ Mag. Liane Mayer: Ja, aber…

    Es gibt bereits zahlreiche Arbeitsgesetze und Vorschriften, die aber vor allem aus Kostengründen oft nicht eingehalten werden. Die Einstellung von mehr Ärzten und Bezahlung der Überstunden wäre im aktuellen System nicht finanzierbar. Es bedürfte einer grundlegenden Umstrukturierung, die vor allem auch die Ausbildung des Nachwuchses besser regeln und schützen müsste.

    Der Marburger Bund ist vermutlich im Moment die beste Anlaufstelle für solche Aktivitäten. Sollte jemand Ideen zu weiteren Initiativen / Alternativen haben, bin ich natürlich auch interessiert und bereit, mich entsprechend zu engagieren.

  8. „Krisen“ des Zeitgeistes

    „Also auf, machen wir ein Volksbegehren und sammeln wir Unterstützungserklärungen, sonst jammern wir nur wirkungslos! Hat jemand eine Idee, wie man sowas anfängt?“

    Seid ihr denn nun bereit, die Symptomatik des nun „freiheitlichen“ Wettbewerbs und die dazu systemrational-gebildete Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche zu überwinden?

    Wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehört, so daß „Wer soll das bezahlen?“ und „Arbeit macht frei“ absolut keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles wirklich-wahrhaftig / MENSCHENWÜRDIG organisiert werden (GLOBAL), OHNE Steuern zahlen, OHNE „Sozial“-Versicherungen, OHNE Zeit-/Leistungsdruck zu einer systemrationalen Karriere von Kindesbeinen, USW. – damit ein Volksbegehren nicht an der Multischizophrenität seiner systemrationalen „Individualbewußtheit“ LOGISCH scheitert (doch wieder nur Konfusion in Überproduktion von Kommunikationsmüll), sondern die Problematik in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein verschwindet, muß der inzwischen ziemlich offensichtliche geistige Stillstand seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ (erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung) an der Wurzel allen Übels gemeinsam ausgerottet werden wollen (URSACHE WETTBEWERB)!?

    Unterstützungserklärungen sind auch nur wie der Zynismus der „Entwicklungshilfe“ für die „Dritte Welt“ (die nun mit der Globalisierung bald überall sein soll / wird)!?

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben