Nobelpreis für Mathematik?

“Am ersten Tag des Januar, im Jahr 1891, gehen eine kleine Frau und ein großer Mann über den Alten Friedhof in Genua. Beide sind um die vierzig. Die Frau hat einen großen Kopf wie ein Kind, mit einem Dickicht von dunklen Locken, und ihr Ausdruck ist eifrig, und etwas bittend. Ihr Gesicht beginnt Anstrengung zu zeigen. Der Mann ist riesig. Er wiegt 285 Pfund, die sich über einen großen Körper verteilen, und weil er Russe ist, nennt man ihn oft einen Bären, oder auch einen Kosaken.”

Wer war’s? Erkennen Sie den Text? Die Autorin? Die “kleine Frau”?

So beginnt die titelgebende Geschichte “Zuviel Glück” der frischgebackenen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro – in meiner Übersetzung, publiziert im Herbst 2010 in den Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Der gesamte Erzählungsband ist im Jahr darauf dann bei Fischer erschienen (übersetzt von Heidi Zerning). Natürlich bin ich mords-stolz, mich jetzt als Übersetzer einer Literaturnobelpreisträgerin fühlen zu können – noch dazu, wo mich die Nachricht gestern gerade beim Verlassen der Frankfurter Buchmesse erreicht, nach meinem Auftritt als “Vorgruppe zu Element of Crime” (genauer: nachdem ich auf der FAZ-Bühne mein neues Buch “Mathematik – Das ist doch keine Kunst!” vorstellen durfte, gefolgt von Sven Regener).

Die “kleine Frau” war eine bemerkenswerte Mathematikerin, Revolutionärin, Schriftstellerin: Sonia Kovalevskaya.

Sonia KovalevskayaFoto: Institut Mittag-Leffler, Djursholm

Um sie in kurzer Skizze vorzustellen, verweise ich einerseits auf die Erzählung von Alice Munro, andererseits präsentiere ich zwei Zitate aus der Biographie “A Convergence of Lives” von Ann Hibler Koblitz (in meiner Übersetzung). Das erste spielt Paris 1871, die Zeit der Pariser Kommune, Sonia Kovalevskaya und ihr Ehemann Vladimir versuchen in das von Deutschen belagerte Paris zu kommen, wo Sonias Schwester Anjuta lebt:

Sie konnten keinen Passierschein von der deutschen Besatzungsarmee bekommen, die die Stadt eingeschlossen hatte, daher gingen sie am Ufer der Seine entlang bis sie ein kleines, verlassenes Boot fanden. Sie bestiegen es und begannen zu rudern. Von einer Wache angerufen, ignorierten sie die Bedrohung und ruderten schneller. Es gab Gewehrfeuer, aber es war dunkel, und der Wachposten zielte schlecht.  Sofia und Vladimir erreichten so Paris unverletzt.

Die zweite Szene spielt in St. Petersburg 1874, wo sich Sonia, Dozentin in Stockholm, erfolglos um eine angemessene Stelle in ihrer Heimat bemüht:

Die einzige Stelle für sie fand sich in der untersten Klasse der  Mädchenschule. “Leider”, merkte Kovalevskaya sarkastisch an, “Ist das Einmaleins so gar nicht meine Stärke.”

In St. Petersburg war sie erfolglos – aber im Sommer 1884 erhielt sie eine ordentliche Professur für Mathematik an der Stockholmer Universität, die bedeutendste Mathematikerin des 19. Jahrhunderts, und die erste wesentliche Univeritätsprofessorin: ein großer Triumph für eine engagierte Vorkämpferin für die Frauen in der Wissenschaft.
 An Sonia Kovalevskaia wird aber auch immer dann erinnert, wenn wieder mal vom Nobelpreis für Mathematik die Rede ist. Siehe etwa die Darstellung in Wikipedia, Abteilung “Klatsch und Tratsch”:

Ende 1887 lernte Kowalewskaja Alfred Nobel kennen. Dieser machte ihr zwar den Hof, allerdings kam es nicht zu einer Affäre. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, es gebe keinen Nobelpreis für Mathematik, weil Sofja Kowalewskaja eine Liaison mit Nobel gehabt und ihn wegen Gösta Mittag-Leffler verlassen habe. Für dieses Gerücht gibt es keine reale Grundlage, denn auch mit Mittag-Leffler hatte Sofja Kowalewskaja keine Beziehung. Es steht eher zu vermuten, dass für Nobel – der Arbeiten auszeichnen wollte, die einen „Nutzen für die Menschheit“ haben – dieser Nutzen in der Mathematik nicht unmittelbar erkennbar war.

Mehr dazu in “Darf ich Zahlen? Geschichten aus der Mathematik”, Kapitel 8 “Drei Legenden”, unter der Überschrift “Die Kowalevskaja war schuld?”

Veröffentlicht von

Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin, Leiter des “Medienbüros” der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Aktivist, Kommunikator, Sekttrinker, Gelegenheitsblogger, Kolumnist und Buch-Autor: "Darf ich Zahlen?" und "Mathematik - Das ist doch keine Kunst!".

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Alfred Nobel hat nur 5 Wissenschaften für nobelwürdig befunden. Das ist zusammen mit dem hohen Preisgeld für jede der 5 Wissenschaften sicher mit ein Grund, dass der Nobelpreis solch eine Beachtung findet.Das Nobelkomitee schien aber tatsächlich die Mathematik zu vermissen, liest man in der Wikipedia doch:
    „Ein späteres Angebot des Nobelkomitees auf Einrichtung eines Nobelpreises für Mathematik ist von führenden Mathematikern abgelehnt worden, wohl um die Konkurrenz unter den Wissenschaftlern nicht zusätzlich zu steigern.“

    Rein vom Preisgeld her ist heute der Nobelpreis nicht mehr an der Spitze. Der Fundamental Physics Price der Milner Foundation beispielsweise ist mit 3 Millionen Dollar notiert. Hoch dotierte Preise für Mathematiker gibt es allerdings bis jetzt keine – ausser vielleicht die 1 Million Dollar für die Lösung eines der 7 Millenium Prize Problems

  2. Vermutlich erklärt der anekdotenhafte spekulative Vortrag auch warum keine Frau bisher die Fields-Medaille erhalten hat.
    Geschichte wiederholt sich und vieles ist schlimm.

    MFG
    Dr. W

    • … andererseits hat ja schon Sonia Kovalevskaya als erste Frau den Prix Bordin gewonnen, und dafür wurde extra für sie die Preissumme von 3000 auf 5000 Francs hochgesetzt. Auch das könnte sich ja mal wiederholen …

  3. Hallo,

    tolle Info und Ehrerbietung an das sehr außergewöhnliche weibliche Mathematik-Genie Sofja Kowalewskaja indirekt durch ihre Übersetzung und direkt durch die frischgebackene Literaturpreisträgerin Alice Munro.
    Beide Frauen sind ein Musterbeispiel für hohe weibliche Intelligenz, sowohl mathematisch-abstrakter als auch kreativ-gegenständlicher Art. Bei Kowalewskaja ist hierbei natürlich überaus bemerkenswert, dass diese Frau auch in einer Zeit mit viel an Widerständen ihren beruflichen Weg trotzdem ging. Bei Munro ist wiederum beachtlich, auf welche Weise sie heutzutage ihre Selbstverwirklichung überaus erfolgreich in die Tat umsetzt. Beide Frauen sind daher absolute Vorbilder und Lichtgestalten für ein emanzipiertes Leben, das ganz und gar auf die Befriedigung der eigenen beruflichen Leidenschaft hin ausgerichtet ist – und demzufolge dem eigenen Glücklichsein. Davor sollte auch jeder Mann den größten Respekt haben.

    Grüße

    • Ich lese gerade die (bemerkenswerte) Kovalevskaya-Bographie von Ann Hibler Koblitz, „A convergence of lives“. Daraus lernt man über die anti-zaristische Aufbruchsstimmung im Russland der 1860er Jahre, die eben auch und besonders Frauen zum Studieren „in den Westen“ gebracht hat … und letztlich die Exzellenz der Russischen Wissenschaft (gerade auch in der Mathematik) im 20. Jahrhundert vorbereitet hat. Also alles kein Zufall!

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben