Was kann die neue Krebsimpfung?

2015-11-19 09.47.18

Könnten schnell anpassbare und flexible Krebstherapien bald Wirklichkeit werden? Exponat im Deutschen Museum München

Eigentlich dürften wir ja gar keinen Krebs bekommen, denn unser Immunsystem erkennt mutierte Zellen und schaltet diese aus. Dummerweise haben sich Krebszellen Methoden ausgedacht, mit denen sie das Immunsystem austricksen können. „Immunevasion“ sagt man dazu. Sie ist einer der Gründe weshalb Krebs so gefährlich ist.

Im Prinzip also ist es für unser Immunsystem also gar nicht so abwegig, uns im Kampf gegen Krebs zu unterstützen. Seit Jahren arbeiten Forscher an den Immuntherapien, bei dem sie unsere Körperpolizei in den Kampf gegen die mutierten Zellen einbinden wollen. So kann man zum Beispiel Antikörper geben, welche sich an mutierte Moleküle auf der Oberfläche der Krebszelle setzen und das Immunsystem so darauf aufmerksam macht. Ein bekannter Antikörper ist Bevacizumab, über den ich schonmal geschrieben habe. Immuntherapie hat jedoch den großen Nachteil, dass sie nicht bei allen Menschen wirkt. Nur ein kleiner Teil profitiert davon und nicht immer weiß man, wieso.

Das Immunsystem steht sich bei Krebs leider oft selbst im Weg. Der Krebs kann dafür sorgen, dass die eine Hand nicht weiß was die andere tut. Eine gute Waffe gegen Krebs wäre es, wenn man ein Protein finden würde, dass sich nur auf Krebszellen befindet. Wie gegen virale und bakterielle Proteine könnten wir dann dagegen impfen. Wir erinnern uns: Präsentieren wir dem Immunsystem fremde Proteine, merkt es sich diese, sucht sie auf und vernichtet sie. Das Problem ist jedoch, dass  wir erst am Anfang stehen um solche Proteine zu entdecken.

Eine neue Art zu impfen ist es, gar nicht direkt die Proteine zu verabreichen sondern ein Code in dem diese Geschrieben sind. Wir erinnern uns: Proteine sind auf der DNA abgespeichert, diese wird in mRNA übersetzt und dann in Proteine umgeschrieben. Diese mRNA kann man in Liposomen einbringen. Liposomen sind kleine Öltröpfchen, die aus einer Lipiddoppelschicht bestehen. Diese Lipiddoppelschichten können mit den Lipiddoppelschichten von Zellen verschmelzen und so ihren Inhalt in Zellen abgeben. Im Labor haben wir regelmäßig Liposomen zum Transfer von DNA verwendet.

In einem kürzlich erschienenen Paper hat man diese Liposomen nun genutzt um gegen Krebs zu impfen. In bestimmten Mischverhältnissen konnte man dafür sorgen, dass die Liposomen nur an dendritische Zellen andockten. Dendritische Zellen sind Immunzellen, die fremde Proteinstücke (Antigene) anderen Immunzellen präsentieren. Damit konnte eine Immunantwort ausgelöst werden.

Nun mussten ein paar Mäuse herhalten, die einen bestimmten Lungenkrebs hatten. Dieser Lungenkrebs wies eine Veränderung des Gens Aldh18a1 auf, welcher zu einem neuen Proteinstückchen führt. Dieses impfte man mit den Liposomen. Und siehe da: Plötzlich erkannten die Immunzellen den Tumor. Die Aktivierung des Immunsystem konnte man anhand der Reifung der T-Zellen und der Ausschüttung von Interferon Alpha, einem Entzündungsmarker, messen.

Die Daten waren so gut, dass die Forscher die Mäuse durch drei Melanompatienten ersetzten. Dabei muss man wissen, dass fortgeschrittenes Melanom (schwarzer Hautkrebs) eine extrem schlechte Prognose hat. Die drei Menschen wurden nun ebenso geimpft, diesmal gleich gegen vier verschiedene Tumorantigene. Und auch hier ließen sich Erfolge erzielen. Die Immunreaktion der Patienten auf die Antigene war deutlich messbar und wirkte auf die Tumoren ein. Einer der drei war zur Publikation der Studie tumorfrei, ein weiterer zeigte eine leichte Verkleinerung der Metastasen, beim letzten waren die Metastasen zumindest nicht gewachsen.

Die Studie ist gut gemacht, wenn es sich auch erst einmal um die Vorstellung des Prinzips handelt. Daher bin ich vorsichtig optimistisch. Nun geht es darum, Tumorantigene zu finden, welche sich für die Impfung eignen. Dabei sollte man, wie bei den Patienten, unbedingt mit mehreren gleichzeitig arbeiten. Denn Krebszellen teilen und mutieren schnell. Sie können Merkmale verlieren und so erneut Verstecken spielen. Das sehe ich als das größte Problem. Der Einsatz von mRNA macht die Methode sehr flexibel und günstig. Es wäre schön wenn sie sich bald in größeren Studien beweisen würde.

Schematische Darstellung der Methode.

 

 

 

Veröffentlicht von

1ife5cience.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin irgendwie so Mitte 20 und wohne in einer beschaulichen Neckarstadt mit einem hübschen Schloss. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie und seitdem ich das hinter mich gebracht habe versuche ich mich an einer Promotion.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die Einordnung! Hatte von der Studie hier gelesen, fand da aber nicht genug für eine Einschätzung, ob das Hype ist oder im Prinzip solide (wenn auch natürlich noch weiter zu testen).

  2. Die Studie bringt nur auch nichts mehr für meine Mutter.meine Mutter musste wegen dem scheiß Krebs vor kurzen qualvoll von uns gehen…..

  3. Damit kann man also Tumorantigene dem Immunsystem besser präsentieren. Dazu muss man tumorspezifsche Antigene beim Krebspatienten kennen und darauf hoffen, dass sich diese tumorspezifischen Antigene möglichst stark von normalen Proteinen unterscheiden. Es ist zu erwarten, dass sich nicht alle Tumoren damit gleich gut behandeln lassen. Mit Sicherheit handelt es sich um eine personalisierte Therapie, eine Therapie also, bei der die vielversprechensten Tumorantige einer Tumorbiopsie ausgewählt und in ein entsprechendes Messenger-RNA-Stück übersetzt werden, welches dann über die speziell präparierten Lysosomen an den Wirkungsort gelangt.
    Was man schon lange weiss, bestätigt sich hier wieder: Es gibt nicht den Krebs, sondern jeder Krebs ist anders und eine optimale Therapie muss die Besonderheiten der Krebsform berücksichtigen. Das heisst aber auch, dass solche spezifische Krebstherapien recht teuer sind, denn man kann nicht einfach eine Standardbehandlung einsetzen.Das kann sich ändern, wenn der ganze Prozess von der Tumorbiopsie über die Herstellung des tumorspezifischen Agens bis zu dessen Verabreichung und der Nachkontrolle automatisiert wird. Prinzipiell sollte das heute möglich sein.
    Man kann sich sogar eine Zukunft vorstellen, in der das Blut jeder, auch gesunder Person, regelmässig auf Krebszellen untersucht wird und eine Therpie schon einige Tage nach Entdeckung von Tumorzellen einsetzt.

    • Die epithelialen Tumore sind vermutlich die häufigsten Tumore.
      Die epithelialen Tumore sind häufig Lewis-Y positiv.
      Mit anti-Lewis-Y könnte man viele Tumore bekämpfen.
      Allerdings wird Lewis-Y nicht vom Proteinsynthesesystem erzeugt.

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