Die gute, alte Erde?

Es regnet gerade. Nicht, dass ich übermäßige Lust habe, nach draußen zu gehen, aber ich freue mich über das Geräusch, das durch das offene Fenster zu mir hereindringt. Das gleichmäßige Rauschen wird nur von Autos unterbrochen, die gelegentlich vorbei fahren. Türenschlagen, und Menschen, die sich irgendwo in einem Hauseingang unterhalten. Diese Geräusche sind mir altbekannt und vertraut, und gleichzeitig klingen sie ungewohnt in meinen Ohren.

Ich wurde in letzter Zeit oft gefragt, was ich im Habitat vermisst habe. Bewegungsfreiheit, habe ich genauso oft geantwortet. Und frisches Obst und Gemüse. Noch heute stopfe ich mit feuchten Augen jede Tomate in mich rein, die ich zu fassen bekomme. Doch die Bewegungsfreiheit, die fehlt mir immer noch.

Sicher, ich muss nicht mehr im Voraus anmelden, wenn ich nach draußen möchte, und auch keine Vorbereitungen treffen. Wenn ich etwas vergessen habe, gehe ich eben nochmal schnell zurück. Doch wenn ich draußen stehe, kann ich mich mitnichten frei bewegen. Da sind Straßen, Zäune und Mauern. Autos, denen ich ausweichen muss. Hauswände, die mir nicht nur den Weg, sondern auch die Sicht versperren. Selbst im Wald ist mir ständig etwas im Weg. So paradox es klingt, aber ich fühle mich hier auf der Erde deutlich eingeschränkter als auf den endlos weiten Hängen des simulierten Mars, obwohl wir ja die meiste Zeit im Habitat verbracht haben. Aber das Habitat stand frei, umgeben von einer weiten, leeren (Fast-)Ebene.

Die deutschen Berge sind ja hübsch, aber...

Die deutschen Berge sind ja hübsch, aber…

... mit der Aussicht am Mauna Loa können sie nicht mithalten. Freie Sicht auf Dutzende von Kilometern.

… mit der Aussicht am Mauna Loa können sie nicht mithalten: freie Sicht auf Dutzenden von Kilometern.

Ich habe vor ein paar Tagen mit Carmel telefoniert, es war das erste Mal seit wir uns Anfang September am Strand voneinander verabschiedet hatten. Ich hatte den ursprünglichen Termin vermasselt und aus Versehen einer spontanen Kneipentour zugesagt, die genau zur verabredeten Telefonzeit mit Carmel beginnen sollte. Ein kurzes Telefonat mit Carmel, und wir fanden eine neue Zeit, rechtzeitig bevor ich für die Kneipentour aufbrechen musste. Das Ganze dauerte vielleicht fünf Minuten, und ich verlor für einen Moment plötzlich die Orientierung, wie spät es denn jetzt war.

Auf dem simulierten Mars lief die Zeit viel langsamer ab. Interaktionen mit Menschen, denen man nicht gerade gegenüber stand, dauerten mindestens 40 Minuten, meistens deutlich länger, gelegentlich Tage und Wochen. Darum gab es kein „dringend“, das jemand von außen hätte diktieren können, allenfalls wenn wir selbst einen Notfall hatten. Zur Zeit nehme ich Telefonanrufe praktisch nur nach vorheriger Anmeldung entgegen, wenn der Anrufer nicht gerade aus dem engeren Bekanntenkreis stammt. Zum Teil liegt das daran, dass mein Telefon gerade sehr häufig angerufen wird, zum anderen kann ich mich schlicht (noch?) nicht dazu durchringen, für jeden sofort verfügbar zu sein.

Doch mehr noch, wir wussten ständig, was die anderen um uns herum taten. Wenn Shey in der Küche noch an einem Brot backte, dann begann ich eben später mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Wenn Carmel noch an einem Bericht schrieb, dann würden wir eben später über den nächsten Außeneinsatz beraten. Wenn man immer weiß, was die anderen um einen herum machen oder vorhaben, lassen sich Aktivitäten viel leichter aufeinander abstimmen. Jedem von uns waren die Prioritäten klar, wir mussten fast nie überlegen, wer im Moment Vorrang bekommen sollte. Shey und Carmel sind gleichzeitig fertig? Ganz klar, das Abendessen muss gekocht werden, bevor die Sonne untergeht, während die Beratung mit Carmel auch noch später stattfinden konnte. Um das zu wissen, brauchte ich kein Gespräch, nicht mal ein nur fünfminütiges.

Diese klare Prioritätensetzung hat noch einen weiteren Vorteil, der mir erst aufgefallen ist, als ich mit dem Alltagsleben anderer Menschen kollidiert bin: Am Bahnsteig beschwerte sich jemand lautstark über einen Zug, der sich um 10 Minuten verspätet hatte. Ich war völlig irritiert und konnte mit der Aufregung und vor allem der fruchtlosen Schimpftirade nicht das Geringste anfangen. Ich dachte an den Tag zurück, an dem uns das Trinkwasser ausging und wir einen nachvollziehbaren Grund gehabt hätten, gestresst zu sein. Dann schob ich gelassen meine Sonnenbrille zurecht und blinzelte glücklich der Sonne entgegen.

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Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Oha! Das sind ja doch deutliche Nachwirkungen (ohne negative Konnotation gemeint). Das hätte ich so nicht erwartet.
    Das mit der Weite kann ich versuchen nachzufühlen, wenn ich als norddeutscher Flachlandbewohner mal eine Schulung im Süddeutschen habe. Da werde ich auch kirre.
    Ich wünsche alles Gute und Entschleunigung (blödes Wort) soll ja gut sein.

    • Hihi, ja, „Entschleunigung“ trifft es wohl ganz gut. Bisher weigere ich mich noch standhaft, mich von irgendjemanden stressen zu lassen 😉

  2. Hallo Cookie,

    schön, dass du in unser good old Germany zurückgefunden hast. Auch wenn es hier gerade nicht sehr tolles Wetter gibt…
    Dennoch hoffe ich die wiedergewonne Freiheit und das ein odere andere Frische Lebensmittel macht Spaß am Leben.
    Viel Erfolg für deine Bewerbung auf den Astronatenausbildung, drücke beide Daumen.
    War kürzlich auch das erste mal Untertage in Lavaröhren angeschaut und Übertage erstarrte Lavafelder, habe mir die Tunnel auf LaReunion angeschaut mit den interessanten geschmolzenen Steinoberflächen und den Feldern die wirklich etwas Stress für die Schuhe bedeuten ; )

    Trust the force,
    Jedi

    • Das „schlechte“ Wetter finde ich ehrlich gesagt ganz angenehm, es bringt ein wenig Abwechslung. Jetzt weiß ich wenigstens, dass der Winter kommt; auf dem Mauna Loa waren alle Jahreszeiten gleich. Ich hoffe, der Ausflug auf La Reunion hat Spaß gemacht!

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