Fragen zur Marssimulation: 1. Die größte Herausforderung

In den vergangenen Monaten habe ich viele verschiedene Menschen getroffen, denen häufig doch die gleichen oder zumindest ähnliche Fragen auf dem Herzen lagen: Was waren die größten Herausforderungen während der simulierten Marsmission? Wie realitätsnah war die Simulation? Und, werden wir überhaupt in absehbarer Zeit zum Mars fliegen?

Die Liste mit entstandenen Blog-Ideen ist mittlerweile länger als meine Einkaufsliste für das nächste Wochenende. Insofern mag es vielleicht verwundern, dass ich trotzdem in den vergangenen vier Monaten hier nicht gerade aktiv war. Dabei habe ich überhaupt nicht aufgehört zu schreiben, sondern nur an etwas anderem geschrieben: ein Buch über die Mission, das am 1. März offiziell erscheinen soll. Darin geht es – noch stärker als hier – um das Miteinander und gelegentliche Gegeneinander im Habitat, und die Gedanken und Gefühle, die auf dem simulierten Mars so aufgetreten sind.

Der Zeitplan („möglichst schnell nach Ende der Mission“) für dieses Buch war straff, um es vorsichtig zu formulieren. Das führte dazu, dass ich in den letzten Wochen des vergangenen Jahres die meisten Tage mit etlichen Stunden des Schreibens zugebracht habe. Für diesen Blog noch mehr zu schreiben wäre dann nicht mehr Abwechslung von der Arbeit – wie in der Station – gewesen, sondern „noch mehr Arbeit“. Aber das Buch ist ja jetzt fertig, und ich kann auch wieder „zur Entspannung“ bloggen.

In diesem und in den nächsten Posts werde ich nun u.a. auf die oben genannten Fragen näher eingehen; eine kleine Vorschau habe ich unter diesem Post eingefügt. Die ist natürlich nicht fix, falls jemand andere, drängendere Fragen hat, kann ich die auch gern zuerst beantworten *hint* 😉

Soll am 1.3. erscheinen: Mein Buch über die Mission.

Aber genug der Vorrede, los geht’s mit der ersten Frage auf meiner Liste: der Frage nach den größten Herausforderungen während des Lebens auf dem „Mars“.

Die ist insofern schwierig zu beantworten, als es mehr als eine Herausforderung gab und wir zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Probleme zu lösen hatten. So bestand am Anfang unsere größte Herausforderung natürlich darin, uns in der neuen, fremden Umgebung mit all ihren mehr oder weniger technischen Hilfsmitteln zurechtzufinden. Wer schonmal auf seinen Computer eingeschimpft hat, stimmt mir sicher zu, dass technische Geräte ihre Eigenheiten haben. So auch unsere Habitatsysteme, die es kennenzulernen galt. Es dauerte einige Wochen und etliche Fehlversuche, bis wir endlich einsahen, dass wir uns zum Beispiel lieber nicht auf unsere Backup-Stromversorgung verlassen sollten und direkt auf den „Plan C“, einen nicht ganz marstauglichen Propangasgenerator, zurückgreifen sollten. Selbst so banale Dinge wie die Wasserstandsanzeige für unseren verbliebenen Vorrat an Trinkwasser mussten wir erst zu deuten lernen: 20% Wasserstand heißt mitnichten, dass wir noch 750 Liter zur Verfügung haben, sondern dass es allerhöchste Eisenbahn ist, eine Nachlieferung zu bestellen, da wir sonst in wenigen Tagen neben Wasser auch Luft in die Wasserleitungen ziehen. Und natürlich mussten wir lernen, mit unseren simulierten Raumanzügen umzugehen und uns auf dem tückischen Lavagestein sicher vorwärts zu bewegen – übrigens eine Herausforderung, die nicht alle von uns bis zum Ende der Mission gemeistert haben.

Eine zweite, nicht zu unterschätzende Herausforderung war die „Rückkehr“ auf die Erde. Als wir in das Habitat einzogen, war jedem von uns klar, dass wir uns an eine neue Umgebung anpassen mussten. Und theoretisch war uns auch klar, dass wir uns als „Heimkehrer“ an unsere alte Heimat wiederanpassen mussten, nachdem sich sowohl diese Heimat als auch wir uns selbst weiterentwickelt und verändert hatten. Die Anpassung lief glücklicherweise in kleinen Schritten ab – unmittelbar nach der Mission wurden wir auf eine Ranch gebracht, wo wir uns eine Woche lang in einer überschaubaren Gruppe von Menschen aufhielten. Anschließend verbrachten wir ein paar Tage Urlaub auf Hawaii, der sich wohl auch dann surreal angefühlt hätte, wenn wir direkt aus Europa angekommen wären. Und erst dann kehrte ich selbst nach Europa zurück, wo ich mich nach und nach wieder an die Gewohnheiten anpasste, die mir auf Hawaii noch äußerst befremdlich vorgekommen waren. Jeden Tag duschen? Per Telefon jederzeit erreichbar sein? Mein Tischnachbar wirft frische Beeren weg, auf die er keine Lust mehr hat? Ich habe mich an diese „Gepflogenheiten“ mittlerweile wieder gewöhnt, wenngleich ich mir nicht ganz sicher bin, ob diese Gewöhnung an sich etwas Erstrebenswertes gewesen ist.

Doch all diese Prozesse und Anpassungen vollzogen sich über nur wenige Monate hinweg, und mit der Zeit fühlten ich und meine Crewkollegen uns mehr und mehr wie Marsmenschen bzw. wieder wie Erdmenschen. Deutlich länger standen wir vor der Herausforderung, mit der psychischen Belastung unserer Mission umzugehen und ihr standzuhalten. Es ist heute kein Geheimnis mehr, dass Menschen auch den größten Stress aushalten können – wenn er zeitlich begrenzt ist.

Nach etwa sechs Monaten in der Station war uns die volle Tragweite der Simulation bewusst, und etwaige anfänglich noch existierende beschönigende Illusionen waren verflogen. Wir waren allein und bei Problemen auf uns allein gestellt. Unser Mission Support konnte uns zwar mit Ratschlägen hilfreich zur Seite stehen, aber bei technischen und anderen Probleme gab es eben nur genau sechs Menschen, die sprichwörtlich Hand anlegen konnten. Wir waren allein und fühlten uns manchmal regelrecht verlassen; auch bei unseren Lieben daheim auf der Erde war die anfängliche Euphorie verflogen und nur noch selten bekamen wir Nachrichten aus der Heimat. Und wenn jemand, mit dem wir beruflich zu tun hatten, mal wieder nicht auf eine Email antwortete, konnten wir nicht zum Telefonhörer greifen und nachfragen, was los war.

Manchmal hatte das Alleinsein durchaus einen romantischen Anstrich, nämlich wenn wir in unserem jeweiligen Raumanzug unter dem weiten Sternenhimmel saßen und über das riesige Tal zu unseren Füßen mit seinen bizarren Gesteinsformationen blickten. Meist kamen uns die „Menschen auf der Erde“ wie ein abstraktes Konzept vor, angeblich etwas, das viele Kilometer von uns entfernt saß, gelegentlich für Nachrichten auf unseren Computerbildschirmen sorgte und uns ansonsten nicht viel anging. Gab es die Menschen wirklich oder waren sie eine Illusion unserer Vergangenheit? Hatte man uns vielleicht den Ausbruch eines Krieges verschwiegen, der alle Menschen auf der Erde ausgerottet hatte und wir kommunizierten nur noch mit Computern? Unser Verstand sagte uns, dass das unwahrscheinlich war, aber vergewissern konnten wir uns nicht. 400 Millionen Kilometer vom Mars bis zur Erde oder 4000 Kilometer bis zum nächsten Festland – irgendwann machten die extra Nullen keinen Unterschied mehr für uns, beides waren unüberwindbare Distanzen.

Eine andere, neuere Herausforderung: Das Gipfelkreuz steht auf etwa gleicher Höhe wie das Habitat, dafür konnte ich es ohne Raumanzug erreichen.

Die größte Herausforderung war jedoch nicht die Isolation von allem außerhalb des Habitats, sondern die Isolation zusammen mit fünf anderen Menschen. Nach besagtem halben Jahr waren auch die letzten Illusionen bezüglich unser Crewkameraden verflogen, und wir kannten jede kleinste Macke der anderen in- und auswendig. Bei Konflikten hatten sich längst wiederkehrende Muster herausgebildet und trotz unserer Crewquartiere, die einen unverzichtbaren Rückzugsort darstellten, wussten wir doch ständig um die Nähe der anderen. Manche von uns störten sich an dem Stöhnen, das ein bestimmtes Crewmitglied bei seinen Yoga-Übungen von sich gab, andere grinsten sich hinter dem Rücken der Person an, die gerade zum fünften Mal dieselbe Geschichte erzählte. Recht harmlose Vorkommnisse, aber wenn wir ebenfalls zum fünften Mal über das gleiche Thema, nur eine neue Facette, stritten, machte sich neben Frust auch mal so etwas wie Hilflosigkeit breit. Unser Glück war, dass für keinen von uns ein Aufgeben in Frage kam und wir uns deshalb immer wieder zusammen rauften und unsere Missionsaufgaben immer wieder aufs Neue gemeinsam angingen.

Um nun nicht den Anschein zu erwecken, alles an der Mission wäre anstrengend und schwierig gewesen, möchte ich abschließend noch darauf hinweisen, dass das gemeinsame Bestehen von Herausforderungen auch zusammenschweißt hat: Ich habe während der Mission drei neue, sehr enge Freunde gewonnen. Wir würden füreinander die Hand ins Feuer legen und vertrauen einander blind. Nicht nur, weil wir den psychischen Belastungen im Habitat gemeinsam getrotzt haben, sondern auch, weil wir uns nicht haben unterkriegen lassen und trotz allem etliche Außeneinsätze zum Erkunden unserer Habitatumgebung durchgeführt haben. Erkundungen und kleine Expeditionen, wohlgemerkt, bei denen wir neben den Grenzen unserer eigenen Belastungsfähigkeit eben auch erfahren durften, was es heißt, wenn man sich bedingungslos vertrauen kann. Und man sich gegenseitig so gut kennt, dass einem die Hand schon helfend entgegengestreckt wird, bevor man die nächste Hürde überhaupt als solche erkannt hat.

Vorschau

Die Fragen, auf die ich in den kommenden Posts eingehen werde, sind:

  • War die Simulation realistisch?

  • (Wann) Werden wir zum Mars fliegen?

  • Gab es Beziehungen?

Ich bin aber natürlich offen für andere Themenvorschläge 😉

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Cookie,
    zuerst, schön wieder von dir zu hören. Hatte dein Abtauchen schon bemerkt, aber mir gedacht, dass du erst mal kürzer treten würdest… naja dein Buchprojekt bestätigt meine Annahme wohl nicht ; )
    Cool das du den Blog etwas Zeit widmest.
    Deine Wahrnehmung von unserem Erdenleben in einer Überflussgesellschaft ist so wie es ist. Manchmal traurig aber wahr. Im starken Kontrast zu ärmeren Regionen, bei denen Trinkwasser ähnlich knapp ist, wie bei euch im Habitat.
    Viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst und verhalten sich ignorant.
    Eben, dumm ist der der dummes tut.
    Man kann seine Umwelt nur sensibilisieren und mit kleinen Schritten in die richtige Richtung sich korrekt verhalten. In der heutigen Zeit mit Brexit, Trumpocratie, Erdogansinn, Putismus und LePen nicht gerade ne schöne…sondern eher verrückte Welt.
    Da möcht man vielelicht doch wieder zurück ins Habitat?

    Was haben deine Pläne ergeben von denen du berichtet hattest? Oder ruht das erst mal, nach Buchlesungen und Signierstunden?

    In diesem Sinne,
    Netherlands Second ! (siehe Youtube)

    Jedi

    • Hallo Jedi,
      schön, dass du noch dabei bist! In gewisser Weise bin ich ja auch kürzer getreten, anders als auf Hawaii arbeite ich jetzt nicht mehr 7 Tage die Woche 🙂
      Das mit der Verschwendung ist tatsächlich leider nur schwer zu ändern. Es ist eben viel zu einfach und viel zu billig: Wir Menschen (in Deutschland) wissen zwar, dass Trinkwasser kostbar ist, begreifen aber nicht, WIE kostbar. Deshalb ist ja eine meiner Hoffnungen, dass die Erde nach den ersten Marsflügen Entwicklungen aus der Raumfahrt abgucken kann, mit denen es ganz einfach ist, Ressourcen zu sparen.
      Meine Pläne sind im Moment eher vage. Aus „Die Astronautin“ ist ja nichts geworden, und an den anderen Projekten arbeite ich zwar nach wie vor, aber neben den „Buchlesungen und Signierstunden“ tatsächlich eher nebenher 😉 Das einzige, was einigermaßen sicher steht, ist, dass ich im Sommer voraussichtlich mit zwei ehemaligen Crewkollegen in den Bergen trekken gehen werde, worauf ich mich auch schon riesig freue.

  2. Hallo Christiane,

    Da wir beide 85er Baujahr sind und ich denke, dass du damit kein Problem hast, nehm ich mir jetzt das Recht raus, dich direkt zu duzen 😉
    Ich bin zufällig auf deinen Blog gekommen und konnte nicht aufhören zu lesen. Schön, dass du gesund und munter vom „Mars“ zurück bist 😉
    Eine „Frage“ die mich brennend interessiert ist deine bzw.eure Gesundheit. Vielleicht habe ich es auch überlesen aber wie hat sich dieses Jahr auf deine Gesundheit ausgewirkt?Habt ihr Bluttests gemacht und wenn ja, wie haben sich die Werte verändert?
    Die „Mangelernährung“ und das fehlende Sonnenlicht (Vit D) muss sich doch ausgewirkt haben oder habt ihr Vitamine supplementiert?
    Ich warte auf Neuigkeiten und werde dich (und den Blog) ab jetzt verfolgen 😉
    Alles Liebe,
    Lisa

    • Hallo Lisa,
      willkommen auf meinem Blog 🙂
      Die Frage nach der Gesundheit ist tatsächlich spannend, die werde ich in meinem übernächsten Blogpost aufgreifen (am nächsten schreibe ich schon). Nur so viel vorweg: Zeichen von Vitaminmangel hat keiner von uns gezeigt, obwohl nicht alle von uns Supplements eingenommen haben. Aber Auswirkungen auf die Gesundheit (positive und negative) gab es trotzdem…

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