Die Höhle

Es ist dunkel um uns, selbst mit unseren Stirnlampen können wir wenig mehr als eine Armlänge weit sehen. Dazu ist die Luft ist so feucht, dass mein Helm beschlägt, obwohl der Ventilator neben meinem Ohr aus vollen Kräften bläst. Hinter mir liegt ein Trümmerfeld aus Lavabrocken, die vor einiger Zeit von der Decke gestürzt sind. Vor mir klafft ein tiefes Loch im Boden, so viel kann ich gerade noch erkennen, dahinter liegt undurchdringliche Schwärze.

An diesem Punkt liegt der Höhleneingang schon etwa 100 Meter hinter uns, und vor 50 Metern passierten wir das letzte Skylight – einen Durchbruch in der Höhlendecke, der Sonnenlicht hereinlässt. Wenn ich mich umdrehe und ein wenig strecke, kann ich weit über mir zwischen riesigen Lavablöcken einen kleinen weißen Punkt erkennen, wo sich das Skylight befindet. Zu weit weg, um uns hier noch von Nutzen zu sein.

Lavaröhren entstehen, wenn die noch heiße, strömende Lava an der Oberfläche abzukühlen beginnt, aber das Innere noch flüssig ist. Die noch heiße Lava fließt einfach ab, so dass nur die leere, schon erkaltete Hülle zurück bleibt. Gelegentlich schwappen mehrere Wellen an Lava durch eine einmal geformte Röhre, die nicht zu einem einzelnen Ausbruch gehören müssen. Lavaröhren sind ausgesprochen stabile Höhlen wegen ihrer Röhrenform. Nach anfänglichen Abstürzen von Gesteinsbrocken verändert sich eine Lavaröhre nicht mehr stark.

Blick entlang der Lavaröhre.

Blick entlang der Lavaröhre, in der Nähe eines Skylights. An den Seiten befinden sich die Reste verschiedener Lavaströme.

Die vier Höhlenforscher, erhöht von links nach rechts: Carmel, Tristan, Cyprien. Ich stehe vorn. Wir tragen unsere gelben Anzüge, weil man sich in ihnen besser durch Engstellen quetschen kann.

Die vier Höhlenforscher, von links nach rechts: Carmel, Tristan, Cyprien; ich stehe vorn. Wir tragen unsere gelben Gefahrstoffanzüge, weil man sich in ihnen besser durch Engstellen quetschen kann.

Das „Loch“, vor dem ich stand, war übrigens keines: Der Boden, auf dem wir bisher gelaufen waren, hörte hier einfach auf. Da wo wir standen, war die Oberfläche eines Lavatromes im Inneren der Höhle erstarrt, in dem Höhlenabschnitt vor uns dagegen war die Lava yvollständig abgeflossen. Auf dem Weg hierher hatten wir an manchen Stellen sogar gehört, dass der Boden hohl ist.

Ich war nervös: Auch wenn die Lava im Inneren der Höhle kaum verwittert war, wussten wir doch nicht, wie dick die Bodenschicht war, auf der wir standen. Sollten wir einbrechen, war jeder Versuch mit dem Habitat Kontakt durch das eisenhaltige Gestein hindurch aufzunehmen von vornherein aussichtslos. Wir waren auf uns allein gestellt. Dazu war es stockdunkel, und überhaupt, wie weit wollten wir in die Höhle vordringen bis wir umkehrten?

Wir folgten einem schmalen Steg an der Seite, ein weiterer Überrest der Lavaflut, auf der wir bisher gelaufen waren. Wir drückten uns an die unebene Wand, krochen mehr, als dass wir liefen. Dann endete unser Steg.

Ich versuche, nicht vom Steg abzurutschen.

Ich versuche, nicht vom Steg abzurutschen.

Tristan, Carmel und Cyprien passieren das "Loch". Bei der ersten Begehung waren Cyprien und ich allein, und wir hatten deutlich schwächeres Licht.

Tristan, Carmel und Cyprien passieren das „Loch“. Bei der ersten Begehung waren Cyprien und ich allein gewesen; diesmal hatten wir Maßbänder und eine bessere Taschenlampe dabei.

Zum Glück für uns hatte er kurz vor dem Ende geradezu lächerlich einfach herabzusteigende Stufen. Bevor ich herabstieg, richtete ich mich allerdings noch einmal kurz auf – und sah einen winzigen, hellen Punkt weit voraus.

Ich grinste erleichtert über beide Ohren: Das Licht bedeutete zwar nicht, dass dort ein zugänglicher Ausgang auf uns wartete – im Gegenteil, das Licht kam von einem kleinen Skylight, dessen Wände unmöglich zu erklettern sind. Aber wir gingen nun nicht mehr tiefer in die Dunkelheit hinein, wir würden wieder sehen können, was um uns herum war, und vielleicht würde das Skylight uns den Weg zu einem Ausgang weisen.

Doch das Licht musste vorerst warten: Wir kletterten von unserem Steg herab, und fanden knapp zwei Meter tiefer die spannendsten Gesteinsformationen der gesamten Höhle. Schokoladenbraune Lavazapfen, die entstanden, als die Höhlenwand noch warm und weich war, so dass sie Tropfen formen konnte. Rote Lava, die den Boden wie Tomatensoße überzog und an manchen der Zapfen klebte. Risse im Gestein, aus denen weiße, salzige Pelze herausragten.

Kurz vor der Engstelle. Die braunen Brocken auf dem rot-orangenen Boden stammen von einer der Ausstülpungen an der Seite.

Eine der Stellen, an denen die Höhlendecke am höchsten ist. Die braunen Brocken auf dem rot-orangenen Boden waren kurz nach ihrer Entstehung von einer der Ablagerungen an der Seite abgebrochen.

Mehrfach angeschmolzene Lava. Die letzte Welle, die die Tropfen benetzte, hatte eine auffällige rote Farbe

Mehrfach angeschmolzene Lava. Die letzte Lavaflut, die die Tropfen benetzte, hatte eine auffällige rote Farbe.

Nach diesem geologischen Wunderland kam noch eine Engstelle, durch die wir hindurch robben mussten. Unsere Anzüge waren dabei Segen und Fluch zugleich: Sie schützten uns vor Kratzern, blieben aber gleichzeitig an Lavazapfen hängen. Das Skylight, das ich vom Inneren der Höhle gesehen hatte, lag hinter der Engstelle und mindestens fünf Meter über unseren Köpfen. Wir balancierten über eine riesige Ansammlung an Gesteinsbrocken, und am Ende standen wir wieder unter freiem Himmel, allerdings zwei Meter tiefer als unsere Umgebung. Eingekeilt zwischen zwei Fortsätzen der Höhle fanden wir einen schmalen Grat, von dem aus wir mit wenigen Handgriffen aus dem Loch herausklettern konnten. Wir hatten einen Ausgang gefunden!

Cyprien robbt durch den Engpass.

Cyprien robbt durch den Engpass.

Seit unserer ersten Begehung sind wir mehrere Male zurück gekehrt. Wir haben die Höhle vermessen, das Gestein genauer untersucht, und einen geeigneten Unterschlupf für eine mögliche Evakuierung gefunden: Auf dem Mars erhofft man sich von genau solchen Lavaröhren, dass sie Astronauten Schutz vor der schädlichen Weltraumstrahlung bieten können, ob als permanente Behausung oder als Notunterkunft im Falle eines Sonnensturms. Vielversprechende Skylights im Marsboden hat man jedenfalls schon entdeckt, sie sind nur unzugänglich für heutige Rover.

Doch nicht nur menschliches Leben kann in marsianischen Lavaröhren Zuflucht suchen: Lavaröhren gehören zu den Orten, an denen so mancher Astrobiologe zuerst nach marsianischem Leben suchen würde.

Verglichen mit der öden Lavalandschaft an der Oberfläche um uns herum ist „unsere“ Höhle jedenfalls voll von Leben. Nur wenige Meter von Skylights entfernt, geschützt durch die Höhlendecke vor Sonne und Wind, haben wir etliche bemooste Steine gefunden. Und kurz hinter der Engstelle, direkt unterhalb des winzigen, hohen Deckendurchbruchs, steht sogar ein Farn.

Christiane Heinicke

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Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Cookie,
    sehr coole Fotos, das sieht ja wirklich aus wie die Reise zum Mittelpunkt der Erde. Wusstet ihr, dass es einen Ausgang gibt? Ihr wart also zu viert im Dunkeln mit den Taschenlampen unterwegs, das war sicher ein mulmiges Abenteuer. Also eine gute Simulation für den Mars. Hast du dir dabei mal die Frage gestellt „Was mache ich hier gerade?“ ?
    Dieses Gestein sieht ja schon fast etwas aus wie Glas? Da könnte man sich ja ein nettes Souvenir abrechen, polieren und mitnehmen…

    • Christiane Heinicke

      Hallo Jedi,
      nein, wir wussten nicht, ob es einen Ausgang gibt. Wir vermuteten stark, dass die Skylights in der Umgebung zu der Lavaröhre gehören, aber bestätigen konnten wir das erst, als wir tatsächlich durch die Höhle gegangen sind. Von „oben“ sah der Ausgang auch nicht gerade erkletterbar aus, allerdings gehen wir in der Regel auch nicht bis direkt an die Kante eines Skylights – dafür ist die Lava einfach zu zerbrechlich.
      Mulmig war es mir stellenweise schon zumute, aber groß Zeit, darüber nachzudenken, blieb nicht. Dafür mussten wir zu sehr aufpassen, wo wir hintreten.
      Durch die Höhle gehen wir entweder zu zweit oder zu viert, letzteres vor allem, wenn wir Messungen durchführen wollen. Beim ersten Mal waren wir zu zweit, schon allein, weil wir nicht wussten, ob es sich lohnen würde.
      An das „Souvenir“ habe ich auch schon gedacht, dafür müsste man nicht einmal etwas abbrechen, es liegt genug auf dem Boden herum. Die „Legende“ besagt allerdings, dass man von der Vulkangöttin Pele verflucht wird, wenn man etwas von ihrem Berg wegnimmt. „Legende“ in Anführungszeichen, weil die starke Vermutung besteht, dass sie von einem Park Ranger erfunden wurde, um Touristen von genau solchen Souvenirs abzuhalten 😉

  2. OMG! Ich krieg schon Panik, wenn der Bademeister in der Sauna beim Aufguss sagt: Die nächsten 5 Minuten geht keiner mehr raus … Klasse Reisebericht!!

    • Christiane Heinicke

      Wir haben mehrere Seile dabei, allerdings so verstaut, dass sie nicht ständig an dem rauhen Gestein hängen bleiben. Beim vierten Bild sieht man es ein bisschen: Carmel trägt einen Rucksack, das gelbe Seil ist außen befestigt. Dazu sind alle Spalten, die wir bisher innerhalb der Höhle entdeckt haben, ohne Weiteres erkletterbar, wenn man die richtige Stelle findet.

  3. Puh, ein wahres Weltraumabenteuer, und ich hab gestern noch Red Planet gekuckt. Da suchten die sich auch irgendwann ne Höhle gegen den Sturm, ansonsten war das aber eher Hollywood-„Realismus“.

    Ich las gerade auch mit Interesse den älteren Beitrag über Internet auf dem Mars. Sofort stellte sich mir die Frage, wie privat da wohl die private Kommunikation ist. Denn einerseits wird man ja die Privatsphäre achten. Andererseits, bei der Mission, und dem ganzen Aufwand, mal angenommen jemand dreht da etwas am Rad und gefährdet dadurch die Mission, oder es gibt interne Konflikte, und das schlägt sich u.a. z.B. in der Kommunikation mit den jeweiligen Liebsten nieder – hätten nicht diverse Vorgesetzte, Psychologen etc. Interesse auch an solchen privaten Mails und ihrem Inhalt? Und auch Zugriff darauf, ggf. auch nur um Notfall? Um zb. ein realistisches Bild vom Zustand der Teilnehmer zu erhalten und nicht nur das „offizielle“? Den Sprechfunk bei früheren Missionen kann man mit TCP/IP ja schlecht vergleichen, den konnte ja wahrscheinlich sogar noch der eine oder andere Amateur abhören, und wohl das komplette Kontrollzentrum mithören. Also wie privat ist privat auf dem Mars oder in der Simulation wirklich? Vielleicht erfährt man das auch nicht.

    • Christiane Heinicke

      Unsere Emails sind so privat wie jede andere Email auch: Ohne Verschlüsselung kann sie im Prinzip jeder lesen. Theoretisch kann sogar jeder US-Bürger auf Antrag Einsicht in unsere Emails erhalten, da wir über Steuergelder finanziert werden. Es gibt zwar einige Hürden, gerade was private Emails angeht, aber irgendwer muss dann ja auch entscheiden, was privat ist und was nicht.
      Der (berufliche) Mailverkehr der Astronauten auf der ISS wird vorgefiltert, sprich von mindestens einem Assistenten gelesen; inwieweit die Astronauten daneben noch Zugriff auf private Mailkonten haben, weiß ich nicht. Von daher kann ich nur raten, wie das auf einer richtigen Marsmission gehandhabt werden wird.
      Wir haben hier jedenfalls Zugriff auf nur ein einziges Konto, und wir nutzen PGP-Verschlüsselung, wo immer es geht.

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