Darwinismus und NS-Ideologie

Der Darwinismus gilt weithin als theoretische Grundlage des „völkischen Rassismus“ der NS-Ideologie. Diese sei ein „Sozialdarwinismus“. Die Metaphern des Kampfs ums Dasein, der Auslese, der Züchtung bestimmten hier das Bild der Gesellschaft, dort das Bild der lebenden Natur. Doch diese Ideologie benutzt zwar Begriffe, die aus Darwins Theorie stammen, deutet sie aber in einer mit dem Darwinismus nicht mehr kompatiblen Weise um. 

Das Wesen des Nationalsozialismus wird gewöhnlich auf verschiedenen Seiten des politischen Spektrums in sehr Verschiedenem gesehen. Auf der konservativen Seite sieht man es etwa so: Er ist ein Kind der Moderne, des „Massenzeitalters“ mit seiner Maßlosigkeit und Gottvergessenheit, er hebt die natürlichen Ordnungen auf, er kennt, darin mit dem Liberalismus einig, die hergebrachten Bindungen und Werte nicht mehr, er ist als ein Totalitarismus mit dem Stalinismus, also mit dem, worin das Wesen des „Linken“ – der Demokratie, des Sozialismus, d. h. das Wesen dessen, was einst mit der Parole „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ begann – seinen wahren Ausdruck gefunden hat, identisch. So oder ähnlich lauten die Argumente.

Im progressiven Teil des Spektrums, in der liberalen wie in der sozialistischen Variante, hält man den Nationalsozialismus dagegen meist für einen radikalisierten Konservativismus. Am Konservativismus wie am Nationalsozialismus fällt der Kult der Vergangenheit auf, auch die Verherrlichung von Volk und Heimat sowie die Hochschätzung von Autorität. Zwar unterscheidet sich der Nationalsozialismus durch seinen Rassismus offensichtlich vom typischen Konservativismus, denn diesem sind Kultur, Tradition, Religion wichtig, nicht biologische Abstammung oder Ähnlichkeit.  Doch auch im Konservativismus beruft man sich auf „Natur“: Er hat mit dem Rassismus den Naturalismus gemeinsam. – „Naturalismus“ ist hier allerdings anders zu verstehen als in den Diskussionen um das derzeitige Vorherrschen einer bestimmten Philosophie, des szientifischen Naturalismus. In diesem hat man nicht eine bestimmte inhaltliche Vorstellung von Natur, und Natur kann auch nicht als wertsetzende Instanz gedacht werden. Vielmehr wird einer bestimmten Methode, nämlich der der modernen Naturwissenschaften, der Erklärungsprimat zugeschrieben. Im Extrem versucht man, alles Denken auf naturwissenschaftliches Denken, insbesondere auf physikalisches zu reduzieren oder alles nicht darauf reduzierbare zu eliminieren (in einigen meiner Blogartikel – so hier, hier, hier und hier – war dieser szientifische Naturalismus Thema).

Mit dem als gemeinsame Basis von Konservativismus und NS-Rassismus angesehenen Naturalismus ist dagegen eine bestimmte inhaltliche Vorstellung von Natur verbunden, und zwar eine politisch relevante: Es wird betont, daß die Menschen Teil der Natur sind, daß sie den Gesetzen der Natur unterliegen oder ihnen doch unterliegen sollen. „Sollen“ impliziert, daß mit Gesetzen hier nicht die allgemeinen Naturgesetze, Gesetze von der Art des Fallgesetzes, gemeint sind. Bezogen auf diese hat der Begriff des Sollens gar keinen Sinn, weil ihnen gar nicht zuwidergehandelt werden kann; sie beschreiben, was geschieht, sie schreiben nicht vor, was geschehen soll. Sondern gemeint sind Gesetze von der Art der Entwicklungs- und Erhaltungsgesetze lebender Systeme. Gegen jene kann man nicht verstoßen, gegen diese schon, was man aber nicht soll – wie bei juristischen Gesetzen. Verstößt man, dann droht Strafe, sei es durch gesellschaftliche Instanzen, sei es durch die Natur.

Durch Naturgesetze in diesem Sinne sieht man also die Menschen im Konservativismus und in der NS-Ideologie bestimmt. Freiheit, welche immer impliziere, gegen vermeintliche oder tatsächliche natürlichen Ordnungen selbstbestimmt zu leben, gebe es in beiden Weltanschauungen nicht. Allerdings besteht ein Unterschied: Im Konservativismus hat man die Vorstellung, die Gesellschaft sei ein naturgegebenes, organisches Ganzes von bestimmter hierarchischer Gliederung, und diese natürliche Ordnung entscheide darüber, was der einzelne Mensch nur sein kann und zu sein hat. Für den NS-Rassismus dagegen ist die Vorstellung zentral, die Natur des eigenen Körpers bestimme, wozu der Mensch in der Lage ist und was er wert ist. Die Natur des Körpers entscheidet auch daüber, was der Geist vermag.

In einem ist man sich nun weithin einig: darüber, was die theoretische Basis dieser besonderen, nationalsozialistischen Art von Naturalismus ist. Es ist der Darwinismus. Die NS-Ideologie sei ein „Sozialdarwinismus“. Die Metaphern des Kampfs ums Dasein, der Auslese, der Züchtung bestimmten hier das Bild der Gesellschaft, dort das Bild der Natur.

Irritiert werden müßte diese Vorstellung, so sollte man meinen, dadurch, daß gleichzeitig eine geradezu entgegengesetzte verbreitet ist: Das darwinistische Naturbild sei der in die Natur hineingesehene Konkurrenzkapitalismus oder besser das Bild, das sich der Liberalismus von dieser für ihn idealen Gesellschaftsordnung macht. Doch es irritiert merkwürdigerweise kaum, daß man den Darwinismus mit zwei doch sonst für ganz konträr angesehenen politischen Ideologien in eine so enge, begründende Beziehung bringt.

 

Vor einigen Jahren ist an der TU Berlin eine Dissertation mit dem Titel „Rassismus als kulturelles Entwicklungskonzept – Formen biologischen Denkens im Sozialdarwinismus“ fertiggestellt worden (Autorin Margrit Bensch). Ich kenne die Arbeit  recht gut, denn ich war Zweitgutachter und auch an der Betreuung beteiligt. In dieser Arbeit wird gezeigt, daß der Nationalsozialismus „zwar Begriffe, die aus Darwins Theorie stammen, benutzt, diese aber in einen Ableitungszusammenhang stellt, der mit dem Darwinismus nicht mehr kompatibel ist.“ Ich will hier nicht die Dissertation zusammenfassen, sondern nur die Begründung dieses einen Gedankens etwas ausführen, mich dabei aber nicht immer genau an die Auffassung der Autorin halten.

Was ist, bezogen auf unsere Frage, der Kern des Darwinismus? Die Eigenschaften der Lebewesen werden auf die Nachkommen vererbt. Die Eigenschaften sind durch Einwirkungen der Umwelt im Verlaufe des Lebens veränderlich, aber in sehr unterschiedlichem Maße. Wo die Veränderlichkeit gering ist, spricht man im engeren Sinn von erblichen („genetisch bedingten“) Eigenschaften. Leben nun die Nachkommen unter eben den Umweltbedingungen, unter denen bereits ihre Eltern leben konnten, werden die von diesen geerbten Eigenschaften den Nachkommen ebenfalls das Leben ermöglichen. Man sagt dann, die Lebewesen, Eltern wie Nachkommen, seien an eben diese Umwelt „angepaßt“. Ist dagegen die Umwelt der Nachkommen anders als die der Eltern, werden diejenigen Nachkommen, die den Eltern gleichen, im allgemeinen nicht leben können, oder doch nur schlecht. Nun bleiben aber die Eigenschaften im Erbgang nicht völlig identisch. Einige Nachkommen können erbliche Eigenschaften haben, die es ihnen erlauben, in Umwelten (besser) zu leben, die von der Umwelt der Eltern verschieden sind. Diese Eigenschaften bzw. die „Gene“, die ihre „Träger“ sind, werden sich in solchen Fällen in der Population ausbreiten. Unter Umständen werden Eigenschaften/Gene, die genau denen der Eltern gleichen, aus der Population völlig verschwinden. Man sagt in teleologischer, zielgerichtete Aktivität implizierender Sprechweise, die aber nicht essentiell ist für den Darwinismus: Die Lebewesen mit den veränderten Eigenschaften/Genen „verdrängen“ im „Kampf ums Dasein“ diejenigen Lebewesen mit den nicht veränderten Eigenschaften/Genen.

Auf diese Weise ändert sich die Population hinsichtlich ihrer genetisch bedingten Eigenschaften im Verlaufe der Zeit, es entsteht Neues. Die Frage nach dem Wesen einer Gruppe von Wesen, etwa einer Gattung, d. h. die Frage, was da über die Zeit hinweg gleichbleibt, worin also diese Gruppe ihre Identität hat, wird sinnlos: Über die Generationenfolge hin betrachtet gibt es nichts Gleichbleibendes; was man als die für eine Gruppe wesentlichen Merkmale anführt, ist nur Konvention. In Wirklichkeit ist alles ständig im Fluß. (All die Komplizierungen, die insbesondere mit der „Erfindung“ sexueller, genauer biparentaler Fortpflanzung und damit der Entstehung von „Biospezies“ auftreten, müssen hier nicht interessieren.) – Unter bestimmten, häufigen Bedingungen ändern sich Teile der Population in verschiedene Richtungen; damit kommt es zur Entstehung von Vielfalt

Der in unserem Zusammenhang entscheidende Punkt ist nun: Es setzen sich nicht „die Stärkeren“ durch. Vielmehr sind in bestimmten Umwelten einfach bestimmte  Eigenschaften besser in der Lage, Reproduktionserfolg zu ermöglichen, in anderen Umwelten dagegen andere. Die Umwelt der Nachkommen möge kälter sein als die der Vorfahren. Dann ist die Eigenschaft der Kältetoleranz in dieser Umwelt vorteilhaft. Die kältetoleranteren Nachkommen sind aber nicht an sich stärker. In der Umwelt der Eltern wären sie schwächer, denn sie haben Ressourcen für den Aufbau von Kälteschutz eingesetzt, der in der Eltern-Umwelt gar nicht nötig ist. Diese Ressourcen fehlen dann für die Hervorbringung anderer, in der Eltern-Umwelt wichtiger Eigenschaften. Im darwinistischen Paradigma ist ein Begriff des an sich, d. h. umweltunabhängig, Überlegenen, des Stärkeren nicht möglich. Die Redeweise vom „survival of the fittest“ führt leicht in die Irre. „Fit“ bezieht sich nur auf die Eignung (Eignung unter dem Gesichtspunkt der Reproduktion) unter bestimmten Bedingungen, nicht auf eine allgemeine Überlegenheit – was immer man sich darunter vorstellen mag; etwa, daß ein schnelleres oder intelligenteres Tier generell von höherer Fitneß sei als ein langsameres und weniger intelligentes. Ein Spulwurm, extrem langsam und von sehr bescheidener Intelligenz, hat in seiner Umwelt höhere Fitneß als sie ein starker und kluger Wolf in dieser Umwelt hätte.

Man kann nun vom spezifisch biologischen Zusammenhang abstrahieren. Man kann aus dem eben über diesen Gesagten ein von ihm losgelöstes Modell bilden und es auf einen anderen Gegenstand anwenden, nämlich nicht auf die Gesellschaften der Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen, sondern auf die Gesellschaft der Menschen. Es ist leicht zu sehen, was sich ergibt: ein biologisierter Liberalismus. Das Wesen der Gesellschaft besteht darin, daß Einzelne gegeneinander um ihr Überleben, um einen hohen Rang in dieser Gesellschaft oder sonst einen Erfolg kämpfen. Wer Eigenschaften hat – seien sie nun ererbt, seien sie auf der ererbten Basis durch Umwelteinwirkungen erworben, etwa erlernt –, die in einer bestimmten Umwelt vorteilhaft sind, wird sich durchsetzen. In der einen Epoche, in der einen Wirtschaftsbranche mögen diese Eigenschaften vorteilhaft sein, in der anderen jene usw. In diesem Kampf der Einzelnen gegeneinander ergibt sich Fortschritt („Innovation“ – eines der beliebtesten Modewörter der neoliberalen Epoche). Deshalb sollte der Kampf auch möglichst wenig behindert werden. Fortschritt besteht vor allem in einer unvorhersehbaren Entstehung von neuen Fähigkeiten und von Produkten, die auf Grundlage dieser neuen Fähigkeiten möglich werden. Fortschritt ist abhängig vom Zufall des Wechsels der Umwelten und vom zufälligen Passen bestimmter Eigenschaften in diese Umwelten. Er liegt im Verdrängen des jeweils, in der jeweiligen Umwelt, schlechter Angepaßten durch das jeweils besser Angepaßte. Fortschritt wird es garantiert geben, wenn nur die erforderlichen Bedingungen, nämlich die Freiheit des Wettbewerbs der Einzelnen in ihrem Streben nach Erfolg für sich selbst, gegeben sind. Aber wohin der Fortschritt führt, ist völlig offen. – Biologisiert ist diese liberale Vorstellung von der Gesellschaft dann, wenn die Ursachen für den Erfolg der Einzelnen in seinen erblichen biologischen Eigenschaften gesehen werden. Das führt zu einem liberalistischen Sozialdarwinismus.

 

Im Nationalsozialismus, insbesondere in seinem Kern, einer besonderen, „völkisch“ genannten Ausprägung der rassistischen Ideologie, denkt man völlig anders. Die Struktur auch dieses Denkens findet man in der Biologie, aber nicht im Darwinismus, sondern in ganz anderen, in den wesentlichen Bestimmungen diesem geradezu entgegengesetzten Theorien. Sie gehören nicht in die Evolutionsbiologie, sondern in die Ökologie (siehe auch hier).

Margrit Bensch führt das an einer bestimmten Theorie detailliert aus, der sogenannten Monoklimaxtheorie des US-Amerikaners Frederic Clements. Es ist eine Theorie aus den Anfangsjahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die die Sukzession von Lebensgemeinschaften zum Gegenstand hat. Im wesentlichen geht es um die Aufeinanderfolge von verschiedenen Vegetationsbeständen auf einer Fläche. Diese Theorie scheint mir nicht in jeder Hinsicht glücklich gewählt. Zum einen ist sie vielleicht gar nicht so typisch für die Art von Naturbild, für die sie als typisch gilt. Kirchhoff (2007) und Voigt (2009) haben das herausgearbeitet. Ich will darauf nicht näher eingehen, weil ich mich dann mit Einzelheiten befassen müßte, deren halbwegs verständliche Erklärung sehr viel Platz bräuchte. Ich will nur darauf hinweisen, daß es realhistorisch ganz bestimmt keine Verbindung zwischen dieser Theorie und dem Denken der NS-Ideologen gegeben hat und auch nicht zu dem Alltagsdenken, das diese Ideologen auf den Punkt gebracht haben. Denn zum einen war die Ökologie zu jener Zeit marginal innerhalb der Wissenschaften und auch der Biologie selbst; anders als die Darwin’sche Theorie kannten die ökologischen Theorien nur einige wenige Spezialisten. Zum anderen, und wohl wichtiger, war die Clements’sche Monoklimaxtheorie eine amerikanische Theorie. Heute ist die Ökologie weitgehend eine amerikanische Domäne, und die Fachgeschichtsschreibung zieht darum meist Linien zwischen der alten amerikanischen Ökologie und der heutigen Ökologie insgesamt. Dadurch erweckt sie den Eindruck, als ob die amerikanische Ökologie damals von Bedeutung gewesen wäre (das gilt auch für meine eigenen fachhistorischen Arbeiten). Das ist aber völlig falsch. Auf dem Gebiet des Geistes überhaupt waren die USA bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine kaum beachtete Gegend am Rande der bewohnten Welt. Ein Indikator ist die Buchproduktion; sie lag damals unter der eines so kleinen Landes wie der Tschechoslowakei.

Doch ist all das letztlich gar nicht wichtig. Denn Theorien der hier gesuchten Art – und wohl auch inhaltlich besser geeignete als die von Clements – gab es auch in Europa, und sie beherrschten für Jahrzehnte die einschlägige Diskussion. Diese Diskussion aber war nicht auf die Biologie und die in ihr entstehende Ökologie beschränkt, sondern auch in der Geographie von erheblicher Bedeutung. Hier ging es nicht nur um die Beziehung zwischen Tier- und Pflanzengesellschaften und ihrem abiotischen Standort (physische Geographie), sondern auch um die Beziehungen zwischen Menschengemeinschaften und der Natur ihres Raumes (Anthropogeographie). Die damalige ideologische Relevanz der Geographie aber kann man kaum hoch genug einschätzen.

Worum ging es in diesen Theorien ökologischer Entwicklungen? Sie handelten nicht vom Gegeneinander Einzelner und vom Neuen, das dadurch in den Abstammungslinien der Einzelnen entsteht, sondern vom Kampf von Gemeinschaften um Raum. Oder etwas differenzierter: Ausgangspunkt ist die Vorstellung, daß die Entwicklung einer Lebensgemeinschaft, z. B. der eines Waldes, der Entwicklung eines Organismus in den wesentlichen Zügen gleiche, daß etwa auf eine Phase der Kindheit (Pioniervegetation auf der ursprünglich kahlen Fläche) eine Phase der Jugend (z. B. Birkenwald) folge und schließlich eine Phase der Reife (z. B. Buchenwald), in der sich dann nichts mehr ändert. Diese Vorstellung kann auch so gedeutet werden – und das paßt dann in die Struktur der NS-Ideologie –, daß diese Gemeinschaften um den Raum kämpfen (und die Lebensgemeinschaft des Buchenwaldes am Ende siegt). Also nicht die Einzelnen kämpfen um (Über-)Lebensmöglichkeiten für sich, sondern sie kämpfen als Teile der Gemeinschaft für diese. Dabei ist dann nicht ein Einzelner mit diesen Eigenschaften unter bestimmten Umweltbedingungen überlegen, einer mit anderen Eigenschaften unter anderen Umweltbedingungen, sondern es kommt darauf an, daß die einzelnen Kämpfer schlechthin stark sind. Eine Gemeinschaft mit solchen kampfstarken Einzelnen nämlich wird sich unter allen Umweltbedingungen durchsetzen. Dabei wird sie die Umweltbedingungen, soweit es in ihrer Macht steht, ihren eigenen Anforderungen gemäß umgestalten. (Der Wald wird sich ein solches Mikroklima schaffen, das gerade dem Aufkommen seiner eigenen Keimlinge günstig ist, ebenso einen für sich selbst geeigneten Boden usw.) Darum wird es auf verschiedenen ursprünglich in ihren Umweltverhältnissen sehr voneinander abweichenden Flächen am Ende nur noch eine, die siegreiche, Gemeinschaft geben. Dafür stand Mono-Klimax: Die Klimaxgesellschaft, d. h. die reife Gemeinschaft, die sich nicht mehr ändert bzw. durch keine andere mehr verdrängt wird, ist in einem großen, klimatisch einigermaßen einheitlichen Gebiet nur eine einzige, in Mitteleuropa im wesentlichen der Buchenwald.

Drei Punkte sind hier wichtig: 1. daß, wie schon angesprochen, die Einzelnen nicht für sich, sondern für die Gemeinschaft kämpfen; 2. daß die Lebewesen als schlechthin stark, nicht nur als unter jeweils bestimmten Umweltbedingungen „angepaßt“ gedacht werden, und 3. daß die Entwicklung, die durch diesen Kampf vorangetrieben wird, kein offener Fortschritt – sozusagen von irgendwelchen Anfängen weg in eine völlig offene Zukunft – ist wie im Darwinismus, sondern daß es auf ein Ziel zugeht, das am Anfang schon bestimmt ist. Am Ende steht die siegreiche Monoklimaxgesellschaft, alle anderen Gesellschaften werden verdrängt oder „unterworfen“. Und sie steht am Ende, weil sie die stärkeren Kämpfer hat. Gegen die Buche kommt im Konkurrenzkampf kein anderer Baum auf. – Das Ende des Geschehens ist also das Resultat eines Kampfes. Man könnte darum meinen, die Zukunft müßte als offen gedacht werden, denn wer der Stärkere war, stellt sich erst im Kampf heraus. Aber im Hintergrund dieses Kampf-Bildes von Gemeinschaften um Raum steht ein anderes: das Bild der zielgerichteten Entwicklung eines Organismus auf den Zustand seiner Reife zu. Und dieser Zustand steht, wenn auch nicht im Sinne des naturwissenschaftlichen Determinismus, von Anfang an fest: als Sollzustand und als der Zustand, der tatsächlich erreicht wird, wenn den Normen gefolgt wird. Diese teleologische Figur ist durch die Umdeutung der organischen Entwickung in ein Kampfgeschehen nicht verlorengegangen. Die Struktur dieser ökologischen Sukzessions-Theorien bleibt teleologisch, wie sehr man das in den Texten, die doch einen biologischen, also naturwissenschaftlichen Anspruch haben, auch immer zu verbergen versuchen mag. Der Darwinismus ist dagegen strikt unteleologisch. Sein Anspruch ist ja gerade, die Teleologie in der Biologie zu eliminieren, ganz auf Kausalität zu reduzieren.

Die strukturelle Ähnlichkeit dieses biologischen Theorietyps mit der NS-Ideologie ist nicht schwer zu sehen (ich habe ihn hier bereits so beschrieben, daß die Ähnlichkeit erkennbar wird; in den biologischen Texten ist das natürlich nicht so offensichtlich): Die einzelnen nordischen Menschen kämpfen nicht, wie die Individuen des Liberalismus, für ihren eigenen Erfolg, sondern für die Gemeinschaft, für Volk und Rasse. Sie sind nicht unter diesen Bedingungen gut angepaßt und darum erfolgreich, unter anderen Bedingungen nicht, sondern überall die Stärksten. Der nordische Mensch ist Adler, nicht Huhn, und Adler sind an sich stärker als Hühner, nicht nur in der Adler-Umwelt erfolgreicher. Der nordische Mensch wird sich die ganze Welt unterwerfen, im afrikanischen Wüstensand ist der deutsche Soldat ebenso überlegen wie in der Taiga. Und es gibt hier den Begriff der Gemeinschaft; das ist eine Gemeinsamkeit mit dem Konservativismus. Doch nicht nur die Familie oder das Volk, auch die Rasse kann eine Gemeinschaft sein, der man dienen kann, und man hat ihr zu dienen. Die Rasse als Gemeinschaft ist im Darwinismus wie im Liberalismus ein ganz unmöglicher Gedanke. Wenn man im Rahmen der darwinistisch geprägten Biologie von Rasse redet, dann ist das entweder ein Sammelname für Individuen gemeinsamer Abstammung oder auch für nicht-verwandte Individuen mit gemeinsamen Merkmalen, oder irgendeine Verbindung von beidem, aber doch immer eine Bezeichnung für eine Menge von im Prinzip unabhängigen Individuen und nicht für eine Gemeinschaft. Die Rasse ist nicht eine Funktionseinheit – schon gar nicht eine Einheit, deren Fuktionieren auf ihre eigene Erhaltung gerichtet ist. Entsprechend denkt man im Liberalismus das Verhältnis von Individuen und Gesellschaft. Es gibt hier nicht den Gedanken einer dem Einzelnen übergeordneten, ihm vorgängigen Gemeinschaft, sei es Volk oder Rasse. Und schon gar nicht gibt es die Idee der Rasse als einer Einheit, hinsichtlich derer der Gedanke einer Verpflichtung der Einzelnen auf sie, bis hin zum Opfertod für sie, auch nur den geringsten Sinn ergäbe.

Die Einzelnen der Herrenrasse sind im NS-Rassismus nicht nur stark an sich statt nur unterschiedlich gut an unterschiedliche Umwelten angepaßt, d. h. die einen hier, die anderen dort überlegen, sie sind paradoxerweise auch immer schon stark gewesen. Der nordische Mensch hat sich zwar durch den Kampf mit der harten nordischen Umwelt und mit seinen Feinden zu immer größerer Stärke hochgezüchtet (die Schwachen wurden ausgemerzt), und doch war er von Anfang an der stärkste. Eben deshalb konnte er sich ja in der harten nordischen Umwelt behaupten. Er mied sie nicht von vornherein wie der weichliche Südländer und zog nicht, nachdem er raubend und plündernd in sie eingedrungen war, mit seiner Beute wieder davon wie der Nomade. Sondern er kämpfte mit der harten Natur, statt wie der Nomade wieder zu fliehen, wenn sie ihre Stärke zeigt, und formte diese Natur seinen Rasseansprüchen gemäß um, er machte aus den nordischen Wäldern die deutsche Kulturlandschaft. – Und ist, trotz aller Höherzüchtung im Zuge der Geschichte der nordischen Rasse, überhaupt ein Mensch möglich, der Siegfried an Kraft gleicht? Was sich zu alles überragender Stärke entwickelt, ist eben das, was von allem Anfang an von alles überragender Stärke war, was nie mehr erreicht werden kann und ewiges Vorbild bleibt.

Was hier so paradox erscheint, läßt einen entscheidenden Unterschied zum Darwinismus erkennen: Im NS-Rassismus entsteht trotz aller Höherzüchtung nichts Neues. Der Höherentwicklungsprozeß  ist vielmehr gerade dann gelungen, wenn die nordischen Menschen ihr uranfängliches Wesen bewahren, oder, auf das Volk bezogen, wenn dieses möglichst viel von diesem uranfänglichen Wesen, d. h. „germanisches Blut“ in sich hat. Was vom uranfänglichen Wesen abweicht, ist Degeneration, kann nicht Höherentwicklung sein. In dem Kampfgeschehen entsteht nicht Neues – immer besseres Neues, aber nie umweltunabhängig besseres Neues –, sondern es bewährt[1] sich das Alte, sofern dieses bereits stark war. Nicht Neues entsteht, sondern Bewährtes setzt sich durch, weil es sich eben bewährt und immer schon bewährt hat.

„Nichts Neues entsteht“ heißt, daß der geschichtliche Prozeß anders als im Darwinismus wirklich eine Evolution ist. Mit dem Darwinismus hat man diesen Begriff nur fälschlicherweise verbunden.[2] Evolution, also Entwicklung heißt, daß etwas, das am Anfang bereits da ist, sich ent-wickelt. Empirische Modelle in der Natur sind die Entfaltung einer Knospe, vor allem aber die Ontogenese. In der undifferenzierten befruchteten Eizelle ist der reife, vielzellige Organismus bereits vorhanden, wenn auch nur der Möglichkeit nach. Er  wird real unter der Voraussetzung, daß die Entwicklung normal verläuft. Normal heißt nicht, daß sie so verläuft wie meist, sondern normal ist die Entwicklung, wenn sie so verläuft, wie sie verlaufen soll, und das heißt, wenn sie auf den als „Anlage“ bereits vorhandenen Zustand der (relativen) Vollkommenheit des jeweiligen Wesens zuläuft. Der voll ausgebildete Organismus ist also nicht nur der Möglichkeit, sondern seiner Bestimmung nach in der befruchteten Eizelle vorhanden.

Radikal anders wird „Evolution“ im Darwinismus gedacht – die hier, wie gesagt, gar keine Evolution, keine Entwicklung ist. Sie ist vielmehr ein „Fortschritt“, d. h. ein Fortschreiten von irgendwelchen Anfängen weg in völlig unvorherbestimmte Richtung und nicht auf ein Ziel, gar das der Vollkommenheit, zu. Das muß man sich klarmachen: daß Ent-Wicklung und Fort-Schritt ganz verschiedene Begriffe sind, insbesondere politisch-weltanschaulich ganz verschiedene. Die Denkfigur des Fort-Schritts trat wohl erstmals im mittelalterlichen Nominalismus[3] auf, wurde im Empirismus und den mit ihm verbundenen ethisch-gesellschaftstheoretisch-politischen Philosophien des Utilitarismus und Liberalismus ausgearbeitet und mit dem Darwinismus dann in die Natur projiziert. Das empirische Modell in der Natur, das sich dabei einerseits ergab, das andererseits diesen Ideologien das Ansehen naturgesetzlicher Begründetheit verschaffte, ist die (selektionstheoretisch gedeutete) Phylogenese.

Warum konnte nun der NS-Rassismus, obwohl er doch offensichtlich in den Bahnen jenes teleologischen Entwicklungs-Paradigmas denkt, ohne große Probleme nahezu allgemein als eine Art Sozial-Darwinismus mißverstanden werden? Wir haben es bereits gesehen: Er greift in der Tat einen zentralen Gedanken des Darwinismus auf, der den konservativen Vorstellungen von der Entwicklung „organischer Gemeinschaften“ fremd war (und ideologiegeschichtlich dem Liberalismus zuzuordnen ist): den des „Kampfs ums Dasein“. Doch kämpfen im NS-Rassismus nicht die Einzelnen für sich, sondern es kämpfen Gemeinschaften gegeneinander. Und die wesentliche Aufgabe des Einzelnen, die doch im konservativen Denken die des Dienstes an der Gemeinschaft, ihrer Bewahrung und Entwicklung ist, und zwar des Dienstes am durch Natur und Tradition vorbestimmten Ort in dem hierarchischen sozialen Gefüge, wird zum Dienst im Kampf der Gemeinschaft. Was sich dabei nicht bewährt, wird „ausgemerzt“. Was sich zu bewähren hat, ist die Rassesubstanz. Nicht gemäß dem für naturgegeben gehaltenen sozialen Stand hat man seinen Dienst zu erfüllen wie im Konservativismus, sondern man hat sich einsetzen zu lassen dort, wo es die Gemeinschaft (bzw. ihr Repräsentant) fordert, und diese tut das entsprechend der naturgegebenen Kampfkraft, die der Einzelne hat. Diese aber hat er in dem Maße, wie die uranfänglich vorhandene starke Rassesubstanz in ihm anzutreffen ist.

Man darf nun nicht meinen, daß hier einfach die darwinistisch-liberalistische Kampf-Denkfigur eine Ebene nach oben verschoben wird – statt der Einzelnen kämpfen die Gemeinschaften, aber davon abgesehen handle es sich in beiden Fällen um eine Ideologie des „Kampfs ums Dasein“. Denn, so haben wir gesehen, die Einzelnen kämpfen im Darwinismus-Liberalismus für nichts als ihren Erfolg, und im Ergebnis kommt es zum offenen „Fort-Schritt“ – immer nur vom Bestehenden weg, es gibt kein Ziel (nur das Ziel des jeweiligen Sieges des Einzelnen im einzelnen Kampf, nicht ein Ziel der Gemeinschaft). Im NS-Rassismus aber liegt das Ziel der Gesamtentwicklung von Anfang an fest, und es besteht in der realisierten Vollkommenheit, die bereits uranfänglich als Möglichkeit und Auftrag vorhanden ist. Die Herrenrasse soll herrschen, und sie wird herrschen, wenn sie ihr uranfängliches Wesen rein bewahrt. Das ist das Ziel der Weltgeschichte von Anfang an. Weder werden andere Rassen oder Volksgemeinschaften irgendwann aufgrund zufällig veränderter Umweltbedingungen die erfolgreicheren sein, noch wird sich die Herrenrasse selbst durch Mutation und Selektion in eine unabsehbare Richtung fort und fort verändern. Die im Darwinismus/Liberalismus ganz unteleologische Metapher des Kampfes hat völlig ihre Bedeutung verändert, in einer Weise, die „mit dem Darwinismus nicht mehr kompatibel ist“ (Bensch).

 

Literatur:

Bensch, Margrit 2009: Rassismus als kulturelles Entwicklungskonzept Formen biologischen Denkens im Sozialdarwinismus. Dissertation TU Berlin.

Eisel, Ulrich 2005: Das Leben im Raum und das politische Leben von Theorien in der Ökologie. In: Weingarten, Michael (Hrsg.): Strukturierung von Raum und Landschaft. Konzepte in Ökologie und der Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse. Münster. 42-62.

Kirchhoff, Thomas (2007): Systemauffassungen und biologische Theorien. Zur Herkunft von Individualitätskonzeptionen und ihrer Bedeutung für die Theorie ökologischer Einheiten, Beiträge zu Kulturgeschichte der Natur, Band 16 (Dissertation Technische Universität München).

Mayr, E. 1984: Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung. Berlin u. a.

Voigt, Annette (2009): Theorien synökologischer Einheiten – Ein Beitrag zur Erklärung der Uneindeutigkeit des Ökosystembegriffs, Stuttgart: Franz Steiner Verlag (= Sozialgeographische Bibliothek, Bd. 12) (Dissertation Technische Universität München, 2007).



[1] Eisel (der Doktorvater von Margrit Bensch) hat bezogen auf Theorien dieses Typs von „Bewährungsparadigma“ gesprochen.

[2] Das ist auch in der Biologie bemerkt worden, etwa von Ernst Mayr (1984).

[3] Ausführlich dazu Kirchhoff (2007), Kapitel 7.

 

Blogartikel und andere Internetbeiträge mit Bezug zum Thema: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11

 

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Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

93 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Etwas tautologisch übersetze ich mir das Prinzip des Darwinismus für meinen Hausgebrauch immer mit folgender Formel: „Alles was überlebt, hat überlebt.“ Die Art hat dann eben zur Umwelt ‚gepasst‘ – ob’s der ’schwache‘ Kolibri ist, der sich auf eine Kaktusblüte (oder so) spezialisierte, oder aber das ‚mächtige‘ Mammut, das eben nicht überlebt hat.

  2. NS+Europa 20.Jahrh: National-Darwinismus

    Die Ideologie von „Volk ohne Raum“ und dem „minderwertigen Ostmenschen“ rechtfertigte die Expansion von Deutschland nach – unter anderem – dem Osten (1936 Rede von Reichsbauernführer Walther Darré: „Der natürliche Siedlungsraum des deutschen Volkes ist das Gebiet östlich unserer Reichsgrenze bis zum Ural“).
    Der Darwinismus passt in dieses Bild nur dann, wenn man ihn so umdeutet, dass es nicht mehr um den Kampf jedes Individuums ums Überleben geht, sondern ums Überleben und die Überlegenheit des neuen Organismus „Deutsches Volk“ gegenüber andern Völkern.
    Es ist damit auch kein Sozialdarwinismus um den es hier geht, sondern ein Nationaldarwinismus, was natürlich sehr gut zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa passt, wo die Nation im Zentrum stand und der Nationalegoismus sowohl bei den Regierenden als auch bei den Bürgern omnipräsent und bestimmend war.

  3. hinreichend angepasst

    Übrigens hatte ich in einem anderen Zusammenhang schon einmal vorgeschlagen, die Formulierung „das Überleben des hinreichend Angepassten“ zu benutzen. Der Superlativ „fittest“ ist unangebracht.

  4. .. mit dem Darwinismus nicht kompatibel?

    Solche nachträglichen, etwas abgehobenen Rehabilitierungen einer grundlegenden Theorie, die ebenso Wissenschaft wie Weltanschauung war, sehe ich sehr skeptisch. Immerhin gab es im Dritten Reich eine Vielzahl von Biologen, die überhaupt keine Probleme mit der Verbindung (Sozial-)Darwinismus/ NS-Ideologie hatte. Daraus kann ich nur schließen, dass der Darwinismus eine brauchbare Grundlage für die ‚Mein Kampf‘-Ideologie war, oder doch zumindest Denkfiguren enthielt, die für die NS-Ideologie direkt verwertbar waren.

  5. @ Geoman

    „Immerhin gab es im Dritten Reich eine Vielzahl von Biologen, die überhaupt keine Probleme mit der Verbindung (Sozial-)Darwinismus/ NS-Ideologie hatte. Daraus kann ich nur schließen, dass der Darwinismus eine brauchbare Grundlage für die ‚Mein Kampf‘-Ideologie war, oder doch zumindest Denkfiguren enthielt, die für die NS-Ideologie direkt verwertbar waren.“

    So einfach kann man es sich nicht machen. Daß es im Dritten Reich eine Vielzahl von Biologen gab, die überhaupt keine Probleme mit der Verbindung (Sozial-)Darwinismus/ NS-Ideologie hatte, ist für die Frage, ob und in welchem Sinne es eine solche Verbindung gab, völlig irrelevant. Es gibt ja auch jetzt eine Vielzahl von Biologen und anderen Leuten, die eine solche Verbindung sehen (das war überhaupt der Anlaß des Artikels), aber sie könnten sich doch irren. Sie könnten darauf hereinfallen, daß man in der NS-Ideologie Wörter benutzt hat, die aus der darwinistischen Biologie stammen. Aber die Frage wäre doch, ob damit die Begriffe und die Struktur, nach der man diese Begriffe verbunden hat, übernommen wurden.

    Eine Sache, die man dabei auch bedenken sollte: Der Darwinismus stand in der Zeit des NS unter Biologen nicht besonders hoch im Kurs. Er wurde erst durch die Neodarwinisten rehabilitiert. Man hielt zwar allenthalben die Abstammungslehre für richtig und nannte sich insofern „Darwinist“, aber die Theorie, die das Abstammungsgeschehen erklären sollte, die Mutations-Selektionstheorie, hatte erheblich an Ansehen verloren. Und nur um diese Theorie geht es hier, wenn von „Darwinismus“ die Rede ist.

    Daß der Darwinismus „Denkfiguren enthielt, die für die NS-Ideologie direkt verwertbar waren“ – was heißt das? Ich (bzw. Bensch/Eisel) habe argumentiert, daß sie eben nicht direkt verwertbar waren, sondern erst nach einer grundlegenden Uminterpretation. Sie müßten zeigen, daß das nicht der Fall war. Sie müßten z. B. zeigen, daß die „Denkfiguren“ bereits im Darwinismus teleologisch waren oder umgekehrt in der NS-Ideologie nicht-teleologisch. Versuchen Sie es; leicht wird das nicht.

    „Solche nachträglichen, etwas abgehobenen Rehabilitierungen einer grundlegenden Theorie …“

    Was heißt nachträglich? Wann hätte man denn sonst etwas „rehabilitieren“ sollen, wenn nicht nachträglich? Und was heißt abgehoben? Wovon abgehoben? Und was heißt Rehabilitierung? Wenn bemerkt wird, daß von zwei üblicherweise gleichzeitig vorgenommenen politischen Zuordnungen (zum Liberalismus und zum NS) eine nicht stimmen kann und dann behauptet wird, zeigen zu können, daß eine davon falsch ist, und zwar die zum NS, so ist das natürlich eine Art moralisch-politischer Rehabilitierung des Darwinismus. Wenn einem die nicht gefällt, müßte man zeigen, daß die Zuordnung falsch ist. Das unterschwellige ad-hominem-Argument, man habe doch nur eine Theorie rehabilitieren wollen und betreibe deshalb den ganzen Aufwand, ist erstens kein Argument in der Sache und zweitens trifft es in meinem Fall nicht zu (und soweit ich die genannten Autoren kenne, auf die erst recht nicht; ich bin immerhin Biologe und hätte vielleicht etwas Ansozialisiertes und Liebgewonnenes zu verteidigen, die beiden aber sicher nicht). Der Darwinismus ist nicht etwas, woran mein Herz hängt. Es wäre mir genauso recht gewesen, wenn herausgekommen wäre, daß die Verbindungen zum Liberalismus falsch gezogen wurden und die zum NS richtig. Aber das kam nun mal nicht heraus.

  6. Euthanasie

    wurde auch mit Darwin begründet. Und diese war ein nicht unerheblicher Teil der NS-Ideologie. Und ich glaube schon, dass sich Euthanasie ganz gut mit Darwin begründen lässt.

  7. Begriffs-Amnesie: Nationaldarwinismus

    Nationaldarwinismus ist ein treffender Ausdruck für den Darwinismus, der in der NS-Ideologie als wissenschaftliche Rechtfertigung für die NS-Rassentheorie und den NS-Imperialismus diente. Doch heute überwiegt der Begriff Sozialdarwinismus. Wahrscheinlich einfach darum, weil diese Art der gesellschaftlichen Interpretation der Evolutionstheorie heute immer noch aktuell ist.
    Doch einige Autoren erkannten früh, dass Nationaldarwinismus ein viel treffenderer Begriff ist. Heute findet man bei einer Google-Suche mit „Nationaldarwinismus“ nur noch 235 deutschsprachige Einträge, darunter einen Spiegelartikel von 1964 und viele Verweise in Google-Books von Büchern oft älteren Datums. Vielleicht hat die Dominanz des Wortes Sozialdarwinismus über die des Nationaldarwinismus auch mit dem deutschen Wunsch nach Vergessen zu tun, denn mit dem englischsprachigen Suchmuster „national darwinism“ gibt es 3180 Treffer.

    Hier einige lesensewerte Zitate aus den unter Nationaldarwinismus gefundenen Textstellen:
    Die Politik der Nation
    „Angesichts der nahezu ubiquitären Verbeitung der Daseinskampfmetapher in der politisch-sozialen Sprache der Zeit ist es deshalb keine Übertreibung, den Nationaldarwinismus als die wahrscheinlich einflussreichtsse bildungsbürgerliche Geschichtsphilosophie der wilhelminischen Epoche zu bezeichen.
    Als solche spielte der Nationaldarwinismus eine zentrale Rolle bei der gesllschaftlichen Konstruktion politischer Wirklichkeit. Das aus ihm abgeleitete Welt- und Geschichtsbild, wie es sich in der Weltreichstheorie un der Lebensraumideologie manifestierte, prägte den Erwartungshorizonat aller am imperialisitischen Diskus beteiligten Akteure.“

    Aus Politische Bildung unter Kaiser Wilhelm II, Ulbricht und Honecker
    Dem leistete der im Wilhelminus populäre „Nationaldarwinismus“ Vorschub: Internationale Konflkite wurden als „Kampf um das nationale Dasein“ gedeutet und so wurde die Erziehungspraxis zusehends ztu einem vormilitärischen Wehrkraftprogramm.

    Nicht wenige der kurz eingesehenen Bücher verorten den Nationaldarwinismus übrigens nicht erst in die Zeit des NS-Staates, sondern schon weit vorher in die wilhelminische Zeit von 1890 bis 1918. Die NS-Ideologie, insbesondere der Rassismus und Antisemitismus, ist ja auch ganz anders als viele meinen, nicht über Nacht und erst mit Hitler entstanden, sondern hatte eine lange Vorgeschichte.
    Der Begriff Judenfrage beispielsweise tauchte schon ab 1840 auf und meinte die Bedrohung Deutschlands durch die Juden.

    Nicht wenige rassistische Begriffe wurden sehr früh biologistisch, darwinistisch hinterlegt oder entstanden schon vor diesem Hintergrund. Dabei findet man nicht nur nationaldarwinistische, sondern auch sozialdarwinistische Begründungen. So liest man zum Begriff Untermensch :
    „Wenn wir sagen, daß unsere Volkszukunft bedroht ist durch den Untermenschen, so heißt das: unter uns verkleinert sich die Zahl der Menschen, deren Erbmasse reich genug an Tüchtigkeit ist! […] Wo kommt der Untermensch her? Er kommt nirgends her, er ist da, von Anfang an und in jedem Volk“

    Schon bald wurde dieser ursprünglich sozialdarwinistische Begriff jedoch national ausgerichtet und man sprach vom slawischen Untermenschen.

  8. @ Martin Holzherr

    „Es ist damit auch kein Sozialdarwinismus, um den es hier geht, sondern ein Nationaldarwinismus, was natürlich sehr gut zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa passt, wo die Nation im Zentrum stand und der Nationalegoismus sowohl bei den Regierenden als auch bei den Bürgern omnipräsent und bestimmend war.“

    „Kein Sozialdarwinismus“ ist richtig. Aber daß die NS-Ideologie ein Nationaldarwinismus war, halte ich für zu sehr vereinfacht, es verdeckt das Wesentliche. Und ich habe mich im Artikel ja auch ausdrücklich dagegen ausgesprochen, es so zu interpertieren, auch wenn das Ideologem der kämpfenden Gemeinschaften das nahelegt („Man darf nun nicht meinen, daß hier einfach die darwinistisch-liberalistische Kampf-Denkfigur eine Ebene nach oben verschoben wird“). Auf der Ebene der Gemeinschaften spielt sich nicht ein Selektionsgeschehen darwinistischer Art ab. Das Geschehen wird vielmehr ganz anti-darwinistisch teleologisch gedacht, und entscheidend ist die Idee der Bewährung des immer schon Starken. Das bestimmt auch, wie diese Gemeinschaften in ihrem Inneren gedacht werden müssen. Es sind nicht Nationen im bürgerlichen Sinn (sei es im „französischen“, sei es im „amerikanischen“ Sinn), auch nicht „Gemeinschaften“ im konservativen Sinn, sondern rassische Einheiten, wobei die Rassereinheit bzw. der möglichst hohe Anteil desjenigen Erbguts, das immer schon das Stärke verbürgende war, entscheidend ist. Begriffe wie „Nationalismus“ und „Nationalegoismus“ decken diese wichtigen Unterschiede zu. Gewiß, die Nationalsozialisten sprachen von Nation wie die Jakobiner, gemeint ist aber etwas vollkommen anderes. Diese unter den gleichlautenden Wörtern liegenden fundamentalen Unterschiede der Begriffe gilt es aufzudecken.

  9. Interessant

    Danke für den Trackback auf meinen, schon etwas älteren, Beitrag auf antibuerokratieteam.net. Ich habe das mit grossem Interesse gelesen und einige vertiefende Einblicke erhalten.
    Die „darwinistisch-liberalistische Kampf-Denkfigur“ des Kampfes aller gegen aller würde ich aber in dieser Form bestreiten. Es geht ja, z.B. im Denken von Hayek – oder radikaler Rothbard – nicht um „Kampf“, sondern um freie und gewaltlose Vertragsbeziehungen von Individuen.

  10. Die NS-Ideologie war von Anfang an eklektizistisch, sie lieh sich bei etlichen Theorien und Philosophien Begriffe, oft auch Denkmuster. Selbst wenn zum Darwinismus einzelne Bezüge bestünden, die über das Verwenden (umgewerteter) Begriffe hinausgingen, wäre das kein zwingender Beleg für einen inhaltlichen Einfluss des Darwinismus auf die NS-Ideologie. Man kann schließlich immer einzelne Elemente einer Theorie nehmen und in eine Ideologie einbauen, die in eine ganz andere Richtung zielt. Davor ist leider niemand sicher.

  11. Liberal

    Liberal und neoliberal sind zwei Paar Stiefel , und genauso unvereinbar wie sozial-darwinistisch und darwinistisch.

    Das ist hier sicherlich auch so gemeint , wird mir aber zu wenig klargestellt.

    Der Werte-Liberalismus hat viel Gutes hervorgebracht und wird vom Neoliberalismus heute leider mit in den Dreck gezogen.

  12. @fischstaebchen Euthanasie

    Was soll es heißen, daß sich die Euthanasie „mit Darwin“ begründen läßt? Das ergibt nur im Rahmen einer Eugenik Sinn. Euthanasie aus anderen Gründen (siehe etwa das bekannte Mitleidsargument oder auch das Argument von der Last für die Gesellschaft) ist von biologischen Theorien ganz unabhängig.
    Wenn Euthanasie eugenisch begründet wird, dann wird argumentiert, daß verhindert werden muß, daß sich minderwertige Gene in der Population ausbreiten. Sieht man einmal davon ab, daß der Darwinismus eine naturwissenschaftliche Theorie ist und insofern grundsätzlich nicht normativ, dann taugt in gewisser Weise der Darwinismus hier schon als eine Art theoretischer Hintergrund: Man bezieht sich auf Theorien, die sich auf die Ausbreitung bestimmter Gene unter bestimmten Bedingungen in Populationen beschreiben.

    Aber schon die Grundargumentation zeigt, daß man die Evolution hier nicht mehr darwinistisch denkt, sondern die zentralen darwinistischen Denkfiguren umdeuten muß: In der Zivilisation setzen sich, so hieß es, die schlechten Gene durch, z. B. solche für Kurzsichtigkeit. Deshalb muß man steuernd eingreifen, muß sozusagen künstlich durch eugenische Maßnahmen, wozu dann auch Euthanasie gehören kann, den „richtigen“ Selektionsdruck wieder herstellen („negative Eugenik“). Im Rahmen darwinistischen Denkens würde man aber sagen: In einer Umwelt, in der es Brillen gibt, mindert Kurzsichtigkeit nicht die Fitneß. Man ist also zu einem ganz undarwinistischen Begriff von einer „Stärke“ an sich übergewechselt, man ist im „Bewährungsparadigma“.

  13. @ Martin Holzherr Begriffs-Amnesie

    „Nationaldarwinismus ist ein treffender Ausdruck für den Darwinismus, der in der NS-Ideologie als wissenschaftliche Rechtfertigung für die NS-Rassentheorie und den NS-Imperialismus diente.“

    Sie gehen auf meine Einwände nicht ein, sondern wiederholen nur Ihre Behauptung. Was soll denn das? So kann man doch nicht diskutieren!

    „Doch heute überwiegt der Begriff Sozialdarwinismus. Wahrscheinlich einfach darum, weil diese Art der gesellschaftlichen Interpretation der Evolutionstheorie heute immer noch aktuell ist.“

    Nicht immer noch, sondern wieder.

    „235 deutschsprachige Einträge … „national darwinism“ gibt es 3180 Treffer“

    Das entspricht etwa dem Unterschied, den man bei allen Begriffen findet, die es in beiden Sprachen gibt; er liegt einfach an der Anzahl der Sprecher.

    „…keine Übertreibung, den Nationaldarwinismus als die wahrscheinlich einflussreichse bildungsbürgerliche Geschichtsphilosophie der wilhelminischen Epoche zu bezeichnen.(…Geschichtsbild, wie es sich in der Weltreichstheorie und der Lebensraumideologie manifestierte, prägte den Erwartungshorizont aller am imperialistischen Diskus beteiligten Akteure.“

    Ich habe im Hinblick auf den NS argumentiert, daß es falsch ist, hier von einem Darwinismus zu sprechen. Es ist auch für die wilhelminische Zeit falsch. Derartige imperialistische Lebensraumtheorien (etwas die von Ratzel) gehören in einen anderen Denkrahmen. All solche Theorien sind teleologisch, gehen nicht, wie es für den Darwinismus essentiell ist, von einer offenen Zukunft und der Entstehung von Neuem aus, und sie gehen, soweit sie bereits biologistisch (rassistisch) waren, von einer Überlegenheit der Rasse (die da noch nicht unbedingt die „nordische“ war) an sich, von einer ewigen Rassesubstanz aus. Das ist vollkommen inkompatibel mit dem Darwinismus.

    „Nicht wenige rassistische Begriffe wurden sehr früh biologistisch, darwinistisch hinterlegt oder entstanden schon vor diesem Hintergrund.“

    „Biologistisch hinterlegt“ gibt keinen Sinn, denn wären sie nicht biologistisch, könnten sie auch nicht rassistisch sein.
    Fragt sich, ob sie „darwinistisch hinterlegt“ waren. Alles, was man wohl in diese Richtung vorbringen kann, ist, daß Darwin ein mächtiges kulturelles Ereignis war und daß Begriffe oder besser Wörter aus dem darwin’schen Denken allgegenwärtig waren (Zuchtwahl, survival of the fittest …) und zur Deutung von allem möglichen benutzt wurden. Die Frage ist aber gerade, ob sie in einer mit der darwinistischen Theoriestruktur kompatiblen Weise benutzt wurden. Wir sind ja Wissenschaftler, nicht Politiker oder Journalisten, da müssen wir schon etwas andere Maßstäbe anlegen.

  14. @Ludwig Trepl: NS-Ideologie als Melange

    Sie schreiben: „Sie gehen auf meine Einwände nicht ein, sondern wiederholen nur Ihre Behauptung.“

    Das lag einfach daran, weil ich die beiden ersten Kommentare kurz hintereinander geschrieben habe noch bevor sie den ersten Kommentar kommentiert hatten.

    Bei der geistigen Durchdringung der NS-Ideologie scheint mir noch ihre folgende Bemerkung hilfreich:

    “ Alles, was man wohl in diese Richtung vorbringen kann, ist, daß Darwin ein mächtiges kulturelles Ereignis war und daß Begriffe oder besser Wörter aus dem darwin’schen Denken allgegenwärtig waren (Zuchtwahl, survival of the fittest …) und zur Deutung von allem möglichen benutzt wurden. Die Frage ist aber gerade, ob sie in einer mit der darwinistischen Theoriestruktur kompatiblen Weise benutzt wurden.“

    Doch um theoretische Reinheit ging des den NS-Ideologen kaum, eine wichtige Bemerkung hat der Kommentator M. Müller dazu gemacht:
    „Die NS-Ideologie war von Anfang an eklektizistisch, sie lieh sich bei etlichen Theorien und Philosophien Begriffe, oft auch Denkmuster.“

    Darwinistisches Gedankengut trug Begriffe wie Überleben des „Besten“, Zuchtwahl, etc. zur NS-Ideologie bei, während Nietzschesches Ideen in den Stoddard’schen und später NS-Begriff des Untermenschen flossen, wie er im Titel des Werkes des Rassentheoretikers und Eugenikers Lothrop Stoddard
    „The Revolt against Civilization: The Menace of the Under Man“
    erwähnt wird. Stoddard stand bei dieser Begriffwahl Nietzsches Übermensch Pate.

    Die NS-Ideologen hatten allgemein keine Berührungsängste, wenn es darum ging ihr Ideengebäude aufzubauen. Auch sozialistisches Gedankengut floss in Form eines NS-eigenen Antikapitalismus ein.

    Nicht Konsistenz, sondern Überzeugungskraft war wohl ein Auswahlkriterium für die Versatzstücke aus der ideologischen Rumpelkammer, die schliesslich in die NS-Ideologie einflossen. Darwinistisches Gedankengut war dazumal bereits seit Jahrzehnten in allen Köpfen präsent, weswegen es aufgegriffen und in geeignete Form für die NS-Ideologen gebracht wurde.

  15. @ D. Müller, @ Martin Holzherr

    Jain. Der Begriff Eklektizismus betont die Beliebigkeit der Kombination von Elementen verschiedenster Herkunft. Mir scheint es wichtig, demgegenüber zu betonen, daß sich diese Elemente nach bestimmten Gesetzen kombinieren, daß manches zusammenpaßt, manches nicht, manches nur bei gleichzeitigem Vorhandensein eines anderen eingebaut werden kann und sonst nicht, manches nur, wenn man es etwas verändert usw. – wie es halt auch ist, wenn man z. B. Teile eines verschrotteten Autos in ein anderes einbauen will. (Überzeugend ausgeführt findet man diesen Gedanken bei Foucault.)

    Beim NS muß man wohl sagen, daß sich manche Elemente des Darwinismus, z. B. die Vorstellung der offenen Zukunft, mit Elementen konservativer Herkunft, die für den NS essentiell waren, etwa der Relevanz des Ursprungs oder der Basisfigur der „Gemeinschaft“ (im Gegensatz zu „Gesellschaft“), nicht kombinieren ließen, andere schon, aber dann zumindest in der Regel mit einem Bedeutungswandel verbunden.

    Wenn @ Martin Holzherr z. B. schreibt:
    „Die NS-Ideologen hatten allgemein keine Berührungsängste, wenn es darum ging ihr Ideengebäude aufzubauen. Auch sozialistisches Gedankengut floss in Form eines NS-eigenen Antikapitalismus ein“,
    so stimmt das in einer Hinsicht, in anderer nicht: Der Begriff des Sozialismus, den der NS hatte, beruhte nicht wie bei den Sozialisten auf der „jakobinischen“ Vorstellung des von den Einzelnen unter der Idee des volonté générale selbst geschaffenen Staates, sondern auf der vom Konservativismus übernommenen Vorstellung der organischen Gemeinschaft als den Einzelnen vorgängig, und das ändert alles. Der NS konnte darum zwar (wie der Konservativismus und anders als der Liberalismus) antikapitalistisch sein. Doch hatte sein Begriff des Sozialismus nichts mit dem der Sozialisten zu tun, war etwas vollkommen anderes. Ich würde auch nicht sagen, daß sozialistisches Gedankengut einfloß – nein, es war konservativ-antikapitalistisches (der Kern es klassischen Konservativismus ist der Antikapitalismus). Anders als beim Konservativismus aber war die Gemeinschaft im NS die der Rasse, und das ergibt einen fundamentalen Unterschied nach dieser Richtung.

  16. @ DH liberal, neoliberal, NS

    „Der Werte-Liberalismus hat viel Gutes hervorgebracht und wird vom Neoliberalismus heute leider mit in den Dreck gezogen.“

    Einverstanden. Aber die Frage ist, ob das mit der Fähigkeit des konservativen Denkens, Elemente liberaler Herkunft aufzunehmen (u. a. über den Darwinismus) etwas zu tun hat; und im konservativen Milieu hat sich ja der NS im wesentlichen entwickelt.

    Vielleicht könnte man sagen, daß der Nationalsozialismus den Gedanken des Kampfes (modifiziert vom Kampf der Einzelnen zum Kampf von Gemeinschaften) aufgenommen hat, der aus den liberalen Gesellschaftsphilosophien kam. Aber in diesen Philosophien war der Krieg aller gegen alle zwar der Ausgangspunkt, sozusagen die endlich entdeckte die Wahrheit über die Gesellschaft – im Unterschied zu den Unwahrheiten über die Gesellschaft, die das alte, christliche Denken verkündete und gegen die der Liberalismus entstand: die Gemeinschaft ist, wie sie ist, von Ewigkeit her dem Einzelnen vorgegeben von der göttlichen Weisheit, und diese hat auch ihre Repräsentanten auf Erden, weise Herrscher, eingesetzt, damit es keinen Kampf, sondern friedliches Miteinander gibt.

    Aber dieser Naturzustand galt ja im Liberalismus als das zu Überwindende, der Krieg sollte (über den Staatsvertrag, den alle mit allen schließen) in friedlichen Wettbewerb transformiert werden. Im Nationalsozialismus aber ist der Krieg nicht bedauerliches Faktum, sondern er ist das, was sein soll, was dem Leben überhaupt Wert gibt. Und irgendwie ist später ja auch der Neoliberalismus da angekommen: Nicht mehr der im Rahmen von Staaten zum friedlichen Wettbewerb domestizierte Kampf, sondern der hemmungslose globale Kampf jenseits aller ihn zivilisierenden Verträge der Bürger ist das Ideal.
    Wären Sie damit einverstanden?

  17. Darwinismus

    Die aktuelle Wetterlage erlaubt nur eine kurze Frage:

    Unter dem Begriff „Darwinismus“ habe ich bislang immer so etwas wie eine politische Ideologie verstanden. Nur selten wird dieser Begriff im wissenschaftlichen Kontext gebraucht, etwa dann, wenn eine bestimmte Auffassung der Evolutionstheorie charakterisiert werden soll (Selektion als wichtigster Evolutionsmechanismus). Und dann werden hin und wieder bestimmte Prozesse oder Entwicklungen als „darwinistisch“ bezeichnet, wenn z. B. aus konkurrierenden Entwürfen die optimale selektiert wird, oder auch das Prinzip ‚Versuch und Irrtum‘.

    Im Blog-Artikel wird aber der Begriff „Darwinismus“, wenn ich das richtig verstanden habe, als Darwins Evolutions- bzw. Selektionstheorie definiert. Wie kommt’s?

  18. Zustimmung @Balanus

    Dass @Balanus und ich in einer Sache völlig übereinstimmen, kommt nicht alle Tage vor. Aber hier sehe ich es ganz genau so: Die Unterscheidung zwischen der wissenschaftlich-empirischen Evolutionsforschung einerseits und ideologischen Deutungen (wie Darwinismus, Sozialdarwinismus etc.) andererseits halte ich für unverzichtbar. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen in der interdisziplinären Evolutionsforschung würden Darwins wissenschaftlich bahnbrechende Erkenntnisse (samt einiger Irrtümer) rühmen – aber kaum jemand würde sich deswegen als „Darwinist“ bezeichnen… (Zumal die Inhalte der sog. „Darwinismen“ über die jahrzehnte hinweg sehr stark schwankten!)

  19. @Balanus @Blume Begriff Darwinismus

    „Nur selten wird dieser Begriff [Darwinismus] im wissenschaftlichen Kontext gebraucht“ (@Balanus). Das stimmt nicht, er wird überaus häufig im wissenschaftlichen Kontext gebraucht.

    Häufig ist er in der Biologie natürlich nicht, es ist ja nur ein ganz kleiner Teil der faktischen Arbeit von Biologen, in der dieser Begriff überhaupt vorkommen könnte. In der Biologie ist „Darwinismus“ aber dennoch üblich, und zwar vorwiegend zur Bezeichnung der Auffassung anderer durch Leute, die die Selektionstheorie ablehnen oder doch in ihrer Reichweite einschränken wollen (bei uns z. B. die Riedl-Schule oder Gutmann). Die nennen ihre Gegner Darwinisten. Ob sich die von ihnen so genannten selbst auch so nennen, mußte man mal nachsehen; Mayr hätte sicher nichts gegen diese Benennung gehabt, aber die meisten wohl schon. – Das ist nicht anders als in allen anderen Gebieten der Wissenschaft auch. Nur wenige nennen sich Marxisten, Empiristen, Positivisten, Heideggerianer, Konstruktivisten, Strukturalisten, Keynesianer usw., die meisten fühlen sich falsch verstanden, wenn man sie so nennt. Aber viel mehr, als sich selbst so nennen, werden so genannt.

    Ein ganz normaler und unverzichtbarer Begriff ist Darwinismus in der Geistes- und insbesondere Wissenschaftsgeschichte. Er bezeichnet da nicht eine Ideologie, sondern eine bestimmte Theorie-Richtung in der Biologie, neben der andere stehen oder standen (Lamarckismus, Orthogenese …). Freilich wird hier auch die Wirkung auf dem ideologischen Feld diskutiert und es wird gefragt, inwiefern die biologische Theorie selbst Ideologie ist und inwiefern nicht. Das gehört hier zum Geschäft.

    „Im Blog-Artikel wird aber der Begriff ‚Darwinismus’, wenn ich das richtig verstanden habe, als Darwins Evolutions- bzw. Selektionstheorie definiert.“

    Ich habe den Begriff nicht definiert, sondern vorausgesetzt, daß er so verstanden wird, wie er in diesen Diskussionen halt verstanden wird: als eine Theorierichtung in der Biologie (mit paradigmatischer Wirkung in dieser). Die kann man aber nicht mit dem Werk/ der Auffassung Darwins gleichsetzen, sondern sie ist eine breite Strömung, die sich im Verlaufe von Jahrzehnten ausgehend von der Auffassung Darwins herausgebildet hat und die selbstverständlich verschiedene, teils heftig streitende Varianten aufweist und in manchem von der Auffassung Darwins abweicht. Das ist beim Marxismus usw. auch nicht anders, das ist bei nichts, was man als -ismus oder xy-tum oder ähnlich bezeichnet und nach einem bestimmten Gründer benennt, anders. Ein Lutheraner, ein Platonist usw. denken nur in einigen Hinsichten wie Luther oder Platon, und es ist auch üblich, von jemandem zu sagen: im Hinblick auf diese Frage ist er Platonist, in anderer Hinsicht ist er Aristoteliker. Da ist es völlig egal, ob er das Werk des Meisters insgesamt rühmt oder nicht. – Und ich habe gefragt, was diese Theorierichtung in der Biologie an Denkfiguren impliziert, die über die Biologie hinaus von Bedeutung sind, z. B. die Denkfigur der offenen Zukunft.

  20. Die im Liberalismus

    gewünschte Kompetitivität der Einzelnen ist nicht biologisch begründet, sie findet in einer anderen Schicht statt.

    In einer Schicht, in der um Ideen gekämpft wird, wobei dies Einzelne tun und diese durchaus auch für sich kämpfen dürfen, es aber im liberalen Sinne oft für die Gemeinschaft tun.

    Dies Schichtentrennung ist wichtich.

    MFG
    Dr. W (der die Kritik am „Extrem-Darwinismus“ teilt)

  21. Diese Schichtentrennung ist wichtich.

    Was natürlich auch bedeutet, dass ein Artikel, der die Biologie als Grundlage des politischen Wettbewerbs deutet, biologistisch ist. [1]

    Die Bürger oder Erkenntnissubjekte kämpfen aber in ihren eigenen Welten.
    Zu der Feststellung, dass Kulturen aufeinanderprallen, wäre demzufolge aus Sicht des sozusagen reinen Biologen wenig anzumerken.

    MFG
    Dr. W

    [1] ob das hier geschehen ist, weiß der Schreiber dieser Zeilen nicht

  22. @Ludwig Trepl

    Vollständig einverstanden , insbesondere diese Parallele ist sehr zutreffend:

    „Im Nationalsozialismus aber ist der Krieg nicht bedauerliches Faktum, sondern er ist das, was sein soll, was dem Leben überhaupt Wert gibt. Und irgendwie ist später ja auch der Neoliberalismus da angekommen“

  23. Wobei

    Im Nationalsozialismus aber ist der Krieg nicht bedauerliches Faktum, sondern er ist das, was sein soll, was dem Leben überhaupt Wert gibt. Und irgendwie ist später ja auch der Neoliberalismus da angekommen.

    …Herr Trepl nicht zu wissen scheint, was der Neoliberalismus oder Ordoliberalismus überhaupt ist.

    Die besten Tiefpunkte finden sich oft in den Kommentaren…

    MFG
    Dr. W

  24. @ Webbaer

    Jetzt hören Sie doch endlich damit auf, mir erklären zu wollen, was Liberalismus ist. Wenn ich wissen will, was Konservativismus ist, dann lese ich ein einschlägiges wissenschaftliches Buch und frage nicht den CSU-Bürgermeister von Oberviechtling, der mir vielleicht die Antwort „mia san mia“ gibt. Lernen Sie einfach mal lesen; schreiben können Sie ja schon, das erleichtert es sicher. Und wenn Sie dann lesen können und Sie nicht mehr Sätze schreiben müssen wie „Was natürlich auch bedeutet, dass ein Artikel, der die Biologie als Grundlage des politischen Wettbewerbs deutet, biologistisch ist“ – denn dann würden Sie verstehen, was in dem Artikel steht -, dann unterhalten wir uns weiter.

  25. Naives Bild von wissenschaftl. Forschung

    @Blume schrieb:

    „Die Unterscheidung zwischen der wissenschaftlich-empirischen Evolutionsforschung einerseits und ideologischen Deutungen (wie Darwinismus, Sozialdarwinismus etc.) andererseits halte ich für unverzichtbar. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen in der interdisziplinären Evolutionsforschung würden Darwins wissenschaftlich bahnbrechende Erkenntnisse (samt einiger Irrtümer) rühmen – aber kaum jemand würde sich deswegen als „Darwinist“ bezeichnen…

    Herr Blume meint offenbar zwischen wissenschaftlich-empirischer Evolutionsforschung einerseits und ideologischen Deutungen (wie Darwinismus, Sozialdarwinismus etc.) differenzieren zu können.

    Dies zeigt, dass Wissenschaftstheorie und insbesondere die Verwendung von Begriffen in der biologischen Evolutionsforschung nicht gerade seine Stärken sind.

    Z. B. wird der Begriff Neo-Darwinismus von vielen Evolutionsforschern als Synonym mit dem Begriff „Synthetische Evolutionsforschung“ verwendet. Die Synthetische Evolutionstheorie ist bekanntlich eine Erweiterung der Evolutionstheorie von Darwin und gilt bei vielen Forschern heute noch als Standardmodell der Evolution. Folgt nun daraus in Blumes Verständnis, dass Neo-Darwinismus Wissenschaft und Darwinismus Ideologie ist? Wohl kaum Herr Blume!

    Auch Ihr Versuch zwischen wissenschaftlich-empirischer Evolutionsforschung einerseits und ideologischen Deutungen unterscheiden zu können, scheint mir ziemlich naiv. Empirische Forschung ist ohne Theorie und daraus abgeleitete Hypothesen nicht zu betreiben. Und der Übergang zwischen Theorie und Ideologie ist bekanntlich oft fließend, zumindest hat dies die Wissenschaftsgeschichte gelehrt.

    Hinter Ihrer Vorstellung oder Ihrem Anspruch, echte oder reine wissenschaftliche Evolutionsforschung zu betreiben, scheint mir ein von (Selbst-)Zweifeln befreites Wissenschaftsverständnis zu stecken, also ein Bild von Wissenschaft, das Klein-Erna in der Grundschule vermittelt bekommen hat.

  26. @Ludwig Trepl

    »Häufig ist er [der Begriff Darwinismus] in der Biologie natürlich nicht, es ist ja nur ein ganz kleiner Teil der faktischen Arbeit von Biologen, in der dieser Begriff überhaupt vorkommen könnte. «

    Als ich vom „wissenschaftlichen Kontext“ schrieb, hatte ich schlicht die evolutionsbiologische Fachliteratur oder die universitäre Lehre im Sinn. In einem rund 80-seitigen Vorlesungsmanuskript der ETH Zürich (von 2004) zur Evolutionsbiologie z. B. kommt der Begriff nur im Glossar als „Neo-Darwinismus“ vor. Woraus ich schließe, dass „Darwinismus“ in der Evolutionsbiologie allenfalls als Fußnote vorkommt. Das nur zur Erklärung, mit Ihren weiteren Ausführungen dazu bin ich voll einverstanden.

    Angeregt durch Ihren Blog habe ich mal wieder das Büchlein Biologische Anthropologie Erster Teil (dtv, 1972) zur Hand genommen. Darin ist vom Darwinismus sehr viel die Rede:

    Rudolf Bachmann z. B. sieht in seinem Aufsatz „Anthropologische Relevanz der allgemeinen Ontogenie“ (den ich, auch dank Ihnen, inzwischen ganz anders lese als vor über 30 Jahren) den Darwinismus »im Range einer Ersatzreligion des „wissenschaftlichen Menschen“ «. Er möchte den Gegensatz von Kausalität und Finalität auflösen. »Reifung (in einem weiten Sinne) vollzieht sich in kausalen Ketten und zugleich mit einem immanenten Ziel.« (kursiv im Original).

    Das klingt mittlerweile alles sehr vertraut. Interessant fand ich auch Bachmanns Vorbehalte gegen die Antibabypille, aus biologischen und soziologischen (sic!) Gründen (wir befinden uns Ende der 1960er Jahre). Er möchte, dass »die Propagierung der hormonalen Geburtenkontrolle unter dem Aspekt der Möglichkeit einer Zerstörung der Fundamente der gesellschaftlichen Struktur, insonderheit der weißen Rasse, geprüft wird […]«.

    Und ein letztes Zitat aus Bachmanns Aufsatz, diesmal passend zum Thema:

    »Die Zeichen dafür [weitere Primitivierung des Menschen] sind deutlich genug. Annahme der Evolutionslehre im Sinne des Darwinismus läßt einen Abschluss der Evolution mit der „Krone der Schöpfung“ nicht zu. Warum sollten die in der Lehre verankerten „Ursachen“ nicht weiter wirken? Das hat ihre eigentlich konsequenten Verfechter in den Sozialdarwinismus von links (Kautzky) wie rechts (bisheriger Höhepunkt: Nationalsozialismus) geraten lassen, von dessen Lösungen (bzw. „Endlösungen“) nach bewährtem Verfahren sich zu „distanzieren“ dem „reinen“ Wissenschaftler nicht mehr erlaubt werden kann.« (Hervorhebungen im Original).

  27. Herr Trepl

    Im Nationalsozialismus aber ist der Krieg nicht bedauerliches Faktum, sondern er ist das, was sein soll, was dem Leben überhaupt Wert gibt. Und irgendwie ist später ja auch der Neoliberalismus da angekommen: Nicht mehr der im Rahmen von Staaten zum friedlichen Wettbewerb domestizierte Kampf, sondern der hemmungslose globale Kampf jenseits aller ihn zivilisierenden Verträge der Bürger ist das Ideal.
    Wären Sie damit einverstanden?

    Der Ordo- oder Neoliberalismus ist eine Wirtschaftstheorie, der den Sozialgedanken besonders pflegt, sich so vom „klassischen“ Liberalismus absetzt und u.a. die bundesdeutschen Systeme inspiriert hat, Systeme, die sicherlich nicht für die Kriegstreiberei stehen. [1]

    Sie nutzen den Begriff metaphorisch und negativ konnotiert, wahlfrei, anzunehmenderweise auch deshalb, weil es sich nicht so gut anhört bspw. zu schreiben: „Ich hasse den Liberalismus.“

    So wie Sie schreiben, wird heute eigentlich nur am linken Rand, bspw. bei sogenannten Antiimperialisten, und im braunen Lager vorgetragen.

    MFG
    Dr. W

    [1] Zudem sind Sie in einem ordoliberal inspirierten System jahrzehntelang versorgt worden.

  28. NS-Ideol: Konservatismus -> Radikalismus

    Der auf die Gesellschaft übertragene Darwinismus war ja nur eine von anderen geistes- und naturwissenschaftlichen Ideen der damaligen Zeit, die in die NS-Ideologie eingeflossen sind. Mir scheint diese Aufnahme in die NS-Ideologie immer mit einer Radikalisierung verbunden zu sein wobei es darum ging Hass, Rassen- und Herrenwahn gewissermassen wissenschaftlich zu adeln.
    Diese Radikalisierung scheint mir aber zu der von Ludwig Trepl behaupteten Genese des Nationalsozialismus aus dem Konservativismus nicht ganz zu passen. Vor allem gibt es in der NS-Ideologie ein starkes bellizistisches Element und einen spürbaren Drang zur Handlung. Wobei die durch die NS-Ideologie nahegelegte Handlung nicht selten auf die Eliminierung von unerwünschten Individuen und ganzen gesellschaftlichen Gruppen hinausläuft, also eliminatorisch ist.

    In meiner naiven Interpretation des Nationalsozialismus haben Hass, Rassissmus und Ressentiment (Gefühle der Zurücksetzung und ungerechten Plazierung des deutschen Menschen und deutschen Volkes) sich in der NS-Ideologie eine theoretische Basis geschaffen, die als Rechtfertigung für Krieg und Menschenvernichtung dienen sollte.
    Der dahinterstehende Affekt – der Groll, die Auflehnung gegen die Anmassungen nicht-deutscher Menschen gegenüber den doch so edlen Deutschen/Ariern – war schon viel älter als die NS-Ideologie. Die NS-Ideologie schärfte diesen Affekt wie ein Schmied eine Lanze schärft. Die NS-Ideologie sollte gewissermassen Gefühl und Verstand zusammenbringen und damit aus gewöhnlichen Menschen mit gewöhnlichen, irrationalen Gefühlen Heroen der Menschenverachtung machen, die als Werkzeuge eines höheren, gerechten Ziels wirken sollten und die ohne diese Ideologie nur gewöhnliche Rächer und Mörder gewesen wären.

  29. zum Nationalsozialismus

    Die NS-Ideologie sollte gewissermassen Gefühl und Verstand zusammenbringen und damit aus gewöhnlichen Menschen mit gewöhnlichen, irrationalen Gefühlen Heroen der Menschenverachtung machen, die als Werkzeuge eines höheren, gerechten Ziels wirken sollten und die ohne diese Ideologie nur gewöhnliche Rächer und Mörder gewesen wären.

    Der Nationale Sozialismus machte die Teilhaber zum Instrument eines Höheren. Das ist übrigens auch ein gemeinsames Merkmal aller Totalitarismen: Die Täter werden enthemmt und handeln als Instrument eines Höheren.

    Der moderne Nationale Sozialismus, den gibt es auch, verurteilt idR die aus seiner Sicht zum Misserfolg verdammten Maßnahmen der Zeit des 3. Reichs, arbeitet aber mit Visionen wie bspw. der friedlichen Koexistenz jeweils nationalsozialistischer Staaten. Da gibt es einiges an neuer Ideologie, wenn man den sozusagen neuen Nationalsozialisten lauscht. – Was der Schreiber dieser Zeilen aber eher selten tut. Auch weil die Sache, ähnlich wie der Internationale Sozialismus oder der sogenannte Islamismus, aus sich heraus hoch problematisch bzw. verbrecherisch sein muss.

    BTW: Das mit dem ‚Gefühl und Verstand‘ war korrekt angemerkt.

    MFG
    Dr. W

  30. @ Webbaer

    Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen damit aufhören; wir können uns ja über Anderes unterhalten. Sonst antworte ich einfach nicht mehr. Ich bin weder an Definitionen des Konservativismus interessiert, wie sie an CSU-Stammtischen zu hören sind, noch an Definitionen von Sozialismus, wie man sie an einer SED-Parteischule lernt, noch möchte ich mich von einem liberalen Parteihansel darüber belehren lassen, was Liberalismus ist. Was solche Leute von sich geben, ist einfach zu weit von allen Ansprüchen entfernt, die in einer wissenschaftlichen Diskussion nun mal zu stellen sind. Bleiben Sie unter sich, streiten Sie sich meinetwegen mit sogenannten Antiimperialisten und dem braunen Lager, bis Sie schwarz werden, aber mischen Sie sich nicht in ernsthafte Diskussionen ein.

    „Zudem sind Sie in einem ordoliberal inspirierten System jahrzehntelang versorgt worden.“

    Ich hatte jahrzehntelang eher den Eindruck, daß ich das ordoliberal inspirierte System versorge.

  31. Herr Trepl

    Sie werden doch einen

    Ich bin weder an Definitionen des Konservativismus interessiert, wie sie an CSU-Stammtischen zu hören sind, noch an Definitionen von Sozialismus, wie man sie an einer SED-Parteischule lernt, noch möchte ich mich von einem liberalen Parteihansel darüber belehren lassen, was Liberalismus ist.

    …nonkonform liberalen Kommentatoren nicht als ‚Parteihansel‘, gar der bundesdeutschen FDP [1], fälschlicherweise einordnen wollen.

    Zum Ordoliberalismus scheint nun idT alles gesagt oder geschrieben, Sie dürfen gerne bspw. die bekannte Online-Enzyklopädie zur Hand nehmen, die erklärt einiges, auch den vglw. neuen pejorativen Gebrauch des Begriffs ‚Neoliberalismus‘, um den Liberalismus herabzusetzen.
    Fragen dürfen auch gestellt werden, es liegen anscheinend schwerwiegende Missverständnisse vor.

    MFG
    Dr. W (der zwar auch schon zeitweise von bundesdeutscher-ordoliberaler Seite vergütet worden ist, sich aber dafür keineswegs zu schade fühlte)

    [1] es lassen sich im Umfeld des bundesdeutschen real existierenden Liberalismus durchaus auch sozusagen echte Liberale finden, bspw. in Stiftungen oder in parteinahen Organisationen, idT weniger im handelnden Parteifeld

  32. @Geoman @Blume Ideologiefreie Wissenscha

    @ Geoman: „Auch Ihr [@Blumes] Versuch, zwischen wissenschaftlich-empirischer Evolutionsforschung einerseits und ideologischen Deutungen unterscheiden zu können, scheint mir ziemlich naiv.“

    Da hat @Geoman sicher recht. Und doch kann und muß man unterscheiden. Es ist nur etwas komplizierter mit dem Unterschied zwischen Ideologie und Wissenschaft, als die Wissenschaftler meist meinen.

    „Die Ideologie als System von Vorstellungen … unterscheidet (sich von der Wissenschaft darin) …, daß die praktisch-gesellschaftliche Funktion den Vorrang hat gegenüber der theoretischen Funktion (oder Erkenntnisfunktion).“

    Das Zitat ist von Althusser (Ergänzungen von Gasché), kommt also aus einer des Idealismus ganz unverdächtigen Quelle, bezieht sich aber doch auf ein unbedingtes, ideales Ziel von Wissenschaft. Man erkennt, daß Wissenschaft hier normativ verstanden wird. Die deskriptive Formulierung („hat – faktisch – den Vorrang“) verschleiert das. Aber das heißt ja nur, daß dann, wenn die Wissenschaftler sich faktisch an die Norm „Erkenntnis“ halten (was faktisch nie vollständig der Fall ist), man von Wissenschaft als etwas gegen Ideologie gerichtetem sprechen kann, etwas, das Ideologie – diejenigen Systeme von Vorstellungen, die an Erkenntnis letztlich nicht interessiert sind, sondern an der praktisch gesellschaftlichen Funktion, insbesondere der Rechtfertigung von Handlungen u.ä. – kritisiert, durchschaut, auflöst.

    Aber auch die Wissenschaft, die gerade im Moment diese kritische Funktion ausübt, ist ihrerseits von Ideologie nicht frei und kann es nicht sein. Das versteht man gut, wenn man sich die in den empiristisch-positivistischen Wissenschaftstheorien übliche Unterscheidung von context of discovery und context of justification in Erinnerung ruft. Im context of discovery werden ständig (im allgemeinen) ungeprüfte, für selbstverständlich gehaltene, Denkfiguren bereitgestellt, mittels derer man dann den Gegenstand modelliert. Vorzugsweise kommen solche Modelle (oft über Metaphern, oft oder Theorien anderer Wissenschaften) aus dem Bereich, den man „Ideologie als System von Vorstellungen“ nennt und der seinen Grund in einer „praktisch-gesellschaftlichen Funktion“ hat, also etwa die Lebensweise einer bestimmten sozialen Gruppe zu rechtfertigen. Es ist unvermeidlich, daß die empirische Wissenschaft sich dieser Quelle bedient, sie kann ihre Modelle ja nicht ihrem Gegenstand selbst entnehmen.

    Die Norm, nicht Ideologie zu sein, sondern der „Erkenntnisfunktion“ zu folgen, bleibt aber bestehen und die Wissenschaft wird ihr mehr oder weniger gerecht. In diesem Sinne kann man schon sagen, daß es manchmal ordentliche, nämlich ehrlich bemühte, wissenschaftlich-empirische Evolutionsforschung gibt, und anderes mehr „Ideologie“ ist. Haeckel oder Dawkins sind in diesem Sinne eher „Ideologen“, und wer sich sein Leben lang um nichts bemüht als um die Beschreibung und selektionstheoretische Erklärung der Phylogenese einer Schneckengattung, pflegt eher ein „Wissenschaftler“ zu sein, auch wenn er sich gar nicht um die Kritik von Ideologien kümmert. Aber daß Ideologien in seiner Wissenschaft, nämlich im context of discovery, am Werk sind, das ist überhaupt nicht zu vermeiden. Man kann es sich aber bewußt machen.

  33. @Martin Holzherr

    Ich finde das alles richtig, was Sie da geschrieben haben. Aber es ist nicht die Ebene, auf der ich im Artikel argumentiert habe.

    Ihre Argumentation ist im Kern psychologisch. Das ist richtig und deckt eine Menge auf. Bei Sartre (da, glaub’ ich, war’s) habe ich mal eine Argumentation gefunden, wie in der NS-Ideologie der Antisemitismus auf dieser Ebene betrachtet funktioniert. Der Gedemütigte braucht ein Objekt, das noch unter ihm steht (wie der Südstaatler die Schwarzen). In den Juden war aber ein Objekt vorhanden, das zugleich über einem steht. Das der Herrenschicht angehört, die man (eigentlich) haßt, zugleich aber verehrt, ein Objekt, das aber trotz seiner Zugehörigkeit zu den Herren machtlos ist, das gesellschaftlich ein Nichts ist und an dem man seinen Haß auf die Oberen stellvertretend austoben kann. (Juden sind fürs antisemitische Gemeinbewußtsein vor dem NS beides: unterste Unterschicht, nämlich zerlumpte arme Schlucker aus dem Osten, und zugleich Bankiers.) Das fand ich sehr einleuchtend.

    Aber es ist nicht die Ebene, die mich hier interessiert hat, es ist eine sozialpsychologische Erklärung, nicht eine ideologie- oder kulturtheoretische. Ich habe gefragt, wie es denn möglich ist, daß in einem Denksystem, das im wesentlichen klassisch-konservativ war, Elemente aufgenommen werden konnten ganz anderer Herkunft – die da herkommen, wo man als Konservativer immer den Hauptfeind sah, nämlich vor allem aus dem Liberalismus. Wie es z. B. möglich war, daß man sich nach Germanien zurücksehnte wie der typische Konservative des 19. Jahrhunderts, daß man die Großstadt verteufeln konnte und zugleich den technischen Fortschritt feiern, der für den Konservativismus Teufelszeug war. Oder daß man zugleich Heimat als zentrales Ideologem hatte, aber doch die für die konservative Heimatidee so zentrale Überzeugung, daß alle Menschen ein Recht auf ihre Heimat haben, aufgeben konnte.

    Ich habe also nach den – nennen wir’s mal – denkstrukturellen Hintergründen für die Möglichkeit der Radikalisierung, oder richtiger dieser bestimmten Art von Radikalisierung gefragt. Psychologisch erklärbare Radikalisierung an sich gab es, auf der rechten Seite, auch im Rahmen des Konservativismus, ohne Rassismus, ohne Expansionismus; einfach nur in der bekannten Weise, daß man allen alle Rechte abspricht, die nicht von hier sind, den aus den Heimatfilmen bekannten dumpfen Dorf-Radikalismus halt. Wie aber ist die spezifische Art der Radikalisierung möglich, die der NS darstellt? Wie müssen die Welterklärungsmuster beschaffen sein, daß die niederen Gefühle, die es überall gibt, sich in dieser spezifischen Weise bündeln? Da reichen Begriffe wie Nationalismus und Radikalisierung nicht. Das gibt es auch anderswo. Man muß schon z. B. fragen, wie der Begriff der Nation beschaffen ist, welche Relevanz die Idee der Rasse hat, was sich änderte dadurch, daß die religiöse Zugehörigkeit völlig zugunsten der rassischen in den Hintergrund trat, wie man Wesen und Ziel der Geschichte denkt, ob sie überhaupt eines hat, ob man sich für herkunftsbedingt auserwählt hält, es herbeizuführen oder ob das, wie im Denksystem des Liberalismus, gar keine mögliche Denkfigur ist, usw.

    „der von Ludwig Trepl behaupteten Genese des Nationalsozialismus aus dem Konservativismus nicht ganz zu passen“

    Ich habe nur gesagt, daß die übliche Erklärung im linken und liberalen Teil des politischen Spektrums die einer Genese aus dem Konservativismus ist, und zwar im Sinne einer Radikalisierung. Aus Autoritätsgläubigkeit wurde bedingungsloser Gehorsam, aus Fremdenfeindlichkeit die Ermordung der Fremden usw. Ich halte diese Radikalisierungsthese für falsch, meine vielmehr, daß sich im NS Elemente des Konservativismus mit Elementen nicht-konservativer Herkunft kombinierten. Dennoch kann man nicht abstreiten, daß der NS im konservativen Milieu entstanden ist. Es war einfach so, daß diejenigen Bevölkerungsgruppen, die 10 Jahre vorher wie ein Mann konservative Parteien wählten, 1933 so gut wie geschlossen zum NS überliefen, etwa die (protestantischen) Bauern und die Kleinbürger (die Arbeiter radikalisierten sich zu Kommunismus hin, aber es gab – vor 33 – kaum ein überlaufen zu NS, die Lager waren festgezurrt. Und die NS-Ideologen waren nahezu alle vorher konservative Ideologen. Aber dieses Soziologische und Biographische ist eine andere Ebene als die, die mich hier interessiert. Ich frage mich, wie es möglich war, daß in diesem konservativen Denksystem solche Ideen wie Rasse, Technikeuphorie, Weltherrschaft usw. aufgenommen werden konnten.

  34. Wichtich

    ist den Grad der individuellen Eingebundenheit oder Befangenheit („Ideologie“) selbst einschätzen zu können, (auch) das Wissenschaftliche betreffend.

    Da schaut es bei Dr. B idT frickin mau aus. Allerdings wäre der Schreiber dieser Zeilen nicht der Letzte, der diesbezügliche Vorwürfe auf den hiesigen Inhaltegeber werfen würde.

    MFG
    Dr. W

  35. Herr Trepl

    Ganz einfach:

    Ich frage mich, wie es möglich war, daß in diesem konservativen Denksystem solche Ideen wie Rasse, Technikeuphorie, Weltherrschaft usw. aufgenommen werden konnten.

    Durch die Aufgabe eines bewahrenden oder konservativen Denksystems und die Annahme eines progressiven.

    MFG
    Dr. W

  36. Ja und Nein

    @ Herr Trepl

    Mit Ihrer differenzierten Darstellung der Unterscheidung von Wissenschaft und Ideologie liegen Sie sicherlich richtig. Ich wollte – wie immer wenn ich den Eindruck habe, dass jemand hier zu allzu selbstgewiss daher schwadroniert – etwas plakativ darauf aufmerksam machen, dass die Geschichte so einfach nicht ist.

    Bezüglich der Frage, ‚warum die Juden?‘ liegen Sie m. E. aber nicht ganz richtig, denn bei aller NS-Hetze bleibt die Frage, warum das deutsche christlich geprägte (Bildungs-) Bürgertum so wenig Widerstand gegen die Deportationen geleistet hat. Und da gibt es nur eine plausible Antwort: Es hat vom Verschwinden der Juden profitiert, sei es an den Universitäten, in den Anwaltskanzleien, den Arztpraxen oder oder in Handel und Wirtschaft …und und und . Die überwiegende Zahl der Juden ist einfach besser (erfolgreicher) mit dem enormen wirtschaftlichen Aufschwung und dem damit verbundenen rasanten Wertewandel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zurecht gekommen. Die deutsche Avantgarde wurde deshalb im beginnenden 20. Jahrhundert wesentlich von Juden gebildet. Und das hat bei ihren behäbigeren christlichen Zeitgenossen ungeheuren Neid und Missgunst ausgelöst und führte zu einem verheerenden Nationalismus, der sich statt aus Stärke aus Schwäche speiste und am Ende zum mörderischen Antisemitismus führte.

    Zur Lektüre empfehle ich hierzu: Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden?

  37. Niedere Instinkte

    Hinter dem Ausleben der niederen Instinkte kann vielleicht gar kein werteorientiertes Erklärungsmuster gefunden werden , weil es kein wirkliches gibt.
    Vielleicht war eine der Ursachen die profane Lust am Ausleben der niederen Triebe , vermischt mit einer Art kollektiver Sehnsucht nach dem eigenen Untergang, die begleitenden Werte finden sich dann schon.

    Hitler selber hat mal entlarvend gesagt :

    „Gäbe es den Juden nicht , müßte man ihn erfinden“

    Das zeigt , daß es nie darum ging, daß die Juden aus diesem oder jenem Grund minderwertig seien , sondern daß es um eine reine Sündenbock-Funktion ging.

    Womöglich hat die deutsche Gesellschaft Millionen von Menschen hervorgebracht , die in der Vorzeit emotional schwer geschädigt wurden , vor allem durch die seinerzeit übliche innerfamiliäre Gewalt.

    Gewalt erzeugt Gewalt , ohne diese biographischen Aspekte kommt man , glaube ich , nicht weiter.

  38. @ Dr. Webbaer:

    „’Ich frage mich, wie es möglich war, daß in diesem konservativen Denksystem solche Ideen wie Rasse, Technikeuphorie, Weltherrschaft usw. aufgenommen werden konnten.“‘ Ganz einfach: Durch die Aufgabe eines bewahrenden oder konservativen Denksystems und die Annahme eines progressiven.“(

    So einfach ist es eben nicht, sonst hätte man ja einfach zum Liberalismus oder Sozialismus überlaufen können, aber das war ja gerade das, was man aufs Heftigste ablehnte. Weil einem das so zuwider war, war man ja konservativ. Und das konservative Denksystem sollte ja nicht aufgegeben werden. Technikeuphorie und Germanenkult/Naturschwärmerei, Welteroberung und Heimatidee wollte man gleichzeitig haben. Man mußte die Heimatidee so modifizieren, daß man die Heimat dennoch verlassen und sich in der eroberten Heimat anderer ansiedeln konnte. Und den Kosmopolitismus, den man von der progressiven Seite übernahm, mußte man so modifizieren, daß er nicht mehr progressiv war. Den aus dem progressiven Denksystemen übernommenen Technikbegriff mußte man so modifizieren, daß er zum Ursprungs- und Naturkult paßte, womit er aber nicht mehr progressiv war. Daß dies möglich wurde, erlaubte die Idee der Rasse. Dazu gehören die darwinistischen Ideen der Selektion usw., aber die sind inkompatibel mit der Rassenidee, und darum mußten sie uminterpretiert werden.

  39. @Geoman

    Die ökonomischen Interessen erklären sicher einiges. Sie erklären z. B. zum Teil, warum man den deutschen Siedlungsraum nach Osten ausweiten wollte. Aber sie erklären nicht, warum man ihn nicht nach Dänemark ausweiten wollte; in der Zeit des Absolutismus wäre der Gedanke ganz unmöglich gewesen, daß es hier einen Unterschied geben könnte. Es hätte in jener Zeit auch kein Problem gegeben, solche ökonomischen Interessen mit der Heimatidee in Einklang zu bringen, denn es gab diese nicht. Aber im frühen 20. Jahrhundert war das ein Problem, denn diese Idee war ja von zentraler Bedeutung in der Denkwelt, aus der der NS kam und die er auch nicht aufgab: wie kann man es rechtfertigen, anderen ihre Heimat zu nehmen?

    Natürlich sind die Erklärungen, die ich hier versuchte, nicht umfassend, man muß auch die psychologische, die ökonomische, die militärstrategische usw. Ebene einbeziehen. Aber ich habe nun mal zu einer bestimmten ideologie- oder weltanschauungstheoretischen Frage etwas sagen wollen und hätte es gerne, wenn auf diese eingegangen würde und nicht immer nur betont, daß es noch etwas anderes gibt.

    Und was den Antisemitismus angeht: Sie schreiben
    „Bezüglich der Frage, ‚warum die Juden?‘ liegen Sie m. E. aber nicht ganz richtig, denn bei aller NS-Hetze bleibt die Frage, warum das deutsche christlich geprägte (Bildungs-) Bürgertum so wenig Widerstand gegen die Deportationen geleistet hat.“
    Kann da ein wesentlicher Teil der Antwort nicht sein: eben weil es christlich geprägt war? Antisemitismus gehörte zum Christentum seit jeher. Die Frage wäre eher, wie es kam, daß der christliche Antisemitismus zu einem rassistischen wurde, so daß die Alternative nicht mehr Taufe oder Ausgrenzung war, sondern Flucht oder Tod.

  40. @ D. H. Niedere Instinkte

    „Womöglich hat die deutsche Gesellschaft Millionen von Menschen hervorgebracht , die in der Vorzeit emotional schwer geschädigt wurden , vor allem durch die seinerzeit übliche innerfamiliäre Gewalt.“

    Sicher hat die deutsche Gesellschaft das, aber das gilt für die amerikanische Gesellschaft nicht weniger, es gilt für die meisten Gesellschaften und für viele mehr als für die deutsche.

    „Das zeigt, daß es nie darum ging, daß die Juden aus diesem oder jenem Grund minderwertig seien, sondern daß es um eine reine Sündenbock-Funktion ging.“

    Aber warum die Juden und nicht die Hessen? Damit eine Gruppe auf der psychologischen Ebene Südenbock (oder auch Erzfeind, oder …) werden kann, muß sie auf einer anderen, kulturellen Ebene so zurechtgedacht werden, daß sie sich dazu eignet, und da muß festgelegt werden, wofür sie Sündenbock sein kann und in welcher Art mit diesem umzugehen ist. Man muß fragen, was „der Jude“ im NS-Denksystem und in seinen Vorläufern bedeutete, etwa im Unterschied zum „Erzfeind“ Franzose, zum „Untermenschen“ Russe, zum Schwarzen als geborenen Sklaven usw., die alle nicht vernichtet werden sollten, sondern denen man ihren Platz in einer hierarchisch geordneten Welt zuweisen wollte. Diese Unterschiede erklären sich nicht durch Theorien, die sich auf die Entstehung von Gewaltneigungen u. ä. überhaupt richten.

    „Hinter dem Ausleben der niederen Instinkte kann vielleicht gar kein werteorientiertes Erklärungsmuster gefunden werden, weil es kein wirkliches gibt.“

    Ja, das wird wohl so sein. Es gibt den Typ des Marodeurs, der sich in allen Armeen der Welt einsetzen läßt, völlig egal, wofür diese kämpfen. Aber wenn das Ausleben niederer Instinkte zu einem wesentlichen Moment einer politischen Bewegung oder zum Prinzip eines Staates werden soll, dann geht es nicht anders, als daß sie in ein werteorientiertes Erklärungsmuster eingefügt werden. Nur so können Hindernisse beseitigt werden, die dem Ausleben dieser Triebe sonst von werteorientierten Erklärungsmustern in den Weg gestellt werden. Und diese Triebe toben sich sonst nach beliebigen Richtungen aus, wenn sie nicht durch bestimmte Denkstrukturen, etwa rassistische, oder religiöse Fanatismen, in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Ohne diese Kanalisierung ist aber eine politische Bewegung nicht möglich.

  41. Herr Trepl

    Vielleicht kann man sich vorab darauf einigen, dass der Konservativismus, ähnlich wie ein nicht weiter spezifizierter Progressivismus, nicht mit eigenen Denkgebäuden kommt, relativ ist – und sich insofern von den Kollektivismen, dem Liberalismus, der Sozialdemokratie (gemeint ist hier weniger die in D real existierende) und den religiös inspirierten Herrschaftssystemen unterscheidet.

    Der Konservativismus ist, wie an anderer Stelle bereits angemerkt, innen hohl.
    Er ist relativ, er beruht auf Erfahrung, er ist eine Art bewahrende Grundstimmung. Es ist oft richtig konservativ oder bewahrend zu sein, es ist manchmal richtig progressiv zu sein.
    Nur so werden übrigens Beschreibungen möglich wie die der ehemaligen DDR-Führung oder der heutigen iranischen als ‚konservativ‘.

    Auf das Heute bezogen kann es keine Kontinuität vom Konservativismus zum Nationalen Sozialismus geben, früher mag das ein wenig anders gewesen sein, der Schreiber dieser Zeilen zieht aber auch hier die Sicht vor, dass diese früher ebenfalls nicht gegeben war.
    Der relevante Widerstand gegen Adolf war denn auch konservativ oder „rechts“.

    Der Schreiber dieser Zeilen kann in diesem Punkt aber Ihren Ausführungen durchaus folgen, nimmt sie nicht an, aber gerne zur Kenntnis, regt aber auch an diese politische Fragen betreffend die Grenzen der Wissenschaft zu erkennen: „wg. Komplexität“

    MFG
    Dr. W (der, gerade milde gestimmt, so etwas – ‚Das zeigt , daß es nie darum ging, daß die Juden aus diesem oder jenem Grund minderwertig seien , sondern daß es um eine reine Sündenbock-Funktion ging.‘ (zudem: aus anderer Quelle) – gerne unkommentiert stehen lässt)

  42. Aber warum Juden und nicht die Hessen?

    Es gibt hier zurzeit das soziologische Bedürfnis die Verfolgung von Gruppen zu entspezifizieren. Das ZfA bemüht sich zunehmend dementsprechend, Wilhelm Heitmeyer hat hier Maßstäbe gesetzt und insgesamt wird soziologischerseits versucht die gsellschaftliche Gruppenbildung an sich als verwerflich zu kennzeichnen.

    Götz Aly hat sich aber auch um Spezifika bemüht, der Schluss, dass es der vglw. hohe gesellschaftliche Erfolg der jüdisch-deutschen Bevölkerung war, der zur Verfolgung anleitete, scheint aber „ein wenig“ zu kurz gegriffen.
    Die Sache ist komplexer.

    MFG
    Dr. W

  43. D: Die zu kurz gekommene Nation

    Deutschland war schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundets eine oder die führende Nation in Europa. Und hatte in vielen Bereich sogar eine weltweit herausragende Stellung. Es war eine der führenden Industrienation(Exportweltmeister) und in den Naturwissenschaften ganz vorne mit dabei und oft sogar führend ( das wichtigste Publikationsorgan für die internationale Chemieforschung war in deutscher Sprache verfasst). Auch geisteswissenschaftlich oder in Bezug auf Design und Architektur setzte es Masstäbe. Und gleichzeitig war es aussenpolitisch und innenpolitisch erfolglos (kaum Kolonien, keine funktionsierende Demokratie) und wurde zudem durch die Versailler Verträge gedemütigt. Das Scheitern der Weimarer Republik war ein Scheitern der Demokratie. Zudem war Deutschland eine verspätete Nation und die Nationenbildung und die Bildung des „deutschen Volkes“ geschah wohl gerade über die Abgrenzung gegen Fremde im eigenen Land und gegen als Feinde erlebte und als Feinde imaginierte Nachbarn.
    Vieles im NS-Gedankengut war nicht auf Deutschland beschränkt. Die Juden hatten eine ganz ähnlich negativ besetzte Rolle auch in den Nachbarländern. Die Vorurteile und negativen Affekte gegenüber den Juden wurden aber in Deutschland im Nationalsozialismus auf eine neue auch intellektuelle Ebene gehoben. Mit der NS-Ideologie im Hintergrund „wussten“ die Deutschen plötzlich warum die Juden untragbar waren und die Judenfrage nur eine Antwort haben konnte. Die NS-Ideologie schuff Lösungen wo es früher nur Vorurteile und Ressentiments gab indem sie die Vorurteile, das Ressentiment und den Fremden- und Judenhass als gerechtfertigt darstellte und ihr eine wissenschaftliche, oft biologistische Basis gab.
    Sogar die „Weisse Rose“, eine Oppositionsgruppe in der NS-Zeit teilte beispielweise die Meinung, es gebe so etwas wie die Judenfrage. Sie verurteilte lediglich die Lösung der Judenfrage durch Ermordung der Juden, weil das gegen humanistische Ideale verstiess, nicht weil die Judenfrage grundsätzlich ein Hirngespinst war.
    So lesen wir im zweiten Flugblatt der weissen Rose:
    „Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen – nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann. Auch die Juden sind doch Menschen – man mag sich zur Judenfrage stellen wie man will -, und an Menschen wurde solches verübt. Vielleicht sagt jemand, die Juden hätten ein solches Schicksal verdient; diese Behauptung wäre eine ungeheure Anmaßung; aber angenommen, es sagte jemand dies, wie stellt er sich dann zu der Tatsache, daß die gesamte polnische adelige Jugend vernichtet worden ist (gebe Gott, daß sie es noch nicht ist!)? „

    Diese Passage lässt nur den Schluss zu, dass die Judenfrage in Deutschland ein so tief verankterter Begriff war, dass er nicht einmal von der Opposition in Frage gestellt wurde. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich dieser Begriff in Deutschland schon ab 1840 gefestigt hatte. Den Begriff Judenfrage gab es übrigens auch in Frankreich und Deutschland, aber nur in Deutschland setzte sich die Interpretation durch, die Juden gefährdeten die deutsche Nation und die Nationenbildung. Die NS-Ideologie erfand diesen Begriff nicht. Das einzig neue in der NS-Ideologie war es, dass es nun eine Lösung gab für die Judenfrage, nämlich die Judenvernichtung.

    Man kann die Hinwendung zur NS-Ideologie nicht auf individualpsychologische Faktoren zurückführen wie in
    „Womöglich hat die deutsche Gesellschaft Millionen von Menschen hervorgebracht , die in der Vorzeit emotional schwer geschädigt wurden..“.
    Mir scheint vielmehr eine gefühlte Schädigung der deutschen Nation, des „deutschen Elements“ vorzuliegen. Wahrscheinlich haben Millionen von Deutschen sich als Deutsche gedemütigt gefühlt durch die als feindlich empfundenen anderen Nationen und die das „Deutsche“ gefährdenden Juden.

    Deutschland als Nation und später dann in der Wirtschaftskrise war dazumal ein Versager vor allem weil die Politik versagte. Hitler und die NS-Ideologie gaben den gedemütigten Massen wieder eine Perspektive. Und diese bestand in gewaltsamer Zurückeroberung von Stärke, Respekt und gefühlter Überlegenheit.

  44. Herr Holzherr

    Es ist zwar richtig, dass der Versailler Vertrag ungerecht war und den Elementen der seinerzeitigen Sozialismen Vorschub leistete, auch Unterstützung im Bürgertum generierte, unzulässig bleibt aber die Feststellung, dass von der Weißen Rose geleisteter Widerstand die „Judenfrage“ selbst als allgemein akzeptiert und wichtig belegen kann.

    Denn wenn Juden im Rahmen einer Judenfrage niedergemetzelt worden sind, war nun einmal diese „Judenfrage“ zu benennen. Das zu: ‚Diese Passage lässt nur den Schluss zu, dass die Judenfrage in Deutschland ein so tief verankterter Begriff war, dass er nicht einmal von der Opposition in Frage gestellt wurde.‘

    Sie meinen hintergründig vielleicht den Antijudaismus, der Tradition hatte und sich bisweilen in heute so genannten Pogromen und anderen Herabsetzungen ergoss, auch die Ghettoisierung inspirierte. Nicht gut wäre es aber die Weiße Rose dementsprechend aufgestellt als Beleg zu nehmen, dass auch die Opposition involviert gewesen sei, denn der Überbringer der schlechten Nachricht ist nun einmal an der schlechten Nachricht regelmäßig schuldlos.

    MFG
    Dr. W

  45. @Dr. Webbaer: Judenfrage + Weisse Rose

    Die Autoren der „Weisse-Rose“-Flugblätter anerkannten, dass es eine Judenfrage gab, das steht ausser Zweifel. Dies zu ihrer Aussage: „unzulässig bleibt aber die Feststellung, dass von der Weißen Rose geleisteter Widerstand die „Judenfrage“ selbst als allgemein akzeptiert und wichtig belegen kann.“
    Mit der Judenfrage meine ich das, was folgendermassen in der Wikipedia umschrieben wird: “ Juden wurden damit als einheitliche Gruppe identifiziert, die sich entgegen früheren Erwartungen nicht aufgelöst und zur reinen Konfession gewandelt hätten und daher ein Problem für die nationale Einigung bildeten.“

    Wer alle Flugblätter der weissen Rose gelesen hat, weiss, dass die weisse Rose oft aufgrund der allgemeinen humanistischen Ideale und Menschenrechte argumentiert, wobei als Zeugen sogar altgriechische Philosophen herhalten müssen. Damit negiert die Weisse Rose eine Lösung der Judenfrage in Form der Vernichtung der Juden. Doch die Judenfrage an und für sich bleibt bestehen – als Frage, die keine Antwort hat.

    Übrigens bin ich in dieser Interpretation sogar äusserst zurückhaltend. Im FAZ-Feuilleton-Beitrag Judenfeindliche Elite-Junkies unterstellt ein Historiker der Gruppe gar „antidemokratische und antijüdische Vorstellungen.“, was von der FAZ so kommentiert wird:
    „Seine Studie ist hochgradig spekulativ – und wirft dennoch interessante Fragen auf.“

    Weiter liest man in diesem FAZ-Artikel:
    „Richtig ist, daß die Widerstandskämpfer den christlichen Topos von der Zerstreuung der Juden in alle Welt als Strafe Gottes aufgegriffen haben. Allerdings weisen die Formulierungen im zweiten Flugblatt darauf hin, daß die Verschwörer die vermutete Auffassung ihrer Adressaten rhetorisch antizipierten. Daneben muß berücksichtigt werden, daß die Studenten einen schwülstigen, manierierten Stil pflegten, der die Logik ihrer Metaphern und Argumente bisweilen strapazierte. Auch war ihre Wortwahl naturgemäß nicht immun gegen Einflüsse des damaligen Zeitgeistes. Jeden Satz auf die politische Goldwaage zu legen ist unangemessen.“

  46. Es bleibt offensichtlich

    Doch die Judenfrage an und für sich bleibt bestehen – als Frage, die keine Antwort hat.

    … eine „Judenfrage“ bestehen, wenn Tausende von Juden ermordet und der Rest verfolgt wird.

    Es ist richtig, dass es auch heute einigen nicht schmeckt, wenn die Weiße Rose seinerzeit aus einer liberal-konservativen Sicht vorgetragen hat.

    Sie können auch mit Elser vergleichen, dessen links-verquere Sicht lang Zeit nicht so-o gut ankam. Auch Stauffie ist ja irgendwie nicht unschuldig, gell.
    Bei der Weißen Rose hatte man es aber mit jungen, anständigen & unschuldigen Menschen zu tun, die natürlich auch das Vorgefundene zu beschreiben hatten…

    MFG
    Dr. W

  47. Hessen

    Die Hessen eignen sich vielleicht nicht so gut dazu, daß sie sowohl für US-Plutokratie wie für Bolschewismus verantwortlich gemacht werden.

  48. Einfach mal die Klappe halten

    @ Dr. Webbär schrieb:

    „Götz Aly hat sich aber auch um Spezifika bemüht, der Schluss, dass es der vglw. hohe gesellschaftliche Erfolg der jüdisch-deutschen Bevölkerung war, der zur Verfolgung anleitete, scheint aber „ein wenig“ zu kurz gegriffen.
    Die Sache ist komplexer.“

    Äußerst komplex ist die hier von L. Trepl angesprochene Thematik, deshalb kann man nur – wenn man keine Romane schreiben will – zu ’spezifischen‘ Teilaspekten Stellung beziehen.

    Dass Sie aber meinen, Götz Aly’s Argumentation als zu kurz gegriffen zu bezeichnen, ohne das Buch gelesen zu haben, nervt einfach nur.

  49. @Geo

    Dass Sie aber meinen, Götz Aly’s Argumentation als zu kurz gegriffen zu bezeichnen, ohne das Buch gelesen zu haben, nervt einfach nur.

    Das Buch ist gelesen worden, danke für Ihre Nachricht.

    MFG
    Dr. W (Grüße auch an Horst Friedrich)

  50. Dr. Webbaer Konservativismus doppelt

    „Vielleicht kann man sich vorab darauf einigen, dass der Konservativismus, ähnlich wie ein nicht weiter spezifizierter Progressivismus, nicht mit eigenen Denkgebäuden kommt … Er ist relativ …. er ist eine Art bewahrende Grundstimmung.“

    Es gibt in den einschlägigen Wissenschaften (also nicht in der Politik) zwei sehr verschiedene Weisen, „Konservativismus“ zu verwenden.

    In dem einen Fall benutzt man abstrakte Definitionen. Dazu gehört die Definition als „für Bewahrung des Bisherigen“; andere haben es, weniger glücklich, mit „die Herrschaft der bisher Herrschenden verteidigend“ u.ä. versucht. Diese abstrakte Art der Definition hat den Vorteil, daß man von Konservativismus auch bezogen auf die alten Sumerer und Karthager und eventuell die Marsmenschen reden kann, obwohl deren inhaltliche Überzeugungen wenig mit denen eines deutschen Konservativen von 1900 zu tun haben, was wiederum ein Nachteil ist. Ein Nachteil ist aber vor allem , daß man damit den Konservativismus nicht als ein System definiert und darum auch nur schwer die Gesetze seiner Dynamik begreift.

    Die andere Definition wurde in neuerer Zeit vor allem von Martin Greiffenhagen vertreten. Konservativismus ist dann eine konkrete historische Gestalt des Geistes, entstanden zu Beginn der europäischen Moderne und in Opposition zu ihr, sich mit ihr wandelnd und mit Sicherheit dereinst wieder verschwindend. (Mit den Begriffen Sozialismus, Liberalismus, Aufklärung verfährt man übrigens in genau der gleichen doppelten Weise.) Dann ist etwas, das man im alten Persien beobachten kann, vielleicht dem Konservativismus in vielen Hinsichten ähnlich, aber es gehört nicht zum Konservativismus, denn der war damals noch nicht entstanden und hat keine historische Beziehung zu ihm; so wie die Streifen ein Zebra einem Tiger ähnlich machen, es aber doch nicht zum Tiger machen. Verwendet man den Begriff Konservativismus so, dann ist es unvermeidlich, daß man den Konservativismus als sich wandelnd ansieht – alle konkreten historischen Gegenstände wandeln sich –, während im Fälle der ersten, abstrakten Definition Wandel kein Begriff ist, der angewandt werden kann; da wandeln sich lediglich die Gesellschaften, in denen es aber immer Konservativismus gibt, sozusagen als die Haltung, die den Wandel nicht mitmachen will. – Die beiden Begriffe sind kategorial verschieden (Abstraktum – Konkretum). Ich meine den Begriff in der Regel in zweiten Sinne – in der Regel, denn es läßt sich gar nicht vermeiden, ihn auch als abstrakten Begriff zu gebrauchen, nicht nur weil er alltagssprachlich vor allem so gebraucht wird, sondern weil zur Definition des Konkretums Konservativismus Allgemeinbegriffe nötig sind (wie „bewahrend“).

    Der Wandel wird dem Konservativismus von seinem Gegner aufgezwungen, vom Fortschritt. Der ursprüngliche Konservativismus war in seinem innersten Wesen anti-kapitalistisch und sein Hauptfeind war der Liberalismus. Gesellschaftliche Veränderungen führten dazu, daß er im 20. Jahrhundert gemeinsam mit dem Liberalismus den Kapitalismus gegen den zum Hauptfeind herangewachsenen Sozialismus verteidigte. Oder: Der klassische Konservativismus verteidigte die Welt des Adels gegen die bürgerliche Welt, z. B. auch gegen die bürgerliche Familie. Im 19. Jahrhundert wurde aber „das Bürgerliche“ mit dem Kern der bürgerlichen Familie zum Zentrum des vom Konservativismus zu verteidigenden Althergebrachten gegen die alles auflösenden Folgen des industriellen Fortschritts. Usw.

    Insofern haben Sie recht, er ist „relativ“. Das betrifft aber nur bestimmte Inhalte. Da erscheint er als überaus wandelbar, anders als die beiden progressiven Grundrichtungen, die seit über 200 Jahren im wesentlichen immer das selbe verkünden, obwohl man da ja bekanntlich auch einige Unterschiede sehen kann, etwa zwischen Lasalle und Honecker oder zwischen Gibt Baum und Gibt Westerwelle. Aber es gibt einen Strukturkern des Konservativismus, der sich nicht wandelt, und wenn er sich doch wandeln sollte, ist der Konservativismus an sein Ende gekommen. Das Bewahrende ist nur ein Moment darin unter mehreren. Auf diesen Strukturkern will ich aber jetzt nicht eingehen, das bräuchte zu viel Platz.

    Nur wenn man diese kategoriale Doppelbedeutung von Konservativismus vor Augen hat, gerät man nicht ständig in Verwirrung; etwa wenn Honecker konservativ genannt wird, er aber für den Konservativismus alles größter Gegner gilt. Oder wenn man die Grünen zu recht als konservativ bezeichnen, denn nirgendwo (außer im Katholizismus vielleicht) hat sich das Wesen des klassischen Konservativismus besser erhalten, und sie doch zugleich als „links“ einordnet, weil sie ja die bestehende Gesellschaft gerade nicht bewahren wollen. Das wird dann ganz selbstverständlich und ist kein Grund zur Verwirrung mehr.

  51. Judenstaat

    „Aber warum die Juden und nicht die Hessen?“

    Die Juden unterschieden sich in einem wesentlichen Punkt von allen anderen denkbaren Opfergruppen , nicht nur im dritten Reich.

    Sie hatten 2000 Jahre lang keinen eigenen Staat.
    Das macht sie in gleich drei Punkten besonders „attraktiv“ als Zielgruppe:

    Der pogrom-geile Mob sucht Opfer und keine Gegner.
    Denkbar als Opfer sind immer auch Migrantengruppen , je nach Region von unterschiedlicher Herkunft.
    Nur haben diese Migranten in aller Regel ein Herkunftsland oder eine Region , die sie im Notfall wieder aufnehmen wird.

    Gingen wir heute auf die Türken los , könnten diese in Scharen in die Türkei zurückgehen, sie können fliehen.

    Die Juden konnten das nie , sie waren immer auf Gedeih und Verderb den Mehrheiten in den jeweiligen Aufnahmeländern ausgeliefert.

    Ideale Opfer also , der Spießer von nebenan mag es nicht , wenn er beim Massakrieren selbst eins auf die Nase kriegt.

    Hinzu kommt , daß es auch keinen Staat gab , der sich , quasi als Lobby , für seine Auslandsjuden hätte einsetzen können .

    Punkt drei:
    Jede Kultur hat den Drang , die eigene Idendität zu erhalten .
    Durch die Diaspora mußten die Juden dies in der Fremde tun , das muß zwangslaüfig zu einer viel stärkeren Tendenz zur kulturellen Abgrenzung führen . Diese Abgrenzung ist legitim , sie wurde aber von den Mehrheitsgesellschaften wohl oft als Aggression mißverstanden.

    Für einen potentiellen Lynchpöbel sind alle drei Punkte so attraktiv wie das Licht für die Fliegen, und genau aus diesem Grund scheint mir die „hohe“ Zeit des Antisemitismus auch vorbei zu sein , der etablierte Judenstaat ist ein ernstes Problem für alle geifernden Antisemiten.

  52. Juden: Europa stellt Ethnie über Erfolg

    Für die NS-Ideologen waren Juden einerseits Nicht-Arier wie das auch Roma und Sinti waren, andererseits stellten Juden ( nicht nur in Deutschland )  wichtige Berufsgruppen und ein Teil der Juden war Teil dessen, was man heute die Elite des Landes nennen würde ( klar dass sie nicht zur Elite des Volkes gehören konnten, denn sie gehörten ja nicht zum Volk). 
    Schon im Mittelalter wurden Juden unter Sonderrecht gestellt und in ihrer Berufswahl eingeschränkt. Berufe, die den mittelalterlichen Christen verboten waren wie Geldverleiher, waren deshalb exklusiv durch Juden besetzt und  der Begriff des Juden wurde noch in der 4. Auflage des Concise Oxford Dictionary von 1950 in seiner übertragenen Bedeutung als „maßloser Wucherer“ definiert. Im Zwischenkriegsdeutschland gab es ganze akademische Berufsgruppen in denen Juden an vorderster „Front“ arbeiteten, z.B in der Mathematik oder Physik. Hilbert wurde gefragt, ob es denn stimme, dass sein Institut „unter dem Weggang der Juden und Judenfreunde“ leide, worauf er antwortete: „Das Institut – das gibt es doch gar nicht mehr!“, denn sogenannte „Nicht-Arier“ wie Edmund Landau, Richard Courant, Max Born, Felix Bernstein, Emmy Noether, Otto Blumenthal wurden zur Aufgabe ihrer Tätigkeit genötigt. Auch das Theater oder der deutsche Film lebte von den Juden. Trotzdem wurden sie verdrängt oder mit Berufsverbot belegt. Es gab auch viele jüdische Ärzte. Diese wurden am 22. April 1933 die kassenärztliche Zulassung entzogen. Aus heutiger Sicht ein ungeheuere Aderlass, ein Verlust an – wie man heute sagen würde -, humanen Ressourcen. Die These von Götz Ali, die Juden seien unter den Nazis   entrechtet worden , um sie auszurauben, geht in dieser Humanressourcen-Sicht nicht auf. Natürlich gab es einen gewissen Return, wenn sagen wir ein deutscher Soldat, der sich dadurch verdient gemacht hatte, dass er nach einem Progrom auf eine Schar nackter Juden einschoss, bis sich keiner mehr bewegte, als Belohnung das leerstehende Haus eines ermordeten Juden erhielt und er sich bei der Trauung einen Goldring überstreifen konnte, der aus den Goldplomben eines vergasten Juden geschmolzen wurde. Doch das wog den Verlust der jüdischen Elite nicht auf. Die Vernichtung der Juden war für die deutsche Wirtschaft und Wissenschaft trotz diesen  Realkompensationen ein Verlust – ein Verlust, der aber von den Nazis weggesteckt wurde, weil ihnen die Reinheit des Volkes mehr Wert war als der materielle Gewinn durch die Arbeitskraft der Juden.
    Auch die Vertreibung der spanischen Juden durch das Alhambra-Edikt 1492 hatte für den spanischen Staat viele negative Konsequenzen: „Der Staat hatte Mühe, die Steuern einzutreiben, da viele Steuereinnehmer bis hin zum obersten Steuereinnehmer, Abraham Senior, aus der sephardischen Volksgruppe kamen. Es fehlte Kapital für militärische oder wirtschaftliche Projekte und zur Finanzierung von Lebensstil und Luxus der Oberschicht, denn Geldverleih war den Christen verboten. In den Städten fehlten Ärzte und Handwerker. Der Regierung und der Diplomatie mangelten die sprachkundigen, weltgewandten Sepharden mit ihren vielfältigen europäischen Kontakten.“
    Trotzdem geschah es und viele Juden flohen dannzumal in die heutige Türkei, dessen osmanischer Herrscher Bayezid II.  gesagt haben soll:  „Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen“.
    Aber beide Episoden passen sehr gut zu Europa, wo die ethnische  Zugehörigkeit eben wichtiger ist, als der weltliche Erfolg irgend eines Dahergekommenen.Sogar heute fällt es mir nicht schwer mir vorzustellen, dass Deutsche unter sich, sich darüber mokieren, dass die Amerikaner einfach jeden aufnehmen, der Ihnen etwas bringt, selbst wenn es ein paar jüdische Komiker und Regisseure wie Steven Spielberg und Woody Allen sind.

  53. @ Webbaer

    „Es ist zwar richtig, dass der Versailler Vertrag ungerecht war und den Elementen der seinerzeitigen Sozialismen Vorschub leistete …“

    Ich weiß, was Sie möchten, daß der Lesen bei „Sozialismen“ denkt: daß es einen roten und einen braunen Sozialismus gab. Jeder kann aber wissen, daß das Unsinn ist und es einen braunen Sozialismus nicht gab, daß es sich vielmehr beim NS um etwas fundamental anderes handelte. Ich habe Ihnen den Unterschied auch schon erklärt, wenn ich mich recht erinnere, obwohl das nicht nötig sein sollte.

    Sie können hier mitdiskutieren, aber Narrenfreiheit haben Sie auch unter Ihrem Kasperletheater-Tarnnamen nicht. Sie müssen auch den Sozialismus nicht schonen. Aber dann schreiben Sie bitteschön über Stalin und setzen Sie nicht so demagogischen Unfug wie „brauner Sozialismus“ in die Welt.

    Also: Wenn Sie nicht augenblicklich mit dieser Hetze aufhören, werde ich Ihren Stil übernehmen und jedesmal, wenn ich „Dr. Webbaer“ schreibe, in Klammern dahinter setzen: Steht einer Nachfolgeorganisation der NSDAP nahe. Man hat, wie Sie sicher wissen, die FDP der 50er/60er Jahre, speziell die FDP Niedersachsens, als eine Nachfolgeorganisation der NSDAP bezeichnet.

  54. @Christoph Deblon warum nicht Hessen

    „Die Hessen eignen sich vielleicht nicht so gut dazu, daß sie sowohl für US-Plutokratie wie für Bolschewismus verantwortlich gemacht werden.“

    Das trifft wohl das Wichtigste. Aber man darf es nicht so oberflächlich sehen wie es meist geschieht: Juden werden sowohl in der Oberschicht als auch in der Unterschicht als überproportional häufig angesehen, im Grunewald und im Elend des Stetls, an der Wallstreet wie im ZK der Bolschewiki. Es gibt tieferliegende Gründe.

    Das Denken der Moderne, das abstrakte, konstruierende, kritische Denken, das die politischen Philosophien der Aufklärung kennzeichnete, sowohl in der liberalen als auch ein der demokratischen (in der Folge: sozialistischen) Variante, wurde als blasphemisch, als der menschlichen Hybris entsprungen dem „vernehmenden“, nämlich die Botschaft des Schöpfers vernehmenden Denken des gottgefällig lebenden Christenmenschen gegenübergesetzt. Das moderne Denken ist aber letzlich das Denken, das die Botschaft des Christentums seit eh und je zurückwies, das jüdische Denken. Denn das jüdische Denken ist das abstrakte, berechnende Denken, das der heimatlosen Händler, nicht das der Bodenständigen, der Aufbauenden. Judentum und Aufklärung wurden im Konservativismus und seinem Umfeld schon sehr früh identifiziert. Wie weit das strukturell mit dem christlichen Anspruch der Gegenaufklärer und Romantiker zu tun hat, wäre eine wichtige Frage, würde aber hier zu weit führen. Jedenfalls wurde aus dem Gegensatz christlich-jüdisch bald der Gegensatz deutsch-jüdisch, und aus den Religionen wurden Rassen. Alles, was an Haß gegen die Moderne (liberale wie sozialistische Variante) im konservativen, gegenaufklärerischen Milieu aufgestaut war, hatte nun nicht abstrakte Gegner wie Rationalität, Kapitalismus, Demokratie, die man nicht greifen kann, sondern konkrete Gegner, hatte wirkliche Menschen als Gegner, die man nur umbringen muß, und dann ist das Böse aus der Welt: Juden, die das Übel der Moderne verkörperten (auch wenn man ihnen gleichzeitig Rückständigkeit vorwarf, dabei auf ihr Leben im Osten verwies), selbst wenn es so gegensätzlich war wie Bolschewismus und Liberalismus, New York und Moskau. Ein Jude war das alles zugleich, und wenn er nur das eine war (oder nichts von beidem, es gab ja auch deutschnationale Juden), dann verbarg er das andere nur; es gehörte zu seinem Wesen, beides zu sein und es gehörte zu seinem Wesen, das zu verbergen, denn er ist schlau, berechnend – klug, wie die Aufklärung, nicht weise, wie die alte Zeit.

    In Darrés Blut-und-Boden-Buch wurde das alles in einer einheitlichen Theorie über den Gegensatz von zwei (als Rassen aufgefaßten) historischen Grundtypen, nämlich Siedler (Germanen) und Nomaden (Juden, Mongolen, Russen, und die Angloamerikaner, die sich vom Nomadengeist in Gestalt des Liberalismus überwältigen ließen) zusammengefaßt.

  55. Herr Holzherr

    Die These von Götz Aly, die Juden seien unter den Nazis entrechtet worden , um sie auszurauben, geht in dieser Humanressourcen-Sicht nicht auf.
    (…)
    Die Vernichtung der Juden war für die deutsche Wirtschaft und Wissenschaft trotz diesen Realkompensationen ein Verlust – ein Verlust, der aber von den Nazis weggesteckt wurde, weil ihnen die Reinheit des Volkes mehr Wert war als der materielle Gewinn durch die Arbeitskraft der Juden.

    Es war vermutlich ein gewollter Verlust, eine bestimmte Art der Kultur sollte ausgemerzt werden. Juden waren auch begnadete Intellektuelle und Leute wie Heine oder Karl Kraus standen für alles, was Nationale Sozialisten nicht abkonnten. Der jüdische Humor, den auch der Schreiber dieser Zeilen ein wenig teilt, ohne Jude zu sein oder entsprechende verwandschaftliche Beziehungen zu haben, darf ebenfalls für die Nazis als unerträglich angenommen werden.
    Da war also mehr als Neid im Spiel.

    Ob und inwieweit jüdische Teilnehmer am Bolschewismus oder Kommunismus hier eine Rolle spielten, vermag der Schreiber dieser Zeilen nicht zu beurteilen.
    Mit dem russischen Bolschewismus hat sich Adolf anfänglich arrangieren können, auch die bekannte religiöse Herrschaftsphilosophie war für Adolf kein Reizmittel.
    Der Antikapitalismus der Nazis hat dagegen sicherlich eine Rolle gespielt, wurde aber nach dem sogenannten Röhm-Putsch (Röhm war dezidiert sozialistisch aufgestellt, sprach regelmäßig von der ’nationalsozialistischen Revolution‘) zurückgefahren, wohl auch aus Kriegsgründen, aber wohl auch deshalb, weil Adolf selbst nicht fanatisch national-sozialistisch war.

    MFG
    Dr. W

  56. Herr Trepl

    Die andere Definition wurde in neuerer Zeit vor allem von Martin Greiffenhagen vertreten. Konservativismus ist dann eine konkrete historische Gestalt des Geistes, entstanden zu Beginn der europäischen Moderne und in Opposition zu ihr, sich mit ihr wandelnd und mit Sicherheit dereinst wieder verschwindend.

    Der Schreiber dieser Zeilen ist ja kein Deutscher, steht auch nicht der FDP nahe, bezweifelt aber die internationale Tauglichkeit des Greiffenhagenschen Definitionsvorschlags. [1]

    MFG
    Dr. W

    [1] jeweils bezogen auf „westliche“ politische Systeme, die den Ideen der Aufklärung folgen

  57. @Martin Holzherr

    Ergänzung: Es gibt die These – und sie dürfte zutreffen – daß der Aufstieg der USA von einem auf dem Gebiet der Wissenschaft und überhaupt des Geisteslebens völlig unbedeutenden Land (ich habe es oben im Artikel angedeutet) zur auf diesem Gebiet führenden Nation innerhalb weniger Jahre sich ganz überwiegend der jüdischen Immigration in der Zeit des NS aus Europa verdankt.

    Aber: @Geoman hat meines Erachtens anders argumentiert als Sie ihn verstanden haben: nicht, daß der deutsche Staat von der Vertreibung und Vernichtung der Juden ökonomisch profitiert hätte – da haben Sie sicher recht, das Gegenteil ist richtig, die Motivation der Staatsführung kann hier nicht zu finden sein, sie hat sich vielmehr trotz der zu erwartenden Verluste für die Vertreibung und Vernichtung entschieden. Sondern er hat argumentiert, daß es keinen Widerstand im deutschen Bürgertum gegen die Deportationen gegeben hat, weil man sich da versprach, wirtschaftlich zu profitieren – nicht als Staat, sondern als Einzelner. Das scheint mir einleuchtend, wenn es auch nicht besonders viel erklärt. Die Zigeuner hat man ja auch umgebracht, und von denen war nichts zu holen.

  58. @DH

    An allem, was Sie schreiben, mag zwar etwas dran sein, an manchem ist sicher etwas dran, aber es fehlt immer das Spezifische.

    „Die Juden unterschieden sich in einem wesentlichen Punkt von allen anderen denkbaren Opfergruppen …(Sie hatten … keinen eigenen Staat.“

    Den hatten und haben aber auch die Zigeuner nicht. Nun, Sie werden sagen, die wurden nicht weniger verfolgt.(Doch auch die zahlreichen sich abschottenden religiösen Sekten hatten ihn nicht, etwa die Mennoniten. Sie wurden in den Zeiten des religiösen Wahns verfolgt, dann allerdings nicht mehr. Fast überall gab es nicht nur religiöse, sondern ethnische Minderheiten, die keinen Staat hinter sich hatten und nur zum Teil in geschlossenen Gebieten lebten und so sich selbst einen gewissen Schutz verschaffen konnten: die Basken und Bretonen, die Kelten überhaupt, die Rätoromanen, die Sorben und zahlreiche Völker verschiedenster Herkunft auf dem Balkan und in Rußland usw. Sie hatten es alle schwer, aber sie wurden nicht verfolgt wie die Juden, sie beteiligten sich vielmehr gewöhnlich an der Judenverfolgung. All diese Völker oder sonstigen Gruppen „waren immer auf Gedeih und Verderb den Mehrheiten in den jeweiligen Aufnahmeländern ausgeliefert“. „Aufnahmeländern“ stimmt nicht ganz, es waren Mehrheiten in der jeweiligen Gesellschaft. Es gab Juden in Mitteleuropa schon länger als Deutsche in Sachsen, Brandenburg oder Oberfranken, ja, es gibt Juden in „Deutschland“ fast doppelt so lang wie es überhaupt Deutsche gibt. Erst als im Hochmittelalter die Verfolgungen einsetzten, mußten sie in „Aufnahmeländer“ fliehen.

    Es muß also noch etwas anderes sein. Die eine m. E. wichtige Antwort findet man, wenn man sich klarmacht, daß alle außer den Juden Christen waren und daß dies, nicht etwa die Sprache oder das, was man später Volkszugehörigkeit nannte, das bei weitem Wichtigste bei der Identitätszuschreibung war. Die andere wichtige Antwort findet man, wenn man das betrachtet, was man die Moderne nennt und was die Verlierer dieses Fortschrittsprozesses an ihr auszusetzen hatten – und wenn man darauf sieht, daß und wie es möglich war, dies auf die Juden zu projizieren. Verlierer des Fortschritts: Der Antisemitismus war in Deutschland wie anderswo vor allem eine Sache der Bauern und des niedergehenden traditionellen Kleinbürgertums, in den mit der industriellen Moderne verbundenen Schichten, etwa der Arbeiterschaft, spielte er – vor dem Nationalsozialismus – kaum eine Rolle.

    „Jede Kultur hat den Drang, die eigene Identität zu erhalten“

    Keineswegs. Seit über 100 Jahren integrieren sich polnische Einwanderer in die deutsche Gesellschaft und geben sofort die eigene Identität auf, und fast genauso lange geben die deutschen Einwanderer in den USA ihre Identität sofort auf. Und überhaupt haben in der Geschichte unzählige Ethnien ihre Kultur und ihre Sprache zugunsten einer anderen Kultur/Sprache aufgegeben, ob das nun die Kultur/Sprache eines sie aufnehmendes Landes, einer sie unterwerfenden Macht oder eines als überlegen betrachteten fremden Volkes war. Auch heute geschieht das in zahlreichen Ländern: Die bisherige Kultur/Sprache wird zugunsten der angloamerikanischen aufgegeben. – Man muß vorsichtig sein, viele solcher vermeintlich allgemeingültigen Gesetze (Kultur erhalten wollen, Fremde(s) ablehnen, …) verdanken sich einer sehr selektiven Wahrnehmung.

  59. Vor allem

    hatte das deutsche Bürgertum

    Sondern er hat argumentiert, daß es keinen Widerstand im deutschen Bürgertum gegen die Deportationen gegeben hat, weil man sich da versprach, wirtschaftlich zu profitieren – nicht als Staat, sondern als Einzelner. Das scheint mir einleuchtend, wenn es auch nicht besonders viel erklärt. Die Zigeuner hat man ja auch umgebracht, und von denen war nichts zu holen.

    …auch Angst, dass es ihm selbst an die Gurgel geht, so isses halt in sozialistischen Gebilden, der Bürger wird mitschuldig, hat aber auch die berechtigte Furcht selbst eingepfercht und entsorgt zu werden.

    Sie kennen die 10%-Theorie? – Also dass 10% politisch Aktive oder Aktivisten (wir erinnern uns hier der strassenbeherrschenden SA, der national sozialistischen SA – in östlichen Ländern gab es ähnliche Sorgen, auch nach 1945, wobei es hier internatialistische Genossen waren), den „Laden“ übernehmen können?
    Ja, das geht, es geht oder ging u.a. auch im Iran und in den sogenannten Frühlingen.

    MFG
    Dr. W

  60. @Ludwig Trepl

    „Fast überall gab es nicht nur religiöse, sondern ethnische Minderheiten, die keinen Staat hinter sich hatten „

    Ich hatte es im Kopf , habe es aber vergessen , dazu zu schreiben :
    Keinen Staat und keine Region , die bereit wäre , sie aufzunehmen , das kann eine Heimatregion sein oder ein asylgewährendes Land oder Ähnliches.

    Die Juden waren nirgends beliebt und hatten zumindest weniger als andere Gruppen die Chance, zu fliehen , ich denke schon , daß das eine erhebliche Rolle spielt , ich stimme aber zu , daß es sich nicht um die einzige , monokausale Ursache handeln kann .

    „daß alle außer den Juden Christen waren und daß dies, nicht etwa die Sprache oder das, was man später Volkszugehörigkeit nannte, das bei weitem Wichtigste bei der Identitätszuschreibung war.“

    Richtig , es stellt sich aber die Frage , ob die Zuweisung der Andersartigkeit die Verfolgung hervorbringt oder ob sich der Verfolgungswille die Andersartigen sucht und die spezifischen Gründe der Andersartigkeit dabei gar nicht so wichtig sind.

    „Verlierer des Fortschritts“

    Hinzu kommt der in großen Teilen der bäuerlichen Bevölkerung weit verbreitete und tief verwurzelte Anti-Intellektualismus , bekanntlich werden die Juden auch gerne mit hochnäsiger Intellektualität in Verbindung gebracht.

    Das ist auch einer der substantiellen Gründe , warum sich die Juden den häufig so pauschalen Haß verschiedenster Völker zugezogen haben , ich stimme ebenfalls zu , daß es christlich motivierte Gründe und einige andere Motive gibt.

    Auf der anderen Seite wieder sind die Begründungen viel zu absurd in ihrer Verschiedenheit , nur über bestimmte Werturteile kann es nicht ausreichend erklärt werden , daß die Juden einerseits für die Pest , andererseits für die böse Finanzwelt und im NS dann für ihre rassische Minderwertigkeit verantwortlich gemacht werden.

    Es gibt beides , die substanziellen und meist längerfristigen Vorurteile und der in der Regel eher kurzzeitig aufflackernde Wille , sich irgendeinen Grund zurechtzuschustern , um die Juden eben verfolgen zu können.

    „Jede Kultur hat den Drang, die eigene Identität zu erhalten“

    Ihre Kritik an diesem Satz ist berechtigt , so pauschal als „Naturgesetz“ kann man das nicht formulieren.
    Könnte es aber sein , daß die Juden sich irgendwie besonders verpflichtet fühlten , ihre Kultur in der Fremde zu erhalten , weil sie wußten , daß es kein Heimatvolk gab , das diesen Job für sie stellvertretend übernehmen kann?

  61. Die Historie der Judenverfolgung

    scheint hier recht ordentlich wiedergegeben:
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_antisemitism

    Weitere ebenfalls recht ordentlich scheinende Artikel stehen in der Wikipedia bereit.

    Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Juden erst in den modernen gesellschaftlichen Systemen (halbwegs) sicher waren, wobei der Antisemitismus fortbesteht.

    Über die Gründe, warum Juden so unbeliebt waren und teilweise immer noch sind, kann spekuliert werden. Der Schreiber dieser Zeilen wird hier aber nicht das Geschäft der Antisemiten betreiben, darum nur kurz der Hinweis auf die Religion und Kultur (viele Juden sind areligiös, aber kulturgebunden). Das Judentum hat sozusagen eine Menge Inhalt, das macht es zäh und unterscheidet es von anderen Gruppen, nicht schlecht u.a. das Verhältnismäßigkeitsprinzip.

    MFG
    Dr. W

  62. @ Dr. Webbaer:

    „Das hier [nämlich der obige Artikel] erklärt primär den Antijudaismus, oder?“

    Nein. Speziell um den Antijudaismus (d. h. den rassistischen „Antisemitismus“, den werden Sie wohl meinen) geht es im Artikel nicht. Es geht in diesem darum, daß der NS-Rassismus im allgemeinen, anders als meist so dahergesagt wird, nicht „darwinistisch“ gedacht werden kann, denn der Darwinismus hat in seinem Paradigmenkern das liberale Gesellschaftsbild und im Liberalismus ist die Idee der Rasse im Sinne einer Funktionseinheit, insbesondere einer Rassegemeinschaft, auf die der Einzelne verpflichtet ist, nicht möglich.

    „Der Schreiber dieser Zeilen … bezweifelt … die internationale Tauglichkeit des Greiffenhagenschen Definitionsvorschlags.“

    Das ist kein „Greiffenhagenscher Definitionsvorschlag“, sondern eine der beiden Möglichkeiten, Konservativismus und überhaupt alle kulturellen Phänomene zu definieren, und es wurde von zahllosen Leuten lange vor Greiffenhagen bezogen auf zahllose Gegenstände so gemacht. Greiffenhagen hat nur speziell ein Buch zum Konservativismus auf Grundlage einer solchen Definition geschrieben – explizit zum deutschen Konservativismus, aber man kann es mit dem Konservativismus jedes Landes so machen und macht es auch, und dann ergibt sich ein etwas anderes System. Systematisch-methodologisch hat wohl als erster Max Weber herausgearbeitet, was es damit auf sich hat, die Gegenstände der Kulturwissenschaften so oder so zu definieren und gezeigt, warum man es im Prinzip so machen muß wie Greiffenhagen.

    „Nationale Sozialisten“

    Sie können also das Hetzen nicht lassen, darum jetzt, wie oben versprochen, in Ihrem Stil: Dr. Webbaer, der als Liberaler einer Nachfolgeorganisation der NSDAP nahesteht, nämlich der FDP (wenn er auch viel an ihr auszusetzen hat, wie das unter Fanatikern üblich ist: sie haben immer an dem am meisten auszusetzen, dem sie besonders nahestehen), und der wohl deshalb den NSDAP-Führer so vertraut „Adolf“ nennt, begreift offenbar den Charakter der Diskussion in diesem Blog nicht.

    Es geht hier immer um Themen, die auch politisch sind, aber es handelt sich nicht um eine politische Diskussion, d. h. eine Diskussion der Art, wie sie Vertreter politischer Standpunkte untereinander und vor allem vor Publikum führen. Es handelt sich vielmehr um eine wissenschaftliche Diskussion über Politik (die anderen Kommentatoren hier haben das offenbar verstanden, nur Sie nicht). Wer für eine bestimmte politische Richtung werben möchte – wogegen ja nichts zu sagen ist – soll das anderswo tun.

    In der Diskussion der Politiker, der Standpunktbesitzer, der Parteihanseln mit und ohne Parteibuch, versucht man, sich selbst ins rechte Licht zu rücken und die anderen ins falsche. Man will nicht wissen, wie etwas in Wahrheit ist, weil das ja vielleicht den Standpunkt der anderen stärken könnte, sondern versucht, möglichst viele auf seine Seite zu ziehen; man sortiert die anderen, will gar nicht wissen, ob der andere in der Sache recht hat, sondern ob er einen Anlaß gibt, ihm einen Stempel aufzurücken, vielleicht „Marxist“ oder „Linksradikaler“, usw.

    Lieber Dr. W.: So spielen wir hier nicht. Begriffe wie die eben genannten oder auch Liberalismus, Konservativismus usw. sind hier analytische Mittel und Gegenstände der Analyse, nicht Gegenstände der Anbetung und des Hasses. Sie können ja meinetwegen der Ideologie jener Partei, die einst Nachfolgeorganisation der NSDAP war, nahestehen, aber wenn Sie hier mitdiskutieren wollen, dann haben Sie davon abzusehen, daß Sie gerne dieser Ideologie zum Erfolg verhelfen wollen, sondern dann ist sie ein Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung wie jede andere Ideologie auch. Wenn hier einer sich als Kommunist bekennen mag, darf er das tun, aber wenn er auf die Frage nach dem Gulag antwortet: das waren keine Kommunisten, denn die sind definitionsgemäß Humanisten, wenn die Art seiner Argumentation also gar nicht zuläßt, daß am Kommunismus Zweifel aufkommen, dann hat er hier nichts verloren. Er hat vielmehr mit wissenschaftlichem Anspruch z. B. darüber zu diskutieren, ob es in der Idee des Kommunismus eine Logik gibt, die zum Gulag führt. Wenn das herauskommt, kann er immer noch überlegen, ob er weiter Kommunist bleiben will, vielleicht hat er ja bei seinem Ausflug in die Wissenschaft ein Mittel gefunden, wie man jene Logik im Denksystem selbst außer Kraft setzen kann. Bei Liberalen ist’s auch nicht anders.

    Eine Schreibweise wie „Nationale Sozialisten“ oder ein Satz wie: Röhm war Sozialist, weil er „regelmäßig von der ’nationalsozialistischen Revolution’“ sprach, mag in einer Politiker-Diskussion schlau sein, weil gute Demagogie. Denn das Publikum hört „Revolution“, denkt: hab’ ich schon mal gehört, die Sozialisten haben auch Revolution gesagt, also glaub’ ich dem Sprecher, daß Röhm ein Sozialist war, daß also die Sozialisten solche sind wie die Nazis und daß man sie darum bekämpfen muß – ein solcher Satz ist in einer wissenschaftlichen Diskussion verboten, bzw. man muß ihn nicht verbieten, denn wenn man ihn als ein in eine solche Diskussion gehörigen Satz nimmt, ist er sofort als Unsinn zu erkennen. Da hat man vielmehr zu fragen: Was hat denn der Röhm für einen Begriff von Revolution? Was meinten er und seine Parteigenossen mit „Sozialismus“, den sie im Namen führten? Hat das irgendeine Ähnlichkeit mit dem, was man von den Jakobinern über die Sozialdemokraten des 19. Jahrhunderts bis zu den Bolschewiki des 20. meinte? Welcher Begriff von Individuum, welcher von Gesellschaft, welcher von Geschichte steckt da drin? Ist da vielleicht trotz gleicher Wörter das genaue Gegenteil gemeint? Aber das ist ein ganz anderes Geschäft als das des Etikettenaufklebens, mit dem Sie vertraut sind.

  63. Deutsche Juden warenDeutscheStaatsbürger

    Deutsche Juden waren deutsche Staatsbürger
    Deutsche Juden zahlten Steuern, leisteten Wehrdienst und waren Teil der deutschen Wirtschaft und der zeitgenössischen Kultur. Im 19. Jahrhundert gab es zudem die jüdische Emanzipation womit sie auch in mehreren deutschen Staaten mehr Rechte erhielten. „1862 gewährte das liberal regierte Großherzogtum Baden Juden als erster deutscher Staat die uneingeschränkte Gleichberechtigung. Dem folgte 1864 die Freie Stadt Frankfurt…. Im Juli 1869 unterzeichnete Otto von Bismarck das im Norddeutschen Bund von dem Rostocker Juristen und Demokraten Moritz Wiggers erwirkte „Gesetz, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“, das das Judentum mit allen sonstigen Konfessionen gleichstellte“
    Damit eröffneten sich also in der Zeit vor der NS-Diktatur ganz neue Möglichkeiten für Juden mit zum ersten Mal weitgehend freier Berufswahl und viele Juden erreichten in der sich entwickelnden Industrie- und Wissensgesellschaft wichtige gesellschaftliche Positionen.
    Wenn DH schreibt: „Die Juden waren nirgends beliebt und hatten zumindest weniger als andere Gruppen die Chance, zu fliehen“ so erklärt dies nur zum Teil, warum die Juden Deutschland mit dem zunehmenden Einfluss des Nationalsozialismus nicht sofort verlassen wollten. Denn historisch gesehen war ihre Stellung nie besser als kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die Emanzipation der Juden verstärkte allerdings die antisemtisiche Grundstimmung eher. Die NS-Ideologie spielte da mit, richtete sich aber nicht in erster Linie gegen die Juden. Die Wikipedia-Einleitung: „Der Nationalsozialismus ist eine radikal antisemitische, rassistische, antikommunistische und antidemokratische Weltanschauung“ scheint mir einen wesentlichen Punkt auszulassen, nämlich die Deutschland zugedachte Rolle als neue Weltmacht, als Imperium – etwas was Deutschland bis dann ja gerade nicht war (vielleicht war es ja erst Hitler der diesen Weg ging?). Die Nationalsozialisten hatten plötzlich Lösungen für Deutschland als Ganzes wo die andern Parteien nur innergesellschaftliche Kampffelder bearbeiteten und öffneten . Die Lösung war ein geeintes Deutschland, das die ganze übrige Welt als feindlich und als zu unterwerfen betrachtete. Hitler wollte aus deutschen Biedermännern, die ihre Gartenzwerge aufstellten, wilde Hunnen (in der Sicht der Briten, in eigener Sicht wilde Germanen) machen, die es der Welt zeigten. Aus dieser radikalen und totalen Grundhaltung erwuchsen dann radikale Lösungen – Lösungen, die mit der ganzen abendländischen Geschichte brachen, wo es plötzlich kein Halten mehr gab und nichts verboten war. Zu solch radikalen Lösungen gehörte die Endlösung für die Juden. Viele Juden konnten wohl nicht glauben, dass das zivilisierte und industrialisierte Deutschland dazu bereit war.
    Für mich ist deshalb auch der Darwinismus innerhalb des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der radikalen Lösungen zu sehen, welche die NS-Ideologie umsetzen wollte.

  64. @DH

    „Die Juden … hatten zumindest weniger als andere Gruppen die Chance, zu fliehen“

    Ich glaube nicht, daß das stimmt. In all den 1000 Jahren ihrer Verfolgung konnten sie fliehen, außer in der NS-Zeit. Aus Spanien flohen sie überall hin, aus Deutschland nach Ostmitteleuropa und Osteuropa, und später von dort nach Deutschland zurück, nach Westeuropa und Amerika. Es gab immer „Aufnahmeländer“. Aber hat deren Existenz wirklich Auswirkungen auf das Ausmaß der Verfolgung? Wurden die Hugenotten mehr verfolgt oder weniger, weil sie in die protestantischen Länder auswandern konnten? Die Salzburger Protestanten wurden vielleicht nur deshalb vertrieben, weil es Länder gab, die sie aufgenommen haben. Sonst hätte man sie wohl eher geduldet, wenn auch unter üblen Bedingungen. Umgebracht hätte man sie sicher nicht, wenn sie hätten bleiben müssen.

    Sie schreiben „der etablierte Judenstaat ist ein ernstes Problem für alle geifernden Antisemiten“. Das glaube ich auch, aber nicht, weil er Zuflucht gewährt – da sagt der Antisemit doch: Nun erst recht, sollen sie doch dahin gehen, wo sie hingehören. Sondern weil ein wesentlicher Aspekt des Bildes von Juden immer war, daß sie sich nicht wehren; ein sich wehrender Jude war ganz unvorstellbar. Die Verfolgung der Juden rührt auch daher: Sie sind Opfer und nur Opfer (der Haß auf die Russen und der frühere auf die Franzosen ist da ganz anderer Art). Dieses Bild hat sich mit der Gründung des Staates Israel geändert.

    „es stellt sich aber die Frage , ob die Zuweisung der Andersartigkeit die Verfolgung hervorbringt oder ob sich der Verfolgungswille die Andersartigen sucht und die spezifischen Gründe der Andersartigkeit dabei gar nicht so wichtig sind.“

    Daß Gruppen wegen der Andersartigkeit als solcher verfolgt wurden, kommt vor, aber selten. Es sind in der Regel bestimmte Andersartigkeiten gewesen – nicht daß sie anders waren, sondern daß sie in bestimmter Art anders waren, war wichtig.
    Man kann psychologisch dabei vieles erklären. Z. B. daß es in besonderer Not (Pestzeiten) einen Sündenbock brauchte. Oder daß es gut tut, jemanden unter sich zu haben, weshalb die ärmsten weißen Südstaatler die Schwarzen besonders verachteten. Oder daß die Juden als zugleich zur Ober- und Unterschicht gehörige und zudem wehrlose Menschen stellvertretend Zielscheibe des vernünftigen Hasses auf die Unterdrücker wurden, denen man ja sonst nicht beikam. (Der Intellektuellenhaß im allgemeinen hat auch diesen Grund, und die Identifizierung von Intellektuellen und Juden ab dem 19. Jahrhundert zog diese mit da hinein.) – Bei all dem reicht es nicht, daß die Gruppe anders ist, auch nicht, daß sie in bestimmter Weise anders ist, sondern sie mußte in dieser bestimmten Weise konstruiert werden. Die Juden sind reich, sagten die Antisemiten. Faktisch waren sie aber im Schnitt viel ärmer; sie wurden als Reiche konstruiert. Die Russen sind keine Europa überfallende Steppennomaden, aber sie wurden als solche konstruiert. –

    Die Psychologie (ebenso der Verweis auf ökonomische Interessen) zeigt nur Kausalursachen. Menschen handeln aber aus Gründen, und die Gründe müssen vor allem ergeben, daß es gut ist, das zu tun, wozu es einen treibt. Etwas, sei es ein irrationaler Trieb oder eine rationale Überlegung wie in der Ökonomie, treibt in eine bestimmte Richtung. Aber damit ist das Tun noch nicht legitimiert. Der einzelne Triebtäter braucht vielleicht keine Rechtfertigung für seine heimliche Tat, eine gesellschaftliche Bewegung braucht aber schon eine. Das vor allem ist die unverzichtbare Rolle der Ideologien: Sie liefern Begründungen dafür, daß man das auch darf, wozu es einen treibt. Es ist gut, es ist moralisch gerechtfertigt, die Christusmörder zu bestrafen, es ist gut, die Rasse rein zu halten usw.

    Die Ideologien erzeugen aber auch Ziele, die sich psychologisch oder ökonomisch nicht ergeben können, sie legitimieren nicht nur das, was man aus psychologischen Gründen, aus ökonomischem Kalkül oder ökonomischer Gier tun möchte. Die Ideologien rufen Haß und Verachtung da hervor, wo sie ohne eine bestimmte Art der „Weltanschauung“ gar nicht möglich sind; diese erzeugt die Gegenstände überhaupt erst, auf die sich die Triebe, die Interessen richten können. Solange der Antijudaismus christlich war und nicht auf einer Rassenideologie beruhte, war ein getaufter Jude kein Ziel des Hasses mehr, dann aber schon; den Gegenstand „Jude ohne jüdische Religion“ gab es vor dem Rasse-Antisemitismus gar nicht.

    Oder ein geradezu entgegengesetztes Beispiel für die Relevanz der Ideologien: Die Zigeuner wurden über Jahrhunderte noch mehr verfolgt als die Juden. Die Deutschen waren zu Beginn der NS-Zeit wohl mehrheitlich der Meinung, daß man die Juden ausgrenzen, aber nicht, daß man sie umbringen sollte. Gegen das Umbringen der Zigeuner hätten viel weniger Deutsche etwas gehabt. Aber die NS-Ideologie hat das zunächst verhindert: Zigeuner kamen aus Indien, waren Arier, und es gab eine Diskussion unter den Nationalsozialisten, ob „reinrassige“ Zigeuner vielleicht besonders hochwertig sind. Ich weiß nicht, ob man in der Rassentheorie eine konsistente Lösung des Problems fand, wie man dem im Volk vorhandenen Wunsch nach Verfolgung und Ausrottung nachkommen kann (vielleicht daß es eine Möglichkeit gab, sie doch nicht als Arier anzusehen), oder ob man einfach gegen das, was die Rassentheorie verlangt, dem Volkswillen nachkam. Weiß das einer?

  65. Herr Trepl

    Die Frage nach dem Antijudaismus bezog sich auf einen Kommentar, Sie konnten auf das ‚hier‘ klicken. [1]

    Ansonsten, der Nationalsozialismus ist für Sie kein Sozialismus, was ja schön und gut ist, aber den Schreiber dieser Zeilen nur am Rande interessiert, als Einzelmeinung.

    BTW: Ist Nordkorea eher ein sozialistisches oder nationalsozialistisches System?

    MFG
    Dr. W (der es zwar begrüßt, dass Sie ein wenig mehr aus sich herausgehen, der aber auch anrät die Meinung des anderen einfach mal stehen zu lassen)

    [1] immer auch auf farbliche Absrufungen bei im Web verfügbaren Texten achten, hier verbergen sich oft Webverweise

  66. @Ludwig Trepl

    “ Es sind in der Regel bestimmte Andersartigkeiten gewesen – nicht daß sie anders waren, sondern daß sie in bestimmter Art anders waren, war wichtig.“

    Sehe ich auch so , womöglich hat die „konstante“ Andersartigkeit der Juden mit dazu geführt , daß sie überdurchschnittlich häufig ins Visier gerieten , sie waren quasi schon in den Köpfen als potentielles Ziel .

    Daß sich über die tatsächlich vorhandenen Eigenschaften hinaus eine „Konstruktion“ von neuen oder zusätzlichen Verfolgungsgründen ergibt , ist ohne Zweifel richtig , scheint mir aber auch kein Widerspruch zu sein.

    Zuerst die Opferauswahl , dann die Konstruktion oder auch beides parallel zueinander, die Konstruktion angelehnt an die Denkweise und die Themen der Zeit.

    Speziell der behauptete Reichtum der Juden fiel in interessanter Weise zusammen mit dem gut nachvollziehbaren Anti-Kapitalismus der Zeit , der sich aber eben kein konstruktives demokratisches Ventil suchte , sondern eine paranoide , inhumane und destruktive Variante , zumindest bei sehr Vielen.

    Die Suche nach dem , der unter Einem steht , spielt da leider eine erhebliche und unrühmliche Rolle als eine der dauerhaften Ursachen des Antisemitismus , stimme vollständig zu.

    Hochinterssant ist auch , daß selbst Diktaturen ein pseudomoralisches Erklärungsmuster benötigen , um Verbrechen begehen zu können , sie können nicht einfach handeln nach dem Motto „die machen wir jetzt platt“.

    Das deutsche Volk wollte nur eine „durchschnittliche“ Judenverfolgung , ein Aspekt , den man leider oft nicht so deutlich einbringen kann , der aber stimmt.

    Was „Zigeuner oder Juden“ angeht , würde ich vermuten , daß der Wille zum Pogrom beim daran interessierten Bevölkerungsanteil einfach schon abgedeckt war durch die Judenverfolgung im NS , eine weitere Gruppierung war nicht nötig , Viele sind im Übrigen durchaus zufrieden , wenn ihr Hang zum Lynchen stellvertretend ausgeübt wird.

  67. @Martin Holzherr

    „Die NS-Ideologie spielte da mit, richtete sich aber nicht in erster Linie gegen die Juden. „

    Weiß nicht , der Antisemitismus in seiner Vernichtungsvariante ist zwar keine Erfindung der Nazis , spielte aber von Anfang an eine herausragende Rolle im NS.

    Mit Ihrem Hinweis auf das deutsche Streben nach dem Status einer Großmacht sprechen Sie einen Punkt an , der in der Diskussion über den NS ganz allgemein völlig übersehen oder viel zu wenig gewürdigt wird.

    Die Deutschen hatten zur NS-Zeit wohl tatsächlich das Potenzial , ein Großreich zu gründen und nach den Maßstäben der Zeit war das auch (noch) nicht verwerflich, in seiner „herköömlichen“ Form , nicht in der vorgetragenen , verbrecherischen.

    An dieser Stelle scheint mir ein wesentlicher Grund dafür zu liegen , daß so Viele ihre eigentlich irgendwo vorhandenen Bedenken beiseite gedrückt haben.
    Insbesondere nationalkonservative Kreise haben sich wohl in besonderer Weise blenden lassen von der Verheißung eines deutschen Imperiums , stellvertretend dafür stehen die stramm konservativen militärischen Führungskreise , und sie haben dabei ihre konservativen Werte wohl nicht so sehr modifiziert als viel mehr beiseite gewischt – allerdings steckt in der Verschärfung des Obrigkeits-Staates durch die Form des Führer-Staats ein Stück konservativer Radikalisierung.

  68. @DH: Darwinismus + Kampf gegen alle

    Sie schreiben: „Die Deutschen hatten zur NS-Zeit wohl tatsächlich das Potenzial , ein Großreich zu gründen und nach den Maßstäben der Zeit war das auch (noch) nicht verwerflich, in seiner „herköömlichen“ Form , nicht in der vorgetragenen , verbrecherischen.“

    Unter der Kriegsknechtschaft in der Deutschland nach dem 1. Weltkrieg in der Interpretation von Hitler und vielen Deutschen stand und mit den damals sich gegenseitig belauernden Nationalstaaten als Umfeld war die Gewinnung von Lebensraum im Osten, den Hitler anstrebte, auf keinen Fall ein Vorstoss in ein Vakuum, sondern fast zwangsläufig mit einem Krieg verbunden, der sich ähnlich schrecklich entwickeln konnte, ja musste, wie der 1. Weltkrieg.

    Hitlers Interpretation des damaligen Kampfs zwischen den Nationen um Macht und Imperien als Kampf zwischen Menschenrassen (Sozialdarwinismus(?)) sollte einem unter den damaligen Umständen tollkühnen und selbstmörderischen Plan zur Machtexpansion des eigentlich unterlegenen Deutschlands eine wissenschaftliche und damit allgemeingültige Grundlage geben und damit die Sorgen und Ängstlichkeit des Individuums überwinden. Das Individuum war in der NS-Ideologie nur noch ein Exemplar eines Superorganismus namens deutsche/arische Rasse und sein Glück oder auch Unglück war mit dem Schicksal dieser Rasse verbunden.

    Ohne den NS-ideologischen Unterbau waren die Absichten Hitlers zur Machtausdehung und Unterwerfung des Ostens unter den damaligen Umständen leicht als unverantwortlich, ja verbrecherisch erkennbar, denn sie waren nur mit brutaler Gewaltanwendung realisierbar, die sowohl das eigene als auch fremde Völker treffen würde. Ist der Einzelne aber nur noch ein Organ eines Volkskörpers ist, dann kann für diesen Volkskörper gut sein, was für den Einzelnen tödlich ist. Die NS-Ideologie wollte also – wie jede Ideologie und viele Relgionen – den Einzelnen in etwas Grösserem aufgehen lassen und ihm gewaltige Opfer im Namen des grösseren Ziels abverlangen.

  69. @ Holzherr deutscher Imperialismus

    Sie weisen auf die Relevanz des deutschen Imperialismus für die NS-Ideologie hin. Sie argumentieren, daß daraus eine „totale Grundhaltung“ und „radikale Lösungen“ erwuchsen. Dieser Imperialismus hat sich in der Tat augenfällig vom vorherigen, wilhelminischen unterschieden: Nicht mehr nur eine Weltmacht unter mehreren, sondern die einzige. Dann schreiben Sie: „Für mich ist deshalb auch der Darwinismus innerhalb des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der radikalen Lösungen zu sehen, welche die NS-Ideologie umsetzen wollte.“

    Die Frage ist, was das heißt. Hat der Darwinismus hierbei eine unverzichtbare Rolle gespielt, hat er überhaupt eine Rolle gespielt? Wäre dieser totale Imperialismus ohne den Darwinismus oder, gleich auf der Ebene der politischen Ideologien betrachtet, ohne die liberalistischen Weltanschauung nicht möglich gewesen? Ich habe ja argumentiert, daß die NS-Ideologie gerade nicht darwinistisch war. Aber es ist nicht so einfach. Denn man muß unterscheiden: War die NS-Ideologie darwinistisch? Sicher nicht. War der Darwinismus eine Voraussetzung dafür, daß die NS-Ideologie entstehen konnte, auch wenn die darwinistischen Denkfiguren in ihr so umgedeutet wurden, daß sie das gerade Gegenteil von Darwinismus waren? Da wird es schwieriger.

    Sehen wir uns die biologischen Theorien an. Der NS-Ideologie entsprachen ihrer Struktur nach biologische Sukzessionstheorien, die dezidiert nicht darwinistisch waren (siehe oben). Die Frage wäre aber: Hätte die Umdeutung von Theorien über Lebensgemeinschaften, die deren Entwicklung wie die Entwicklung eines Organismus sahen, in Theorien des Kampfes von Gemeinschaften um Raum stattfinden können, wenn es nicht eine mächtige biologische Theorie gegeben hätte, die überhaupt den Kampf zum wichtigsten Prinzip des Lebens gemacht hätte?

    Oder sehen wir uns die politischen Theorien um den Imperialismus an (Raum-Theorien). Es fällt zunächst auf, daß der Kolonialismus/Imperialismus des 19. Jahrhunderts im wesentlichen eine Sache der Liberalen war, nicht der Konservativen. Bismarck stand den ökonomisch begründeten Forderungen der Liberalen, endlich auch in die Kolonialpolitik einzusteigen, ziemlich verständnislos gegenüber. Wichtig war für ihn die Aufrechterhaltung der alten, vor-bürgerlichen Herrschaftsverhältnisse und zu diesem Zweck des Austarierens der Kräfte in Europa. Und anderen ihr Land zu nehmen, paßte nicht gut ins konservative Weltbild, zu mächtig war da die Idee der „Einheit von Land und Leuten“.

    So gesehen scheint es tatsächlich so, daß es einer modernen (liberalen) Weltsicht bedurfte, damit ein imperialistisches Denken überhaupt möglich wurde. Dennoch: Die Ideologien, die dann ab der wilhelminischen Zeit die imperialen Ambitionen Deutschlands trugen, waren konservativ und hatten mit dem liberalistischen Imperialismus, wie er vor allem die englische (und später US-amerikanische) Politik bestimmte, wenig gemein; der deutsche Imperialismus war, seinem Selbstverständnis nach, nicht nur wie dort die Begleitpolitik zum Geschäftsleben, da ging es immer um Höheres, um ein „deutsches Wesen“, das um Herrschen bestimmt ist und der Welt das Heil bringen soll – gerade gegen den niederen Geschäftgeist der Angloamerikaner.

    Und auf diesen konservativen Ideologien baute die NS-Ideologie auf, sie waren die in den Kreisen/Schichten, die den entstehenden NS trugen – von den Bauern über die niedergehenden Kleinbürger bis zu den arbeitslosen Offizieren –, die völlig selbstverständliche Weltsicht. Eine Volksgemeinschaft, die zugleich eine Rasse war, sollte die Weltherrschaft erringen und so die Geschichte zum vom Uranfang an vorherbestimmten Ende bringen. Das sind Gedanken, die dem Liberalismus unmöglich sind. So wie die Denkfiguren darwinistischer Herkunft ins Gegenteil umgedeutet werden mußten, so auch die Denkfiguren liberalistischer Herkunft auf dem Gebiet der imperialistischen Politik. Die Gedanken liberalistischer (und entsprechend darwinistischer) Herkunft haben die Radikalisierung der deutschen imperialistischen Politik nicht bewirkt (für sich hätten sie einen Imperialismus von der Art des englischen gefördert). Erst in ihrer Umdeutung – die gleichzeitig eine Umwandlung der konservativen Ideologien war, in die sie sich (dann in ihr Gegenteil verkehrt) einfügten – konnten sie die Radikalisierung fördern. Das liberalistische (darwinistische) Denken hätte es gar nicht erlaubt, in den Juden eine „Rasse“ zu entdecken, was aber die Voraussetzung war für die Politik der Ausrottung; das konservative Denken hätte die Ausrottung ebenfalls nicht erlaubt. Erst durch eine bestimmte Verbindung von Elementen, nach der aber die Elemente nicht mehr das waren, was sie vorher waren, wurde das möglich.

  70. @Trepl: Hitler erfand die Rasse

    Hitler scheint von Beginn weg von der Überlegenheit des Deutschen/Germanischen überzeugt gewesen zu sein, so wie viele seiner deutschsprachigen Zeitgenossen. Das scheint mir im Zentrum seines Denkens zu stehen. Darum herum hat er dann den Rassismus, den Glauben an das Ariertum und den Antisemitismus angelegt. Wenn er nationalkonservative Kreise damit ansprach, dann wahrscheinlich weil dieser Glauben an die Suprematie des Deutschen auch dort verbreitet war.
    Sie schreiben: „War der Darwinismus eine Voraussetzung dafür, daß die NS-Ideologie entstehen konnte, auch wenn die darwinistischen Denkfiguren in ihr so umgedeutet wurden, daß sie das gerade Gegenteil von Darwinismus waren? Da wird es schwieriger.“

    Mir scheint eher, dass die Evolutionstheorie und gesellschaftliche Interpretationen dieser Theorie wie der Sozialdarwinismus dazumal in allen Köpfen steckten. Hitlers Buchtitel „Mein Kampf“ zeugt jedenfalls davon und in diesem Buch kommen Begriffe wie „natürliche Selektion“ und „Überlebenskampf“ sehr häufig vor.

    Die Idee der Rasse, die so zentral für die NS-Ideologie ist, hat mit dem Darwinismus, also der Evolutionstheorie, am wenigsten oder gar nichts zu tun. Wenn es diesen Begriff nicht schon vorher gegeben hätte, könnte man den Rassenbegriff als die wichtigste Erfindung oder Konstruktion Hitlers bezeichnen. Dieser Begriff ist deshalb so zentral für Hitler, weil nur dieser Begriff es erlaubt die Herausgehobenheit des Ariertums/Germanentums auf eine quasi wissenschaftliche Grundlage zu stellen.
    Und wenn er menschliche Rassen mit Tierarten vergleicht macht Hitler – wie auch viele seiner Zeitgenossen – einen kapitalen Denkfehler: Unterschiedliche Rassen innerhalb einer Spezies – soweit sie überhaupt relevant sind – sind niemals mit unterschiedlichen Tierarten gleichzusetzen. Doch genau das macht er (Zitat mein Kampf):„Die Folge dieses in der Natur allgemein gültigen Triebes zur Rassenreinheit ist nicht nur die scharfe Abgrenzung der einzelnen Rassen nach außen, sondern auch ihre gleichmäßige Wesensart in sich selber.
    Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger usw., und der Unterschied kann höchstens im verschiedenen Maße der Kraft, der Stärke, der Klugheit, Gewandtheit, Ausdauer usw. der einzelnen Exemplare liegen. Es wird aber nie ein Fuchs zu finden sein, der seiner inneren Gesinnung
    nach etwa humane Anwandlungen Gänsen gegenüber haben könnte, wie es ebenso auch keine Katze gibt mit freundlicher Zuneigung zu Mäusen.“

    Wenn Hitler schreibt, „Es wird aber nie ein Fuchs zu finden sein, der seiner inneren Gesinnung nach etwa humane Anwandlungen Gänsen gegenüber haben könnte“ so meint er damit im übertetragenen Sinn, dass nie ein Jude einen Deutschen/Arier gleich sehen und behandeln wird und umgekehrt.
    Doch verschiedene Tierarten mit verschiedenen Varietäten von Menschen zu vergleichen ist geradezu absurd, obwohl es ein häufiger Denkfehler ist, den heute noch viele machen (so meinte ein früherer Mitschüler auf meine Behauptung, Menschen seien insoweit besondere Säuger, als sie schnell bereit seien Artgenossen zu töten, dass dies doch Tiere auch machen. Er sah also einen gleich grossen Unterschied zwischen verschiedenen Menschen wie zwischen verschiedenen Tieren).

    Fazit: Die Suprematie des Deutschen/Arischen stand im Zentrum des Hitlerschen Denkens. Fast alles andere ergibt sich aus diesem Grundgefühl.

  71. @ webbaer

    „der Nationalsozialismus ist für Sie kein Sozialismus, was ja schön und gut ist, aber den Schreiber dieser Zeilen nur am Rande interessiert“

    Er ist nicht für mich kein Sozialismus, er ist keiner. Sie haben es halt nicht begriffen. In scilogs betreibt man, wie reduziert auch immer, Wissenschaft. In der Wissenschaft versucht man herauszufinden, wie dies oder jenes ist, nicht, was die Meinung von diesem und jenem ist, um ihnen ein Etikett aufzukleben, so daß man sie dann entweder tolerieren kann oder verhindern, daß sie Einfluß gewinnt. So macht man es in der Politik, aber eben nicht in der Wissenschaft. „Die Meinung des anderen einfach mal stehen zu lassen“ geht hier nicht, das ist das A und O des wissenschaftlichen Geschäfts: Man versucht, herauszubekommen, welche Meinung im Recht ist.

    Zum Thema NS/Sozialismus. Nein, die NS ist kein Sozialismus, sondern eine Form des Liberalismus. Denn wie hätte es sonst kommen können, daß die FDP eine Nachfolgeorganisation der NSDAP war? Wie kamen all diese Nazi-Bonzen darauf, gerade in der FDP ihre neue politische Heimat zu sehen, wenn sie nicht eine tiefe innere Ähnlichkeit gespürt hätten? Und hatten sie damit nicht recht? Waren sie nicht mit den Liberalen einer Meinung darin, daß der Hauptfeind die Roten sind? Da war man viel besser aufgehoben als bei den Christdemokraten, denn deren katholische Soziallehre ist doch bereits ein bißchen sozialistisch. Und reden denn die Liberalen nicht immerzu von Freiheit, so wie wir, die Nazis? Mußten bei uns die Kinder nicht das Gedicht „Lever düd as Slav“ (oder so ähnlich) lernen? Haben wir nicht den Dittmarschen-Freiheitskampf gefeiert? – Das ist zwar nicht meine Meinung (Sie müssen sich also gar nicht bemühen, „sie einfach mal stehen zu lassen“), aber wenn man auf Ihrem Niveau diskutiert, kann man durchaus auch zu dieser Auffassung kommen.

    „Ist Nordkorea eher ein sozialistisches oder nationalsozialistisches System?“

    Ich war noch nie dort, aber ich vermute: weder – noch. Es ist wohl ein System, wie es in Asien die letzten paar tausend Jahre hindurch häufig vorkam. Die Regierungsform ist eine Familiendynastie, aber damit ist es nicht eine Monarchie von der Art der europäischen, eher eine Art Gottkönigreich, wie man es schon im alten Mesopotamien fand, oder so etwas ähnliches. Mit dem Nationalsozialismus hat es selbstverständlich überhaupt nichts zu tun; nach allem, was ich über die dortige Staatsideologie weiß, besteht da keinerlei Ähnlichkeit und schon gar nicht gibt es eine historische Verbindungslinie. Aus Europa hat es gewisse Einflüsse aufgenommen, aber anderer Art, solche, die aus der sozialistischen Tradition kamen und über die angrenzende Sowjetunion dorthin gelangten.

  72. @Martin Holzherr

    „Die NS-Ideologie wollte also – wie jede Ideologie und viele Relgionen – den Einzelnen in etwas Grösserem aufgehen lassen und ihm gewaltige Opfer im Namen des grösseren Ziels abverlangen.“

    Das war wohl eine wesentliche Voraussetzung für die spätere Bereitschaft , mit in die Katastrophe zu gehen und überhaupt für diese heute so bizarr anmutende , hysterische Unterwerfung , selbst durch intelligente Leute.
    Der Krieg um Lebensraum im Speziellen aber war den allermeisten Zeitgenossen wohl eher unbekannt – wer hatte schon „Mein Kampf“ gelesen? – und damit nicht vorhersehbar.

    Aber selbst wenn ,dann wäre der Krieg gegen Russland womöglich nur als „herkömmlicher“ Krieg erwartet worden , mit der im Krieg üblichen Gewaltanwendung , das Aufgehen des Einzelnen im Ganzen hätte wohl auch diese „Perspektive“ ausgehalten.

    Darüberhinaus war der Vernichtungskrieg gewollt , aber nicht zwingend notwendig für einen militärischen Sieg , ich würde eher sogar vermuten , daß die verbrecherische Durchführung ein wesentlicher Grund für die Niederlage war.

  73. @Trepl: NS: weder Liber- nochSozialismus

    Die Nationalsozialisten wollten eine Volkspartei sein und pflegten dazu eine Volksgemeinschaftsideologie. Der Liberalismus – den sie als Geistesverwandten vermuten – war dagegen zu Hitlers Zeit bereits nicht mehr in der Lage alle oder auch nur weite Schichten der Gesellschaft zu erreichen, denn diese bestand in Deutschland vorwiegend aus Bauern und Industriearbeitern, Volksschichten also, die wenig vom Liberalismus zu erwarten hatten. Wenn es viele Vorstellungen aus dem Konservativismus im Nationalsozialismus gibt, dann, behaupte ich einmal, war ein wichtiger Grund dafür, dass der Nationalsozialismus und Hitler beim deutschem Volk verstanden werden wollten, denn Hitler suchte einen Resonanzboden, er war  ein Populist. Das war teilweise eine Reaktion auf die vielen Splitterparteien, die während der Weimarer Republik entstanden und die die Regierungsarbeit wegen Streitigkeiten immer mehr blockierten und damit wesentlich zum Zerfall der Weimarer Republik beitrugen. Obwohl zuerst auch eine Splitterpartei war schon am 25. Punkteprogramm der aus der deutschen Arbeiterpartei hervorgegangenen NSDAP klar, dass sie auf Zuspruch der Zukurzgekommenen, sich ungerecht behandelt Fühlenden, hart arbeitenden Bevölkerung abzielte. Zu den Punkten gehörten:
    allgemeine Arbeitspflicht,  „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“, „Brechung der Zinsknechtschaft“, „Einziehung aller Kriegsgewinne“,  „Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe“, „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“, „Ausbau der Altersversorgung“, „Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung“, „Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende“, „eine unentgeltliche Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke“, „Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation“.
    Dass die FDP die Nachfolgepartei der NSDAP sein soll, passt überhaupt nicht zu diesem Programm und lässt sich auch nicht aus der späteren Post-NS  Parteimitgliedschaft der früheren NSDAP-Mitglieder ablesen: 50 waren bei der CDU, 20 bei der CSU und 30 bei der FDP. 
    Fazit: Hitler zielte mit seiner uns heute wirr erscheinenden Ideologie auf das breite Publikum ab – auf ( fast ) jeden Stimmbürger. Wenn es viele Versatzstücke aus dem Konservativismus und Naturalismus in der NS-Ideologie gibt, dann wohl vor allem darum, weil die dahinterstehenden Gedanken von vielen Deutschen intuitiv verstanden wurden und Hitler sie damit auch für seine radikaleren Ideen gewinnen konnte, denn diese erschienen nun als logische Fortsetzung des Altvertrauten.

  74. @ Martin Holzherr weder Lib-

    „Der Liberalismus – den sie als Geistesverwandten vermuten ….“

    Nein, das vermute ich nicht, das wäre absurd. Ich habe es nur hingeschrieben, um dem @Webbärchen zu zeigen, wohin seine Art der Argumentation führt.

    Zum Rest des Kommentars in Kürze.

  75. @ Martin Holzherr Hitler erfand Rasse

    Im Großen und Ganzen stimme ich Ihnen zu, aber einiges paßt doch nicht ganz:

    „Die Suprematie des Deutschen/Arischen stand im Zentrum des Hitlerschen Denkens. Fast alles andere ergibt sich aus diesem Grundgefühl.“

    1. (nur nebenbei) Hitler als Person ist nicht so wichtig, er war politischer Führer, aber die NS-Ideologie war eine breite Strömung unter den Intellektuellen der Zeit, die hat nicht die Person Hitler sich ausgedacht.
    2. Die Überlegenheit des Eigenen – des Eigenen der jeweiligen Nation oder der Europäer insgesamt – stand nicht weniger im Zentrum des Denkens der Engländer, der Amerikaner, der Franzosen jener Zeit. Daraus ergab sich dort aber nicht eine Art nationalsozialistischer Ideologie (auch wenn es dort nationalsozialistische Gruppen gab). Die Überlegenheit der Europäer war seit der frühen Neuzeit in Europa Gemeingut, allerdings war „die Europäer“ da ein kultureller Begriff, hatte nichts mit einer „weißen Rasse“ zu tun, das ist eine spätere Erfindung. Aber selbst wo man später „Europa“ mit „weißer Rasse“ identifizierte, führte das nicht unbedingt zu einer Ideologie, die der der Nazis gleicht. Die Idee der „weiße Rasse“ war vermutlich in den USA stärker als in Deutschland, aber die USA wurden nicht nationalsozialistisch. Der Südstaaten-Rassismus hat einen ganz anderen Charakter als der völkische Rassismus in Deutschland. Es muß also etwas komplizierter sein.

    „Mir scheint eher, dass die Evolutionstheorie und gesellschaftliche Interpretationen dieser Theorie wie der Sozialdarwinismus dazumal in allen Köpfen steckten. Hitlers Buchtitel ‚Mein Kampf’ zeugt jedenfalls davon und in diesem Buch kommen Begriffe wie ‚natürliche Selektion’ und ‚Überlebenskampf’ sehr häufig vor.“

    Ja, die steckten in allen Köpfen, das schrieb ich ja auch kürzlich in einem Kommentar. Aber in den Köpfen, in denen die NS-Ideologie entstand, bedeuteten Begriffe wie „natürliche Selektion“ und „Überlebenskampf“ etwas völlig anderes als in der Darwin’schen Theorie und auch in den nicht-konservativen Formen des Sozialdarwinismus (da gab es liberale und sozialdemokratische Varianten). Das ist es, was ich oben im Artikel zu sagen versucht habe.

    Die Köpfe, in denen die NS-Ideologie entstand, waren Köpfe von Konservativen; es war vor allem die sog. konservative Revolution, die hier relevant ist, aber auch andere Strömungen des Konservativismus, die sich vom klassischen Konservativismus, wie er um 1800 entstand, abzusetzen begannen. Die Fixpunkte des Konservativismus aber blieben Fixpunkte. Das war vor allem der Begriff der dem Individuum vorgängigen organischen Gemeinschaft, die es gegen das zersetzende, individualistische Denken der Moderne, ob nun in der liberalen oder der demokratischen-sozialistischen Variante, zu verteidigen galt. Individuum und Freiheit waren auch hier höchste Werte, aber es waren radikal anderer Begriffe von Individuum und von Freiheit. Der Konservativismus verteidigte das Individuum gegen die Gleichmacherei, sei es die liberale, sei es die sozialistische, und die Freiheit – die Freiheit, so zu leben, wie es dem durch Natur und Tradition bedingten eigenen Wesen entspricht, gegen die Tyrannei des Geldes, des Nutzendenkens, der äußerlichen gesellschaftlichen Zwänge usw.

    Die Rassenlehre erlaubte es, all dies zu biologisieren: Dieses moderne zersetzende Denken ist das jüdische Denken. Wo das zersetzende Denken der Moderne gesellschaftlich bestimmend geworden ist (wie vor allem in den westlichen, angloamerikanischen Ländern, aber im 20. Jahrhundert auch in Rußland), liegt das am Einfluß der Juden. Der Sieg des Kapitalismus über den Feudalismus (das, was der Konservativismus von seinem Beginn mit Gegenaufklärern wie Adam Müller usw. an rückgängig machen wollte) wurde zum Sieg des ortlosen Geldes über die Bodenständigen, die den Boden Bebauenden, die im Boden Verwurzelten. Der Kapitalismus war der Sieg des Geistes der „Semiten“, der nomadischen Rasse, die als Händler-Rasse das räuberische Wesen der umherziehenden Viehtreiber in die Moderne hinübergerettet hat.

    Der NS-Rassismus stellte zwar auch, aber nicht nur die „Herausgehobenheit des Ariertums/Germanentums auf eine quasi wissenschaftliche Grundlage“, d. h. eine biologische Grundlage. Das tat der in England usw. verbreitete Rassismus auch. Entscheidend scheint mir vielmehr, daß er das, wogegen der Konservativismus von seinem Beginn an war – die moderne Welt, die im Gefolge der Aufklärung entstandene Welt – biologisch erklären konnte und damit eine biologische Lösung des Problems bieten konnte: die Vernichtung der biologischen Träger des Denkens, das in konservativer Sicht die Welt in den Abgrund treibt.

  76. Wozu noch Historie?

    Reinhart Koselleck wies schon 1971 („Wozu noch Geschichte?“) nach, dass „die Geschichte“ ein totalitäres Konstrukt („Weltgeschichte“) im Zuge der Aufklärung war, an die bis heute alle abendländische verschulte Menschen glauben. Stattdessen gab es vor dem 18. Jh. nur „Geschichten“ (so wie heute noch bei den Jäger-und-Sammlern, den einzigen intelligenten Menschen auf diesem agrarischen Planeten).
    Heute ist „Geschichte“ (auch als Unterrichtsfach) praktisch nur noch ein Terrorinstrument, um all jene Leute fertig zu machen, die (angeblich!) keine — oder aber die „falschen“ — Geschichten haben…
    Dies ist „unsere“ Geschichte in 10 Sekunden: Sesshaftigkeit => Kain ermordet Abel (Jäger-und-Sammler) => Juden (Mörder wie Moses, David, etc.) => Christen => Muslime (inkl. Talibans) => Protestanten => Kapitalisten & Banker => Kommunisten-Marxisten => Nationalsozialisten => Hollywood => Atombomben (Teller, Oppenheimer, Kim Jong Un) => Neonazis etc.
    Wann hört endlich dieser wahnsinnige beschnitten-traumatisierte Blödsinn überall auf???

    Das Komplexeste, was die Natur je hervorgebracht hat, sind jagende Schamanen…

    Und diese sind schon längst unterwegs (auch in der Türkei als altanatolischer Mondgott…): youtube.com/watch?v=XlbCP92XMEM

  77. @ Martin Holzherr Hitler erfand Rasse

    @ Martin Holzherr
    Ich glaube, daß das, was Sie schreiben, zum Teil die Politik der NSDAP (nicht „Hitlers“) erklärt, aber nicht die Entstehung der nationalsozialistischen Weltanschauung .

    Politische Weltanschauungen kommen nicht dadurch zustande, daß politische Führer Macht wollen und zu diesem Zweck sich etwas ausdenken, mit dem sie möglichst viele hinter sich versammeln können. Politische Weltanschauungen entstehen aus dem Leben der verschiedenen sozialen Schichten und Klassen heraus. Sie deuten die Lebenserfahrungen, die sie aus ihrer speziellen Perspektive machen, vor dem Hintergrund und unter Umdeutung schon bestehender Weltdeutungen (etwa christlicher) so, daß die Welt für sie verständlich wird und daß ihre jeweiligen Interessen und Handlungen dadurch legitimiert werden.

    Der Liberalismus etwa entstand ganz natürlich aus der Lebenssituation der aufsteigenden Kapitalistenklasse heraus. Der Begriff des Individuums und der individuellen Freiheit, der hier zentral ist, entspricht dem, wie ein „Unternehmer“ die Welt erfährt: Als einzelner (Eigentümer) steht er einer Welt anderer Einzelner (Konkurrenten, Geschäftspartner) gegenüber, und sein oberstes Interesse ist es, frei seinen Interessen folgen zu können, unbedrängt durch traditionelle Standesschranken, Zunftregeln usw. Das ergibt eine ganz andere Weltsicht als sie einer hat, der im Rahmen einer feudalen „Hauswirtschaft“, sei es als Gutsherr, sei es als seine Frau, sein Diener oder Arbeiter lebt; da ist man nicht freier Einzelner, sondern Glied in einem organischen Zusammenhang, dessen hierarchische Ordnung durch Gott (und Tradition, Natur) legitimiert ist.

    Das ist bei den anderen politischen Weltanschauungen auch nicht anders, und bei der NS-Ideologie auch nicht. Die Nationalsozialisten wollten nicht, wie Sie schreiben, „eine Volkspartei sein und pflegten dazu eine Volksgemeinschaftsideologie.“ Sondern die Volksgemeinschaft war das, was Sie überhaupt wollten, weshalb sie überhaupt gegen die Parteien des Fortschritts, die Gemeinschaft durch Gesellschaft ersetzen wollten, eingestellt waren, weshalb sie überhaupt Politik machten und Macht haben wollten. Hätte es diese Bedrohung für die „Volksgemeinschaft“ nicht gegeben, hätte gar kein Anlaß bestanden, zu handeln.

    Auch die NS-Ideologie bringt das Lebensgefühl breiter Schichten zu einer bestimmten Zeit zum Ausdruck, allerdings nicht „des deutschen Volkes“, vielmehr stand ja vor der Machtübergabe mehr als die Hälfte des Volkes auf der anderen Seite, hing dezidiert als feindlich betrachteten Weltanschauungen an, und zwar aus Gründen, die vor allem aus ihrer sozialen Lage herrührten, aber auch mit den Denktraditionen und politischen Traditionen, in denen die jeweiligen sozialen Gruppen standen.

    Solche sozusagen spontan entstandenen Weltanschauungen pflegen nach einiger Zeit von Theoretikern (politischen Philosophen u. a.) als konsistente Systeme ausgearbeitet zu werden. Solche Theoretiker sind fast immer ganz andere Leute als die politischen Führer – die können so etwas gar nicht. Ihre Rolle ist eine ganz andere. Daß manche politische Führer auch Bücher schreiben (Hitler, Lenin …) ändert daran nichts. Diese Texte sind auf dem Gebiet der politischen Philosophie ganz unerheblich, sie würden gar nicht beachtet, wenn die Verfasser nicht politische Führer wären.

    Die politischen Führer sind Führer der Parteien, die sich auf Grundlage solcher politischer Weltanschauungen und als Vertretung von Gruppeninteressen gründen. Die Führer machen Tagespolitik. Dabei müssen sie ein schwieriges Geschäft bewältigen: Sie müssen Dinge tun, die die Ideologie eigentlich verbietet. Die befreundeten Ungarn und Japaner, die doch als Nicht-Arier eigentlich unter den russischen Untermenschen stehen müßten, mußten zu Ko-Herrenmenschen erklärt werden. Auf Südtirol mußte Deutschland zugunsten des verbündeten Italien verzichten. Mit dem Hauptfeind, den „Bolschewisten“, mußte ein Pakt geschlossen werden, usw. Dabei durften aber doch die Zentralstücke der Ideologie nicht aufgegeben werden; dies nicht nur, weil die Führer sonst ihre Machtbasis gefährdet hätten, sondern weil sie selbst daran glauben, weil in der Ideologie alles ausgesprochen ist, was ihnen wichtig ist und was ihnen unhinterfragbare Selbstverständlichkeit ist. – Man darf sich nicht täuschen lassen von dem Politiker-Typ, der in jüngster Zeit aufgekommen ist und der Politik als „Job“ betrachtet; wo man überlegt, in welcher Partei man Chancen des Aufstiegs hat, und in die geht man dann. So etwas war bis in die 70er Jahre kaum möglich und in den 20er Jahren ganz unvorstellbar.

    Ihr Fazit „Hitler zielte mit seiner uns heute wirr erscheinenden Ideologie auf das breite Publikum ab – auf ( fast ) jeden Stimmbürger“ ist daher sehr problematisch. Jede der Großideologien und der zugehörigen Parteien (sofern sie nicht erklärtermaßen nur die Vertretung von Partikularinteressen waren wie die Bauernparteien) zielte auf „alle Stimmbürger“, denn jede muß sich als Vertretung des allgemeinen Interesses darstellen, sonst hat sie ein Legitimationsproblem. Die Arbeiterparteien sprachen für die Sache der Menschheit, die Konservativen sowieso, auch wenn sie nur Adelsinteressen vertraten, aber die Interessen des Adels fielen eben mit den wahren Menschheitsinteressen zusammen, und bei den Liberalen, der Partei des Kapitals, ist es ebenso. Alle zielen auf „das breite Publikum ab“, auch wenn sie nur die Interessen eines Teils der Gesellschaft vertreten. Aber verankert waren die Nationalsozialisten waren nur in bestimmten Schichten verankert, im wesentlichen Bauern und Kleinbürgertum; die konnten sich etwas versprechen von der NSDAP. Und diese Schichten wählten vor dem 1. Weltkrieg und bis in die 20er Jahre hinein konservative Parteien, vor 1933 (in nicht-katholischen Gegenden wenigstens) fast geschlossen die NSDAP (die Arbeiter und die Großbürger wählten sie fast geschlossen nicht), und genau die gleichen Schichten, die gleichen Leute wählten nach 1945 völlig geschlossen die CDU, die Arbeiter wählten sie ebenso geschlossen nicht. Das weiß ich noch aus eigener Erfahrung.

    Was Sie an Forderungen der NSDAP aufzählen („Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung“, „Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser“ …) und für einen Trick halten, um die Stimmen der „Zukurzgekommenen“ zu bekommen, paßt fast alles in den konservativen Antikapitalismus von Anfang an, seit 200 Jahren; das mußte man sich nicht ausdenken, um Stimmen zu fangen, das gehörte zu den Selbstverständlichkeiten im konservativen Lager, ist dem der NS entstand. Bis auf die Forderung nach „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“, die vor 200 Jahren als gegen den Adel gerichtet im Konservativismus nicht möglich war. Aber nun wurde sie möglich, weil sie sich nun antisemitisch begründete. Die mit dem des arbeits- und mühelosen Einkommen waren nicht mehr die Adeligen, sondern die Juden. Sie wurden identifiziert mit dem Finanzkapital, dem „raffenden“ Kapital, während das „deutsche“ Kapital „schaffendes“ Kapital war und ein deutscher Unternehmer selbstverständlich kein „arbeits- und müheloses Einkommen“ hatte, ebensowenig wie ein deutscher Gutsherr.

    Nachbemerkung: All das gilt für „normale“ politische Verhältnisse, wie wir sie seit der Aufklärung in West- und Mitteleuropa haben. Unter den Bedingungen eines totalen Staates gilt es wohl nicht mehr. Nach einigen Jahren NS-Herrschaft stand tatsächlich „das ganze Volk“ hinter der NSDAP.

  78. Herr Trepl

    Zum Thema NS [Nationalsozialismus]/Sozialismus. Nein, die [der] NS ist kein Sozialismus, sondern eine Form des Liberalismus. Denn wie hätte es sonst kommen können, daß die FDP eine Nachfolgeorganisation der NSDAP war? Wie kamen all diese Nazi-Bonzen darauf, gerade in der FDP ihre neue politische Heimat zu sehen, wenn sie nicht eine tiefe innere Ähnlichkeit gespürt hätten?

    Diese spezifische, vielleicht auch typisch deutsche politische Sicht, vielleicht die des Traditionslinken, nennen Sie Wissenschaft?

    MFG
    Dr. W (der nur rhetorisch anfragte, es ist schon interessant, wie der Konservativismus, der Liberalismus & der Nationalsozialismus hier völlig anders verstanden wird, als vom Autor dieser Nachricht gewohnt – immerhin scheint man sich bzgl. des Ökologismus (vs. sinnhaftes Bemühen um die Versöhnung von Natur und Primaten) einig)

  79. @ Dr. Webbaer:

    „Diese spezifische, vielleicht auch typisch deutsche politische Sicht, vielleicht die des Traditionslinken“

    Welche Sicht meinen Sie denn, die typisch deutsch und außerdem die des Traditionslinken ist? Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Kommentar eine Sicht wiedergegeben zu haben.

  80. Schon klar, Herr Trepl,

    Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Kommentar eine Sicht wiedergegeben zu haben.

    …für Sie ist es ‚Wissenschaft‘. – Wobei die Wissenschaft aber mit Provisorien und Theorien („Sichten“) arbeitet, aber das soll hier nicht weiter stören.

    War das mit dem Ökologismus korrekt verstanden?

    MFG
    Dr. W

  81. @ Webbaer

    Noch mal: Welche Sicht meinen Sie denn, die typisch deutsch und außerdem die des Traditionslinken ist? Meine Sicht, die Sicht eines anderen, den ich zitiert habe? Die von irgend jemand, über den wir uns einmal unterhalten haben? Und was ist der Inhalt dieser Sicht? Und was meinen Sie mit „für Sie ist es ‚Wissenschaft'“? Was ist für mich Wissenschaft?

    Ich hab nichts gegen Rätsel, aber man muß doch eine Chance haben, sie zu lösen.

  82. Lieber Herr Trepl

    Welche Sicht meinen Sie denn, die typisch deutsch und außerdem die des Traditionslinken ist?

    Die Sicht die weiter oben (Ja-a, hier klicken, das Zitat steht am Anfang der hier verwiesenen Nachricht) mit zwei Vielleicht angefragt worden ist?

    Meine Sicht, die Sicht eines anderen, den ich zitiert habe?

    Es könnte Ihre Sicht gewesen sein, sofern Sie nicht auf die übliche Quellenarbeit verzichtet haben.

    Die von irgend jemand, über den wir uns einmal unterhalten haben?

    s.o.

    Und was ist der Inhalt dieser Sicht?

    Was verstehen Sie nicht von dem, wie Sie zitiert worden sind?

    Und was meinen Sie mit „für Sie ist es ‚Wissenschaft'“? Was ist für mich Wissenschaft?

    Ischt ein wichtiger Punkt. Da Sie anscheinend zu einem beträchtlichen Teil auch politisch-philosophisch unterwegs sind und waren, ist das unbedingt zu klären.
    Zum bisher hier zur Kenntnis genommenen Geisteswissenschaftlichen:
    Es ist weich (Klicken!). Der Physiker ist am anderen Ende der Härteskala. Sie dürfen gerne annehmen wissenschaftlich vorgetragen zu haben, abär es wird schnell an Grenzen gestoßen, gerade im Politischen. Der Webbaer wäre der Letzte, der bspw. liberale Wirtschaftstheorien als ‚wahr‘ einstufen würde, allerdings als begrenzt tauglich für die wissenschaftliche Betrachtung. D.h. nicht, dass man es nicht tun soll, das Politische wissenschaftlich zu betrachten, sondern dass man hier an Grenzen stößt, auch an die Grenzen zur nackten, oft eigenen Meinung.

    Alles, was sich außer-tautologisch um die Wahrheit bemüht, also Naturwissenschaften und so, nähert sich ihr mit wechselndem Erfolg nur an, es wird denn auch bewusst mit Provisorien gearbeitet, mit Theorien oder Sichten und man falsifiziert ganz bevorzugt (was bei Meta-Theorien oft nicht geht).

    Das Wesen der Wissenschaft betreffend geht man hier sicherlich weitgehend konform?!

    MFG
    Dr. W (den noch eine kurz vorgetragene Meinung zum Ökologismus interessieren täte)

  83. @ Webbaer

    Also Sie scheinen mit der „Sicht“ zu meinen „der NS ist kein Sozialismus, sondern eine Form des Liberalismus.“ Nun, diese Sicht gibt es ungefähr so häufig wie die, daß der NS eine Form des scholastischen Universalienrealismus oder des Salafismus ist, es gibt sie also gar nicht; ich habe sie jedenfalls noch nie bemerkt. Ich habe das ja nur geschrieben, um Ihnen zu zeigen, zu welchen Absurditäten Sie mit der Art Ihres Argumentierens kommen können. – Daß es (siehe oben im Artikel) im Konservativismus üblich ist, den NS als eine Ausgeburt der Moderne aufzufassen, also letztlich jener Verirrung namens Aufklärung, ist etwas anderes. Denn in der Tradition der Aufklärung stehen ja sowohl Liberalismus als auch Sozialismus, und diese konservative Sicht geht nicht dahin, den NS als eine Variante des Liberalismus oder des Sozialismus, sondern des sie beide umfassenden progressiv-aufklärerischen Denkens aufzufassen.

    Daß die FDP als eine Nachfolgeorganisation der NSDAP bezeichnet wurde, hatte nichts damit zu tun, daß man den NS für eine Form des Liberalismus hielt, das tat niemand, sondern einfach damit, daß sich in der FDP weit überproportional alte Nazis sammelten (auch wenn das Milieu der NSDAP-Wähler im wesentlichen mit dem der CDU identisch war, jedenfalls in protestantischen Gegenden). Die Erklärung „waren sie nicht mit den Liberalen einer Meinung darin, daß der Hauptfeind die Roten sind?“ war nicht eine Sondermeinung der „Traditionslinken“, vielmehr dürfte es keinen geben, der dieser Erklärung widerspricht. Im Kalten Krieg stellten sich die alten Nazis so gut wie geschlossen auf die Seite „des Westens“, und der wurde durch die FDP gut repräsentiert.
    Das „Und reden denn die Liberalen nicht immerzu von Freiheit, so wie wir, die Nazis?“ war eine Spitze gegen Ihre Art der Argumentation: Irgendein Wort heraussuchen, das in beiden Ideologien vorkommt (z. B. Sozialismus oder Freiheit) und daraus auf Identität schließen, ohne sich die Mühe zu machen herauszufinden, ob hinter dem gleichen Wort nicht vielleicht vollkommen verschiedene Begriffe stecken. Daraus, daß die Nazis immerzu von Freiheit redeten, werden Sie ja wohl nicht schließen wollen, daß Nazis Liberale waren: „Freiheit“ sagen heißt gar nichts, man muß fragen, was für ein Begriff von Freiheit dahintersteckt.

    Was Sie mit Ihren Ausführungen zu „Wissenschaft“ sagen wollen, verstehe ich nicht. Sie sagen, Sie wären „der Letzte, der bspw. liberale Wirtschaftstheorien als ‚wahr‘ einstufen würde“, weil es sich da und Geisteswissenschaft handeln würde, und die seien anders als die Physik „weich“. Da würde ich widersprechen. Die Frage der Wahrheit hat nichts mit dem zu tun, was hier mit „Härte“ gemeint ist. Wissenschaftliche Wirtschaftstheorien gleich welcher politischen Ausrichtung haben nicht weniger als physikalische Theorien den Anspruch, wahr zu sein und nicht falsch, und man kann auch eine physikalische Theorie nicht „als wahr einstufen“ – sie ist halt momentaner, und auch als vorläufig gewußter Stand der Erkenntnis derer, die sie für wahr halten (was mitunter alle Wissenschaftler sind, und dies in der Physik häufiger als in den Sozialwissenschaften, was aber über die Nähe zur Wahrheit gar nichts besagt). Die Wahrheit kennen wir nicht, sie ist nie gegeben, immer nur aufgegeben, egal auf welchem Gebiet.

    Nun kann sich ein liberaler Theoretiker mit einem konservativen oder einem marxistischen streiten, welche der Theorien wahr ist. Aber darum geht es in diesem und in meinen anderen Blog-Artikeln bisher nie (glaub ich, vielleicht ist’s doch mal vorgekommen). Sondern es geht immer nur um die Struktur und die Funktionsweise von politischen Weltanschauungen wie Konservativismus usw., soweit sie mit der sog. Ökologie-Diskussion zu tun haben. Nicht ob es gut ist, in Traditionen zu leben, frage ich, sondern ich versuche festzustellen, warum diese Auffassung im Konservativismus von zentraler Bedeutung ist und wieso ihr im Liberalismus widersprochen werden mußte; nicht ob die liberale Auffassung für Freiheit die richtige ist und die konservative falsch, frage ich, sondern worin sie sich unterscheiden und wie es zu diesen Unterschieden kommt; usw. – Aber auf diese Fragen lassen Sie sich nicht ein, ich vermute Sie verstehen gar nicht, wie man so etwas fragen kann. Sie wollen immer nur wissen, wozu man sich bekennt und ob man das zu recht tut. Das können Sie meinetwegen machen, aber das ist hier nicht das Thema, und in keinem wissenschaftlichen Zusammenhang ist es zulässig, sich zu weigern, Struktur und Funktionsweise der Denksysteme zu untersuchen, denen man selber zuneigt.

    Meine Meinung zum Ökologismus wollen Sie wissen? Einfach meine Texte lesen. Was verstehen Sie denn da nicht?

  84. Herr Trepl

    Die Sicht, dass der Liberalismus bzw. die diesen implementierenden Systeme zum Nationalsozialismus führen können, wenn er nicht im „guten“ Sozialismus endet, ist marxistisch-leninistisches Allgemeingut.
    Der Nationalsozialismus sozusagen als Endausprägung des Liberalismus, so wurde es im real existierenden Sozialismus gelehrt im politischen Unterricht bzw. in der politischen Agitation.
    So selten ist diese Sicht nicht, es gibt auch heute in D noch Medien, die derart verlautbaren, bspw. die Junge Welt, die auch bolschewistischen Sichten Platz bietet.

    Aber gut, Sie meinten es nicht so, kannten nach Ihren Angaben nicht einmal diese Sichtenbildung.

    Ansonsten klar, die FDP hatte anfänglich nationalliberale Tendenzen, hatte nicht immer, also auch heute nicht, das beste Personal, wer will darüber streiten?
    Die FDP ist Hauptgrund dafür, dass es in D wenige Liberale gibt.


    Das Wesen einer wissenschaftlichen Theorie ist aus konstruktivistischer Sicht nicht deren Wahrheit, sondern deren Befolgen der wissenschaftlichen Standards, der wissenschaftlichen Methode, und deren empirische Adäquatheit.
    Diese (Meta-)Sicht muss nicht durchgehend utilitaristisch sein, denn es wird durchaus (weiter) nach dem geforscht, was letztlich da ist, was man auch Wirklichkeit oder Wahrheit nennen kann, auch wenn diese Begriff begrenzt konstruktiv im o.g. Sinne sind.

    Allerdings führen diese Annahmen auch zum Konzept der Weichheit oder Härte. Ihr Kommentatorenfreund hält die Politologie für weich, teilweise sogar für extra-weich.

    Was leider auch dazu führt, dass politische Systeme wissenschaftlicherseits nicht als richtig erkannt werden (können), im Sinne einer Wahrheit, sondern bestenfalls als gerecht im sozialen Sinne.
    Die Annahme bspw. des Liberalismus kann also letztlich nur durch eine Art Glaubensentscheid erfolgen.


    Die Nachfrage zum Ökologismus mag Sie gestört haben, schreiben Sie doch regelmäßig gegen ihn an, sie war auch eher rhetorisch gemeint, denn wenn I.E. weder der Liberalismus, der Konservativismus, noch der Ökologismus etwas taugen, bleibt nicht mehr so viel übrig. Und auf das Übriggebliebene wollte Ihr Kommentatorenfreund hinaus: Was wäre das genau?

    MFG
    Dr. W

  85. Dr. Webbaer Konservativismus doppelt

    „Die Sicht, dass der Liberalismus bzw. die diesen implementierenden Systeme zum Nationalsozialismus führen können, wenn er nicht im „guten“ Sozialismus endet, ist marxistisch-leninistisches Allgemeingut.“

    Stimmt, sogar führen müssen war eine Zeitlang (30er Jahre) eine sehr verbreitete Meinung. Und dafür sprach damals ja auch einiges – so viel, daß etliche jüdische Intellektuelle der Meinung waren, es gebe nur noch die Wahl zwischen NS/Faschismus und Kommunismus, weshalb sie sich dann für den letzteren entschieden, obwohl sie gar keine Marxisten waren.

    „Sie meinten es nicht so, kannten nach Ihren Angaben nicht einmal diese Sichtenbildung.“ Wie bitte? Natürlich kenne ich das, aber darum ging es doch gar nicht. Wenn der Liberalismus bzw. der Kapitalismus zum NS führt, dann ist dieser doch nicht eine Variante des Liberalismus oder umgekehrt. Der Liberalismus führte zum Konservativismus, denn dieser ist historisch eine Reaktion auf jenen (bzw. auf die realen Entwicklungen, die der Liberalismus guthieß und die er nach Meinung der Konservativen hervorrief). Aber darum ist der Konservativismus doch nicht eine Variante des Liberalismus oder umgekehrt.

    Die Sache mit der Wissenschaft und der Wahrheit lassen wir lieber; das ist schon ein wenig komplizierter.

    „wenn I.E. weder der Liberalismus, der Konservativismus, noch der Ökologismus etwas taugen, bleibt nicht mehr so viel übrig.“

    Ich verstehe. Da haben mich mal wieder enttarnt: dann muß ich ja wohl Sozialist sein. Stimmt, bin ich, aber habe ich Ihnen nicht schon mal geschrieben, daß ich Konservativer bin und daß ich die Grünen wähle? Wenn ich’s mir genau überlege, bin ich sogar Liberaler. Es gibt halt so manches, was in Ihr simples Schubladensystem nicht hineinpaßt. Nun werden Sie denken, daß ich dann halt irgendwo zwischen den Schubladen einzusortieren wäre – Hauptsache einsortieren. Es scheint für Sie nicht vorstellbar, daß es Leute gibt, die gar keinen politischen Standpunkt haben; die den Standpunktbesitzern zu ihrem Glück gratulieren, sie aber doch für ein wenig naiv halten.

  86. Herr Trepl

    Es ist für den Schreiber dieser Zeilen nur schwer nachvollziehbar, wenn Sie wie folgt schreiben:

    Also Sie scheinen mit der „Sicht“ zu meinen „der NS ist kein Sozialismus, sondern eine Form des Liberalismus.“ Nun, diese Sicht gibt es ungefähr so häufig wie die, daß der NS eine Form des scholastischen Universalienrealismus oder des Salafismus ist, es gibt sie also gar nicht; ich habe sie jedenfalls noch nie bemerkt.

    …um dann im Folgekommentar zu ergänzen:

    Die Sicht, dass der Liberalismus bzw. die diesen implementierenden Systeme zum Nationalsozialismus führen können, wenn er nicht im „guten“ Sozialismus endet, ist marxistisch-leninistisches Allgemeingut. (Dr. Webbaer)

    Stimmt, sogar führen müssen war eine Zeitlang (30er Jahre) eine sehr verbreitete Meinung.

    Und das hier – ‚Es scheint für Sie nicht vorstellbar, daß es Leute gibt, die gar keinen politischen Standpunkt haben; die den Standpunktbesitzern zu ihrem Glück gratulieren, sie aber doch für ein wenig naiv halten.‘ – sollte Sie doch eigentlich von Standpunkten oder Einordungen wie zum Konservativismus (Martin Greiffenhagen – s.o.) bzw. von deren Übernahme abhalten.

    Standpunkte („Schubladen“) oder die Übernahme von Theorien in Form von weitergehenden Ideologisierungen sind aber aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen nicht nur OK, sondern erforderlich im politischen Diskurs, und nicht nur dort.

    Die Ideologie ist also in diesem Sinne keineswegs an sich schlecht, sondern nur die falsche.
    Jedenfalls politisch, im wissenschaftlich-politischen Sinne gibt es die falsche Theorie, fernab des Sollens, erst einmal nicht, oder nur dann, wenn der Exitus des Gemeinwesens ins Auge springt, was aber nur selten der Fall ist, bspw. beim Nationalsozialismus würde der Schreiber dieser Zeilen diesen Exitus vorgezeichnet sehen, aber auch hierzu gibt es „moderne“ Nationalsozialisten, die sich das globale politische System als Nachbarschaften von Nationalsozialismen vorzustellen vermögen.

    Wie soll man sich nun Herrn Trepl, das Triple oder die Trinität politisch vorstellen als bärenartiger Leser? Gar nicht?

    MFG
    Dr. W

  87. Wenn sich

    noch im obigen Feedback ein öffnendes BLOCKQUOTE entfernen ließe, wäre Ihr Kommentatorenfreund dankbar – und es sähe besser aus.

  88. Dr. Webbaer

    Was ist denn da „schwer nachvollziehbar“? „Der NS ist kein Sozialismus, sondern eine Form des Liberalismus“ ist doch etwas vollkommen anderes als „dass der Liberalismus bzw. die diesen implementierenden Systeme zum Nationalsozialismus führen“. Der Protestantismus ist aus dem Katholizismus hervorgegangen, dieser hat zu jenem geführt; die französische Monarchie hat zur Republik geführt. Aber darum ist doch der Katholizismus keine Form des Protestantismus und die Monarchie keine Form der Republik und auch nicht umgekehrt. – Den Rest verstehe ich nicht.
    BLACKQUOTE: mit diesem technischen Zeug kenne ich mich leider nicht aus.

  89. Herr Trepl

    Den Rest verstehe ich nicht.

    Mal anders gefragt: Wie kommt man als nonkonformer an Ideologien explizit Ungebundener an die Maßstäbe und wie schafft man es Maßstäbe für Vergleichbares beizubehalten und nicht n-fache Standards anzulegen?

    Wiederum bezogen auf Ihre Aussage: ‚Es scheint für Sie nicht vorstellbar, daß es Leute gibt, die gar keinen politischen Standpunkt haben; die den Standpunktbesitzern zu ihrem Glück gratulieren, sie aber doch für ein wenig naiv halten.‘

    MFG
    Dr. W

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