Winter in Deutschland + Updates

Schon letztes Jahr haben wir hier auf den Winter zurück geblickt. Im gerade (hoffentlich!) vergangenen Winter war die Temperatur wieder ziemlich nah am Durchschnitt – je nach Wahl der Referenzperiode lag sie leicht darüber oder darunter. Die Grafik unten zeigt wieder alle Wintertemperaturen seit dem Jahr 1761. Hinter diesem unauffälligen Mittelwert verbergen sich aber starke Schwankungen. Zu Weihnachten gab es rekordwarme Temperaturen (18,9 °C an Heilig Abend in Freiburg, laut Deutschem Wetterdienst). Später dann kalte Phasen in der zweiten Januarhälfte und im Februar.

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Mittlere Wintertemperatur (Mittelwert über Dezember, Januar und Februar) in Deutschland, 1761 bis 2013. Blaue und rote Punkte sind die kältesten und wärmsten Winter eines jeden Jahrzehnts (also 1761-1770, 1771-1780, … , 2001-2010). Außerdem gezeigt sind die linearen Trendlinien über die gesamte Datenreihe und ab 1950. (Die Daten sind bei Wikipedia tabelliert, dort finden sich auch nähere Informationen dazu.) Der wärmste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen war der Winter 2006/2007. Der letzte richtig kalte war 1962/63 – in jenem Winter vor 50 Jahren fror zum letzten Mal der Bodensee komplett zu – wahrscheinlich zum letzten Mal für Jahrhunderte.

Rekord war allerdings, wie wenig die Sonne sich zeigte: laut DWD war es der sonnenscheinärmste Winter seit Beginn der Messungen im Jahr 1951. Dafür gab es gebietsweise reichlich Schnee. Wie große Schneemengen durch den „Lake-Effekt“ erzeugt werden können, indem kalte Luft über relative warme, offene Wasserflächen streicht und dabei Feuchtigkeit aufnimmt, hat übrigens Lars Fischer kürzlich bei Spektrum sehr schön beschrieben. Kaltlufteinbrüche aus Nordosten (siehe dazu unseren letztjährigen Beitrag), die über die immer öfter eisfreie Ostsee strömen, eignen sich dazu bestens.

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Im Februar auf dem Fichtelberg im Erzgebirge.    (c) S.R.

Update 21. März: Ich habe Vladimir Petoukhov, der in einem Paper 2010 die verstärkten Kaltlufteinbrüche aus Nordosten infolge des Meereisschwundes vorhergesagt hat, nach seiner Einschätzung der Wettersituation der letzten Wochen gefragt. Seine Antwort:

Ich denke der Mechanismus ist wieder der, den wir in unserem Paper beschrieben haben. Die Meereisbedeckung in der Barentssee (im Januar/Februar auch in der Karasee) war wieder ungewöhnlich niedrig, verbunden mit einem Hochdruckgebiet in dieser Gegend. In der Folge gab es wieder den Einstrom von Kaltluft aus Nordosten, genau wie in unserem Paper beschrieben. Zudem führen die großen eisfreien Wasserflächen im Norden dazu, dass die einströmende Luft feucht ist, so kommt es diesen Winter zu den starken Schneefällen.

Eine Grafik, die den von Petoukhov beschriebenen Mechanismus anschaulich darstellt, zeigen wir in diesem Beitrag.

Update 25. März: Das National Snow and Ice Data Center meldet heute, dass das diesjährige Maximum im Jahresgang der Eisausdehnung überschritten ist. Die zehn Wintermaxima mit der geringsten Eisausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen liegen laut NSIDC alle in den letzten zehn Jahren, 2004-2013. Dieses Jahr liegt auf dieser Negativ-Rekordliste auf Rang 6.

Update 26. März: Gerade bekomme ich aus Holland vom KNMI eine Grafik, die die Temperaturanomalie in diesem März illustriert:

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Temperaturabweichung im März 2013 (bis einschließlich 23.) vom klimatologischen Mittelwert 1981-2010. Quelle: NCEP/NCAR via KNMI Climate Explorer

Man sieht sehr schön die eisige Kälte, die sich von Sibirien bis nach Deutschland hinein zieht. Da die Luft sich um ein Hochdruckgebiet zwischen Skandinavien und Grönland dreht, ist es dafür über der Labradorsee und Teilen Grönlands ungewöhnlich warm. Im Mittel über die Nordhalbkugel gleichen sich diese Anomalien weitgehend aus – dieser Mittelwert bislang ist ein wenig Wärmer als der März letzten Jahres.

Übrigens, wer jetzt diese lokale Kälte bei uns auf die Sonnenaktivität schieben möchte: die ist derzeit einfach nur durchschnittlich. Im Februarmittel 67 Sonnenflecken, jetzt gerade 56, im 11-jährigen Sonnenzyklus schwankt die Zahl typischerweise zwischen 0 und 120. Einzig ungewöhnlich ist, dass das nächste Sonnenmaximum, laut NASA diesen Herbst zu erwarten, für ein Maximum sehr niedrig ausfallen dürfte. Ein großer Einfluss der Sonne auf die europäischen Wintertemperaturen ist nach einer ganzen Reihe von Studien auch nicht zu erwarten und zeigt sich auch nicht in Daten aus der Vergangenheit – siehe die einleitende Diskussion in Oldenborgh et al. oder das Paper von Lockwood et al. 2010, das zeigt, dass die Sonnenaktivität nur 5% der Variabilität in den Wintertemperaturen erklärt (die wichtigste Grafik daraus hatten wir hier gezeigt).

 

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. winter

    coole info.
    aber wieso hoffentlich vergangener winter? ich würde mich freuen, wenn es noch lange kalt und schnee hat, und möglichst wenig sonne scheint.

  2. Winter in Deutschland

    In der Märzausgabe von Spektrum erschien ein Artikel mit dem Titel „Die Rückkehr der harten Winter“. Darin werden überzeugende Gründe für die erkennbar harten Winter auf der Nordhalbkugel genannt.
    Könnten Sie dazu aus ihrer Sicht Erläterungen geben.

    [Antwort: In dem Spektrum-Artikel geht es darum, dass es durch die schrumpfende Meereisdecke in der Arktis verstärkt zu Kaltlufteinbrüchen im Winter kommt. Darauf weisen übereinstimmend Modellsimulationen und Datenauswertungen hin. Ich habe das in dem oben verlinkten letztjährigen Beitrag erläutert – wie man an der obigen Datenkurve sieht, werden die Winter-Mittelwerte dadurch allerdings nicht insgesamt kälter, weil diese Kälteperioden dazu nicht lange genug anhalten, auch wenn sie kurzzeitig spektakulär sein können. Stefan Rahmstorf]

  3. Interpretation der Winterwerte

    Sehr geehrter Herr Rahmstorf, ich würde zur Grafik ergänzen:

    1. Die Messungen beginnen in der sog. Kleinen Eiszeit, eine Periode, in der es besonders kalt war, u.a. wegen der schwachen Sonnenaktivität. Somit verwundert es nicht, dass die Trendlinie seit 1761 ansteigt.

    2. Ihre zweite Trendlinie, ab 1950, beginnt ebenfalls in einer Zeit die außergewöhnlich kalt war. U.a. Infolge der Aerosole (Luftverschmutzung) jener Zeit (Wirtschaftswunderzeit), (global dimming).

    3. Die Messwerte der Säkularstation auf dem Potsdamer Telegrafenberg (Hausstation Ihres Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)) sehen so aus:

    Hier die Zeitreihe für Januar, die Winterwerte sehen ähnlich aus:

    http://tinyurl.com/c7fqfsw

    Schön zu sehen, seit ca. 20 Jahren steigen die Wintertemperaturen in Deutschland nicht mehr an.

    4. Die Winterwerte hängen zudem sehr stark von der sog. Nordatlantischen Oszillation (NAO) ab. Einem Wettersystem im Nordatlantik. Mal ist die NAO stark, mit warmen Westwinden, mal ist sie schwach, was zu Kaltlufteinbrüchen aus dem Nordosten führt.

    http://tinyurl.com/d6jlwok

    Von den Trendlinien, als Beleg für den menschgemachten Klimawandel, bleibt somit ziemlich wenig übrig.

    [Antwort: Ich weiß nicht, wer/wo Trendlinien der Wintertemperatur in Deutschland als Beleg für die menschengemachte Erwärmung nimmt – mein Artikel jedenfalls nicht. Die Belege für die anthropogene globale Erwärmung haben wir an anderer Stelle ausführlich diskutiert, kürzlich z.B. hier. Und sind Sie sicher, dass Sie angesichts des Rauschens einen signifikanten 20-Jahrestrend aus diesen Daten berechnen können? Wie groß ist denn da das Konfidenzinterval? Stefan Rahmstorf]

  4. Kältere Winter

    Sehr geehrter Herr Prof. Rahmstorf,
    Nicht nur in Deutschland war der Winter kalt sondern auch in großen Teilen Europas, Rußlands und Nordamerikas. Die Rolle der Sonne sollte meines Erachtens dabei nicht außer Acht gelassen werden. Die Sonnenaktivität hat in den letzten Jahren auffallend abgenommen, ein neues Dalton-, ja vielleicht sogar Maunder-Minimum erscheint immerhin vorstellbar. Die Anzeichen dafür mehren sich. Beide Sonnenminima sorgten seinerzeit für ausgesprochene Kälteperioden, im Falle des Maunder-Minimums sogar für eine Kleine Eiszeit.
    Während der Kältephasen in den letzten Wintern war die Arktische Oszillation stets negativ, ein Anzeichen für einen verminderten Temperaturkontrast zwischen mittleren und polaren Breiten und einen stark mäandernde Jetstream. Das könnte an der polaren Eisschmelze infolge der globalen Erwärmung liegen wie Sie und einige Ihrer Kollegen es überzeugend dargelegt haben, aber eben auch an der schwachen Sonne oder vielleicht auch an beidem!?.
    Mit der Sonne könnte das etwa so laufen:
    Bei verminderter Sonnenaktivität nimmt die UV-Strahlung deutlich mehr ab als die Gesamtstrahlung. Weniger UV-Strahlung führt automatisch zu weniger Ozon in der Stratosphäre. Es wird weniger Ozon gebildet und die bei verminderter Sonnenaktivität abgeschwächte Brewer-Dobson-Zirkulation transportiert weniger Ozon von den Tropen in die mittleren Breiten. Beides zusammen führt zu einem verringerten stratosphärischen Temperaturkontrast im Winter, so dass der stratosphärische Jet und damit auch der Polarwirbel schwächer werden.

    Dadurch wird der troposphärische Jetstream ebenfalls schwächer und und mäandert stärker.
    Die polare Kaltluft wird durch den Jetstream nicht mehr so gut eingeschlossen. Kaltlufteinbrüche in den Süden werden dadurch wahrscheinlicher. Die Luftzirkulation wird also eher meridional. Das entspricht einem Trend zu einer negativen Arktischen Oszillation (AO).
    Zum gleichen Ergebnis führt natürlich auch ein verminderter Temperaturkontrast infolge der wärmeren Arktis. Das muss aber eine erhebliche Beteiligung der Sonne ja nicht ausschliessen! Immerhin hat die Sonne ihre entscheidende Wirkung auf das Klima bis in die jüngste Vergangenheit ja oft genug bewiesen.
    Beste Grüße
    Jens Christian Heuer
    http://weltenwetter2013.wordpress.com/

    [Antwort: Ich verstehe den ersten Satz nicht – der vergangene Winter war in Deutschland ja nicht kalt, wie die Daten oben zeigen, sondern durchschnittlich (im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten) bzw. zu warm (im Vergleich zum Mittel über die gesamte Zeitreihe). Die Sonnenleuchtkraft ist derzeit auch nicht ungewöhnlich schwach sondern nur etwas unter dem Durchschnitt. Zudem hat die Sonnenaktivität die schöne Eigenschaft, dass die hauptsächliche Variation die Form eines 11-jährigen Zyklus hat, sodass man ihre Wirkung in jeder hinreichend langen Zeitreihe leicht herausdestillieren kann. Dabei zeigt sich: die Wirkung auf unsere Wintertemperaturen ist außerordentlich schwach (Lockwood et al. 2010), siehe unseren früheren Beitrag dazu. Stefan Rahmstorf]

  5. Sonnenaktivität

    Sehr geehrter Herr Prof. Rahmstorf,

    Nicht global, aber in einigen Regionen auf der Nordhalbkugel (Europa, Nordamerika, Rußland) häufen sich wieder kältere Winter (z.B.http://www.dradio.de/…ndungen/interview/2022592/). Außerdem, wenn der Winter über die meteorologischen Wintermonate andauert so wie im laufenden Jahr 2013, dann gehen die Temperaturen in die Frühlingsbilanz mit ein, soweit ich weiß. Diese Winterverlängerung ginge dann nicht in die Winterstatistik mit ein.
    Bei der globalen Temperatur stagnieren die Werte auf hohem Niveau: http://bit.ly/Zf5mDm
    Was die Sonnenaktivität angeht bezog ich mich nicht auf den 11 bzw. 22-Jahre andauernden Schwabe-Zyklus sondern auf längerfristige Änderungen! Das derzeitige Maximum, zum Beispiel, fällt sehr niedrig aus: http://solarscience.msfc.nasa.gov/…otCycle.shtml
    Vor dem Dalton- und dem Maunder-Minimum war das auch so.
    Viele Grüße
    Jens Christian Heuer
    http://weltenwetter2013.wordpress.com/

    [Antwort: Lieber Herr Heuer, können Sie mit Daten belegen, dass sich kältere Winter (und nicht nur kürzere kalte Phasen innerhalb eines Winters, wie hier in Deutschland) häufen? Und können Sie auf eine wissenschaftliche Fachpublikation verweisen, die dabei einen Zusammenhang mit der Sonnenaktivität aufzeigt? Ohne solche Belege gehört dies für mich einfach in das Reich der Spekulation – vorstellen kann man sich alles mögliche, aber was zeigen die Daten? p.s. Der März geht zwar nicht in die Wintermittelwerte ein, die Märztemperaturen zeigen aber ein ähnliches Bild, d.h. sie werden immer wärmer und in den letzten zwanzig Jahren sind keine besonders kalten Märzwerte aufgetreten. Stefan Rahmstorf]

  6. Verehrter Herr Rahmstorf,

    Abgesehen davon, dass man erwähnen sollte, dass dieser Winter erstaunlich lang andauert (und zwar über die gesamte nördliche Hemisphäre hinweg), muss ich Herrn Heuer beipflichten.
    Verglichen mit dem „Jahrzehnt der warmen Winter“ (1998-2007), welches einige Rekorde in die Geschichtsbücher schrieb, werden die Winter tatsächlich wieder kälter. Selbst die Daten der GISS, denen ich aufgrund nicht nachvollziehbarer „Korrekturen“ (die letzte Anfang des Jahres mit durchweg +0.05K für die Zeit nach dem Referenzzeitraum, vor diesem durchweg mit Minus in der Differenz) nicht wirklich vertrauen kann, besagen das. Vielleicht hilft Ihnen diese Grafik weiter.
    Seit 2008 liegen die Temperaturen, insbesondere die der Nordhemisphäre, im Winter wieder deutlich unter dem Schnitt des angesprochenen Jahrzehnts. Wäre eine weitere Erwärmung oder auch nur eine Stagnation zu verzeichnen, müsste man dies in den Daten nachvollziehen können. Der Trend hingegen spricht offensichtlich eine andere Sprache.

    Es ist darüber hinaus erstaunlich, wie konform sich diese Entwicklung mit der Sonnenaktivität verhält. Bezieht man die von den Ozeanen verursachte Verzögerung in der Temperaturentwicklung mit ein, wird es sogar noch deutlicher.

    Diese Korrelation lässt sich durchaus wissenschaftlich belegen, wenn man einige Veränderungen im Verhalten der Sonne berücksichtigt.
    Nimmt man die von Ihnen vor einiger Zeit besprochene Arbeit von Friis-Christensen und Lassen, dann ist eine Korrelation zwischen Zyklenlänge und Temperatur bis zu einem gewissen Zeitpunkt vorhanden.
    Die Zyklenlänge wurde da über eine Methode ermittelt, welche aus den 40er Jahren stammt. Abgesehen davon, dass in der Arbeit selbst eine andere Wichtung als in der Widerlegung verwendet wurde (1-2-1 im Original, 1-2-2-2-1 in der Widerlegung), kann diese Methode nur für Zyklen mit eideutigen Peaks in der SSN (sun spot number) gültig sein. Das ist bei den für die Erwärmung der letzten jahrzehnte relevanten Zyklen 21 bis 23 aber nicht der Fall.
    Vergleichen Sie bitte diese Zyklen mit dem Zyklus 19, welcher noch einen klaren Peak aufweist. In den betreffenden Zyklen haben sich die Wechsel der einzelnen Polaritäten des Sonnenmagnetfelds zeitlich derart verschoben, dass man von einem Plateau beim Maximum sprechen muss. Damit scheitert die verwendete Methode der Zeitmittelung. Das Verhältnis von Zyklus-Zeit und Intensität verschiebt sich demnach deutlich zu einer weitaus höheren Intensität, womit die Korrelation nicht mehr gegeben sein kann, wenn man nur die Zyklus-Zeit betrachten will.

    Eine Möglichkeit hier eine Korrektur durchzuführen ist die Betrachtung der Zyklusflanken (Anstieg und Abfall der SSN) und deren zeitliche Entwicklung und im Verbund die tatsächliche Intensität, welche über die SSN ausgedrückt werden kann.
    Man darf auch nicht außer Acht lassen, über welche Zeiträume eine bestimmte SSN vorherrschte. Beispielsweise kann man sich die SSN > 100 als Maßstab nehmen, die über die folgenden Zeiträume für die einzelnen Zyklen (hier ab 16, damit die Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts deutlich wird) vorhanden war:
    16: 0 Monate
    17: 25
    18: 44
    19: 55
    20: 30
    21: 55
    22: 50
    23: 35
    24: 0 (trotz möglicherweise schon erreichtem Maximum)

    Betrachtet man zusätzlich noch die Maximal-SSN, ergibt sich ein eindeutiges Bild für die tatsächliche Sonnenaktivität und den Einfluss auf die globalen Temperaturen. Die energetische Trägheit der Ozeane führt aber logischerweise dazu, dass eine Abkühlung nicht sofort, sondern allmählich und mit Verzögerung erkennbar wird. Demnach könnte unter Umständen in den nächsten 2-3 Jahren das polare Eis-Minimum durchaus noch geringer ausfallen als das letzte, obwohl die Temperatur ansich gar nicht weiter steigt.
    Das trifft für eine Erwärmung aber ebenso zu, weswegen die Behauptung, die erkennbar nur sehr leicht zurückgehende Sonnenaktivität hätte eine Abkühlung hervorrufen müssen, aus meiner Sicht absoluter Nonsens ist. Das wäre so als wenn man einen Wasserkessel auf höchster Stufe (10) erhitzt bis das Wasser kocht, auf 9 reduziert und erwartet, das Wasser dürfe nicht weiter kochen.

    MfG Jörg Radefahrt.

  7. Arktisches Meereis

    Guten Tag!
    Es wird sehr oft darauf verwiesen, dass durch die geringere Meereisbedeckung es zu verstärkten Kaltlufteinbrüchen kommt. Allerdings ist die Änderung der Meereisbedeckung im Winter im Vergleich zu früherer Zeit bei weitem nicht so dramatisch wie die im Sommer, z. Z. liegen wir wohl im *langjährigen* Mittel. Auch kann ich speziell im Bereich der Barentsee, nicht unbedingt „ungewöhnlich“ niedrige Bedeckung erkennen (nach letztmalig 2004/2005), allerdings reicht der *arctic sea-ice Monitor* nicht weiter zurück… Gänzlich unverständlich ist mir der Hinweis auf die karasee, da sehe ich auf sea-ice Monitor kaum eine Verändeung zu früheren Jahren, die Inselgruppe nowaja semelja scheint regelrecht abzuschirmen gegen die Ausläufer des Nordatlantik- Stromes… ??
    Wenn nun die Eisbedeckung der barent/karasee für unser (mitteleuropäisches) Winterklima entscheidend ist, welche Arctic- Gebiete sind für Nordamerika „zuständig“, oder wirken dort andere Mechanismen?

  8. @ Radefahrt.

    Das Argument mit dem kochenden Wassen kann man Umkehren.

    Wenn ich die Kochplatte von 10 auf 9 Stelle kocht das Wasser sicher weiter, aber es verliert gegenüber der Stufe 10 langsam Energie. Da die solare Aktvität schon Jahrzente lang auf den Rückzug ist müsste man (seinen wir nett) zumindestens ein Energieverlust spätestens vor einigen Jahren gemerkt haben..

    Leider steigt der Energiegehalt in 0-700m und 0-2000m weiterhin an.

    http://www.nodc.noaa.gov/OC5/3M_HEAT_CONTENT/

    Zu Solaraktvität:

    Dort wird es wohl bald ein Paradigmenwechsel geben, weil die SSN-Zahlen(Vergangenheit) falsch sind:

    http://www.leif.org/…20We%20Know%20the%20SSN.ppt

    Könnte noch deutlich enger für eine monokausale solar Erklärung werden 🙂

  9. @Christian

    „Wenn ich die Kochplatte von 10 auf 9 Stelle kocht das Wasser sicher weiter, aber es verliert gegenüber der Stufe 10 langsam Energie.“

    Nicht zwangsläufig. Ein Energieverlust setzt voraus, dass auf Stufe 9 mehr Energie abgegeben werden kann als aufgenommen wird. Es ist also durchaus möglich, dass immernoch ein Zuwachs zu verzeichnen ist, selbst wenn die zugeführte Energiemenge abnimmt.
    Ergibt sich beispielsweise das Gleichegewicht Zufuhr/Abgabe bereits auf Stufe 7, dann setzt sich logischerweise die Zunahme fort, wenn auch nicht mit der Rate auf Stufe 10.
    Die Frage, die sich für das Sytem Erde stellt ist also, ob überhaupt schon das Gleichgewicht hergestellt war und man hätte eine Abkühlung tatsächlich erkennen müssen.
    Derzeit können weder Sie, ich oder irgend jemand anderes das mit Sicherheit bestätigen oder widerlegen. Wir bewegen uns in einer wissenschaftlichen Grauzone, die noch einiges an Forschung benötigt.

    Dass die Ozeane weiterhin Energie aufnehmen zeigt, dass die Zufuhr (unabhängig von der Quelle) immer noch größer ist als die derzeit mögliche Abgabe sein muss.
    Ich persönlich würde aber davon abraten, dem Zuwachs unterhalb von 700m zuviel Gewicht beizumessen, wie von einigen Wissenschaftlern praktiziert. Jedes Joule, was dorthin gelangt muss zwangsläufig die oberen 700m passieren.
    Damit sind die oberen Schichten maßgeblicher Indikator für die derzeitige Entwicklung, welche zur Stagnation tendiert. Interessant werden die kommenden Jahre, wenn der derzeitige Sonnenzyklus sich gen Minimum fortsetzt. Erst dann kann man tatsächlich die weitere Entwicklung beurteilen und möglicherweise Schlussfolgerungen über die Ursachen ziehen.

    Selbst wenn sich die bisherige Analyse der Sonnenfleckenanzahl als fehlerhaft erweist, ist das nicht die einzige Komponente, die die Sonnenaktivität ausmacht. Leider wird nur auf SNN und TSI geachtet. Komponenten wie Magnetfeld (Sonne und Erde in Kombination), UV-Strahlung (welche nicht in die TSI eingeht), Anzahl, Intensität und Geschwindigkeit von Sonnenwinden sind nur einige weitere Komponenten, die es zu beachten gilt. Möglicherweise erscheinen sie, jede für sich betrachtet, zu gering für einen merklichen Einfluss, was aber nicht bedeutet, dass man sie ignorieren kann, solange man die Zusammenhänge nicht verstanden hat und mögliche verstärkende Interaktionen nicht ausschließen kann.

    MfG Jörg Radefahrt.

  10. Sonnenaktivität und Erdklima

    „“Grundsätzlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Sonnenaktivität und Erdklima“, sagte der Forscher vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung im niedersächsischen Katlenburg-Lindau. Darin bestehe in der wissenschaft kein Zweifel.“

    So liest man heute in unserer Tageszeitung in einem dpa-Artikel.

    „Die Sonne jedenfalls sieht Rahmstorf nicht als Ursache für die winterlichen Temperaturen.“

    So liest man heute in der gleichen Tageszeitung 17 Seiten weiter hinten in einem dpa -Artikel.

    So klar scheint die Einigkeit in der Wissenschaft dann doch nicht zu sein.

    Der unbedarfte Leser darf also zusammenfassen: Es wird kälter weil es wärmer wird und bleibt verwirrt zurück.

    [Antwort: Lieber Herr Klein, beide Aussagen widersprechen sich ja nicht: grundsätzlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Sonnenaktivität und Erdklima (über den ich selbst mehrere Studien publiziert habe), aber für die aktuellen winterlichen Temperaturen ist die Sonne nicht verantwortlich. Genau das sagt auch der Kollege vom MPI in Katlenburg-Lindau, denn in der dpa-Meldung sagt er weiter: „Derzeit sei die Sonnenaktivität vergleichsweise gering, sagte Curdt. «Ich glaube aber nicht, dass sich dies klimatisch auswirkt».“

    Wenn Sie die Karte der Temperaturanomalien diesen März ansehen: wieso sollte die Sonnenaktivität gerade die Labradorsee ganz warm machen und Sibirien ganz kalt? Hier wird ja nur Wärme umverteilt durch die vorherrschenden Luftströmungen, im Mittel über die ganze Nordhalbkugel ist dieser März ziemlich normal, nahe am langjährigen Durchschnitt. Wenn Sie die Sonne verantwortlich machen wollen, müssen Sie einen Mechanismus vorschlagen, wodurch die Sonne die Hochdruckzone bei Skandinavien erzeugt, die für diese Luftströmungen verantwortlich ist. Das habe ich noch nirgends gesehen. Es gibt aber mindestens 4 Papers, die (a) in Modellsimulationen zeigen, wie der Meereisverlust eine solche Hochdruckzone erzeugt und (b) in der Datenauswertung zeigen, dass es tatsächlich eine Korrelation zwischen Eisbedeckung und dieser Druckverteilung gibt. Stefan Rahmstorf]

  11. @ Rahmstorf

    Ich hoffe ich darf sich fachlich ein wenig ergänzen:

    Generell Zustimmung, jedoch mit Abstrichen wir haben hier 2x favorisierte Mechanismen.

    – Meereis ( wäre auch irre anzunehmen, dass die extreme Verringerung des Meereises nicht auf die Zirkulation wirkt)

    Dazu eine neue Studie welche Judah Cohen et al 2012 bestätigt. (Sie sind dort auch zitiert, also dürfte die Studie ihnen geläufig sein):http://iopscience.iop.org/1748-9326/8/1/014036


    „Our results support the mechanism suggested by Cohen et al
    (2012) in which sea ice loss promotes additional surface
    evaporation, which results in earlier snowfall on high-latitude
    land (Ghatak et al 2010). The earlier snow cover insulates the
    soil and allows the surface to cool more rapidly, shifting the
    region of strongest poleward temperature gradient southward
    and consequently, a southward shift of the thermally induced
    wind flow. Positive pressure anomalies result further enhance
    negative temperature anomalies and the likelihood of cold
    spells and blocking highs, particularly over the mid-latitudes
    of North America and central Asia, along with anomalously
    cold winters in southern Europe and East Asia (Coumou and
    Rahmstorf 2012). The enhanced high-pressure anomalies can
    also lead to a reduced cyclone frequency in association with
    a weakened gradient in sea surface temperature and lower
    baroclinicity over areas of reduced sea ice (Inoue et al 2012).“

    Soweit so gut alles bekannt, kommen wir zum solaren Imprint auf der Arktische Oszillation, sehen Sie dazu: http://wkserv.met.fu-berlin.de/…009/Labifarb.pdf

    Sehen wie dazu Abbildung 6..

    Hier wird der Mechanismus supported, dass es bei solarer Schwäche unter der QBO-Westphase zu Verrigerung der Hohe von Stratosphärischen Erwärmungen kommt, auch zu sehen, dass die kleiner Erwärmungen (also nicht Splittings, sondern Störungenen) sich bei geringer solarer Aktivität häufen, wir wissen also vornehmlich Wave1-Pattern. Währendessen man höre und staune gerade die großen Erwärmungen der Stratosphäre unter Westphase in hohe solar Aktvität münden.

    Natürlich sei hier erwähnt, dass eine Stratosphärenerwärung in der Arktis vornehmlich fast immer troposherischen Ausgangs ist, jedoch kann die Erwärmung selbst auch bis in die Troposphäre wirken.

    Damit stellt sich sofort die Frage, ob sich die Effekte nicht ausgleichen, aus kleinen Erwärumgen bei solarer Schwäche und großer bei solar Stärke.

    Davon ab stellt sich auch die Frage wieviel der Korrelation ist nun wirklich vorhanden, da stratosphärische Erwärmung keine Eindimensionale Einbahnstraße der Sonnenaktvität sind, sondern auch auf GHGs reagieren. (Oder auch die mögliche Erholung des Ozons, hier aber nicht ausgeführt)

    „. A doubling of SSWs occurs when the GHG concentration reaches the level of the A2 scenario at the end of the twenty-first century (836 ppmv). The increase in SSWs in the projections is caused by a combination of increased wave flux from the troposphere and weaker middle atmospheric zonal winds.“

    http://link.springer.com/…1007/s00382-012-1530-x

    Summa summaro:

    Das Arktische Meereis als Ursache ist wohl erheblich besser unterstützt und deutlich plausibel, jedoch kann man ein solaren Imprint nich ausschließen, erschwerend kommt hinzu, dass beides momentan simmultan auftritt, was eine genaue quantitative Zuweisung doch erheblich behindert.

    Mit Besten Grüßen

  12. Ausgleichsvorgänge

    Wenn über eine lange Dauer hinweg kalte Luft von einem Kältereservoire im hohen Norden nach Südwesten fließt, gelangt dann beschleunigt warme Luft in den hohen Norden, oder muß das zwangsläufig nicht so sein ?

  13. Danke!

    Sehr geehrter Herr Rahmstorf,

    vielen Dank für den, auch für einen absoluten naturwissenschaftlichen Laien wie mich, sehr verständlich geschriebenen Artikel.

    MfG

    Dirk K.

  14. Bodensee?

    Herr Rahmstorf, halten Sie es wirklich für sinnvoll, das komplette Zufrieren des Bodensees mit der Klimaerwärmung in Verbindung zu bringen? Sie verweisen auf einen „richtig kalten“ Winter 1962/1963, damals gab es die letzte Seegfrörne. Das ist nun 50 Jahre her. Klingt viel, aber eine Seegfrörne war auch schon in den letzten Jahrhunderten ein seltenes Ereignis. Geht man weiter zurück, muss man ins Jahr 1880, also ein Abstand von 83 Jahren. Davor waren es immerhin ebenfalls 50 Jahre (1830). Im 18. Jahrhundert gab es nur eine Seegfrörne, nämlich 1788. Einige mehr gab es in den 1400er und 1500er Jahren, was wohl der kleinen Eiszeit damals geschuldet sein dürfte. Ob das Ereignis 1962/63 das letzte für Jahrhunderte sein wird, dürfte wohl eher reine Spekulation sein.