Tagesschau zum Golfstrom

Wie zur Bestätigung meines Blogbeitrags Golfstrom und Wahrheit brachte die Tagesschau gestern einen einigermaßen verwirrenden Beitrag zum Golfstrom. Dort wurde es als „kleine Sensation“ dargestellt, dass es in den nächsten zehn Jahren nicht zu einer Katastrophe kommt. Natürlich wäre das Gegenteil eine echte Sensation gewesen.

alt(Screenshot aus tagesschau.de)

Der Hamburger Kollege Detlef Quadfasel wird in dem Beitrag mit der Aussage gezeigt:

Die [neuen Studien] zeigen, dass das System stabil bleibt. (…) Das heißt in den nächsten zehn Jahren wird also keine Katastrophe passieren.

Der Off-Sprecher fährt unmittelbar fort:

Das ist eine kleine Sensation. Und eine Reaktion auf eine Fehlwarnung von vor sieben Jahren, als schon eine neue Kaltzeit prophezeit wurde. Damals hatte man im großen Ozean nur an ein paar wenigen Stellen gemessen.

Welche Wissenschaft steckt hinter diesen Aussagen?

Die Zukunftsaussage von Detlef Quadfasel ist zunächst einmal eine Selbstverständlichkeit – ich kenne nirgendwo in der Fachliteratur eine Modellrechnung, die eine Katastrophe innerhalb der nächsten zehn Jahre vorhergesagt hätte. Spezifischer bezieht sich Quadfasel sehr wahrscheinlich aber auf aktuelle Fortschritte der Hamburger Kollegen, Kurzzeitprognosen für die Strömungsentwicklung über eine Zeitskala von mehreren Jahren zu machen. Dies ist etwas völlig Anderes als die üblichen Klimaprojektionen, die die Reaktion des Systems auf veränderte Randbedingungen (z.B. die globale Erwärmung) simulieren und wo natürliche Schwankungen einfach eine stochastisch ablaufende Zufallskomponente darstellen. Denn hier geht es darum, gerade den Verlauf dieser natürlichen Schwankungen in nächster Zeit aus den Anfangsbedingungen vorherzusagen, was methodisch eher einer Wettervorhersage gleichkommt – nur dass die Zeitskalen der Prozesse im Ozean länger sind als beim Wetter.

Im Januar publizierten die Hamburger Kollegen eine solche Prognose in Science, wonach die Nordatlantikströmung in den nächsten Jahren stabil bleiben werde (und nach Messungen übrigens auch in den letzten Jahren stabil war). Sie korrigierten damit eine frühere Prognose aus dem Jahr 2008, wo sie zusammen mit Kieler Kollegen um Mojib Latif vorhergesagt hatten, dass es wegen einer Abschwächung der Zirkulation im Nordatlantik zu einer vorübergehenden Erwärmungspause kommen würde – die allerdings so nicht eingetreten ist. (Und eine „Katastrophe“ wäre dies natürlich ohnehin nicht gewesen.)

Der zweite Teil der Tagesschau-Aussage, die „Fehlwarnung vor sieben Jahren“, bezieht sich aber nicht darauf sondern ganz offensichtlich auf ein Paper von Bryden et al. aus dem Jahr 2005, indem aus Messungen gefolgert worden war, dass sich die Strömung in den vergangenen fünfzig Jahren um 30% abgeschwächt habe. (Dass dieses Paper gemeint ist, geht klar aus dem dann folgenden O-Ton von Detlef Stammer hervor, nur dass der Tagesschau-Bericht fälschlich von „wenigen Stellen“ im Ozean spricht, wo in Wahrheit nur wenige Messpunkte in der Zeit gemeint waren.)

Doch erstens hat das Paper von Bryden et al. nicht vor einer imminenten Kaltzeit gewarnt (höchstens aus dem begleitenden Kommentar von Quadfasel in Nature kann man eine solche grundsätzliche Warnung, allerdings nicht für die nahe Zukunft, ablesen). Möglicherweise hat der Autor des Tagesschau-Beitrags auch einfach nur im eigenen Tagesschau-Archiv recherchiert, denn anscheinend gab es dort 2005 eine Meldung, in der vor 5 Grad Abkühlung in Europa gewarnt wurde. Und zweitens stieß die Dateninterpretation von Bryden et al. damals in der Fachwelt sofort auf erhebliche Skepsis, und es wurde z.B. auf die Diskrepanzen sowohl mit den Modellrechnungen als auch mit Temperaturmessungen hingewiesen (siehe mein damaliges Interview dazu in der ZEIT).

Quirin Schiermeier hat es etwas später in einem Feature in Nature sehr gut zusammengefasst:

The result came as a surprise to those in the field. Few scientists had thought that such dramatic slowing of the thermohaline circulation could happen so soon. Models suggest6 that the increase in fresh water needed for a conveyor shutdown would not be expected without a global warming of 4–5°C; warming in the twentieth century is currently put at 0.6°C (ref. 3). The most complex computer models of the climate and oceans, the sort used to make climate predictions for the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), suggest that the flow might be expected to slow by an average of 25% by the end of the twenty-first century, but not to shut down completely3.

Running complex models long enough to simulate some sorts of change, however, uses an unfeasible amount of computing power. So for some purposes ‚intermediate‘ models can capture things better. Stefan Rahmstorf, an oceanographer at the Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK) in Germany recently compared the circulation’s response to an influx of fresh water in 11 simpler models; all showed a threshold, called the bifurcation point, beyond which the thermohaline circulation cannot be sustained7. The size of the threshold suggests that the possibility of shutdown is real, but not immediate. Rahmstorf says, „It is very unlikely that it will become really critical for the thermohaline circulation within the next 100 years.“

Und schon 2007 war die Sache mit den Bryden-Daten so gut wie vom Tisch; Nature berichtete damals: Ocean circulation noisy, not stalling. 2010  publizierte Bryden dann zusammen mit Kieler und Hamburger Kollegen eine korrigierte Interpretation seiner historischen Daten, wonach die scheinbare Abschwächung zum größten Teil durch natürliche, jahreszeitliche Schwankungen vorgespiegelt worden war. Was die Tagesschau gestern als „kleine Sensation“ brachte, war also seit Jahren in der Fachwelt geklärt.

Fazit

Es ist gut und wichtig, dass die Tagesschau über Klimaforschung berichtet; sie hat das auch schon oft in qualitativ hochwertiger Weise getan. Anlass waren dieses mal keine sensationellen neuen Erkenntnisse sondern einfach ein Projektworkshop des Thor-Projekts, der in diesen Tagen in Hamburg stattfindet. Es wurden auch einige gute Hintergrundinformationen und sehr schöne Bilder präsentiert. Allerdings kann man den gestrigen Beitrag leider trotzdem kaum als gelungene Wissenschaftsberichterstattung betrachten – eben wegen des Narrativs von prophezeiter, naher Katastrophe, die nun sensationellerweise doch nicht eintritt.

Zyniker könnten vermuten, diese story-line könne ein Trick gewesen sein, um den Workshop überhaupt in die Tagesschau zu bekommen. Ich vermute eher, dass der Autor möglicherweise damit überfordert war, die (soweit gezeigt ja völlig korrekten) Dinge richtig einzuordnen, die die Forscher ihm auf dem Workshop erzählt haben. Hierzu braucht es wohl erfahrene Fachjournalisten, die das Thema über die Jahre verfolgt haben und daher Vorgeschichte und Hintergründe kennen. Die gibt es etwa bei guten Zeitungen oder natürlich bei Wissenschaftsmagazinen wie Nature (siehe als Beispiel die genannten Schiermeier-Artikel).

Dass mal ein Beitrag daneben geht, ist normal, solche Dinge passieren eben, sogar im Qualitätsfernsehen. Aber vielleicht zeigt sich hier auch ein grundsätzliches Problem. Ich kann aus eigener Erfahrung mit anderen TV-Sendern sagen, dass auch mal ein Reporter vorbeigeschickt wird, der sonst hauptsächlich Motorsport abdeckt und jetzt auf einmal einen Wissenschaftsbeitrag drehen soll. Vielleicht könnten TV-Sender darüber nachdenken, wie sie ihre Berichterstattung über komplexe Wissenschaftsthemen in den Nachrichten gestalten – zum Beispiel wie man die Expertise der Fachjournalisten im eigenen Sender einbinden kann, die ja bei den Wissenschaftssendungen durchaus vorhanden ist.

Stefan Rahmstorf

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Tragische

    Problematisch an der Geschichte ist bloß, dass durch diese mediale Fehldarstellung unterschwellig der Eindruck erweckt wird, dass Klimawissenschaftler präventiv dem – wie sog. ‚Klimaskeptiker‘ es nennen – „Alarmismus“ gefrönt hätten, was ja definitiv nicht der Fall gewesen ist. Da kann man nur hoffen, dass Redakteure diesen Blog-Eintrag zur Kenntnis und ferner zum Anlass zukünftig gründlicherer Recherche durch kompetentere Fachjournalisten nehmen werden. LG

  2. Darauf habe ich gewartet!

    Nachdem ich Ihren Text zum Vahrenunhold gelesen hatte, fragte ich mich schon, wie lange sie sich mit einer Reaktion auf diesen dreisten Unsinn Zeit lassen. Es ist unglaublich was sich ARD und ZDF alles leisten nur um erklären zu können, das die Sache mit dem Klimawandel nicht so schlimm ist.

    […] Schön das ich schon Anfang der 90ziger das Vergnügen hatte Herrn Schellenhuber (hoffentlich trügt mich die Erinnerung nicht) an der UNI Göttingen zu lauschen. Seit nun 20 Jahren spare ich deswegen CO2 wo ich nur kann. Aber man kommt sich deppert vor, wenn alle anderen das Gegenteil von dem tun was richtig ist. Ich habe kein Auto, dafür fahren meine Nachbern die dicksten die sie sich jeweils leisten können. Ich habe LED Beleuchtung, die anderen Menschen jammern das sie keine 60W Lampe mehr bekommen. :p

    Hoffentlich haben die Nachfahren unserer Kinder mehr Verstand.

    [Antwort: Ich glaube nicht, dass die ARD hier absichtlich etwas herunterspielen wollte – aber das ist aus meinem Text oben hoffentlich klar. Stefan Rahmstorf]

  3. Zitat

    Herr Rahmstorf,
    stammt der hier zitierte Text von Ihnen oder nicht ?

    [Antwort: Das Zitat stammt aus einem Artikel von mir aus dem Jahr 1999, und ist aber auch heute noch – 13 Jahre später – vollkommen korrekt. Zur Info hier der Ausschnitt ohne die strategischen Weglassungen von Herrn Krüger:

    Die Brisanz dieser Erkenntnis liegt darin, daß durch den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt die Niederschläge im Nordatlantik aller Voraussicht nach zunehmen werden. Schon 1987 warnte der amerikanische Klimaforscher Wallace Broecker in einem aufsehenerregenden Artikel mit dem Titel „Unpleasant Surprises in the Greenhouse“ (Unangenehme Überraschungen im Treibhaus) vor der Möglichkeit, daß der Mensch durch den Treibhauseffekt die Atlantikströmung zum Kippen bringen könnte. Seither arbeiten Forschergruppen weltweit daran, die Stabilität dieser Strömung genauer zu untersuchen. Nach dem jetzigen Wissensstand besteht zwar sicher kein Anlaß zur Panik, aber auch kein Grund zur Entwarnung. Wahrscheinlich wird sich die Atlantikströmung in den kommenden Jahrzehnten spürbar abschwächen – darin stimmen die Simulationen der verschiedenen Institute weitestgehend überein. Obwohl damit Europas Heizung langsam heruntergefahren wird, führt dies nicht zu einer Abkühlung – denn gleichzeitig erwärmt sich ja die ganze Erde durch den Treibhauseffekt, und dieser Effekt überwiegt auch in Europa.

    Meine damalige Aussage entspricht auch der Einschätzung des aktuellen IPCC-Berichts; auch dort können Sie nachlesen, dass die meisten Modelle eine künftige allmähliche Abschwächung des Golfstroms zeigen. Man erwartet aber nicht, dass diese Abschwächung bis heute schon so stark ist, dass sie nachweisbar aus den natürlichen Schwankungen der Strömung hervortritt – deshalb waren ja alle so überrascht, als Bryden et al. 2005 behaupteten, eine Abschwächung nachgewiesen zu haben. Das war nicht das, was nach Lage der Modellsimulationen zu erwarten ist.
    Stefan Rahmstorf]

  4. Süsswassereintrag ins Polarmeer.

    Ich nehme an , daß der saisonale Süsswassereintrag sich in Zukunft verringern wird , da sich das Eisvolumen, das sich jährlich bildet ,
    ind den nächsten Jahren noch weiter verringern wird ,wenn der derzeitige Trend beibehalten wird. Auch denke ich, daß eine früher einsetzende Eisbrechung
    dem Eis die Möglichkeit gibt, nicht an Ort und Stelle zu schmelzen , sondern über die Framstrasse abtransportiert zu werden. Auch denke ich ,daß ein ElNino-
    Jahr ein grossflächiges zufrieren der
    Beringsee verhindern wird,was eine frühere Freilegung der Beringstrasse ermöglichen kann, wo der Beaufortwirbel das Eis abtransportieren kann. Und Grönland verliert jährlich noch nicht in dem Masse Süsswasser , daß der Eintrag zu grossen Veränderungen führt.
    Liege ich damit richtig ?
    Viele Grüsse aus Österreich.
    Gerhard Trausner

  5. Süsswassereintrag

    Wieweit spielt die Tatsache eine Rolle, daß das jährliche Volumen der maximalen Eisbildung sich in den letzten Jahren drastisch verringert hat? Kann es sein ,
    daß in Zukunft weniger Eis im Sommer schelzen kann, da einfach nicht mehr da ist ?
    Viele Grüsse aus Österreich
    Gerhard Trausner

  6. Golfstrom

    Was auch interessant wäre zu erörtern, ist das Trägheitsmoment des gesamten Stromes. Damit will ich fragen, ob der Nordatlantikstrom nur von der Arktik aus gezogen wird , oder auch im selben Masse geschoben wird. Bei plötzlich auftreteten Barrieren wird er sich Ventile suchen.

    Auch wäre meiner Meinung nach der Eintrag von Süsswasser durch die
    Grönlandschmelze nicht so drastisch, da ein Grossteil des Masseverlustes auch auf Kalben zurückzuführen ist ,wobei sich der Schmelzvorgang auf einen grösseren Zeitrahmen ausdehnt
    Viele Grüsse aus Österreich

  7. Pingback: Was ist los im Nordatlantik? › KlimaLounge › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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