Seltsame Umfragen 2

Heute setzen wir die Diskussion seltsamer Klimaumfragen mit einer zweiten These fort.

These 2: Ziel mancher Klima-Umfragen ist nicht die wissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine erhoffte politische Wirkung.

Ein Leserkommentar bei RealClimate formulierte es drastisch: solche Umfragen sind einfach Propagandainstrumente. So weit würde ich nicht gehen. Dennoch muss man die Frage stellen, wozu Umfragen benutzt werden und was ihre Autoren damit bezwecken. Soll auf diesem Wege der Konsens in Grundfragen der Klimaforschung in Frage gestellt werden, der sich mit wissenschaftlichen Argumenten nicht mehr ernsthaft anzweifeln lässt?

Ganz in diesem Sinne haben Senja Post und Hans Kepplinger ihre kürzlich hier von Urs Neu besprochene Umfrage in den Medien lanciert, unter dem Titel Die Klimaforscher sind sich längst nicht sicher. Ungewöhnlich dabei ist, dass sie einen Zeitungsartikel über die eigene Studie publiziert haben, bevor eine entsprechende Fachpublikation verfügbar war – just in der kritischen Phase, nachdem das Meseberg-Paket mit den Eckpunkten der Klimaschutzpolitik der Bundesregierung auf den Tisch gelegt worden war und die Lobbyschlacht um seine konkrete Ausgestaltung vor der Verabschiedung im Kabinett tobte. Wie schon früher erläutert halte ich persönlich wenig davon, gegenüber Laien noch nicht in der Fachliteratur publizierte Forschungsergebnisse zu präsentieren – u.a. deshalb, weil Fachkollegen dazu nicht kritisch Stellung nehmen können, wenn keine sauber publizierte Studie vorliegt.

Ebenfalls sehr ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Arbeit sind die unsachlichen Angriffe auf Klimaforscher, die sich in der Post/Kepplinger-Studie finden. So werden mir persönliche Vorwürfe gemacht, die meine Glaubwürdigkeit erheblich beschädigen würden – wenn etwas davon stimmen würde. In der Studie heißt es:

Die Schlussfolgerung, die Rahmstorf für das allgemeine Publikum zog, war simpel: die realen Entwicklungen könnten noch schlimmer ausfallen, als der Weltklimarat prognostizierte. Dieses Fazit war insofern bemerkenswert, als Rahmstorf kurz zuvor noch eine Studie über die Modellierung der Ozean-Atmosphäre-Prozesse für seine Fachkollegen publiziert hatte, die große Unsicherheiten bei der Berechnung des Meeresspiegels zum Thema hatte. Sein zusammenfassendes Ergebnis: „Die Unsicherheit über den künftigen Meeresspiegelanstieg ist wahrscheinlich größer, als früher angenommen.“ Für die Allgemeinheit deutete Rahmstorf diese wissenschaftliche Unsicherheit also in nur eine von zwei Richtungen aus.

Die Fakten dazu: Der IPCC-Bericht nennt eine Spanne von 18 bis 59 cm für den Meeresspiegelanstieg bis zum Jahr 2100, meine oben zitierte Arbeit (übrigens keine „Studie über die Modellierung der Ozean-Atmosphäre-Prozesse“) kommt dagegen zu einem Ergebnis von 50 bis 140 cm und argumentiert dezidiert, dass der untere Teil der IPCC-Spanne unrealistisch ist. Dass der Meeresspiegel rascher steigen könnte ist also keine einseitige Ausdeutung für die Allgemeinheit, sondern schlicht Ergebnis meiner wissenschaftlichen Studie (und übrigens seither durch eine Reihe neuerer Studien bestätigt).

Doch es kommt noch dicker, denn die Post/Kepplinger-Studie fährt unmittelbar fort:

Den Journalisten in Paris erklärte Rahmstorf schließlich auch die Absicht, die er damit verfolgte: Vor allem wollte er den verwirrenden Argumenten einiger „Skeptiker“ in der Öffentlichkeit vorbeugen.

Das „damit“ beziehen Post/Kepplinger auf die angeblich „einseitige Ausdeutung“ der Zukunftsrisiken – in Wahrheit bezog sich meine Aussage gegenüber dem Journalisten (wie seinem Artikel leicht zu entnehmen ist) aber auf eine andere Fachpublikation, die sich nicht mit der Zukunft befasst sondern Messdaten dokumentiert. Ich hatte Sven Titz von der Berliner Zeitung dazu erzählt, dass einer der Anstöße für diese Datendokumentation Prof. Lüdecke gewesen war, der in einem Internetaufsatz geschrieben hatte: „In den letzten 3 Jahrzehnten konnte keine Erhöhung des Meeresspiegels trotz starken CO2-Anstiegs nachgewiesen werden.“ Da von nicht-fachlicher Seite immer wieder derartige Falschbehauptungen in den Medien auftauchen, hatten meine 7 Koautoren und ich es für sinnvoll gehalten, einmal die wichtigsten Klimadatenreihen in Science zu dokumentieren.

Post/Kepplinger kritisieren diese sachliche Aufklärung durch Messdaten wie folgt:

Wie erbittert der Kampf um die öffentliche Klimadebatte für manche geworden ist, wurde sichtbar, als am 2. Februar 2007 der erste Teil des Weltklimaberichts der Öffentlichkeit in Paris vorgestellt wurde. Am selben Morgen veröffentlichte das Wissenschaftsmagazin Science in seiner online-Ausgabe ScienceExpress die Studie um den Klimaforscher und Sachverständigen des Weltklimarates Stefan Rahmstorf. Darin machen die Autoren die Aussage, dass den aktuellen Messdaten nach die Realität die ersten Prognosen des Weltklimarats von 1991 [sic] bereits deutlich übertroffen habe, dass insbesondere der Meeresspiegelanstieg der vergangenen 15 Jahre höher ausgefallen sei als ursprünglich vorhergesagt.

Für mich ist es doch etwas verwunderlich, dass Sozialwissenschaftler es für einen „erbitterten Kampf“ halten, wenn Naturwissenschaftler ihre Messdaten in einer Fachzeitschrift publizieren. Übrigens kommt der IPCC-Bericht zum gleichen Schluss wie wir: dass der Meeresspiegel in den letzten Jahrzehnten um 50% rascher stieg als in den Modellen. Kontrovers ist unsere Studie daher nicht, und in Fachkreisen wurde sie hervorragend aufgenommen: sie gehört nach ISI (ebenso wie die zweite oben erwähnte Science-Publikation) zu den 30 meistzitierten der insgesamt 11.066 Klimafachpublikationen des Jahres 2007.

An diesem Beispiel hätten Post und Kepplinger die Medienmechanismen bei Klimathemen einmal kritisch beleuchten können: was alles von Journalisten in eine nüchterne Datenpublikation hinein interpretiert wird, wie krampfhaft eine „kritische“ Stimme in einen Artikel eingebaut wird, und wie sinnlos über den von Science gewählten Publikationstermin unseres (im Oktober 2006 eingereichten) Papers spekuliert wird (wieso ist es für Journalisten überraschend, dass eine Zeitschrift einen Artikel dann publiziert, wenn das Thema gerade besonders aktuell ist?). Stattdessen nehmen Post und Kepplinger kritiklos Zeitungsartikel und konstruieren sich daraus unter Verdrehung der Tatsachen haltlose Vorwürfe gegen Naturwissenschaftler, ohne einmal die Originalquellen anzusehen.

Dieses Vorgehen lässt erahnen, dass es Post und Kepplinger wohl weniger um nüchternen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn ging als darum, die Ergebnisse der Klimaforschung anzuzweifeln um damit die Klimapolitik in Frage zu stellen. Sie verhehlen denn auch nicht, dass keine wissenschaftliche, sondern eine politische Aussage ihre Hauptfolgerung darstellt: „Eine wissenschaftlich zweifelsfrei fundierte Klimapolitik gibt es nicht.“ Sie empfehlen Anpassung an den Klimawandel, der ihrer Meinung nach „möglicherweise nicht aufzuhalten ist“. Man mag vermuten, dass die Abneigung der Autoren gegen „eine auf Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels fixierte Politik“ nicht Ergebnis der Umfrage, sondern bereits vorher vorhanden war. Erstaunlich ist für mich dabei allerdings, dass Sozialwissenschaftler allen Ernstes eine Meinungsumfrage – noch dazu von derart fragwürdiger Qualität – als Grundlage für einen Politikwechsel empfehlen.

  Hier geht es weiter mit dem dritten und letzten Teil: einem Plädoyer. Wie könnte man es besser machen?

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Literatur

Post, S., 2008: Klimakatastrophe oder Katastrophenklima? Medienskripten, ISBN 978-3-88927-446-5

Rahmstorf, S., 2007: A semi-empirical approach to projecting future sea-level rise. Science, 315, 368-370.

Rahmstorf, S., et al. 2007: Recent Climate Observations Compared to Projections. Science, 316, 709. 

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. seltsame Umfragen 2

    Toll! Entlarvend, wie der Journalismus mancher Eiferer dargestellt wird.

    Wobei ich persönlich gegen ein wenig (!) Polemik gar nichts habe wenn sie denn ethisch untermauert ist. Dazu muss sie natürlich auch sachlich untermauert sein

  2. Dazu fällt mir nur eines ein

    Ein Klimawissenschaftler auf Abwegen.

    Ich würde gerne mal wieder etwas naturwiss. zum Klimawandel lesen.

    [Antwort: Wir bloggen auch über das Umfeld der Wissenschaft, die Medien usw., da viele Leser das interessant finden. Aber wir haben mehrere „harte“ Wissenschaftsthemen in Vorbereitung… watch this space. Stefan Rahmstorf]

  3. Klimawandel in den Medien

    „Rüpeleien unter Klimaforschern“ war der Titel eines Artikels in SPIEGEL-ONLINE, der mich vor zwei Jahren bewog, die Debatte über ein an sich gesichertes Faktum genauer zu verfolgen: http://www.nefkom.net/charlemagne/bojanowski
    Insbesondere die Behauptungen von Hans von Storch sind ein starkes Stück und nicht zu rechtfertigen.

    Um so mehr freue ich mich, dass Stefan Rahmstorf die drei Artikel zum Thema „Umfragen“ in von ihm gewohnter Qualität recherchiert und abgefasst hat, so dass auch der Normalbürger, dem weniger Zeit zur Verfügung steht sich rasch ein objektives Bild vom Stand der Diskussion verschaffen kann.

    [Antwort: Ich erinnere mich an diesen SPIEGEL-ONLINE Artikel, der durch eine ungewöhnliche Zahl faktischer Fehler auffiel – siehe meinen damaligen Kommentar dazu. Stefan Rahmstorf]

  4. @Herr Mistelberger

    Lieber Herr Mistelberger,

    http://www.spiegel.de/…tur/0,1518,428996,00.html

    Der Spiegelartikel „Rüpeleien unter Klimaforschern“ scheint doch wahre Zustände zu schildern?!

    „Selbst die Flaggschiffe der Wissenschaftsliteratur, die Journale „Nature“ und „Science“, geraten schwer in die Kritik. „Beide Magazine neigen dazu, publikumswirksame Studien vorzuziehen“, sagte Storch zu SPIEGEL ONLINE. Nur so sei erklärlich, warum die „Hockeyschläger-Kurve“ trotz all ihrer Mängel publiziert werden konnte.“

    „Als neueste Opfer der Fachmagazine sehen sich die profilierten deutschen Klimatologen Gerd Bürger und Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin, deren Kritik an der Hockeyschläger-Kurve zunächst von den angesehenen „Geophysical Research Letters“ (GRL) abgelehnt wurde. Die Kritik des anonymen GRL-Gutachters wäre „unter der Gürtellinie“ gewesen, sagte Cubasch.“

    Fundierte Kritik soll also ihnen zufolge „ein starkes Stück und nicht zu rechtfertigen“ sein.

    Genauso geht es jetzt mit diesen „seltsamen Umfragen“. Die Befragten sagen zu 90% das, was Herr Rahmstorf auch sagt, aber zu 10% etwas anderes, und das muss jetzt mit allen Mitteln bekämpft werden?! Es geht offenbar darum, Umfragen zu demontieren, die zu einem Bruchteil etwas sagen, was Herr Rahmstorf und den realclimate-Kollegen nicht gefällt.

    Das ist für jeden, der auch nur einigermassen mit gesundem Menschenverstand ausgestattet ist, glasklar ersichtlich.

    Man muss sich halt bloss die Mühe machen, die verschiedenen Links durchzulesen. Ihr Austausch mit Herr Maxeiner zeigt doch auch klar und deutlich, dass dieser Mann sicherlich nicht an irgendeinem Rufmord interessiert ist.

    Wenn sich einige Klimatologen unflätig benehmen, sollte es der restlichen Welt, bitte schön, gestattet sein, das zu erwähnen.

    Danke und liebe Grüsse
    Eddy

  5. Pressefreiheit

    Ich habe den Eindruck, dass die Befürworter eines katastrophalen Klimawandels (die übrigens immer wieder abstreiten dass sie das sind) die Pressefreiheit ausschliesslich für sich allein beanspruchen möchten.

    Alles was von „Skeptikern“ „missbraucht“ werden könnte gehörte also verboten?!

    Klimaforscher dürfen ihre Erkenntnisse „überverkaufen“ (übertreiben), wogegen die „andere Seite“ nicht einmal das Recht hat dies in einer Umfrage herauszufinden.

    Bei uns wollten die Grünen sogar einen skeptischen Blog per Gesetz verbieten lassen.

    Es muss ganz einfach klar gesagt werden, dass die Grenzen des Ertragbaren mittlerweile schon überschritten sind.

    Und wenn man sieht was Politiker so alles im Affekt tun wollen, wie z.B. Steuerbefreiung für die Autoindustrie, dann kann man kaum behaupten, dass solche Leute unterscheiden können, was am IPCC-bericht wissenschaftlich ist und was überverkauft wurde.

    Die Massnahmen, die dann daraus resultieren, sind dann aber auch im Verantwortungsbereich derjenigen, die solche Entscheidungen provoziert haben, mit Aussagen wie „Eigentlich ist es schon zu spät“ oder „Wir haben höchstens noch 20 Jahre Zeit“.

    Am Ende ist die künstlich herbeigeführte Katastrophe katastrophaler als die klimatische.

    Darf man das heute nicht mehr sagen?

  6. Re:Klimaskeptiker dürfen alles sagen

    @Karl Mistelberger

    Vielleicht sollten Sie sich die Daten der Bilder mal ansehen.
    Sie dürfen darüer hinaus hier im Blogg prüfen, wann der angefangen hat un dwann man sich diesbezüglich hätte äußern können.
    Da wäre wahrscheinlich auch einiges los gewesen.

    #they tracked the false cooling trend to problems with two types of ocean temperature data used in the original analysis. When the errors had been corrected, the global-scale cooling trend disappeared (bottom map)#

    Schließlich wurde doch wieder Richtung „Erdfieber“ korrigiert. 2004 übrigens, das muß man heute nicht mehr unbedingt aufwärmen und diskutieren, kann man aber.
    Klar ist allemal:
    Wer mißt, mißt Mist.

  7. Der Skeptiker behauptet…

    @Karl Mistelberger
    #Fakten kann er keine angeben, die den Vorwurf einer Manipulation untermauern könnten.#
    Wo spreche ich von Manipulation ?
    Ich spreche von Korrektur, ist das was verwerfliches ???
    Das wäre mir neu !

    Ich habe Erdfieber in „“ gesetzt, nicht „korrigiert“.
    Bitte immer schön bei der Wahrheit bleiben, danke !