Solar

Der neue Roman Solar von Ian McEwan, dem "national author" der Briten (wie viele ihn dort nennen), behandelt das Thema Klimawandel. Ich sollte dieser Rezension vielleicht ein Geständnis voranstellen: Ich bin seit langem ein Fan von McEwan und habe alle seine Romane gelesen. Außerdem werde ich in der Danksagung von Solar erwähnt; ich habe McEwan in Potsdam kennengelernt und mit ihm während seiner Arbeit an dem Roman korrespondiert. In unserem neuesten Buch The Climate Crisis zitieren wir eine Seite von McEwan als Epilog. Und natürlich bin ich kein Literaturkritiker sondern Naturwissenschaftler. Erwarten Sie hier also keine objektive, professionelle Buchbesprechung.

In Interviews beschreibt McEwan seine Schwierigkeiten, sich dem Thema Klimawandel zu nähern: "I couldn’t quite see how a novel would work without falling flat with moral intent."

Eine Lösung ist den Protagonisten des Romans, den Nobelpreisträger und "Weltretter" Michael Beard, als ziemlich lächerlichen und unsympathischen Menschen darzustellen. (Ehrlich gesagt ist er ganz anders als irgendein Wissenschaftler, den ich kenne.) Beards einzig erfreulicher Charakterzug ist sein sarkastischer Humor. Als sein Geschäftspartner sich sorgt, Behauptungen über eine stagnierende Erderwärmung könnten ihr großes Solarprojekt zu Fall bringen, antwortet Beard (nachdem er fachmännisch den "keine Erwärmung seit 1998" Mythos widerlegt hat):

Here’s the good news. The UN estimates that already a third of a million people a year are dying from climate change. Even as we speak, the inhabitants of the island of Carteret in the South Pacific are being evacuated because the oceans are warming and expanding and rising. Malarial mosquitoes are advancing northwards across Europe… Toby, listen. It’s a catastrophe. Relax!

[Die gute Nachricht ist: Die UN schätzt, dass bereits eine drittel Million Menschen jährlich an den Folgen des Klimawandels sterben. Gerade in diesem Moment werden die Einwohner der Insel Carteret in Südpazifik evakuiert, weil die Ozeane sich aufwärmen, ausdehnen und ansteigen. Malariamücken breiten sich nordwärts über Europa aus… Hör zu, Toby. Es ist eine Katastrophe. Entspann dich!]

Dies ist McEwans bislang komischstes Buch. Der Humor in diesem Roman ist ein weiterer Ausweg aus der moralischen Schwere der Thematik. In einem Interview sagt er dazu:

The thing that would have killed the book for me, I’m sure, is if I’d taken up any sort of moral position, I needed a get-out clause. And the get-out clause is, this is an investigation of human nature, with some of the latitude thrown in by comedy.

[Was das Buch für mich zerstört hätte, da bin ich mir sicher, wäre gewesen, wenn ich eine moralische Position bezogen hätte. Ich brauchte eine Rückzugsklausel. Und diese Rückzugsklausel ist: es geht um eine Untersuchung der menschlichen Natur, mit den Freiheiten, die die Komik erlaubt.]

Etwa in der Mitte des Romans hält Beard eine brilliante Rede zum Klimawandel, vor einem Hörsaal voller Rentenfondsmanager (die eine Investitionssumme von 400 Mrd. Dollar repräsentieren) – eine Rede, von der ich beinahe versucht wäre, sie zu stehlen und bei Gelegenheit wörtlich selbst zu halten. Was aber zäh und langweilig hätte wirken können – eine komplette Rede in einem Roman – wird bei McEwan zu einer äußerst komischen Szene, in der Beard verzweifelt mit seinen Innereien kämpft, indem er versucht weiterzusprechen und dabei den "fischigen Magensaft, der aus seiner Kehle steigt" herunterzuschlucken, der "nach gesalzenen Anchovies schmeckt, mit einem Schuss Galle".

McEwans Demonstration, dass er eine solche Rede besser schreiben kann als ein Wissenschaftler, erinnert an seinen Roman Liebeswahn, dem er einen vollständigen wissenschaftlichen Artikel über eine psychische Störung ("De Clerambaults Syndrom") anhing, der ihn angeblich zu dem Roman inspiriert hatte. Später gab er zu, diesen Aufsatz selbst geschrieben zu haben. Er hatte ihn sogar bei einer Fachzeitschrift eingereicht, aber einer der Gutachter hatte den Braten gerochen.

McEwans große (und oft spielerische) Affinität zur Wissenschaft ist eines seiner Markenzeichen und natürlich ein Grund, weshalb ich seine Romane schätze. Der andere ist seine verblüffende Beobachtungsgabe; es ist als würde er Gedanken lesen können, scharf die Selbsttäuschungen der Charaktere sezierend und tiefere Wahrheiten aufspürend. In diesem Aspekt gleicht seine analytische Arbeit als Schriftsteller der eines Wissenschaftlers.

McEwan ist ein entschiedener Rationalist und bemerkenswert vertraut mit der Welt der Wissenschaft. Seine geistreichen Beobachtungen hierzu machen einen Großteil des Lesespaßes aus, der dem Leser hier beschert wird. In Solar nimmt er beispielsweise die Sozialkonstruktivisten kräftig auf die Schippe. Beard sitzt einem Beirat der Regierung vor, der helfen soll, den Anteil von Frauen in der Physik zu erhöhen. Eine Sozialwissenschaftlerin dieses Beirates präsentiert sich mit einer Rede, in der sie darlegt, wie ein bestimmtes Gen nicht von Wissenschaftlern entdeckt wird, sondern vielmehr ein soziales Konstrukt darstellt.

Beard had heard rumours that strange ideas were commonplace among liberal arts departments. It was said that humanities students were routinely taught that science was just one more belief system, no more or less truthful than religion or astrology. He had always thought that this must be a slur against his colleagues on the arts side. The results surely spoke for themselves. Who was going to submit to a vaccine designed by a priest?

[Beard hatte Gerüchte gehört, wonach seltsame Ideen in den Geisteswissenschaftlichen Fakultäten gang und gäbe seien. Es hieß, Studenten der Geisteswissenschaften würde beigebracht, die Wissenschaft sei lediglich ein weiteres Glaubenssystem, mit nicht mehr oder weniger Wahrheitsgehalt als die Religion oder Astrologie. Er hatte immer gedacht, dies müsse eine Verleumdung seiner geisteswissenschaftlichen Kollegen sein. Die Tatsachen sprachen schließlich für sich. Wer würde sich schon einer Impfung unterziehen, die von einem Pfarrer entwickelt worden war?]

Daraus entwickelt sich die für mich interessanteste Nebenhandlung. Auf einer Pressekonferenz seines Beirates "hängen [die Journalisten] über ihren Aufnahmegeräten und Notizblöcken", "niedergeschlagen von der Ernsthaftigkeit ihres Auftrags, seines skandalösen Mangels an Kontroverse", da "das ganze Projekt beklagenswert achtbar war".

Beard macht einige recht harmlose Bemerkungen dazu, dass die Zahl der Frauen in der Physik vielleicht nie ganz mit den Männern gleichziehen werde, weil sie möglicherweise eine Präferenz für andere Forschungsgebiete hätten. Die Sozialkonstruktivistin explodiert. ("Bevor ich hier rausgehe um mich zu übergeben, und ich meine heftig zu übergeben aufgrund dessen, was ich eben gehört habe, möchte ich noch bekannt geben, dass ich von Professor Beards Beirat zurücktrete").

Erwartungsgemäß weckt das die Journalisten aus ihrer Lethargie, und im Folgenden strickt McEwan eine gänzlich glaubhafte Geschichte, wie sich aus Beards Kommentar ein Mediensturm entwickelt, bei dem Beards Liebesleben in die Boulevardpresse gezerrt wird und seine "genetisch deterministischen" Ansichten mit Rassentheorien des Dritten Reiches in Verbindung gebracht werden. Ein Journalist, "eher in der Haltung einer spielerischen Gehässigkeit", nennt ihn einen Neo-Nazi.

Niemand nahm diesen Vorwurf auch nur für einen Moment ernst, aber andere Zeitungen hatten nun die Gelegenheit, den Begriff aufzugreifen, selbst wenn sie ihn verwarfen – vorsichtig die Beleidigung in Klammer und Anführungsstriche setzend und sie so legalisierend. Beard wurde zum "Neo-Nazi"-Professor.

McEwan weiß, wovon er spricht: vor einigen Jahren wurde er zum Ziel eines Mediensturms wegen seiner islamkritischen Ansichten. Ich habe Solar im Februar gelesen (dank eines Vorabexemplars, das der Autor mir geschickt hatte), parallel zu der sich entwickelnden surrealen, aber realen Medienkampagne gegen das IPCC. McEwan seziert den Mechanismus solcher Kampagnen hervorragend.

McEwan sagt, die Idee zu einem Roman mit einem Nobelpreisträger als Protagonisten sei ihm in Potsdam gekommen, als er an dem Nobel Cause Symposium teilnahm, das von unserem Institut im Oktober 2007 organisiert wurde (und auf Seite 179 kehrt sein Held Beard von einer Konferenz in Potsdam zurück). Damals fragte ich ihn, ob dies nicht ein gutes Romanthema sein könnte: Die Menschheit steht einer existentiellen Bedrohung gegenüber, die von den Wissenschaftlern bestens untersucht und verstanden aber weitgehend von der Bevölkerung ignoriert wird, die es vorzieht, auf kreative Art und Weise das sich entfaltende Desaster zu verdrängen. McEwan antwortete damals: Alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt, wurde bereits von Thomas Mann in seinem Roman Der Tod in Venedig gesagt.

Ich bin froh, dass er das Thema Klimawandel trotzdem in Angriff genommen hat. Es ist McEwan in Hochform: intelligent, witzig und voller Einsichten. Lesen Sie selbst!

Link: Hier redet McEwan in einem TV-interview über Solar und seine Ansichten zum Klimawandel.

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. xytrblk meint: Törnt an zum Selberlesen

    Klasse Rezension – törnt mich sehr an, das Buch zu kaufen und zu lesen. Das ist die Art von Science Fiction, die ich heute schätze (Schätzing und Eschbach lassen grüßen).

  2. Toll …

    … auch mal von einem Öko-Roman hier lesen zu dürfen. Danke, Herr Rahmstorf, und lassen Sie sich sagen, dass auch Sie eine „gute Feder“ haben.

    Zu McEwans Buch passt sich auch „Das Tahiti Projekt“ von Dirk C. Fleck. Näheres siehe: http://www.tahiti-project.org/

  3. 300.000 Klimatote pro Jahr

    schätzt also die UNO und das sollen wir glauben, steht ja auch im Büchlein.
    Warum brauchen wir solche Meldungen und warum werden diesen nun auch noch von einem populären Autor seinen Fans untergejubelt?
    Hat man auch schon mal „geschätzt“ wie viele Menschen pro Jahr weniger sterben, weil wir ein Klimaoptimum erreicht haben?
    Ich meine, wo führt das hin, wenn an der vergangenen Erwärmung alles soooo schlecht sein soll? Wo führt es hin, wenn wir immer und immer wieder auf die unterschiedlichsten humanen Katastrophen eingeschworen werden? Wie nennt sich diese Wissenschaft, welche das Ziel im Pessimismus sieht und unaufhörlich die düstere Zukunft malt?

    Hat das alles System od. steckt oft nur eine gewisse Betriebsblindheit dahinter?

  4. „Beard macht einige recht harmlose Bemerkungen dazu, dass die Zahl der Frauen in der Physik vielleicht nie ganz mit den Männern gleichziehen werde, weil sie möglicherweise eine Präferenz für andere Forschungsgebiete hätten […]“

    Das ist vermutlich eine Anspielung auf den Fall Larry Summers, geschehen 2005 an der Harvard-Universität:

    http://www.zeit.de/2005/09/B-Harvard

  5. Wegen der Ausgewogenheit

    wäre es doch interessant, eine Besprechung des Romans „State Of Fear“ von Michael Crichton (leider schon verstorben) hier vorzunehmen. Ist auch ein Öko-Roman.

    [Antwort: Den haben wir bei Erscheinen auf Realclimate besprochen. Und es gab dazu eine Satire zum 1. April von mir. Stefan Rahmstorf]

  6. Vielen Dank…

    für die interessante Buchempfehlung. Ich bin auch Fan von Ian McEwan – das neue Buch scheint aber an mir vorbeigegangen zu sein.

  7. Mc Ewans Roman „Solar“

    wird wohl den Weg in jedes Bücherregal der Grünbewegten finden. Ob der Autor nur auf einer Welle reitet und sich die derzeitige Stimmung zu nutze macht, oder ob er wirklich in Sorge um das Klima ist, kann ich nicht beurteilen. Interessant ist auf jeden Fall mit welchen Worten er in der FAZ zitiert wird. Über die Gefahren der Kernenergie nach Tschernobyl meint er: „Aber das war ein alter sowjetischer, völlig ineffizienter Reaktor. Bei 450 Atommeilern in der Welt hat es bisher drei ernste Unfälle gegeben. Im Vergleich zu anderen Energiegewinnungen ist das die sicherste.“

    Doch auch von Gentechnik als Chance spricht er und Windfarmen kommen ebenfalls nicht gut weg. Also so gut wie alles was sich die Grünen hierzulande auf Ihre Fahnen geschrieben haben, ist in seinen Augen scheinheilig und ideologielastig.

    Artikel von Felicitas von Lovenberg in der FAZ:
    href=http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~ED8B6B79873B1421AB1245AF29F65DC22~ATpl~Ecommon~Sspezial.html