Klimawette: die Auflösung

Vor zweieinhalb Jahren sagte eine Gruppe von Forschern aus Kiel und Hamburg in Nature eine vorübergehende Abkühlung der globalen Temperatur vorher (Keenlyside et al. 2008). Spezifisch wurde für den Zeitraum November 2000 bis Oktober 2010 prognostiziert, dass er kühler ausfallen werde als der Referenzzeitraum November 1994 bis Oktober 2004. Diese Ankündigung machte weltweit Schlagzeilen. Doch eine internationale Forschergruppe widersprach damals und bot den Forschern um Mojib Latif eine Wette gegen die Abkühlung an.

Nun ist der Prognosezeitraum vorbei, und es zeigt sich: die Abkühlungsprognose hat sich tatsächlich als falsch herausgestellt. Die globale Erwärmung ging unbeeindruckt weiter (siehe Grafik).

 

Verlauf der globalen Mitteltemperatur nach den Daten von NASA-GISS (rot) und Hadley Center (blau), im Vergleich zu den Prognosen des Modells von Keenlyside et al. Gezeigt sind 10-Jahresmittel wie von Keenlyside definiert; Bezugspunkt ist hier der Mittelwert November 1994 bis Oktober 2004, relativ zu dem die Zukunftsprognose gemacht wurde.

Realclimate hat gerade einen ausführlicheren Beitrag dazu veröffentlicht. Die Forscher um Latif hatten offenbar ihre Rechnung ohne den „coupling shock“ gemacht, ein in der Fachliteratur bekanntes Modellproblem, das bei dieser Art von Experimenten eine scheinbare Abkühlung auslösen kann (z.B. Rahmstorf 1995). Einige Alarmzeichen hätten die Autoren dabei rechtzeitig vor der Fehlprognose warnen können. So zeigen sie in dem Paper selbst, dass die Vorhersagegüte für die globale Temperatur mit dem neuen Initialisierungsverfahren schlechter ist als ohne – trotz der zahlreichen zusätzlich ins Modell gefütterten Beobachtungsdaten. Auf die vergangenen Jahrzehnte angewendet hatte das Verfahren keine korrekte, wohl aber zwei falsche Abkühlungsprognosen geliefert – zuletzt für den Zeitraum 1994-2004 (siehe Grafik). Und nicht zuletzt publizierten sie ihre Arbeit zu einem Zeitpunkt, als bereist drei Viertel des Prognosezeitraums vorbei und im realen Klima (anders als in der Modellrechnung) noch keine Anzeichen einer Abkühlung erkennbar waren. Im Gegenteil: in dieser Zeit lagen die Temperaturen deutlich über denen des Referenzzeitraums, und es hätte eines dramatischen und unplausiblen Temperatursturzes bedurft, um die Abkühlungsprognose für den Mittelwert 2000-2010 noch wahr zu machen.

Was kann man daraus lernen? Erstens sollten Forscher mit Presseverlautbarungen sehr vorsichtig sein und nur Prognosen machen, wenn diese wirklich belastbar sind. Denn Fehler schaden der Glaubwürdigkeit der Klimaforschung insgesamt.

Zweitens zeigt sich einmal mehr (siehe auch kürzlich den Gastbeitrag von Georg Feulner), dass das Neueste aus Science und Nature oft nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Es ist oft vor allem deshalb in diesen Journalen, weil es neu ist – nicht weil es schon gut bestätigt und belastbar ist. Meist wird dann aber in den Medien nicht so prominent berichtet, wenn es sich im Laufe der weiteren Forschung als falsch erweist. Es wäre oft besser, einmal fundiert und ausführlich über das etablierte Wissen und die offenen Fragen in einem Gebiet zu berichten (wie exemplarisch gerade der Meeresspiegel-Artikel der New York Times), als zwanzig „Häppchen“-Artikel zu gerade erschienenen Papers zu bringen („Grönland schmilzt halb so schnell wie erwartet“, und ein halbes Jahr später dann wahrscheinlich wieder „Grönland schmilzt schneller als erwartet“).

Drittens konnte man an diesem Beispiel wieder schön die bizarre „Verwertungskette“ solcher Klimameldungen durch die „Klimaskeptiker“ beobachten, die dieses Ergebnis nach Kräften verzerrt und für Ihre politischen Zwecke missbraucht haben – zum Beispiel der „Verein ohne Büro“ (so kürzlich Die Welt) mit dem phantasievollen Namen „Europäisches Institut für Klima und Energie“ (EIKE).

Update 3. Dezember:  In der Stuttgarter Zeitung sagt Latif: dass die Erwärmung stärker vorangeschritten sei, als seine Studie vorhersage, spreche zunächst nicht gegen die Studie. „Man muss das langfristig sehen. Ich lege ein paar Jahre nicht auf die Goldwaage.“ Aber wenn sich die Vorhersage bis 2015 als Fehler herausstelle, „dann bin ich der Letzte, der das bestreitet“.

Man muss das wohl so verstehen, dass Latif trotz der Fehlprognosen für 1994-2004 und 2000-2010 immer noch glaubt, jedenfalls seine Prognose für den Zeitraum 2005-2015 könne noch wahr werden. Wir geben zu bedenken: auch von diesem Mittelungszeitraum ist bereits die Hälfte vorbei, und die Temperaturen waren warm.

Stefan Rahmstorf

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vermutlich hat man bei der Klimaprognose im Mittel die beste Chance mit dem Tipp, dass der Trend der nächsten 10 Jahre ähnlich ist, wie der Trend der letzten zehn Jahre.

  2. Re: M. Adeno

    Vermutlich hat man bei der Klimaprognose im Mittel die beste Chance mit dem Tipp, dass der Trend der nächsten 10 Jahre ähnlich ist, wie der Trend der letzten zehn Jahre.

    Nicht schlecht… aber ich vermute dass ein 30-Jähriger Trend noch eine bessere Chance gibt…

    [Antwort: Schon möglich – aber hätte man 1980 einfach aus dem Trend der vergangenen Jahrzehnte die Zukunft vorhergesagt, hätte man völlig daneben gelegen. Da war Broeckers Prognose auf Basis der CO2-Entwicklung schon besser, „dass der gegenwärtige Abkühlungstrend innerhalb etwa eines Jahrzehnts einer deutlichen globalen Erwärmung weichen wird, verursacht durch Kohlendioxid“. Siehe unseren Artikel dazu. Stefan Rahmstorf]

  3. Neue Wette 😉

    Es reizt mich, eine Folgewette zu formulieren, nämlich die, dass das Versagen der „Abkühlungsprognose“ nur einen Bruchteil der öffentlichen Aufmerksamkeit erlangen wird, wie deren Vorhersage.
    Dafür werden schon EIKE und ähnliche dubiose Lobbyorganisationen der Energieindustrie sorgen.

    Robert Kühn

    [Antwort: Da werden Sie wohl recht behalten, und zwar selbst ohne Lobbytätigkeit. Allein die „Gesetzmäßigkeiten“ der Medien sorgen schon dafür, dass die ursprüngliche sensationelle Prognose jede Menge Medienaufmerksamkeit bekam, unsere Zweifel daran schon wesentlich weniger, und die Auflösung bislang gar keine. Stefan Rahmstorf]

  4. Nachtrag

    Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zur gewonnenen Wette, mit der Sie mal auf unkonventionelle Weise Öffentlichkeitsarbeit geleistet haben.

    Dann schaun wir, wie sich der von mir bislang durchaus geschätzte Herr Latif äußern wird.

    Robert Kühn

  5. Glückwunsch oder so

    Die Wette kam ja nicht zustande aber der Eindruck von Mut zum Widerspruch entstand bzw. der, dass da jemand weiß, was er sagt.

  6. Was mich dabei wundert: Warum macht man in einer Arbeit von 2008 eine Vorhersage über den Zeitraum 2000-2010, von dem der Großteil schon vorüber ist?

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben