Kalter subpolarer Atlantik, heißes Deutschland?

Laut Deutschem Wetterdienst war der vergangene Sommer in Deutschland mit einem Mittelwert von 18,5 °C wahrscheinlich der drittwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen – deutlich übertroffen nur vom “Jahrhundertsommer” 2003 und etwa gleichauf mit dem Sommer 1947. Die Süddeutsche Zeitung zitiert dazu in einem interessanten Artikel Meteorologen und schreibt:

Südlich von Grönland entscheidet sich, wie heiß es in Mitteleuropa wird. (…) Schon im Juni deutete vieles auf eine heiße Phase hin. Aus Erfahrung wissen die Wetterkundigen, dass solche Sommer ein typisches Grundschema aufweisen. Sie blicken beispielsweise auf das Gebiet südlich von Grönland. Ist es dort besonders kühl und die Nordsee vergleichsweise warm, verschiebt sich der Nährboden für Tiefdruckgebiete hinaus auf den Atlantik. Diese Verlagerung wiederum bringt über dem Kontinent eine südwestliche Strömung in Gang, die Luft aus der Sahara direkt nach Deutschland schaufelt. Über Mitteleuropa entwickelt sich dann ein Hitzehoch.

Die folgende Abbildung zeigt, wie kalt es im Juni südlich von Grönland war.

GISTEMP June 2015Abb. 1 Abweichung der Juni-Temperaturen vom klimatischen Mittelwert 1951-1980. Quelle: NASA GISS

Dies aber nicht nur im Juni, sondern in jedem Monat dieses Jahres. Wie aufmerksame KlimaLounge-Leser wissen: es gibt (neben den üblichen Schwankungen) einen Langzeittrend zur Abkühlung in dieser Region (Abb. 2) – in krassem Gegensatz zum allgemeinen Trend zur globalen Erwärmung.

Figure 1a correctedAbb. 2 Linearer Trend der Temperaturen von 1901 bis 2013. Quelle: Rahmstorf et al. 2015.

Dieser Trend wird in mehreren Studien – u.a. [cite ref=“ Dima und Lohmann 2010″]10.1175/2009JCLI2867.1[/cite], [cite ref=“Drijfhout et al. 2012″]10.1175/JCLI-D-12-00490.1[/cite] und zuletzt in unserer Titelstory in Nature Climate Change vom Mai [cite ref=“(Rahmstorf et al. 2015)“]10.1038/NCLIMATE2554[/cite] – auf eine Abschwächung der Ozeanzirkulation im Atlantik zurückgeführt.

NCC cover May 2015

Übrigens gab es auch im Sommer 2003 eine ausgeprägte Kälteblase südlich von Grönland (Abb. 3), benachbart zur Wärmeanomalie über Europa.

gistemp summer 2003Abb. 3 Abweichung der Sommer-Temperaturen 2003 vom klimatischen Mittelwert 1951-1980. Quelle: NASA GISS

Wie sich die kalten Meerestemperaturen südlich von Grönland auf das Wetter in Europa auswirken ist derzeit ein aktuelles Forschungsthema u.a. bei britischen und holländischen Kollegen sowie in meiner Abteilung.

Stefan Rahmstorf

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. interessant!
    blicken wir ein Jahr zurück, findet sich im Juni eine ähnliche Ausgangssituation:
    http://goo.gl/MdxzdC

    im Juli und vor allem im August sieht die Sache aber schon wieder ganz anders aus:
    http://goo.gl/7iza90

    Für diese T Anomalie (im langj. Trend) südlich von Grönland gibt es ja unterschiedliche Ansätze, ich kannte bisher nur atmosphärisch-dynamische mit entsprechenden Wechselwirkungen. Mir ist weiters nicht bekannt, dass sich der N Atlantik Strom abgeschwächt hätte, bis auf kurze Schwankungen, welche aber vor allem weiter rückblickend schwer zu erfassen sind. Zudem erscheint mir die Position der T Anomalie nicht dort, wo ich sie erwarten würde, näher an den Schmelzwasserquellen. In Summe kommt mir diese Theorie sehr unschlüssig vor, auch weil diese T Anomalie ja ziemlich beständig und über das ganze 20. Jahrhundert zu erkennen ist.

    MfG chze

    • Stefan Rahmstorf

      – Bitte nennen Sie doch die Fachliteratur zu dieser „atmosphärisch-dynamischen“ Erklärung.
      – Wenn Ihnen die Belege für die Abschwächung des Nordatlantikstroms nicht bekannt sind, lesen Sie doch einfach mal die drei Fachpublikationen, die unter meinem Beitrag gelistet sind, wo diese Belege ausführlich mit vielen Quellen diskutiert werden.
      – Warum erwarten Sie die Anomalie an anderer Stelle? In unserem Paper (Abb. 1b) zeigen wir, dass sie sich genau dort befindet, wo sie sich in Modellsimulationen infolge einer Abschwächung der Zirkulation einstellt.
      – Wenn sie die Zeitreihen dieser Anomalie in unserem Paper angeschaut hätten, dann wüssten Sie, dass sie nicht über das ganze 20. Jh. beständig ist, sondern eben einen klaren Trend aufweist (der ja auch oben in der Weltkarte gezeigt ist) – eine Abkühlung in dieser Region während der Rest der Erde sich erwärmt hat. Laut NOAA war der letzte Winter in dieser Region sogar der kälteste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 1880!
      Mein Eindruck ist, dass Sie in Ihren Beiträgen hier (nicht nur diesem) häufig Argumente präsentieren, die irgendwie den Klimawandel relativieren sollen, die aber keiner kritischen Prüfung standhalten. Damit verschwenden Sie letztlich nur die Zeit unserer Leser. Wir freuen uns über belastbare Argumente mit entsprechenden Quellenangaben!

      • zuerst blicken wir mal auf die Grönland Temperaturen:
        http://www.clim-past.net/9/2299/2013/cp-9-2299-2013.pdf
        (Seite 3 ff)
        Wir sehen, dass es über die letzten 4000a einige längere Zeiträume mit höheren Temperaturen gab.
        Dann ein wenig zu AMOC
        http://www.whoi.edu/fileserver.do?id=189225&pt=2&p=194729

        und AMO:
        Variations in North Atlantic sea-surface temperatures (SSTs) are particularly prominent on multidecadal timescales. These changes, which exert a strong influence on climate in the North Atlantic region, are dominated by the alternation between warm and cold SST anomalies on a timescale of 60–80 years, a phenomenon known as the Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO). The AMO has been identified in the instrumental record spanning the past ~150 years as a coherent, basin-wide pattern of oscillatory changes in SST1
        http://www.nature.com/ncomms/2014/140225/ncomms4323/full/ncomms4323.html

        und dazu die AMOC Rekonstruktionen (Fig.4) und diese vergleiche man mit der Grönland T Zeitreihe.
        http://www.atmos.washington.edu/~hakim/papers/steiger_tardif_hakim_amoc_2014.pdf

        Ich erkenne nicht den geringsten Ansatz, welcher ihre Hypothesen stützen könnte. Nur weil sie ein Modell laufen lassen, bedeutet das fürs erste noch gar nichts. Man müsste das physikalische Modell exakt verifizieren können, oder sie haben eine physikalisch haltbare Erklärung für ihre Annahmen bzw. sie können die Simulation Ergebnisse physikalisch und meteorologisch konsistent erklären.

        Ich bezweifle ihren Ansatz, weil es keine signifikanten Änderungen bzgl. Golfstrom, Nordatlantik Strom oder eben AMOC über die letzten ka gegeben hat, lt. Studien!, sehr wohl jedoch deutliche Schwankungen der grönländischen Oberflächen Temperatur und diese lagen oft höher als heute. Freilich bin ich auch dazu kritisch, denn wie genau kann man denn überhaupt die Oberflächen T im betrachteten Teil des Atlantiks vor 100a wissen? Überall große Unsicherheiten und wenn sie es schon für nötig erachten, mich im letzten Kommentar ein wenig mit Polemik einzudecken, darf ich zurück geben, dass es ihnen mit dem Wandel offensichtlich nicht schnell genug gehen kann. Sie modellieren oder glauben, dass wenige Dekaden mit einigen 1/10°C höheren Temperaturen wahnsinnige Einflüsse auf die größten und trägsten Eismassen haben und das stelle ich mal ganz schwer in Frage und wie sie wissen, nicht nur meine Wenigkeit…

        MfG chze

        • „…das stelle ich mal ganz schwer in Frage…“ [bzgl. der Darstellung/Hypothese des hier im Blogbeitrag annoncierten paper]

          Dieses „in Frage stellen“ ist ein willkommener Effekt des publizierens in Journalen. Falls noch nicht geschehen, müßte nun nach erlangter Information durch (Wissenschafts-) Journalismus und Blogs über dieses Thema ein Infragestellender sich intensiv mit dem paper selbst, seinen Bezügen/Quellen und den Daten beschäftigen. Wenn nach intensiver Beschäftigung mit dem paper die Infragestellung mündet in eine valide Kritik an den Methoden, Daten oder Schlüssen des papers sollte diese Kritik *unbedingt* (!) an das veröffentlichende Journal des paper gesandt werden zur Nachveröffentlichung zum Paper. Natürlich unterliegt auch eine solche kritische Betrachtung mindestens einem gewissen peer review-Verfahren, bevor ein seriöses Jounal sie als Beitrag veröffentlicht. Falls die kritische Würdigung diesen Prozess nicht übersteht (was wiederum nicht ungewöhnlich wäre), die Autoren jedoch ihre Kritik weiterhin vertreten und aufrecht erhalten wollen/müssen, wäre wieder *unbedingt* das Einreichen der Kritik bei einem anderen, vielleicht eher „konkurrenten“ Journal zu verfolgen. Nach einer schlussendlichen Veröffentlichung (wenn es gar nicht anders geht, dann eben in einem OA-„Journal“ ohne peer- oder gar mit „pal“ review)….

          *dann*

          sollte hier zu diesem Blog-Beitrag ein Hinweis auf die Veröffentlichung der Kritik eingebracht werden. Im Nebenbei: nein, ein Link auf irgendeinen privaten Blog-Beitrag anderswo würde niemanden zur Beschäftigung mit der Kritik verleiten (es sei denn der Blog-Beitrag würde ähnlich wie hier eine Information über eine ernsthafte Veröffentlichung enthalten und wäre ähnlich wie hier nur eine Art journalistisches Mittel der Bekanntgabe).

          Dann würden sich mit Sicherheit einige Leute die veröffentlichte Kritik (wenn nötig: intensiv) ansehen und (auch) hier zu dem Hinweis Stellung nehmen.

          Bis dahin sollten Infragesteller zwar keinesfalls ihre „Skepsis“ mindern oder beschränken, jedoch dürften sie auf keinen Fall davon ausgehen, sie oder ihre Kommentierungen auf irgendwelchen Webseiten würden auf den Gang des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses irgendeine Auswirkung haben.

    • Wer möchte“ und fähig ist, selbstständig Internetrecherchen durchzuführen, der wird zuhauf Belege für die Abschwächung der AMOC finden 🙂

      Mein Eindruck ist, dass Sie in Ihren Beiträgen hier (nicht nur diesem) häufig Argumente präsentieren, die irgendwie den Klimawandel relativieren sollen, die aber keiner kritischen Prüfung standhalten.

      Das ist auch mein Eindruck. Diese Taktik wird übrigens auch „Gespensterdiskussion“ genannt, wo es nur darum geht, in öffentlichen Medien Verwirrung und Skepsis bei etwaigen unbedarften Rezipienten zu bewirken. Ich denke, da sind so einige „Gespenster“ unterwegs… Manchmal denke ich, dass diese Gespenster irgendwo noch einen zweiten Planeten Erde in Reserve haben müssen, anders kann ich mir die offensichtliche Chuzpe, die mich manchmal wirklich sprachlos macht, nicht erklären. Nun denn, sollten sie keinen zweiten Planeten Erde in Reserve haben, tun sich jene Diskutanten selbst nicht wirklich einen Gefallen, soviel ist mann sicher.

  2. Kann man anschaulich erklären, warum das Meer gerade an dieser Stelle (südlich von Grönland) kühler geworden ist? Oder ist das einfach (genauer gesagt kompliziert) ein Ergebnis Ihre Modellrechnungen?

    • Stefan Rahmstorf

      Das ist die Region, wo die atlantische Meeresströmung die Wärme hintransportiert, die dort dann an die Luft abgegeben wird. Schwächt sich der ozeanische Wärmetransport in diese Gegend ab, wird es dort kälter.

  3. @Stefan Rahmstorf

    Wie Ihnen sicher bekannt ist, enthält auch James Hansens aktuelles Paper das Szenario einer „Weakening AMOC“. Er leitet seine Prognosen ua aus den klimatischen Umwälzungen in der Eem- Warmzeit ab:

    Abstract

    There is evidence of ice melt, sea level rise to +5-9 meters, and extreme storms in the
    prior interglacial period that was less than 1°C warmer than today. Human-made climate forcing is stronger and more rapid than paleo forcings, but much can be learned by combining insights from paleoclimate, climate modeling, and on-going observations. We argue that ice sheets in contact with the ocean are vulnerable to non-linear disintegration in response to ocean warming, and we posit that ice sheet mass loss can be approximated by a doubling time up to sea level rise of at least several meters. Doubling times of 10, 20 or 40 years yield sea level rise of several meters in 50, 100 or 200 years. Paleoclimate data reveal that subsurface ocean warming causes ice shelf melt and ice sheet discharge. Our climate model exposes amplifying feedbacks in the Southern Ocean that slow Antarctic bottom water formation and increase ocean temperature near ice shelf grounding lines, while cooling the surface ocean and increasing sea ice cover and water column stability. Ocean surface cooling, in the North Atlantic as well as the Southern Ocean, increases tropospheric horizontal temperature gradients, eddy kinetic energy and baroclinicity, which drive more powerful storms. We focus attention on the Southern Ocean’s role in affecting atmospheric CO2 amount, which in turn is a tight control knob on global climate…

    Ergänzend dazu eine aktuelle Prognose der NASA:

    27.8.2015 – Oceans Will Rise Much More Than Predicted, NASA Says

    http://news.nationalgeographic.com/2015/08/150827-NASA-climate-oceans-seas-greenland/

    Erneut zeigt sich, dass die Prognosen des IPCC nach oben korrigiert werden müssen. Zitat aus dem obigen Artikel:

    The IPCC didn’t include melting land ice in its sea level projections…

    Wie kann das sein ?!

    Für wie realistisch halten Sie persönlich einen Meerespiegelanstieg von 5 – 9 Metern innerhalb 50 – 200 Jahren?^^

    • Leider verlinken Sie nicht die Studie selbst, deren Abstract Sie hier zitieren. Aber ich will trotzdem mal eine Antwort alleine daraus versuchen. Schätzt man mit der hier genannten Verdopplungsrate die Meeresspiegelerhöhung ab, dann kommt man in 50 Jahren auf einen maximalen Anstieg von knapp 2 m, ist also da noch deutlich von den 5 – 9 m entfernt. Allerdings ist man dann bei einer Anstiegsrate von ca. 1 m/Jahrzehnt. Das ist eine ganze Menge und man fragt sich, wie der gewaltige Energieaustausch, der dann notwendig wird, vonstatten gehen soll. Könnte man ja mal spaßeshalber ein Wenig rumrechnen, leider fehlt mir derzeit die Zeit dazu. Deshalb wäre es so wichtig, die Studie selbst zu kennen. Aus physikalischer Sicht erscheint mir ein so starker Anstieg eher unwahrscheinlich. Allerdings, dass die Sache in nur wenigen Jahrzehnten richtig heftig werden könnte, wird deutlich, wenn man sich mal ein wenig damit befasst. Das erinnerst stark an die Weizenkornlegende beim Schachspiel.

      • Hier der Link zum Paper von Hansen et al:

        http://www.atmos-chem-phys-discuss.net/15/20059/2015/acpd-15-20059-2015.pdf

        Wenn das Abschmelzen des Grönlandeises und des Eises der Antarktis exponentiell verlaufen sollte, dann wird zweifellos auch der Meerespiegelanstieg exponentiell verlaufen:

        Auf Seite 13 zB heisst es in dem Paper:

        3.2 Experiment definition: exponentially increasing fresh water

        Freshwater injection is specified as 360 Gt/yr (1 mm sea level) in 2003-2015, then growing with 5, 10 or 20 year doubling time (Fig. 8). Injection ends when input to global sea level reaches 1m or 5m. The sharp cut-off aids separation of immediate forcing effects and feedbacks. We do not argue for this specific input function, but we suggest that rapid meltwater increase is likely if GHGs continue to grow rapidly. Greenland and Antarctica have outlet glaciers occupying canyons with bedrock below sea level well back into the ice sheet (Fretwell et al., 2013; Morlighem et al., 2014; Pollard et al., 2015). Feedbacks, including ice sheet darkening due to surface melt (Hansen et al., 2007b; Robinson et al., 2012; Tedesco et al., 2012; Box et al., 2012) and lowering and thus warming of the near-coastal ice sheet surface, make increasing ice melt likely. Paleoclimate data reveal instances of sea level rise of several meters in a century
        (Fairbanks, 1989; Deschamps et al., 2012). Those cases involved ice sheets at lower latitudes, but 21st century climate forcing is larger and increasing much more rapidly…

        Und auf Seite 24:

        The critical issue is whether human-spurred ice sheet mass loss can be approximated as an exponential process during the next few decades. Such nonlinear behavior depends upon amplifying feedbacks, which, indeed, our climate simulations reveal in the Southern Ocean.

  4. @Stefan Rahmstorf

    Könnte sich aus der allgemeinen Grosswetterlage über dem Nordatlantik so eine Art „Ridiculously Resilient Ridge“ ( https://en.wikipedia.org/wiki/Ridiculously_Resilient_Ridge ) über Europa entwickeln und damit die Hitze- und Dürreperioden weiter verschärfen bzw verlängern ( Omega-Wetterlagen im Zusammenhang mit den Veränderungen des Jetstreams)? Im Grunde sagen Sie ja indirekt genau das in Ihrem Artikel… Wenn dieser Trend anhält oder sich gar verschärft, dann wird das aber ziemlich ungemütlich in Europa und die Eiszeitpropheten/Klimatrolle im Zusammenhang mit „The day after tomorrow“ haben sich übel in den Finger geschnitten, die Hitzeanomalie in Europa auf Abb. 3 in Ihrem Artikel ist noch um einiges extremer, als an der West-Küste Nordamerikas… Ernstzunehmende Prognosen besagen ja, dass um das Jahr 2040 herum extreme Sommer wie 2003 in Europa nicht mehr eine Ausnahme, sondern die Regel sein werden (siehe zB. http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_72096072/klimawandel-europa-muss-sich-auf-immer-mehr-hitzewellen-einstellen.html )

    Auf Abb. 3 Ihres Artikels sieht man insgesamt vier Kälteanomalien auf der Nordhalbkugel, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, die grösste Anomalie befindet sich im Nord-Pazifik. Ich tippe darauf, dass auch diese Anomalie im Nord-Pazifik durch Schmelzwasser verursacht wird und ich sehe einen Zusammenhang mit dem RRR- auf der folgenden Abbildung sieht man sehr schön den bipolaren Anomalie-Effekt:

    https://en.wikipedia.org/wiki/File:The_Ridiculously_Resilient_Ridge.pdf

    Ich bin gespannt, was geschieht, wenn das Christkind im letzten Quartal 2015 da reinfährt, RRR gegen El Nino, King Kong gegen Godzilla 🙂

    Regelrecht beängstigend finde ich auch die anhaltenden, extremen Anomalien im Norden Russlands (ebenfalls sehr schön in den drei Abbildungen Ihres Artikels zu sehen). Der sibirische Permafrost taut, kein Zweifel. Diese positiven Anomalien in Russland haben übrigens bereits vor drei Jahren zu einer kompletten Umstellung der arktischen Ozeanzirkulation geführt!:

    https://www.youtube.com/watch?v=gXtt8lIZN6s

    Übrigens hat es Hansen natürlich nicht versäumt, in seinem Paper erneut auf die ausserordentlichen Gefahren des optimistischen 2°C- Ziels hinzuweisen 😎 :

    We conclude that 2°C global warming above the preindustrial level, which would spur more ice shelf melt, is highly dangerous. Earth’s energy imbalance, which must be eliminated to stabilize climate, provides a crucial metric.

    Für interessierte Leser hier das Full Paper von Hansen et al:

    http://www.atmos-chem-phys-discuss.net/15/20059/2015/acpd-15-20059-2015.pdf

    Hier wird das Paper wissenschaftlich diskutiert:

    http://www.atmos-chem-phys-discuss.net/15/20059/2015/acpd-15-20059-2015-discussion.html

    • Auf der folgenden Grafik vom 30.6.2015 ist genau die Omega- Grosswetterlage über dem Nordatlantik, die ich meine, abgebildet:

      http://tinyurl.com/ovhxsyc

      6.7.2015 – The Omega-Shaped Jet Stream Responsible for Europe’s Heatwave

      What impact will climate change have on this? It will no doubt lead to higher temperatures in Europe, and with hotter conditions the air is able to hold more water. This means there is more energy that can be released by thunderstorms, which is expected to lead to heavier downpours and other more severe weather…

      http://www.iflscience.com/environment/omega-shaped-jet-stream-responsible-europe-s-heatwave

      Das erinnert mich an Jeniffer Francis:

      Francis’s research focuses on climate change in the Arctic, and has published over 40 scientific papers on the topic. It is also her opinion that warming in the Arctic may be changing the jet stream, which, in turn, may be leading to abnormal weather patterns such as an unusually long winter in the United Kingdom, the 2013 Colorado floods, and the unusually cold conditions across much of the southern United States in early 2014. Specifically, Francis argues that the heating and cooling of Arctic seawater (the Arctic is warming much faster than the rest of the world) has slowed down the jet stream, resulting in weather conditions persisting for longer than they usually would. That the warming in the Arctic is linked to extreme weather elsewhere in the world is a view supported by some of Francis’s research, such as a study published in Geophysical Research Letters in 2012.

      https://en.wikipedia.org/wiki/Jennifer_Francis

      http://www.youtube.com/watch?v=_nzwJg4Ebzo

      Die Dame hat einige unangenehme Zukunfts-Prognosen zur Hand.

      Übrigens kommt Jason Box auf seinem Blog am 8.6.2015 zu folgendem Schluss:

      There is evidence, two most recent of a growing list of citations, of Arctic warming slowing the jet stream, causing it to meander more, creating sticky weather patterns. Welcome to the new abnormal.

      http://meltfactor.org/greenland-melt-season-kicks-off-slowly-in-2015/

      Ich bin gespannt, wie die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und auch in der breiten Bevölkerung darauf reagieren werden. Ich sehe ein gewaltiges, weltumspannendes, wankendes Kartenhaus aus bunt bedrucktem Papier in meiner Glaskugel^^…

      Wird Homo Oeconomicus das Ruder noch einmal herumreissen ?! Ist Homo Sapiens bereits ausgestorben? Fragen über Fragen… Ich könnte jetzt eine Hassrede gegen das bestehende, kafkaeske, orwellsche System der Ausbeutung und des endlosen Cheatens loslassen. Aber wozu? Wir befinden uns in einem brennenden Haus und man kann “FIRE!” rufen sooft man will, erst wenn das Haus abgefackelt ist, wird die Geld- und Macht-”Elite” gezwungenermassen” feststellen, dass es wohl doch gebrannt hat:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Hybris

      https://de.wikipedia.org/wiki/Nemesis

  5. Ich kann übrigens auch den härtesten Skeptikern usw nur empfehlen, sich die drei Abbildungen in Herrn Rahmstorfs Artikel hier genauestens anzusehen und zukunftsorientierte Schlüsse daraus zu ziehen, denn erstens kommt es härter und zweitens als man denkt…

    Für mich jedenfalls ist unsere lebendige Mutter Erde ein schrecklich schönes Wunder^^ Schaut Euch diese wunderbare, lebende, rhythmische, ja musikalische Verflechtung von kosmischen Einflüssen, Atmosphäre, Wetterphänomenen, Ozeanströmungen, Jetstreams, Polkappen, Jahreszeiten, Erdkruste, Pflanzenwelt, Tierwelt usw usw usw an- und schaut Euch nicht zuletzt auch die Einflüsse gewisser menschlicher Aktivitäten an… ist dieses gewaltige Zusammenspiel nicht wie ein Wunder? Ein Wunder der Komplexität und Kausalität.

  6. Als Nachschlag (zu den 3 Abbildungen oben im Artikel) hier die globalen Temperatur- Anomalien vom 3. September 2015:

    https://pbs.twimg.com/media/CN_trjsWwAA-4SZ.jpg

    Man sieht sehr deutlich die extremen positiven Anomalien fast im gesamten Pazifik (El Nino verstärkt die positiven Anomalien noch um einiges), eine extreme negative Anomalie sieht man ganz im Osten des Pazifik. Auch die positiven und negativen Anomalien im gesamten Atlantik bis hoch zum nördlichen Eismeer sind erschreckend.

    • Korrektur:

      … eine extreme negative Anomalie sieht man ganz im Osten des Pazifik.

      sollte heissen:

      … eine extreme negative Anomalie sieht man ganz im Westen des Pazifik.

  7. Sorry, OT, aber dennoch eine wichtige Meldung:

    Shakhova et al haben am 7.9.2015 ein neues Paper veröffentlicht. Erstaunlich, dass sie nun ihr neues Paper ausgerechnet bei der Royal Society veröffentlichen, denn noch im letzten Jahr hatte die Royal Society Shakhova et al vor den Kopf gestossen und sie nicht zu ihrem wichtigen Meeting ( „Arctic sea ice reduction: the evidence, models, and global impacts“) eingeladen:

    http://www.examiner.com/article/royal-society-snubs-important-arctic-scientists-and-their-research

    Hier der Link zum Paper:

    http://rsta.royalsocietypublishing.org/content/373/2052/20140451

    The East Siberian Arctic Shelf: towards further assessment of permafrost-related methane fluxes and role of sea ice

    Abstract

    Sustained release of methane (CH4) to the atmosphere from thawing Arctic permafrost may be a positive and significant feedback to climate warming. Atmospheric venting of CH4 from the East Siberian Arctic Shelf (ESAS) was recently reported to be on par with flux from the Arctic tundra; however, the future scale of these releases remains unclear. Here, based on results of our latest observations, we show that CH4 emissions from this shelf are likely to be determined by the state of subsea permafrost degradation. We observed CH4 emissions from two previously understudied areas of the ESAS: the outer shelf, where subsea permafrost is predicted to be discontinuous or mostly degraded due to long submergence by seawater, and the near shore area, where deep/open taliks presumably form due to combined heating effects of seawater, river run-off, geothermal flux and pre-existing thermokarst. CH4 emissions from these areas emerge from largely thawed sediments via strong flare-like ebullition, producing fluxes that are orders of magnitude greater than fluxes observed in background areas underlain by largely frozen sediments. We suggest that progression of subsea permafrost thawing and decrease in ice extent could result in a significant increase in CH4 emissions from the ESAS.

    Der Methan-Drache rumort also weiter, Herr Rahmstorf 😎

  8. In Kalifornien geht es langsam richtig zur Sache. Aufgrund der schlimmsten Dürre seit mindestens 1200 Jahren nimmt die Zahl der Waldbrände stetig zu. Central Valley, der Brotkorb Kaliforniens vertrocknet. Kalifornien geht vor unseren Augen den Bach runter:

    15.9.2015 – California in Losing Battle With Climate Change as Wildfires Devour 700 Homes, Force 23,000 to Flee

    The oceans and airs of the world are warming. The waters of the Northeastern Pacific have concentrated that heat — resulting in the formation of powerful high pressure systems never seen in modern human memory. Highs that have warded off rainfall from the US West Coast for the better part of five years. Highs that have boosted already above average heat for the region so that now California snowpacks are at their lowest levels in at least 500 years. A lack of rainfall and water flow from snow melt setting off the worst drought in at least 1,200 years. One that has greatly contributed to the death of millions of trees across the state and increased fire risk to extreme and likely never before seen levels…

    Perhaps the worst thing of all about these globally mounting tragedies is the fact that these increasing instances of extreme, climate change driven weather, were preventable. Now we are forced to live with the damage, danger, and tragic loss of lives and homes we’ve already locked in. Now we are forced to hope that wiser leaders than the ones we’ve had thus far will work as hard as possible to limit the degree of terrible harm that is all too certainly on the way.
    There are harsh consequences to dumping 11 billion tons of carbon into the atmosphere each and every year. A rate faster, as an initial forcing, than at any rate in geological history. Governor Jerry Brown, horrified by the severity of the situation this week stated —

    We are really in a battle with nature, … nature is more powerful than we are.

    http://robertscribbler.com/2015/09/15/california-in-losing-battle-with-climate-change-as-wildfires-devour-700-homes-force-23000-to-flee/

  9. ich hoffe doch sehr, dass sich hier alle Leser wie Autoren bewusst sind, dass sich das Klima der Erde auch ohne externe Einflüsse ändern kann.

    Auch ohne Änderungen der Insolation, ohne Vulkane, ohne alle denkbaren externen Änderungen kann es in diesen dynamischen Interaktionen zwischen den Kontinenten, den Ozeanen und der Atmosphäre zu Klimaänderungen auf beliebigen Zeit Skalen kommen. Die Amplitude der globalen Mitteltemperatur hält sich dabei wahrscheinlich in „erträglichen“ Grenzen, sie ist aber nicht bekannt und nicht berechenbar.

    • Herr Christian, sie können fest davon ausgehen, daß jeder einelne hier schon von Eiszeiten und sonstigen unterschiedlichsten Klimaperioden der Erdgeschichte gehört hat.

      „Die Amplitude der globalen Mitteltemperatur hält sich dabei wahrscheinlich in „erträglichen“ Grenzen, sie ist aber nicht bekannt und nicht berechenbar.“

      Worum es momentan geht ist weniger die Erträglichkeit einer zu erwartenden Globalen Temperatur sondern die Erträglichkeit der Geschwindigkeit, mit der Klimaänderungen ablaufen.
      Innerhalb von 3000 Jahren könnte die Menscheit sich durch Wanderbewegungen relativ leicht an Vieles anpassen.
      Kurzfistig aber bringts dem Afrikaner oder Inder herzlich wenig, daß sich die Lebensbedingungen am Polarkreis verbessern während, er zuhause unter Dürre und Hochwasser leidet. Salopp ausgedrückt.
      MfG Frankfurter.

  10. Online-Leser „Martin“ hatte folgende Frage gestellt:

    „Kann man anschaulich erklären, warum das Meer gerade an dieser Stelle (südlich von Grönland) kühler geworden ist? Oder ist das einfach (genauer gesagt kompliziert) ein Ergebnis Ihre Modellrechnungen?“

    Antwort von Stefan Rahmstorf:

    „Das ist die Region, wo die atlantische Meeresströmung die Wärme hintransportiert, die dort dann an die Luft abgegeben wird. Schwächt sich der ozeanische Wärmetransport in diese Gegend ab, wird es dort kälter.“

    Frage von mir:

    „Schwächt sich der „ozeanische Wärmetransport in diese Gegend“ ab, weil der Salzgehalt des „Golfstroms“ wg. des (süßen) Schmelzwassers vom Nordpol, mehr (süße) Niederschläge usw. abnimmt und damit die Geschwindigkeit der Strömung? Und wenn ja: Ist das gemessen worden und von wem? Oder gibt es dafür (auch) andere Ursachen?“

    Zusatzfrage:

    „Warum erwärmt sich der Nordpol eigentlich stärker als der „Rest“ der Erde? Weil die Rückstrahlkraft (Albedo) geringer geworden ist wg. des Abschmelzens der Eiskappen?“

    Bemerkung:

    Habe mehrfach versucht, Daten für den Salzgehalt und die Temperatur des Golfstroms zu finden. Alle angeschriebenen, angefragten Institutionen haben mich jedoch abschlägig beschieden bis hin zu der merkwürdigen Aussage: Salzgehalt und Temperatur werden nicht gemessen. Alles Mögliche und Unmögliche wird vermessen, aber ausgerechnet der Golfstrom nicht? –
    Das nährt natürlich auf fatale Weise Spekulationen: Will uns da jemand was verheimlichen? Und wenn ja, warum?

    Harald Jochums / u. a. Archetekt für Ökologisches Bauen / Duisburg-Rheinhausen

    • Stefan Rahmstorf

      Richtig, der Salzgehalt nimmt ab, und richtig, der Pol erwärmt sich rascher wegen des Albedo-Effekts der schrumpfenden Eisdecke. Die Details zu ersterem finden Sie in den Studien, die wir in unserem Paper zitieren – sie sind auch im IPCC-Bericht dokumentiert, frei online verfügbar.

  11. hmm, dazu hätte ich ein paar Fragen, vielleicht kann die eine od. andere beantwortet werden:

    Man erkennt eine relativ große Fläche südöstlich von Grönland mit geschätzten 1 Mio km², welche eine negative T Anomalie aufweist. Strom aufwärts wie abwärts sind die Anomalien deutlich positiv.

    1. Sommer und Winter ähnlich?
    2. Nehme ich das Schmelzwasser Grönlands als Parameter her, so sollte ich wissen, wie sich dieses im Ozean verteil. ist dieser Fluss in seinen 3 Dimensionen im Modell vorhanden?
    3. Kann dieser Eintrag ausreichen, um die beobachteten Anomalien (Salzgehalt etc.) auf einer dermaßen großen Fläche zu erklären?
    4. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts dürften sie Schmelzraten über den Grönland Sommer ähnlich hoch gewesen sein. Wurden damals auch ähnlich Muster erkannt?

    LG

      • danke,

        @ 2: naja, wenn ich sage, diese Anomalie hat einen oder ihren Grund im Schmelzwasserbeitrag Grönlands, dann muss es über ein Modell reproduzierbar sein. Ich könnte im Modell auch diesen Eintrag fixieren bzw. weglassen und damit verifizieren, ob dieser Parameter tatsächlich in der „erhofften“ Weise wirkt.

        Sollte es tatsächlich so sein, dass für diese negativen T Anomalien im N Atlantik das Schmelzwasser Grönlands verantwortlich ist, so ist doch künftig mit einer weiteren Abschwächung des N Atlantikstroms zu rechnen. Dann sollte es aber auch in weiten Teilen NW Europas kühler werden, wahrscheinlich auch in Mitteleuropa über das Winterhalbjahr.

  12. Folgende Tatsache dürfte die oben im Bild gezeigte Kälteanomalie nordöstlich von Grönland ( http://scilogs.spektrum.de/klimalounge/wp-content/blogs.dir/204/files/GISTEMP-June-2015.gif ) ordentlich weiter nähren:

    Northeast Greenland Begins Ominous Collapse — Giant Zachariae Isstrom Most Recent to Destabilize

    November 12, 2015:

    North, south, east, and west. At all points of the compass, the entire outer edge of the Greenland Ice Sheet is flooding into the oceans with increasing velocity. For NASA it’s the absolute worst kind of OMG realization.

    http://robertscribbler.com/2015/11/13/11038/

    https://en.wikipedia.org/wiki/Zachariae_Isstrom

    • @g.mayer

      Stimmt, der Golfstrom transportiert ordentlich aufgeheiztes Wasser in die Ostarktis, was wiederum gerade in diesem Gebiet zu einer zusätzlichen Aufheizung der Arktis führt. Allerdings verlangsamt sich der Golfstrom tatsächlich, das ist seit längerer Zeit eine wissenschafftlich erwiesene Tatsache, zu der ua Herr Prof. Rahmstorf einige interessante Fakten liefern kann. Aber keine Angst, eine neue Eiszeit ist nicht zu erwarten 😉 Ich empfehle folgende Lektüre zu der angesprochenen Thematik:

      http://www.realclimate.org/index.php/archives/2015/03/whats-going-on-in-the-north-atlantic/

      Sonst sind die Anomalien nirgends so groß, wie genau in diesem bereich und das wäre bei einem schwächelnden NA Strom sicher ganz anders.

      Ich wäre sehr an wissenschaftlichen Fakten zu Ihrer gewagten These interessiert, können Sie da evt etwas anbieten?^^

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben