Infos zum Supersturm Sandy + Updates

Hurricane Sandy ist ein in mehrerer Hinsicht extrem ungewöhnlicher Sturm, u.a. durch seine gigantische Größe. In der kommenden Nacht droht er zwischen Washington und New York auf die Ostküste der USA zu treffen. Ein paar Hinweise für alle, die sich im Netz genauer über diesen historischen Sturm informieren möchten.

Erste Anlaufstelle für Prognosen über die weitere Entwicklung ist natürlich das National Hurricane Center der USA, auf dessen Website ich Sandy schon seit einer Woche mit wachsender Sorge verfolge. Noch praktischer: die App Hurricane HD, durch die es noch zusätzliche Informationen außer den offiziellen Verlautbarungen des NHC gibt – besonders informativ die Grafik „Forecast Models“, die für mich einen besseren Überblick über die Unsicherheiten in der Track-Vorhersage gibt, weil alle Einzelmodelle gezeigt werden.

altSandy aus dem All. Credit: NASA GOES Project

Wer ausführlichere Diskussion und Analysen sucht, der ist z.B. bei Jeff Masters’ Blog mit täglichen Updates beim Internet-Wetterdienst Weather Underground gut bedient. Auf dieser Website findet sich auch eine Übersicht über die historischen Stürme an der US-Küste vom Wetterhistoriker Chris Burt, der einen Sturm befürchtet, der „einzigartig in der amerikanischen Wettergeschichte“ sein wird.

alt

Eine weitere gute Quelle ist der Klima-Informationsdienst Climate Central. Andrew Freedman von Climate Central diskutiert hier die möglichen Zusammenhänge zwischen Sandy und dem Klimawandel. Es ist äußerst ungewöhnlich, dass ein Tropensturm, der vor der US-Ostküste nach Nordosten zieht, dann noch in Richtung Westen abbiegt und die Küste trifft. Grund ist eine „Blockade“ durch ein massives Hoch über Grönland. Eine Reihe von Studien hat in den letzten Jahren gezeigt, dass geringe Eisausdehnung in der Arktis eine Hochdrucklage über Grönland im folgenden Herbst/Winter begünstigt. Das ergeben sowohl Modellsimulationen (Petoukhov und Semenov 2010 Abb. 3h) als auch Datenauswertungen (Francis und Vavrus 2012 Abb. 1a, Liu et al. 2012 Abb. 2a, Jaiser et al. 2012 Abb. 2). Ein Videovortrag von Jennifer Francis zum Zusammenhang von Eisverlust und Wetterextremen ist bei Youtube. Ein Zusammenhang zwischen dem diesjährigen Rekordminimum im arktischen Eis und dem seltsamen Pfad dieses Sturms ist dadurch zwar noch lange nicht belegt, aber einen solchen zu vermuten eben auch nicht völlig unbegründet. Dies ist ein Thema an der aktuellen Front der Forschung.

Wesentlich klarer ist ein anderer Zusammenhang: der Meeresspiegelanstieg infolge der globalen Erwärmung wird die Sturmflut verschlimmern. In den letzten hundert Jahren ist der Meeresspiegel weltweit um 20 Zentimeter angestiegen. Sedimentdaten von der US-Ostküste zeigen, dass der Anstieg dort im vergangenen Jahrhundert mindestens dreimal so rasch verlaufen ist, wie jemals in der vorangegangenen zwei Jahrtausenden (an dieser Studie war ich selbst beteiligt und habe hier bei KlimaLounge berichtet). Zwanzig Zentimeter sind zwar nur ein kleiner Teil von dem Meter, der eine gewöhnliche Sturmflut (wie sie alle paar Jahre auftritt) von einer Jahrhundertflut unterscheidet. Aber es können entscheidende Zentimeter sein, wenn es darum geht, ob etwa die New Yorker Subway geflutet wird – beim Hurricane Irene im letzten Jahr fehlte da nicht viel. Trotzdem tut New York nach Ansicht von örtlichen Experten zu wenig, um sich an den steigenden Meeresspiegel anzupassen. (In Deutschland ist das Feld der Anpassung besser bestellt, nicht zuletzt weil Forscher, Verwaltungen und Politik hier seit vielen Jahren ohne ideologische Scheuklappen zusammenarbeiten und es Institutionen wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung oder das Climate Service Center gibt, eine Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel und viele Initiativen auf Landes- oder kommunaler Ebene.)

Die Experten von Climate Central haben interaktive Karten online, welche Gebiete von einer Sturmflut betroffen sein könnten. Die Basis dafür ist ein Forschungsprojekt, in dem sie die Sturmflutrisiken an der US-Küste untersucht haben (Tebaldi et al. 2012, Strauss et al. 2012), und bei dem auch unsere Potsdamer Meeresspiegelprojektionsmethode zum Einsatz kam (dazu mehr auf den Meeresspiegelseiten des PIK).

Kevin Trenberth, einer der führenden US-Experten zu Klima und Extremereignissen, hat sich ebenfalls zum Zusammenhang von Sandy und Klimawandel geäußert – neben dem höheren Meeresspiegel verschlimmern auch die ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen in der relevanten Atlantikregion die Folgen des Sturms, weil sie zu höheren Verdunstungsraten und damit größeren Niederschlagsmengen führen.

Hier gibt es eine tolle Visualisierung der Windströmungen über den USA – an der Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft.

Wie die Stadt New York mit dem Sturm zu Recht kommt, kann man z.B. beim Live-Blog der New York Times verfolgen. Oder natürlich bei Twitter, wo die Stichworte #Sandy oder #Frankenstorm lauten. Dort findet man leicht Links auf Clips wie diesen, der die Auswirkungen von Sandy gestern auf den Outer Banks zeigt, wo ich im Mai zur Feldarbeit für unser Meeresspiegelprojekt war.

Wir sind in Gedanken bei allen Freunden, Kollegen und insgesamt den Menschen an der betroffenen Küste, und drücken die Daumen, dass es glimpflicher ablaufen wird als die Vorhersagen befürchten lassen!

 

p.s. Sehe gerade ein brandneues Paper bei PNAS zum Thema, das die Häufigkeit von Sturmfluten aus den Pegeldaten in Abhängigkeit von der Temperatur analysiert. Elegant dabei: die Pegeldaten sind homogen, man vermeidet die sonstigen Debatten über die Homogenität der älteren Hurrikandaten:

The largest cyclones are most affected by warmer conditions and we detect a statistically significant trend in the frequency of large surge events (roughly corresponding to tropical storm size) since 1923. In particular, we estimate that Katrina-magnitude events have been twice as frequent in warm years compared with cold years (P < 0.02).

Update 31.10.: In diesem Beitrag aus dem US-Fernsehen kommt unser Kollege Kevin Trenberth zu Wort:

Update 1.11.: Ein sehr lesenswerter Kommentar von Nicholas D. Kristof in der New York Times.

 

Update 5.11.: Und hier noch ein Video, das zwar etwas sensationalistisch aufgemacht ist, in dem man aber einige Klimaforscher und Meteorologen im O-Ton hören kann (wer’s trockener mag, dem empfehle ich das Briefing Paper der australischen Climate Commission zu Sandy):

Update 7.11.: Hier noch eine schicke Animation der NOAA, die zeigt, wie gut der Pfad von Sandy mit der Vorhersage fünf Tage im Voraus übereingestimmt hat (in diesem Fall war die Prognose besonders gut – das klappt nicht immer so):

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sandy

    Danke, Stefan, für diese praktische und gleichzeitig wenig beruhigende Zusammenfassung zu Sandy – und deine guten Wünsche für alle Freunde und Verwandten in der Region! Denen schließe ich mich an!

  2. Keine Woche ist’s her,..

    da thematisierte Uli Kulke auf der „Achse des Guten“, dass der Klimawandel im amerikanischen Wahlkampf kein Thema (gewesen) sei. Nach dem Motto: „seht her, die Amerikaner sind zur Vernunft gekommen und widmen sich den realen Problem.“

    Ob er diese Ausrichtung heute noch so uneingeschränktloben würde, darf bezweifelt werden.

  3. Age of Stupid.

    Was halten Sie eigentlich vom Film „Age of Stupid“ von Franny Armstrong? http://www.imdb.com/title/tt1300563/
    Zu drastisch oder die wahrscheinlichste Zukunft der Menschheit? Ich neige ja zum Pessimismus, denn ein Blick ins Geschichtsbuch gibt wenig Anlass zur Freude aber die zukunft soll ja noch änderbar sein.
    Bisher kann ich nicht feststellen das irgendwer ernsthaft CO2 spart. Nur auf dem Papier sinkt z.B. der Verbrauch der Fahrzeuge. Insgesamt werden es aber immer mehr und sie Verbrauchen in der Summe auch immer mehr.
    Wo ist also die positive Nachricht? Opel Ampera für 35000,-€ ?
    Vielleicht doch eher: Kein Wachstum mehr und weniger verbrauchen und den Verbrauch aus Wind, Solar, Biogas (aus Resten) und Wasserkraft gewinnen?

  4. Im „Klimaticker“ der FAZ

    ist zu lesen, dass australische Forscher in den Geophysical research letters publiziert haben
    [doi: 10.1029/2012GL053369], dass empirisch kein Zusammenhang zwischen Niederschlägen und Erderwärmung bestehe. Würde das den Warnungen der Klimaforscher vor einer Zunahme von extremen Niederschlagsereignissen entgegen stehen?

  5. Interview

    Im Interview sagte Latif, daß auf Mitteleuropa keine Hurrikane auflaufen werden; schön, dafür haben wir Orkane wie Vivian, Lothar, Kyrill und co mit Windgeschwindigkeiten jenseits von 200 km/h mit nicht minder geringerem Zerstörungspotential. Das hätte er schon erwähnen können.