In die Antarktis – Eindrücke von unserer Fahrt mit der Polarstern

Ricarda Winkelmann und Maria Martin waren vom 28. November 2010 bis zum 5. Februar 2011 an Bord der FS Polarstern. Hier geben sie einen kleinen Einblick in ihre Erlebnisse auf der Fahrt ANT-XXVII-2 von Kapstadt entlang der Antarktischen Küste nach Punta Arenas.

Immer gen Süden

Auf dem ersten Teil unserer Fahrt ging es von Kapstadt aus entlang des Nullmeridians immer gen Süden – weit und breit nur Wasser um uns herum, jede Küste tausende Kilometer entfernt… Die vielen Farben und Formen, die die Ozeanoberfläche annimmt, beeindruckten sehr. Es ist ein erstaunliches Gefühl, so weit weg vom Rest der Welt zu sein… Und gemeinsam mit fünfundneunzig weiteren Menschen von zwölf Nationalitäten in einem einhundertachtzehn Meter langen Stahlkonstrukt auf teilweise meterhohen Wellen bleibt es immer spannend.

Die Fahrtroute der Polarstern auf "unserer" Expedition (von Andreas Winter).

Mitten in diesem Nirgendwo hatten wir die erstaunlichsten Begegnungen mit Tieren: Albatrosse umkreisten unser Schiff – wirklich beeindruckende Vögel, teilweise gehen sie bis zu fünf Jahre nicht an Land, und wenn man sieht, wie sie im stärksten Sturm dicht über der Wasseroberfläche enge Wenden fliegen, möchte man am liebsten mitfliegen. Beeindruckt haben uns auch jedes Mal aufs Neue die Wale – über 350 wurden auf unserer Fahrt gesichtet, unter ihnen sogar ein Blauwal. Unser aller Lieblinge aber waren die Pinguine, die neugierig ganz nah ans Schiff kamen, um sich das Treiben an Bord anzuschauen.

Dieses war sehr von den äußeren Bedingungen geprägt, die den ganz eigenen Lebens- und Arbeitsrhythmus auf Polarstern bestimmten:
Jeden Morgen lieferte uns der Bordmeteorologe einen detaillierten Wetterbericht – aus gutem Grund: Viel von der Arbeit an Bord hing vom Wetter ab, täglich stellten wir uns Fragen wie: Können die Hubschrauber fliegen, damit Walbeobachtungen gemacht werden können? Ist der Seegang zu stark, um die Sonden mit zweijährigen Zeitreihen von wichtigen Daten über das Südpolarmeer an der Wasseroberfläche auszumachen, wenn ihr Aufstieg ausgelöst wird? Können im Labor die Geräte bedient werden, ohne dass etwas durch die Luft fliegt? Und nicht zuletzt: Wie geht es den Menschen, die die Geräte bedienen sollen?

Impressionen jenseits der Reling.

Starker Seegang mit bis zu zehn Meter hohen Wellen macht auch den hartgesottensten Seebären noch etwas aus. Eines Morgens zu Beginn der Fahrt um vier Uhr morgens war mit einem Schlag das ganze Schiff auf den Beinen, weil sich die Polarstern an ein paar ungünstig getakteten Wellen so aufgeschaukelt hat, dass sie zu "rollen" begann. Das heißt, dass sie sich nicht mehr primär nach vorne und hinten lehnt, sondern stark zur Seite, beziehungsweise im Kreis. Alles, was nicht festgezurrt war, rutschte hin- und her, jeder sprang aus dem Bett, um im Labor nach dem Rechten zu sehen. Bis auf eine Gasflasche, die sich losgerissen hatte, und zischend durch den Raum polterte, schien alles gut gegangen zu sein. Doch diese Welle hat selbst die Stewardessen überrascht. In der Messe drängten sich alle Stühle an einer Seite des Raumes, zusammen mit einem Berg aus Zuckerwürfeln, Gewürzen, Servietten,… Wir waren alle froh, als wir diesen Sturm und die hohen Wellen hinter uns gelassen hatten!

Denn an Bord gab es keine Zeit zu verlieren: Über 200 Stationen wurden auf unserer Fahrt gemacht und daher tags und nachts in Schichten gearbeitet.
Dennoch blieb auch Zeit für Erholung: Auch wenn das Wasser aus dem Schwimmbad gerade abgelassen war, weil es bei starkem Seegang einfach nicht im Becken bleiben wollte, gab es Fitnessgeräte, eine Sauna, eine Tischtennisplatte, ein Videoprogramm und eine riesige Musikdatenbank, Gesellschaftsspiele, eine kleine Bibliothek und immer jemanden, der im "roten Salon" saß und für ein Schwätzchen aufgelegt war. Dienstags, Donnerstags und Samstags wurde der Barbetrieb im "Zillertal" aufgenommen für alle, die Lust auf Musik, Tanz und Cocktails hatten.

Der 12. Dezember war ein besonderer Tag für uns: Um 18 Uhr überschritten wir den Polarkreis – und hatten die Antarktis erreicht. Bei einem Blick aus dem Fenster wurde uns das gleich bewusst: Eis!
In allen Formen und Farben, von Grease über Shuga und Nilas bis hin zu großen Schollen, glatt oder mit Eisrücken, teilweise mit viel Schnee und einem türkisfarbenen Grund – wirklich ein faszinierendes Naturschauspiel.

Zu unseren Aufgaben an Bord gehörte unter anderem die stündliche Meereisbeobachtung von der Brücke für das Monitoring Programm ASPeCt (www.aspect.aq). Diese Beobachtungen dienen zur Erfassung des Meereisstatus im südlichen Ozean über die Informationen hinaus, die von Satelliten gesammelt werden können: Beobachtet werden die Zusammensetzung der Eistypen und -dicken, die Topographie des Eises, die Schneeart und -dicke sowie meteorologische Bedingungen. Das Programm läuft seit 1996 und umfasst direkte Messungen und Beobachtungen von verschiedensten Forschungsschiffen aus allen Jahreszeiten.
Unsere Beobachtungen an Bord begannen am 10. Dezember, als wir in den ersten Streifen von aus dem Weddell-Meer herausgetriebenem Meereis einfuhren und in den folgenden Wochen fügten wir der ASPeCt Datenbank viele weitere Beobachtungen hinzu.

Auf der Scholle

Zusätzlich zu den Meereisbeobachtungen haben wir eine Machbarkeitsstudie durchgeführt, die den Anteil an Lufteinschlüssen in antarktischem Meereis betrifft. Es gibt erstaunlich wenige Daten dazu, und es ist wichtig, eine einfache Methode zur Bestimmung des im Eis eingeschlossenen Luftvolumens zu finden, die auch unter den Arbeitsbedingungen kleinerer Schiffe durchführbar ist, sodass in Zukunft mehr Messungen dazu gemacht werden können. Deshalb hatten wir die wunderbare Gelegenheit, mehrmals mit dem Helikopter auf Eisschollen in der Nähe des Schiffes zu fliegen, dort Eiskerne zu ziehen und sie anschließend zu untersuchen:

Montag, 13.12: Nach einer Nachtschicht, in der wir mehrere CTD (conductivity, temperature, depth) – Messungen gemacht und Wasserproben aus 5000 Metern Tiefe genommen hatten, wurden wir von einem aufgeregten Piloten mit der Nachricht überrascht, dass es gleich losgehen könnte. Schlagartig hellwach suchten wir unsere Messinstrumente zusammen, zogen unsere Überlebensanzüge an, bekamen eine kleine Einweisung für den Flug, stiegen in den Heli — da kam plötzlich Nebel auf.
Wir warteten noch eine Weile, aber letztendlich wagten wir den Flug nicht – zum Glück: Bis zum Abend verschlechterte sich das Wetter immer mehr, ein Schneesturm zog auf, und es kam sogar zum Whiteout…

 

Bohrkerne im Meereis.

 

Dienstag, 14.12: Als wäre nichts gewesen, strahlte schon morgens die Sonne am blauen Himmel, perfekte Sichtbedingungen also – und eine neue Chance, Bohrkerne zu ziehen: Diesmal schon etwas geübter, aber mindestens genauso aufgeregt stiegen wir in den Heli. Über das Headset kam gleich das Okay zum Starten, die Rotoren drehten sich schneller und schneller, es ruckelte leicht, und schon waren wir in der Luft. Was für ein Gefühl! So über die Polarstern dahinzufliegen, unser neues kleines Zuhause zu verlassen und über die Schollen hinwegzurasen… Nach einiger Suche haben wir eine Scholle entdeckt, die dick genug schien, um darauf zu landen – gleich neben einem wunderschönen Eisberg, geformt wie ein Amphitheater, dessen Stufen jede nur erdenkliche Schattierung von Blau zeigten. Unser Pilot setzte den Hubschrauber langsam und ganz vorsichtig auf der Scholle ab, wir stiegen aus und hatten gerade angefangen, den Helikopter zu entladen, als wir aus dem Augenwinkel  einen unserer Begleiter stutzen sahen. Mit der Fußspitze schob er den Schnee vor sich weg und stampfte einmal kurz auf – wäre der Hubschrauber nicht so laut gewesen, hätte man in diesem Moment wohl ein leises ‚Krack‘ gehört. So konnten wir nur sehen, wie ein wenig Wasser hochschoss… Genug, um uns alle schnell wieder in den Hubschrauber einsteigen zu lassen und die ‚Aktion Scholle‘, wie sie im Logbuch genannt wurde, für diesen Tag abzubrechen — und auf dickeres Eis zu hoffen.

Mittwoch, 15.12: Perfekte Sicht, dicke Schollen gleich in der Nähe der Polarstern, kein Niederschlag — besten Bedingungen also zum Eisbohren… Der Chefwissenschaftler und Fahrtleiter Eberhard Fahrbach, der Wetterdienst und die beiden Piloten waren sich schnell einig, dass wir es gleich ein drittes Mal versuchen würden – mit Erfolg. Wir waren ziemlich erstaunt, wie dick das Eis tatsächlich war – mit knapp zwei Metern hatten wir nicht gerechnet! Nur gut, dass wir eine Verlängerung für den Eiskernbohrer dabei hatten und die Werkstatt uns einen Jiffy daran montiert hatte, sonst hätten wir wahrscheinlich gar nicht durchbohren können.
Einen der Kerne haben wir gleich zersägt und ein Temperaturprofil gemessen. Das Sägen von Eis geht zwar erstaunlich leicht, aber die Aufregung und die Kälte taten das Ihre, sodass wir nach zwei Stunden völlig erschöpft, aber überglücklich mit unseren Proben wieder an Bord landeten. Dort erst wurde uns klar, wie sehr alle mitgefiebert hatten: Viele unserer Mitfahrer hatten sich auf der Brücke oder an Deck versammelt, um die Bohrung von dort durch Ferngläser mitzuverfolgen und in Photos und Filmen festzuhalten, nach den Ergebnissen zu fragen…
Dieser Tag ist uns als einer der besonders schönen an Bord der Polarstern in Erinnerung geblieben.

Donnerstag, 16.12: Eigentlich hatten wir an diesem Tag vor, mit unseren selbst konstruierten Messgeräten das Volumen der Lufteinschlüsse in unseren Bohrkernen zu untersuchen, aber wie so oft an Bord kam alles anders. Da wir den schmalen Streifen an Meereis, der aus dem Weddellmeer hierher gepustet wurde, bald schon durchquert haben würden, wollten wir die Gelegenheit nutzen, noch einmal auf einer Scholle zu landen und weitere Proben zu ziehen. Gesagt, getan. Diesmal lief die Bohrung  routiniert ab, und so konnten wir zwei Kerne von 1.30 m und 2.80 m Länge mit in unser neues Zuhause bringen – und damit pünktlich am Matrosensonntag eine sehr aufregende Woche abschließen.

 

 

Anders Levermann ist Professor für Dynamik des Klimasystems im physikalischen Institut der Universität Potsdam. Er leitet den Forschungsbereich Globale Anpassungsstrategien am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er ist unter anderem einer der leitenden Autoren im Meeresspiegelkapitel des letzten IPCC-Klimareports und beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Ozean und Cryosphäre in Vergangenheit und Zukunft.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Klimawndel

    Hallo Ricarda und Maria!
    Da kann man ja richtig neidisch werden auf so eine erlebnisreiche Exkursion. Vielen Dank, da ich durch den tollen Blog eure Eindrücke teilen darf. Wie verkraftet man nur so einen Klimawandel? braucht man dafür eine extra Vorbereitungszeit und einen Gesundheitsnachweis?

  2. Ein sehr schöner Beitrag. Mann kann die Kalte See fast spüren. Erstaunlich was so ein Schiff aushalten kann, wenn plötzlich mehr Eis als erwartet im Fahrwasser ist..

  3. Seegang

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    mich würde es interessieren wie der Seegang am Ende Ihrer Reise (zwischen 24.12.-03.02.) war? Ich möchte dort auch mal von Argentinen übersetzen und habe ein wenig Angst wegen dem hohen Seegang.
    Schon vorab vielen Dank für Ihre Antwort.
    Viele Grüße M.Maier

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