Golfstrom und Wahrheit

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift mare bringt ein interessantes Feature zum Thema Wahrheit in der Wissenschaft – und liefert nebenbei ein unfreiwilliges Lehrstück zum Thema journalistische Wahrheit. Dabei geht es um den Golfstrom.

Lange nichts mehr zum Thema Golfstrom gehört? Die von mir sehr geschätzte Zeitschrift mare greift das Thema im aktuellen Heft auf – dazu unten mehr. Doch zunächst einen kurzen Überblick zur Frage: Wie steht es eigentlich um das Risiko von abrupten Strömungsänderungen im Nordatlantik? Vor einigen Jahren hat man doch öfters mal von der Gefahr eines „Abreissen des Golfstroms“ in der Zeitung gelesen? (Wobei es eigentlich um die thermohaline Zirkulation des Atlantik und den Nordatlantikstrom geht, also den verlängerten Arm des Golfstroms, um gleich die Terminologie zu klären.)

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Die globale thermohaline Zirkulation.
Illustration von Klaus Ensikat aus Wolken, Wind & Wetter.

Da ich seit über zwanzig Jahren zur Stabilität der Atlantikströmungen forsche und zahlreiche Papers dazu publiziert habe (fünf davon mit über dreihundert ISI-citations), kann ich bei diesem Thema wohl als qualifiziert gelten und habe dazu auch eine Meinung. Doch will ich hier bewusst wie ein recherchierender Fachjournalist an die Frage herangehen, nämlich über aktuelle publizierte Assessments und Review Papers.

Angefangen natürlich beim letzten IPCC-Bericht aus dem Jahr 2007: der gibt eine Wahrscheinlichkeit von bis zu 10 Prozent an, dass es infolge der globalen Erwärmung in diesem Jahrhundert zu “einer großen, abrupten Strömungsveränderung“ kommt („a large abrupt transition“), also einer Art Umkippen der Strömung. (Und, der Vollständigkeit halber sei das erwähnt, eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 90 Prozent für eine Abschwächung der Strömung.)

Im Jahr 2009 publizierten Kriegler et al. in PNAS eine detaillierte Expertenbefragung, bei der die befragten 16 Experten sich deutlich pessimistischer äußerten. Bei einer moderaten globalen Erwärmung (2 – 4 °C) sahen diese Experten die Wahrscheinlichkeit eines Umkippens typischerweise zwischen 5 und 40 Prozent (mittlere Untergrenze und Obergrenze der von den Experten genannten Spanne). Bei starker globaler Erwärmung (4 – 8 °C) wurde diese Wahrscheinlichkeit sogar als zwischen 20 und 65 Prozent eingeschätzt.

Der aktuellste Review wurde von 13 Autoren für die Europäische Umweltagentur erstellt (Levermann et al., Climatic Change 2011). Nach einer ausführlichen Literaturdiskussion werden dort IPCC (2007) und Kriegler et al (2009) zitiert und gefolgert, dass im Lichte neuerer Ergebnisse

it is possible that the thermohaline circulation may now be viewed more sensitive than during these previous assessments.

Summa summarum kann man also aus diesen recht breit abgestützten Einschätzungen folgern, dass das Risiko eines Umkippens der Nordatlantikströmung unter Experten zunehmend pessimistischer eingeschätzt wird.

Das entspricht auch meiner eigenen Einschätzung, die ebenfalls im Laufe meiner Arbeit an dem Thema pessimistischer geworden ist. Das liegt einerseits an der raschen Eisschmelze in der Arktis, die mehr Schmelzwasser in das Polarmeer einbringt, als wir früher erwartet haben. Andererseits gibt es immer mehr Hinweise, dass die Stabilität der Atlantikzirkulation von unseren Klimamodellen systematisch überschätzt wird (siehe Hofmann und Rahmstorf, PNAS 2009). Wobei meine eigene, subjektive Risikoeinschätzung dennoch im unteren Bereich der oben zitierten Werte aus der Expertenbefragung liegt.

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Nun zu mare. (Disclosure: ich bin Abonnent seit Heft 1, und habe dort letztes Jahr einen Artikel über Venedig publiziert.) Das aktuelle Heft bringt eine wie ich finde sehr lesenswerte Diskussion zum Thema Wahrheit in der Wissenschaft, insbesondere im Hinblick auf die Handlungskonsequenzen. Wie gesichert müssen Ergebnisse sein, um von der Politik berücksichtigt zu werden? Dazu gibt es einen Essay von Chefredakteur Nikolaus Gelpke („Eine Idee der Wahrheit“) und Interviews mit dem Kollegen Mojib Latif und mir, in denen uns parallel dieselben Fragen gestellt wurden. (Meine Antworten kann man hier nachlesen.)

Der Titel des Heftes kündigt außerdem „Zehn Wahrheiten über das Meer“ an, und da wird es brenzlig. Die Wahrheit des mare-Autors Tim Schröder zur Golfstromfrage lautet:

Es ist keine zehn Jahre her, da machte die Schreckensnachricht von einer neuen europäischen Eiszeit die Runde … sechs Monate im Jahr wäre Mitteleuropa bedeckt von Schnee und Eis

und:

Inzwischen ist man klüger… zum Glück gibt es einen zweiten Golfstrommotor: salzige Wassermassen, die sich aus dem Indischen Ozean an Afrika vorbei über den Atlantik schieben.

Aus meiner Sicht ist das eine mediale Storyline, die nur marginal mit der wissenschaftlichen Fachdiskussion zu tun hat. Erstens waren die früheren medialen „Schreckensnachrichten“, auf die da Bezug genommen wird, oft völlig überzogen. Ich sah mich deshalb schon 1999 genötigt, eine Erläuterung mit dem Titel „DIE EISZEIT KOMMT! – und andere Presse-Irrtümer“ auf meine Website zu stellen, und 2001 einem alarmistischen Bericht der Zeitschrift New Scientist entgegenzutreten (die ich ansonsten durchaus schätze, und wo ich selbst 1997 einen Artikel zum Stand der Forschung zum Thema publiziert hatte). Und ebenfalls schon 1997 wies ich in einem eingeladenen Kommentar in Nature darauf hin, dass selbst ein Abreissen der Strömung im Kontext der globalen Erwärmung nicht zu einer starken Abkühlung führen würde:

Studies that show weakened or stopped circulation but include global warming find only a region of moderate cooling or reduced warming of the atmosphere, south of Greenland. Global warming can roughly compensate for the reduced oceanic heat transport in these experiments.

Mit dieser Einschätzung stand ich damals auch keineswegs alleine da, sondern dies war weitgehend akzeptierte Weisheit. Soviel zur drohenden Eiszeit, die für die Medien dennoch eine unwiderstehliche Anziehungskraft hatte.

Wir haben übrigens vier Jahre lang ein BMBF-Verbundprojekt mit Kollegen aus Bremerhaven, Hamburg und Norwegen geleitet, in dem die tatsächlichen Folgen einer Strömungsveränderung ausgelotet wurden; die wesentlichen Ergebnisse sind in Kuhlbrodt et al. (2009) zusammengefasst. Diese Folgen (z.B. für den Meeresspiegel) wären – auch ohne die mythische Eiszeit – so gravierend, dass ich das Experiment in der realen Welt nicht empfehlen würde.


An animation of the global salinity field at various depths as simulated by a very high resolution Ocean General Circulation Model. Produced by the Ocean Modelling and Forecasting group at the UK’s National Oceanography Centre.

Nun zum „zweiten Golfstrommotor“: dieser These liegen Untersuchungen zur sogenannten Agulhas leakage an der Südspitze Afrikas zugrunde, wo durch Wirbel salzreiches Wasser in den Atlantik verfrachtet wird. Die US-Kollegin Lisa Beal hat tatsächlich letztes Jahr laut BBC News gesagt, möglicherweise seien alle IPCC-Projektionen falsch, und eine Verstärkung dieses Salztransports könnte in Zukunft eine Abschwächung der Strömung im Atlantik verhindern.

Dies ist allerdings als Spekulation einer einzelnen Forscherin zu bewerten. Meines Wissens gibt es keine konkrete Modellrechnung, die diesen Effekt zeigen würde, während es hunderte Simulationen mit unterschiedlichsten Modellen gibt, die eine Abschwächung der Strömung in diesem Jahrhundert ergeben. Auch in der Fachpublikation von Beal et al., um die es in dem BBC-Beitrag ging, findet sich die von Beal gegenüber den Medien geäußerte These nicht. Es handelt sich um ein Review Paper (also nicht um neue Ergebnisse), in dem vor allem betont wird, dass die heutigen Klimamodelle die relevanten Prozesse noch nicht richtig simulieren können. Und auch im vom Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ zusammen mit mare herausgegebenen World Ocean Review, auf dem die zehn mare-Wahrheiten angeblich beruhen, sucht man vergebens nach dieser These.

Aus meiner Sicht ist es ernüchternd, wie wenig der wissenschaftliche Diskussionsstand zu Thema „wie stabil sind die Atlantikströmungen“ vorangekommen ist: belastbare Prognosen können wir auch nach zwanzig Jahren Forschung nicht liefern, und „die Wahrheit“ über die Zukunft des Nordatlantikstroms kennen wir demnach nicht. Man kann nur konstatieren, dass es nach wie vor ein schwer kalkulierbares Risiko von gravierenden Strömungsänderungen gibt, und man kann versuchen, dieses nach bestem Wissen subjektiv unter Betrachtung aller Evidenz einzuschätzen, wie es etwa IPCC oder die zitierte Expertenbefragung von Kriegler et al. tun. Nach aktuellem Stand erscheint das Risiko eher größer, als wir es vor zehn oder fünfzehn Jahren gesehen haben.

Die simple mediale Erzählung „früher wurde vor einer Eiszeit in Europa gewarnt, aber heute wissen wir es besser, die Strömung bleibt stabil“ ist da um einiges eingängiger, und wird vermutlich daher noch öfters zu lesen sein. Glaubt man den rezeptionspsychologischen Studien, wird deshalb wahrscheinlich sogar bei Ihnen, liebe Leser, von diesem Blogartikel in einigen Monaten nur genau dieses fragwürdige Narrativ hängengeblieben sein…

 

Stefan Rahmstorf

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. hm…

    „Glaubt man den rezeptionspsychologischen Studien, wird deshalb wahrscheinlich sogar bei Ihnen, liebe Leser, von diesem Blogartikel in einigen Monaten nur genau dieses fragwürdige Narrativ hängengeblieben sein…“

    Nicht so pessimistisch, Herr Rahmstorf! ^^

    Aber Sie haben natürlich Recht, insofern als auch bei mir durch die Medien tatsächlich der Eindruck eines gut verstandenen, stabilen Nordatlantikstroms entstand. Und das, obwohl ich auch mit viel Interesse „Wie bedroht sind die Ozeane?“ gelesen hatte. Demnach kann leicht das Falsche hängenbleiben…

  2. Ich überlege mir gerade… ganz stark vereinfacht transportiert der Nordatlantikstrom doch Energie aus der Karibik und von der Küste Südamerikas nach Europa, wodurch es hier mollig warm ist und dort nicht ganz so heiß.

    Sollte er tatsächlich einmal ausfallen, würde die Erwärmung ihn hierzulande ausgleichen, so weit so gut.

    Aber heißt das nicht auch, dass Mittelamerika dann sogar die DOPPELTE Arschkarte bekommt – zum einen durch Klimawandel, zum anderen durch den fehlenden Abtransport der Wärme? Oder würden in einem solchen Fall sowieso alle Karten neu gemischt? Irgendwo muss die Energie ja hin.

    Meeresströme sind nicht mein Fachgebiet, insofern könnte ich mich gerade durch Naivität ziemlich blamiert haben.

    [Antwort: Lieber Herr Sumfleth, die Wärme kommt sogar noch weiter von Süden, zu einem großen Teil aus dem Südatlantik. Diese Strömung ist der Haupgrund dafür, dass die Nordhalbkugel wärmer ist als die Südhalbkugel. Schaltet man sie in Modellen ab, wird die ganze Nordhalbkugel relativ kühler und die Südhalbkugel entsprechend wärmer. Stefan Rahmstorf]

  3. Ich hätte ebenfalls eine Laienfrage.

    Wenn Ich sie richtig verstanden habe würde eine Abschwächung des Nordatlantikstrom dazu führen, dass sich die Südhalbkugel erwärmt. Besonders betroffen davon wären wohl die Ozeane auf der Südhalbkugel.

    Über was für eine Größenordnung geht es dabei? Und könnte eine potentielle Erwärmung der Südhalbkugel dazu führen, dass es zu Klimaveränderungen/Eisschmelzen in der Antarktis kommt. Soweit Ich das bisher mitbekommen habe hatte der Klimawandel ja bisher kaum Auswirkungen auf die Antarktis.

    mit freundlichen Grüßen,
    ein Laie

  4. Pingback: Was ist los im Nordatlantik? › KlimaLounge › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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