Energiegutachten ohne Unsicherheit

Jeder Physikstudent lernt im ersten Semester, dass ein wissenschaftliches Zahlenergebnis ohne eine Fehlerabschätzung wenig Wert ist. Im Energiegutachten der Bundesregierung fehlt dagegen völlig eine systematische Unsicherheitsanalyse, wie sie z.B. in der Klimaforschung seit vielen Jahren Standard ist. Als Entscheidungsgrundlage ist dieses Gutachten daher rein methodisch nur sehr begrenzt geeignet.

Beim Anfängerpraktikum Physik braucht man eine Versuchsauswertung ohne saubere Fehlerabschätzung gar nicht erst einzureichen: sie wird sowieso nicht akzeptiert. Mit gutem Grund, denn was sagt es aus, wenn ich beim Messen der Gravitationsbeschleunigung g den Wert 9,64819 m/s2 erhalten habe? Das hängt allein von der Unsicherheitsmarge ab. Erlaubt meine Versuchsanordnung die Bestimmung auf ± 0,4 m/s2 genau, dann muss das Ergebnis als 9,6 ± 0,4 m/s2 berichtet werden und ist ziemlich langweilig – es zeigt nur, dass der Wert von g irgendwo zwischen 9,2 und 10 liegt, konsistent mit dem bekannten Wert von 9,81 m/s2. Beträgt die Unsicherheit dagegen nur ± 0,04 m/s2 wird es interessant – ich habe eine signifikante Abweichung von den 9,81 m/s2 gemessen, aus der ich irgendetwas lernen kann.

Im neuen Energiegutachten, auf dessen Grundlage unsere Energiezukunft von der Regierung entschieden werden soll, sucht man zu meinem Erstaunen vergeblich nach einer Unsicherheitsanalyse. Auf den 267 Seiten des Gutachtens taucht das Wort "Unsicherheit" überhaupt nur ein einziges Mal auf: im Zusammenhang mit einer rein qualitativen Auflistung von Unwägbarkeiten, die sich aus der "internationalen Entwicklung" ergeben, "die von der deutschen Politik nur sehr begrenzt beeinflusst werden kann". Mit Unsicherheiten im verwendeten Rechenmodell und den gewählten Modellparametern hat dies nichts zu tun.

Konkretes Beispiel: im Modell wurde angenommen, dass eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke um 20 Jahre den CO2-Preis im europäischen Emissionshandel um 5 € pro Tonne drückt – das ist ein Parameter, der die Kostenersparnis durch die Laufzeitverlängerung entscheidend mitbestimmt. Laut Felix Matthes, einem der ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet, "fällt diese Zahl im Gutachten vom Himmel". Für plausibel hält er aufgrund der bisherigen Erfahrung mit der Preiselastizität im Emissionshandel höchstens 1,50 € als Reaktion auf das zusätzliche Stromangebot aus den KKW. Auch die Wahl weiterer Parameter wird heftig kritisiert, siehe auch den Beitrag von Björn Lohmann bei den Wissenslogs. Mein zentraler Punkt ist hier aber gar nicht, welche Parameterwerte richtig sind – sondern die Tatsache, dass offensichtlich eine Unsicherheit besteht. Eine saubere wissenschaftliche Methodik verlangt, diese Unsicherheit explizit zu berücksichtigen. Etwa indem das Modell mit mehreren Werten der unsicheren Schlüsselparameter durchgerechnet wird.

Bei Klimamodellrechnungen gehören derartige Unsicherheitsanalysen seit vielen Jahren zum Standard. Die Klimaprojektionen aus dem letzten IPCC-Bericht (siehe Grafik) illustrieren gleich zwei Methoden der Unsicherheitsanalyse.


Abbildung SPM5 aus der Summary for Policy Makers des IPCC-Berichts: globale Temperaturprojektionen für unterschiedliche Emissionsszenarien (B1, A2 usw.).

Die erste Methode nennt sich "Multimodell-Ensemble": vorgegebene einheitliche Szenarien werden mit einer ganzen Reihe von Klimamodellen unterschiedlicher Forschergruppen aus aller Welt gerechnet. Die Ergebnisse werden als Mittelwert und Standardabweichung über alle (bis zu 19) Modelle gezeigt; das sind die farbigen Bänder im Hauptteil der Grafik. Dazu gibt es noch systematische Modellvergleichsprojekte, wo man den Ursachen für die Unterschiede in den Ergebnissen verschiedener Modelle auf den Grund geht.

Die zweite Methode nennt sich "Emulation". Die detaillierten Klimamodelle sind so rechenaufwändig, dass ein einziges Szenario mehrere Monate Supercomputerzeit erfordert. Daher können nicht allzu viele Szenarien mit diesen Modellen durchgerechnet werden. Die Lösung: ein stark vereinfachtes Emulationsmodell, das Kerngrößen von jedem der "großen" Modelle – je nach Parameterwahl – korrekt wiedergibt. Interessiert man sich nur für die globale Mitteltemperatur, tut es ein simples Energiebilanzmodell (da die globale Mitteltemperatur im Wesentlichen von der globalen Strahlungsbilanz und der thermischen Trägheit bestimmt wird). Die Parameter des Energiebilanzmodells können so gewählt werden, dass es sich wie das Klimamodell des MPI Hamburg oder wie das der japanischen Kollegen oder wie irgendein anderes verhält – es "emuliert" diese Modelle. Mit diesem sparsamen Modell kann man nun problemlos noch viele zusätzliche Szenarien rechnen um den Unsicherheitsraum weiter abzudecken. Ein solches Emulationsmodell (gerechnet bei uns in Potsdam) wurde benutzt, um die rechts neben der Hauptgrafik oben gezeigten, erweiterten, grauen Unsicherheitsspannen zu berechnen. Es wurde auch benutzt, um die noch mit der 2-Grad-Grenze kompatiblen CO2-Emissionen zu berechnen, die wir hier in der KlimaLounge diskutiert haben.

Eine dritte Methode sind große Ensembles mit einem Modell, in dem unsichere Parameter im Rahmen ihres Unsicherheitsintervalls variiert werden. Um alle Parameterkombinationen durchzuspielen, erhält man so ein große Zahl von Modellvarianten (in einer Studie zur Klimasensitivität aus meiner Arbeitsgruppe waren es 1.000 – siehe Grafik unten), deren Ergebnisse dann statistisch ausgewertet werden. Dazu haben wir ein Klimamodell mittlerer Komplexität entwickelt, das so viele Simulationen in den Grenzen der verfügbaren Computerpower ermöglicht. Durch Abgleich mit Beobachtungsdaten lässt sich dann noch die Spreu vom Weizen trennen, d.h. die unrealistischen Modellvarianten werden ausgefiltert. So konnten wir z.B. durch Vergleich von einem solchen Modellensemble mit Eiszeitdaten die Klimasensitivität (also die bei CO2-Verdoppelung im Gleichgewicht zu erwartende globale Erwärmung) auf den niedrigsten bis dahin publizierten Wert eingrenzen (Obergrenze ~ 4 ºC).

Beispiel eines Ensembles von 1.000 Klimamodellen mit unterschiedlicher Parameterkombination. Blau: heutiges Klima. Rot: Klima nach CO2-Verdoppelung. Aus Schneider et al. 2006.

In vielen Studien ist die Unsicherheitsanalyse der bei weitem aufwändigste Teil, und verschiedene Methoden müssen kombiniert werden. Zum Beispiel bei unseren aktuellen Meeresspiegelprojektionen (siehe Grafik unten): als Temperatur-Input für jedes Emissionsszenario haben wir Daten aus einem Emulationsmodell genutzt, insgesamt 342 Temperaturszenarien. Zusätzlich wurde die statistische Unsicherheit des Zusammenhangs von Temperatur und Meeresspiegel in unserem semi-empirischen Modell einbezogen. Die online publizierte Supporting Information ist voll von weiteren Analysen der Unsicherheit, Signifikanz und Sensitivität gegenüber Parameterwerten. Ein solcher Aufsatz wird vor Publikation von unabhängigen Gutachtern anonym geprüft; fragwürdige Parameterwahl würde beanstandet. Alle Eingangsdatensätze und der komplette Computercode wurden als Online-Material bei der Fachzeitschrift mit dem Originalartikel publiziert, sodass andere Forscher problemlos unsere Rechnungen nachprüfen und auch mit anderen Annahmen durchspielen können. Frei herunterladbare Datensätze und Programmcodes sind in der Klimaforschung weit verbreitet. Von derartigen wissenschaftlichen Standards scheinen die Energieszenarien der Bundesregierung weit entfernt zu sein.

Meeresspiegelprojektionen von Vermeer und Rahmstorf (2009).

Natürlich werden auch in der Klimaforschung in Fachpublikationen einzelne Modellergebnisse ohne umfassende Unsicherheitsbetrachtung veröffentlicht. Sie werden aber von der Fachwelt entsprechend auch nur als einzelne Indizien gewertet – weit reichende Folgerungen würden seriöse Forscher aus einer einzelnen Modellrechnung niemals ziehen. Jeder ist sich dessen bewusst, dass ein einzelnes Modellergebnis von der Struktur des Modells und der Parameterwahl abhängt. Erst eine kritische Gesamtschau des Wissensstandes lässt robuste Schlüsse zu.

Zurück zum Energiegutachten. Wenn in einem der Szenarien ein Strompreisvorteil von 0,9 Cent pro Kilowattstunde Strom herauskommt (bei Laufzeitverlängerung um 12 Jahre gegenüber einer um 4 Jahre; der Verbraucherstrompreis liegt derzeit bei rund 20 Cent/kWh), so stellt sich die Frage: wie groß ist die Unsicherheit von diesem Wert? Läge sie zum Beispiel bei 2 Cent/kWh, so wäre die einzig wissenschaftliche Folgerung, dass nicht einmal das Vorzeichen des Effekts mit der gegebenen Methodik ermittelt werden kann. Eine Unsicherheit von ± 2 Cent/kWh ist bei Strompreisprognosen Jahrzehnte in die Zukunft vermutlich noch optimistisch – aber mangels Unsicherheitsanalyse im Gutachten können wir nur raten, wie groß sie tatsächlich ist.

So hat aus meiner Sicht der Umweltminister (und Jurist) Röttgen wissenschaftlich Recht, wenn er sagt, in anbetracht der Unsicherheiten seien die in der Studie aufgezeigten Kostendifferenzen "nicht signifikant". Und die Kanzlerin (und Physikerin) Merkel hat Unrecht, wenn sie aus dem Gutachten folgert: "Fachlich sind 10 bis 15 Jahre vernünftig".

Trotz aller Mängel kann man doch etwas aus dem Energiegutachten lernen. Es ist den Gutachtern trotz Bemühen nicht gelungen, signifikante Vorteile einer Laufzeitverlängerung zu belegen. Das legt den Schluss nahe, dass es diese Vorteile wohl nicht gibt.

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nachdenklich

    Das ist wirklich eine berechtigte Kritik. Der Mangel war mir beim Überfliegen der Studie nicht aufgefallen, und ich bin Ihnen dankbar, darauf aufmerksam gemacht zu haben.

    Ihrem letzten Satz stimme ich zwar gegenwärtig nicht zu, aber Ihre Argumentation macht mich nachdenklich.

  2. wie viel Willkür?

    das ist ja alles recht und schön, zusätzlich aufwändig und höchst wissenschaftlich.
    Nur, man weiß so wenig über Aerosole und insbesondere Wolken, deren geographische Verteilung, deren Art und vor allem über deren Ausbreitung, Änderungen in Folge einer meinetwegen CO2 verursachten Erwärmung. Aus einem Interglazial heraus, auch das sollte man nie unberücksichtigt lassen.

    Wenn man geneigt ist, annähernd alle Temperaturvariationen auf CO2 zurück zu führen, ja dann nennt man sich eben PIK od. IPCC, wobei der „Weltklimarat“ diesbezüglich moderater erscheint.

    Wenn sie so sehr auf Fehlerintervalle pochen, Herr Ramstorf, dann zeigen sich doch bitte diese auch in den Darstellungen ihrer so heiß geliebten NASA GISS Temperatur Kurven über das letzte Jahrhundert und zeigen sie auch die CRU Reihen, welche eben keine weitere Erwärmung seit ca. 1998 zeigen und deren Trend ganz und gar nicht in die deklarierten Forcings passt.
    Es nützt wenig, eine Passung auf 0,1mm zu fertigen, wenn der Spielraum 1,0 beträgt!

    [Antwort: Da haben Sie wohl die ausführliche Diskussion in früheren Beiträgen der KlimaLounge über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Klimadatenreihen verpasst? (Bild von allen Datenreihen zusammen ist hier.) Stefan Rahmstorf]

  3. Danke für die Aufklärung

    Für den sehr sachlichen und begründeten Artikel möchte ich mich bedanken. Diesmal können sich die Politiker nicht mit „Unwissenheit“ rechtfertigen. Sie handeln in vollem Bewußtsein und tragen die volle Verantwortung für ihre Fehlentscheidung.

    Oh Deutschland, wie tief bist du gesunken.

    Mit freundlichen Grüßen

  4. AKWs versus Erneuerbares

    Nichtvorhandene Preisvorteile in Ehren, aber ob Sie mir einen Link auf Ihre Meinung zur Versorgungssicherheit (oder auch nicht) in D 2010-2050 der nichtfossilen Energieträger setzen können, Herr Rahmstorf?

    Man denke an die dezidierte Stellungnahme Ihres Kollegen Hansens zugunsten der Gen. IV der AKWs, bspw. integral fast reactor, IFR. Auffällig, dass der eine oder andere deutsche Grüne Hansen zwar wegen seiner Forschung ehrt ohne ihn aber im Bereich Energiezukunft zur Kenntnis nehmen zu wollen. Ob es nur an der Sprachbarriere liegt?

    Bei einer wohl mediengeschaffenen D-Gläubigkeit in der Bevölkerung lt. Umfrage von 76% an die sofortige (!!) Austauschbarkeit von Steinkohle/AKW gegen Erneuerbares frage ich mich etwa, welche Kulturlandschaftstäler mit Pumpspeicherseen zerstört werden sollen, um Nordsee-offshore-Strom über das hochgelobte, zukünftige intelligente Netz in (nur) Bayern zu speichern? falls solche Seen überhaupt zum Ausgleich von Windflauten taugen?

    Ich verweise auf die Arbeit zur UK-Energiezukunft des Cambridge Physikers und Regierungsberaters David Mackays, die inzwischen auch auf deutsch vorliegt und vermisse einen derartigen, ingenieurmässigen Ansatz in D vor lauter rechenfeindlichem Wunschdenken.

  5. @Peter Lalor: Es gibt ein umfassendes Energiekonzept unter der Annahme 100% regenerative Energien in 2050 vom Forschungsverbund Erneuerbare Energien (FVEE):
    http://www.fvee.de/…hhaltiges_energiekonzept.pdf

    Das Wort „Unsicherheit“ findet man allerdings auch darin nicht.

    Letztendlich zeigt das Zustandekommen der Laufzeitverlängerung nur, wie Politik funktioniert.
    Lobby: „Wir wollen Geld“.
    Regierung: „Wir haben kein Geld.“
    Lobby: „Wenn Ihr uns von den Verbrauchern mit unseren abgeschriebenen Anlagen Geld besorgen lasst, geben wir Euch was ab.“ (ca. 09/09)
    Regierung: „Laufzeitverlängerung, Arbeitsplätze, Wirtschaftsstandort, Sparen, Brennelementesteuer blabla“
    Lobby: „Soviel wollten wir Euch aber nicht abgeben.“
    Regierung: „Ok, dann kriegen wir eben bisschen weniger. Jetzt brauchen wir noch ein Gutachten, das die Entscheidung sachlich begründet. Und die Steuereinnahmen werden auf 6 Jahre begrenzt, dann haben wir zur übernächsten Wahl wieder ein Thema“
    Diese Einschätzung ist natürlich purer Zynismus meinerseits. Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

  6. Sehr geehrter Herr Prof. Rahmstorf. Sie berechnen chaotische Systeme und in den Gutachten werden chaotische Systeme berechnet (jede Nachfolgeregierung kann und wird – wie inzwischen schon angekündigt- das Energiekonzept völlig umstellen.)
    Diese Gläubigkeit, die Welt aufgrund von Rechen-Szenarien verändern zu m ü s s e n macht mir wirklich Angst!
    JH

    [Antwort: Das ist ein häufiges Misverständnis: Wetter ist chaotisch (möglicherweise … auf jeden Fall stochastisch), Klima aber nicht. Mein Artikel oben bringt eine gute Illustration dafür: das Emulationsmodell. Das ist ein völlig deterministisches Energiebilanzmodell, das keinerlei stochastische Komponente enthält – auch kein Wetter. Trotzdem liefert es genau den gleichen globalen Temperaturverlauf wie die großen Klimamodelle, die explizit Wetter simulieren, also chaotisch bzw. stochastisch sind. Der Grund ist, dass auch die chaotischen Wetterschwankungen sich innerhalb der Grenzen des 1. Hauptsatzes der Thermodynamik bewegen müssen, also der Energieerhaltung. Das ist ein harter constraint, der die globale Temperatur bestimmt – aber natürlich jede Menge Freiheitsgrade für kurzfristige und lokale Wetterschwankungen lässt. Stefan Rahmstorf]

  7. @Peter Lalor

    Gerade in Bezug auf das Thema Versorgungssicherheit ist Atomkraft keine Antwort, da bereits in wenigen Jahrzehnten das Uran ausgehen wird; die Energy Watch Group sieht bereits in 10 Jahren ernsthafte Engpässe.

    GenIV mag auch in dieser Beziehung Hoffnungsträger sein, nur zum einen werden Prototypen nicht vor 2050 erwartet, zum anderen existieren heute nur Konzepte und Ideen – die auch kostentechnisch keine belastbaren Aussagen bedingen. Das Zieldreieck der Energiepolitik besteht neben Versorgungssicherheit eben auch aus Wirtschaftlichkeit/Wettbewerbsfähigkeit und Umweltverträglichkeit. Und während die Umweltverträglichkeit in der gesamten Prozesskette vom Uranbergbau – über die Aufbereitung bis hin zur Endlagerung nur auf niedrigen CO2-Emissionen beruht (was bei sinkenden Erzgraden zumünftig auch kein Argument mehr sein kann) – war die Wirtschaftlichkeit immer schon die Achillesferse der Atomkraft.

    Ihre Arroganz daher in allen Ehren – ich kann rechnen: AKWs sind nicht wirtschaftlich zu betreiben, nicht ohne massive Subventionen und Übernahme der Risiken (insbesondere des Finanzierungsrisikos). Das beweist neben der entsprechenden Fachliteratur eben auch diese Studie der Citibank:
    https://www.citigroupgeo.com/pdf/SEU27102.pdf%3E

    Nicht wegzudiskutieren ist eben auch die mangelnde Regelfähigkeit der Atomkraftwerke, die in der Lastfolge nur sehr eingeschränkt einsetzbar sind – und daher fossiler Regelenergie bedürfen, wenn man nicht grade Alpenanrainer ist und genügend Pumpspeicher besitzt.

  8. AKW versus Erneuerbares, Lalor/Schmidt

    Es gibt unter den Zukunftsjournalisten und Klima- oder Sozialforschern immer wieder den einen oder anderen neben Hansen (Jared Diamond-Kollaps, Tim Flannery-Wir Wettermacher, Thomas L Friedman-Eine Agenda für das 21. Jahrhundert), der der Atomenergie etwas gutes abgewinnen kann und natürlich viele viele Physiker, die sich so äußern: Wenn wir nur könnten, dann wäre alles ganz einfach ….
    Wenn es denn die Gen. IV einmal geben soll, müssen jetzt erst einmal die nächsten Schritte gemacht werden:
    Flamanville (Frankreich) und Olkiluoto (Finnland) ..
    Dort laufen die Kosten aus dem Ruder und weltweit geht die Zahl der Reaktoren zurück. Eine Renaissance sieht anders aus.

  9. alles recht und schön

    aber woher bitte soll denn die nötige Energie um 2020 kommen, wenn man die Laufzeitverlängerung der AKW`s nicht gut heisst?
    Ich meine, zu mindest der Strombedarf wird weiter stark ansteigen und wir brauchen zuverlässige Energieversorgung zu leistbaren und volkswirtschaftlich sinnvollen Preisen.
    Nichts gegen die so genannten Erneuerbaren, aber wie um Himmels Willen soll der Strombedarf in Deutschland um 2020 zuverlässig gedeckt werden, wenn man gleichzeitig auch nocht die Kohlekraftwerke abschalten will, denn diese sind ja die CO2 Schleudern Nr. 1 oder will man diese gar nicht abdrehen, sondern nur die Emissionen stärker besteuern?

    Also, irgendwie muss das „Werkl“ ja auch nocht real funktionieren und zwar leistbar und ich möchte gerne mal ein Gutachten zerklauben, welches uns die nähere Zukunft ohne AKW´s und Kohle berechnet.

  10. Wie gehts weiter?

    Ich frage mich wie man die erneuerbaren Energien konkret nutzen kann. Von Photovoltaik kann man nicht besonders viel erwarten, wenn man den Gesamtenergieverbrauch der Gesellschaft im Blick hat.

    Wie will man aber die Energie transportieren und lagern? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die neuesten Akkus besonders umweltfreundlich sind.

    Es wird einfach erwartet, dass es auf diesen Gebieten automatisch Fortschritte geben wird, während man den Fortschritt bei der Kernenergie oder der Fusionsenergie abstreitet.

    Wer mag schon Kernkraft mehr als Wasser, Wind oder Solarenergie.

    Ich habe aber den Eindruck, dass bei solchen Diskussionen oft die Realität ausgeklammert wird.

    Frau Merkel muss sich um Deutscland kümmern wie eine sorgende Mutter. Sie kann sich nicht einfach darauf verlassen dass alles von selbst gut wird.

    Sobald wir „Gratis“energie aus Erneuerbaren kaufen können wird niemand mehr auf Atomkraft bestehen. Dan kann man die KKW’s immer noch schnell abschalten.

  11. alles recht und schön / wie gehts weiter

    Das Auslaufen von Kohle und Atom soll ja bei uns nicht gleich stattfinden sondern geordnet ohne Zubau von neuen KKWs und ohne eine Laufzeitverlängerung der AKWs. In der Zwischenzeit gibt es:
    Viel mehr Windenergie (BaWü, Bayern Hessen v. a.), neue Speicher (jetzt 5. Speicherkonferenz von Eurosolar: IRES 2010 http://www.eurosolar.de/…;id=1273&Itemid=336), die Grid-Parity bei der Photovoltaik mit besseren Wirkungsgraden und neuen Anwendungsbereichen, besseres Netzmanagement, neue Effizienztechnologien, Elektroautos mit V2Grid und G2Vehicle und schlanke Netze. Hier brauchen wir mehr Forschung und dann kommen wir in 10-20 Jahren zu einer ganz anderen Energiekultur. Wer hätte gedacht, dass die PV ihren Stromanteil innerhalb von 10 Jahren verhundertfachen könnte?
    Diese Strategie kommt uns volkswirtschaftlich betrachtet billiger als weiter die Hochsubvention der Kernenergie und Kohleenergien. Im übrigen hat der SRU Anfang Mai sein Gutachten vorgestellt mit einem Ergebnis in dieser Richtung:
    http://www.umweltrat.de/…bis_2050.html?nn=395730
    Auch die Branche der Erneuerbaren Energien hat bis 2020 47 % Stromanteil ausgerechnet:
    http://www.bee-ev.de/…rognose_Strom2020_kurz.pdf
    Das geht, nur dürfen wir nicht glauben, dass wir das anstrengungslos erreichen.
    Den Paradigmenwechsel kriegen wir nicht geschenkt, dafür müssen wir arbeiten.
    Dann haben aber auch alle etwas davon:
    Umwelt, Klima, Betriebe, Arbeitsplätze, volkswirtschaftlicher Gewinn auf allen Ebenen.
    Nicht zuletzt braucht es dafür eine andere Politik, dann klappt das.
    Ende September erscheint das neue Buch von MdB Dr. Hermann Scheer:
    Der Energethische Imperativ, 100 % jetzt.

  12. Und andere Energiestudien?

    Herr Rahmstorf,

    die Studie der Bundesregierung ist, wie sie ja in ihrem Blog eindrucksvoll bewiesen habe, vollkommen wertlos.

    Jetzt erzählen Sie mir doch bitte warum die Studien von UBA (Jochen Flasharth) und SRU (Olav Hohmeyer) besser sein sollen. Oder sind sie das nicht?

    Würden Sie mit mir übereinstimmen, dass beide Studien im Prinzip ebenfalls vollkommen wertlos sind?

    [Antwort: Mangels systematischer Unsicherheits- und Vergleichsanalysen bleibt derzeit nur die Möglichkeit, sich die Gesamtheit aller verfügbaren Studien anzusehen, deren Annahmen kritisch miteinander zu vergleichen und auf Plausibilität abzuklopfen, und dann daraus seine Schlüsse zu ziehen. Zu den robusten Schlüssen werden sicher keine genauen Zahlen gehören, wie „0,9 cent Kostenersparnis“, sondern eher qualitative Aussagen wie die, dass eine weitgehend auf Erneuerbaren beruhende Energieversorgung möglich und bezahlbar ist. Stefan Rahmstorf]

  13. Nicht wertlos

    Nein, auf diesem Beitrag geht nicht hervor, dass die Studie vollkommen wertlos ist. Man kann nur keine belastbaren quantitativen Aussagen darüber machen, wie Laufzeitverlängerungen sich auf den Strompreis auswirken würden.

    Die Studie vergleicht aber vier mögliche Szenarien für die Energieversorgung in der Zeit bis 2050 miteinander. Selbstverständlich ist solch ein Vergleich wertvoll und kann gewinnbringend mit anderen Szenarien verglichen werden.

    Das Problem ist, dass die Studie in der Öffentlichkeit als etwas anderes verkauft wird, als was sie ist. Sie rechnet eben nur vier sehr ähnliche Konzepte vor, mit denen die energiepolitischen Ziele der Regierung erreicht werden könnten.

    Eine detaillierte Studie, die nur die Auswirkungen der Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke untersucht und dabei andere Parameter variiert, ist es dagegen nicht.

  14. Stromexporteur Deutschland

    In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis auf das aktuelle Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (abrufbar hier http://www.ag-energiebilanzen.de/…php?idpage=118 ).

    Nach dem Bericht für das erste Halbjahr 2010 (Kapitel 7.2.) hat Deutschland bisher in 2010 knapp 11 Milliarden kWh Strom ins Ausland exportiert.

    Das entspricht ungefähr der Stromerzeugung von 2 Druckwasserreaktoren.

  15. Mögliche und bezahlbare Erneuerbare?

    Sie schreiben zuletzt, Herr Rahmstorf, der Schluss: „dass eine weitgehend auf Erneuerbaren beruhende Energieversorgung möglich und bezahlbar ist“ robust sei.

    Robust? Es stimmt zwar, dass es E-Techniker gibt die dies bejahen; wo sie arbeiten sei allerdings dahingestellt; es stimmt aber auch, dass es gerade aber nicht nur in D allerhand Ingenieure gibt, auch auf Lehrstühlen, die diese Robustheit rundweg abstreiten.

    Es fällt mir auf, sie sind es, die auf Zahlen und Berechnungen pochen, die künftige optimistichen Prognosen über Batterietechnik oder Solarthermal oder PV-Effiziengrade nicht vorwegnehmen.

    Ferner fällt mir auf, wie geheimnnisvoll die Windturbinenhersteller auch auf Anfrage bei der Verschweigung ihrer Betriebszahlen tun.

    Ein Appell erneuerbarskeptischer Techniker gegen etwa die Windenergie erfolgte aus Darmstadt schon 1998.

    In der englischen E-Technik-Sprache sind die Unzulänglichkeiten der Erneuerbaren wie untenstehend:

    – neglecting intermittency, and extended outages in particular
    – grossly underestimating storage requirements
    – underestimating the generation overbuild required to cover intermittency and maintaining charged storage
    – overstating the ability of spatial distribution to smooth power delivery of locally intermittent sources
    – silently ignoring the necessity for fossil fuel grid coverage
    – understating the overbuild requirements of electricity transmission infrastructure
    – ignoring the increased emissions intensity of gas plants shadowing wind
    – understating the vast materials inputs required for renewable deployment at scale
    – ignoring grid integration issues
    – overestimating demand reduction and efficiency
    – indulging in optimism over unknown technological advances

    Ob nicht wie so oft in D diese Diskussion von dem Freund-Feind-Denken des Carl Schmitts dominiert wird? die üblichen zwei verfeindete Lager in der Gesellschaft? Dies dürfte das Aufkommen/Tolerieren grüner AKW-Befürworter (vgl. Jim Hansen) erheblich erschweren.

    Zum Schluss:am Anfang eines neuen Sonnenzyklus muss es dahingestellt bleiben, ob die enorm lange Nordafrika-Hochspannungsleitungen (= Antennen im Magnetfeld der Erde), die im „Desertec“-Projekt als Aushängeschild der Erneuerbaren vorgesehen sind auch nur ansatzweise gegen ein coronal mass ejection der Grössenordnung des Carrington-Events von 1859 resistent wären.

    Wie Sie wissen, hat der US-Congress sich erst vor kurzem mit dem Thema Stromnetzsicherheit beschäftigt.