Ende des Schmelzens

Gastbeitrag von Dirk Notz (MPI Hamburg) –

Kaum etwas ist so sehr zum Symbol des Klimawandels geworden, wie das Verschwinden des Meereises in der Arktis: immer größer waren dort in den letzten Jahren im Sommer die offenen Wasserflächen geworden, die Ausdehnung des Meereises im Sommer 2007 war nur noch halb so groß wie in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.  Zum Höhepunkt der Schmelzsaison wurden nahezu im Wochentakt mehr oder weniger glaubwürdige Prognosen darüber veröffentlicht, in welchem Jahr wohl der Arktische Ozean im Sommer komplett eisfrei sein würde. Der Rückgang schien unaufhaltsam – so zumindest die Meinung der meisten Wissenschaftler, die sich mit der Arktis beschäftigen.

Aber dann, im Mai dieses Jahres, frohlockte plötzlich eine Reihe klimaskeptischer Blogs: Das Meereis schien sich zu erholen, der Arktische Ozean war wieder von annähernd so viel Eis bedeckt wie im langjährigen Mittel für den Monat Mai in den Jahren 1979 bis 2000. Natürlich konnte das, so die einschlägigen Blogs, nur bedeuten, dass sich die Wissenschaftler getäuscht haben, die einen weiteren Rückgang des Meereises voraussagten.

Arktisches Meereis 2009, Dirk Notz

Abb.1 Meereisbedeckung des Arktischen Ozeans am 10. Mai 2009. Die orange Linie stellt die mittlere Ausdehnung am 10. Mai in den Jahren 1979 bis 2000 dar. Der kreisförmige Bereich um den Nordpol kann vom Satelliten aus nicht vermessen werden.

Und in der Tat war zum Beispiel am 10. Mai 2009 die Meereisausdehnung recht nahe an der mittleren Ausdehnung für diesen Tag im Zeitraum 1979 bis 2000 (siehe Abbildung 1). Aber bedeutet dies tatsächlich eine Pause (oder gar ein Ende) des Eisrückgangs? Wie konnte sich das Meereis nach seinem weiträumigen Verschwinden im Sommer 2008 wieder so schnell "erholen"? Und was heißt dabei "erholen"?

Arktisches Meereis 2009, Dirk Notz

Abb.2 Entwicklung der Meereisausdehnung in der Arktis von September 2008 bis Mitte Mai 2009. Die blaue Linie zeigt die mittlere Ausdehnung in den Jahren 1979 bis 2000 an, der hellblaue Bereich zeigt die Schwankungsbreite in diesem Zeitraum an (± 2 Standardabweichungen)

Wahrscheinlich ist es sinnvoll, zur Beantwortung dieser Fragen noch einmal zum Sommer 2008 zurückzukehren, und die Entwicklung des Meereises in den letzten Monaten etwas näher zu betrachten. Wir beschränken uns dabei hier auf eine Analyse der so genannten “Meereisausdehnung”. Zum besseren Verständnis vielleicht kurz eine Erläuterung zu diesem Begriff, denn in der öffentlichen Diskussion werden häufig die Begriffe “Meereisausdehnung” (englisch "extent") und “Meereis-Fläche” (englisch "area") miteinander verwechselt. Dabei ist die Unterscheidung recht einfach: Für die Ausdehnung von Meereis wird die gesamte Fläche des Ozeans zusammengerechnet, die zu mindestens 15 % von Meereis bedeckt ist. Für die Fläche von Meereis hingegen wird nur die tatsächliche Fläche des Eises gerechnet. Als kleines Beispiel: Wenn eine 10 x 10 km² große Fläche des Ozeans zu 20 % von Eis bedeckt ist, so beträgt die Meereisfläche dort 20 km², für die Meereisausdehnung wird jedoch die gesamte Fläche von 100 km² gezählt. Da die Messung der Eisfläche mit deutlich größeren Unsicherheiten behaftet ist als die Messung der Ausdehnung, beschränken wir uns hier auf eine Analyse der Meereisausdehnung.

Die Schmelzsaison in der Arktis beginnt normalerweise im März: Die Polarnacht geht langsam zu Ende, die Sonne steht Tag für Tag etwas höher am Himmel, die Temperaturen steigen und das Eis geht langsam zurück. Für etwa ein halbes Jahr nimmt die Meereisausdehnung immer weiter ab, bis irgendwann im September die minimale Ausdehnung erreicht ist. Wie aus der vorangehenden Abbildung deutlich wird, lag das Minimum im September 2008 weit unterhalb der "normalen" Schwankungen des Vergleichszeitraums, ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die klimatischen Bedingungen in der Arktis in den letzten Jahren verändert haben.

Aber bereits Ende November hatte sich die Meereisausdehnung wieder so stark erhöht, dass sie sich für den weiteren Verlauf des Winters bis Anfang April nur noch wenig unterhalb der "normalen" Schwankungsbreite des Zeitraums 1979-2000 bewegte. Der Grund für diese rasche Erholung war in erster Linie, dass im Winter nach wie vor die Lufttemperatur über weiten Teilen des Arktischen Ozeans deutlich unter den Gefrierpunkt fällt. Überall dort, wo das Eis im Sommer verschwunden war, kühlte das offene Wasser durch den Kontakt mit der sehr kalten Luft rapide ab, bis sich an der Oberfläche das erste, dünne Eis bildete. Sobald dieses Eis eine Dicke von wenigen Zentimetern erreicht hatte, wurde es vom Satelliten als "Eis" erkannt und die gemessene Meereisausdehnung wuchs rapide an.

Für die Messung der Meereisausdehnung ist es nämlich egal, ob ein bestimmter Bereich des Ozeans mit zehn Zentimeter dickem Eis bedeckt ist oder aber mit 3 Meter dickem Eis: Für die Ausdehnung zählt nur, ob Eis vorhanden ist oder ob nicht. Ein sehr viel sinnvollerer Parameter um den Rückgang des Eises zu messen, wäre daher eine Zeitreihe des Volumens des Meereises in der Arktis. Leider sind wir aber erst seit kurzem in der Lage, die Dicke von Meereis in der gesamten Arktis halbwegs zuverlässig vom Satelliten aus zu bestimmen. Daher sind die Zeitreihen vom Volumen des arktischen Meereises noch sehr kurz und für einen Vergleich langfristiger Trends nicht geeignet.

Den ganzen Winter über wurde das Meereis in der Arktis langsam dicker, immer größere Wasserflächen wurden von Eis bedeckt, die Meereisausdehnung wuchs. Im März wurde dann das diesjährige Meereismaximum erreicht, bei einer Ausdehnung, die nur knapp an den unteren Rand des Schwankungsbereichs von 1979-2000 heranreichte. Mitte März begann die Schmelzsaison, das Meereis bildete sich langsam wieder zurück. Im April 2009, kurz nach Einsetzen der Eisschmelze, wurde es dann allerdings plötzlich in weiten Teilen der Arktis ungewöhnlich kalt. Wie schon häufig diskutiert, sind solche Wetterphasen, die kälter sind als das langjährige Mittel, auch im Laufe einer Klimaerwärmung durchaus möglich, ihre Anzahl nimmt allerdings immer weiter ab. Diese niedrigen Temperaturen im April führten dann dazu, dass das Eis sehr viel langsamer als in früheren Jahren abschmolz. Durch die damit einhergehende Stabilität der Meereisausdehnung wurde schließlich die eingangs erwähnte nahezu "normale" Meereisausdehnung erreicht. 

Arktisches Meereis 2009, Dirk Notz

Abb. 3 Entwicklung der Meereisausdehnung in der Arktis seit April 2009 im Vergleich mit den Vorjahren. Die blaue Linie zeigt die mittlere Ausdehnung in den Jahren 1979 bis 2000 an, der hellblaue Bereich zeigt die Schwankungsbreite in diesem Zeitraum an (± 2 Standardabweichungen)

Aber leider war diese Erholung nur von kurzer Dauer. Denn genauso schnell wie sich auf offenem Wasser neues, dünnes Eis bilden kann, kann dieses neue, dünne Eis im Sommer auch wieder verschwinden. Und genau dies geschah nach dem Ende der ungewöhnlich kalten Periode in der Arktis: Nachdem die Meereisausdehnung noch bis Mitte Mai in der Nähe der "normalen" Meereisausdehnung blieb, ist sie im weiteren Verlauf der Schmelzsaison rapide zurückgegangen. Durch ein relativ rasches Abschmelzen des Eises im Juni und Juli lag die Eisausdehnung Mitte Juli wieder deutlich unterhalb der Eisausdehnung der Jahre 1979-2000 und sogar teilweise unter der Ausdehnung des Vorjahres. Im August verlangsamte sich das Abschmelzen dann etwas, und das vorläufige Minimum der Eisausdehnung wurde dieses Jahr mit 5.1 Millionen Quadratkilometern am 12. September erreicht. Sollte es für dieses Jahr bei diesem Minimum bleiben, hätte sich das Eis zwar zumindest im Vergleich zu den beiden Vorjahren etwas erholt (Minimum 2007: 4.1 Millionen Quadratkilometer, Minimum 2008: 4.5 Millionen Quadratkilometer) – eins aber scheint sicher: Von einem wirklichen Ende des Rückgangs, oder gar von einer Erholung des Arktischen Meereises kann bei der Betrachtung des derzeitigen Zustandes keine Rede sein. Der Lebensraum der Eisbären schwindet auch weiterhin. 

Arktisches Meereis 2009, Dirk Notz

Abb.4 Meereisbedeckung des Arktischen Ozeans am 12.September 2009. Die orange Linie stellt die mittlere Ausdehnung am 12. September in den Jahren 1979 bis 2000 dar.

Die Rohdaten für die Abbildungen stammen vom National Snow and Ice Data Center, Boulder, Colorado, USA (http://nsidc.org).

 

Der Autor, Dr. Dirk Notz, ist Leiter der Arbeitsgruppen "Meereis im Erdsystem" am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Nähere Informationen auf seiner Homepage: http://www.mpimet.mpg.de/institut/mitarbeiter/notzdirk/index.html

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Hauptautoren der KlimaLounge: Anders Levermann ist Professor für Dynamik des Klimasystems an der Universität Potsdam und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er ist unter anderem Mitautor des IPCC-Klimareports und beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Ozean und Cryosphäre in Vergangenheit und Zukunft. Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor an der Universität Potsdam. Er ist Mitautor des 4. IPCC-Klimaberichts und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für „Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) an. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte. Martin Visbeck ist stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) in Kiel und Professor für Physikalische Ozeanographie. Er gehört zahlreichen internationalen Arbeitsgruppen ebenso an wie der Senatskommission für Ozeanografie der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zu den Homepages der Autoren gelangen Sie, wenn Sie in der rechten Leiste auf den Menüpunkt "Links" klicken. --------------------------------------------------------------------------------------------- In der KlimaLounge kommen auch andere Autoren zu Wort. In diesen Fällen sind sie namentlich am Ende des jeweiligen Posts genannt.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Historische Vergleichszahlen

    Das Problem bei dieser Betrachtung sind meiner Meinung nach die fehlenden Vergleichsmöglichkeiten zu früheren Zeiten. Zur Eisausdehnung gibt es erst seit 30 Jahren Satellitenmessungen, zum Gesamt-Eisvolumen, wie Sie sagen, erst seit kurzem.

    Bei der Eisausdehnung spielen neben der Lufttemperatur viele andere Faktoren wie z.B. die jeweiligen Wind- und Strömungsverhältnisse sowie Schneefall eine große Rolle. Das sind zum großen Teil wissenschaftlich weitgehend unverstandene Naturphänomäne.

    Deshalb finde ich diese Untersuchungen zwar interessant, aber ungeeignet, um zwischen den Zeilen Katastrophenstimmung aufkommen zu lassen. Man sollte die Dinge benennen wie sie sind und dazusagen, dass es sich um den derzeitigen Erkenntnisstand handelt, der aber mit erheblichen Unsicherheitsfaktoren behaftet ist.

    Andernfalls laufen Sie als Wissenschaftler Gefahr, Ihre Reputation zu verlieren. Ich denke da nur mal an Kerry Emanuel mit seiner wohl etwas voreiligen peer-reviewten Aussage, dass es eine Zunahme von Hurricanes gibt, die er inzwischen ziemlich kleinlaut zurückgezogen hat.

    Ich möchte ja nicht ausschließen dass es eine menschengemachte Klimaerwärmung gibt. Aber seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen hat sich die Weltbevölkerung vervielfacht. Da beißt die Maus keinen Faden ab, das kann man nicht wegdiskutieren.

    Deshalb würde mich mal folgende wissenschaftliche Aussage interessieren: Wie würde der derzeitige Idealzustand unserer Welt aussehen, wenn seit 200 Jahren die Politiker stets den Empfehlungen der Klimawissenschaftler gefolgt wären?

    PS: Warum schreibt Herr Rahmstorf eigentlich nicht mehr in seinem eigenem Blog?

    [Antwort: Lieber Herr Binikowski, eine längerfristige Perspektive ist natürlich wichtig und wird durch paläoklimatologische Forschung geliefert. Siehe dazu die aktuelle Arbeit von Kaufman et al. in Science. In den vergangenen 2000 Jahren hat die Arktis eine allmähliche Abkühlung erlebt, die durch die Erdbahnzyklen auch zu erwarten ist. Dieser Trend ist erst durch die aktuelle anthropogene Erwärmung umgekehrt worden.

    Was Kerrry Emanuel angeht, was meinen Sie konkret? Ich habe erst im Juni eine Woche beim Hurricane Summit mit ihm verbracht, da war nicht die Rede von einem Rückzieher. Im Gegenteil, die Zunahme der Hurricane-Aktivität ist inzwischen durch eine ganze Reihe neuer Arbeiten bestätigt worden. Stefan Rahmstorf]

  2. Meereisausdehnung

    Vielen Dank für den schönen Beitrag. Um die Daten besser beurteilen zu können, würde mich folgendes interessieren: Wie groß ist der Fehler bei der Messung der Meereisausdehnung? Und in welchem Bereich ist die natürliche Schwankung von Jahr zu Jahr? Das heißt konkret, wie viele Jahre muss man denn mitteln, um überhaupt einen zuverlässigen Trend zu erhalten?

    [Antwort: Bei der Messung der Meereisausdehnung vom Satelliten aus gibt es insbesondere im Sommer eine Unsicherheit von geschätzten 0.5 Millionen km² in Bezug auf die tatsächliche, absolute Ausdehnung. Dieser Fehler hängt in erster Linie damit zusammen, dass es sehr schwer ist, offenes Wasser von den Schmelztümpeln zu unterscheiden, die sich im Sommer fast überall auf dem Meereis bilden. Verschiedene Arbeitsgruppen haben daher unterschiedliche Ansätze entwickelt, um diese Fehler zu minimieren, was dann auch zu teilweise unterschiedlichen Zahlenangaben über die tatsächliche Eisausdehnung führt. Die hier gezeigten Daten wurden alle mit dem gleichen Algorithmus berechnet, so dass zwar der absolute Wert mit der genannten Unsicherheit behaftet ist, die Größe der Schwankungen von Jahr zu Jahr aber recht genau abgeschätzt werden können.
    Bisher sind die Messreihen der Meereisausdehnung leider, wie erwähnt, nur sehr kurz. In Modellsimulationen der natürlichen Variabilität, die sehr gut mit der Variabilität früher Beobachtungen übereinstimmt, gibt es durchaus mal Zeitabschnitte über bis zu 20 Jahren in denen die Meereisausdehnung zunimmt, um dann anschließend wieder zurückzugehen. Die dabei modellierten Schwankungen sind aber im Bereich von +- 1 Millionen km² und damit sehr viel kleiner als der zurzeit beobachtete Rückgang. Der Trend ist daher zwar nicht aufgrund seiner Dauer, aber aufgrund seiner Stärke inzwischen deutlich außerhalb der modellierten natürlichen Schwankung. Dirk Notz]

  3. Sehr unschöne Sache

    Danke für diesen aufklärenden Artikel. Wo gibts denn die Rohdaten zum Eisvolumen ? Grüße.

    [Antwort: Die Rohdaten stammen von hier:
    http://nsidc.org/data/nsidc-0081.html (für 2008-2009)
    http://nsidc.org/data/nsidc-0051.html (für 1979-2007)

    Siehe auch für eine ausführliche Übersicht:
    http://nsidc.org/data/seaice/index.html

    Sowie für einen direkt nutzbaren Datensatz:
    http://nsidc.org/data/seaice_index/
    http://nsidc.org/data/docs/noaa/g02135_seaice_index/index.html

    Dirk Notz]

  4. Meereisabnahme

    Sehr geehrter Herr Notz,
    danke für ihren schönen Artikel und die detaillierte Diskussion.
    Ich habe eine Verständnisfrage zum Mechanismus der Meereisabnahme. Wenn ich sie richtig verstehe reichen die jahreszeitlichen Lufttemperaturschwankungen zur Zeit nur aus, um im Winter eine dünne Eisdecke zu bilden, die im nachfolgenden Sommer dann wieder rasch verschwindet. Der generelle Trend der Meereisabnahme bleibt aber bestehen.
    Das ist meines Erachtens verständlich aufgrund der Wärmekapazitätsunterschiede zwischen Wasser und Luft. Das gilt doch dann aber auch umgekehrt. Wärmere Luft im Sommer führt zu einer relativ geringen Abnahme der Eisdicke, die sich im darauffolgenden Winter wieder rasch bilden kann.
    Weiterhin heißt das doch dann, dass substantieller Eisverlust bzw. substantielle Eisbildung dann statt findet, wenn vor allem die Meerestemperatur wärmer bzw. kälter ist. Oder anders ausgedrückt: Substantielle Meereisschmelze dickerer Eisschichten findet dann statt, wenn mehr Energie durch das Meer von niedrigeren nach höheren Breiten transportiert wird, als durch Strahlung in den hohen Breiten abgeführt wird.
    Ist das so richtig, zu verkürzt oder gibt es einen anderen Mechanismus für die substantielle Abnahme des Meereises? Wenn ja, welchen?
    Die Abnahme des Meereises ist aber doch in jedem Fall ein Prozess mit einer längeren Zeitkonstante. Kennt man diese Zeitkonstante? Wenn ja wie groß ist sie?
    Wenn ich mir die historische Zeitserie
    http://arctic.atmos.uiuc.edu/…meseries.1870-2008
    anschaue, beobachte ich eine Abnahme des Meereises seit etwa 1940 – 1950. Betrachte ich aber die zonalen GISS Daten für Lufttemperaturen und Meeresoberflächentemperaturen in den Breiten 64N – 90N,
    dann finde ich in dem Zeitabschnitt von 1940 -1950 eine Abkühlung.
    http://data.giss.nasa.gov/…bledata/ZonAnn.Ts.txt
    http://data.giss.nasa.gov/…ta/ZonAnn.Ts+dSST.txt
    Können Sie mir da die Zusammenhänge erklären? Der Beginn der Meereisabnahme scheint mit einer Abkühlung in der Arktis zusammenzufallen. Aber der Eindruck kann ja täuschen. Für ihre Euinschätzung wäre ich dankbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

    [Antwort: Lieber Herr Heß,
    die Meereisbildung und das Abschmelzen des Meereises hängen in der Arktis ganz überwiegend mit den Schwankungen der Lufttemperatur zusammen, das Meerwasser selbst spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Grund hierfür ist die Tatsache, dass in der Arktis das Wasser nahe der Oberfläche relativ wenig Salz enthält, so dass sich nahe der Oberfläche eine Wasserschicht halten kann, die nur relativ wenig Wärme mit den darunterliegenden Schichten austauscht. Solange dieses oberflächennahe Wasser von Eis bedeckt ist, bleibt seine Temperatur nahezu konstant am Gefrierpunkt, die Menge des im Winter gebildeten Eises hängt daher eher von den atmosphärischen Bedingungen (und der Eis- und Schneedicke) ab. Im Sommer hingegen wird immer mehr Wasser eisfrei, dieses Wasser erwärmt sich dann teilweise deutlich und muss seine Wärme zu Beginn des Winters erst wieder an die Atmosphäre abgeben, bevor sich neues Eis bilden kann. Grundsätzlich reicht aber für eine grobe Einschätzung der Eislage in der Arktis die Kenntnis der atmosphärischen Bedingungen aus.
    Wir gehen heute davon aus, dass sich das Eis in der Arktis aus mehreren Gründen in den letzten Jahren so stark zurückgezogen hat:
    Zum einen gab es zu Beginn der neunziger Jahre eine Reihe von Jahren, in denen sich das in der Arktis vorherrschende Windregime verändert hatte. Dadurch wurde sehr viel dickes, altes Eis einfach entlang der ostgrönländischen Küste aus der Arktis „geweht“. Dieses Eis trieb früher häufig jahrelang im Zentrum des Arktischen Ozeans im Kreis.
    Das zurückgebliebene, dünnere Eis wurde dann durch ungewöhnlich warme Wetterlagen im Frühjahr zu Beginn unseres Jahrhunderts weiter ausgedünnt, so dass schließlich im
    ungewöhnlich warmen Sommer 2007 das vorhandene Eis zu einem großen Teil so dünn war, dass es einfach weggeschmolzen ist.
    Es gibt also keinen einfachen direkten Zusammenhang zwischen Temperatur und Eisbedeckung, die vorherige Geschichte der Eisentwicklung spielt immer auch eine erhebliche Rolle. Zum Beispiel hätte der Sommer 2007 bei weitem nicht zu einem so starken Eisrückgang geführt, wenn das Eis in der Arktis so dick gewesen wäre wie noch in den siebziger Jahren.
    Umgekehrt kann es auch sein, dass in den 40er Jahren durch die vorherrschenden Winde trotz einer Abkühlung viel Eis aus der Arktis exportiert worden ist, so dass insgesamt die Eisbedeckung damals schon abnahm. Wir gehen allerdings davon aus, dass diese Abnahme damals mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach nur auf einer natürlichen Schwankung beruhte, ein anthropogenes Signal ist aus den Messreihen nicht abzulesen.
    Hoffentlich konnte ich Ihnen mit diesen Einschätzungen weiterhelfen!

    Herzliche Grüße,

    Dirk Notz]

  5. Emanuel

    Hallo Herr Rahmstorf,

    ich meine damit dies hier:

    http://web.mit.edu/…2008/emanuel-paper-0417.html

    Wenn ich es richtig verstehe wird dort die ursprüngliche Aussage, dass sich die Hurricanes drastisch häufen, mächtig relativiert:

    „Worldwide, both methods show an increase in the intensity and duration of tropical cyclones, the generic name for what are known as hurricanes in the North Atlantic. But the new work shows no clear change in the overall numbers of such storms when run on future climates predicted using global climate models.

    However, Emanuel says, the new work also raises some questions that remain to be understood. When projected into the future, the model shows a continuing increase in power, „but a lot less than the factor of two that we’ve already seen“ he says. „So we have a paradox that remains to be explained.“

    There are several possibilities, Emanuel says. „The last 25 years‘ increase may have little to do with global warming, or the models may have missed something about how nature responds to the increase in carbon dioxide.“

    Frei übersetzt: nix Genaues weiß man nicht, die derzeitigen Modelle sind nicht genau genug. Das ist ja bei einer so komplexen Sache auch keine Schande. Bei meiner Kritik geht es ausschließlich um die „absolute Gewissheit“, die von den Autoren der Studien in ihre Aussagen hineininterpretiert wird. Und die dann von Leuten wie Al Gore als „Unbequeme Wahrheit“ unters Volk gebracht werden.

    Ich persönlich empfinde diese Art der Öffentlichkeitsarbeit als kontraproduktiv, weil damit von den wahren Problemen wie Peak Oil/Gas, Überbevölkerung, Urwaldabholzungen usw. abgelenkt wird. Wenn die Menscheit diese Probleme nicht in den Griff bekommt wird der steigende CO2-Gehalt eine unserer kleineren Sorgen sein.

    [Antwort: Lieber Herr Binikowski, Sie bringen hier zwei Dinge durcheinander: erstens die Messdaten aus der Vergangenheit, zweitens die Modellrechnungen für die Zukunft. Emanuel war einer der ersten, der die Zunahme der Hurricaneaktivität im Atlantik und den engen Zusammenhang mit dem Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte belegt hat. In der neueren Arbeit zeigt er nun, dass mit Modellen noch keine robusten Zukunftsprognosen über das künftige Verhalten von Hurricanes möglich sind. Diese Aussagen widersprechen sich nicht und entsprechen genau dem, was ich hier in der KlimaLounge letztes Jahr geschrieben habe, und es ist einfach der Stand der Wissenschaft.


    Wenn Sie nun daraus die Aussage machen, Emanuel habe seine „etwas voreilige peer-reviewte Aussage, dass es eine Zunahme von Hurricanes gibt“ inzwischen „ziemlich kleinlaut zurückgezogen“, ist das leider eine der für „Klimaskeptiker“ typischen Tatsachenverdrehungen – mann kann das nicht anders sagen. Mit solchen Glaubenssätzen haben die „Klimaskeptiker“ sich bequem in einem Paralleluniversum eingerichtet, in dem eben das „Meereis sich weigert wie befohlen zu schmelzen“, in dem die Hurricanes nicht an Stärke zugenommen haben, in dem die „hockey stick“-Kurve von Mann et al. ein Fälschung ist, in dem die globale Erwärmung seit 1998 aufgehört hat, usw. usf. – und dann wundern sie sich, dass sie die Welt nicht mehr verstehen. Stefan Rahmstorf]

  6. Kopenhagen?

    Sehr geehrter Herr Rahmstof & Kollegen,

    es ist natürlich völlig unbestritten, dass die arktische Meereisfläche deutlich unter dem langjährigen Schnitt liegt (seit den Sat. Messungen).
    Kann man diese mit anderen Dekaden aus dem 20. Jhd. vergleichen? Oder die Südpolseite, kann man hier die seit Dekaden zunehmende Meereisfläche mit den Auf und Abs des vergangenen Jahrhunderts vergleichen? Ich habe hier wohl nicht zwischen den Zeilen so was wie eine Andeutung gelesen, als dass diese Zunahme um den Südpol durch eine verstärkte Eisbewegung vom Kontinent Richtung Ränder erfolgen sollte. Das wäre wohl eine gewagte Theorie, angesichts der T Entwicklung über die letzten Dekaden (Antarktis). Ein paar 1/10 rauf od. runter können dort jedefalls die Zunahme an den Eisflächen nicht erklären und schon gar nicht eine Abnahme.
    Zur Arktis: nach dem Minimum 2007 und 2008 wurde immer wieder von dem Ausdünnen des im folgenden Winter gebildeten Eises gesprochen, was ja nicht ganz unlogisch erscheint. Nun, was mich verwundert ist die doch sehr rasante Zunahme von 2007 auf 2008 und nochmals deutlicher auf 2009 und dass bei „dünneren“ Ausgangsbedingungen. War es die letzten 2 Jahre so kalt im arktischen Bereich? Sind die Flächen mit geringer Dichte (um 15-30% Eisanteil) heute wesentlich höher, als früher? Jedenfalls ist die „Erholung“ im Norden doch beachtlich, selbst wenn man natürlich nicht verfrüht von einer Trendumkehr sprechen kann. In Summe liegt die heutige globale Meereisfläche ca. 3% (500.000km²) unter dem Mittel 79-2000. Das erscheint dem Meteorologen nicht besonders dramatisch, auch wenn Kopenhagen vor der Tür steht.

    [Antwort: Ich war nie ganz glücklich mit der Vorhersage, dass das Eis auf jeden Fall jetzt in Zukunft jeden Sommer weiter zurückgehen wird, weil es insgesamt dünner ist. Wie oben erwähnt deuten unsere jüngeren Arbeiten eher darauf hin, dass es bei dem dünneren Eis deutlich größere Schwankungen von Jahr zu Jahr gibt, dass also in Zukunft die Vorhersagbarkeit der Eisfläche am Ende des Sommers abnimmt. 2007 war ein ungewöhnlich warmer Sommer, daher ist dort viel Eis verschwunden. 2009 war deutlich kühler, darum ist dort das Eis weniger zurückgegangen – es kann auch durchaus sein, dass es in den nächsten Jahren im Sommer eine weitere, scheinbare Erholung gibt, das wäre völlig in Einklang mit unseren Modellsimulationen. Nichtsdestotrotz wird sich langfristig die Fläche des Meereises in der Arktis im Mittel weiter verringern, bis möglicherweise im Laufe dieses Jahrhunderts die Arktis aufgrund der Klimaerwärmung im Sommer komplett eisfrei sein wird.

    In der Antarktis hängt, weil der südliche Ozean nach Norden hin offen ist, die Ausdehnung des Eises sehr viel stärker von den vorherrschenden Winden als von der Temperatur ab – eine globale Erwärmung führt daher nicht automatisch zu einem Rückgang des Meereises in der Antarktis. Die Luftemperatur ist dort im Winter auch weiterhin in großen Teilen des südlichen Ozeans deutlich unter dem Gefrierpunkt, Eis bildet sich also auf jeden Fall. Auf welche Fläche dieses Eis dann allerdings verteilt wird, hängt vor allem vom Wind ab. Dirk Notz]

  7. Danke und Noch eine Frage

    Lieber Herr Notz,
    super, Danke für die ausführliche Antwort.
    Ich habe das jetzt so verstanden.
    1. Atmosphärische Bedingungen bzw. wärmere Wetterlagen ist die eine Ursache. Das heißt die Sonneneinstrahlung ist stärker bzw. wärmere Luftmassen werden von Süden herangeführt.
    2. Eis wird durch Meeresströmungen nach Süden transportiert und schmilzt dort im wärmeren Meer.
    Noch eine Frage: Die warmen subtropischen Strömungen, die nach den neuesten veröffentlichungen an Grönlands und den westantarktischen Eisschilden nagen spielen keine Rolle?
    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

    [Antwort: Lieber Herr Heß, der Eisrückgang im Sommer 2007 z.B. hing in erster Linie damit zusammen, dass sich im Sommer in der Arktis ein sehr stabiles Hochdruckgebiet gebildet hatte, dass lokal zu einer deutlichen Erhöhung der Sonneneinstrahlung geführt hat. Der Einfluss von südlicheren Strömungen war dabei von untergeordneter Bedeutung, wenngleich solch südliche Strömungen in die Arktis tatsächlich in letzter Zeit zugenommen haben. Herzliche Grüße, Dirk Notz ]

  8. Da die globale Temperatur der letzten 10 Jahre doch gerade auf der Nordhalbkugel top war, ist es doch nun wirklich nicht überraschend, dass das arktische Meereis in diesem Zeitbereich auch ein Minimum hat. Da sich aber auch Änderungen von Strömungen in Luft und Wasser oder Bewölkung auf das Meereis auswirken könnten wird umgekehrt das Meereis weniger als Indikator für die globale Temperatur geeignet sein. Braucht man aber auch nicht, da man die Temperatur auch anders messen kann.

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