Das Jahrzehnt der Wetterextreme

Die Wetterextreme des Jahrzehnts lesen sich wie eine Liste des Grauens. Von der Elbeflut 2002 bis zu den Bränden in Russland und Überschwemmungen in Pakistan. Millionen Menschen waren betroffen, Milliarden Werte wurden vernichtet. Zufall? Oder Klimawandel?

Am 12. August 2002 fielen an der Wetterstation Zinnwald-Georgenfeld in Sachsen 312 Millimeter Wasser vom Himmel. Eine Rekordmenge, die alles übertraf, was jemals zuvor in Deutschland an einem Tag an Regenmenge gemessen worden war. In der Folge kam es zur "Jahrhundertflut" der Elbe – der Pegel erreichte bei Dresden den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1275.

Im Sommer 2003 kam es in Westeuropa zur schlimmsten Hitzewelle seit Menschengedenken, die rund 70,000 Menschen das Leben kostete. Fernsehbilder von überlasteten Leichenhäusern in Frankreich flimmerten durch unsere Wohnzimmer. Es war der bei weitem wärmste Sommer seit mindestens 500 Jahren. Die Hitzerekorde lagen so weit außerhalb der bisherigen Messwerte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dies durch zufällige Wetterschwankungen bei unverändertem Klima passieren könnte, von Schweizer Forschern auf Eins zu mehreren Millionen berechnet wurde.

Überflutung bei Sukkur, Pakistan, 18. August 2010 (NASA)

Im Jahr 2004 zog erstmals ein Hurrikan im Südatlantik auf, und im Jahr 2005 zerstörte nicht nur "Katrina" New Orleans, sondern die Hurrikansaison im Nordatlantik übertraf alle Erfahrungen bei weitem. Erstmals wurden 28 Tropenstürme verzeichnet, erstmals erreichten 15 davon Hurrikanstärke, und erstmals gab es in einer Saison gleich vier Stürme der Monsterkategorie fünf. Zudem gab es mit "Wilma" den stärksten je gemessenen Hurrikan.

Im Sommer 2007 versanken England und Wales im Dauerregen: die Periode Mai-Juli war die nasseste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1766. Oxford und andere Städte standen unter Wasser. Im August wurde dann Griechenland von einer Rekordhitzewelle und von Waldbränden heimgesucht, denen um ein Haar die Antiken Stätten von Olympia zum Opfer gefallen wären.

Im Februar 2009 erschütterte der "Schwarze Samstag" Australien: die schlimmsten und tödlichsten Buschfeuer in der Geschichte des Landes, in denen 173 Menschen den Tod fanden. Vorausgegangen waren die höchsten im Bundesstaat Victoria je gemessenen Temperaturen (48,8 Grad) sowie mit zwölf Tagen die längste ununterbrochene Folge von Tagen mit über 40 Grad.

Diesen Sommer litt Russland unter einer ähnlichen Hitzewelle. Laut russischem Wetterdienst gab es im abgelaufenen Jahrtausend keine vergleichbare Hitze. Im Umland von Moskau wüteten teilweise über 500 Waldbrände, die Dürre führte zu massiven Ernteausfällen und die russische Regierung verbot Weizenexporte. Gleichzeitig leiden in Pakistan 17 Millionen Menschen unter den schwersten Überschwemmungen in der Geschichte des Landes, ausgelöst durch Rekordregenfälle.

Diese Liste bislang nicht gekannter Extreme ist bei weitem nicht vollständig. Alles nur Zufall?

Die World Meteorological Organisation (WMO), die weltweit die Sammlung von Wetterdaten koordiniert, spricht am 11. August von einer "nie dagewesenen Serie von Extremereignissen". "Die Serie der aktuellen Ereignisse entspricht den IPCC-Projektionen von häufigeren und intensiveren Extremwetterereignissen aufgrund der globalen Erwärmung", heißt es dort. Deutlicher kann eine UN-Organisation es kaum sagen.

Rauch über Russland, 4. August 2010 (NASA)

In der Tat hatte der letzte Bericht des Weltklimarates IPCC im Jahr 2007 festgestellt, dass Hitzewellen und Starkregen über den meisten Landgebieten sehr wahrscheinlich aufgrund der Treibhauserwärmung zunehmen werden. "Sehr wahrscheinlich" bedeutet im IPCC-Jargon eine mindestens 90-prozentige Sicherheit. Die Zunahme von starken Tropenstürmen und eine Ausweitung von Dürren wurde immerhin als "wahrscheinlich" eingestuft (mindestens 66 Prozent Wahrscheinlichkeit).

Auch wenn gerade beim Zusammenhang zwischen der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung und den – naturgemäß seltenen – Extremereignissen noch viel Forschungsbedarf besteht, sind einige physikalische Grundzusammenhänge klar. Dazu gehört, dass ein wärmeres Klima zu heftigeren Extremniederschlägen führt, weil wärmere Luft mehr Wasserdampf enthalten kann. Dass Hitzewellen in einem wärmeren Klima zunehmen, dürfte auch jedem Laien unmittelbar einsichtig sein. Dass die neuen Hitzeextreme frühere Rekorde allerdings derart stark übertreffen, kam auch für die Klimaforscher überraschend. Dies lässt sich mit Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation erklären, etwa der Häufigkeitsverteilung oder Persistenz bestimmter Wetterlagen. Die genauen Mechanismen sind aber noch nicht verstanden.

Für ein bestimmtes Einzelereignis wird man allerdings wohl nie belegen können, dass es durch die globale Erwärmung verursacht wurde. Was übrigens nicht heißt, dass es nicht durch die globale Erwärmung verursacht oder zumindest verschärft wurde, wie man oft fälschlich hört – auch dies wäre eine wissenschaftlich unhaltbare Aussage. Es gibt bei Wetterextremen immer ein Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit, wie bei einem gezinkten Würfel, der jedes dritte Mal eine Sechs würfelt. Eine einzelne Sechs kann man nie der Tatsache zuschreiben, dass der Würfel gezinkt war, denn auch ein normaler Würfel liefert ja Sechser, nur eben nicht so häufig.

Sicher ist: Das nächste, nie dagewesene Extremereignis kommt. Das Problem ist, dass in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels niemand vorhersagen kann, wo und in welcher Form es zuschlagen wird. Daher kann man sich kaum adäquat darauf vorbereiten. Schon gar nicht in ärmeren Ländern. Selbst in den reichen USA waren die Deiche in New Orleans nicht für einen lange vorhergesagten Hurrikan der mittleren Stärke drei ausgelegt, weil man die Kosten scheute.

Man kann nur hoffen, dass die schrecklichen Bilder aus Pakistan und anderswo nun wenigstens die professionellen Abwiegler verstummen lassen, die uns seit Jahren weismachen wollen, die Folgen des Klimawandels seien leicht beherrschbar. Der Däne Björn Lomborg erklärte noch im August allen Ernstes, selbst ein 400 Millionen Menschen betreffender Meeresspiegelanstieg sei kein Grund zur Beunruhigung, denn dies seien "weniger als sechs Prozent der Weltbevölkerung, was bedeutet, dass 94 Prozent der Bevölkerung nicht überschwemmt würden."

 

Dieser Beitrag erscheint in gedruckter Form in der Zeitschrift zeo2, dem Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft. Ab 26. September am Bahnhofskiosk!

Update 2. September: Heute ist eine gemeinsame Pressemitteilung vom Deutschen Wetterdienst und dem Umweltbundesamt zum Thema erschienen: Allgemeiner Erwärmungstrend zwingt zur frühzeitigen Anpassung an extreme Wetterereignisse. Dort heißt es u.a. "Extremwetterereignisse wie Starkniederschläge oder Hitzeperioden haben in den letzten Jahrzehnten messbar zugenommen."

Update 3. September: Kevin Trenberth, einer der weltweit führenden Klimatologen (und anders als manch andere behaupten wir hier soetwas nicht einfach nur, weil seine Meinung uns gefällt: er hat 179 Fachpublikationen mit über 13,500 citations, h-index 58), hat sich zur russischen Hitzewelle geäußert. Wir verlinken das hier, weil er etwas erklärt, was in den Medien häufig misverstanden wurde: die Hitzewelle oder auch die Flut in Pakistan mit atmosphärischem "Blocking" oder dem Jet Stream zu erklären, bedeutet nicht, dass es ein natürliches Ereignis ist. Diese Erklärung ist lediglich deskriptiv: sie beschreibt das atmosphärische Muster, das zu diesen Extremen geführt hat. Über die tieferen Ursachen – warum ist es zu diesem Muster gekommen – wird damit noch nichts gesagt.Trenberths These: dieses Muster wird u.a. durch die warmen Wassertemperaturen im Indischen Ozean begünstig, die durch die anthropogenr Erwärmung bedingt sind.

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lomborg…

    …hat gerade in einigen wesentlichen Punkten seine Meinung geändert, möglicherweise auch unter dem Eindruck der Ereignisse der letzten paar Jahre.

    (Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob ich so wahnsinnig gespannt auf sein neues Buch bin. Früher hat er sich die Folgen des Klimawandels schöngerechnet, jetzt halt die Maßnahmen dagegen. Ob damit was gewonnen ist?)

    [Antwort: Ich sehe bei Lomborg diese große Meinungsänderung nicht – neu ist lediglich, dass er jetzt riskante Brachialmethoden (nämlich Geoengineering) empfiehlt, gegen ein Problem, von dessen Harmlosigkeit er sein Publikum die ganzen Jahre zu überzeugen versuchte. Siehe den Beitrag auf Realclimate dazu. Stefan Rahmstorf]

  2. „Liste des Grauens“

    Tja, da haben wir es wieder, das Wetter spielt verrückt, weil zu viel CO2 Moleküle rum schwirren.
    OK, gehen wir mal davon aus, dass unsere Treibhausgasemissionen die Erde um 0,5°C überhitzt haben, so weit liegen wir etwa über den 70ger Jahre Mittel. Regional ist es mehr, wie z.B. in den hohen nördlichen Breiten. Was hat diese differentielle Erwärmung für Folgen auf die atmosphärische Zirkulation? Weniger T Gradient, schwächere Jetstreams? Mehr zonale Wetterlagen od. meridionale mit häufiger abtropfenden Trögen?

    „Nie dagewesene“ Wetterkatastrophen? Wenn, dann seit es Aufzeichnungen gibt bzw. vergleichbare Messungen und selbst dann gilt NIE nur vereinzelt. Was kann man schon genaues über die tropischen Wirbelstürme vor der Satelliten Ära sagen? Wie viele Bilder und Berichte gingen um die Welt, wenn Teile Asiens vor 30 Jahren unter Wasser standen?
    Was ist eigentlich mit der Kältekatastrophe über Südamerika? Auch diese führte zu Tod, Leiden und wirtschaftlichen Schaden und siehe da, es wurden „nie dagewesene“ T Minima gemessen. Aja, das ist ja nur Wetter.

    Lomborg geht sogar vom unmöglichen Szenario mit 5-6m Meeresspiegelanstieg bis 2100 aus und im Prinzip muss ich ihm recht geben, wir werden uns wie eh und je an das Wetter anpassen müssen und da gibt es noch viel zu tun.
    Beispiel Flut 2002. So weit ich mich erinnere, folgten 2 sg. 5b Lagen innerhalb von ca. 1 Woche. Dabei fällt fast immer sehr viel Niederschlag, zuerst im westlichen Nordalpenbereich, dann im Süden und später im Nordosten Mitteleuropas. Auch das Wasser in den Bächen und Flüssen braucht so seine Zeit, bis es die großen Ströme erreicht. Wildbachverbauungen, Flussregulierungen und Versiegelungen in tausenden Orten und Städten tragen dazu bei, dass am Ende zu viel Wasser zusammenkommt und wenn das Ganze auch noch dann 2 mal hintereinander zur wärmsten Zeit des Jahres passiert, die Schneefallgrenze über 3000m liegt, ist es vorhersehbar, dass einiges übergehen wird.
    Ich denke, der anthropogene Anteil an der „Verrücktheit“ des Wetters ist klein, sehr klein, der Anteil an den Folgen ist größer, vielleicht weil sich zu viele einbilden, wir könnten alles kontrollieren.

  3. @Innerhofer
    Meines Wissens wurden in Südamerika keine Temperaturrekorde erreicht, und wenn doch, dann bei Stationen, die es noch nicht lange gibt. Niemand, und schon gar nicht die Klimaforschung, behauptet, dass es keine Kälteeinbrüche mehr geben würde.

    „Sie müssen Lomborg recht geben, wir müssen uns ans Wetter anpassen.“ Das sehe ich auch so, darum habe ich auch einen Regenschirm zu Hause.

    Skeptickerseitig wird vorgebracht, dass in Russland augedehnte Waldbrände üblich seien, und dass die Diesjährigen nur wegen ihrer Nähe zur Metropole Moskau zu Publizität gelangt wären. Stimmt das?

  4. @Bleyfuss 02.09.2010 |

    ich sehe das alles relativ nüchtern, meteorologisch.
    Die Publizität trägt sicher dazu bei, dass aus jedem Unwetter eine Sensation wird, aber darum sollte es eigentlich nicht gegen.
    Klar, wenn heutige Hochdruckgebiete über den mittereln Breiten ein im Mittel um 1°C wärmeres Wetter bewirken, verdunstet mehr Wasser und es wird trockener, was auch zu mehr Waldbränden führen kann. Sehen sie in enstprechenden Tabellen nach, wie stark die Verdunstung ansteigt und wie viel mehr Wasser eine 10km hohe Luftsäule bei +1°C aufnehmen kann, dann haben sie eine gute Abschätzung, welche Änderungen zu befürchten sein könnten.
    Und da wir Skeptiker den anthropogenen Anteil am Klima weit weniger hoch einschätzen, sehen wir positiv in die Klimazukunft und glauben nicht, dass die gängigen CO2 Verteufelungen zu einem konstanten Wunschklima führen können.

    Jede Klimaänderung bewirkt da und dort Nachteile, aber auch Vorteile und wenn man sich drauf verlassen könnte, wie schnell es sich da od. dort in welche Richtung ändert, könnten wir daraus viel Nutzen und Gewinn schlagen, aber sein wir uns mal ehrlich, wer verlässt sich schon auf Klimasimulationen?

  5. @Seifert 02.09.2010 | 20:55

    Herr Seifert,

    „Fakten“ sind für mich doch etwas anders definiert.
    Es handelt sich um eine „Bestandserhebnung“ über das letzte Jahrzehnt und das Deutsche Umweltbundesamt ist ja ein Teil der Regierung und welche Schwerpunkte und Ziele diese verfolgt, ist seit Kanzlerin Merkel völlig klar.

    Dieses Umweltbundesamt hat den Treibhauseffekt auf deren Homepage mit dem inneren eines Autos verglichen, ich muss erst nachsehen, ob diese höchst wissenschaftliche Erklärung immer noch zu finden ist, od. ob meine Kritik und hoffentlich die vieler anderer reichten, um den doch ziemlich blöden und falschen Vergleich zu entfernen.

    Wie auch immer, ein Link zum Bundesumweltamt zählt für mich gleich viel wie einer zu Greenpeace, zum Beispiel und ich denke, dass meine obigen Ausführungen den meteorologischen Standpunkt gut wiedergeben, denn erst aus sehr viel Wetter wird irgendwann Klima.

  6. Wenn ich den Artikel recht verstanden habe war die Ursache für den heissen Sommer 2003 einzig das anthropogene CO2. Wären in den Jahrzehnten zuvor weniger fossile Energien verbrannt worden wäre das alles nicht passiert, es hätte für Landwirtschaft und Urlauber perfektes Sommerwetter gegeben.

    Wenn das so ist müssen alle Metereologen, die damals das starke und ungewöhnlich stationäre Azorenhoch für die Hitzewelle verantwortlich machten, falsch gelegen haben.

    In der Klimawandel-Debatte hört man ständig vom CO2, aber nur selten über Untersuchungen zu möglichen periodischen Änderungen lokaler Großwetterlagen. Die Summe dieser Veränderungen hat sehr wohl Einfluß auf die globalen Klimadaten wie Temperaturen, Niederschläge usw.

  7. Kleinräumiges

    Besonders in den Alpen machen sich nach den viel häufiger und umfangreicher gewordenen Sturmschäden auch Starkregen immer häufiger sehr unangenehm bemerkbar, z.B:

    Im Juli musste die Ebenseer Hochkogelhütte vorübergehend geschlossen werden, da der Zustieg durch ein lang anhaltendes und ergiebiges Gewitter zerstört wurde:

    http://www.naturfreundeebensee.at/…s[tt_news]=56

    Im September wurde das Kleinsölktal durch ein Unwetter verwüstet:

    http://www.alpenyeti.at/…Schwarzensee/index.html