Theater im Theater: Rekursives Denken und die Theory of Mind

„Sechs Personen suchen einen Autor“ – in Luigi Pirandellos grandiosem Theaterstück mit gleichem Titel wird die Bühne selbst zum Schauplatz auf der Bühne: Ein Theaterdirektor probt mit seinen Darstellern für eine neue Aufführung. Plötzlich tauchen sechs Personen auf, die von sich behaupten, Figuren aus einem noch nicht geschriebenen Theaterstück zu sein.

Die Bühne auf der Bühne: Der Mathematiker nennt das abstrakt das Prinzip der Rekursivität, das sich beispielsweise auch in Fraktalen und in der Fibonacci-Reihe dokumentiert, der Videoingenieur sagt dazu übrigens Rückkoppelung, und der Informatiker spricht von Programmierschleifen. Rekursivität ist insofern nicht nur ein theoretisches Werkzeug, sondern offensichtlich auch als analytische Problemlösungs-Strategie brauchbar – und der große amerikanische Philosoph Noam Chomsky ist heute sogar überzeugt davon, dass all das eine gemeinsame, eine nicht weiter ergründbare Wurzel hat: die Fähigkeit zur Sprache.

Noam Chomskys linguistische Theorie, mit der er die Sprachforschung vor rund fünfzig Jahren in gewisser Weise auf den Kopf stellte, weg von empirischen Methoden hin zu einer gänzlich abstrakt-theoretischen Wissenschaft, war zweifellos von den Algorithmen der Programmierung im aufkommenden Computerzeitalter inspiriert. Er suchte nach dem zugrunde liegenden Programm dessen, was Sprache an sich ausmacht. Nach mehreren sprachtheoretischen Iterationen mündete es in ein 2002 erstmals veröffentlichtes Konzept: die Universalgrammatik sei, so verkündete Chomsky damals der Welt, nichts anderes als reine Rekursivität.

Hätte er es bei einer solch höchst abstrakten These belassen, wäre die Sachlage heute wahrscheinlich weniger konfliktreich aufgeladen. Aber Chomsky, der seine Theorie selbst für schlicht „perfekt“ hält, setzte mit seiner Universalgrammatik zwei weitere Thesen drauf. Erstens: Sprachlichkeit brauche im menschlichen Hirn zwingend eine angeborene Schablone für Rekursivität, denn Sprache sei so komplex, dass sie in all ihren Facetten nicht erlernt werden könnte. Und zweitens – noch eine mutige These on top: Diese sprachliche Rekursivität sei letztlich verantwortlich dafür, dass wir überhaupt rekursiv denken können. Denken folgt also der Sprache!

Er widersetzt sich mit diesen beiden Aspekten den Erkenntnissen der aufstrebenden Neurowissenschaftler, die auch die Entwicklung des menschlichen Gehirns schon im Mutterleib und kurz nach der Geburt untersuchen, die inzwischen messen und „sehen“ können, wie sich darin Sprache konstituiert. Etliche unter ihnen sprechen – sich ganz bewusst abgrenzend von Chomsky – von der „gebrauchsbasierten Linguistik“, der sie angehören, und arbeiten in einer sprachforschenden Parallelwelt. Sie sagen uns, dass das Erlernen und Gebrauchen von Sprache dank der verschiedenartigen Einflüsse der Umwelt Schritt für Schritt erlernt wird, und zwar nicht aufgrund einer Universalgrammatik, sondern dank der sogenannten Konstruktionsgrammatik – wie beispielsweise ganz aktuell in Ein neues Bild der Sprache bei „Spektrum“ nachzulesen. Kognitionsforscher sehen heute im rekursiven Denken einen Aspekt menschlicher Kognition, aus dem heraus sich erst das Werkzeug menschlicher Sprache entwickeln konnte. Also: Sprache entwickelt sich aus den Denkmustern – genau umgekehrt, wie das Chomsky fordert.

Braucht es überhaupt noch eine vorgegebene „Universalgrammatik“ im Kopf des Menschen? Viele Kognitionsforscher und empirisch arbeitende Linguisten bezweifeln das heute dank neuer Studien, ohne jedoch – mangels wissenschaftlich wirklich haltbarer Gegenbeweise – den deduktiven Ansatz Chomskys aushebeln zu können. Der wiederum scheint sich von den Erfolgen der gebrauchsbasierten Kontrahenten nicht sonderlich tangiert zu fühlen, die heute die Sprachen dieser Welt mit Computern analysieren und sich weiter entwickelnder Methoden im Neurolab bedienen. Ihm geht es ja gerade nicht um die menschliche Kognition in der Realität und um all das, was der unvollkommene Mensch mit den Unzulänglichkeiten in seiner Wahrnehmung heute in den Sprachen dieser Welt tatsächlich daraus macht. Er sagt uns etwas über die Abstraktion sprachlicher Möglichkeit, aber auch über deren Grenzen, führt den Diskurs darüber, wie weit sich Sprache prinzipiell entwickeln kann, aber nicht darüber, wo sie heute tatsächlich steht. Insofern sind für ihn neue neurolinguistische Erkenntnisse bestenfalls eine brauchbare Momentaufnahme menschlicher Sprachlichkeit, aber keinesfalls als Gegenbeweis seiner grundlegenden Theorie nutzbar. Deshalb fühlt er sich beispielsweise auch nicht durch neueste Ergebnisse von Sprachforschern im Amazonas betroffen, denen es jüngst gelungen sein soll, bei einem entlegenen Stamm eine bisher unbekannte Sprache gefunden zu haben, die überhaupt ohne jegliche Rekursivität auskommt. In Chomskys Denkwelt lässt sich aus der Nichtnutzung der Rekursivität in einer der vielen Sprachen dieser Welt keine Widerlegung der Universalgrammatik ableiten. Die Universalgrammatik lässt sich vielleicht am besten als eine Art „Naturkonstante“ der Linguistik interpretieren: Niemand kann sagen, warum es sie gibt – nicht einmal Chomsky selbst kann das. Zum Beispiel die Konstante der Lichtgeschwindigkeit: sie ist, was sie ist, und das auch dann, wenn man sie in der Dunkelheit nicht vermessen kann – oder sie sich, in massiven Materiazusammenballungen erfasst, scheinbar anders verhält.

All das ist zugegebenermaßen recht platt formuliert, und kommt dem, was Chomsky erforscht, wahrscheinlich nur bedingt nahe. Aber es ist der Versuch, sein Denken auf einer nach unten skalierten Dimension doch irgendwie greifbar zu machen. Fest steht auch: Chomsky ist ein genialer, ein charismatischer Geist. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es bis heute ein weltweites und treues Lager wissenschaftlicher Gefolgstruppen gibt, die weiter entlang des von ihm eingeschlagenen Weges theoretisch nach der zugrunde liegenden Erkenntnis dessen forschen, was menschliche Sprachlichkeit ist.

Zuguterletzt noch eine Einstimmung zum hier folgenden Science-Talk mit einem Linguisten: Ich habe schon einige Menschen kennen gelernt, die – wie ich selbst auch – überzeugt sind, sie hätten Chomskys Sprachtheorie nicht bis in die Tiefen durchdrungen. Der Sprachtypologe Walter Bisang gehört allerdings nicht dazu. Um Missverständnissen gleich an dieser Stelle vorzubeugen: Bisang, der empirisch und experimentell arbeitende Linguist auf theoretischem Fundament, ist alles andere als ein Anhänger der Universalgrammatik von Chomsky. Er hört es deshalb nicht so gern, wenn man ihn als theoretischen Linguisten bezeichnet. Sprachtheorie, das ist bis heute eben etwas, das in der einschlägigen Gesellschaft sofort den Stempel der allmächtigen, ehedem revolutionären Denkschule Chomskys aufgedrückt bekommt. Dennoch versuchte mir Bisang eindringlich klar zu machen, dass die Auseinandersetzung mit der Universalgrammatik schon und allein aufgrund der „intellektuellen Schärfe“, mit der sich ihr Begründer auf die Metaebene menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten erhebt, in jedem Fall befruchtend ist. Er nennt sie anerkennend „genial“, und das ist für einen, der sie eher nicht für gültig hält, doch ein starkes Statement.

Deshalb also lohnt es sich unbedingt, darüber nachzudenken, warum wir das Theaterstück im Theaterstück als solches verstehen können, und ob das, wie Bisang selbst vermutet, eher der „Theory of Mind“ der Kognitionsforscher zu verdanken ist, die es uns erlaubt, sich in andere hinein zu denken, die Bewusstsein schafft und damit auch unsere Kommunikationsfähigkeit entwickelt – oder aber ob das alles letzten Endes doch auf die Grundlage einer abstrakten, einer universalgrammatischen und damit vorbestimmten Naturkonstante zurückzuführen sein könnte.

Wer sich für Bisangs eigene Forschungen interessiert, der findet im Bonus-Clip Versteckte Komplexität eine Einführung. Der Sprachtypologe, der an der Uni Mainz Professor für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft lehrt, untersucht unter anderem die Entwicklung von Sprachstrukturen hinsichtlich ihrer Komplexität, wobei sein Augenmerk vor allem jener „versteckten Komplexität“ gilt, die in vielen asiatischen Sprachen zu finden ist: Sprachen also, die es etwa formal zulassen, auf explizit in der Grammatik vorhandene Zeitangaben beim Verb zu verzichten, wenn sich diese aus dem Kontext heraus für den Adressaten eindeutig ableiten lassen.

Im zweiten Bonus-Clip Kognitives Parsing gibt mir Walter Bisang an einem weiteren Beispiel einen Einblick in die methodische Arbeitsweise von Sprachtypologen. Es zeigt auch, wie diese Sprachforschung von wachsenden Erkenntnissen der Hirnforschung profitiert. In dem hier vorgestellten Fall geht es um die Satzstellung von unterschiedlichen Worttypen – im Zusammenwirken mit den kognitiven Fähigkeiten wie dem für Sprache wichtigen Kurzzeitgedächtnis und dem sogenannten Parsing. Das Parsing analysiert Sprache online – also schon während der Wahrnehmung – auf Strukturen. So beeinflusst es die Wortfolgen und die Entwicklung unterschiedlicher grammatikalischer Ausprägungen in den verschiedenen Sprachen dieser Welt.

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Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine Sprache zu lernen, ist ein zweistufiger Prozess: zunächst wird ein wahrgenommener Laut imitiert und dadurch zu einer eigenen Erfahrung; die dann als solche im Gedächtnis abgespeichert wird. Durch das Erlernen vieler solcher Lautmuster-Module entsteht schließlich das Netzwerk einer komplexen Sprache.
    Dafür braucht es keine Universalgrammatik – sondern dieser Vorgang ist eine simple Musterverarbeitung = Lernen.
    DENKEN/KREATIVITÄT ist nur das Ergebnis von simplen Mustervergleichsaktivitäten, die man mit nur 3 Regeln beschreiben kann.
    Die erste Regel lautet: Wenn wir einen Reiz wahrnehmen (z.B. einen Gedanken denken, andere Menschen beobachten), dann RE-AKTIVIEREN wir sofort eine vergleichbare/identische eigene Erfahrung aus unserem Gedächtnis. Durch das RE-AKTIVIEREN eigener Erfahrungen (= auf Grundlage eigener Erfahrungen) verstehen wir, was wir beobachtet haben – und können sofort reagieren (dies ist eine Überlebensfunktion). (Eine Erfahrung besteht aus Körper-, Immun-, Sinnes-Reaktion und Emotionen)
    Diese Arbeitsweise des Gehirns ist die Grundlage für EMPATHIE, THEORIE OF MIND, PLACEBO-Effekten, aber auch von VORURTEIL (wenn wir kein passendes Wissen reaktivieren können) und falschen Erinnerungen.
    (d.h. bei der Theory of Mind – denken wir uns nicht in andere hinein! – sondern wir verstehen andere Menschen nur auf Grundlage vorhandenen eigenen Wissens)
    (Tipp: im Rahmen der sogenannten ´Nahtod-Erfahrung´ kann man bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz sytematisch und strukturiert verarbeitet. Auf dieser Grundlage kann man DENKEN/KREATIVITÄT als Ergebnis von Mustervergleichsaktivität in 3 Regeln beschreiben – siehe Kapitel ´Denken´:
    http://science.newzs.de/2016/12/07/erinnerungen-ab-dem-5-schwangerschaftsmonat
    Außerdem kann man dabei erkennen, dass unser Gehirn zur Verarbeitung eines Reizes zwei unterschiedliche Strategien benutzen kann – auch dies spricht gegen eine festgelegte Universalgrammatik)

    • Howdy, Herr Kinseher :

      Eine Sprache zu lernen, ist ein zweistufiger Prozess: zunächst wird ein wahrgenommener Laut imitiert und dadurch zu einer eigenen Erfahrung; die dann als solche im Gedächtnis abgespeichert wird. Durch das Erlernen vieler solcher Lautmuster-Module entsteht schließlich das Netzwerk einer komplexen Sprache.
      Dafür braucht es keine Universalgrammatik – sondern dieser Vorgang ist eine simple Musterverarbeitung = Lernen.

      Diese ’simple Mustererkennung‘ ist Grammatik (die Kunst des Sprechens).
      Eigentlich die Kunst des Schreibens, formalisiert und in der Folge erörtert werden kann sie im erweiterten Sinne sozial nur über die Schrift.

      (Fürwahr, es mag kluge Denker gegebenen haben in der Zeit, in der der hier gemeinte Primat in der Lage war zu sprechen, möglicherweise sind hier 100.000 Jahre gemeint, allein!, er konnte seine Nachricht nicht persistieren. – Der Weg vom Sprechen-Können bis zur Persistenz dieses Könnens ist aber nicht weit, kA, was die Jungs (es waren wohl oft männliche Subjekte, die sich hier abgearbeitet haben, historisch und die Führung meinend, der männliche Primat ist halt körperlich überlegen) von der Erfindung der Schrift lange Zeit abgehalten hat; unsägliches Leiden wird die Folge gewesen sein.
      Auch die Damenwelt meinend.)


      Sofern nicht bspw. sog. Menschenaffen oder Tiere allgemein von Ihrer Nachricht berührt waren, angeführt werden sollten für bestimmte Argumentation, die Ihr Kommentatorenfreund dann zumindest im Moment nicht versteht.

      Die hier gemeinte Kommunikation funktioniert in etwa so :
      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Sender-Empfänger-Modell (sicherlich „ein wenig“ formal gehalten diese Erklärung, aber entscheidend und stets geübt)

      Sprache ist ein sozialer Prozess, sie obliegt nicht Einzelnen.

      Ohne Sprache ist sozusagen Nichts nichts.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • Bonus-Kommentar zu “ Shannon-Weaver“ :

        Der Sender kodiert (das Fachwort) bestimmte zu versendende Nachricht in der Hoffnung, dass diese auf Seiten des Empfängers ähnlich dekodiert oder abstrahiert (ein weiteres Fachwort liegt vor) werden kann, wie vom Sender beabsichtigt.


        Sprache ist insofern generell „Shannon-Weaver“,
        HTH („Hope to Help“)
        Dr. Webbaer

      • Das Erlernen von Sprache beginnt bereits im Mutterleib. Dies zeigt sich z.B. darin, dass schon wenige Stunden alte Babys im Rhythmus der Muttersprache schreien.
        Außerdem können sie die Stimme der eigenen Mutter von einer fremden Frauenstimme unterscheiden (Saugaktivität).
        Feten können in der 34.-39. Woche bereits einfache Vokale bzw. Melodien unterscheiden bzw. erkennen (Änderung des Herzschlags). Hier greift das ´Sender-Empfänger-Modell´ nicht.

        • Nachtrag: Per Google ´Babies schreien in Muttersprache´ findet man ein paar Beiträge über ein Experiment, wo die Sprachmelodie von mehrere Tage alten Babies gemessen wurde.
          Grundsätzlich ist die Idee der ´Universalgrammatik´ aber auch fragwürdig, weil für Lernerfolge bzw. Gehirnentwicklung die passende Stimulation nötig ist. Deswegen entwickeln sich Menschen auch völlig unterschiedlich – wären feste Strukturen vorgegeben, gäbe es keine solch großen Unterschiede.

          • Howdy, Herr Kinseher,
            ‚Universalgrammatik‘ kann nur die Vernunft meinen.
            Das mit den Babies im Mutterleib war womöglich korrekt angemerkt, der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich dementsprechend, nicht als Baby natürlich, sondern als Abnehmer.
            MFG
            Dr. Webbaer

  2. Die gebrauchsbasierten Linguistik braucht kein Grammatikgen mehr, sondern setzt auf allgemeine kognitive Eigenschaften, die dem Menschen unter anderem auch den Spracherwerb ermöglichen. Mustererkennung, Erkennen der Aussageabsicht, Kategorisieren und Verallgemeinern sind nun die Fähigkeiten, die es braucht. Lauter Fähigkeiten, die auch aussersprachlich nützlich sind und die damit auch den Graben zwischen Mensch und Tier in Bezug auf den Spracherwerb verkleinern. In der Tat sind auch Menschenaffen sprachfähig. So können sie Symbolketten verstehen und sogar selber Sätze aus Symbolketten bilden. Lediglich sprechen können sie nicht, wenn man mit Sprechen die Vokalisierung in Form von Sprachlauten meint. Mir scheint das Konzept der gebrauchsbasierten Linguistik, die die Sprache als Anwendungsfall für allgemeine kognitive Fähigkeiten sieht, recht plausibel, denn ich habe noch nie Platons Ansicht geteilt, Denken sei nichts anderes als stummes Sprechen mit sich selbst. Voraussetzung für Sprache ist Denken, doch Denken kommt vor der Sprache und ist nicht gleichzusetzen mit Sprache.
    Semantisches Wissen, das Wissen um die Bedeutung der Dinge, scheint zudem im ganzen Tierreich weitverbreitet. Dieses Wissen/Ahnen/Fühlen mitzuteilen benötigt nicht in erster Linie eine universelle Grammatik, sondern eine Konvention. Jede Sprache stellt solch eine Konvention her und grammatische Begriffe wie Nomen, Prädikat, Adverb ergeben sich meiner Ansicht nach zum Teil aus der Art wie wir – inklusive vieler Tiere – denken und zum Teil aus den Sprachkonventionen, die sich in einer Sprachgruppe entwickelt haben. Das heisst nun nicht, dass die menschliche Sprache keinerlei spezifische genetische Voraussetzungen hat. Nur sind die genetischen Voraussetzungen für die menschliche Sprache eben nicht grammatikalischer Natur. Man kennt inzwischen eine Reihe von sprachassoziierten Genen, die in dieser Form nur beim Menschen vorkommen, beispielsweise FOXP2, über das man liest:Such individuals [mit FOXP2-Defekt] have little or no cognitive handicaps but are unable to correctly perform the coordinated movements required for speech. . Und tatsächlich können ja Menschenaffen, die nicht über die menschliche Form des FOXP2-Gens verfügen, keine flüssige Sprache sprechen. Allerdings kommt das FOXP2 auch bei den meisten andern Säugetieren vor, der Mensch allerdings hat eine kleine, entscheidende Modifikation in diesem Gen:Human gene differs from non-human primates by the substitution of two amino acids

  3. Denken folgt der Sprache. Das stimmt, wenn ich mit Begriffen versuche, einen Vorgang zu analysieren. Da spreche ich sogar mit mir selbst. Und ich kann nur soweit denken, soweit mein Begriffsvorrat reicht.
    Der Begriff der Energie gibt es erst seit 150 Jahren. Seit der Einführung dieses Begriffes versteht die Wissenschaft die Zusammenhänge von Wärme, Elektrizität, Bewegung , nur als Beispiel.
    Beim Spracherwerb folgt die Sprache dem Denken, genauer der Wahrnehmung.
    Wenn sich die Mutter den Finger verbrennt und Au schreit, dann versteht das Kind den Zusammenhang, und schreit auch au, wenn es sich den Finger verbrennt.
    Insgesamt sehe ich da nichts Neues.

    • Die in der Sprache geschaffenen Begriffe sind natürlich wiederum Gegenstände für das Denken und sie verändern das Denken auch. Ein Franzose wird allein aufgrund unterschiedlicher Begriffe, Wörter und Redewendungen im Französisch auf Gedanken kommen, die einem Deutschen zuerst fremd sind.
      Doch nicht alles Denken entspringt der Sprache und es gibt Menschen und Berufe, in denen viele Gedanken nicht der Sprache entspringen. Roger Penrose, ein mathematischer Physiker, ist in einem seiner Bücher auf seine mathematischen Denkprozesse eingegangen und hat explizit erwähnt, dass sie sehr wenig mit Sprache zu tun haben.
      Viele Menschen sind sich aber nur der sprachlich formulierbaren Gedanken bewusst, denn nur diese kann man kommunizieren. Und was sich nicht sprachich kommunizieren lässt gehört gewissermassen in den gleichen Bereich wie das Unbewusste.
      Selber erlebe ich einen Versprachlichungsprozess meiner Gedanken, wenn ich beispielsweise einen Kommentar schreibe. Die Versprachlichung bedeutet für mich Konkretisierung und Eliminieren von Alternativen. Ich denke also mehr als ich schreibe und das Denken geschieht auch schneller als es je formuliert werden könnte.

  4. Es drängt sich hier der Verdacht auf, dass ‚Rekursivität‘ Vernunft meint; das Leben wird erkennend, wenn es kommunizieren kann und das Wesen dieser Kommunikation erkennt, sozusagen ‚rekursiv‘, vernünftig („rational“) ginge ebenfalls und wäre womöglich deutlich klarer, wird.

    Der Schreiber dieser Zeilen findet so ziemlich alles, was Chomsky je gesagt und geschrieben hat, nicht gut, inakzeptabel, sicherlich oft Meilensteine der Gegenrede, aber nicht nicht gut, insbesondere auch politisch nicht.


    Ausnahme :
    Vermutlich oder ganz sicher haben seine Gedanken die Informationstheorie und insbes. auch deren Anwendungen, Programmiersprachen und so, befruchtet.
    No problemo here.

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. Holzherr,
    mit Begriffen meinte ich nicht nur Worte, sondern auch mathematische Begriffe, logische Strukturen, die nur auf Abstraktionen fußen.
    „Abstrahieren“ wird in diesem Zusammenhang überhaupt nicht erwähnt. Dabei ist die Fähigkeit zur Abstraktion eine Grundlage unseres Denkens. (Wenn nicht die wichtigste)
    Dr. Webbaer,
    wie immer brilliant mit den Beiträgen.
    Ja, das Vorwärtsdenken braucht das Rückwärtsdenken als ständige Kontrolle. Ohne diese Fähigkeit können wir nicht abstrahieren. Ohne diese Fähigkeit gibt es keine Einsicht.

  6. Anbei einige Bemerkungen, die mir beim Lesen der Kommentare, über die ich mich im übrigen sehr gefreut habe, durch den Kopf gehen:

    Wenn Sprache tatsächlich nur durch das Abspeichern von Erfahrungen plus einer entsprechenden lautlichen Repräsentation erworben würde, hätten wir am Schluss lediglich eine Liste (möglicherweise eine sehr lange Liste) von Wörtern oder Erfahrungseinheiten. Diese wäre aber völlig unzureichend, um in einer konkreten Situation adäquat zu kommunizieren geschweige denn, eigene und vor allem neuartige Gedanken zu äußern. Wir brauchen Regeln, die es uns ganz im Sinne von Wilhelm von Humboldt erlauben, aus der endlichen Menge von Elementen (z.B. Wörtern) unendlichen Gebrauch zu machen und eigene Strukturen zu bilden, die in einer konkreten Situation passen und im Hörer den gewünschten Effekt erzeugen.

    Dieses Regelwerk ist die Grammatik, von der nun Chomsky glaubt, dass sie angeboren sei, weil ein Kind gar nicht genug sprachliche Äußerungen zu hören bekommt, um dieses komplexe Regelwerk zu erwerben. Hierzu zwei Beispielsätze:

    (1) Hans glaubt, dass er intelligent ist.
    (2) Er glaubt, dass Hans intelligent ist.

    Im ersten Fall kann sich das Wort „er“ auf Hans beziehen (kann aber auch jemand anderen meinen). Im zweiten Fall kann sich „er“ nicht auf Hans beziehen. Die Regeln, die für das Verständnis der Beziehung zwischen einem Substantiv und seinem Pronomen verantwortlich sind, sind hochkomplex (Details erspare ich hier der Leserin/dem Leser) – nach Chomsky sind sie so komplex, dass ein Kind sie, wie gesagt, nicht aus der reinen Erfahrung mit dem sprachlichen Input aus seiner Umgebung herleiten kann. Daher bedarf es der Universalgrammatik. Man kann das nun aus verschiedensten Perspektiven kritisieren, wie ich das ja auch tue, aber das Problem bleibt, dass das Verhältnis zwischen Substantiv und Pronomen alles andere als einfach zu verstehen ist.

    Das Verhältnis von Denken und Sprache ist alles andere als einfach. Ich halte es durchaus mit der oben erwähnten Aussage von Penrose. Viel wichtiger ist aber, dass man bei der Vermittlung von Gedanken zwangsläufig auf Sprache zurückgreifen muss – und da gibt es ein sehr schönes Modell von Dan Slobin (Berkeley), nämlich „Thinking for Speaking“. Wenn wir sprechen wollen, gießen wir unsere Gedanken in die Struktur der Sprache, in der wir uns äußern wollen. Insofern beeinflusst die Sprachstruktur unser Denken schon, aber eben längst nicht in einem deterministischen, einengenden Sinne.

    Schließlich noch eine Bemerkung zur Funktion von Sprache, die ja sehr vielfältig sein kann. Ob das Denken dabei die wichtigste Funktion ist, mag man durchaus bezweifeln. Für Chomsky besteht die Hauptfunktion tatsächlich im Ausdruck des Denkens. Wir verwenden Sprache aber auch, um andere zum Handeln zu bewegen, Arbeitsteiligkeit zu organisieren, uns in unserer Identität zu bestätigen, auf uns aufmerksam zu machen, um eine Beziehung aufrecht zu erhalten, usw. usw. Das Phänomen Sprache allein mit dem Denken zu assoziieren greift also vermutlich – wie die gebrauchsbasierte Grammatik ja sagt – zu kurz.

    Dies einige Bemerkungen. Ich halte mal an dieser Stelle inne, um die Geduld der Leser nicht allzu heftig zu strapazieren.

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