Was man in Deutschland über Hochbegabte denkt

“Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit” – dieses Aristoteles zugeschriebene Zitat war in der Antike vermutlich auch schon nicht richtiger als heute. Inzwischen wissen wir aus empirischen Studien, dass Hochbegabte insgesamt sich hauptsächlich – wenig überraschend – in ihrer hohen Intelligenz und damit direkt assoziierten Merkmalen wie Leistungsstärke, schulischem Selbstkonzept o. ä. unterscheiden, sozial und emotional aber eigentlich recht unauffällig sind (und wenn, dann sogar eher im positiven Sinne). Dennoch halten sich Klischees wie das “verrückte Genie” oder die “schwierigen Hochbegabten” hartnäckig. Eine aktuelle Studie, die ich in Zusammenarbeit mit dem Hochbegabtenverein Mensa in Deutschland e. V. durchgeführt habe, untersucht erstmals auf Basis einer repräsentativen Stichprobe, welche Hochbegabtenstereotype die Deutschen eigentlich haben.

Insgesamt wurden Daten von 1029 Personen erhoben, die als Teil einer Omnibusbefragung repräsentativ nach Geschlecht, Alter und Bundesland ausgewählt worden waren. Neben den ohnehin im Panel vorhandenen Fragen zum soziodemographischen Hintergrund kamen insgesamt neun weitere Items zu Intelligenz und Hochbegabung dazu. Fünf davon erfragten relevante Aspekte wissenschaftlicher und subjektiver Hochbegabungstheorien: (1) höheres intellektuelles Potenzial Hochbegabter im Vergleich zu durchschnittlich Begabten – das ist eigentlich immer ein relevantes Merkmal, egal, ob man Laien oder in der Begabungsforschung Tätige fragt; (2) höhere Leistungsfähigkeit – das ist Teil des “harmonischen” Bildes von Hochbegabung, das davon ausgeht, dass sich Potenzial auch in Leistung manifestiert; (3) generelle Überlegenheit – das geht auf die Harmoniehypothese in ihrer starken Form zurück, die Hochbegabte auch in anderen Bereichen, etwa Körpergröße, Gesundheit etc. als überlegen ansieht – Terman lässt grüßen; (4) größere Schwierigkeiten im sozialen Umgang und (5) mehr emotionale Probleme – die letzten beide sind Teil der “Disharmoniehypothese”, ich habe die beiden Aspekte noch mal separat aufgeschlüsselt.

Durch unterschiedliche Kombinationen dieser Parameter lassen sich durchaus einige Auffassungen über Hochbegabte abdecken. Welche Muster tatsächlich vorherrschen, lässt sich mit einer typologischen Methode ermitteln. So genannte “Latente Klassenanalysen” sind hier der Ansatz der Wahl: Sie schauen sich die Profile der verschiedenen Personen über die fünf Variablen an und gruppieren diejenigen mit ähnlichen Profilen so, dass sich die Personen innerhalb einer Gruppe maximal ähnlich sind, die Gruppen sich gleichzeitig aber maximal unterscheiden. Mit Hilfe verschiedener statistischer Kennwerten und theoretischer Ansätze lässt sich dann einschätzen, wie gut eine Lösung mit einer, zwei, drei … Klassen zu den Daten passen würde – und die beste nimmt man dann.

Im vorliegenden Fall wären von der Theorie her mindestens zwei Klassen zu erwarten gewesen: eine “harmonische” und eine “disharmonische”. Zunächst zur harmonischen: Aus Studien über Hochbegabte wissen wir, dass Hochbegabte ein höheres intellektuelles Potenzial haben und als Gruppe insgesamt auch leistungsstärker sind als durchschnittlich Begabte (der Zusammenhang ist positiv, aber nicht perfekt – so erklären sich die Abweichungen im Einzelfall, etwa im Falle des Underachievements). Die gegenläufige Sichtweise, die auch über die Medien gern propagiert wird, ist die, dass Hochbegabte eher soziale und emotionale Probleme haben – das wäre dann die so genannte “Disharmoniehypothese”, die davon ausgeht, dass hohe Begabung ihren Preis hat.

Die statistischen Ergebnisse passten sehr gut zu den beiden Theorien: Ein Drittel der Befragten hatte ein harmonisches Bild von Hochbegabten, das mit empirischen Forschungsergebnissen im Einklang stand. Doppelt so viele jedoch schrieben Hochbegabten neben diesen Eigenschaften zu, sie seien sozial schwierig und emotional labil – und das stimmt nun gar nicht mit der Befundlage überein!

In einem zweiten Schritt ging es nun darum zu erklären, wie es dazu kommt, dass jemand Hochbegabte eher “harmonisch” oder “disharmonisch” sieht. Das statistische Verfahren, das ich angewandt habe – eine so genannte “binär-logistische Regression” – basiert letztlich auf Korrelationen, also statistischen Zusammenhängen. Eine sogenannte “abhängige Variable” (hier, ob jemand eher ein harmonisches oder ein disharmonisches Bild von Hochbegabten hat) wird durch eine oder mehrere “unabhängige Variablen” vorhergesagt – neben den soziodemographischen Fragen nach Geschlecht, Familienstand, Einkommen, Alter, Herkunft etc. waren das hier die subjektiv eingeschätzte Intelligenz, die Einstellung zu Hochbegabung, Interesse am Thema und die Frage, ob man Hochbegabte kenne.

Diese leisteten insgesamt nur einen sehr kleinen Beitrag zur Erklärung, ob jemand eher ein negatives oder positives Bild von Hochbegabten hat. Männer, Alleinerziehende, Arbeitssuchende, Personen mit höheren Einkommen und Personen mit negativer Einstellung zu Hochbegabung schrieben Hochbegabten eher negative soziale und emotionale Eigenschaften zu, aber diese Merkmale erklärten nur einen Bruchteil der Variation in den Urteilen – mindestens 94 % bleiben unaufgeklärt.

Für die Forschung heißt das, dass wir uns auf jeden Fall die psychologischen Mechanismen und Prozesse anschauen müssen, die an der Bildung und Aufrechterhaltung von Stereotypen beteilgt sind – damit lässt sich möglicherweise noch besser erklären, ob jemand eher ein realistisches oder ein klischeebelastetes Bild von Hochbegabten hat. Spannend war auch das Ergebnis, dass es egal war, wie intelligent sich jemand selbst einschätzte. Ich persönlich vermute, dass “intelligent” und “hochbegabt” in der subjektiven Wahrnehmung zwei unterschiedliche Dinge sind – vielleicht auch wegen des ganzen Rattenschwanzes an Klischees, die sich mit dem Begriff “hochbegabt” verbinden.

Aber das Ganze hat auch eine ganz praktische Seite für die Hochbegabten selbst: Wenn zwei von drei Leuten von vornherein meinen, man sei schwierig im Umgang und emotional labil – was macht das mit einem? Hier sehe ich auch die Medien in der Verantwortung, die häufig ein falsches Bild von Hochbegabung vermitteln, weil es sich besser verkauft, und die damit dazu beitragen, das Stereotyp aufrechtzuerhalten.

Vermutlich ist es auch deshalb so schwer, gegen das Klischee anzukommen, weil es so etwas fundamental Menschliches berührt: Während die eigene Gruppe gern in jeder Hinsicht positiv gesehen wird, zeigen Studien aus der Sozialpsychologie, dass man andere Menschen anhand zweier Dimensionen verortet: Kompetenz und Wärme (es gibt noch etliche weitere Bezeichnungen für diese fundamentale Zweiteilung). Um selbst besser dazustehen, kann man andere auf diesen Dimensionen abwerten – und da bei Hochbegabten die grundsätzliche Überlegenheit auf der Kompetenzdimension ziemlich auf der Hand liegt, wären das in dem Fall eben die sozialen und emotionalen Aspekte des Menschseins. Denn natürlich ist es schon irgendwo eine narzisstische Kränkung, wenn andere einem selbst nicht nur intellektuell überlegen sind, sondern dabei auch noch echt nett sind (und unter Umständen sogar netter als man selbst).

Auf jeden Fall kann man wohl gar nicht oft genug betonen, dass die Unterschiede zwischen Hochbegabten und durchschnittlich Begabten so riesig eigentlich gar nicht sind, wenn man vom intellektuellen Bereich und den damit verbundenen Eigenschaften mal absieht. Flapsig gesagt: Hochbegabte sind auch nicht gestörter als der Rest der Menschheit; im Gegenteil ist Hochbegabung eine ganz wundervolle Ressource, und das Umfeld hat einen massiven Einfluss auf ihre Entfaltung. Negative Vorurteile behindern Entwicklung und können dazu beitragen, dass Menschen ihre Begabung verstecken, um nicht aufzufallen, statt ihr Potenzial umzusetzen.

Literatur:

Baudson, T. G. (2016). The mad genius stereotype: Still alive and well. Frontiers in Psychology, 7, 368.

Ich danke Mensa in Deutschland e. V., die die Untersuchung finanziert haben, und ganz besonders dem Strategieteam von Mensa für die Anregung, eine solche Studie durchzuführen, sowie für die angeregten Diskussionen.

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 vertritt sie die W3-Professur für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Davor hatte sie zwei Jahre lang die Vertretung des Lehrstuhls für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Im April 2016 erhielt sie den SciLogs-Preis 2016.

19 Kommentare zu »Was man in Deutschland über Hochbegabte denkt«

  1. Trice Antworten | Permalink

    Hochleistung, Hochbegabung oder Genie

    Dies passt jetzt nicht ganz zu Ihrer Untersuchung, aber vor einigen Jahren unterschied Prof. Detlef Rost in einem Interview zwischen "Begabung plus Drill", "Hochbegabung" und "Genie":

    Begabung plus Drill ergibt eine Hochleistung. Hochbegabung ist eine überduchschnittliche intellektuelle Begabung auf vielen Gebieten. Als Genie werde nur anerkannt, "wer eine wichtige und gleichzeitig gesellschaftlich relevante Leistung erbracht hat."

    Genie ist also nicht gleichzusetzen mit Hochbegabung. Thomas Alva Edison war nicht hochbegabt - aber er war ein Genie, :-) Er fiel schon als Kind auf durch sein abweichendes Verhalten. Deshalb war er aber nicht verrückt, er sammelte nur Erfahrungen auf seine Weise.

    Auch Rost sagte, Genie und Wahnsinn gingen keineswegs Hand in Hand.

    Sie kennen sicher die Terman-Studie, an der mich letztlich nur gefreut hat, dass zwei Jungen an ihr nicht teilnehmen durften, weil ihr IQ zu niedrig lag, aber beide gewannen den Nobelpreis, :-)

    Von den Teilnehmern an Termans Studie erhielt ihn keiner.

  2. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Macht ja nix, wenn's nicht 100% dazu passt ? hier geht es ja um das Thema "Hochbegabung", und Abschweifen, Ergänzen, Diskutieren ist da völlig okay, und insofern passt's dann ja doch wieder :) "Genie" ist ja sowieso ein ziemlich unscharfer Begriff ? kein Wunder, dass wir nun bei der Hochbegabung gelandet sind (wobei wir da ja inzwischen ein ähnliches Problem haben, wenn man mal schaut, was damit so alles zu Recht und Unrecht assoziiert wird).

    Ja, die Terman-Studie ist mir bekannt ? der methodischen Einschränkungen war Terman sich selbst übrigens ziemlich bewusst (ich habe den ersten Band grade leider nicht zur Hand, aber da schreibt er etwas über die pragmatischen Gründe, weshalb seine Stichprobe so ausgefallen ist, wie sie letztlich ausgefallen ist, und dass er's gern anders gemacht hätte. Fand ich bemerkenswert ? heute, da man ja kaum noch Bücher schreibt, sondern Artikel mit Wörterlimits, wäre das in der Ausführlichkeit und damit Nachvollziehbarkeit, wie er das in seinen "Genetic Studies of Genius" vornimmt, kaum noch denkbar). Richard Feynman hat ja auch gerne damit kokettiert, dass er nicht intelligent genug wäre, um hochbegabt zu sein (sein IQ lag wohl knapp unter der 130) ? und über seine Brillanz (sowohl als Forscher als auch als akademischer Lehrer) bestehen, glaube ich, keine ernsten Zweifel ;)

  3. Pu Antworten | Permalink

    Wahrscheinlich sind Hochbegabte und Genies einfach zwei Paar Stiefel.

  4. Peter Altreuther Antworten | Permalink

    Dr.rer.nat.

    Als einfach an der Überschrift interessierter Leser und ohne wesentliche Ahnung von Psychologie bitte ich um Entschuldigung für eine gänzlich irrelevante Meinung. Was wäre, wenn man "hochbegabt" einfach ersetzte durch "überdurchschnittlich interessiert"? Das erklärte das "höhere intellektuelle Potential" mindestens im angesprochenen Bereich, wie auch das "schwierig im Umgang" durch das Desinteresse an Dingen außerhalb der Interessensphäre und die "emotionale Labilität", wenn sich das Objekt der intellektuellen Begierde nicht mühelos - ohne Inanspruchnahme anderer psychischer Bereiche - integrieren lässt?

    Ihrer Schlussfolgerung kann ich uneingeschränkt folgen.

    Freundliche Grüße

    Peter Altreuther.

  5. Wizzy Antworten | Permalink

    Ich vermute, dass der wahrgenommene "Ticken" Wahnsinn, den Aristoteles hier anspricht, der erweiterte Wissenshorizont ist der bei Hochbegabten denke ich häufig in Erscheinung tritt. Meiner These nach sind viele liebgewonnene und weitverbreitete Ansichten in der Bevölkerung kontrafaktisch - ein Beispiel je nach Region sind die religiösen Glauben - und wenn jemand eine dem lokalen Mainstream widersprechende Meinung äußert, und sei sie auch noch so gut begründet, stößt das gemeinhin an. Ein Hochbegabter muss also entweder seine sich angeeigneten Ansichten verbergen aus sozialverträglichen Gründen, oder er wird als verschroben bis hin zu gefährlich wahrgenommen (z.B. ein heimlich ungläubiger einheimischer Akademiker in Afghanistan, oder ein Flüchtlingshelfer in Sachsen) weil er nicht das glaubt, was alle um ihn herum glauben bzw. als Realität begreifen.

  6. Helmut Wicht Antworten | Permalink

    Meines Wissens hat Aristoteles nicht von der Verrücktheit, sondern von Melancholie der Genies geredet, was etwas wesentlich anderes ist.

  7. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Das hat er durchaus auch, ja. (Gibt es eigentlich irgendein Thema, das sich nicht irgendwie auf Aristoteles zurückführen ließe?)

    Wenn Sie griechisch können, freue ich mich über das Original und eine möglichst wortgetreue Übersetzung des verbreiteten Zitats "Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit" ? meine Griechischkenntnisse beschränken sich auf mathematische Parameter sowie die Suffixoide, die im Französisch des 16. Jahrhunderts noch aus dem Griechischen übrig geblieben sind. Merci! :)

  8. Benjamin Gann Antworten | Permalink

    Zyklothyme Störung

    Ich habe gelesen, dass eine leichte zyklothyme Störung bei Schriftstellern nicht selten ist. Vielleicht war es auch ein Experiment, bei dem sich zeigte, dass eine hohe Qualität der schriftstellerischen Versuche von Studenten mit dieser Störung korrelierte. Es geht wohl mehr um Motivation und Talent (Kunst) als Begabung (IQ), aber die Erklärung für besondere Leisungen - besonders produktiv sein in euphorischen Phasen, dann alles besonders kritisch bewerten in depressiven - wäre auch auf intellektuelle Höchstleistungen übertragbar. Da findet man's aber nicht?

  9. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Über die Prävalenz habe ich keine Zahlen ? aber es gibt in der Tat ein paar Studien, die nahe legen, dass die "Stimmungswechsel" ganz gut zum kreativen Prozess passen können (divergente vs. konvergente Phasen), wobei das aber wohl auch abhängt davon, in welcher Domäne die (kreativen) Leistungen erbracht werden. Der IQ-Test erfordert ja quasi ausschließlich konvergentes Denken (von Ausnahmen wie den Einfallsreichtums-Subskalen im BIS mal abgesehen), über alle Phasen zusammengenommen würde ich für die Zyklothymen also eine Nullkorrelation erwarten, wobei es natürlich spannend wäre, sich das mal differenziert anzuschauen.

  10. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ich finde zwar nur das englische Original; aber wo genau haben Sie dort das Zitat selbst gefunden, um das es ging?

    Auf Umwegen wurde ich noch auf Folgendes aufmerksam gemacht ? ich zitiere aus der Mail (hoffe, die griechischen Buchstaben werden auch übertragen):

    "Aristoteles, Rhetorik II 15:

    ????????? ?? ????? ???? ??? ?????????? ???.

    Ich würde übersetzen: Die talentierten Leute werden zu eher verrückten Charakteren.

    ??????????? ist Komparativ, also "verrückter" oder hier besser: "eher verrückt".

    ?????????: außer sich geraten, sich verändern.

    Wenn es nicht noch eine andere Stelle gibt, dann ist die Formulierung "Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit" >>freie Nachdichtung<<. Aber die wesentliche Aussage ist die gleiche.?

    Möglicherweise ist das eher die Stelle, um die es geht.

  11. Trice Antworten | Permalink

    ADHS und Hochbegabung

    Da Sie Richard Feynman erwähnen und in Ihrem Beitrag auf das Klischee vom schwierigen undemotional instabilen Hochbegabten hinweisen: Gibt es eigentlich neuere Studien zum Thema ADHS und Hochbegabung? Ich kenne einen Beitrag von Aiga Stapf, in dem sie schreibt, dass immer häufiger bei Hochbegabten die "Diagnose" (die Hervorhebung ist von ihr) ADHS gestellt wird.

    Nun sind diese Kinder ja in der Regel "verhaltensauffällig" (diesmal ist die Hervorhebung von mir), sie gelten als schwierig und auch als emotional labil. Was sie noch nicht zu Hochbegabten macht, aber möglicherweise zu Underachievern.

    Ich weiß nicht, ob Sie die Theorie der Mathematikdidaktikerin Inge Schwank kennen, die herausgefunden hat, dass es zwei verschiedene kognitive Strukturen gibt, in denen sich Denkprozesse ausprägen. Sie nennt es die prädikative vs. funktionale Art logischen Denkens.

    Wir haben von 2003 bis 2006 ein Projekt durchgeführt, mit dem wir schließlich nachweisen konnten, dass Kinder mit der Diagnose ADHS zur Gruppe der Menschen mit einer funktionalen kognitiven Struktur gehören.

    Eins der Diagnoseinstrumente waren Aufgaben, die einer Aufgabe aus dem APM-Test von Raven (Raven 1965, Set II, Aufgabe 14) nachempfunden waren, mit denen man bei einigen, nicht bei allen Aufgaben, auf zwei deutlich unterschiedliche Arten zu einer Lösung kommen kann - erfragt wurde die Begründung für die Lösung, motorisch (funktional) oder statisch (prädikativ). Die ADHS-Kinder hatten nicht nur Probleme mit Aufgaben, bei denen mengenmäßig erfasst, auf statische Details und auf Beziehungen geachtet werden musste. Sie hatten auch Schwierigkeiten mit der Präsentation, die sich an der prädikativen Art orientiert.

    Was mich interessiert sind die Fragen, ob ADHS-diagnostizierte Kinder und Erwachsenen deshalb schlechter bei Intelligenztests abschneiden, weil die Aufgaben und die Präsentation der Tests nicht ihrer Art des Denkens entsprechen, und ob das o.g. Klischee nicht auch auf die Erfahrung mit solchen Kindern und Erwachsenen zurückgeführt werden kann, die, wenn auch vielleicht nicht hochbegabt, aber doch sehr kreativ sein können.

    Übrigens hätte seinem Verhalten nach auch Feynman heute die Diagnose ADHS erhalten können. Wenn ja, hat er vielleicht auch nur deshalb bei Intelligenztests nicht so überragend abgeschnitten, weil die Aufgaben seinem Denken nicht entgegen kamen .. Spekulation, ich weiß, ;-)

  12. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Was derzeit im Kommen ist, ist die Verbindung zwischen ADHS und Kreativität ? bei Scientific American, der "Mutter" von Spektrum der Wissenschaft, finden Sie einen, wie ich finde, sehr gelungenen Artikel des Kollegen Scott Barry Kaufman, der auch etliche wissenschaftliche Studien referenziert: http://blogs.scientificamerican.com/beautiful-minds/the-creative-gifts-of-adhd/

    Die zwei Arten des logischen Denkens waren mir so noch nicht begegnet, ganz herzlichen Dank für den Hinweis! [Kleiner Nachtrag: Die funktionalen Ansätze erinnerten mich streckenweise an komplexes Problemlösen, das ist aber nicht ganz dasselbe, oder?]

    Die Unterscheidung finde ich sehr interessant, auch im Hinblick auf Befunde zur Kulturabhängigkeit. Mit der Frage, was (Hoch-)Begabung in unterschiedlichen Kulturen eigentlich bedeutet, hat sich Sternberg (1990) befasst ? einer der Befunde, die ich sehr interessant fand, war, dass das klassische kategoriale Organisieren (Ordnen von Begriffen nach Oberbegriffen) in anderen Kulturen eher als dumm gilt, während wir das dort "kluge" funktionale Organisieren (was macht man mit Dingen? z.B. Säge gehört zu Holz) als eher wenig fortgeschrittene Strategie werten. Von Frau Schwank gibt es ja erfreulicherweise einiges im Netz; wenn Sie aber überdies einen Artikel haben, den Sie mir besonders empfehlen können, freue ich mich darüber (gern auch per Mail).

    Was auf jeden Fall versucht wird (der CFT-20R hat das, meine ich, auch explizit im Manual), ist, die Durchführungsbedingungen anzupassen, sodass die Teilnehmer/innen weniger durch all das abgelenkt sind, was sonst noch auf der Testseite ist, was sie aber grade nicht bearbeiten sollen. Eine Möglichkeit ist, eine Art Schablone oder Maske zur Verfügung zu stellen, die man dann so auf das Testheft auflegen kann, dass nur die aktuelle Aufgabe im Fokus ist. Aber wenn dem tatsächlich andere Mechanismen zu Grunde liegen, ist das natürlich ein Herumdoktern an den Symptomen.

    Ich habe für mich da auch noch kein abschließendes Modell gefunden. Klassischerweise wird ja das divergente Denken eher mit Kreativität, das konvergente Denken eher mit Intelligenz in Verbindung gebracht, aber das greift m.E. zu kurz, denn der kreative Prozess braucht ja im Grunde beides ? sowohl das Informations- und Ideensammeln als auch das fokussierte Arbeiten an der Lösung. (Möglicherweise auch eine Definitionsfrage, was man alles dem kreativen Prozess zuordnet.)

    War jetzt ein bisschen assoziativ, ergibt das trotzdem irgendwie Sinn? ;)

  13. Regina Fenk Antworten | Permalink

    Schwierigkeiten im sozialen Umgang?

    mich würde im Zusammenhang mit der Studie interessieren, wie der Themenbereich "Schwierigkeiten im sozialen Umgang" abgefragt wurde. Da kann man sich ja viel Verschiedenes drunter vorstellen:

    Einerseits "Persönlichkeitseigenschaften des Hochbegabten" wie Schüchternheit, Verschrobenheit oder die immer wieder in den Medien beschworene Unfähigkeit zu smalltalk. Genau diese Eigenschaften können auch "nicht hochbegabte Personen" haben.

    Andererseits Verhaltensweisen, die direkt mit der Hochbegabung zusammenhängen und die vom Gegenüber als "mühsam/ unpassend/ anstrengend" wahrgenommen werden: rasches Denken mit dem Hang, die Gedankengänge der anderen zu unterbrechen; Bedürfnis nach klarer Ausdrucksweise und Logik; Aufzeigen von Argumentations-/ Denkfehlern; "kreative Lösungswege" usw.

    Es wurde doch auch "Kennen Sie hochbegabte Menschen?" gefragt. Wurde hier nach Kindern/ Erwachsenen differenziert? Ich meine, die Geschichte eines einzigen hochbegabten Kindes, das aufgrund z.B. einer unpassenden Schulsituation verhaltensauffällig wurde, kann die Sichtweise sehr beeinflussen.

    (Irgendwie schwirrt mir auch im Kopf herum: sagen hier nur die Menschen ja, die jemanden kennen, der sich als hochbegabt "geoutet" hat (und das tun ja auch nicht alle Hochbegabten) oder fließen hier auch diejenigen ein, die meinen, irgendjemand müsse wohl hochbegabt sein - weil er/sie "verrückt/ verschroben/ usw." ist?!)

    mfg

    Regina Fenk

  14. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Hallo Frau Fenk,

    da wir leider nur wenige Fragen zur Verfügung hatten (solche Repräsentativstudien sind leider relativ teuer), war das ein ganz schlichtes Ein-Item-Maß, nämlich die Aussage "Hochbegabte sind sozial schwieriger als durchschnittlich Begabte". Ich stimme Ihnen zu, dass man da ganz verschiedene Merkmale und Verhaltensweisen subsumieren kann; die Idee dahinter war, dass die verschiedenen Stereotype möglichst sparsam abgefragt werden sollten. Ich glaube aber eigentlich nicht, dass in der Tendenz groß etwas Anderes rauskäme; in Studien mit Lehrkräften haben wir auch andere Items aus dem Themenbereich verwendet, und das Ganze zeigt sich auch mit Reaktionszeitmaßen, die eher die impliziten Einstellungen erfassen. Die Ansätze waren alle eher variablenzentriert, d.h., wir haben versucht, die Grundstruktur der Einstellungen zu erfassen (= Zusammenfassen von Items, die etwas Ähnliches messen); diese Studie ist nun typologisch, d.h., hier ging es darum, Menschen zu erfassen, die ähnliche Profile der Einstellung aufweisen.

    Nach Kindern vs. Erwachsenen haben wir aus dem genannten Grund auch nicht differenziert, das ist eine schöne Idee! :) Werde ich mal für zukünftige Studien auf dem Schirm behalten. Wenn man in die Medien schaut, findet sich das "Verschrobene" ziemlich unabhängig vom Alter, wohl deshalb, weil es interessanter zu erzählen ist; aber ich könnte mir vorstellen, dass es bei Kindern mehr auffällt, zum einen, weil Kinder ja in eine Umgebung "hineingezwungen werden" und weniger Wahlfreiheiten haben, zum anderen, weil bei Erwachsenen Hochbegabung und Leistung noch stärker gleichgesetzt wird (und Leistung in unserer leistungsorientierten Gesellschaft eher etwas Positives ist). Bei der Frage, ob man Hochbegabte kennt, hatten wir auch die Option "bei manchem/mancher Bekannten habe ich den Verdacht, bin aber nicht sicher" drin, um das abzufangen.

    Liebe Grüße

    Tanja Gabriele Baudson

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