Warum die Bundesjugendspiele nicht das Problem sind

Die Bundesjugendspiele sollen abgeschafft werden – das verlangt eine Mutter in einer Online-Petition, die „nicht verstehen [kann], warum es heute noch für gut befunden wird, Kinder zu zwingen, sich in eine sportliche Wettbewerbssituation zu bringen, die mit Demütigung und Ohnmachtsgefühlen vor der Peer Group verbunden ist“. Kinder und Jugendliche würden zur Teilnahme an diesem Wettkampf gezwungen – mit Freude an der Bewegung habe dieser Anachronismus nichts zu tun. Und dass leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler so vielleicht auch einmal ein Erfolgserlebnis hätten, rechtfertige auch nicht die Demütigung der sportlich weniger Begabten. Ich persönlich denke ja, der Sportunterricht, so wie er aktuell ist, ist generell der falsche Ansatz, um überhaupt irgendeine Art Freude an der Bewegung zu vermitteln – und wenn das anders wäre, würde so ein Sportfest vermutlich auch gar nicht mehr so ins Gewicht fallen.

Ich selbst fand das „Sportfest“ (unter der Bezeichnung lief das bei uns) eigentlich immer ganz lustig – war halt mal was anderes als „normal Schule“, und mit Laufen und Springen konnte ich meine kläglichen Fähigkeiten im Schlagballwerfen auch einigermaßen wettmachen. Gemobbt wurde bei uns deshalb niemand; aber das Echo auf den Blogpost und die Petition von Dr. Christine Finke (hier der Link zu ihrem Blogpost) zeigt, dass andere vermutlich weniger Glück hatten. Spiegel Online tut sich übrigens auch zu diesem Thema mal wieder durch äußerste Differenziertheit und Offenheit für andere Sichtweisen hervor. Nicht. (Nein, ich verlinke diesen gehässigen Unsinn nicht. Sehr gern verweise ich dagegen auf diesen einfühlsamen Beitrag.) Die Hauptargumente lassen sich recht knapp zusammenfassen. Gegen die Abschaffung wird im Wesentlichen hervorgebracht, dass die Kinder heute sowieso zu verweichlicht seien und es im Kampf des Lebens immer „Bessere“ und „Schlechtere“ gäbe. Für die Abschaffung spricht, dass es wenig sportliche Kinder und Jugendliche gibt, die darunter leiden, in ihrer „Unfähigkeit“ vorgeführt zu werden, aber keine Wahl haben, ob sie mitmachen wollen oder nicht.

Das Problem ist aber nicht das Sportfest. Das Problem liegt in einem Bildungssystem, das aus meiner Sicht dem sozialen Vergleich viel zu viel Gewicht beimisst. Leistungsbeurteilung erfüllt verschiedene Funktionen, die einander teilweise widersprechen und die sich deshalb nicht ohne weiteres unter einen Hut bringen lassen. Selektion und Allokation, also die eignungsbasierte Auswahl und „Einordnung“, stellen einen dieser Funktionsbereiche dar; wer einen bestimmten Numerus clausus erreicht, darf dann auch in Heidelberg Medizin studieren. Die Schule trägt durch die Notenvergabe ihren Teil dazu bei, gesellschaftlichen Entwicklungen (wie steigendem Bedarf an Akademikern) zu begegnen[1]. Und das impliziert eben auch den sozialen Vergleich, in dem Schülerinnen und Schüler nach ihrer Leistung im Vergleich zur Gruppe benotet werden. Andere pädagogisch wünschenswerte Ziele fallen dabei unter den Tisch: Wer seine Leistung verbessert, im Vergleich zur Klasse aber immer noch kein Glanzlicht ist, bekommt trotz seiner Anstrengung keine bessere Note. Dass die dadurch etablierte „Hackordnung“ zu Konkurrenzverhalten und letztlich einer Entsolidarisierung der Schülerinnen und Schüler führt, ist ein Nebeneffekt, der mit Zielen wie Teamfähigkeit nur sehr bedingt in Einklang zu bringen ist.

In Fächern wie Mathematik, Deutsch oder Englisch, die akademisch relevant sind, mag das ja noch halbwegs nachvollziehbar sein. Noten in diesen Fächern hängen mit dem späteren Studienerfolg stärker zusammen als beispielsweise Kunst-, Musik- oder eben Sportnoten[2]; wenn beispielsweise die Zahl der Studienanfänger reguliert werden soll, wäre es daher sinnvoll, die vorhersagestärksten Variablen auch stärker in die Abiturnote mit einfließen zu lassen[3]. Aber wozu braucht man in Sport diese soziale Bezugsnorm – oder überhaupt Noten? Primär geht es doch darum, einen körperlichen Ausgleich zu den intellektuellen Anstrengungen des Schultags zu schaffen (in Anbetracht dessen sind die vielleicht anderthalb Stunden Sport pro Woche einschließlich Umziehen eine ziemliche Lachnummer).

Für die „schlechteren“ (dieses Unwort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) Schülerinnen und Schüler bietet der Sportunterricht die Möglichkeit, auch einmal zu glänzen – und da kommen wir den Sportfest-Befürwortern schon wieder näher, aus deren Sicht ja irgendwie eine ausgleichende Gerechtigkeit vonnöten zu sein scheint. Aber Ausgleich wofür? Für die Ungerechtigkeit, dass nicht jeder gleich begabt für die „akademischen Fächer“ ist? Und ist diese scheinbare Aufwertung des Fachs Sport nicht bloße Augenwischerei (oder letztendlich sogar Hohn gegenüber den betroffenen Schülerinnen und Schülern?) in Anbetracht der Tatsache, dass die Sportnote in unserer Gesellschaft nun mal deutlich weniger wichtig für den Berufserfolg ist als die Noten in Mathe und Deutsch? Wissenslücken in den Kernfächern lassen sich leider nicht ohne weiteres durch Stärken in anderen Bereichen kompensieren; deshalb sind es ja auch Kernfächer. (Mal ganz abgesehen von der Problematik, dass ja auch nicht jeder, der die Kernfächer nicht gut beherrscht, automatisch gut in Sport wäre.) Sinnvoller, als pädagogische Trostpflästerchen à la „wenn Du schon sonst nix kannst, kriegst Du wenigstens eine gute Note in Sport, Religion oder (je nach Bundesland) Verhalten“ zu verteilen, wäre es meiner Ansicht nach, zunächst einmal zu garantieren, dass jeder Schüler und jede Schülerin die notwendigen Basiskompetenzen beherrscht. Dass nach wie vor viele durchs Raster fallen und teilweise erst beim PISA-Test auffällt, dass ein Mittelstüfler nicht richtig lesen kann, zeugt davon, dass da einiges im Argen liegt. Das Thema diagnostische Kompetenz ist glücklicherweise inzwischen auch im Lehramtsstudium angekommen; es bleibt zu hoffen, dass einiges davon auch so lange hängen bleibt, bis die aktuelle Studierendengeneration in den Schulen ankommt.

Nach diesem Exkurs wieder zurück zum Thema, denn eigentlich wollte ich mich ja über den Sportunterricht als solchen auslassen. Es ist klar, dass sich die meisten Menschen eher zu wenig als zu viel bewegen. Wenn man sich Kinder aber mal anschaut, wird man feststellen, das sie eigentlich ständig in Bewegung sind. Wo wir Erwachsenen bei Familientreffen herumsitzen und reden, klettern die Kinder übers Sofa und unter den Tisch, rennen zehnmal vom Keller zum Dachboden und zurück, toben durch den Garten und haben die Kalorien des Mittagessens schon dreimal verbrannt, während wir noch am Dessertwein nippen. Wie kommt es, dass diese offensichtliche Freude an der Bewegung verschwindet – und was kann man tun, um sie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten? Hier tut sich ein Betätigungsfeld für den Sportunterricht auf, das dem Gedanken des körperlichen Ausgleichs tatsächlich gerecht werden könnte, statt (ggf. weitere) Frusterlebnisse zu schaffen. Bewegung macht gute Laune (nicht zuletzt wird Ausdauersport erfolgreich in der Therapie von Depressionen eingesetzt) und fördert Konzentrationsfähigkeit und Aufnahmebereitschaft, ist dem Lernen also zuträglich[4].

Nur macht die Art Bewegung, die gerade auf dem Lehrplan steht, nicht automatisch allen gleich viel Spaß. Warum also muss man Monate verschwenden, um die Grundzüge einer Sportart zu lernen, die man später im Leben nie wieder ausüben wird? (Ich habe beispielsweise nie wieder einen Schwebebalken betreten, auf dem ich mich reichlich abgeplagt habe – verschenkte Lebenszeit!) Warum lernt man die Sportarten, die einem Spaß machen könnten, oft gar nicht kennen?

Hier hat die Schule mit ihren vielen Anlagen und vorhandenen Gerätschaften aus meiner Sicht ein ganz großes Potenzial, das nicht einmal in Ansätzen ausgeschöpft wird. Wie wäre es, wenn man Sport nicht nach Klassenstufen, sondern nach Sportarten unterrichten würde – und das zeitgleich für die ganze Schule (oder zumindest einen Teil davon)? Die Sportlehrkräfte könnten interessierten Schülerinnen und Schülern (vielleicht sogar in Zusammenarbeit mit den örtlichen Sportvereinen, die nicht erst seit G8 über Nachwuchsmangel klagen) die Grundlagen in einer ganzen Reihe verschiedener Sportarten vermitteln. Die Kinder und Jugendlichen können sich aussuchen, was sie gern lernen wollen; wenn sie dann feststellen, dass das doch nichts für sie ist, können sie zu einer anderen Sportart wechseln. Alle, die sich in einer Gruppe treffen, wären dadurch von vornherein motivierter – denn sie wollen diese Sportart ja aus eigenem Antrieb ausüben. Allein schon dadurch entsteht ein Gemeinschaftserlebnis (das im übrigen auch viel mehr Mitschülerinnen und Mitschüler umfassen würde als nur die eigene Klasse und somit den sozialen Radius massiv erweitern würde). Und auch, wer nicht wirklich eine Sportart lernen will, sondern einfach nur klettern, toben und springen, kann sich aus dem Fundus der im Geräteraum verstaubenden Kästen, Matten und Sprungbretter einen eigenen Parcours bauen. (Aufsicht könnten möglicherweise Nicht-Sportlehrkräfte führen, die in dieser Zeit ja keine Klassen zu unterrichten haben – denn alle haben ja Sport.)

Ich bin sicher, dass diese Art des interessenbasierten Unterrichts viel stärker dazu beitragen würde, die Freude an der Bewegung zu wecken und zu erhalten und den Schülerinnen und Schülern einen gesunden Lebenswandel nahe zu bringen, der zu allem Überfluss auch noch Spaß macht. Bundesjugendspiele könnte man dann ja immer noch für die leichtathletisch Interessierten anbieten. Oder das Ganze um das Schülersportabzeichen erweitern – das umfasst noch einige weitere Sportarten, mit denen man leichtathletische Disziplinen teilweise ersetzen kann. Wettkämpfe in anderen Sportarten (etwa Ruderregatten) könnten in Kooperation mit Vereinen angeboten werden. Was die Bundesjugendspiele betrifft, sollte es aus meiner Sicht auf jeden Fall möglich sein, auch völlig spaßorientiert mitzumachen, ohne Angst haben zu müssen, von anderen ausgelacht zu werden. Ein Sportunterricht, der Sport als eine Aktivität begreift, bei der man gemeinsam viel Spaß haben kann, könnte aus meiner Sicht viel dazu beitragen, dass Demütigung und Ohnmachtsgefühle von Kindern und Jugendlichen der Vergangenheit angehören – und dass dann auch die Bundesjugendspiele ihrem Anspruch als positives Gemeinschaftserlebnis tatsächlich gerecht werden können.

Fußnoten

[1] Das kann beispielsweise so aussehen, dass die Ansprüche an das Abitur heruntergesetzt werden. Statistiken der Kultusminister/innenkonferenz sprechen von einem Anstieg von 40% der mit der Bestnote 1,0 erzielten Abiturnoten zwischen 2006 und 2012 (hier bestellbar). Dass die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler in diesem kurzen Zeitraum so massiv gestiegen ist, ist eher unwahrscheinlich.

retour zum Text

[2] Der Zusammenhang ist zwar recht hoch, aber keineswegs perfekt; und natürlich variiert er auch je nach Fach.

retour zum Text

[3] Aufgrund der nicht perfekten Vorhersagekraft von Abiturnoten ist es außerdem nur sinnvoll, sie durch andere Kriterien zu ergänzen – das äußerte Anfang Juni auch Manfred Prenzel, der Vorsitzende des deutschen Wissenschaftsrates, in Anbetracht der extremen Unterschiede in den Abiturnoten zwischen den Bundesländern.

retour zum Text

[4] Eine kurzweilige Übersicht über positive Effekte von Bewegung in der Schule findet sich hier: http://www.spektrum.de/news/schulsport-bessere-mathenoten-dank-ausdauerlauf/1344101

retour zum Text


Veröffentlicht von

Dr. Tanja G. Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat seit Herbst 2014 die Vertretungsprofessur für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Zuvor forschte und lehrte sie an der Universität Trier, Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung (Prof. Dr. Franzis Preckel). Neben dem Thema Hochbegabung interessiert sie sich besonders für Kreativität. In ihrer Promotion "The (Mis-)Measure of Children's Cognitive Ability" hat sie zum einen einen Intelligenztest für Grundschulkinder entwickelt und zum anderen die diagnostischen Fähigkeiten von Lehrkräften in den Fokus genommen – denn es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder im Schulalltag zu erkennen…

25 Kommentare zu »Warum die Bundesjugendspiele nicht das Problem sind«

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Herumzurennen, etwas zu werfen oder zu springen, dabei eine Benotung zu erfahren, scheint dem Schreiber dieser Zeilen zumindest deutlich weniger grausam als Schüler einzeln zur Beschäftigung mit Sportgeräten aufzurufen, die sie nicht benötigen müssen, die keinen pers. Reiz darstellen müssen und die wie bspw. der Barren, der Sprungbock (oder wie das Gerät genau genannt wird) & die Kletterei in Höhen, die Angst machen können, auch nicht ungefährlich sind, um dann vor der Schülermenge öffentlich eine Note zu verkünden.

  2. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Das schon. Aber "kleineres Übel" heißt ja nicht "gut"; und ich denke, "gut" wäre in diesem Kontext grundsätzlich machbar. Die SuS sollen sich einfach nur bewegen, völlig egal, in welcher Sportart, und dabei feststellen, dass das Spaß machen kann (und dabei vielleicht sogar Gemeinschaft erfahren; Stichwort Teamfähigkeit). Noten sind in diesem Konzept völlig überflüssig.

  3. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Solche Kooperationen gibt es in der Tat vielerorts ? der Fokus ist jedoch meist ein anderer, nämlich eher Talentsichtung und -förderung (was ja auch sinnvoll ist). Mir ging es darum, dass (a) interessierte (was mit Talent einhergehen kann, aber nicht notwendigerweise muss) Kinder und Jugendliche die Infrastruktur, Materialien etc. der Vereine mit nutzen können und (b) das Ganze in den Schulunterricht integriert wird und nicht als außerschulische Maßnahme stattfindet. Die Öffnung der Schule nach außen halte ich generell für einen guten Ansatz.

  4. Gerald Fix Antworten | Permalink

    Ich kenne diesen Fokus anders. Im Schach (gut, das mit dem Bewegungsdrang hält sich da in Grenzen :-) haben wir diese Kooperation aus zwei Gründen genutzt: Es gab Kohle vom Staat und wir kamen an Nachwuchs ran. Zeitweilig hat es ausgereicht, dass wir unser Jugendtraining in einer Schule durchgeführt haben, um an Kooperationsmittel zu kommen. Höhere Anforderungen wurden erst gestellt, als die Mittel knapp wurden. (Nicht durch Kürzungen, sondern weil immer mehr Vereine teilnahmen). Talentsichtung stand nicht im Vordergrund.

    Die Maßnahmen sind aber, soweit mir bekannt ist, nicht in den Unterricht integriert.

  5. stufenbarren Antworten | Permalink

    Revenge

    Auf unserem Gymnasium war es leider üblich, sportlich schwächere Schüler zu mobben.

    In corpore sano. Wer in Latein beim Deponens oder durch das beflissentliche Tragen der Lehrertasche glänzte, konnte damit in der Klasse (neudeutsch: community) kaum Pluspunkte (neudeutsch: credits) sammeln, während der Grobmotoriker, der keinen Ball werfen konnte, nicht ohne Häme verlacht wurde. In Grund und Boden. Grausam.

    Die Plumpen und Ungeschickten wurden dadurch verständlicherweise traumatisiert. Sie waren lächerlich und unattraktiv - und das während der Pubertät(!), wo es ums Ganze geht.

    Es kam, was kommen mußte: Diese verlachten Schüler, diese Sportversager rächten sich langfristig damit, daß sie sich später Führungspositionen erarbeiteten, erschlichen, erkrochen - sei's drum - und bis heute die Politik dieses Landes prägen.

    Ich habe selbst mal aus purer Dummheit, i.e. Verlorenheit mit den anderen über einen ungeschickten Schüler gelacht, und das fällt heute doppelt und dreifach auf mich zurück.

    Ich promoviere darüber und sammele noch Daten, die bisher sehr deutlich in eine Richtung weisen.

  6. Alex Antworten | Permalink

    In welche Richtung?

    Dass ihr A*** gegenüber euren Mitmenschen wart? ;-)

    Nicht böse gemeint. Es interessiert mich. :-)

  7. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Bitte wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht (auch wenn's aus Ihrer Sicht im Kern stimmen mag ;)). Ich möchte in diesem Blog einen freundlichen Umgangston pflegen. Danke!

  8. Hans Antworten | Permalink

    ?

    Ein sehr interessantes Konzept. Ich glaube, damit hätte ich als Schüler auch mehr Spass am Sport gehabt, als in der Mittelstufe der Hauptschule wo in der Regel nur Völkerball gespielt wurde. Dabei war ich immer einer der ersten, die abgeworfen wurden...

    Besser war es da in der Oberstufe an der Kollegschule (NRW, späte 80er Jahre), wo man am Anfang eines Halbjahres einen Sportkurs auswählen musste, und den dann während des gesamten Halbjahres betrieben hat. Das fand ich gut, weil ich da zumindest in einem Kurs das machen konnte, was mich wirklich interessierte. Bei den anderen hab ich im laufe der Zeit festgestellt, dass das nix für mich ist.

    Naja und die Bundesjugendspiele (die hiessen bei uns dann später auch so) waren zwar ganz nett, aber da ich keine "Sportskanone" war, hab ich auch nicht so grossen Wert darauf gelegt, eine Urkunde zu bekommen. Ich fand die ganze Veranstaltung eigentlich eher aus anderer Perspektive interessant, weil da so vieles parallel ablief und man das auch halbwegs gut beobachten konnte, sofern man nicht gerade selbst was machen musste.

  9. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ja, an das Zuschauen erinnere ich mich auch noch ? war für mich als Stoppelhopser immer sehr beeindruckend, wie weit die "Großen" gesprungen sind :)

  10. DH Antworten | Permalink

    Die Idee mit der Auswahlmöglichkeit hat was , in der Kollegstufe gabs das mal (oder immer noch, wohl auch regional verschieden).

    Den Sport anzugreifen ist ein leider weit verbreiteter Reflex , das eigentliche Problem ist das zunehmende Mobbing an sich , es ist jetzt nicht wirklich neu , daß das alle Lebensbereiche umfaßt.

    Unter vielen Sportfans gibt es ein ungeschriebenes Gesetz , daß nur der ein großer Sportler ist , der nicht über den Unterlegenen triumphiert , sondern ihn respektiert , daher ist es völliger Quatsch , den Sport für Dinge verantwortlich zu machen, die von ganz woanders her kommen , ganz im Gegenteil , der Sport ist eine der Möglichkeiten , Wettbewerb auf eine menschlich höhere Stufe zu stellen , im Gegensatz zu der Sorte "Wettbewerb" , der in anderen Lebensbereichen oft stattfindet.

    Hinter Angriffen auf Ereignisse wie oben steht in aller Regel pauschale Sportfeindlichkeit , mit dem heiklen Thema Mobbing will sich besagte Mutter lieber nicht beschäftigen , das ist typisch aus dieser Ecke , immer ein bißchen feige und auf Nebenschauplätze ausweichen.

    Daß jetzt der Sportunterricht , sagen wir mal , gewisse Mängel aufweist , ist offensichtlich , gerade auch , was die Förderung angeht , das beschränkt sich aber nicht auf die Schule , seltsamerweise betreiben vor allem Vereine in vielen Bereichen ein "Auswahlverfahren" , daß vor allem darauf hinausläuft , Leute den Gedanken an Sport gründlich auszutreiben , am krassesten zu beobachten in der Leichtathletik. Wie auch in der Schule ist das vor allem ein Problem des Personals , wenn ich mir überlege , was ich selber für Vollpfeifen erlebt habe , als "Trainer" , dann wundert mich gar nichts mehr.

  11. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    "Pauschale Sportfeindlichkeit", "feige", "auf Nebenschauplätze ausweichen" ? ich würde nicht zu viel in die Petition hineininterpretieren. Das zugrundeliegende Problem ist natürlich das der Schulkultur, aber ich bin auch kein Fan des Aburteilens von Personen, die versuchen, die Welt etwas freundlicher zu machen. Ich denke, mehr Einfühlungsvermögen täte auch den schlechten Trainern gut, die Sie beschreiben. Gerade im Sport habe ich es auch schon ab und an diese "Nur die Harten kommen in den Garten"-Strategie beobachten können, die meines Erachtens nicht für alle geeignet ist; manche Kinder sind einfach sensibler und profitieren sehr von Coaches, die empathisch sind und ihnen auch emotionalen Rückhalt geben (und können dann ebenfalls Höchstleistungen erbringen). Genau hinzuschauen, was jemand mit Potenzial ganz individuell braucht, um dieses zu entfalten, und es ihm/ihr dann auch zu geben, ist, denke ich, eine ganz wichtige Eigenschaft von wirklich guten Trainerinnen und Trainern.

  12. Horst Antworten | Permalink

    Die URSACHE aller Probleme / Symptomatiken unseres kreislaufenden "Zusammenlebens" wie ein wachstumwahnsinniges Krebsgeschwür, ist der im Zeitgeist nun "freiheitliche" WETTBEWERB um ... - deshalb sollte auch verboten werden, daß Spiele wie Kaufmannsladen gespielt werden, damit Gewinner und Verlierer / systemrationaler Konsum- und Profitautismus / Dummheit im Keim erstickt wird! :-)

  13. Julia Antworten | Permalink

    Ja, kann ich bestätigen. Bei mir führte das bis hin zu Selbstmordversuchen.

    Die Mehrzahl meiner Sportlehrer war pädagogisch eher unbeleckt. Statt Empathie gab es ein mitleidloses "da müssen wir alle durch" und ähnliche Stilblüten.

    Durch den Schulsport bekam ich vermittelt, unsportlich und körperlich unbeholfen zu sein (ich war immer schlank, aber halt trotzdem nie schnell etc.). Dieses tiefsitzende Gefühl bin ich bis heute nicht losgeworden, obwohl ich an sich gerne Radeln, Spazieren, Wandern gehe. Ich fahre jeden Tag die 4 km mit dem Rad zur Uni und merke, dass mir das gut tut. Aber sobald es in Richtung Vergleich/Wettbewerbssituation geht, mache ich die Schotten dicht. Die Demütigung sitzt tief.

    Ja, und die Bundesjugend"spiele" waren natürlich immer ganz besonders übel. Irgendwann bin ich einfach nicht mehr hingegangen und habe die 4 im Zeugnis als Strafe hingenommen.

  14. franziskus Antworten | Permalink

    "ich bin auch kein Fan des Aburteilens von Personen, die versuchen, die Welt etwas freundlicher zu machen."

    Ich schon. Bedenken Sie. Wer die Welt etwas freundlicher machen will, ist häufig ein Christ oder ein Sozialist wie dieser Tsipras und hat nicht verstanden, dass, wenn es um Höchstleistungen geht, damit schließlich wirtschaftliche Aspekte gemeint sind, d.h. Konkurrenz, Fortschritt, immerwährendes Wachstum und nicht irgendwelches christlich-humanistischens Gedöns, dem Nächsten zur Seite zu stehen, usf.

  15. DH Antworten | Permalink

    @Tanja Gabriele Baudson

    Ich denke , Sie und franziskus täuschen sich , hier handelt es sich nicht um Kritik zur Verbesserung , sondern um Egoismus. Sonst würde - wie gesagt - die Dame dahingehen , wos wehtut und nicht nur auf den Sport zielen , auch zu beobachten bei immer wiederkehrenden Boykottaufrufen gegen Sportereignisse , die das ausbaden sollen , was die Politik vergeigt , angeblich , tatsächlich versteckt auch dahinter der Haß auf den Sport an sich.

    Sie sprechen einen ganz wesentlichen Punkt an mit dem Eingehen auf den Einzelnen.

    Wir sollten stark unterscheiden zwischen dem Sportunterricht und denen , die sich - oft erst später - freiwillig für Sport interessieren .Der Unterricht wird häufig gemacht und besucht von Leuten , die kein eigenes Interesse daran haben oder , richtig , pädagogische Nieten sind.

    Leistungssport hingegen ist ausschließlich machbar mit Trainern , die auf den einzelnen Menschen eingehen , Hochleistungssportler sind sehr häufig sehr sensible Leute , sonst könnten sie keine Spitzenleistungen erbringen.

    Und er funktioniert nur auf der Basis der Freiwilligkeit , Viele versuchen es und werden dabei fair behandelt , auch und gerade , wenn man ihnen sagen muß , das es nicht reicht für die Spitze.

    Wird dieses Prinzip zu häufig und zu lange mißachtet , kann man beobachten , wie ganze Sportarten regelrecht abkacken.

    Diese automatische Gleichsetzerei von Hochleistungssport und der Fixierung auf Leistung in der Gesellschaft klingt immer super , da hat Einer die Wahrheit gepachtet und steht auf der Seite des Guten , tatsächlich ist das sehr öberflächlich und auch ein bißchen selbstgerecht.

  16. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ich glaube nicht, dass Eingehen auf individuelle Bedürfnisse dem Leistungssport vorbehalten sein sollte. Dass manche Lehrkräfte ohne Freude unterrichten und diese entsprechend auch nicht vermitteln können, ist Teil des Problems. Die Dame schreibt doch auch, dass Sport aus ihrer Sicht Freude machen sollte, dass die Bundesjugendspiele in ihrer aktuellen Form dies aber nicht erreichen würden. Gerade der Sportunterricht kann da im übrigen massiv prägen ? und sollte diesen Einfluss auch zum Positiven nutzen. Vielfach ist er der einzige Kontakt, den Kinder und Jugendliche zu körperlicher Betätigung überhaupt haben. Die Petition voreilig als Gutmenschentum, Egoismus und Selbstgerechtigkeit abzutun, erscheint mir da etwas voreilig.

  17. Hartmut Brettschneider Antworten | Permalink

    6 Wochenstunden

    Sport waren zu meiner Schulzeit die Regel. Und auch bei uns gab es Körperkläuse, die motorisch im Hintertreffen waren. Gelegentlich wurden diese auch gemobbt, aber das lag mehr am Verhalten als am Sport. Richtig aufgefallen ist mir das erst, als ein Trupp Halbstarker nach einer " Ehrenrunde " in meiner Klasse landeten und ich selbst zu Mobbingopfer wurde. Der Sport war aber eine gute Gelegenheit für eine Revange. Aus heutiger Sicht kann ich nicht nachvollziehen wie es dazu kommen konnte den Schulsport derart zusammen zu streichen - das ist fatal und wird sich rächen.

  18. DH Antworten | Permalink

    @Tanja Gabriele Baudson

    Da bin ich ganz bei Ihnen , im Unterricht und im Breitensport sollte es fairer zugehen , und der Leistungssport sollte auch nicht überschätzt werden , der hat auch seine dunklen Seiten.

    Man sollte nur nicht automatisch vom Sportunterricht auf den Sport an sich schließen , übrigens haben die mobbenden "Sportskanonen" , die es ohne Zweifel in vielen Schulen gibt , gewonnen , wenn sich jemand für sein Leben lang den Sport vermiesen läßt , vorausgesetzt , die Schulerfahrungen sind der Hauptgrund dafür .

  19. Christl Antworten | Permalink

    Das größte Problem ist meiner Meinung nach der Neid der nicht-erfolgreichen auf den erfolgreichen, dazu kommt das Problem der Ohnmachtsgefühle der Verlierer als Außenseiter. Beides sind zwei Seiten einer Medaille - nämlich der Angst, nicht mithalten zu können und zu versagen. In unserer Gesellschaft gibt es keine Gesellschaftsschichten mehr wie früher, als jeder quasi von Geburt an wusste, zu welcher Schicht er gehörte. Dieses System hatte den Vorteil, dass dadurch die Anzahl der Konkurrenten relativ überschaubar war, dafür war der Aufstieg in eine höhere Schicht erschwert und gelang immer nur wenigen. Ich möchte dies nicht bewerten - das mag jeder für sich machen. Allerdings gibt es diese Schichtung noch heute z.B. in Großbritannien - je nach Internat. Dort, genauer zumindest in einem bekannten walisischen Internat der Top 100, gibt es einen regelrechten Wettbewerb um "golden notes", der besten Noten des Tages. Die Schüler, die so eine erzielt haben, werden bei der abendlichen Verkündung bejubelt und beklatscht und gelobt. Denn jeder Schüler weiss, dass er, wenn er den Abschluss erhalten hat, er seinen Job mithilfe der Alumni sicher hat - es ist keine Angst vor einem gesellschaftlichen Abstieg nötig, man gehört dazu...

    Das ist der Grund, warum deutsche Kinder in GB ihre Leistungsbereitschaft entdecken und sich nicht mehr zügeln, damit sie ja nicht als Streber zum Außenseiter werden. Sie machen die Erfahrung, dass Leistung sich eben doch lohnen kann...

    Unser Bildungssystem ist nicht in der Lage, dieses Problem zu lösen, denn dieses unser Gesellschaftssystem ist politisch gewünscht und nach den 1968ger Jahren so gewachsen. Ich glaube nicht, dass wir eine Änderung herbeiführen können, denn der "Kampf um die Futtertröge" ist gnadenlos. Eher werden alle zwangsnivelliert - im Einkommen via Besteuerung, beim Erben dito, beim Abitur via Noteninflation usw.

    Ich kann verstehen, dass eine Mutter ihrem Kind diese negativen Gefühle ersparen und es schützen möchte, ich habe auch zwei Kinder. Aber je gleicher alle sein sollen, umso niederträchtiger wird das Verhalten untereinander.

  20. DH Antworten | Permalink

    @Christl

    Da heben wirs wieder , die 68er sind schuld. Übrigens auch an der Hitzewelle , an 9-11 und der nie stattgefundenen Mondlandung.

  21. Christl Antworten | Permalink

    Ich möchte niemanden angreifen. Ich gebe nur wieder, was mir aufgefallen ist. Falls Sie sich angesprochen gefühlt haben sollten - Ihre Ironie hilft weder den betroffenen Kindern noch den Bildungspolitikern weiter. Ich denke, es ist hilfreicher, diese von mir gemachten Beobachtungen und Gedanken mal zu überprüfen. Ich bin keine Pädagogin oder Sozialwissenschaftlerin. Ich wüsste gerne, ob es Studien gibt, die das Thema Neid oder Versagensängste bei Schülern in Bezug auf Leistungsunterschiede untersucht haben. Warum wohl werden gute Schüler als Streber gemobbt und halten daraufhin ihre Leistung dosiert im Mittelfeld. Finden Sie das in Ordnung? Warum darf sich der gute Schüler nicht an seinen Leistungen und Fähigkeiten erfreuen und stolz darauf sein? Woher sonst soll er seine Motivation ziehen, gut sein zu wollen?

  22. DH Antworten | Permalink

    @Christl

    Ich bin kein 68er , wenn Sie das meinen , mich nerven nur diese verkürzten Zuweisungen , daß immer diese und jene Gruppierungen für alles verantwortlich seien , besonders gerne progressive Gruppen.

    Ihre Beobachtungen sind ja nicht alle falsch , nur eben diese einfachen Zuweisungen , daher die Ironie.

    Beim Neid bin ich bei Ihnen , nur vermengen Sie das dann wieder mit angeblichem Neid in Bezug auf soziale Gerechtigkeit , beides sind aber zwei Paar Stiefel.

    Sie haben Recht , es gibt Mobbing gegen bessere , aber auch gegen schlechtere Schüler , wie im Sportunterricht zu beobachten , es besteht eine Tendenz zum Diktat der Mitte.

    Das Ganze hat aber zwei Seiten , die Leistungsgesellschaft (in Wahrheit ein Mythos) stellt nur noch den ökonomischen Nutzwert des Menschen in den Vordergrund , der Streber wird nicht nur , aber auch deshalb gemobbt , weil bestimmte Formen der Leistung überbetont werden und Menschen zu sehr nach ihrem Nutzwert eingestuft , ein Wert , gegen die 68er übrigens Sturm gelaufen sind.

    Sie begehen einen ziemlich linken Irrtum , wenn Sie zu sehr die Auswirkungen politischer Weltbilder als Ursache sehen , ich fürchte , wir haben es hier überwiegend mit der unangenehmen Seite menschlicher Grundeigenschaften zu tun.

  23. Andrea Antworten | Permalink

    Toller Beitrag!

    Als ich den Titel deines Artikels sah dachte ich schon wieder an folgende Zeilen... die Bundesjugendspiele wecken zu viel Gefühle aus unserer düsteren deutschen Vergangenheit! Ich sage nein! Die Bundesjugendspiele sind für unsere Jugend sehr wertvoll denn sport im allgemeinen trägt zum Zusammenhalt einer Gesellschaft bei! Toller Beitrag. LG Andrea

  24. Stephen Antworten | Permalink

    Altersunterschiede und motorische Entwicklung?

    Ich stimme sehr mit Ihrem Beitrag ueberein, aber was mir auf einem Blog zur Hochbegabung fehlt (ist vielleicht in einem anderen Beitrag, den ich noch nicht gefunden habe) ist das Problem, wenn man der/die Juengste in der Klasse ist und in der motorischen Entwicklung und vielleicht auch im Wachstum hinterher. Das ging mir so, ich wurde mit knapp sechs Jahren auf Grund eines extrem guten Schulreifetests eingeschult, und war dann meine ganze Schulzeit im Sport hinterher. Erst die Lektuere von Malcolm Gladwells Buch "Outliers" hat mir diesen Zusammenhang klar gemacht und mich von der hartnaeckigen Vorstellung befreit, ich sei einfach unkoordiniert und sportlich unbegabt. Viele "akzelerierte" hochbegabte Kinder haben womoeglich aehnliche Probleme. Zumal, wie Sie in anderen Beitraegen schreiben, Hochbegabung weiterhin "uncool" ist, und Sport sehr gut zum Mobbing benutzt warden kann.

    Ich bin uebrigens Mensa-Mitglied, schreibe also aus der hochbegabten Perspektive. ;-)

Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Diesen Blog betreiben "Gehirn und Geist" und Karg-Stiftung gemeinsam. Ihr Kommentar wird auf beiden Internetseiten veröffentlicht.

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.