Von der Intelligenz des Abschreibens

Das Semester neigt sich dem Ende zu, und damit ist auch wieder Klausurzeit. In den Erstsemestervorlesungen schreiben in der Regel mehrere hundert Leute mit, aber im Grunde läuft eine Uni-Klausur auch nicht großartig anders ab als in der Schule. Perfekt vorbereitet ist man selten, und das Gefühl des „Oh, nee jetzt …“, das einen bei mancher Klausurfrage beschleicht, kennen wir deshalb auch vermutlich alle. Wie geht man damit um?

Manche Studierende halten es mit Sokrates, erkennen ihr Nichtwissen und geben dann irgendwann ab, wenn sie ziemlich sicher sind, dass ihnen nichts Sachdienliches mehr einfallen wird; vielleicht hat’s ja doch zum Bestehen gereicht. Andere dagegen nutzen ausgelagerte Speichermedien – in der Regel ist das die Klausur des Nachbarn, wenn Handys schon nicht erlaubt sind. Teilweise habe ich in der Klausuraufsicht ganze Teams beobachtet, die zusammenarbeiteten, und das mit einem bemerkenswerten Geschick, immer gerade so an der Grenze des Ahndbaren entlangzuschrammen. (Wer schon einmal ein Fußballspiel gepfiffen hat, kennt die Gratwanderung zwischen „jeden noch so kleinen Rempler abpfeifen, damit den Spielfluss stören und sich lächerlich machen“ und „gravierende Blutgrätschen übersehen und Elfer nicht geben und nach dem Spiel irgendwie versuchen, vor den aufgebrachten Fans nach Hause zu fliehen, was mit plattgestochenen Reifen aber nicht ganz trivial ist“; so ähnlich ist das in Klausuren auch.)

Zunächst ärgerte mich das etwas; denn bei einer Klausur geht es schließlich darum, die individuelle Leistung darzulegen, die dann bewertet wird. Nimmt man jedoch den Erfolg – hier: das erfolgreiche Bestehen – zum Kriterium, muss man zugeben, dass Kooperation doch eigentlich ein ziemlich intelligentes Verhalten ist. Denn die Zusammenarbeit kann durchaus dazu führen, dass sich die individuellen Wissenslücken kompensieren lassen, und das für alle Beteiligten!

Eine, wie ich finde, sehr schöne und praxisnahe Definition von Intelligenz stammt aus einem älteren Werk: Hofstädter (1957, S. 173) definiert sie als das Ensemble von Fähigkeiten, das den in einer Kultur Erfolgreichen gemeinsam ist. Kooperation ist durchaus eine solche erfolgsbegünstigende Fähigkeit – in einer Klausur vielleicht nicht unbedingt erwünscht, aber durchaus relevant im echten Leben[tm]! In der Forschung werden bahnbrechende Erkenntnisse kaum mehr vom sprichwörtlichen Wissenschaftler (oder von der Wissenschaftlerin) im Elfenbeintürmchen gewonnen, sondern in Forschungsteams. Dass Zusammenarbeit wichtig ist, schlägt sich auch in den Lehrplänen nieder, die kommunikative Kompetenzen und Teamfähigkeit vermittelt wissen wollen.

Möglicherweise ist das Ganze eine Frage der Normen. In der Tat gibt es dazu Hinweise aus der Forschung zum sogenannten „cultural mismatch“, die sich mit der Frage befasst, was passiert, wenn Normen im Bildungssystem kollidieren. Diese Studien orientieren sich insbesondere an der Dimension „Individualismus vs. Kollektivismus“ (alle, die mehr über die Hofstede-Dimensionen, anhand derer man Kulturen einordnen kann, wissen wollen, seien für einen ersten Überblick auf Wikipedia verwiesen). Das westliche (Bildungs-)System ist eher individualistisch geprägt: Es geht um die Erfassung individueller Leistung, darum, dass der Einzelne Erfolg aus eigener Kraft erreichen kann (und an Misserfolgen auch selbst schuld ist, denn er hätte sich ja auch mehr anstrengen können). Studierende, die dadurch motiviert sind, dass sie der Gesellschaft etwas zurückgeben, in ihrer Community etwas bewirken oder ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen wollen, passen weniger gut in ein solches System als solche, die sich selbst verwirklichen oder ihre individuellen Potenziale erkunden und umsetzen wollen.

Das hat Folgen – die permanente „Reibung am System“ ist stressig, und das zieht Ressourcen, die einem dann zum Lernen fehlen. Die Forscherinnen Nicole Stephens, Stephanie Fryberg, Hazel Markus sowie ihre Kolleginnen fanden systematische Zusammenhänge zwischen kollektivistischer Orientierung, Stress und Leistung. Erstakademiker/innen, die eher kollektivistische Normen guthießen, erlebten an individualistisch geprägten Hochschulen mehr Stress und eine schlechtere Passung; und das schlug sich letztlich auch in schlechteren Noten nieder. Proklamierten die Universitäten hingegen eher kollektivistischer Werte, wirkte sich das positiv auf diese Studierenden aus – und das sogar, ohne dass die bereits akademisch (in dem Fall also individualistisch) Sozialisierten davon einen Nachteil gehabt hätten (zwei exemplarische Paper gibt es hier und hier).

In Zeiten der Pluralisierung und Diversifizierung unserer Gesellschaft könnte man aus meiner Sicht durchaus einmal darüber nachdenken, wie man beides unter einen Hut bekommt; denn augenscheinlich kann eine ausschließliche Konzentration auf individualistische Normen dazu führen, dass Potenzial nur unzureichend entfaltet werden kann und somit letztlich verloren geht. Wenn man die Chance auf individuelle Passung also erhöhen kann, indem auch andere lebensrelevante Kompetenzen stärker gefordert werden, ließe sich damit vielleicht auch ein Teil der Bildungsungleichheit abbauen. Man muss ja nicht gleich das Abschreiben in einer Klausur zulassen ;-), aber vielleicht kann man auch mal häufiger Überprüfungen einbauen, die Kooperation und Kommunikation erfordern, statt nur einseitig kognitive Kompetenzen abzuprüfen. Im Grunde also das, was gute Lehrkräfte auch heute schon machen – und wovon sich andere ruhig mal eine Scheibe abschneiden könnten.

Veröffentlicht von

Dr. Tanja G. Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat seit Herbst 2014 die Vertretungsprofessur für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Zuvor forschte und lehrte sie an der Universität Trier, Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung (Prof. Dr. Franzis Preckel). Neben dem Thema Hochbegabung interessiert sie sich besonders für Kreativität. In ihrer Promotion "The (Mis-)Measure of Children's Cognitive Ability" hat sie zum einen einen Intelligenztest für Grundschulkinder entwickelt und zum anderen die diagnostischen Fähigkeiten von Lehrkräften in den Fokus genommen – denn es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder im Schulalltag zu erkennen…

1 Kommentare zu »Von der Intelligenz des Abschreibens«

  1. bertelsman Antworten | Permalink

    Vielleicht mal gemacht haben

    "Im Grunde also das, was gute Lehrkräfte auch heute schon machen..."

    Gibt es hierzu genügend gesellschaftliche Mittel und Teilhabe, kann man dies zu einem Standard erheben.

    Es ist allein und dringlich zu kritisieren (was Sie irgendwie zu vermeiden trachten), daß bewußt zu wenig "Geld" aufgewandt wird, um die Kinder und die Jugend zu bilden. Stattdessen drillt man sie. Hauptsache schwarze Null und das Vergnügen von Bertelsmann.

Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Diesen Blog betreiben "Gehirn und Geist" und Karg-Stiftung gemeinsam. Ihr Kommentar wird auf beiden Internetseiten veröffentlicht.

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.