Adventskalender, Tag 22: 24 Gedanken und Wünsche für Hochbegabte

Freuen Sie sich auch schon auf Weihnachten? Ich habe heute meinen letzten Arbeitstag für dieses Jahr und freue mich auf ein paar erholsame Tage – Sie hoffentlich auch! 🙂 Drei Türchen haben wir bis dahin noch vor uns. Schauen wir doch mal nach, was heute drin ist …

Das heutige Zitat macht mich etwas melancholisch. Marion schrieb mir folgende Erfahrung aus ihrer Schulzeit:

Meine Hochbegabung habe ich erst so richtig akzeptiert und testen lassen, als ich über 50 war. Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich an folgendes denke.

Ich war selten in der Schule. Schon im 2. Schuljahr habe ich angefangen zu schwänzen. Als ich sporadisch die Realschule besuchte, entdeckte ich den in den Tisch geritzten Satz „Hier verblödet ein Genie!“ Mir schossen direkt die Tränen in die Augen. Ich konnte das aber nicht richtig einordnen. Ging es allen meinen Mitschülerinnen und Mitschülern so wie mir, wenn sie das lasen? War ich überheblich, wenn ich dachte, ich würde hier verblöden? So gut war ich doch gar nicht in der Schule. Dieser eingeritzte Satz hing mir noch lange nach – eigentlich bis heute.

Was mich daran so berührt hat, ist diese deutliche Dissonanzerfahrung: ein junger Mensch, der irgendwie spürt dass das Konzept „Genie“ mit ihm zu tun hat und gleichzeitig so voller Zweifel ist, weil sich das Potenzial ja augenscheinlich noch nicht entfaltet hat – und folglich auch die Anerkennung von außen versagt bleibt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das eine bislang noch unterschätzte Quelle der (Hoch-)Begabungsdiagnostik ist, die sich weiter zu beforschen lohnt!

Mich freut es zumindest für Marion, dass sie mit der Testung die Sicherheit bekommen hat, dass der Spruch auf dem Tisch tatsächlich etwas mit ihr zu tun hatte. Und allen Hochbegabten wünsche ich, dass sie ebenfalls dieses Zutrauen in ihre Begabung entwickeln können!

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 vertritt sie die W3-Professur für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Davor hatte sie zwei Jahre lang die Vertretung des Lehrstuhls für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Im April 2016 erhielt sie den SciLogs-Preis 2016.

18 Kommentare zu »Adventskalender, Tag 22: 24 Gedanken und Wünsche für Hochbegabte«

  1. Hui Antworten | Permalink

    Wie viele?

    Nach der Marburger Hochbegabtenstudie sind wir Hochbegabte doch eigentlich recht erfolgreich. Die Underachieverquote soll doch auch ehr bei dir 10? % liegen.

    Gleichzeitig scheinen mir doch relativ sehr viele Hochbegabte Probleme zu haben (auch wenn die Noten und Beziehungen an der Oberfläche ok waren). Gerade bei denen, die im Intelligenzbereich in der Schule sehr abseits waren, scheint mir, auch wenn da meine Erfahrungen sicher begrenzt sind, die Probleme bis auf sehr wenige radikal geförderte Menschen, immer da. Muss man den Underachieverbegriff generell noch viel mehr ausweiten? Gibt es für den Bereich 145 überhaupt aktuelle Forschung (insbesondere solche, die nicht nur mit besonders durch Leistung oder Mitgliedschaften ... ausgewählten Menschen, sondern repräsentativer arbeitet)?

  2. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Wie hoch die Quote liegt, ist immer auch durch das Kriterium mitbestimmt. Im MHP sind es 12-15 %; hier ist die Operationalisierung so, dass der IQ über einem bestimmten Prozentrang liegen muss (Top 10 %), die Leistung dagegen in der unteren Hälfte. Das ist deshalb problematisch, weil Underachievement dadurch als "Hochbegabtenproblem" deklariert wird ? das ist es aber nicht. Auch durchschnittlich oder unterdurchschnittlich Begabte können hinter dem, was aufgrund ihrer Intelligenz zu erwarten wäre, zurückbleiben. Wenn man dieses Kriterium nimmt ? Leistung deutlich niedriger, als aufgrund des IQ zu vermuten wäre ?, kommt man quer durch das Begabungsspektrum auf 16 % Underachiever, also ziemlich genau ein Sechstel. Auch wenn bislang die meiste Underachievement-Forschung hochbegabte Underachiever untersucht: Ich glaube eigentlich nicht, dass durchschnittlich begabte Underachiever es so einfach wegstecken, wenn sie meinen, mehr zu können ? unabhängig vom Absolutniveau. Aber da spekuliere ich jetzt ein bisschen.

    Zu dem zweiten Bereich, den Sie ansprechen: Ja, es gibt Forschung zu Höchstbegabten. Miraca Gross befasst sich damit, unlängst stieß ich auf die Studien von Joanne Ruthsatz, in den 1940er Jahren hat sich Leta Hollingworth schon damit befasst (ein Frauenthema? ;)). Das Problem ist dabei eben nur, dass die extrem selten sind, weil die meisten IQ-Tests eher im Mittelfeld gut messen. Das sind aber dann eher Kaliber ab 160, 180 aufwärts, was man auch nur mit speziellen Tests (solchen, die den klassischen Quotienten aus Intelligenzalter und Lebensalter bilden) überhaupt erfassen kann. An repräsentativen Hochbegabtenstudien mangelt es ja so schon (das MHP hat ja jetzt auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel). Wenn Sie trotzdem an leistungsselegierten und geförderten Studien Interesse haben, schauen Sie sich mal die Ergebnisse der SMPY an (Camilla Benbow und David Lubinski haben da, meine ich, viele Artikel auf ihren Uni-Seiten, die man frei herunterladen kann), die untersuchen teilweise sogar die stärksten 0,01 %.

  3. Gustav Antworten | Permalink

    Menetekel

    Mich würde interessieren, ob die Zitierte nach dem sporadischen Besuch eben der Schule mit der Ritzerei gänzlich ohne einen Abschluss durchs Leben gekommen ist.

    Es fällt mir leicht, zu glauben, dass dieses Erlebnis einschneidend war. Es hat in dem Moment und vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt (nach einem Test z.B.) etwas von Vorsehung.

    Wenn ich so darüber nachdenke, hatte ich auch ein ähnliches Erlebnis. Damals zu Schulzeiten stolperte ich im Fernsehen über einen Deutschrapper namens JAW und dessen Track "Meine Fans". In diesem berichtet JAW davon, was die Leute, die seine Musik hören, so alles für Eigenschaften haben. Ich war fasziniert, darin Facetten von mir wiederzuerkennen. An dieser Stelle könnte ich fast den ganzen Track zitieren. Das muss allerdings nicht sein, den sollte man m.E. eher hören, nicht lesen. Jedenfalls sind zwei Stellen des Tracks besonders bezeichnend für mein damaliges und heutiges Ich und vielleicht auch für andere HB:

    1. "Sie fühl'n zu viel, um in dieser Welt klarzukomm'

    Jeder kleine Denksport wird in ihr'n Köpfen zum Marathon"

    Einige Leute zerreden ein Thema, ich habe es schon immer eher zerdacht und kam damit zu nichts bis wenig. Es kommt hier sehr gut ein Zwang durch, die Tatsache, dass die Betroffenen nicht anders können.

    2. "Viele von ihn' kommen mit normalen Menschen nich' klar

    Sie fühlen sich alleine und leiden unendliche Qual'n"

    Das dürfte vielen HB aus der Seele sprechen.

    Tragisch ist in jedem Falle, dass die bloße Ahnung bzw. das Gefühl, dass man mit dem "Hier verblödet ein Genie!" gemeint sein könnte, noch keine Abhilfe schafft. Gerne sähe man einen Satz der Form "Hast du das Gefühl, du verblödest in der Schule? Dann melde dich bei Lehrer X--dem Zuständigen für Begabtenförderung." Ob es dazu jemals kommen wird ist fraglich aber wünschenswert.

  4. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Gerne sähe man einen Satz der Form "Hast du das Gefühl, du verblödest in der Schule? Dann melde dich bei Lehrer X--dem Zuständigen für Begabtenförderung."

    Fabelhafte Idee! :D

    Ob Marion den Abschluss letztlich gemacht hat, weiß ich leider nicht.

    (Der Song gefällt mir übrigens echt gut, und das, obwohl Rap eigentlich sonst so gar nicht meine Musikrichtung ist!)

  5. Gustav Antworten | Permalink

    heilsame Musik

    Wunderbar, dass Sie etwas an der Musik finden. :)

    Bevor ich durch den benannten Zufall auf JAW stieß war Rap und insbesondere Deutschrap (bis dato kannte ich nur Kollegah oder Bushido vom Hörensagen) auch nicht "mein Ding". Das hat sich von da an schrittweise geändert. Um den Herren JAW scharen sich nämlich noch weitere unkonventionelle Rapper, die zwar andere Themen behandeln aber auch sehr gut hörbar sind--nur eben für andere Gefühlslagen.

    Als ich Ihre Antwort auf meinen Kommentar las, fiel mir ein noch bessere Track von JAW ein, der das Thema Besonderssein zum Gegenstand hat. Dieser heißt "Im roten Feuer der Sonne" und gehört meines Wissens zu den ältesten Werken JAWs. Darin findet sich eine Stelle, die in meinen Augen das Dilemma aller Besonderen auf einzigartig schöne Weise darstellt:

    "Doch niemand flog mit ihr, niemand zog mit ihr durch die Weiten, weil die Menschen die Existenz von Flügeln bestreiten."

    Auch hier ist das Selberhören sehr zu empfehlen.

    Weniger themenbezogen aber nicht minder bedeutsam wäre "Sein Tag", ein Track über Mobbing und wohin es führen kann.

    "Taucher in der Tiefe" und "Meer aus Tränen" sind eher lyriklastige Tracks die aber dennoch einen deutlichen Bezug zum Thema haben.

    Bestimmt fände ich nach intensivem Nachdenken noch mehr Musik von JAW bzw. zum Thema HB und Besonderssein aber ich will es vorerst hierbei bewenden lassen.

  6. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Super! Vielen Dank :) Ich freue mich schon auf die Weihnachtsferien, dann höre ich mich mal durch :)

  7. Hui Antworten | Permalink

    Danke!

    Danke sehr für die Hinweise zur Höchstbegabtenforschung! Mein bisheriger Eindruck war, dass es bei dieser entweder um Kinder geht, die sehr speziell gefördert wurden, auch oft schon vorher oder sich ein sehr düsteres Bild abzeichnet. Manchmal beides. Und immer nur Fallstudien. Bin gespannt, da vielleicht mehr zu finden. Mehr Fallstudien sind aber natürlich auch immer gut.

    Ich muss zugeben, bisher hatte ich in meinem Kopf Underachievement und Probleme durch Hochbegabung gleichgesetzt. Dass Underachievement auch für andere ein Problem ist, da würde ich auch die Wette halten. Dass Hochbegabte auch ohne Underachievement Probleme durch die Hochbegabung haben können und das dann viel mehr betreffen könnte, da kann ich jetzt erstmal drüber nachdenken. Wieder was gelernt! :)

  8. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Noch eine kleine Ergänzung dazu: Ich denke, dass die Probleme nicht primär durch die Hochbegabung kommen, sondern dadurch, dass das Umfeld nicht passt. Square peg in a round hole. Vielleicht kann man ja an beidem ein bisschen feilen ;)

  9. E. Antworten | Permalink

    Selektive Wahrnehmung

    Das Problem ist ja, dass wir gar nicht wissen, wie viele Hochbegabte nicht diagnostiziert werden, weil sie eben einfach klarkommen.

    Diejenigen, die irgendwann einen Test machen und vielleicht auch zu Mensa oder anderen Vereinen stoßen, sind die, die damit irgendwie ein Problem haben (wobei "Problem" hier sämtliche Dimensionen annehmen kann).

    Das beeinflusst unseren Blick auf Hochbegabung dann aber sehr entscheidend.

    In Deutschland gibt es geschätzt 1,6 Millionen Hochbegabte. Von wie vielen wissen wir? (Ich würde sehr hoch schätzen und maximal 100.000 sagen.)

    Das heißt, über eine ganz große Mehrheit wissen wir nichts.

    Vielleicht kommen die meisten Leute mit IQ 130+ einfach super mit dem Leben klar!

  10. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Das ist ein wichtiger Punkt. Studien wie das Marburger Hochbegabtenprojekt lassen immerhin Schlussfolgerungen zu, wie viele in leistungsbezogener Hinsicht Probleme haben (was wiederum allerlei an sozialen, emotionalen ? Schwierigkeiten mit sich bringt), aber wir wissen wirklich sehr wenig.

    Die Medien tun ein übrigens dazu, gerade heute ist wieder ein unsäglicher Artikel in der NZZ, den ich hier nicht verlinke. Da muss auch ein Bewusstsein entstehen, wie man mit solchen Artikeln das Klischee immer wieder repliziert und damit am Leben erhält.

    Da das Hochbegabtenklischee ambivalent ist, also durchaus neben den unterstellten sozialen und emotionalen Problemen auch eine positiv konnotierte Seite hat (über den statistisch nachgewiesenen wie auch in Stereotypen thematisierten) Zusammenhang zu Leistung, kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass viele sich vielleicht auf die positiven Seiten konzentrieren und sich den "negativen Schuh" gar nicht erst anziehen. Wobei ich zum nächsten Punkt komme, nämlich, dass für diejenigen, die im Leben klarkommen, die Frage, ob sie hochbegabt sind oder nicht, möglicherweise gar nicht so wichtig ist, weil sie sich gar nicht erst stellt. Sie stellen ihre Begabung in Form von Leistung ja unter Beweis, das Potenzial nachzuweisen, ergäbe also keine neue Erkenntnis. Insofern denke ich schon, dass gerade bei Hochbegabtenvereinen das Thema äußerst identitätsrelevant ist (und es für viele auch eine sehr gute Erfahrung ist, einfach mal in ihrer hohen Begabung validiert zu werden, auch wenn sich diese vielleicht ? noch ? nicht entfaltet hat, aus welchen Gründen auch immer). Spannende Fragen, die sich da auftun :)

  11. Michael Friede Antworten | Permalink

    ich habe meine Begabung erst weit jenseits der 50 verstanden

    Meine Tochter schenkte mir einen IQ-Test bei Mensa. Das Ergebnis ergab eine Einladung zur Mitgliedschaft bei Mensa. Ich habe dann so langsam angefangen, mich mit dem Thema Hochbegabung zu beschäftigen - dann begann ich meine Entwicklung in der Kindheit und Jugend und meine Schulzeit aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen und habe endlich verstanden, warum manches so abgelaufen war. Auch habe ich erst jetzt begriffen, durch eines dieser Türchen hier, dass daneben noch andere Gesichtspunkte wie besondere Sensibilität im Zusammenwirken mit der Hochbegabung, das Leben stark beeinflussen können. Wenn dann noch dazu kommt, dass man erfährt, wie wenig Raum diesem Thema in der psychoanalytischen Ausbildung spielt, wurde mir eine Erfahrung so richtig klar, die mich sehr berührt hat.

    Danke für diesen Adventskalender und frohe Weihnachten

  12. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Sie sind damit nicht allein ? in Kooperation mit Mensa habe ich gemeinsam mit meiner Masterkandidatin Johanna Ziemes unlängst einen Artikel publiziert, wo unter anderem rauskam, dass die Zeit seit der tatsächlichen Diagnose (also einem IQ-Test) Auswirkungen darauf hat, wie weit man in seiner Identitätsentwicklung in Richtung einer "integrierten Identität" fortgeschritten ist, also wie sehr man seine Hochbegabung ins eigene Selbst eingebaut hat und gut damit klarkommt. (Darüber schreibe ich demnächst auch mal was, ist eine ganz schöne Studie :))

    Generell habe ich das Gefühl (das schreiben auch einige Therapeut/innen ? Andrea Brackmann erwähnt das, glaube ich, auch in einem ihrer Bücher), dass die Intelligenz als moderierende Variable im therapeutischen Kontext viel zu wenig berüchsichtigt wird. Da sind die Kenntnisse noch recht fragmentarisch ? ein Befund ist, dass Menschen, die sich verbal weniger gut ausdrücken können, Depressionen häufig körperlich zeigen (die "Somatisierer"), aber weniger die typische Niedergeschlagenheit und Traurigkeit haben. Auf jeden Fall ein spannender Forschungsbereich.

    Auch Ihnen schöne Weihnachten ? ich freue mich, dass Ihnen der Kalender gefällt :)

  13. Hui Antworten | Permalink

    Umgebung

    Ich sehe wirklich nicht, wie sich ein Höchstbegabter ab einem gewissen Alter noch passende Umgebungen suchen könnte, wenn vorher nicht schon Chancen genutzt wurden.

    Dass Hochbegabung kein Thema ist, wenn man einen Iq von 135 hat, mag vorkommen. Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen, dass das jemals auf Höchstbegabte zutrifft. Sicher haben hoffentlich die meisten Menschen in der Situation besseres zu tun, als sich ausgiebig damit zu befassen, sofern es nicht eine ihrer Spezialisierungen ist, aber dass so ein großer Unterschied spurlos an einem vorbeigeht ... vielleicht wenn man sein Labor kaum noch verlässt und im richtigen Labor angekommen ist. Die Umgebungen, in denen der Unterschied verschwindet sind seltener, der Zugang begrenzter, die Unterschiede im Alltag noch größer.

    Ich wünschte mir, das würde öfter noch getrennt berücksichtigt, denn ich denke, ganz analog zur Hochbegabung, ändert hier die Position auf dem Spektrum, wieder größtenteils durch die Relationen, die Erscheinung - immer weiter. Ein einfaches Beispiel ist, dass das selbe Enrichment-Programm dann nicht mehr genauso zieht.

  14. Neugierig geworden Antworten | Permalink

    Empfehlung für IQ-Test?

    Zu meiner Zeit hatte ich immerhin einen Aufkleber mit "Hier verblödet ein Genie" (gab es tatsächlich im Handel!) auf der Schulbank kleben. :-)

    Jetzt bin ich neugierig geworden: können Sie einen oder mehrere Test(s) empfehlen die ich machen könnte (wenn möglich offline, ohne dass die Daten bei Datenhändlern oder der NSA landen)?

  15. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ich vermute, Sie sind schon erwachsen? Kommt drauf an, ob Sie einen Einzel- oder einen Gruppentest machen wollen. Bei Gruppentests ist Mensa in Deutschland e.V. vermutlich der größte Anbieter, das sind solide und wissenschaftlich fundierte Intelligenzstrukturtests (und meines Wissens bestehen auch keine NSA-Kontakte ;)). Wenn Sie den Test bei niedergelassenen Psycholog/innen machen wollen, ist das deutlich teurer (Mensa verlangt, glaube ich, um die 50 Euro, niedergelassene Psycholog/innen eher ein paar Hundert), aber Sie machen den Test dafür im Einzelsetting ? falls Sie sehr prüfungsängstlich sind oder mit anderen Herausforderungen konfrontiert (z. B. paralleles Aufmerksamkeitsdefizit, LRS o.ä.), wäre das eher die Wahl. Achten Sie auf jeden Fall darauf, dass der Test aktuelle Normen hat (mehr als 10 Jahre sollten es nicht sein) ? erfragen Sie das am besten vorher. Da diese Testverfahren teuer sind, hat nicht jeder immer die aktuellsten Fassungen da, und ein paar schwarze Schafe habe ich selbst schon erlebt. Wenn man Ihnen anbietet, dass Sie einen Onlinetest komfortabel zu Hause machen können, ist das ebenfalls nicht seriös; es muss gewährleistet sein, dass die Testung unter kontrollierten Bedingungen stattfindet, d.h., unter Aufsicht einer qualifizierten Fachperson. Grundsätzlich sind für eine Hochbegabungsdiagnostik Testverfahren vorzuziehen, die nicht nur einen Bereich abprüfen (beim CFT 20-R oder den Raven-Matrizen ist das der Fall; beim ersteren gibt es noch ergänzende Subtests zu sprachlichem und numerischem Schlussfolgern), sondern mehrere Inhaltsbereiche und Operationen. Andernfalls ist das eher ein Screening, das zwar einen groben Eindruck erlaubt, aber nur ein auszugshaftes Bild liefert (ist z. B. blöd, wenn die Stärken in einem Bereich liegen, der gar nicht abgeprüft wird ;)). Der IST-2000R ist recht verbreitet, das ist ein solides Tool; es gibt aber auch noch andere. Wenn Sie einen Einzeltest machen wollen, jemanden dafür gefunden haben und erfragt haben, welcher Test durchgeführt werden soll, können Sie mich auch gern privat anmailen, dann checke ich das mal.

    Der Vollständigkeit halber verweise ich außerdem auf die Übersichtstabelle zu IQ-Tests und ihrer Eignung hier im Fachportal, da finden sich primär Tests für Kinder und Jugendliche, aber auch ein paar für Erwachsene. (Vielleicht ist es ja auch für andere Leser/innen interessant :))

  16. Susan Antworten | Permalink

    Titel *

    Es gibt auch Höchstbegabtenvereine wie Prometheus,Tripel Nine usw., wenn man sonst keine "Gleichgehirnten" trifft, aber das Bedürfnis danach hat.

    Bei den Höchstbegabten, die ich persönlich kenne, ist das Bedürfnis mit Menschen offline zusammen zu sein nicht so sehr ausgeprägt, man weiß das Internet zu schätzen.

    Kurse an Fernuniversitäten, Harvard Extension School, Open University und und und.

    Das Leben ist voller Möglichkeiten für geistige Leckerlis, auch wenn sich das nicht immer so anfühlt, Herausforderungen gibt es auch reichlich um seine Grenzen auszuloten und sich selbst zu spüren.

    Das schöne an Frühreife ist ja, dass man auch sehr früh Antworten finden kann und sich miit 20, 30, 40 damit nicht mehr rumplagen muss, Zeit und Energie für schöne Sachen hat.

    Das nicht so schöne ist, wenn man garkeinen trifft der ähnlich gehirnt ist, wenn sehr lange keine Spiegelung möglich ist um etwas über sich zu erfahren. Um so höher die Begabung, also um so jünger ein Kind ist, während es Zugang zu speziellen Welten hat, umso schwieriger ist es, da Jemanden zu finden, aber auch aus

    " Unordnung und frühes Leid" kann " Ordnung und spätes Glück" werden. Und mit Ordnung meine ich definitiv nicht die ädäquate Haushaltsführung.

  17. Neugierig geworden Antworten | Permalink

    Danke!

    Ein dickes Dankeschön für die ausführliche Antwort; ich denke das werden sicher noch so einige Neugierige mit großem Interesse lesen.

    Auf das Angebot zum Mailkontakt komme ich bei Bedarf gerne zurück, auch hierfür meinen Dank!

    (Ach ja, ich bin tatsächlich 50+ und zu meiner Schulzeit war Hochbegabung kaum jemandem ein Begriff.)

    Ihnen und allen Mitlesenden eine schöne Festzeit!

  18. Benji Wüst Antworten | Permalink

    Symptom?

    Mir gefällt die Beschreibung: ?Intelligenz ist zu aller erst als Symptom zu betrachten und zu würdigen. Bei besonderen funktionalen, emotionalen oder intellektuellen Herausforderungen unternimmt die Entität Mensch den Versuch, durch die Entwicklung spezifischer Fähigkeiten diese besonderen Herausforderungen zu meistern. Unter geeigneten Umständen kann dies beispielsweise die Entwicklung von intellektueller, emotionaler oder physischer Stärke evozieren. Unter ungünstigen Umständen oder wenn die Herausforderungen größer und drängender sind, als die Bereitstellung von Lösungs- und Abwehrstrategien oder einer adäquaten Resilienzbildung, kann sich die Entwicklung auch in Richtung Neurosen, Fehlhaltungen und psychosozialer Defizite neigen.

    So scheint es hier auch nicht verwunderlich, dass die Artikel des Blogs und viele Kommentare die Anmutung einer vorweihnachtlichen Selbsthilfegruppe narzisstisch verletzter Findelkinder besitzt.

    Man beschenkt sich und die vermeintlich Seinesgleichen mit liebenswerten Aufmerksamkeiten und trägt das gut entwickelte Instrumentarium früherer Problemlösungsstrategien wie ein Exoskelett zu einer 130+ Party. Zwischen den Strukturen der nach außen gestülpten neuronalen Netzwerke, die man wie die Haut seiner Persönlichkeit zur Schau stellt (mal extrovertiert, auch gerne anhand der Hochbegabung eigener Kinder ? mal demonstrativ bescheiden wie: ?Nein ich möchte hier nicht darüber sprechen, warum gerade ich mich für die Forschung zu IQ 145+ interessiere?.) spannt sich eine Membrane antizipierter und idealisierter Projektionen, die dazu geeignet ist, endgültig die Verbindung der eigenen Persönlichkeit zur Außenwelt und Vice versa zu kappen.

    Vielleicht sind auch das eher die Gründe, warum ?hochbegabten? Menschen fragile zwischenmenschliche Beziehungen wiederfahren, als der Mythos, dass die meisten anderen Menschen für einen nicht klug genug, bzw. uninteressant sind.

    Hier drängt dann die berührende Melancholie nach Außen, sich seines Wertes als talentiertes, aber einsames weil verkanntes Kind endlich sicher sein zu wollen - ach wenn doch erst einmal die anderen mich in meinem besonderen Wert sehen und anerkennen würden.

    Die Kategorien, Wertungen und Gewichtungen jeglicher Intelligenztests sind kaum geeignet die Wesensmerkmale, welche man der Intelligenz zuschreibt und sich von ihr erhofft, besser zu repräsentieren, als der Warenkorb des stat. Bundesamts für die realistische Darstellung der Lebenshaltungskosten taugt.

    Elaborierte Intelligenz kann einen doch bestenfalls in die Lage versetzen, sein Leben adäquat zu führen, sich alleine und mit anderen am Leben zu erfreuen, die Grenzen der menschlichen und eigenen Erkenntnisfähigkeit anzuerkennen und mit einer kindgleichen Frische und Neugierde weiter zu denken um die Wunder des Unbekannten zunehmend mehr zu schätzen und zu lieben, als das Wenige, über dessen man sich sicher glaubt.

Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Diesen Blog betreiben "Gehirn und Geist" und Karg-Stiftung gemeinsam. Ihr Kommentar wird auf beiden Internetseiten veröffentlicht.

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.