Adventskalender: Das zwölfte Türchen

Wir haben Halbzeit! Noch zwölf Tage bis zum Heiligen Abend … lassen Sie sich im allgemeinen Weihnachtstrubel nicht zu sehr stressen! Und machen Sie zwischendrin vielleicht zur Entspannung mal ein Türchen auf …! 🙂

An intelligence test sometimes shows a man how smart he would have been not to have taken it. (Laurence J. Peter, Autor von Das Peter-Prinzip)

(Übersetzung: Ein Intelligenztests zeigt einem manchmal, wie klug man gewesen wäre, hätte man ihn nicht gemacht.)

Gesetzt dem Fall, Sie würden einen Intelligenztest machen: Was wären Ihre Motive? Und wie würden Sie damit umgehen, wenn das Ergebnis nicht Ihren Wünschen entspräche? In der psychologischen Diagnostik habe ich schon einige der verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten zwischen Wunsch- und realem Ergebnis erlebt – und die Gespräche nach der Diagnostik, in denen es unter anderem darum geht, dies ein Stück weit abzufangen, sind ein sehr, sehr spannender und bereichernder Aspekt der Diagnostik, die auch mir persönlich viel geben.

  • Am Angenehmsten sind diejenigen (meistens haben wir es ja mit Eltern zu tun, die ihre Kinder testen lassen wollen), denen das Ergebnis völlig egal ist, weil sie einen Anhaltspunkt suchen, um ihrem Kind zu helfen – der Intelligenztest ist da ein Mosaiksteinchen, und das Ergebnis ist in erster Linie eine Information, die zur Problemlösung beitragen kann. Die sind zum Glück die überwiegende Mehrzahl, und darüber bin ich sehr froh. Es ist NICHT so, dass die meisten Eltern sich ein hochbegabtes Kind um jeden Preis wünschen; die meisten wollen einfach, dass es ihrem Kind gut geht und sie ihm eine gute Entwicklungsumgebung bieten könne.
  • Die Neugierigen – meist Erwachsene, die aus eigenem Antrieb kommen – sind ebenfalls angenehm, weil sie ohne größere Erwartungen (naja, vielleicht schon ein bisschen mit der Vermutung, dass sie eher am oberen Ende der Skala liegen ;-)) und recht entspannt an das Ganze herangehen, weil ihr Ziel ist, etwas über sich zu erfahren. Sie sind in der Regel neugierig und fragen im Auswertungsgespräch viel nach; es wird mit ihnen nicht langweilig.
  • Eltern, die im ersten Moment mit der festgestellten Hochbegabung ihres Kindes völlig überfordert sind, auch wenn sie’s doch irgendwo vermutet haben, kommen auch ab und an vor. Im Grunde haben diese Eltern aber bislang doch alles goldrichtig gemacht! Sie sind einfühlsam, merken, dass mit ihrem Kind etwas „anders“ ist und wollen ihm noch besser gerecht werden, als sie das ohnehin tun. Die Überforderungsreaktion rührt eigentlich nur daher, dass die Eltern vermuten, sie müssten jetzt irgendetwas Besonderes mit dem Kind veranstalten, worauf sie sich nicht vorbereitet fühlen. Wenn das Kind allerdings bis dahin so gut gediehen ist, kann das bisherige Vorgehen ja nicht so schlecht gewesen sein – das zur Beruhigung an diese Eltern, die ruhig weiterhin so empathisch und engagiert ihrem Kind gegenüber bleiben dürfen!
  • Anstrengend wird es im seltensten (und zum Glück auch absolut betrachtet sehr seltenen) Fall: mit denjenigen, die von der Hochbegabung ihres Kindes (oder der eigenen) derart steif und fest überzeugt sind, dass ein Testergebnis unter 130 nur daran liegen kann, dass der Test nix taugt, der Testleiter seinen Beruf verfehlt hat oder was auch immer. Da kommt es dann auch schon mal zu so schrägen Szenen wie „Hier in dem einen Bereich hat $KIND doch 131, das ist doch klar hochbegabt!“ In der Situation ist es nicht immer ganz einfach, den Bezugspersonen klarzumachen, wozu das Ergebnis eigentlich dienen soll: Es soll bei der Lösung von Problemen helfen und dazu beitragen, dass das Kind seinen Voraussetzungen entsprechend gefördert wird, und nicht dazu, irgendwelche fragilen Egos aufzupolieren. Warum muss ein völlig durchschnittliches Kind in eine Hochbegabtenförderung? Da geht es doch um ganz andere Ziele als darum, dem Kind eine optimale Entwicklungsumwelt zu ermöglichen …

Das zur kleinen spontanen Typologie; vielleicht fallen Ihnen aber noch ein paar Ergänzungen ein?

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 vertritt sie die W3-Professur für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Davor hatte sie zwei Jahre lang die Vertretung des Lehrstuhls für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Im April 2016 erhielt sie den SciLogs-Preis 2016.

Zu diesem Beitrag liegen noch keine Kommentare vor.

Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Diesen Blog betreiben "Gehirn und Geist" und Karg-Stiftung gemeinsam. Ihr Kommentar wird auf beiden Internetseiten veröffentlicht.

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.