Christliche Wurzeln der Toleranz – Beispiel Sebastian Castellio

Sebastian Castellio Toleranz, Glaubensfreiheit, Achtung anderer Menschen als Menschen, hat vielerlei Wurzeln. Manche sind tief im Hintergrundrauschen uralter geistesgeschichtlicher Traditionen verborgen. Manche sind auch verkümmert. Bei manchen lohnt es sich, die Erinnerung an sie wach zu halten. Sebastian Castellio (1515-1563) ist ein hervorragender Zeuge hierfür. Er hat dem modernen Toleranzgedanken zum Durchbruch verholfen.

Dabei war er zugleich umfassend humanistisch gebildet und zutiefst christlich geprägt. Doch dem standen erschreckende Erfahrungen entgegen: In Genf herrschte Calvin; und der sorgte trotz eigener humanistischer und christlicher Einsichten 1553 für den Tod Servets, angeblich wegen seiner Bestreitung der Trinitätslehre. Dieser Fall einer ersten Ketzerverbrennung im Protestantismus ist ja bekannt. Es ist auch ein „Fall“ Calvins, er fiel hinter seine eigenen humanistischen Maßstäbe zurück. Es war bei ihm wohl uneingestandene Angst – um sich, seine Reputation und um sein Projekt eines Gottes-Staates im protestantischen Außenposten Genf –, die ihn zum Glaubensterror verführte. Und er verbreitete Angst und Schrecken.

  Karte Reformierter in 1560
Religiöse Zersplitterung – Wagenburgmentalität der Reformierten –
eine Karte von Emerson Kent.com

Castellio – ein freier, ein verfolgter Denker…

Einer hatte keine Angst, Sebastian Castellio in Basel. Oder eigentlich hatte er doch, denn er kannte Calvin, dessen Persönlichkeit und dessen Form der Machtausübung. Aber sein Gewissen war stärker. Zunächst durch die Schrift „Ob Ketzer verfolgt werden dürfen“ versuchte er, im Frühjahr 1554 gegen das Urteil von Genf anzugehen.

Nun, was Castellio anlässlich der Verbrennung Servets in seinem Kampf für die Toleranz. schrieb, ist ja verschiedentlich geschildert. Am bekanntesten dazu ist Stefan Zweigs Buch „Castellio gegen Calvin. Ein Gewissen gegen Gewalt“ – 1936 als Kampfschrift gegen Hitler erschienen und also mit eigener zeitaktueller Gewichtung; aber auch so bietet er aufregend präzise Einblicke in die historischen Zusammenhänge.

Castellio begründet den Toleranz-Gedanken zugleich christlich und humanistisch:
„Die Wahrheit zu suchen und sie zu sagen, wie man sie denkt, kann niemals verbrecherisch sein. Niemand darf zu einer Überzeugung gezwungen werden. Die Überzeugung ist frei.” Und er beruft sich auf die „Sanftmut Christ“: „Denn es geschieht meistens, dass die Menschen, wenn sie als Mühselige und Beladene das Evangelium erstmals annehmen, über die Dinge der Religion recht denken, weil die Armut besonders empfänglich ist für die Wahrheit Christi, der auch arm war. Wenn aber die gleichen Menschen später zu Reichtum und Macht gelangen, lassen sie im Glauben nach … und setzen die Gewalt an die Stelle der Frömmigkeit.“

Man sieht hier auch, Castellio kam von unten: aufgewachsen als Kind einfacher Leute, anders als Calvin. Seine Gelehrsamkeit war gewissermaßen noch geerdet. Und er hatte selber schon zu spüren bekommen, wie Hunger und Entbehrung weh tun können, Menschen entwürdigen. Sein früher Tod im Dezember 1563 hängt auch damit zusammen; und mit der drohenden Verfolgung durch die Genfer – er bewahrte ihn aber zugleich davor, ein ähnliches Schicksal wie Servet erdulden zu müssen.

Mit Recht wehrt sich Stefan Zweig gegen die Behauptung, erst durch Hume und Locke sei die Toleranz-Idee in Europa verkündet worden. Sie wurde deutlich ausgesprochen bereits bei diesem christlichen Humanisten, diesem humanistischen Christen Castellio.

Und ich möchte noch etwas betonen: Eigentlich ist sein Buch darüber, dass Ketzer nicht mit dem Tod bestraft werden dürfen, ein Florilegium verschiedenster Aussagen bedeutender Leute der Kirchen- und Theologiegeschichte von Augustin bis Erasmus und Luther – ironischerweise gerade auch einschließlich einer dezidierten Äußerung Calvins von 1536, Todesstrafe für Ketzer widerspreche „jedem Prinzip der Humanität“. Auch er hätte es also wissen können, wollte es aber nicht mehr wissen. Macht kann Gewissen korrumpieren.

Castellio - Contra libellum Calvini Die Saat war schon angelegt

Zusammen genommen beweisen Castellios Ausführungen und seine Zusammenstellung der Zitate doch eigentlich, dass der Gedanke der Toleranz bereits damals in der Christenheit bekannt und jedenfalls im Protestantismus anerkannt hätte sein müssen: Verzicht auf Gewalt in der Duldung Andersdenkender war ursprünglich von allen protestantischen Vertretern hoch gehalten – schließlich war die Reformation ja auch als eine Freiheitsbewegung gegen staatlichen und kirchlichen Gewissenszwang entstanden, ursprünglich… 

Was mir dabei auch eindrücklich ist: Castellio hatte gute Gründe, seine Schrift Herzog Christoph von Württemberg zu widmen. In dessen Umgebung, bei württembergischen Theologen wie Johannes Brenz, war Hoffnung auf Toleranz schließlich kein bloß frommer Wunsch…

Die Saat der Toleranz war durchaus schon bereit. Wie Wintergetreide war sie zwar noch unter zu hartem Boden. Und als in der Reformationszeit ein Frühling anbrach, erwies sie sich bei Calvin und seinesgleichen als unter die Dornen geworfen (Matth 13 bzw. Richter 9). Viele dachten wohl das Richtige, aber sie hatten Angst, das zu sagen, was sie dachten; oder meinten – in einer Art protestantischer Wagenburg-Mentalität – gegen die Verbrennung Servets  nicht protestieren zu sollen. Doch die Saat musste aufgehen. Schließlich wurden, wie Zweig bemerkt, in der Frühzeit der Aufklärung gerade calvinistische Länder zu Zufluchtsstätten der Meinungsfreiheit.

Es braucht eben immer wieder Leute, die nicht nur denken, was sie sagen – sondern auch wirklich sagen, was sie denken. Solche Leute eben wie Castellio.

 

Hermann Aichele

Veröffentlicht von

Hermann Aichele Jahrgang 1945. Studium evang. Theologie in Tübingen, Göttingen und Marburg (1964-70), Pfarrer in Württemberg, jetzt im Ruhestand. Hinter die Kulissen der Religion allgemein und besonders des in den christlichen Kirchen verkündeten Glaubens zu sehen, das war bereits schon in der Zeit vor dem Studium mein Interesse: Ich möchte klären, was gemeint ist mit den Vorstellungen des Glaubens, deren Grundmaterialien vor Jahrtausenden geformt wurden - mit deren Über-Setzung für uns Heutige man es sich keinesfalls zu leicht machen darf und denen gegenüber auch Menschen von heute nicht zu leicht fertig sein sollten.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderbar!

    Lieber Hermann,

    das ist ein wundervoller Beitrag über eine beeindruckende Person in einer turbulenten, bis heute nachwirkenden Zeit. Vielen Dank dafür! Und ein herzliches Willkommen vom Blognachbarn, ich freue mich auf viele lehrreiche Posts und werde mir keinen entgehen lassen! 🙂

  2. Danke

    für den schönen Bericht über einen Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, der leider etwas in Vergessenheit geraten ist.
    Das im Artikel angesprochene Büchlein von Stefan Zweig kann ich nur wärmstens zur Lektüre empfehlen, das nicht nur historischen sondern auch gehobenen literarischen Ansprüchen genügt.

    Markus Lauer

  3. Theologie

    Wird es auch noch etwas über die Theologie von Sebastian Castellio zu lesen geben?

    Das finde ich sehr interessant, wie er zu dieser Zeit gedacht und danach gehandelt hat. Aber wie so oft waren diese Gedanken ihrer Zeit zu weit voraus.

  4. Danke – und weiter

    Danke an die drei Kommentatoren – für Ermutigung und ergänzende Hinweise. Ich denke, Stefan Zweigs Buch wäre eine eigene Sache. Gibt’s ja aber auch schon, z.B. von Jakubzik, z.B. über http://www.hausarbeiten.de/…vorschau/141743.html zu erreichen (und zu erwerben).
    Und Stefan Zweig hat eben eigene tagesaktuelle Interessen, hinter die ich noch ein bisschen besser sehen möchte.

    Castellios Theologie: Ich denke, ich lese und schreibe dran weiter. Wobei mir Castellios Tehologie zwar weniger buchstabengläubig als die mancher Zeitgenossen, dafür aber um einiges zu moralistischer erscheint. Nun, MSS horche weg ;-), Moralisten sind offensichtlich nicht nur von Übel.
    Vielleicht denke ich mich auch mal in Johannes Brenz mehr hinein – Castellios Toleranz kann eben nicht bloß als Außenseiter-Position abgetan werden.

    Freundlichen Gruß ringsum
    Hermann A.

  5. Die Blutspur des Christentums – nur akzidentiell?

    Evtl verhält es sich so, dass der Gedanke der Menschenfreundlichkeit und Toleranz im Christentum essentiell von Anfang an ist, und die so oft (von interessierter Seite) in den Vordergund gestellte Blutspur des Christentums nur akzidentiell?

    Obiges Aufsätzchen ist ein wichtiger Erkenntisgewinn.

    Allerdings:
    Das Ganze passt sich notwenig und zwangsläufig ein in das grundsätzliche Verhältnis von Egoismus und Altruismus, das alle Menschen genetisch in sich tragen und das, wie wir wissen, dem Altruismus nur insofern Raum bietet, als er primär eigennützig ist.
    Und wir wissen es aus eigener Erfahrung: Rein altruistisch bis hin zur letzten und tiefsten Verzweiflung und völligen Selbstaufgabe, also ohne auch nur die geringste mindestens Gefühlsbelohnung, ist niemand auf dieser Welt – kein Albert Schweizer und keine Mutter Theresa, kein Pfarrer und keine Diakonieschwester.

  6. Toleranz u Blutspur

    Danke, @Johannes W., für den Kommentar.
    „von interessierter Seite“: Da gibt es ja verschiedene Leute, die ihre Einwürfe in die Waagschale werfen, um ihren Interessen mehr Gewicht zu geben.
    Essentiell und akzidentiell: Vielleicht so wie beim Gebrauch des Feuers (oder der Jagdgewehre 😉 )?. Da gibt es nix, was es nicht gibt.
    Altruismus u Egoismus: Für Altruismus gibt es wohl tatsächlich so etwas wie ein inneres Belohnungssystem des Gehirns über gewisse Botenstoffe, habe ich mal irgendwo in diesem Bereich gelesen. Aber das ist ja wohl eine andere Baustelle – können andere besser erklären.

    Alles Gute!
    Hermann A.

  7. nochmal Altruismus

    Die Menschheit existiert, weil sie sich erfolgreich fortgepflanzt hat. Wer hat sich fortgepflanzt? Die Menschheit? NEIN, sondern ausschließlich das INDIVIDUUM. Was braucht ein Individuum, um sich fortzupflanzen? Ressourcen ! Wenn es nicht in der Lage ist, die zur Fortpflanzung nötigen Ressourcen für sich zu sichern, pflanzt es sich eben nicht fort. Diese Sicherung gelang unseren Vorfahren, weswegen es uns gibt! Der Egoismus ist primär, grundlegend und universal – auch bei denen, die von Berufs wegen unablässig Nächstenliebe predigen. Wenn es an ihre eigenen Ressourcen geht, werden sie ganz schön empfindlich.
    Gott sei Dank gab es in der Vergangenheit nur wenige, die – moralisch hochstehend – aus altruistischen Gründen auf Ressourcensicherung und Fortpflanzung verzichteten, denn dann gäbe es uns nicht.
    Hütet euch vor Scheinheiligkeit

  8. Egotrip? Altruismus? @ J.Wendnagel

    Guten Morgen, Johannes W.
    Egoismus und Altruismus: Da bleibst Du ja beharrlich, und ich habe seit etwa 10 Tagen beharrlich geschwiegen. Na ja, auch äußere Umstände, die wir beide kennen…
    Aber etwas möchte ich doch nachschieben, um dann – vorläufig! – diesen Teil der Diskussion auf eine andere Schiene zu schieben:

    Ressourcen: Ich denke, dass auch für einen Egoisten zu den Ressourcen, von denen er lebt, die *Gruppe* gehört; und er wird, wenn er klug ist, seiner Gruppe jedenfalls nicht schaden wollen. Sonst sinken auch seine Reproduktionschancen gewaltig. Dazu las ich auch in diesem Blobereich verschiedenes. Aber evolutionspsychologisch müssen das jetzt wirklich andere klären und erklären. Im Zusammenhang der Theologie möchte ich schon mal drauf eingehen. Später. Deshalb doch: Dank der Nachfrage und der Beharrlichkeit!

    Im Zusammenhang mit Sebastian Castellio gegen Calvin würde ich das überhaupt nicht als einseitige Schwarz-Weiß-Malerei im Schema Egoismus-Altruismus dargestallt haben wollen: Auch eine mutige Gewissensentscheidung kann egoistische Züge haben (Dixi et animam *meam* salvavi). Und jeder der beiden Gegner hatte politisch oder argumentativ irgendwo auch recht. Aber bei Calvin musste alles streng und widerspruchsfrei sein. Eine Art Unfehlbarkeitsanspruch für die eigene Sichtweise der natürlich auch unfehlbaren Heiligen Schrift – siehe seine Auseinandersetzung mit Castellio wegen des Hohen Liedes Salomos. Und dabei verhakte er sich mit der Tötung Servets selbst in einem Widerspruch zu seinen 1536 behaupteten (und *eigentlich* zumindest den Reformatoren gemeinsamen) Grundüberzeugungen der „Prinzipien der Humanität“. Ist ja einigen späteren dogmatischen Ideologen einer unfehlbaren Partei auch passiert… Und an die hatte Stefan Zweig in seiner Charakterisierung Calvins doch vermutlich auch gedacht.
    Castellio, der zu einem Ketzer hielt, dachte wohl schlicht menschlicher, seine Theologie war noch geerdet. Er konnte (und musste!)im wörtlichsten Sinn noch Mit-Leid haben. Und, das finde ich bei ihm eben auch „spitze“: Bei ihm musste nicht alles widerspruchsfrei aufgehen – der Geist war diesem Philologen und Pädagogen wichtiger als der Buchstabe, die Menschen waren für ihn nie nur ganz gut oder nur ganz schlecht. Schwarz-Weiß-Malerei war auch ihm zuwider.
    Mach’s gut, wo Du auch heute stehst –

    Hermann

  9. Egoismus muß nicht genetisch sein

    Gerade wenn es um religiöse Fragestellungen geht greift man zu kurz, wenn man beim Gerede über Egoismus und Altruismus nur den biologischen Fortpflanzungsefolg im Sinn hat. Nicht nur genetische Informationen werden darauf hin selektiert für die eigene Ausbreitung zu sorgen. Das Gleiche gilt auch für kulturelle Überlieferungen – und religiöse Überlieferungen sind hier ein Paradebeispiel.
    Geht es bei der Aufforderung „Seid fruchtbar und mehret euch!“ wirklich nur um biologische Fitnessmaximierung? Der sicherste Weg zur Weitergabe religiöser Glaubensvorstellungen ist doch wohl der über die Eltern an die Kinder. Die Aufforderung an die Gläubigen sich zu vermehren ist also auch aus Sicht der Religion egoistisch – gleichzeitig wird sie flankiert von weiteren Forderungen, wie z.B. nach ehelicher Treue, die nur für die Ausbreitung der Religion einen Nutzen bringen, bei dem gehorsamen Gläubigen jedoch eher Fitnessmindernd wirken.
    Menschliches Verhalten findet in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen statt. Genetisches und kulturelles Erbe wetteifern miteinander um den Einfluß auf unser Verhalten, das in beiden Fällen essentiell für den Erhalt und die Ausbreitung der entsprechenden Informationen ist. Als dritter Spieler tritt dann auch noch der menschliche Verstand auf den Plan, bei dem es sich um eine eigenständige Quelle funktionaler Komplexität handet. D.h., dass unser Gehirn in der gleichen Liga mitspielt wie die kulturelle und die organische Evolution – auf der sogenanten Ebene der letzten Ursachen. Dies wird dann bei Menschen mit Neigung zu eigenständigem denken, wie Sebastian Castellio es gewesen zu sein scheint, besonders deutlich.
    Hinter echtem genetischen Alruismus versteckt sich beim Menschen meistens memetischer Egoismus. Die Religion benutzt ihre Priester (oder gar Märtyrer), wie ein Kuckuck es mit dem Wirtsvogel tut. Märtyrer und Wirtsvögel sind in ihrem Verhalten fremdgesteuert und das geht in der Regel zu Lasten des eigenen Fortpflanzungserfolgs.

    @ Johannes Wendnagel: Bei einigem, was Sie über Altruismus zu „wissen“ meinen, handelt es sich doch wohl eher um biologistisch angehauchte Glaubensvorstellungen.

  10. Diverses – zur Theologie?

    OK, Herr @Kirschmann, zu kurz greifen sollte man nicht. (Ließ ich ja jetzt auch etwas lange anstehen 😉 – Entschuldigung). Aber etwas kurz halten wollte ich hier die Diskussion über Altruismus-Egoismus. Denn das war ja wirklich nicht mein Thema, sondern Sebastian Castellio und die christlichen Wurzeln der Toleranz. Und ich möchte mich zu den evolutions-psychologischen Gesichtspunkten bezüglich Ego-Altruismus zuerst noch etwas kundiger machen, um (bald mal?) einen theologischen Beitrag draus zu machen. Nun, ich sehe auch an Ihrem Disput und an den Kommentaren von @Joh.Wendnagel, dass ich dieses anderweitig schon breitgetretene (!) Thema auch mal auf meine Weise aufgreifen sollte. Aber nicht alles gleichzeitig 🙂

    Greife ich hier nur mal die beiden Abschnitte von Ihnen heraus, die mich *theologisch* angehen:
    Geht es bei der Aufforderung „Seid fruchtbar und mehret euch!“ wirklich nur um biologische Fitnessmaximierung? Der sicherste Weg zur Weitergabe religiöser Glaubensvorstellungen ist doch wohl der über die Eltern an die Kinder. Die Aufforderung an die Gläubigen sich zu vermehren ist also auch aus Sicht der Religion egoistisch – gleichzeitig wird sie flankiert von weiteren Forderungen, wie z.B. nach ehelicher Treue, die nur für die Ausbreitung der Religion einen Nutzen bringen, bei dem gehorsamen Gläubigen jedoch eher Fitnessmindernd wirken.
    Das biblische „seid fruchtbar…“ ist in der alten Schöpfungs-Erzählung/dem Schöpfungs-Gedicht aus Gen. 1 nicht so auf Fitnessmaximierung gemünzt (wessen Fitness auch? etwa von Gläubigen versus Ungläubigen?), sondern schlicht als Segens-Perspektive für *alle* Menschen (und übrigens auch schon für die Tiere) gedacht.
    Weitergabe religiöser Glaubensvorstellungen ist was anderes – da können Sie Ihre Meme ins Spiel bringen. Ich benütze sie auch manchmal, nehme sie aber lieber nur als bildhafte Analogie zu den Genen – läuft halt doch etwas anders. Und gerade bei der Weitergabe von Glaubensvorstellungen von Eltern zu Kindern nicht besonders sicher, gibt ja schließlich auch Generationenkonflikte…
    Wenn Gläubige sie doch weitergeben können – na ja, meinetwegen ist das „egoistisch“, in Bezug auf ein (religiöses) Gruppen-Interesse, wie bei allen Gruppen, die ihre Interesse vertreten. Was dagegen? Ist ja was anderes als Einzel-Egoismus auf Kosten anderer.
    „Eheliche Treue“ – ach, das ist ein weites evolutionspsychologisches, soziologisches… Feld: Die jeweiligen Religionen formulieren eben, was sich in den jeweiligen Gesellschaften als gemeinsame Grundüberzeugung durchsetzt. Monogamie sicherlich vorherrschend, wie der anthropologische Mainstream; aber in der konkreten Ausgestaltung haben sie sich (auch inner-biblisch/christlich) schon gewandelt; *und* haben sich Wandlungen schon widersetzt.
    Eheliche Treue „Fitnessmindernd“? Kommt wohl drauf an, auf welche Fitness man es beziehen will 😉 .
    Der andere, kürzere Abschnitt:
    Die Religion benutzt ihre Priester (oder gar Märtyrer), wie ein Kuckuck es mit dem Wirtsvogel tut. Märtyrer und Wirtsvögel sind in ihrem Verhalten fremdgesteuert und das geht in der Regel zu Lasten des eigenen Fortpflanzungserfolgs.
    Na ja, das Problem der Fremdsteuerung gibt es schon, in den verschiedensten ideologischen Systemen. Soziologen könnten da wohl vielerlei beitragen. Seit mindestens den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts redet man von den Angestellten großer Betriebe ähnlich, gerade auf der oberen Management-Ebene. Doch man müsste differenzieren. Ich differenziere nur mal bezüglich Priestern u Märtyrern. Bei einer bestimmten Sorte von Priestern kann man wohl so etwas wie Fremdsteuerung herausspüren. Und ich finde es doch besser, sich immer wieder auf ganz positive Überraschungen gefasst zu machen: Leute, die mutig einstehen für eine gerechte Sache; und dabei u.U. auch manche Schwierigkeit mit ihrer Kirche riskieren – wobei ich doch nahe beim ursprünglichen Thema Castellio bin. Man könnte sagen: *Aus Religion* gegen die Machthaber der Religion. Ach was, vor kurzem fiel mir wieder das Buch von Rudolf Bahro in die Hand „Die Alternative“. Es gibt Parallelen…
    Märtyrer – das sind sehr oft Leute, die ihren ganz eigenen Weg, außerhalb der kirchlichen Trampelpfade suchen. Natürlich erscheint es dann kirchen-offiziellen Institutionen oft hinterher besser, die Erinnerung an die Märtyrer zu vereinnahmen und von oben her zu verwalten, damit die Erinnerung nicht gegen sie gewendet wird. Und klar: Es gibt auch Märtyrer aus Leichtsinn. Aber von denen rede ich lieber nicht.

    Nun ja, man sollte nicht zu kurz greifen – deshalb konnte ich mich doch (wieder mal) nicht kurz fassen 😉
    Ob wir immer beim Thema bleiben können – das weiß ich nicht. Aber ich möchte doch – ganz egoistisch ! – in meinen Beiträgen am Bezug zu meinem Blog-Thema festhalten: Denk-Geschichte(n) des Glaubens, also Theologie. Für andere Themen kann ich mich und können Sie sich ja in anderen Blogs umsehen…

    Gute Wünsche
    Hermann A.

  11. @Hermann Aichele

    Danke für die ausführliche Reaktion. Eigentlich juckt es mir in den Fingern ebenso umfassend auf Ihre Ausführungen zu reagieren – aber Ihr Hauptanliegen war ja deutlich genug formuliert. Es gibt in der Tat andere Blogs …

    Alles Gute noch.

  12. Christliche Wurzeln der Toleranz

    Die geschilderte Person war bemerkenswert.

    ABER war sie tolerant wegen oder trotz des Christentums?

    Prinzipiel kann ein Monotheismus nicht tolerant sein, der er doch die einzig gültige Wahrheit ist und alle anderen vom Satan verführt und verdammt sind.

    Ich denke, dass kann man an 2000 Jahren Christentum gut nachvollziehen … das Christentum war nur tolerant, wenn es dass sein musste, weil die Macht fehlte.

    Sebastian Castellio ist bemerkenswert keine Frage, vermutlich um so mehr als das er im Christentum leben musste.

    Tolerant sind nur Religionen ohne Götter, oder Polytheism – soweit ich weiss.

  13. Die Christen und die Toleranz @ Sascha Bohnenkamp

    Danke, Sascha Bohnenkamp, dass Sie das Thema nochmals aufgreifen. Nun, die Sache ist sicher vielschichtig. Gewissermaßen als Zugeständnis mögen Sie es verstehen: Sebastian Castellio war Griechisch-Lehrer und hatte schon deshalb einen etwas größeren als den üblichen Horizont. Andererseits, das darf auch betont werden: Er brachte den Toleranzgedanken nicht (wie selbst Calvin!) auf einen allgemein humanistischen Nenner, sondern begründete ihn ausdrücklich christlich. Die prägnanteste Zusammenfassung kann ich ausgerechnet aus einer linken Veröffentlichung anbieten: grundrisse, zeitschrift für linke theorie und debatte. Da ein Aufsatz von Phillippe Kellermann: Über den aufrechten Gang im Vorgestern. Siehe http://www.grundrisse.net/…hilip_kellermann.htm.
    Grundaussagen: Die Strafe für Ketzerei Gott überlassen. Es geht um die Praxis der Nächstenliebe, nicht um eine eng gefasste Lehre. Wir sollen uns zu Christus bekennen und nicht zur Gewalt.
    Mir ist dabei auch deutlich, dass er eine *Theologie von unten* betreibt und damit sicher näher am Menschen bleibt als die in die Theorie abgehobenen oder machtbesessenen Theologen. Aber das soll ja in verschiedenen politischen, ideologischen Zusammenhängen so sein.
    Es ist ein allgemeines Problem, nicht nur der Christen: Wehe, wenn sie Macht gegen andere gewinnen. Aber gerade auch nach der konstantinischen Machtergreifung gab es in der christlichen Tradition immer wieder Kräfte, die sich dagegen wehrten. Castellio gehört dazu. Und er wusste noch, dass der christliche Glaube prinzipiell *grundsätzlich* (in dessen Doppelbedeutung!) *macht-kritisch* ist. Diese Sätze Castellios hätte ich auch in der andern Diskussion bei Michael Blume, die Sie ja auch verfolgen, bringen können:
    „Es gibt keine größere Verblendung, die den Menschen befallen kann, als die, einem blinden Führer zu folgen und sich zu scheuen, an ihm zu zweifeln. … Sie forderten, dass man ihre Auslegungen als Orakelsprüche annehme, und sie haben in ihren Nachfolgern eine Art religiöser Furcht erweckt, die diese daran hinderte, Fragen zu stellen, geschweige denn Zweifel zu äußern.“ Und: „…vermeide es, dich menschlichen Auffassungen kritiklos anzuschließen und sie nicht mehr an der Vernunft der Sinne sowie der Heiligen Schrift zu messen“.
    Das kann (!) die macht-kritische Seite des Monotheismus bedeuten. Dass er ein eigenes Problem hat mit der Machtausübung ist andererseits auch verständlich – hat ja Jan Assmann einiges dazu gesagt. Aber die Widerständigkeit gegenüber (politischen) Machtanmaßungen hat er eben auch in einem Maße wie sie mir von polytheistischen Religionen nicht bekannt ist, vermutlich dort nicht gibt.
    Ist dabei sicher gut, nach allen Seiten die Augen offen zu halten. In diesem Sinn: Beste Wünsche
    Hermann Aichele

  14. @H.Aichele

    Ich kann in der Bibel wenig in Richtung Toleranz aber sehr viel für Intoleranz sehen.
    Auch einige Sprüche von Jesus z.B. lesen sich nicht sehr tolerant und passen auch nicht wirklich zur Feindesliebe wie z.B. die Stelle mit dem Mühlstein, Heidin die er Hund nennt uvm.
    Die Idee, dass Ketzer o.ä. von den Göttern zu bestrafen sind und nicht von Menschen kommt wohl aus dem Zweistromland .. polytheistische also.
    Die Idee ist sicher besser, keine Frage – aber die aus der Bibel abzuleiten verlangt schon viel Textbiegen äh ich meine „Hermeneutik“ 😉

    „An den Flüssen von Babylon … Glücklich ist, wer deine kleinen Kinder packt und am Felsen zerschmettert!“
    Ein Psalm (137) der meiner Meinung nach sehr viel über die Bibel aussagt. Dierser Psalm wird Trostpsalm oder Klagepsalm genannt, obwohl es doch nur um Rache geht.

  15. Na, @Sascha Bohnenkamp

    wir scheinen schon einen sehr unterschiedlichen Blickwinkel zu haben, wenn Sie manche Linien hin zur (!) Toleranz in der Bibel nicht sehen können und wenn Sie meinen, ausgerechnet die Rachegefühle der Gefangenen in Babylon sagten „sehr viel über die Bibel aus“ – wirklich nur Ihrer Meinung nach? Sicher sind die Aussagen zur Toleranz in der Bibel nicht auf eine Linie zu bringen. Die Bibel ist ein Diskussionsbuch, mit Spruch u Widerspruch; und öfters mal (!) hat sich das Bessere durchgesetzt.
    Die von Ihnen für die nicht so gute Seite genannten Stellen findet man unter entsprechender Anleitung recht schnell. Lohnt sich nicht, das als Ping Pong Spiel weiter zu treiben. Es lohnte sich eher, die Zusammenhänge zu lesen, auch in Psalm 137 (oder bei der Hunde-Benennung gegenüber einer Frau, dem Mühlstein…) und zu sehen, wohin sich Ideen entwickelt haben.
    Aber ergänzen könnten wir uns lustigerweise oder listigerweise vielleicht doch. Sie wissen:
    „Die Idee, dass Ketzer o.ä. von den Göttern zu bestrafen sind und nicht von Menschen kommt wohl aus dem Zweistromland .. polytheistische also“.
    Das wusste ich bis jetzt noch nicht, weiß manches nicht. Aber Sie könnten mir verraten, in welchen Zusammenhängen das im Zweistromland so genannt wird – vielleicht im Zusammenhang mit welchen Gottheiten oder Tempelfesten… Und ich verrate Ihnen dafür, dass und wo das in der Bibel vorkommt: Römer 12,19: „Rächt euch nicht selbst… Die Rache ist mein, spricht der Herr.“ Da in der Berufung aufs Alte Testament (5. Mose 32,35). Sebastian Castellio jedenfalls dachte an solche biblischen Stellen und einiges mehr (Bergpredigt), nicht an die Mesopotamier.
    Um Römer 12 u.ä. zu verstehen, braucht man keine hermeneutischen Verrenkungen – dass Ihnen „Hermeneutik“ nicht ganz geheuer ist, könnte ich schon nachvollziehen; aber das dürfte nicht durch echte Hermeneutiik=Verstehenslehre ausgelöst sein sondern durch arrogantes Verschanzen mancher Theologen hinter entsprechenden Fachausdrücken. Sorry, aber genau das will ich hier anders machen.
    Nennen Sie mir mal die Zusammenhänge der Anti-Rache-Idee aus dem Zweistromland? Ich will ja auch dazu lernen.

    Auf Gegenseitigkeit – beste Wünsche
    Hermann A.

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