Von Beuteln und Löchern – zwei Tage DPG-Frühjahrstagung

Wenn auf einmal Leute mit weißen Stoffbeuteln mit aufgedrucktem blauem „Phi“ durch die Stadt strömen, dabei über Gittereichtheorien, Wimps oder Wirkungsquerschnitte reden, dann ist eine Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in der Stadt. Dieses Mal war Bonn an der Reihe. Es folgt ein eher subjektiver Tagungsbericht.

Bonn ist ja von meinem Wohnort Aachen nur ein paar Steinwürfe entfernt, also konnte ich zwei Tage in die Welt der Eichbosonen, Quarks, Schwarzen Löcher und Teilchendetektoren abtauchen. Es war bereits meine vierte DPG-Frühjahrstagung, die erste allerdings, die ich nicht als Teilnehmer, sondern als journalistischer Beobachter besuchte. Ein Vorteil dieses Rollentauschs fiel mir bald auf: Anstatt mich durch ein (nicht immer spektakuläres) Pflichtprogramm mühen zu müssen, konnte ich mir diesmal ohne schlechtes Gewissen die Rosinen herauspicken. Da kam es mir gelegen, dass neben den Teilchenphysikern (zu denen ich mich bei früheren Besuchen zählte) in Bonn auch die Astronomen und Astrophysiker mit von der Partie waren.

Das Hauptgebäude der Bonner Universität, Tagungsort der DPG Frühjahrstagung 2010

Als erstes holte ich mir meine weiße Tüte ab, denn die ist nicht nur inoffizielles Erkennungszeichen der Tagung, sie enthielt auch als wesentlichen Inhalt das 350 Seiten starke Tagungsprogramm, in dem alle 1734 Konferenzbeiträge aufgelistet waren. So konnte ich mir ein persönliches Programm zusammenstellen, und das hatte es in sich! Man kann ja sicherlich jedem Beruf seine spannenden Seiten abgewinnen – aber das, womit sich Naturwissenschaftler (und hier insbesondere die Astrophysiker) tagtäglich beschäftigen, gehört schon zu dem Abgefahrensten, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdienen kann…

Los ging es am Montag morgen gleich mit der Suche nach der Dunklen Materie – dem Stoff, von dem wir bislang nicht viel mehr wissen, als dass er da ist. Deren vermeintliche „Entdeckung“ wird ja immer mal wieder verkündet, doch glaubt man Wolfgang Rau von der Queens University in Kanada, dann dürften noch mindestens fünf bis zehn Jahre vergehen, bis wir wissen, ob es tatsächlich so etwas wie Wimps gibt, oder nicht. So lange soll es jedenfalls dauern, bis die Experimente zum direkten Nachweis der Dunklen Materie empfindlich genug sind.

In noch größeren Zeitrastern denken die Kernfusionsphysiker, von denen einige den Stand der Forschung in einer Fachsitzung präsentierten (einen Artikel speziell zum spannenden Thema Laserfusion gibt es bei Spektrum online). Ihre Quintessenz: Ob Iter, DEMO, NIF oder HiPER – frühestens ab Mitte des Jahrhunderts darf man sich Hoffnungen über Fusionsstrom aus der Steckdose machen. Böse Zungen behaupten, ähnliches werde schon seit 50 Jahren verlautbart, wobei der Zeitpunkt des „Durchbruchs“ in der Zukunft entsprechend zurechtgerückt werde. Wie Guenter Janeschitz für Iter und Markus Roth für die Laserfusion aber betonten, sein man jetzt immerhin soweit, dass wesentliche Schwierigkeiten verstanden sind. Mal sehen…

Mir kommen die Zeitprognosen solcher Großprojekte ja immer reichlich abstrakt vor. Ähnlich abstrakt wie das, worüber die Damen und Herren Gravitation- und Schwarzloch-Forscher zum Besten gaben (bei Gelegenheit muss ich mir mal Andreas’ vielgelobtes Buch zuführen). Insbesondere sobald es hier in die mathematischen Details geht, meldet mein persönliches Rechenzentrum aber sehr schnell Stack Overflow Error und fährt in den abgesicherten Modus herunter. Gut, dass die Kaffeetankstelle auf DPG-Tagungen nie weit weg ist.

Will man auf einem solchen Tagungsmarathon insbesondere am späteren Nachmittag überhaupt noch aufnahmefähig bleiben, dann geht das nur mit Hilfe spannender Themen, exzellenter Vorträge und Referenten, die sich aufs Präsentieren ihrer Arbeit verstehen. Diese habe ich vor allem bei den Planeten- und Exoplanetenforschern getroffen. Egal ob es um Enceladus’ Wasserdampffontainen ging oder eben um die Entdeckung fremder Welten, man merkt den Forschern ihre Begeisterung förmlich an (natürlich wurde auch die jüngste Veröffentlichung um CoRoT-9b angesprochen). Das Symposium Exoplaneten am späten Mittwoch Nachmittag gehört so ziemlich zu den besten wissenschaftlichen Vortragsserien, denen ich bislang beiwohnen konnte. Was Artie Hatzes von der Thüringer Landessternwarte, Joachim Wambsganss vom ZAH in Heidelberg, Wilhelm Kley von der Uni Tübigen und Gerda Horneck vom DLR zu den Themen Exoplanetensuche, Microlensing, Entstehung von Planetensystemen und Habitabilität und der Evolution von Leben zu sagen hatten – und vor allem wie sie es sagten – ließ Müdigkeit selbst nach einem langen Vortragstag gar nicht erst aufkommen. Die dicht beschriebenen Seiten meines Notizblocks sind ein untrügerischer Beweis. Einiges davon habe ich hier „verarbeitet“.  

Schließlich erfuhr ich noch, was ein galaktischer Archäologe eigentlich macht (dazu gibt es hier mehr zu lesen), wie sich die Dunkle Materie in unserer Galaxie eigentlich anordnet und wie man sie möglicherweise bald im Weltall nachweisen kann. Und außerdem – ganz nebenbei – dass man gewisse Hörsaalbänke bei entsprechend langer Anwendung auch für innovative Verhörmethoden einsetzen kann.

Schade nur, dass die Bonner Konferenz wohl eine der letzten sein wird. Denn glaubt man dem freundlichen, wenn auch etwas penetranten, älteren Herrn auf Rollschuhen mit den umgehängten Pappschildern, der im Vorhof der Universität seine Kreise zog, dann wird ja der LHC bald die Erde vernichten – zumal selbst das Bundesverfassungsgericht mit allem unter einer Decke steckt. Seine ausgearbeitete Theorie, die er gratis verteilte, habe ich leider nicht mehr lesen können. Wenn Sie aber wissen wollen, wie sie sich vor den gefräßigen Schwarzen Löchern des Cern schützen können, fragen Sie einfach einen Physiker, wenn Sie ihn zum Beispiel bei Aldi an der Kasse treffen. Sie erkennen ihn (oder sie) ganz einfach an dem weißen Stoffbeutel mit dem Phi drauf.

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Aah, ein Kollege!

    Sie an, da war ja doch noch ein anderer Blogger auf der DPG-Tagung, und zumindest bei den Exoplaneten und auf Enceladus haben sich unsere Weltlinien sogar – unbemerkt – gekreuzt. Ich frage mich indes, ob die Tagung mit ihren immerhin 2000 Teilnehmern sonst noch Spuren in der Blogosphäre oder dem Twitterversum hinterlassen hat: Nennenswertes zu finden war da bisher nicht, und z.B. das Live-Twittern aus spannenden Vorträgen (über das man so mancher Tagung in den USA regelrecht folgen kann) scheint hierzulande komplett unüblich zu sein.

  2. @Daniel

    Nun, wichtig zu erwähnen ist ja noch, dass die Tagung keineswegs öffentlich war. Für Nicht-Physiker und -Wissenschaftsjournalisten sind Tageszeit und Konferenzbeitrag eher abschreckend. Ich frage mich daher, wie viele Blogger noch dort waren (ich weiss nur von einer weiteren).

    Und was das Live-Twittern angeht, so frage ich mich überhaupt, welchen tieferen Sinn das überhaupt hat. Ich persönlich lese doch lieber einen vernünftig strukturierten (Blog-)bericht in ganzen Sätzen über einen Vortrag als 140-Zeichen-Telegramme. Und der Vortragskultur tur es auch nicht gut, wenn jeder ständig auf Laptop oder Mobiltelefon humhackt. Erfreulicherweise ist die Zahl derer, die zu Beginn eines Vortrags ihren Laptop hochfahren und dann mehr auf ihren Bildschirm starren als dem Vortrag zu folgen, über die Jahre konstant geblieben.

  3. Jeder hätte hingehen dürfen

    „Nun, wichtig zu erwähnen ist ja noch, dass die Tagung keineswegs öffentlich war“ – das dachte ich auch … bis ich mich am Freitag mit einem der beiden Bonner Tagungsorganisatoren unterhielt, und er mir eröffnete, man hätte absichtlich auf jede Kontrolle der Konferenz-Badges verzichet, und jeder Interessierte hätte in die Sessions kommen können, ob er nun die Konferenzgebühr bezahlt hätte (was „nett“ gewesen wäre) oder nicht.

    Da war ich aber platt – offenbar hat die DPG ein recht anderes Verständnis von Offenheit als sonst bei wissenschaftlichen Tagungen üblich (umgekehrt darf auf den Tagungen allerdings auch der letzte Unfug von Einstein-Leugnern etc. vorgetragen werden, wie auch diesmal wieder geschehen). Im Vorfeld beworben worden war in Bonn m.W. nur, dass zwei Abendvorträge und der Festakt in der Oper öffentliche Veranstaltungen seien.

    Was das Live-Twittern aus Konferenzen betrifft, so halte ich das bei Review Talks, wie wir in Bonn ja besonders viele gute hatten, auch für Unfug – aber wenn heiße Neuigkeiten vorgetragen werden, dann gehören ein paar Schmankerl in Echtzeit auf Twitter heutzutage eigentlich schon zum ‚guten Ton‘. Bei der Lunar and Planetary Sciences Conference Anfang des Monats z.B. konnte man via #LPSC gewissermaßen dabei sein.

  4. Das wusste ich nicht…

    …und finde es gut! Ist mir schon bei anderen DPG-Tagungen aufgefallen, dass niemand nach den Namensschildchen fragt, wobei ich einmal – 2005 in Berlin – eine Ausnahme erlebt habe.

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