So geht Rosetta/Philae-Kommunikation: Modern und ohne Maulkorb

So kann Wissenschaftskommunikation bei Rosetta auch aussehen: Anstatt wie andere Teams ihre Ergebnisse vor der Öffentlichkeit zu verstecken, nutzte heute ein Mitglied des Philae-MUPUS-Teams (Multi-Purpose Sensor) den Kurznachrichtendienst Twitter, um von einem fahrenden Zug von Deutschland in die Schweiz neueste Resultate von den Untersuchungen der Kometenoberfläche in die Welt zu zwitschern und beantwortete gleich noch Fragen dazu. Das ganz offiziell und mit Genehmigung des MUPUS-PI. Ein schönes Beispiel, wie Öffentlichkeitsarbeit im 21. Jahrhundert gehen sollte und dass sie nicht superteuer und kompliziert sein muss – auf den Willen kommt es an.

So erfuhr man etwa, dass der Komet zunächst mit der niedrigsten, dann mit höheren und schließlich mit der höchsten Kraftstufe angehämmert wurde – und dabei ging der Hammer kaputt! Die Kometenoberfläche ist also sehr hart – für diese Entdeckung brauchte es eben einen Lander, aus dem Orbit sieht man so etwas nicht. Fazit: MUPUS funktionierte, wie es sollte, nur der Komet kooperierte leider nicht.

Bei Daniel Fischer stands zuerst und ausführlicher – ich selbst war bereits im „Wochenende“, konnte mir diesen Blogpost aber nicht verkneifen.

PS: Was Twitter meiner Meinung nach fehlt, ist eine Möglichkeit, bestimmte thematische Tweetfolgen übersichtlich zu archivieren. Die Konversation lässt sich hier aber noch gut nachvollziehen.

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Michael Khan

    Die Kometenoberfläche ist sehr hart, mehr als 2 MPa. Vielleicht die wichtigste Einzelentdeckung von Philae und ein weiterer Nagel im Sarg des “schmutziger Schneeball“-Modells, von dem leider immer noch geredet wird.

    • Hm, ich denke da mal an einen fluffigen Kirschkuchen.
      Wer hat nicht schon mal auf einen Kirschkern gebissen, Zahnecke weg.
      Die Oberfläche hat bei der „Erstlandung“ viel kin. Energie absorbiert, gestaubt.
      Der Bohrer dagegen hat (an einer? anderen Stelle) auf „Granit“ gebissen.
      Darf man das verallgemeinern?

    • Jan Hattenbach

      Ich denke auch nicht, dass man das so pauschal sagen kann. Philae konnte eben nur an einer einzigen Stelle Daten nehmen. Dass der Komet keine homogene Oberfläche hat, zeigen ja gerade die Navcam-Bilder des ersten Aufpralls.

      Wichtig ist, den Ort des Landers festzustellen. Gut möglich, dass man ihn auf den Osiri-Bildern schon gefunden und man es uns einfach noch nicht gesagt hat, weil man im Max Planck Institut für Sonnensystemforschung Öffentlichkeitsarbeit für eine Nebensache sieht (ok, ich kann’s nicht lassen).

      • Michael Khan

        Das MPS ist ganz sicher der größte Problemfall in der Öffentlichkeitsarbeit bei dieser Mission. Ein Glück, dass die nicht auch die Hauptverantwortlichkeit für CIVA tragen. Dann müssten wir in ein paar Monaten alle “Nature“ kaufen, um endlich mal ein paar Bilder zu sehen.

  2. Michael Khan

    In den bisherigen PKs und Media-Briefings wurde gesagt, dass die Oberfläche eben viel weniger Energie dissipierte udn viel stärker zurückfederte als angenommen. Ein Indiz für eine harte, zusammenhängende Oberfläche und gegen eine weiche, fluffige Struktur (die auch mit anderen beobachteten Phänomenen schwer zu vereinbaren wäre).

    Die Energieaufnahme und -dissipation erfolgt in den Landebeinen, die über ein zentrales Rohr mit dem Korpus der Landesonde verbunden. Diese Struktur enthält einen kleinen Motor, der beim Aufsetzen als Generator fungiert und kinektische in eletrische Energie umwandelt.

    Ist das keinem bekannt? Es steht u.a. aber genau so in der Dokumentation, die von ESA öffentlich zur Verfügung gestellt wurde.

    Dort – nicht in der Oberfläche – wurde wahrscheinlich das Gros der kinetischen Energie aufgenommen. Weil die Oberfläche beim ersten, und vielleicht auch beim zweiten Aufsetzen,aber stärker zurückfederte (und damit weniger Energie dissipierte) als erwartet, ging Philae wieder aufwärts.

    Es ist keineswegs so, dass die Hinweise auf eine hohe Härte und starkein inneren Zusammenhalt der Oberfläche allein von der MUPUS.Messung stammt. Im Gegenteil, alls zusammen ergibt ein konsistentes Bild. Kometenschalen sind offenbar hart und zusammenhängend. Dass es an der Oberfläche auch lokal Akkumulationen weicherer Materialen geben kann – mag sein. Schließlich dürfte es genau wie auf dem Mond zu einer erheblichen Mobilität des Staubs aufgrund von beträchtlichen elektrostatischen Kräften kommen. Ich lehne mich aber hoffentlich nicht allzu weit aus dem Fenster mit der Vermutung, dass die harte Schale von erheblicher innerer Festigkeit den Kern fast komplett umschließt. Dort, wo die Schale dünner ist oder Lücken aufweist, wird man in der Phase hoher Aktivität Jets sehen.

    Die Aktivität nimmt übrigens weiter zu, wie auch aus den Media Briefings deutlich wurde. Inzwischen ist es bereits soweit, dass Rosetta die Zone um die Vertikale über dem Subsolarpunkt umgehen muss, weil dort die Bahn durch das vom Kometen ausgestoßene Material zu stark gestört würde.

  3. 😉 „Modern“ vielleicht, aber ganz sicher nicht „ohne Maulkorb“. Der Einfluß führender „Wissen“-Politiker in den oberen Positionen der ESA war unübersichtlich. Das alles klang vielleicht für Laien „offen“, nicht aber für Menschen, die sich in der Materie auskennen. 90% des möglichen Erfolges der Mission wurden bereits bei der Planung verbockt. Siehe das Theater um die MUPUS-Aktion!

    So sollte etwa seit mind.15 Jahren klar sein, dass zw.Kometen u.Asteroiden im Aufbau prinzipiell keine Unterschiede zu erkennen sind, diese steinhart sind, wie auch KEIN Wasser/Eis /Schnee (max.resublimiert <1% auf Oberfläche nachgewiesen, ähnlich wie beim Mond, Merkur, etc.) in, auf od.unter Kometen versteckt ist, siehe: wp.me/p5gE0B-1q (Speziell der Link zu den äußerst fragwürdigen Statements von Fr.Schulz, die auch auf http://youtu.be/eecosq4vaog in voller Länge zu bestaunen sind)

    Siehe auch https://twitter.com/FarSight3

    MLG
    Der andere Fern-Seher

  4. Eine Frage zur harten Schale:
    Hätten die Verankerungsharpunen die Oberfläche durchstoßen oder hätten sie Philae kräftig abgestoßen?
    Hat da die ESA nicht Glück gehabt, dass die Harpunen nicht aktiviert wurden?

    • Michael Khan

      Ich finde es schade, dass dieser Begriff „Harpune“ damals eingeführt wurde. Richtiger wäre die Bezeichnung „Anker“. Hier sieht man diesen Verankerungsmechanismus in eingebautem Zustand. Es handelt sich um zwei spitze Bolzen mit Widerhaken, die an Seilen hängen. Die Bolzen sollten mit einem Sprengsatz abgeschossen werden und sich in die Oberfläche bohren und dabei das Seil nachziehen. Wenn die Bolzen in den Boden eingedrungen sind, sollte eine elektrische Winde das Seil straffziehen. Damit wäreder Lander verankert gewesen.

      Es ist nicht so, dass wie bei einer Harpune eine Stange heruntergestoßen werden sollte, die imstande ist, Druckkräfte auf den Korpus zu übertragen. Ein Seil kann nur Zugkräfte übertragen. Wenn nun die Bolzen nicht eindringen, dann stoßen sie deswegen noch nicht den Lander wieder hoch. Außer natürlich, die Bolzen selbst wären von der Oberfläche abgeprallt und hätten den Lander getroffen oder wären neben dem Lander hochgeflogen, das Seil hinter sich herziehend. Das wäre dann in der Tat ärgerlich gewesen.

      Weitere Information zu den Bodenbedingungen beim ersten Aufprall und am endgültigen Landeort in diesem Artikel vom 18.11. auf dem Rosetta-Blog.

      Der finanzielle, administrative und technische Beitrag der ESA zu Philae ist übrigens eher gering. Hauptverantwortlich sind DLR, CNES und ASI.

      • Geht es nicht darum, daß das Auslösen der „Harpunen“ dem Lander einen Rückstoß erteilt hätte? Dieser wäre dadurch, daß die Harpunen auf der Oberfläche des Kometen aufgeprallt wären, nicht neutralisiert worden (es wäre Energie der Harpunen an den Kometen übertragen worden), hätte also Philae vom Kometen abheben lassen können.

        (Mit Harpune verbindet sich bei mir durchaus die Vorstellung, daß eine Stange mit Widerhaken, die an einem Seil befestigt ist, geworfen oder abgeschossen wird).

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