Sechs sind vier zuviel

Man hat ja beizeiten solche Momente, in denen man am liebsten laut ausrufen möchte „nee, das kann aber jetzt nicht richtig sein“ – und sich im selben Augenblick fragt, ob man nicht vielleicht selbst auf dem Holzweg ist. Ist ein Sachverhalt, von dem man ganz fest überzeugt ist, doch ganz anders? Einen solchen Moment hatte ich vor ein paar Wochen im Wiener Globenmuseum, und zwar beim Betrachten dieses Ausstellungsstücks:

Das fragliche Drehplanetarium im Globenmuseum Wien. Ganz links Uranus, mit sechs Monden.

Das fragliche Drehplanetarium im Globenmuseum Wien. Ganz links Uranus, mit sechs Monden.

Fällt es Ihnen auf? Sieben Planeten hat dieses schöne alte Tischplanetarium, in dem Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn und Uranus dargestellt sind. Filigran eingebaut sind auch die Monde der Erde (1), des Jupiter (4), Saturn (7) und des Uranus (6). Sechs Uranusmonde und der Planet Neptun fehlt – kann das sein?

Uranus wurde am 13. März 1781 entdeckt, Neptun am 23. September 1846 – auf den Zeitraum dazwischen lässt sich das Modell also leicht datieren. Die Museumsplakette ist noch etwas genauer, da steht „London, Firma Ebsworth, 1794“. Dreizehn Jahre nach Uranus’ Entdeckung durch den großen Astronomen Wilhelm Herschel waren also schon sechs Uranusmonde bekannt, der achte Planet dagegen noch nicht. Kann das sein?

Die zugehörige Infotafel.

Die zugehörige Infotafel.

Mein erster Gedanke: nie im Leben. Doch ist es wirklich unvorstellbar? Uranus wurde sicher nach seiner Entdeckung nicht nur von Herschel intensiv beobachtet. Dass Neptun viel leichter zu sehen ist als die Uranusmonde, ist irrelevant. Man wusste im Falle eines unbekannten Planeten nicht, wohin man schauen musste, im Falle möglicher Uranusbegleiter dagegen schon. Also ist es plausibel, dass die Monde gleich nach dem Planeten selbst gefunden worden waren.

Der Nicht-Amateurastronom mag es dabei belassen und sich dem nächsten Exponat der sehr empfehlenswerten Sammlung zuwenden. Wir aber sind hier ja erstens in den Kosmologs, also unter Astro-Geeks, und zweitens keine Anfänger, sondern haben selbst einige Erfahrung, was Uranus-und-Monde-Beobachtungen angeht. Und wissen daher, dass der Versuch, Monde dieses fernen Planeten im Teleskop zu sehen, zur Königsklasse der visuellen Beobachtung zählt. Es ist eine ziemliche Herausforderung.

Von den über 25 bekannten Monden des Uranus liegen nur fünf im Bereich (größerer) Amateurteleskope. Der größte von ihnen, Titania, ist mit 1576 Kilometer Durchmesser nicht einmal halb so groß wie der Erdmond, der kleinste, Miranda, misst gerade noch 471 Kilometer. Ihre maximalen Helligkeiten bei einer Uranusopposition liegen zwischen 13,8 (Titania) und 15,8mag (Miranda). Visuell am Teleskop gesehen habe ich nur die hellsten vier, und auch das nur unter allerbesten Bedingungen mit ruhigster Luft, mindestens 12“ Objektivöffnung und höchster Vergrößerung. Sechs Monde sind für Amateurastronomen unerreichbar. Bei allem Respekt vor Herschel und seiner Erfahrung als Beobachter: Er war definitiv nicht besser ausgerüstet als (fortgeschrittene) Amateurastronomen heute.

Die vier hellsten Monde des Uranus, gemeinsam mit dem Planeten selbst aufgenommen vom Monschauer Sternfreund Hans Kirch mit einem 12"-Teleskop. Diese vier sind das Maximum, was einem normal ausgestatteten Amateurastronom vor auf Netzhaut oder Chip kommt (Nummer 5 geht eventuell noch) - und das Maximum, was Herschel hätte sehen können.

Die vier hellsten Monde des Uranus, gemeinsam mit dem Planeten aufgenommen vom Monschauer Sternfreund Hans Kirch mit einem 12″-Teleskop. Diese vier sind das Maximum, was einem normal ausgestatteten Amateurastronom auf Netzhaut oder Chip kommt (Nummer 5 geht eventuell noch) – und das Maximum, was Herschel hätte sehen können.

Ein Blick in die Wikipedia bestätigt dann auch den Verdacht: Nur die hellsten beiden Uranusmonde, Titania und Oberon, hatte Herschel selbst entdeckt, und zwar 1787. Die nächsten beiden, Ariel und Umbriel, fand William Lassell im Jahr 1851, Nummer fünf (Miranda) Gerard Kuiper im Jahr 1948, und Nummer sechs (Puck) hat man gar erst im Jahr 1985 mit Hilfe der Raumsonde Voyager 2 aufgespürt. Sechs Uranusmonde waren 1794 ganz sicher nicht bekannt. Punkt.

Wie kamen sie dann aber in dieses alte Planetarium? Die Antwort wird klar, wenn man sich im Netz ein bisschen weiter zum Thema umschaut: Herschel war zwar ein exzellenter Beobachter, aber eben auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, der manchmal zu sehen glaubte, was er eben gerne sehen wollte, auch wenn es in Wirklichkeit nicht da war. Was mich wiederum an eine bemerkenswerte Alpennacht vor etlichen Jahren erinnert, in der ich so lange auf Uranus und seine Umgebung starrte, dass ich am Ende allerhand lichtschwache „Monde“ um ihn herum sah. Keiner davon war real – die „Sichtungen“ waren eher durch Müdigkeit, körperliche Anstrengung und Wunschvorstellungen zu erklären. So dürfte es auch dem Astronomen Herschel ergangen sein: Etliche seiner vermeintlichen Mondentdeckungen stellten sich später als „spurious“ heraus: als Irrtum.

Vier der sechs Monde sind also definitiv nicht durch Herschel entdeckt worden. Dass sie dennoch im Modell der Londoner Firma Ebsworth enthalten sind, erkläre ich mir mit einem allzu gut (nicht nur in der Wissenschaft) bekannten Phänomen: Autorität wirkt. Wilhelm Herschel war eine Autorität in der Astronomie, wenn Wilhelm Herschel, Planetenentdecker und Mitglied der Royal Society sagt, dass Uranus sechs Monde hat, dann hat Uranus eben sechs Monde. Wer wollte da widersprechen. Der Planetariumsbauer der Firma Ebsworth jedenfalls nicht, der baute die Monde in sein Orerry ein – und da sind sie noch heute.

Eine interessante Sache, die eigentlich auch auf der Objektbeschreibung im Museum hätte vermerkt sein können. Gut, dass sie es nicht ist. Sonst gäbe es jetzt diesen Blogeintrag nicht.

Anmerkung: In einer früheren Version habe ich einen Fehler eingebaut und das Baudatum des Planetariums mit „1784“ angegeben, was, wie man leicht sieht, falsch ist. Asche auf mein Haupt. Und Dank an den aufmerksamen Leser, der mich darauf hingewiesen hat!

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die tolle Anmerkung zu den sechs Monden des Uranus.
    Haben sie das auch dem Globenmuseum mitgeteilt?
    Da dieses sich mit der Entwicklung des Weltbildes befasst, ist das sicher eine Interessante Anmerkung.
    Vielleicht steht diese ja bald bei dem Ausstellungsstück dabei.

    Liebe Grüße aus Wien,

    R.G.

  2. „Ich will mich nicht an der Frage aufhalten, ob eine oder mehrere Datierungen fehlerhaft sind.“

    Zumindest eine, die leicht korrigiert ist: Im Bild der Infotafel meine ich 1794 als Baujahr zu erkennen, nicht 1784. Was zumindest schon mal die zwei Monde im Planetarium erklären könnte, die Herschel 1787 gefunden hat.

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