Queen Mary, die „größte“ Galaxie, und ein rotierendes Loch

Die 221. AAS-Tagung in Long Beach ist fast zu Ende – währen ich hier sitze und schreibe wird um mich herum der Presseraum abgebaut. Mal sehen, wann auch ich rausgetragen werde. Bis dahin will ich die Himmelslichter noch mit den letzten Eindrücken von dieser von wirklich die Reise wert gewesenen Astronomenkonferenz befüllen. Allzu viel ist es diesmal nicht – satt dreier gab es heute nur eine einzige Pressekonferenz, und die war auch nicht allzu prall gefüllt mit so richtig Neuem.

Zunächst aber noch habe ich ein paar Bilder von gestern Abend nachzutragen. Das berühmt(-berüchtige) Pressedinner fand dieses Mal auf der Queen Mary statt, jenem historischem Ozeandampfer der nun als Hotel und Museum hier im Hafen dauerhaft vor Anker liegt. Nach dem Essen hatten wir Gelegenheit, das Schiff ein wenig zu erkunden.

Heute morgen war es erstaunlich ruhig im Presseraum, einige Kollegen haben bereits heute die Heimreise angetreten, andere mussten sich wohl noch von der gestrigen Afterparty erholen. Selbstverständlich war ich pünktlich vor Ort!

Nach zwei Plenarvorträgen (einer gehalten von Karen J. Meech über die Kometenmission EPOXI, der andere von Lucas Macri über die Messung der Hubblekonstante im Zeitalter der Präzisionskosmologie) ging es dann ein letztes Mal in den Presseraum. Dort präsentierte Rafael Eufrasio (NASA Goddard Space Flight Center und Catholic University of America) von der wie er sagte „größten Spiralgalaxie des Universums“ – zumindest des bislang bekannten. Gemeint ist die wahrhaft riesige Galaxie NGC 6872, die Eufrasio mindestens fünfmal so ausgedehnt und 50 Mal so massereich ist wie die Milchstraße.

Problem dabei: so genau weiß man gar nicht, wie groß eine Galaxie ist – gehören Sternströme und Gezeitenarme oder Satellitengalaxien mit dazu? Was ist mit den Dunkle-Materie-Halos? NGC 6872 gehört schon seit längerem zu den größten bekannten Sternsystemen im Kosmos, ob die nun vorgestellten GALEX-Aufnahmen, die heiße Sterne im UV-Licht zeigen, sie nun zu „der“ größten machen, wie in der Pressemitteilung behauptet, sei einfach mal dahingestellt.

Außerordentlich heiße und leuchtkräftige Galaxien hat das WISE-Teleskop aufgespürt, einige tausend dieser „Hot DOGs“ (DOG steht dabei für „dust-obscured galaxy) stellte Peter Eisenhardt (Jet Propulsion Laboratory) in einem weiteren Beitrag vor. Auch das war nicht völlig neues.

Am spannendsten fand ich noch den Kurzvortrag von Robert Minchin (National Astronomy & Ionospheric Center) über einen ungewöhnlichen (und vielleicht einzigartigen) Radioausbruch in der mit 44 Millionen Lichtjahren „relativ“ nahen Galaxie NGC 660, gemacht mit dem Arecibo-Teleskop in Puerto Rico. Zwei Erklärungsmodelle standen zur Auswahl: eine Supernovaexplosion (dann hätte man bei nachuntersuchungen in anderen Wellenlängen einen expandierenden „Explosionsring“ aus heißem Gas sehen müssen) oder ein Materie verschluckenden Schwarzes Loch (dann hätte man einen typischen Jet ausströmenden Materials erwartet).

Gesehen hat man weder das eine noch das andere. Statt dessen zeigen Aufnahmen eine Art „Doppeljet“, bestehend aus mehreren hellen „Knoten“. Die Wissenschaftler erklären sich das Minchin zu Folge damit, dass sich das Schwarze Loch (die Supernovahypothese scheidet völlig aus) dreht, und der Jet daher eine Art Kegel bildet.

Soweit mein Blog vom 221. AAS-Meeting in Long Beach, California. Ich bin noch ein paar Tage in der Gegend, weil es hier, wie ich hörte, noch einige Sternwarten gibt, deren Besichtigung lohnen soll!

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

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  1. Zum Schluss:

    Die Reiseeindrücke waren sehr interessant und die vielen Vorträge auf hohem Niveau. Da machte es Freude mitzulesen. Danke für die tolle Berichterstattung!

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