Mysteriös: Adventskomet ISON am niedersächsischen Himmel gesichtet

Und ich hab mich schon gefragt, wann es mit den ISON-Kometen-Fakemeldungen losgeht. Zunächst: ISON ist momentan nicht sichtbar. Er steht zu nah an der Sonne. Ab dem 3.-4. Dezember etwa könnte er am Morgen- später auch am Abendhimmel sichtbar werden – wenn er nicht gerade auseinanderfällt, was Beobachtungen anzudeuten scheinen. Dass ab und an Meldungen aus der Bevölkerung zu „unbekannten“ Himmelsobjekten eintreffen, kenne ich als Mitarbeiter einer Volkssternwarte nur zu gut. Das geht sicher auch der Polizei so, und dass solche Meldungen dann auch ernst genommen werden, ist gut und richtig. Eine Pressemeldung der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg in Niedersachsen führte heute aber vor, was die zum Teil über Monate hinweg verbreiteten übertriebenen Meldungen zu Komet ISONs Sichtbarkeit anrichten können.

Dort hat eine Bürgerin die Polizei über ein aus ihrer Sicht seltsames Flugobjekt informiert. Sie vermutete einen Flugzeugabsturz. Glücklicherweise stellte sich diese Vermutung als falsch heraus.

Die Sache wäre damit eigentlich erledigt gewesen. Wie um alles in der Welt jemand auf die Idee kam, das Objekt (bei dem es sich allerhöchstwahrscheinlich um ein ganz normales Flugzeug mit von der Sonne angestrahltem Kondensstreifen handelte) als „Komet ISON“ zu identifizieren, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Andererseits: Schon seit über einem Jahr geistern ISON-Meldungen á la „hell wie der Vollmond“ und „am Taghimmel sichtbar“ durchs Netz. So was bleibt hängen – Überschriftenwissen eben. So ist vielleicht auch der 3. Absatz der Pressemeldung zu erklären. Gehen wir sie mal Satz für Satz durch:

„Anhand der von der Mitteilerin gefertigen Handyaufnahmen konnte das Objekt als ein Komet identifiziert werden.“ Aber sicher nicht von jemandem, der sich mit Kometen auskennt. So sieht kein Komet aus. So sieht ein Komet aus. Die Sterne auf dem zweiten Bild zeigen: Kometen sieht man (meistens) nachts.

„Der Komet Ison rast derzeit auf die Sonne zu, erstrahlt sehr hell und ist mit dem bloßen Auge zu sehen.“ Erster Teil stimmt, zweiter Teil nicht wirklich: ISON steht zur Zeit viel zu dicht an der Sonne, als dass man ihn mit bloßem Auge sehen könnte – und man konnte ihn definitiv nicht am „frühen Montagabend, 25.11 13“ sehen. Und auch wenn es schon mal Kometen gegeben hat, die dicht neben der Sonne am Taghimmel zu sehen waren (der Komet C/2006 P1 McNaught zum Beispiel) – ISON ist momentan keiner davon. Selbst wenn er noch heller werden sollte, sollte man eine Taghimmelbeobachtung seinem Augenlicht zuliebe besser nicht versuchen.

„Bereits im Anflug auf die Sonne dürften sich nach Experteneinschätzungen kleinere Teile vom mehrere Kilometer großen Kometenkern abgespalten haben. Darauf deuten Beobachtungen nach zwei Helligkeitsausbrüchen hin, die seit dem 7. November bei Ison registriert wurden.“ Die Ausbrüche fanden am 13. und 19. 11. statt.

„Die Nienburger Bürgerin wurde offensichtlich Zeugin eines weiteren Helligkeitsausbruches des Kometen Ison, der auch Adventskomet oder Weihnachtsstern genannt wird.“ NEIN, war sie nicht. Ganz sicher nicht. Sie hat offensichtlich einen von der untergehenden Sonne angestrahlten Kondesstreifen gesehen. [Ironie]Der „Ausbruch“ am Montagabendhimmel muss den Astronomen wohl entgangen sein. Wahrscheinlich, weil sie nicht hingeguckt haben. Wahrscheinlich, weil Ison dort nicht zu sehen ist[/Ironie]

Ob ISON zum „Advendskomet“ oder „Weihnachtsstern“ wird, muss sich noch zeigen. Zur Zeit sieht es nicht gut aus dafür.

Im Netz gibt es schon allerlei möglichen Unsinn über ISON, da darf man doch von einer Polizeipressestelle ein bisschen mehr Sorgfalt erwarten.

Nachtrag 18:00h: So etwas wird dann daraus. (Die falsche PM ist immer noch online.)

Nachtrag 19:15h: Die HAZ hat ihren Artikel korrigiert. Besten Dank dafür!

Disclaimer: Ich habe die Ansprechperson schon aufmerksam gemacht (und andere taten das auch). Es ist nicht nötig dort anzurufen oder noch mehr Emails zu schreiben!

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Wie um alles in der Welt jemand auf die Idee kam […] entzieht sich meiner Vorstellungskraft.“ Na dann fragt man eben nach – so wie es ein (in astronomischen Dingen erfahrener)) AFP-Reporter tat, von dem gerade ich die Story hinter der irren PM erfuhr. Da sitzt nämlich einer im Polizeirevier, der ist Amateurastronom, und der hatte gemeint: Das war bestimmt der ISON! Und dann haben sie gegoogelt und von dessen November-Ausbrüchen gelesen – und alles „passte“ perfekt zusammen. So einfach geht das manchmal in deutschen Behörden …

  2. Pingback: Allgemeines Live-Blog vom 23. bis 27. 11. 2013 | Skyweek Zwei Punkt Null

  3. Hallo, die Frau war ich. Und wie ich nub oft im Internet lesen musste eins vorweg, ich habe es nicht mit dem handy aufgenommen sondern mit einer guten kamera und ein Flugzeug ist meiner Meinung nach ausgeschlossen da es senkrecht runter ging und das ganze so langsam das man nach einer halben Stunde immer noch den „kometen“ sehen konnte. an der spitze unten sah man ein glühen und dann wieder nicht. was es letzten endes war/ ist weiß ich nicht. es war aufjedenfall spektakuläre!

  4. Hallo Karo,

    ja, das es spektakulär war, glaube ich Ihnen. Es gab vor ein paar Jahren mal den Fall, dass ein Flugzeug samt Kondensstreifen für einen Meteoriten gehalten wurde: http://scilogs.spektrum.de/himmelslichter/meteoritenhoax-auf-spiegel-online/

    Dass Sie Ihre Beobachtung gemeldet haben, darf Ihnen auch niemand vorwerfen. Nur die Interpretation die von der Pressestelle der Polizei „angehängt“ wurde (und die sich nun via DPA verbreitet) ist definitiv falsch. Wäre der Komet so hell, dass man ihn mit einer Kamera einfach so am Taghimmel sehen könnte, würden wir Astronomen jetzt alle Freudentänze machen!

    Ich will jetzt auch nicht darauf bestehen, genau zu wissen, was Sie gesehen haben. Nur die Erfahrung lehrt, dass Kondensstreifen gerade am morgen oder Abend genau so aussehen können. Und Flugzeuge haben wir auch genug am Himmel. Daher ist diese Erglärung erst mal die wahrscheinlichste.

  5. Hallo Karo,
    wenn das Flugzeug weit genug entfernt ist und im entsprechenden Winkel zu dir fliegt, kann es zu so einer Täuschung kommen, also dass es aussieht, als flöge es senkrecht nach unten.
    Das Bild ist jedenfalls toll.
    Es gibt die Seite http://www.flightradar24.com, auf der man nachschauen kann, was so am Himmel fliegt. Wenn du die Uhrzeit und das Datum noch kennst … es gibt bestimmt auch ein Archiv – aber nicht vergessen, dass man Flugzeuge in bis zu einhundert km sehen kann, je nach dem, wie klar der Himmel ist.

  6. Pingback: Ist der Komet ISON schon zerbrochen? – Astrodicticum Simplex

  7. Auch einige Tage nach der angeblichen Sichtung des Kometen ISON über Niedersachsen schüttel ich noch mit dem Kopf. Ein grau-braunes Etwas fliegt augenscheinlich durch die Dämmerung. Die Polizei, dein Freund und Astronom, weiß es besser: Es ist ISON! Ich bin immer wieder entsetzt darüber, wie wenig die Menschen doch vom Universum wissen. Die meisten wissen nicht, wie viele Planeten es im Sonnensystem gibt und jene, die es noch auf die Reihe bekommen, verzweifeln an den Namen und erst Recht an der Reihenfolge. Manchmal möchte ich bezweifeln, dass es auf der Erde intelligentes Leben gibt…

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