Jupiter (erneut) vom Asteroid getroffen?

Das Weltall ist alles andere als langweilig, und auch heute noch können Amateure wichtige Entdeckungen machen. Das sind die beiden Haupterkenntnisse aus dem, was zwei Hobbyastronomen kürzlich auf dem Jupiter entdeckt haben. Beide hatten am frühen Morgen des 17. März 2016 ihre Teleskope auf den Riesenplaneten gerichtet, wie so viele andere in diesen Tagen. Jupiter stand Anfang März in Opposition zur Sonne und ist derzeit besonders gut am Abendhimmel zu sehen. Was sie später auf ihren Videos fanden, überraschte die beiden sehr, und versetzte nicht nur die Amateuramastromengemeinde in Aufregung.

Den Anfang machte Gerrit Kernbauer, der am 27. März seine Beobachtung im Forum auf astrotreff.de postete und sein Video online stellte. Kernbauer hatte mit einem 200mm Newtonteleskop bei f/15 von Mödling in Niederösterreich aus den Jupiter beobachtet und den Planeten mit einer Videokamera vom Typ Alccd5l-2c aufgenommen. Normalerweise verarbeiten Amateure wie Kernbauer solche Videos später zu scharfen und detailreichen Jupiterbildern, dieses Mal blieben die Rohvideos aber einige Tage unangetastet:

Das Seeing war nicht das beste, deshalb ließ ich mir Zeit mit der Verarbeitung der Videos. Als ich sie aber zehn Tage später durchsah, fand ich diesen seltsamen Lichtpunkt, der für weniger als eine Sekunde an der Kante der Planetenscheibe erschien.

Video: Gerrit Kernbauer

Der Lichtpunkt ist im Video sehr gut zu sehen. Er erschien Kernbauer zufolge genau um 00:18:33 UTC am 17. März. Nicht nur Kernbauer dachte beim Anblick des Videos gleich an die wohl spektakulärste Erklärung für dieses Phänomen: Einen Einschlag auf Jupiter.

Solche Einschläge, ausgelöst durch kleine Asteroiden oder Kometenkerne, finden tatsächlich auch in heutiger Zeit statt. Der Berühmteste war der Mehrfachtreffer des zerbröselten Kerns des Kometen Shoemaker-Levy 9 im Jahr 1994, der erste je mit Teleskopen beobachtete Einschlag auf Jupiter. Shoemaker-Levys Ende war abzusehen, denn zuvor hatten Astronomen den Kometen auf Kollisionskurs entdeckt. Doch im Jahr 2009 fand der australische Amateurastronom Anthony Wesley einen dunklen Fleck auf dem Planeten, der sich als Eischlagsnarbe wie die 1994 von Shoemaker-Levy 9 verursachten herausstellte. Jupiter ist ein Gasplanet ohne feste Oberfläche, die Spuren eines Asteroiden- oder Kometeneinschlags bleiben nur wenige Tage oder Wochen in der Wolkendecke des Planeten sichtbar.

Kernbauers Video erinnert jedoch stark an eine weitere Beobachtung von Wesley im Jahr 2010: Damals hatte der Australier einen Einschlag direkt auf Video festgehalten. Aber kann man sicher sein, dass Kernbauers Licktpunkt tatsächlich das Ende eines kosmischen Kleinkörpers war – und nicht etwa eine optische Illusion, ausgelöst etwa durch einen Fehler des Kamerachips?

Man kann – und zwar durch eine unabhängige Beobachtung: Wenn ein anderer Beobachter, von einem anderen Standort zum selben Zeitpunkt ebenfalls einen Blitz am selben Ort auf Jupiter sieht, muss es sich zwangsläufig um ein reales Phänomen auf dem Planeten handeln. Nachdem sich die Geschichte über das Internet verbreitet hatte, dauerte es nur zwei Tage, bis sich diese Bestätigung fand: John McKeon, ein Amateurastronom aus Dublin in Irland, hatte den Jupiter zur gleichen Zeit im Visier. Auch sein Video zeigt den Blitz, an der selben Stelle wie die Aufnahme des Österreichers:

Video: John McKeon

Einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache: Laut McKeon tauchte der Blitz um 00:17:45 UT auf, 48 Sekunden vor dem von Kernbauer angegeben Zeitpunkt. Die Erklärung dafür könnten aber nicht perfekt gleich laufende Rechneruhren sein.

Es kann sein, dass noch mehr Aufnahmen des Ereignisses existieren und in den nächsten Tagen auftauchen werden. Die Verbreitung von preiswerten Videokameras hat dafür gesorgt, dass Nacht für Nacht Hobbyastronomen weltweit tausende Bilder von den Planeten machen. Derzeit dürften einige Stunden Videomaterial gesichtet werden, und manch einer, der aus welchen Gründen auch immer am Morgen des 17. März sein Instrument nicht auf Jupiter gerichtet hatte, dürfte sich ärgern.

Bleibt die Frage, warum bislang keine Spur des Einschlags in der Jupiteratmosphäre gefunden wurde, ähnlich dem Fleck auf dem Jahr 2009. Berichte sind jedenfalls keine bekannt. Aber auch 2010 fand man keine Überreste des Impakts. Möglicherweise sind die beteiligten Asteroiden oder Kometenkerne einfach zu klein, um sichtbare Spuren zu hinterlassen.

Stellt sich das von Kernbauer und McKeon beobachtete Ereignis tatsächlich als Impakt heraus, wäre es neben Shoemaker-Levy 9 der vierte Einschlag eines Himmelskörpers auf Jupiter, der von Menschen direkt gesehen oder aufgezeichnet wurde (neben dem Ereignis 2010 war im gleichen Jahr ein zweiter Impakt gesichtet worden, sowie ein weiterer 2012). Vier Einschläge in weniger als 10 Jahren (plus womöglich etliche auf der abgwandten Jupiterseite und anderen, die einfach übersehen wurden) – auf dem Jupiter geht es offenbar rauer zu als gedacht.

Übrigens stand auch der Jupitermond Amalthea fraglichen Zeitpunkt nicht weit entfernt von der Position des Blitzes, was Spekulationen nährt, es könne sich auch um einen Einschlag auf diesen Mond handeln. Das allerdings halten Experten für unwahrscheinlich, außerdem passt die Erscheinung des Blitzes gut zu den vorher beobachteten, bestätigten Jupiterimpakten.

Nachtrag: Die Möglichkeit, dass es sich bei den Lichtblitzen tatsächlich um elektrostatische Entladungen auf Jupiter handelt, wurde schon 2010 diskutiert. Die Meinung der Experten war, dass eine Blitzentladung nicht hell genug sein könne. Raumsonden haben zwar Blitze auf Jupiter gefunden, aber weitaus schwächere als die Impaktblitze und nur auf der Nachtseite des Planeten.

Links:

Bericht über den (wahrscheinlichen) Impakt bei Sky&Telescope (englisch)

Diskussion auf astrotreff.de

Diskussion auf cloudynights.com

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was mich überrascht in Anbetracht der Dimensionen, ist wie schnell da alles vor sich geht. Einen Moment lang ragt da doch etwas weit über die Atmosphäre hinaus, eine Wolke? Explosion? Das muss doch dann hunderte Kilometer groß sein, wie kann es dann gleich so schnell wieder weg sein. Der Meteor selbst ist natürlich so schnell, aber die Reaktion der Atmosphäre? Oder was sieht man da? Impaktit ja wohl nicht.

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