ISONs Höllenfahrt im Blick von STEREO und SOHO

Freitag und Samstag gelang es tatsächlich noch einzelnen Astrofotografen, den Kometen ISON in der Morgendämmerung zu erwischen – freilich unter guten Beobachtungsbedingungen (die in weiten Teilen Deutschlands nur ein ferner Traum sind). Wenige Tage vor dem Perihel schließt sich das Beobachtungsfenster aber nun, und die Zeit der Sonnenobservatorien im All bricht an.

Die Zwillingssonden STEREO A und B umrunden die Sonne etwa entlang der Erdbahn und haben die Sonne aus zwei verschiedenen Perspektiven im Blick – und damit auch ISON (im Fall von STEREO A sogar die Erde selbst). Beide STEREO-Sonden verfügen über je eine Kamera für das extreme UV-Licht (Extreme UV Imager, EUVI), einen inneren Koronographen (Inner Coronagraph COR1), einen äußeren Koronographen (COR2), sowie eine Heliosphärenkamera (Heliospheric Imager, HI). Die Instrumente erfassen in dieser Reihenfolge einen immer größeren Bereich der Sonnenumgebung.

Daher erscheint ISON zunächst auf der Heliosphärenkamera, und zwar der von STEREO A, der der Erde vorauseilenden (ahead) Sonde. Tatsächlich ist er seit kurzem bereits auf dem HI-A sichtbar, gemeinsam mit dem Kometen 2P/Encke, Merkur, und der Erde:

Ison und Encke auf dem HI-Imager der Sonde STEREO A (Bild: NASA)

Ison und Encke auf dem HI-Imager der Sonde STEREO A (Bild: NASA)

Deutlich sichtbar ist die Wechselwirkung des Schweifs von Encke mit dem Sonnenwind, dessen Dichteschwankungen als durchziehende „Wolken“ erscheinen (die Sonne steht rechts außerhalb des Bildfelds). Wir dürfen uns auf noch spektakuläreres Gezappel freuen, wenn ISONs Schweif vollständig sichtbar ist.

Die Bilder des HI-Imagers sind nach und nach hier abrufbar, so dass man selbst damit spielen kann. Zur Umwandlung des FITS-Formats kann man die frei verfügbare Software FITS-Liberator verwenden. Mit ein bisschen Spielerei in Fitswork habe ich dieses Bild vom 20.11. ein bisschen „prozessiert“:

Einzelbild, bearbeitet und beschriftet von mir, Bildrechte: immer noch NASA

Einzelbild, bearbeitet und beschriftet von mir, Bildrechte: immer noch NASA

Der weitere Weg ISONs durch die Bildfelder der SOHO-Instrumente ist auf dieser Seite beschrieben. Der Komet wird nacheinander die Bildfelder von COR2, COR1 und im Falle von STEREO B auch EUVI passieren. Die Passage für STEREO A zeigt die folgende Grafik. Der Komet bewegt sich von links unten nach links oben. Die Bildfelder von EUVI (orange), COR1 (grün) und COR2 (blau) sind ineinanderkopiert, die Ein-und Austrittzeiten des Kometen sind angegeben:

NASA/STEREO

NASA/STEREO

Für STEREO B sieht das ganze aufgrund der unterschiedlichen Perspektive etwas anders aus:

NASA/STEREO

NASA/STEREO

Ganz nah dran an ISONs Höllenfahrt ist die EUVI-Kamera von STEREO B. Ist es nicht fantastisch, dass wir die Sonne heute aus drei unterschiedlichen Perspektiven beobachten können? Sowas geht natürlich nur, wenn man ein paar Dollars für Überflüssiges wie Raumfahrt ausgibt.

Bildquelle: NASA/STEREO

Bildquelle: NASA/STEREO

Nach der Passage wird ISON (oder das, was von ihm übrig ist) wieder auf den HI-A und HI-B Kameras sichtbar sein, sogar bis in den Januar 2014 hinein. Die entsprechenden Simulationsbilder sind hier dargestellt. Zu beachten ist, dass die eingezeichneten Positionen des Kometen in den HI-Bildern nur für eine bestimmte Ausrichtung (roll) der Sonden gilt. Wenn die NASA von ihren derzeitigen Plänen abweicht, sind die angegeben Bilder natürlich hinfällig.

Aus der Erdperspektive sind die SDO- und die SOHO-Sonden auf die Sonne gerichtet. SOHOs LASCO-Koronografen C2 (rot) und C3 (blau) werden die Kometenpassage wie im folgenen Bild dargestellt erleben. Der Komet wandert von rechts unten (die genauen Uhrzeiten sind mir nicht bekannt) nach rechts oben. Wie bei den STEREO-Koronographen ist die helle Sonnenscheibe durch eine Blende verdeckt:

ESA/NASA/SOHO

ESA/NASA/SOHO

Ob das Solar Dynamics Observatory (SDO) den Kometen sieht, ist noch nicht klar. Um den Kometen mit seiner EUV-Kamera zu sehen, müsste die Sonde von der Sonne weg gerichtet werden, denn der Blickwinkel ist zu klein. Ob das geschieht, weiss ich zur Zeit nicht (Nachtrag: s. Link in Daniel Fischers Kommentar unten!).

Wo gibt es nun die aktuellen Bilder zu sehen, wenn es so weit ist? Die STEREO A und B-Bilder werden auf dieser Seite hochgeladen, SOHOs Bilder hier und die von SDO hier. Die Zeiten sind dabei in Weltzeit UTC (MEZ-1h) angegeben. Auch sind die Bilder stark komprimiert, dafür aber aktuell. Sicher werden die Bilder der ISON-Passage medial aufbereitet, z. B. auf Spaceweather werden täglich aktualisierte Bilder der Sonden präsentiert.

Achja: Probleme mit dem Wetter dürften STEREO & Co. nicht haben.

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was das Solar Dynamics Observatory mit ISON vor hat, wird hier erklärt. Im Gegensatz zu den drei Satelliten mit den Koronographen, denen ein imposantes Etwas durch die Gesichtsfelder wandern dürfte, sind die Erwartungen allerdings zurückhaltend: „The comet will probably be very faint!“

  2. Pingback: Allgemeines Live-Blog vom 23. bis 27. 11. 2013 | Skyweek Zwei Punkt Null

  3. Nimm besser diesen SDO-Link (ohne das About).
    Dort werden für verschiedene Wellenlängen die Bilder in nahezu Echtzeit zur Verfügung gestellt werden.

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